Dierk Schaefers Blog

Und neues Leben blüht aus den Ruinen

Posted in heimkinder by dierkschaefer on 19. Juni 2011

Und neues Leben blüht aus den Ruinen –

oder der beachtenswerte Aufstieg einer Sozialeinrichtung aus dem Nichts.

 

Aus dem Nichts stimmt nicht ganz.

„Das Priorat für Kultur und Soziales gemn. e.V.“ hat weit in die Vergangenheit reichende Wurzeln, auch wenn die Geschichte der heutigen Einrichtung erst 1990, also unmittelbar nach der „Wende“ beginnt. Auf der Web-Seite der Stadt Mühlhausen im Hainich-Unstrutkreis in Thüringen lesen wir:

»Das Priorat ist ein eingetragener, gemeinnütziger Verein, der auf Initiative der Mühlhäuser Freimaurerloge 1990 gegründet wurde und 1992 als freier Träger der Jugendarbeit anerkannt wurde. Seitdem engagiert sich das Priorat in sozialen und kulturellen Projekten des Landkreises. In seiner Trägerschaft arbeiten sechs Kindertagesstätten in der Stadt und im Landkreis, die eigenständige Konzepte der pädagogischen Arbeit verwirklichen. In Ergänzung dieser Angebote werden in separaten Räumen der Kindertagesstätten Zentren für die offene Kinder- und Jugendarbeit betrieben. Hier werden gemeinde- und stadtteilspezifische Freizeitprogramme angeboten, die von den Jugendlichen sehr gut angenommen werden. Neben diesen Tageseinrichtungen betreibt das Priorat seit 1994 heilpädagogisch-therapeutische Einrichtungen am Stadtwald und im Reiserschen Tal sowie Außenwohngruppen«.

 

Inzwischen ist der gemeinnützige Verein nach rund 20 Jahren mit 14 Einrichtungen im Dienste von Kindern, Jugendlichen und deren Eltern noch breiter aufgestellt, davon acht Kindertagesstätten und sechs Kinderheime. Dazu ein Kulturhaus mit Restaurant (Puschkinhaus) und ein Gästehaus (Weidenmühle).

 

Aus dem Nichts?

Bereits zu Zeiten der Ordensritter gab es eine Kommende Mühlhausen; nach dem Ersten Weltkrieg wurden Kommenden in Priorate umgewandelt.

Für 1785 wird die Säkularisierung des böhmischen Stiftes Strahov gemeldet, in dessen Besitz sich auch das Priorat Mühlhausen befand.

Für die Zeit danach habe ich in den mir zugänglichern Unterlagen zunächst nichts gefunden. Dafür tauchen die Freimaurer in Mühlhausen auf. Freimaurer und Priorat sind eng verbunden, jedenfalls heute. Die Freimaurerloge Hermann zur deutschen Treue wurde am 18. August 1818 geweiht. Entgegen landläufiger Meinung sind die Freimaurer ein honoriger Verbund von Männern, die ohne Bindung an bestimmte Konfessionen oder politische Parteien humanistische Ziele verfolgen. Entsprechend setzte sich die Mühlhäuser Freimaurerloge aus „Honoratioren“ zusammen: „Militärs, Juristen, hohe Verwaltungsbeamte und fast alle Bürgermeister der Stadt, Lehrer und Rektoren, Ärzte und Apotheker, Kaufleute, Geschäftsleute und Fabrikanten, Handwerker und Handwerksmeister, Gutsbesitzer und Landwirte, Techniker und Ingenieure“.

Die Nazis hielten nichts von der Freimaurerei, auch wenn diese sich in übler Weise an deren braunes Chemisette geworfen haben. Sie wurden 1934 verboten und erlebten auch unter der sowjetischen Besatzung und der nachfolgenden DDR keine Auferstehung. Erst am 27. September 1990 kehrte „das Freimaurerische Licht nach Mühlhausen zurück“. Die Freimaurerloge Hermann zur brüderlichen Einigkeit wurde gegründet, und 1999 wird das alte „Logenhaus vom Priorat für Kultur und Soziales von der Nationalen Mutterloge ‚Zu den drei Weltkugeln’ gekauft und in den folgenden Jahren aufwändig restauriert“.

Um die Beachtlichkeit des rasanten auch wirtschaftlichen Erfolges hervorzuheben, hier noch einmal kurz die Daten:

Das Priorat

1990    auf Initiative der Mühlhäuser Freimaurerloge gegründet

1991    Pacht des Schlosses Bischofstein von Freimaurern für Vorhaben des Priorats

1992    als freier Träger der Jugendarbeit anerkannt, Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband

Seitdem Ausbau der Jugendarbeit in zur Zeit acht Kindertagesstätten und sechs Kinderheimen, darunter seit

1994    zwei heilpädagogisch-therapeutische Einrichtungen und Außenwohngruppen

1999    Kauf und Restaurierung des alten Logenhauses, seit DDR-Zeiten heißt es Puschkinhaus. Es dient dem Priorat sowie kulturellen und gastronomischen Zwecken Dazu wurde die Puschkinhaus-GmbH gegründet.

Im Puschkinhaus arbeitet seit 2000 wieder die Loge.

2005    Eröffnung des Gästehauses Weidenmühle

2010    scheitert der Plan für zwei geschützte Wohngruppen für Jugendliche auf Gut Weidensee an politischem Widerstand.

Immerhin sollten dort 2,3 Millionen Euro investiert werden.

 

Trotz des genannten Rückschlags ein erstaunlicher Erfolg, der wohl kaum damit erklärt werden kann, daß der Oberbürgermeister von Mühlhausen Logenmitglied ist. Auch die als philosophisch genannten Publikationen des ehemaligen ersten Meisters vom Stuhl aus Mühlhausen, Frank Nöthlich, der nun den Vorstand des Priorats führt, können es nicht sein. Die berühmten Freimaurer aus historischen Zeiten wie Mozart, Lessing, Herder, Montesquieu, und auch Friedrich der Große könnten über die dort verbreiteten Banalitäten wohl nur den Kopf schütteln. („Die Fähigkeit, sich fortpflanzen zu können, ist dem Menschen im Zusammenspiel des männlichen und weiblichen Geschlechts möglich.“) Schlimmer sind allerdings Sätze wie: „… auch das immer weitere Zurückdrängen der natürlichen Auslese [bedingt] den Verfall des menschlichen Erbguts.“

Nein, es kann nur an der hochprofessionellen Arbeit in den Jugendeinrichtungen des Priorats liegen. Nehmen wir als Beispiel von der Homepage die Beschreibung des Hauses Am Stadtwald. „…unser Blick gilt dem familiengelösten Kind“, heißt es dort unter der Rubrik Zielgruppe.

Das sind also Kinder, die nicht nur ohne Eltern sind (Waisenkinder), sondern auch ansonsten keinen familiären Anhalt bei Großeltern u.a. mehr haben. Solche Kinder benötigen eine neue Beheimatung. Es ist sicherlich eine hervorragende Leistung, wenn eine Einrichtung solchen Kindern eine Heimat bieten kann.

Eine zweite Zielgruppe könnten Kinder sein, die man aus der Herkunftsfamilie herausholen muß, weil ihr Wohl absehbar und hochgradig gefährdet ist. Entsprechend vielfältig ist das therapeutische Angebot des Heimes.

Kein Wunder, daß solche Einrichtungen von vielen Jugendämtern gern in Anspruch genommen werden.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Gefährdung, in die sich die Mitarbeiter der Einrichtung begeben. Erst kürzlich war der Zeitung die Meldung zu entnehmen: „15-Jährige Jugendliche nach Angriff auf Erzieherin gefaßt“. Sie hatten die Erzieherin mit einer Art Eisenstange niedergeschlagen. Meines Wissens geschah dieser Vorfall im Haus Am Stadtrand.

 

Der weiteren Entwicklung des Priorats und seiner Einrichtungen kann man nur hoffnungsvoll entgegenblicken.

 

Benutzte Quellen:

3 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] An anderer Stelle schrieb ich bereits von der Leitvorstellung des familiengelösten Kindes. (https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/06/19/und-neues-leben-bluht-aus-den-ruinen/) Wenn die Lösung von der Familie noch nicht eingetreten ist, wird sie in Kooperation von Jugendamt […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: