Dierk Schaefers Blog

Die Länderminister rechnen damit, dass lediglich jeder Zehnte von 90 000 einen Antrag stellen wird.

WARUM DIESER BEITRAG VOM 20. NOVEMBER 2015 DAUERHAFT HIER DEN ERSTEN PLATZ EINNIMMT, WEISS ICH NICHT. ICH WILL IHN WEGEN DER VIELEN KOMMENTARE ABER AUCH NICHT LÖSCHEN.

 

Antrag worauf? Auf „Entschädigung“. Die Journalisten haben immer noch nicht den Unterschied zwischen Hilfen und Entschädigung kapiert.

http://www.arcor.de/content/aktuell/regional_news/thueringen/4322969,1,Bundesl%C3%A4nder–Opfer-in-Behindertenheimen-und-Psychiatrie-erhalten-Entsch%C3%A4digung,content.htmlhttp://jacobsmeinung.over-blog.com/2015/11/schweigegeld-fur-behinderte-heimopfer-die-toten-schweigen-auch-ohne.html?utm_source=_ob_share&utm_medium=_ob_twitter&utm_campaign=_ob_sharebar

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XIV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

      Eine Kindheit,

                die keine Kindheit war

 

 

 

Vierzehntes Kapitel

 

 

Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim natürlich!

 

Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, meinen schlechten Ruf wieder loszuwerden.

Aus diesem Paradies wurde ich aber gleich zu Beginn des Jahres gerissen. Mit trauriger Miene, es war auch noch eine andere Person vom Jugendamt dabei, wurde mir mitgeteilt, dass die Behörden nun doch anderweitig über mich entschieden hatten. Höheren Orts wollte man dem Frieden nicht so recht trauen und war auch der Meinung, dass mein früheres Verhalten gegenüber der Obrigkeit eine Strafe verdient hätte. Ich müsste mich ein halbes Jahr lang erst noch bewähren, bevor man mich endlich zu G. und M. lassen würde. Man hatte auch schon ein passendes Heim für mich gefunden. Wie gesagt würde ich dort bis zu den großen Ferien, ohne einmal auszureißen und mit guten Zensuren aufwarten können, stünde einer Rückkehr hierher zu G. und M. nichts im Wege. Machtlos, dennoch mit besten Vorsätzen ließ ich mich nach Weißwasser[1] verfrachten. Es flossen ein paar Tränen und auch etwas Wodka, dann ging es los.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Bei meiner Ankunft im Pestalozzi-Heim war mein Ruf mir schon vorausgeeilt. D.h. etwa acht oder neun der Kinder aus Revolutionszeiten waren schon vor mir da. Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, meinen schlechten Ruf wieder loszuwerden. Ich war aufmerksam in der Schule, schrieb die besten Aufsätze, zeichnete am besten und vertrat sogar den Russisch­lehrer, der überlastet war, da er auch noch eine Schule in Weißwasser selbst mit seinem Gefangenschaftsrussisch beglückte. Ich durfte aktiv an der Wandzeitung mitwirken, welche sogar vom Kreis der Stadt prämiert wurde, wofür ich prompt bei den Jungen Pionieren aufgenommen wurde.

Ich beteiligte mich an der Volkstanzgruppe, mit welcher wir beim Weltpioniertreffen in Berlin-Wuhlheide im Sommer sogar vierter wurden. Zweiter wurden wir mit unserem Fanfarenzug. Ich bastelte mit an einem Paddelboot, dass wir nur aus Zeitungspapierstreifen, Leim und Lack herstellten, nachdem wir lediglich den Kiel vom Schreiner erhalten hatten.

Ich baute brav und korrekt mein Bett, zeigte jeden Morgen saubere Hände und Fingernägel, helle Socken und tadellos geputzte Schuhe vor dem allmorgendlichen Fahnenappell vor. Ich wurde zum Zirkelleiter gewählt und erhielt bald darauf das rote Halstuch der jungen Pioniere der Sowjetunion als besondere Auszeichnung auf Intervention des russischen Stadtkomman­danten von Weißwasser.

Diese winzig kleine Garnison russischer Soldaten hatte mich samt Ihren Offizieren ins Herz geschlossen. Es begann eigentlich ganz harmlos. Ich wollte nur einen losen Kontakt knüpfen, um meine Sprachkenntnisse an den Mann zu bringen und eventuell auch mal ein paar Mark abstauben. Das Heimgelände war so gut wie offen. Kein Mensch kümmerte sich groß um einen, wenn man nur seine Schulaufgaben vorgezeigt hatte, und andere Gruppenverpflichtungen nicht darunter litten.

Kurz vor dem 8. Mai trat ich dann an den Fanfarenzugleiter, der auch gleichzeitig einer unserer Erzieher war, heran und bat ihn unseren sowjetischen Freunden doch eine angenehme Überraschung bereiten helfen. Unser Fanfarenzug bestand zu derzeit aus: Zwei Landsknecht- und zwei Flachtrommeln, sechs Fanfaren (ohne Ventil) und einem Tambourmajor. In diesem Fanfarenzug, der noch im Aufbau begriffen war, versuchte ich mich zunächst beim Blasen der Fanfare. Aber ich war damals schon ein wenig schwach auf der Brust.[2] So schleppte ich dann eben mit nicht weniger stolzgeschwellter Brust eine Landsknechttrommel mit mir herum. Dafür durfte ich auch gleich in der ersten Reihe marschieren, hinter dem Tambourmajor her. Wir durften im Kulturhaus den Ernst Thälmann Film[3] einweihen. Wir waren ja Ernst Thälmann Pioniere![4]

Am 1. Mai 1954 wurden wir von Birkenlaubblättern grünumkränzten Treckern mit Anhän­gern, die trotzdem furchtbar nach frischem Mist stanken, abgeholt. In Allerhergottsfrühe wurden wir über die umliegenden Dörfer gekarrt, um die Einwohner mit unserer Blechmusik und Trommelwirbel aus ihrem Feiertagsschlaf zu holen, damit sie ja auch nicht die Maikund­gebung versäumten. Es war schon ein erhebendes Gefühl, wie wir, die jungen Pimpfe …. Pardon, habe ich Pimpfe geschrieben? Stammte dieser Ausdruck nicht aus einer anderen Zeit?[5] Aber, wenn ja, was unterschied uns Junge Pioniere denn von denen? Sicher die Uniformen waren etwas anders geschneidert und hatten auch eine andere Farbe. Die Koppel waren anders geprägt, die Parolen lauteten anders,…. Was noch? Wir halfen den Erwachsenen das Aufstehen erleichtern!? Weil mir das ganze so viel Spaß gemacht hatte und ich den Russen außerdem eine Freude bereiten wollte, bat ich also unseren Chef darum, am 8. Mai den Fanfarenzug für deren Zwecke einzusetzen. Das Ehrenmal habe ich 1990 dort gleich wieder gefunden, die Garnison allerdings nicht mehr. Bei dem Ehrenmal standen an ihrem größten Feiertag nach der Oktoberrevolution sämtliche russischen Soldaten und Offiziere und gedachten ihrer gefallenen Krieger des zweiten Wertkrieges. Wir hatten es geschafft, uns unbemerkt von den Russen im Hintergrund zu verstecken. Gleich nach der Ansprache des Stadtkommandanten ließen wir unser „Brüder zur Sonne…“[6] erschallen. Keiner der dort Anwesenden konnte sich seiner Tränen erwehren. Ich heute, beim Schreiben der Zeilen und der Erinnerung daran, auch nicht! Diese Herzlichkeit für so einen kleinen Gefallen hatten wir nun doch nicht erwartet. Wir wurden in das Haus (Kaserne konnte man das nicht nennen) der Soldaten gebeten und bewirtet. Das hatte schon nichts mehr mit Kommunismus oder großer Politik zu tun, dass war eine menschliche Regung. Bei allen Beteiligten. Die Presse machte da natürlich mehr draus. Aber das kümmerte uns nicht. Wir waren nur etwas traurig, als ein paar Tage später unser Heim-Mal-Fest stattfand, und der fest versprochene Gegenbesuch nicht anrollen wollte. Während wir noch bei den Vorbereitungen waren, fuhren die paar Jeeps und Lastwagen in rasender Fahrt an unserem Grundstück vorbei. Noch nicht einmal gewunken haben sie, als sie in Richtung polnischer Grenze vorbei brausten. Viel später kamen sie dann doch noch. Es kam aber keine rechte Stimmung auf. Wie ich erfahren konnte, hatten sie einen Kameraden (Deserteur) an der Neiße jagen müssen. Es ist auch geschossen worden. (Ich roch sachverständig an ihren Gewehrläufen.) Es wurde aber nicht gesagt, ob die Jagd in irgend­einer Weise erfolgreich gewesen war. Um auf unseren eingeseiften Maibaum raufzuklettern waren sie zum einen nicht in der richtigen Kleidung, zum anderen nicht so recht in Stimmung nach dem Vorfall. Dabei hatten wir extra für sie ein paar schöne Würste besonders hoch am Kranz angebracht, wo nur Männerarme hinreichen konnten, sofern sie den glitschigen Stamm erklimmen würden. In einer wurstähnlichen Verpackung hatten wir als besondere Über­raschung sogar eine Pulle Korn versteckt, in der Hoffnung, dass der Kommandant dafür ein Auge zudrücken würde. Schade, dass unsere Revanche nicht in dem Maße angenommen werden konnte, wie wir sie uns gewünscht hatten. Dafür revanchierten sich die Russen wiederum bei uns. Eines Tages bat der Stadtkommandant unseren Heimleiter darum, mich, Mischa, mit nach Dresden nehmen zu dürfen, weil er, wie er angab mich dort als Dolmetscher benötigen würde. Dieser ungeschickte Lügner! Er selbst sprach so gut Deutsch, wie ich Rus­sisch. Zu unser beider Glück bemerkte der Heimleiter diesen Schwindel nicht. Ich durfte mit nach Dresden. Wer wagte auch schon einem Stadtkommandanten eine Bitte abzuschlagen, und sei der Grund auch noch erschwindelt? Anfangs glaubte ich ja, dass die Fanfaren und Trommeln, die er mit meiner Hilfe aussuchte, dafür dienen sollten, um in seiner Garnison selbst einen derartigen Musikzug aufzustellen. Ich glaubte das übrigens bis zu dem Zeitpunkt, als wir abends aufs Heimgelände fuhren. Als dann aber ein Begleitoffizier und der Soldaten­fahrer die Instrumente abzuladen begannen, da dämmerte es mir. Heimleiter, die Kinder und ganz besonders der Leiter unseres Musikkorps, die vom Motorenlärm angelockt auf dem Vor­bau standen, bekamen ihre Münder vor Staunen gar nicht mehr zu. Was sind dagegen die 100 Mäuse, die ich im Winter 1990 für die Russlandhilfe einzahlte, wie ich sie eben erübrigen konnte? Erst mit so vergrößertem Fanfarenzug konnten wir ein paar Monate später die End­kämpfe unter den besten 28 Fanfarenzügen der DDR als Zweiter verlassen. Dass wir nicht den ersten Platz belegten, lag an mir. Hätte ICH Dussel nicht gepatzt, wären wir locker Erster geworden. Unsere Musik, d.h. unser Solobläser war einsame Spitze. Keiner der Anwesenden konnte die Oktavenleiter so hoch hinaufklettern wie er. Aber nicht nur die Musik alleine wurde gewertet. Im großen Stadionrund mussten wir einmal die Außenbahn umrunden und dabei drei Stücke vortragen. Die Jury achtete dabei auch sehr auf Disziplin. Nicht dass ich nicht inzwischen keine Disziplin angenommen hätte. Nein! Ich war einfach zu nervös, so plötzlich im Mittelpunkt von zigtausenden von Menschen zu stehen. Bei der „Lok“, einem rasanten Trommelwirbel, flog mir doch eine der Filzkugeln vom Schlegel. Ich Idiot! Anstatt ein paar Takte auszusetzen, den Reserveschlegel aus der Spannschlaufe zu ziehen und einen geeigneten Moment abwartend bis ich wieder sicher war den Takt zu treffen, sause ich der entspringenden Filzkugel hinterher, stecke sie wieder auf den Stock und komme prompt auch noch in den falschen Takt hinein. Ich kann mich kaum erinnern, mich in meinem Leben noch einmal derartig geschämt zu haben. Ich hatte in Weißwasser soviel um die Ohren, war der­maßen ausgelastet mit Dingen, die mir auch Spaß machten, weil ich endlich mal beweisen konnte, dass etwas in mir steckt, wenn man mich nur forderte, das ich gar nicht an Flucht­pläne dachte. Außerdem hatte ich ja auch eine Perspektive, sobald ich mich unter Beweis gestellt haben würde. Die Umgebung Weißwassers war damals zumindest noch sehr natur­belassen. Ich lernte etwas vom Angeln, Schlittschuhlaufen, Eishockey, und noch mehr von der Natur kennen.

Ich lernte auch wieder mal erkennen, dass, wenn Erwachsene etwas ver­sprachen, nicht unbedingt darauf Verlass war. Dass man mir während der Osterferien noch nicht die Reise nach Leipzig erlaubte, konnte man mir gerade noch plausibel machen. Die großen Ferien wurden lange vorher verplant. Für alle, die nicht nach Hause konnten oder durften, war ein Ferienlager vorgesehen. Ein Ferienlager in einem staatlichen Forst.[7] Weitab von der nächsten Ortschaft, die nur über einen riesigen, ehemaligen Braunkohleabbau-See zu erreichen war. Es wurde das Gelände auf einer Karte vorgezeichnet. Ein Voraustrupp sollte dort die Wasserab­zugs­gräben, Latrinen und die obligatorische Fahnenstange für den allmorgendlichen Fahnen­appell installieren und für genügend Frischwasser sorgen. Ich fühlte mich geehrt, dem Vor­aus­trupp beigeordnet zu sein, reklamierte aber doch das Versprechen ein.

                                                           Kinder müssen immer wieder feststellen, dass die Erwachsenen sich ihr eigenes Recht wie eine Hure zurechtlegen.

Meine Zeugnisse waren trotz Versäumnissen sehr gut ausgefallen. Ich hatte mir nur ganz selten bei den oben beschriebenen Appellen einen Minuspunkt eingehandelt, war zu jeder Sonderveranstaltung mitgenommen worden, was ja wohl auf gute bis sehr gute Führung schließen ließ. Ja doch, ich hätte ja in allen Punkten recht, nur diese Tatsache müsste in Leipzig bei der Jugendbehörde erstmal zur Kenntnis genommen werden, was während der großen Ferien ja kaum möglich wäre. Auch die Behörden würden jetzt größtenteils Ferien machen. Nach den Ferien, wurde ich vertröstet. So lernte ich noch das urwüchsige Lager-Zeltleben kennen. Auch nicht schlecht, dachte ich. Schrieb einen lieben Brief an meine Mutter und einen an G. und M., verbrachte ein Zeltlagerleben mit nächtlicher Wache am Dauerlager­feuer mit einem Luftgewehr bewaffnet, lernte Uferschwalben und deren riskante Bauweise kennen, durfte ihre stoische Ruhe bewundern, wie sie unverdrossen wieder neue Höhlen bau­ten sobald eine ganze Wand voller Nester ins Wasser abgerutscht war. Ich fing den ersten (einzigen) Hecht meines Lebens und Barsche jede Menge. Ruderte kilometerweit übers Wasser, um Frischwasser in Tonnen zu holen. Konnte mich an der Rettungsaktion beteiligen, um einen Erzieher und eines unserer kleinsten Mädchen aus dem Wasser zu fischen, weil das selbstgebastelte Paddelboot eben nur ein Paddelboot, aber nicht zum Segeln ausgetrimmt war. Oder einfach nur die Segel falsch bedient wurden? Wer kann das schon sagen. Der Erzieher, der die Blamage nicht eingestehen wollte, meinte jedenfalls, dass der Kiel des Bootes daran schuld sei, dass er das Boot zum Kentern brachte. Na ja, die Erwachsenen haben ja immer Recht. Sollen sie ja auch haben, ihr Recht. Nur, immer auf Kosten der Kinder, die sich dagegen schlecht wehren können? Gegen ihr Recht! Kinder müssen immer wieder feststellen, dass die Erwachsenen sich ihr eigenes Recht wie eine Hure zurechtlegen, damit es ihnen persönlich am besten be-(kommt!). Meine Hasskappe hatte ich bei G. und M. wieder abgelegt. Bald nach der Rückkehr vom Ferienlager begann ich wieder danach zu schielen.

Ich war hart gegen mich selbst.

Die wenigen, die über die Ferien nach Hause gedurft hatten, sofern sie eines hatten, ein Zuhause, schwärmten uns anderen davon vor. Merkten gar nicht, wie weh sie all den anderen taten, die keine Eltern(teile) mehr hatten. Oder, wie ich, nicht gedurft hatten. Die Schule begann wieder. Ich begann zu quengeln. Alles half nichts. Ich wurde vertröstet. Der russische Stadtkommandant, der seine Familie bei sich hatte, der sich kaum noch vorstellen konnte, wieder von seiner Familie getrennt leben zu müssen, der Krieg hatte ihn lange genug davon getrennt, über diesen Mann ließ ich meine diesmal unkontrollierte Post laufen. Mutter heulte sich die Augen aus, wie sie mir schrieb. G. und M. wurden schon etwas konkreter in ihrem Brief. Auch sie bemühten sich in Leipzig um meine Rückkehr. Wie es aber schien, ließ man mich wissen, hatten die Behörden gar nicht im Sinn, ihr Versprechen einzulösen. Man ließ G. gegenüber durchblicken, dass meine gute Führung lediglich zweckgebunden gewesen sei und keineswegs zu erwarten sei, dass ich im geordneten Leben bei einer Familie diese Führung auch bestätigen würde. Von daher sei es geboten, mich mindestens noch ein Jahr lang zu erproben. G. und M. besuchten mich dann kurz darauf auch noch heimlich in Weißwasser. Tatsache, so führten sie persönlich aus, sei aber, das hatte G. in der Eigenschaft als Polizistin erfahren, ohne dass die Auskunftsperson von unserem Verhältnis (der familiären Bindung, was dachten Sie denn?) wusste, man eigentlich nur noch eine geeignete Strafmaßnahme für mich suche. Das, was ich bisher angestellt hätte, könne ja letztendlich nicht auch noch belohnt werden. So! Jetzt wusste ich wenigstens, wo der Hase lang lief. Warum nur glaubten die Erwachsenen bei Kindern mit Lügen besser ihre Ziele erreichen zu können?

Und wieder die Hasskappe aufgesetzt

„Was, du willst nicht essen? Dann, bitte, blühe, wachse und gedeihe!“ Dieser Spruch, vom Tischende kommend, wo der jeweilige Erzieher saß, der gerade Dienst hatte, kam immer dann, wenn einer am Tisch quatschte oder sonst einen Unfug anstellte. Der so Aufgeforderte durfte dann den Rest der Mahlzeit hinter dem Stuhl stehend verbringen, egal ob er nun schon satt war oder gerade erst mit dem Essen begonnen hatte. Dieser Spruch erreichte mich in den letzten sieben Tagen bei allen drei Mahlzeiten. Ich durfte hinter dem Stuhl stehend mit ansehen, wie die anderen sich die Bäuche mit Essen voll schlugen, während ich der Heim­leitung noch nicht einmal die Genugtuung gab, mich bei Wassersaufen auf der Toilette erwi­schen zu lassen. Ich war hart gegen mich selbst. Ich hoffte, damit endlich etwas zu erreichen. Zumindest eine klare Aussprache über meinen weiteren Weg. Pustekuchen. Die waren ja noch sturer als mein ostpreußischer Dickschädel. Die zogen noch nicht einmal einen Arzt zu Rate. Am siebten Tag wurde es Ihnen anscheinend dann doch zu bunt. Zu jeder Mahl­zeit mussten wir uns gruppenweise in Reih und Glied aufstellen und im Gänsemarsch, sobald der Befehl dazu gegeben wurde, in den Speisesaal begeben. Es ging natürlich nicht an, dass etwas im Heim geschah, was dessen Ruf geschädigt hätte. Im Sozialismus wurden alle Kinder zu ordent­lichen Menschen erzogen, ohne dass sie einen Grund zur Klage hatten.

„Radfahrer“ fanden sich überall, wie es auch korrupte Beamte immer geben wird. Solch einen „Radfahrer“ hatten wir auch in unserer Gruppe. Den „Goldenen Lenker“ hatte er schon, jetzt wollte er sich nur noch die Pedale vergolden. Dieser Fiesling stand am siebten Tag beim Aus­rücken zum Abendessen in der Reihe direkt vor mir. Ein kurzer Ellenbogencheck nach hinten, genau in meine Magengrube, ließ mich die ganze Welt nur noch in rosa Licht erleben. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Hätte ich noch was im Magen gehabt, ich glaube ich hätte mich ausgekotzt. Ich schlief bis zum nächsten Morgen durch. Beim Frühstück hatte ich keine Widerstandskraft mehr. Man hatte mich wieder zur Räson gebracht. Alles stand wieder zum Besten. Glaubte man. Da ich mir bisher noch keine Gedanken über eine Flucht gemacht hatte, begann ich nunmehr darüber nachzudenken. Ich wollte aber nicht verduften, ohne mich für den gemeinen Ellenbogencheck revanchiert zu haben. Ich hatte noch einen ganz miesen Trick drauf, womit ich selbst den stärksten Mann dazu bringen konnte, nach meiner Pfeife zu tanzen. Ich erwähnte ja bereits, dass man im Leben manchmal ein wenig brutal sein muss, um sich durchboxen zu können. Ich wusste aber auch von der schwachen Blase, die mein erklär­ter Feind hatte. Dieses Wissen machte ich mir zunutze. Ich hielt mich bewusst eines nachts solange wach, bis mein Spezi zum Klo musste. Ich schlich hinter ihm her. Entschul­digen Sie bitte meine Hinterlist. Aber ich war gerade in die siebte Klasse versetzt, der Gegner aber hatte schon zweimal die gleiche Klasse durchlaufen und war bereits in der achten Klasse. Bedeu­tend größer und stärker. Kurz vor dem Klo trat ich ihm von hinten auf den Pantoffel, er kam ins Straucheln, ich gab ihm noch einen Schubs, er verlor das Gleichgewicht und seinen Haus­schuh, wie ich auch beabsichtigt hatte, ohne den mein Trick nicht geklappt hätte, und ich stürzte mich auf seinen nackten Fuß. Blitzschnell, anders geht es meistens schief, griff ich mit Mittel und Zeigefinger seinen großen „Onkel“ und umklammerte diesen fest. Etwas daran drehen, wie man das manchmal scherzhaft mit der Nase eines Kindes tut, und schon hatte ich einen ganz lammfrommen Bengel an meiner „Angel“. So, fest im Griff, konnte ich dem Bur­schen sogar verbieten zu jammern. Seine Tränen, die ihm aus den Augen schossen, gönnte ich ihm. Aufstehen lassen durfte ich ihn allerdings nicht. So musste er mit Hilfe seiner Hände und des einen freibeweglichen Fußes eben sehen, wie er meinen Wünschen nachkam. Ich musste ihn unbedingt nach draußen bringen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wirklich, nur ganz leise wimmernd, folgte er mir auf dem Fuße. Pardon! Auf zwei Händen und einem Fuß. Die Fahnenstange[8] auf dem Appellplatz war sehr solide gebaut. Mit einem zusätzlichen Strick, den ich dort schon wohlweislich versteckt hatte (es geht doch nichts über eine gute Planung vor der Tatausführung!) band ich den Bengel dort fachgerecht an der Fahnenstange fest, ohne zu vergessen, seine beiden großen Zehen, diesmal mit Schnürsenkeln, am Fahnenaufzugsseil zu befestigen. Damit er auf keine dummen Gedanken kommen konnte, stopfte ich ihm auch noch einen alten Socken ins Maul, verschnürte diesen mit einem weiteren Schnürsenkel um seinen Kopf. Den Socken spuckte er nicht aus! Davon konnten wir uns dann am nächsten Morgen alle überzeugen. Bevor ich ihn noch etwa zwanzig Zentimeter an der Fahnenstange hochzog, pisste ich ihn noch an. Ich wollte den Weg zur Toilette ja nicht noch einmal machen. Mein bisschen Urin macht den Kohl auch nicht fett. Am nächsten Morgen, als er von der ersten Erzieherin, die ihren Dienst antrat, gefunden wurde, hatte er sich selbst bepisst und seinen Schlafanzug vollgeschissen. Der darauffolgende Morgenappell fiel diesmal ganz anders aus als üblicherweise. Anstatt wie an jedem Morgen mit dem Pioniergruß – die rechte Hand alle fünf Finger geschlossen schräg über den Kopf[9] – dem Heimleiter zu melden, dass alle Kinder zum Appell angetreten seien, den Spruch des Tages vorlesen, und den „Fähn­richen“ zuzurufen „Hisst die Fahne“, worauf ein Fanfarenbläser losschmetterte und die Fahne hochgezogen wurde, anstatt den Tag damit zu beginnen, wurde ich in die Mitte des Karrees gerufen. Mir wurde das Rote Halstuch abgenommen und ich in aller Öffentlichkeit aus dem Verband der Thälmann-Pioniere verstoßen. Der Stadtkommandant soll geheult haben, als er davon erfuhr. Ich selbst habe das nicht mehr miterlebt. Schon am nächsten Tag, bis dahin wurde ich in der fensterlosen Wäschekammer eingesperrt, hatte man für mich eine neue Bleibe gefunden. Komisch, erst konnte man gar kein Heim für mich finden, dann stand plötzlich ganz schnell eines zu meiner Verfügung.

Im stillen Kämmerlein, wo es nach muffiger Wäsche roch, konnte ich mich schon mal innerlich von Weißwasser verabschieden.

  • Ein paar gute Freunde hatte ich gewonnen. Auch wenn ich ihnen mal die Bretter, die als Betteinlage dienten, des Abends so schräg gelegt hatte, dass sie nach ein paar Drehungen im Bette unweigerlich durchbrechen mussten. Was zur allgemeinen Erheiterung beitrug, selten bei dem Betroffenen selbst.
  • Man war auch schon mal unter eine andere Bettdecke gekrochen, hatte sich im Dunkeln Geschichten erzählt und … am Piephahn gespielt.
  • Man hatte den Mädchen im Dunkeln Fledermäuse in den Schlafraum geschmuggelt. Einer musste deswegen mal fast eine Glatze geschnitten werden, weil die arme verängstigte Fleder­maus sich mit ihren kleinen Krallen in ihrer Mähne verfangen hatte.
  • Man hatte fast allen Mädchen schon unter den Rock geschaut und mehr. Je nach Temperament hatte man etwas auf die Finger bekommen, oder auch nicht!
  • Die Lagerfeuerwache, zwischen zwei und vier, wo man beinahe eingeschlafen wäre, hätte es das Mädchen nicht so spannend gemacht, doch wach zu bleiben.
  • Die kleinen Zettelchen, die man hier und da erhielt, worauf meistens das gleiche stand – „Willst du mit mir gehen?“ oder –   „Ich liebe dich!“… Unterschrift. Ja, Monika Feurig (so hieß sie wirklich!), Brigitte Zabel und und … ich habe euch alle geliebt! Auf meine Art. Meine kindhafte Art! Diese Art von Liebe, die nur in der Kindheit so problemlos ist, wie sie ist!
  • Auch dich, kleiner Wolle, habe ich geliebt. Du hattest niemanden mehr auf der Welt. Du warst eines von den Vollwaisenkindern in Weißwasser. Du liefst mir überallhin nach. Ich habe dich beschützt, weil du, zwar schon 15, aber noch kleiner warst als ich. Ich konnte deine Liebe verstehen, die du den Tieren entgegen gebracht hast. Woran solltest du deine Liebe sonst hängen? Du bekamst keins dieser Zettelchen von einem der Mädchen. Weißt du, die Mädchen schauen zu oft nur nach dem Äußeren, oder auf das, was du bist. Deine inneren Werte wurden übersehen. Aber auch ich musste schon mal über dich lachen. Du hattest dir eine Ringelnatter als Haustier erkoren, diese des Nachts sogar in dein Bett geschmuggelt. Hast Fakir mit ihr gespielt, sie dir um den Hals gewickelt. Eine Zeitlang hast du mit der Schlange sogar etwas Eindruck bei den Mädchen gemacht. Bis sie erfahren mussten, dass dieses Reptil vollkommen ungefähr­lich ist. Zumindest solange, wie man nicht allergisch dagegen ist. Durch den direkten Hautkontakt mit der Schlange, jemanden anders hattest du ja nicht zum Berühren, sahst du bald wie ein Streuselkuchen aus. Das war auch der einzige Grund, weshalb ich jemals über dich gelacht habe.
  • Bald würdet ihr den besten Luftgewehrschützen unter euch ausmachen können. Gegen mich hattet Ihr keine Chancen. Ich traf einfach alles, ob es eine Streichholzschachtel war, oder einen hüpfenden Frosch, die Wachskugeln schlugen überall dort ein, wo ich hinschaute. Ein Naturtalent nannte man mich.

In der Wäschekammer, wo ich eine fast schlaflose Nacht verbrachte, setzte ich auch wieder meine Hasskappe auf. Hass in mir auf die Erwachsenen im Allgemeinen, kam hoch. Kaum einer hatte etwas dagegen unternommen dem Schleckelhuber[10] das Handwerk zu legen. Ohne die Millionen Mitläufer wäre es nicht zu dem gekommen, dass ich aus meiner behüteten Familie und meiner angestammten Umgebung, Heimat genannt, gerissen worden wäre. Mir wäre eine normale Entwicklung meiner Kindheit beschieden gewesen. Eure Herrenmenschen­träume sind zusammengebrochen, aber die Manieren nach dieser katastrophalen Niedertage habt ihr nicht abgelegt. Wenn ihr schon nicht andere Völker unterdrücken konntet, so konntet ihr doch wenigstens euer Mütchen an den unschuldigen Kindern auslassen, die ihr erst in diese Lage gebracht hattet. Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten mich und raubten mir den Schlaf.

Verabschieden von meinen Leidensgenossen konnte ich mich am nächsten Tag auch nicht mehr. Sie waren in der Schule, als ich abgeholt wurde. Viele aber hatten sich am Abend und bis in die Nacht hinein an meine Türe geschlichen und mir alles Gute gewünscht.

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fwasser/Oberlausitz  hier: http://heimkinder-forum.de/v4x/index.php/Thread/15487-Wei%C3%9Fwasser-Kinderheim-Makarenko/ oder hier: http://www.kinder-heim.de/board1818-virtuelle-stadt-der-heimkinder/board1851-wohngebiet/board1732-spezialkinderheime-der-ehemaligen-ddr/board1735-spezialkinderheime-von-r-bis-z/board1804-spezialkinderheim-wei-wasser-maxim-gorki/

[2] Schulz: Später wird man lesen können, dass ich mit offener TBC und drei Löchern in der Lunge in einer Heilstätte landete.

[3] http://www.zeit.de/1954/13/der-ostzonale-thaelmann-film https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Th%C3%A4lmann_%E2%80%93_F%C3%BChrer_seiner_Klasse

[4] http://www.ddr-geschichte.de/Bildung/Schule/Pionierorganisation/pionierorganisation.html https://de.wikipedia.org/wiki/Pionierorganisation_Ernst_Th%C3%A4lmann

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Jungvolk

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCder,_zur_Sonne,_zur_Freiheit

[7] Schulz: Woanders sonst, als eben staatlich?

[8] Schulz: Die stand 1990 bei meinem Besuch immer noch dort.

[9] http://www.ddr-geschichte.de/Bildung/Schule/Pionierorganisation/pionierorganisation.html

[10] gemeint ist Schicklgruber, eine Lächerlichmachung Adolf Hitlers mit Bezug auf den ursprünglichen Namen seines Vaters. https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Hitler

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/ 04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/ PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  PDF: 06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/     PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/ PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/ PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/     PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/                                                           PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/                                                            PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/  PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/                                                                                PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Wie geht es weiter?

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XIII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

          Eine Kindheit,

           die keine Kindheit war

 

 

 

Dreizehntes Kapitel

Von Auerbachs Keller in den Venusberg[1]

„Mischa, ich habe schon mit meinem Mann gesprochen, er ist übrigens auch bei der Polizei, („Aha!“) und wir haben uns folgendes überlegt: Wir werden dich vorläufig oder auch für immer bei uns aufnehmen. Das liegt ganz bei dir!“ Bloß gut, dass ich gerade nichts weiter im Mund hatte, außer einem Schluck Rotwein. Die Tischdecke sah nach ihrem Vortrag ein wenig rotgesprenkelt aus. Ich? Ich sollte bei/von Bullen großgezogen werden? In meinem Kopf hatten schon die ersten hundert Gramm Wodka in Verbindung mit dem Rotwein zu wirken begonnen. Sonst hätte ich spätestens jetzt einen Wodka benötigt.

Wie genau ich zu den Bullen stand, davon musste wohl nichts in meinen Akten gestanden haben. Sie schrieb meinen unverhofften Erstickungsanfall wohl der freudigen Überraschung zu, die sie mit der Eröffnung ihres Vorschlages in Verbindung brachte. Eine Überraschung war es auf jeden Fall für mich. Wie sie es auch auffassen mochte. Ich glaube, ich hätte sie sehr in Verlegenheit gebracht, hätte ich ihren Vorschlag schlichtweg abgelehnt. Was mir ja auch fast aus dem Mund gerutscht wäre. Wäre da nicht der Rotwein in die falsche Kehle gerutscht und hätte mir etwas Bedenkzeit verschafft. Hatte sie nicht selbst gesagt, dass kein Heim bereit wäre mich aufzunehmen? Wohin also sonst mit mir, wenn ich auch nicht zu meiner Mutter durfte?

Verschiedene Gründe, eigentlich nur zwei, waren dafür ausschlaggebend, dass ich mich auf ihren Vorschlag einließ. Zum einen, ich blieb in Leipzig, somit in der Nähe meiner Mutter und Schwester. Zum zweiten, die Frau selbst zog mich wie schon erwähnt in ihren Bann. Was bisher noch keine Erzieherin von sich hätte behaupten können. Ich wollte dann auch gar nicht mehr erfahren, welche Alternative es für mich sonst noch gäbe. Wie sie so ihre Augen in die meinen versenkte und in mir forschte, wie ich mich wohl entscheiden würde, konnte ich einfach nicht mehr nein sagen.

„Als wäre ich ihr Liebhaber …“ Er wird es!

Als wäre ich ihr Liebhaber oder ähnliches zahlte ich die nicht gerade geringe Zeche, legte ein generöses Trinkgeld dazu, und wir konnten aufbrechen.

Ganz ohne irgendwelche Formalitäten durfte ich mit zu ihr nach Hause gehen. Man stelle sich mal vor, in der Wohnung gab es sogar schon ein Telefon. Während des langandauernden Gesprächs, welches sie gleich nach unserer Ankunft zu führen begann, durfte ich mich völlig frei im Wohnzimmer bewegen. Ziemlich eingeschüchtert alleine von der luxuriösen Einrichtung (einschließlich Telefon) im Gegensatz zu der bei uns Zuhause, wagte ich mich aber kaum zu bewegen. Ich stand die ganze Zeit am Fenster und starrte auf die Straße hinab. Bis sie ins Zimmer kam. „So, alles in bester Ordnung. Wir werden gleich nochmal in die Stadt gehen und für dich zunächst einmal die wichtigsten Sachen einkaufen. Erstmal aber werde ich dir dein Zimmer zeigen.“ Sie nahm mich bei der Hand. Wie? Ich und ein eigenes Zimmer? So etwas hatte ich ja noch nicht einmal bei Muttern gehabt. Überhaupt konnte mich gar nicht daran erinnern, jemals zuvor ein eigenes Zimmer gehabt zu haben. Außer dem Arrestzimmer im Heim. „Weißt du, wir beide, mein Mann und ich, wir haben uns immer so sehr Kinder gewünscht. Wir haben leider erfahren müssen, dass wir nie welche miteinander haben werden!“, wurde ich über das Vorhandensein eines Kinderzimmers aufgeklärt. Bei der Noch-Nachkriegszeit herrschte ja eigentlich noch enorme Wohnungsnot. 1953 gab es meiner Ansicht nach immer noch mehr Trümmer als geeigneten Wohnraum. Über soviel Fürsorglichkeit geriet ich geradezu in Verlegenheit. Von meiner sonst gewohnten Kaltschnäuzigkeit war nichts mehr vorhanden. Ich war einfach nur ergriffen. Dies war eine ganz neue Erfahrung für mich, von Fremden derart fürsorglich als Kind behandelt zu werden. Und das gerade in dem Augenblick wo ich mich mitten in der Pubertät[2] befand und mich schon fast als ganzer Mann fühlte.

Zahnbürste und Nachtzeug, etwas Unterwäsche, ein neues Hemd und Hosen sollten fürs erste reichen. Als wir vom Einkauf zurück kehrten, war auch schon mein Ersatzvater in der Wohnung. Er war in der Polizeifunkzentrale in Leipzig im Drei-Schichtdienst eingesetzt, erfuhr ich auch sogleich. Diese Woche war Frühschicht angesagt. Ich wurde eingehend in Augenschein genommen und für gut befunden. Was die Bemerkung GUT für eine Bedeutung hatte, erfuhr ich etwas später. Genauer gesagt am nächsten Tag. Zu der Zeit, als dies alles geschah, wäre es undenkbar gewesen, die folgenden Einzelheiten überhaupt am Rande zu erwähnen. Die Zeit an sich war viel zu prüde. Ich finde es heute aber für unerlässlich, dieses einschneidende Erlebnis zum besseren Verständnis meines Lebensweges mit aufzuführen. Deshalb vermeide ich es auch hier Namen zu nennen. Wenn du, liebe Monika[3], bisher noch nicht schockiert genug über meinen Lebenswandel bist, so solltest du aber jetzt, wie ich es dir angekündigt habe, dieses Manuskript aus der Hand legen. Es liegt mir sehr viel daran, dass wenigstens du mich (wenn überhaupt jemals) mit der Reinheit deines Herzens in Erinnerung behältst. Ich wurde, besser gesagt ich ließ mich von den beiden zu Sexspielen verführen. Ich befriedigte mich schon seit Jahren selbst (was wieder einen anderen Ursprung hatte), war auch ansonsten (zwangsläufig durch die Nachkriegszeit) bestens aufgeklärt worden vom Leben selbst. Ich war elf, als eine 20jährige Freundin meiner Schwester eine zeitlang bei uns wohnte, weil sie Zuhause rausgeflogen war. Sie zeigte mir alles. Den gewissen „Kick“ also kannte ich schon. Zunächst noch trocken, aber immerhin!

Spricht man mich heute, 65 jährig, auf meine Ähnlichkeit wegen meines zerknitterten Gesichtes, mit Charles Bronson[4] an, so heißt das noch lange nicht, dass ich damals nicht ein hübsches Kerlchen war. Ein Foto aus der Zeit, das einzige übrigens, welches mir aus der Zeit meiner Kindheit geblieben ist, bekam ich erst 1990, als ich nach der Maueröffnung nach Dönschten fuhr, um Erinnerungen aufzufrischen. Und siehe da, der damalige Heimleiter wohnte immer noch im Dachgeschoß des damaligen Heimes mit seiner Frau. Im hohen Alter freuten sich beide über meinen Besuch. Die Frau kramte ein Tagebuch hervor. Aus diesem las sie mir vor, wann ich genau für immer aus dem Heim verschwunden war. Und, in dem Tagebuch war sogar noch ein Passfoto von mir eingeklebt. Dieses Foto schenkte sie mir. Somit habe ich nun wenigstens einen Beweis in Händen, dass auch ich mal ein hübsches Kerlchen war.

keine Umschreibungen wie im Kamasutra

Als süßer Bengel bezeichnet zu werden war ich ja schon gewohnt. Dass man mich aber gleich so süß fand, dass man(N) mich gleich als Dritten im Bunde haben wollte, merkte ich gleich am nächsten Tag nach meinem Einzug bei der Bullenfamilie, die ja eigentlich noch keine richtige Familie war, da ja zu einer richtigen Familie meiner bescheidenen Meinung nach ein Kind fehlte. Aus heutiger Sicht betrachtet war das mehr oder weniger eine Sexgemeinschaft zwischen den beiden mit gleichen Vorlieben. Beide liebten nämlich kleine Jungs. Zum einen produzierten die beiden sich gerne vor deren, z.B. meinen Augen, zum anderen spielten sie beide gerne an meinem kleinen „Knorpel“ herum. Na ja, wenn schon, denn schon! Dann muss ich wohl auch noch hinzufügen das ER es gerne hatte, dass ich sein Glied in den Mund nahm, und SIE es furchtbar gerne sah, wenn ICH es tat. Noch irgendwelche Fragen? Klar, dass Sie jetzt neugierig geworden sind und nun auch wissen möchten, wie es dazu kam. Keiner kommt doch so einfach daher und sagt tu dies oder das. Wenn die Zensur diesen Absatz nicht gerade streicht, will ich Ihnen den Gefallen tun und darüber berichten. Verlangen Sie aber bitte nicht, dass ich solch schmeichelhafte Umschreibungen, wie sie im Kamasutra vorkommen, benutze. Bitte denken Sie immer daran, dass ich kein Schriftsteller im klassischen Sinne bin. Dafür reichen meine sechs Volksschuljahre bei weitem nicht aus. Zum Dichter nicht geboren, nicht ausgebildet. Das mögen Sie bestimmt schon an meiner eigenwilligen Schreibweise längst erkannt haben. Ich habe auch nicht vor, mit diesem Manuskript ein großes Werk zu präsentieren. Mit meinen begrenzten Mitteln will ich Ihnen lediglich das nackte, wahre Leben schildern, in das ich in einer Zeit hineingeboren wurde, die ich keiner zukünftigen Generation noch einmal zu erleben wünsche. Man stelle sich nur mal vor, dass unsere Computergeneration plötzlich ohne Strom und Heizung dasteht, statt Fun blanker Überlebenskampf angesagt wäre.

Wie bereits eingangs erwähnt soll dies ein mahnend Zeichen sein, sich gegen jedwede Kriegstreiber zu wehren.

Sicher gibt es Menschen mit einem bewegterem Lebenslauf. Doch ich bin der Meinung, nach dem, was ich so im Laufe des Lebens erfahren musste, leben viele am Leben vorbei. Das heißt: es ist überhaupt kein Leben drin in ihrem Leben. Alles tröpfelt nur so dahin, an ihnen herunter. Die meisten Menschen, die ich kennengelernt habe, glaubten doch allen Ernstes, dass sie schon etwas Besonderes in ihrem Leben erlebt hätten, nur weil sie schon mal in Italien, Griechenland, der Türkei oder auf einer der angesagten Modeinseln gewesen sind. Manche betrachten es schon als Sensation, wenn sie einmal in ihrem Leben die Wohnung oder gar den Wohnort gewechselt haben. Die Spießbürger, die sich über jede Art von Verbrechen so schön entrüsten können, im gleichen Atemzug sich aber den Film aussuchen, wo es am blutrünstigsten zugeht, sich ausschließlich Krimis und Actionfilme reinziehen. Herrschaften, ein paar Ganoven muss es schon geben, damit die Drehbuchschreiber das Ganze schön aufbauschen können. Das wirkliche Leben gibt dafür viel zu wenig her. Aber das alles, was in diesen Filmen so schön als Tatsachen verkauft wird, wird dann auf den kleinen Ganoven projiziert. Aus eigenem Erleben aber kann ich hier berichten, dass gerade die brutalsten Verbrecher in der Knasthierarchie ganz oben stehen. Ja, sie bekommen zum Teil sogar Fan-Post.

Warum also, so habe ich mir gedacht, soll ich nicht ein wenig dazu beitragen, das reale Leben anderen Leuten ins Haus zu bringen, wo ich doch hier im Knast reichlich Zeit zum Schreiben habe?

„Du Dummerchen, lass dich doch gehen!“

Zeit dazu ließen mir meine „Pflegeeltern“, wie sie sich zu bezeichnen pflegten, nicht viel, um sich mit mir zu amüsieren. Bis man mich in der Schule angemeldet haben würde, so wurde mir gesagt, könne ich nach Belieben ausschlafen. An alles hatte man ja gedacht, was meinen Einzug betraf. Eine Bettdecke zu kaufen hatte man allerdings vergessen (?). Mir wurde deshalb gestattet, die erste Nacht im gemeinsamen Ehebett zu übernachten. Mir waren vor Müdigkeit schon die Augen zugefallen. Ein Zeichen für meine besorgten Pflegeeltern mich ins Bett zu schicken. „Wir gehen auch gleich zu Bett, M. muss morgen auch wieder früh raus!“; damit wurde ich liebevoll zugedeckt und mit einem Kuss versehen. Die Müdigkeit war da, aber der Schlaf wollte sich trotzdem nicht einstellen. Zu viele Gedanken kreisten in meinem Kopf herum. So tat ich nur so als ob ich schliefe, als die beiden dann auch ins Bett kamen. Ich bekam recht schnell nackte Tatsachen zu sehen. G. vergewisserte sich, dass ich schlief und ließ noch vor dem Bett ihre Hüllen fallen. Nicht dass ich noch keine nackte Frau gesehen hätte. Aber unter diesen Umständen? Auch M. stand bald wie Gott ihn erschaffen hatte vor dem Bett.

Und als er drin war, wurde ich so Zeuge ehelicher Leidenschaft. Mir schaffte dies auch Leiden! Wie ich mich schon bei anderen Gelegenheiten dem nicht entziehen konnte, so wuchs auch bei mir etwas heran, was ich bei dieser Gelegenheit allerdings zum Teufel wünschte. Ich konnte den beiden wohl schlecht zu erkennen geben, dass ich noch hellwach war und Probleme mit meinem Piephahn hatte. Ich war kaum mehr in der Lage abzuwarten bis nun meine Pflegeeltern ihrerseits eingeschlafen waren, um mich eines gewissen Drucks zu befreien. Dann aber schlief auch ich erschöpft ein. Mit der immer noch gleichen Erektion, mit der ich eingeschlafen war, wachte ich am nächsten Morgen auch wieder auf. Schon beim geringsten Geräusch, außer den typischen Schlafgeräuschen, wurde ich wach. So als sich M. morgens zur Arbeit fertig machte. Ich ließ ihn erst aus dem Haus gehen, und lief dann ganz schnell zur Toilette, um meine Stange Wasser ins Klo zu entlassen. Meine Pflegemutter war alles andere als ein Morgenmuffel. Sie selbst hatte zwar wegen mir extra arbeitsfrei bekommen, war aber dennoch mit ihrem Mann zusammen aufgestanden. Sie bot mir gleich eine Tasse (echten!) Bohnenkaffee an, als sie mich im Flur sah. „Wir können uns ja gleich wieder hinlegen und ausschlafen. Das bisschen, was wir für dich noch besorgen müssen, schaffen wir auch am Nachmittag spielend!“ erklärte sie mir. Ich hatte ja wenigstens noch einen Schlafanzug an, der aus Baumwolle zu sein schien. Ihr Nachthemd dagegen war so gut wie aus Nichts. Sie bemerkte meine verstohlenen Blicke sehr wohl. Beim Einschenken des Kaffees ließ sie mich auch noch sehen, dass sie unten auch nichts weiter drunter hatte. Meine Verlegenheit schien sie aber nur zu amüsieren. Wieder im Bett wollte sie dann auch recht bald wissen, welche Erfahrungen ich schon mit Mädchen gemacht hätte. Ich verschwieg ihr natürlich die Episode mit der 20 jährigen Freundin meiner Schwester, ebenso wie ich oftmals Zeuge von Vergewaltigungen in der Nachkriegszeit geworden war. Auch dass ich genau wusste, was die Frau in Dresden Hellerau mit den drei Russensoldaten angestellt hatte. Ich gab lediglich die üblichen Doktorspiele mit etwa gleichaltrigen Mädchen zu.

Ich sollte so etwas, was sich zwischen Mann und Frau abspielte, nur immer als etwas ganz natürliches, von der Natur Gegebenes betrachten, riet G. mir. Sie und M. hielten es jedenfalls seit Beginn ihrer Beziehung so. G. erklärte mir dann auch, dass das ein körperliches Bedürfnis wie allen anderen, wie etwa Essen und Trinken sei. Mit ihrem psychologischen Einfühlungsvermögen kochte sie mich langsam weich. Oder hart? Wie man(N) es nimmt! Wenn der Körper danach verlange, soll man erst gar nicht dagegen ankämpfen. Sie ließ mich dann auch ganz unverblümt wissen, dass M. heute morgen schon am liebsten eben diesem Bedürfnis nachgekommen wäre. Verschwieg aber das vom Vorabend. M. hätte es sich dann aber doch nicht gewagt, weil ich ja noch mit im Bett gelegen hätte und die dabei entstehenden Geräusche mich geweckt und erschreckt haben könnten. M. wäre nun mal so gestrickt, dass er diese schönste Nebensache der Welt am liebsten dreimal am Tage betreiben würde. Bei einem solch offenen und direkt geführten Aufklärungsgespräch hatte ich natürlich Schwierigkeiten, meine Latte, die ja schon längst keine Wasserlatte mehr war, im Zaum zu halten. Peinlich wäre es mir gewesen, wenn meine „Biologielehrerin“ dies bemerkt hätte. Sie war aber eine zu gute Psychologin, um mich merken zu lassen, dass sie längst wusste, wie es um mich stand. Heute weiß ich natürlich, dass das volle Absicht von ihr gewesen war, dieses Gespräch in diese Richtung zu lenken. Erstmal Pause. G. erhob sich lasziv aus dem Bett, führte mir so wieder ihren Körper vor, in dem Nachthemd, welches mehr zeigte als dass es verbarg, und ging zur Toilette. Ich denke heute noch manchmal daran zurück, wie und was mir bei diesem erneuten Anblick alles wehtat. Als sie danach wieder unter die Bettdecke krabbelte, gab sie sich nicht die geringste Mühe mir gegenüber zu verbergen, wie genau es in ihrem Schritt aussah. Von wegen ausschlafen. Sie schien so gar nicht müde zu sein. Nun, auch mich hinderte etwas daran, wieder einschlafen zu können.

Geschickt brachte sie gleich wieder ihr Lieblingsthema aufs Trapez[5]. „Wir werden dir heute gleich ein schickes Steppbett, oder magst du lieber ein Federbett? kaufen. Dann können M. und ich uns wieder lieben wie wir es gewohnt sind. Weißt du, das ist dann für uns alle besser so. Unsere Körper brauchen das nun mal jeden Tag!“ ließ sie mich tief in ihr Intimleben blicken. „Du hast damit wohl noch keine Schwierigkeiten oder?“ Was sollte ich sagen ? Mir wurde es ganz schön mulmig unter der Bettdecke. „Sag schon! Haben so kleine Jungs schon Schwierigkeiten damit?“ G. schaute mich genau an bei dieser so eindringlich gestellten Frage. Ich versuchte mich einer ehrlichen Antwort zu entziehen indem ich so tat, als wüsste ich gar nicht, was sie mit „Schwierigkeiten“ meinte. Die 27 jährige Frau ließ dies aber nicht als Antwort gelten. „Du wirst doch wohl wissen, ob dein Puller manchmal schon hart und groß wird!?“ wurde sie schon etwas direkter.

„Ja schon,“ musste ich jetzt schon etwas näher bei der Wahrheit bleiben. „Was du nur für ein Geheimnis daraus zu machen versuchst. Ich sagte doch bereits, dass das etwas ganz natürliches ist, wenn der Körper sich meldet!“ sprach sie beruhigend auf mich ein. Ob es oft passiere, wann und bei welchen Gelegenheiten im Besonderen, begann sie immer weiter in mich zu dringen. Meine Peinlichkeit nahm überhaupt kein Ende, weil ich ihr einfach nicht die Wahrheit sagen konnte, wie es wirklich um mich bestellt war, was sie gerne hören wollte. Hinterher ist man immer schlauer!

„Was meinst du? würde dein kleiner Mann da unten steif werden wenn M. und ich uns lieben würden?“ „Ich weiß nicht!“ log ich. „Wir könnten es ja mal ausprobieren!?“ schaute sie mich lauernd an. Meine Güte, ich konnte noch nicht einmal mit einer Hand unter die Bettdecke um IHN wenigstens ein wenig zu besänftigen.

So, wie G. mich belauerte, wusste sie sofort, was wirklich mit mir los war. Anscheinend aber kam ich ihr nicht in dem Maße entgegen, wie sie es sich erhofft hatte. Deshalb ging sie zu einer anderen Taktik über. „Also gut, du willst sicherlich noch ein wenig schlafen. Ich sage dir nur noch, dass du jederzeit mit irgendwelchen Problemen zu einem von uns kommen kannst. Auch wenn du mal ein Mädchen mitbringen willst. Wir wollen uns dann nur davon überzeugen, dass dies auch sauber ist.“ Damit drehte sie sich auch schon auf die Seite, wobei sie mich noch ihr Hinterteil sehen ließ. Um meine Aufmerksamkeit auch ja auf sich zu lenken, bemerkte sie, dass es doch recht kühl wäre, um ohne Bettdecke zu schlafen. Am liebsten würde sie ja ganz eng an M. angekuschelt schlafen, weil es dann so schön warm an ihrem Hintern wäre. „Willst du nicht zu mir rüber rutschen und mich ein wenig wärmen?“ fragte sie mich mit lockender Stimme. Bloß das nicht! Ich würde gar nicht nahe genug an sie herankommen, ohne dass sie nicht sofort bemerken würde, wie es wirklich um mich stand.   „Du hast wohl Angst das M. eifersüchtig werden könnte, was?“ hielt sie so gar nicht ihr Versprechen, was das Weiterschlafen betraf. „Na warte, wenn du nicht zu mir kommst, dann komme ich eben zu dir.“ Damit rutschte sie auch schon auf meine Bettseite herüber. Meinetwegen, dann sollte sie sich eben an mich kuscheln. Jedoch drehte auch ich mich herum, so dass sie sich an meinen Rücken wärmen konnte. Es reichte ihr aber noch nicht, ihre handvoll Quarktaschen an die Schulter zu pressen. Sie legte auch noch einen Arm um mich. Dass sie auch noch ihren warmen Unterleib gegen mich drückte, gehört wohl auch mit zum Kuscheln, nahm ich an. Ich wagte kaum noch zu atmen, als ihre Hand immer tiefer rutschte. Nur noch wenige Zentimeter und ich wusste nicht mehr wohin ich mich mit meiner Scham verkriechen sollte. Dabei machte ich mir aber selbst nur etwas vor. Ich wusste längst, dass ich mir eine direkte Berührung herbeisehnte. Hatte ich doch schon früher, bei der Freundin meiner Schwester, ganz andere Freuden genossen, als ich sie mir mit der eigenen Hand bewirken konnte.

„Du Dummerchen, lass dich doch gehen!“ flüsterte sie mir besänftigend ins Ohr, als sie ihr Ziel erreicht hatte und ich vor Schreck (?) zu atmen vergaß und dicke Backen machte. Diese Hand ging damit ganz anders um, als ich von meiner eigenen gewohnt war. G. drückte ihren Unterleib gegen meinen Po, so dass ich ihr eine größere Angriffsfläche bieten musste. Das war ja grausam … schön! – was die erfahrene Frau da mit mir anstellte. Ihre freie Hand nahm meine oben liegende und führte diese zwischen ihre warmen Schenkel.

Gut, also das soll es gewesen sein, wie ich zum ersten Mal als reifer Jüngling von einer Frau verführt wurde. Weil mich das irgendwie süchtig gemacht hatte, ging ich auch darauf ein, ihren Mann in unser Geheimnis mit einzubeziehen.

Würde ich mich in noch mehr Einzelheiten verlieren, müsste ich dieses Buch (ich hoffe, dass es eins wird) einem Pornoverlag anbieten.

Neben diesem Aufklärungsunterricht bekam ich dann auch wenig später meinen normalen Unterricht in der Schule. Es war soweit alles wunderschön. Ich durfte alle 14 Tage meine Mutter besuchen, und wir feierten zusammen ein tolles Weihnachtsfest. Ich rutschte wie nie ins neue Jahr, und ein paarmal dabei auch mangels Masse wieder raus und ich dachte gar nicht an irgendeine Flucht aus diesem Paradies.

Fußnoten

[1] Die Erlebnisse von Dieter Schulz in diesem Kapitel riefen dem Editor den Aufenthalt des noch sehr simplen Simplizius Simplizissimus im Venusberg in Erinnerung. Grimmelshausen geht allerdings nicht dermaßen ins Detail, wie auch die Bibel, nicht so prüde wie oft vermutet, die Avancen von Potiphars Frau gegenüber Joseph nur nennt und nicht groß ausschmückt. Genesis 39. Das tat dann die Nachwelt https://de.wikipedia.org/wiki/Potifar#/media/File:Gem%C3%A4ldegalerie_Alte_Meister_(Dresden)_Galeriewerk_Heineken_047.jpg . Schulz war nun kein Joseph und kann in diesen Dingen so ganz simpel nicht mehr gewesen sein. Zu viel hatte er schon gesehen und erlebt; diese Art von „Verwöhnung“ allerdings noch nicht. http://gutenberg.spiegel.de/buch/simplicius-simplicissimus-5248/94 gutenberg.spiegel.de http://gutenberg.spiegel.de/buch/simplicius-simplicissimus-5248/95 Sonntag, 29. Januar 2017

[2] Schulz: Diesen Ausdruck – Pubertät – kannte ich damals allerdings noch gar nicht!

[3] Monika aus Dönschten. Kapitel 2

[4] Welchen meint er, diesen https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Bronson_(H%C3%A4ftling) oder eher diesen https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Bronson#/media/File:Charles_Bronson_1961.JPG

[5] Statt der Wendung „etwas aufs Tapet bringen“ wird fälschlicherweise oft auch „etwas aufs Tablett bringen“ oder „etwas aufs Trapez bringen“ benutzt. https://de.wikipedia.org/wiki/Tapet

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/

PDF: 11-losgelost-von-der-erde

 Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/

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Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/

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Wie geht es weiter?

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim natürlich!

 

 

 

 

Korntal und die Vorverurteilung

Ein Beschuldigter ist bis zu seiner gerichtsfesten Verurteilung als unschuldig nicht nur anzusehen, sondern zu behandeln. Das Urteil über Rechtsanwalt Weber ist in Korntal schon gefällt.

Es hat zwar auch noch keinen Prozess über die Missbrauchsvorwürfe gegen Verantwortliche in Korntal gegeben; dank der Verjährungsfristen wird es wohl auch nicht dazu kommen. Dennoch ist ein öffentlicher Druck entstanden, aufgebaut worden, die Vorwürfe zu klären und die Vergangenheit – wie auch immer – aufzuarbeiten.

 

»Eigentlich hätte Weber vor wenigen Tagen offiziell als Aufklärer beauftragt werden sollen. Die Mediatoren, die Brüdergemeinde und Opfervertreter bis zu einer Beauftragung begleiten sollten, stoppten das Verfahren vorerst. Als Grund wurde ein Medienbericht angegeben, demzufolge der Anwalt in eine Korruptionsaffäre verwickelt sein könnte.«[1]

»Weber selbst wies die Berichte zurück: „Es wird nicht gegen mich ermittelt“, sagte der Anwalt, der zuvor auch die Missbrauchsvorwürfe bei den Regensburger Domspatzen aufgearbeitet hatte. … Opfervertreter Detlev Zander erklärte nach den Gesprächen: „Die Wünsche der Opfer werden hier überhaupt nicht mehr berücksichtigt.“ Er selbst hatte den Missbrauch im Sommer 2014 öffentlich gemacht. Der heute 55-Jährige war in den 1960er und 70er Jahren im Heim. Seinen Angaben zufolge werfen inzwischen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er bis 1980er Jahren in den zwei Kinderheimen der Gemeinde sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein. Der Versuch einer Aufarbeitung war Anfang 2016 schon einmal gescheitert. Eine neuer Versuch, die verhärteten Fronten zu überwinden, soll bei einer weiteren Gesprächsrunde am 25. März unternommen werden.«[2]

»Bei seiner Absage übt der Rechtsanwalt scharfe Kritik an den Mediatoren. …Weber begründet seine Entscheidung mit inhaltlichen Differenzen mit der auftraggebenden Brüdergemeinde. Wohl war der Vertrag zwischen ihm und den Pietisten weitgehend ausgehandelt. Doch „eine explizit von mir geforderte Erklärung­, dass die Brüdergemeinde von einem Einflussrecht auf meine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess Abstand nimmt, ist bisher nicht erfolgt. Ein unabhängiges Arbeiten wäre unter diesen Umständen nicht möglich“, sagt Weber. Er greift in seiner Absage zudem die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz scharf an. „Die Einflussnahme der Mediatoren, speziell deren Kommunikationsverhalten in den letzten Tagen, zeugte von fehlendem Respekt, da Inhalte und Entwicklungen über meine Verpflichtung, ohne mich vorab zu informieren, in die Öffentlichkeit getragen wurden.“«[3]

Aufgrund des Berichts über die Verwickelung in den Korruptionsskaldal »verkündete die Mediatorin im Korntaler Missbrauchsskandal – ohne Rücksprache mit den ehemaligen Heimkindern – die Wahl Webers könne nicht stattfinden. Stattdessen solle Weber zunächst die Möglichkeit gegeben werden, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Die Betroffenen erfuhren davon aus der Presse. Weber sagte am Samstag, er habe eine „gebotene Stellungnahme“ zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen abgegeben. „Ich werde nicht verdächtigt, und gegen mich wird auch nicht ermittelt.“ Über die dennoch erfolgte Berichterstattung sagte er: „Für die Motivlage hier wie dort habe ich keine Erklärung.“«[4]

»Vertreter der Opferorganisationen hielten trotz der Meldungen an dem Juristen fest, der auch die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen leitet.Weber fürchtet nach eigenen Worten, dass ein unabhängiges Arbeiten in Korntal nicht möglich wäre. Die Brüdergemeinde habe keine von ihm geforderte Erklärung abgegeben, seine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess nicht zu beeinflussen. Den Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz wirft er „fehlenden Respekt“ vor. Sie hätten Informationen über seine Verpflichtung in die Öffentlichkeit getragen, ohne ihn vorher zu informieren. Ehemalige Korntaler Heimkinder berichteten von sexueller und körperlicher Gewalt sowie Zwangsarbeit in Brüdergemeinde-Einrichtungen insbesondere in den 60er und 70er Jahren. Ein erster Versuch der Aufklärung scheiterte im vergangenen März, nachdem die Betroffenen dem Team um die Landshuter Sozialwissenschaftlerin Mechthild Wolff das Vertrauen entzogen hatten.«[5]

»Im Ringen um die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen bei der evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg) fordern Opfervertreter nun ein Krisengespräch mit Vertretern der Landeskirche Württemberg. „Es ist höchste Zeit für ein Signal an die Missbrauchsopfer, dass sich etwas bewegt“, sagte Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. … Der Anwalt habe „aufgegeben, weil die Brüdergemeinde ihn nicht unabhängig arbeiten lassen will, doch wir kämpfen weiter für Weber“, sagte Zander. Die Brüdergemeinde wies das zurück. …

Nach Angaben des Betroffenen-Netzwerks werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er bis 1980er Jahren in deren zwei Kinderheimen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein. Ob es tatsächlich zu dem geforderten Krisentreffen kommt, war zunächst nicht absehbar.«[6]

 

Man sagt, die Hoffnung sterbe zuletzt. Hier sieht es nach einem langen Würgetod aus.

[1] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.missbrauchsfall-korntal-rechtsanwalt-ulrich-weber-lehnt-zusammenarbeit-ab.ca296589-346e-4655-ad50-778bef7c75e5.html

[2] http://www.swr.de/swraktuell/bw/missbrauchsfaelle-in-korntal-aufklaerung-verzoegert-sich-weiter/-/id=1622/did=18999174/nid=1622/1yhc7ht/

[3] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-bruedergemeinde-ulrich-weber-wirft-in-korntal-hin.d7619177-34c4-4648-a9bf-501d60334fc4.html

[4] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-korntal-die-kuer-webers-scheitert-an-den-pietisten.5ff393ec-2b0d-49d7-8dc6-2848b9d682af.html

[5] http://www.epd.de/landesdienst/landesdienst-s%C3%BCdwest/jurist-weber-nicht-zur-aufkl%C3%A4rung-von-missbrauch-korntal-bereit

[6] http://www.zvw.de/inhalt.korntal-missbrauchsopfer-fordern-krisengespraech-mit-kirchenfuehrung.12d5e93f-d3c8-4a3a-8796-3fc827fee3b9.html

Die geschickt taktierenden und unbeugsamen Brüder von Korntal

Sie kegeln den zur Wahl stehenden Regensburger Rechtsanwalt Weber aus dem Verfahren, wenn nicht doch noch ein Wunder geschieht.

Sollten sie Einsicht entwickeln und Sinn für Fairness, wäre es wohl ein Wunder.

 

Hier die beiden Pressemitteilungen.

pmvork12-02-2017   gerald-kammerlvors-pm213-02-2017

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Zwölftes Kapitel

Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

Ihr Armleuchter! dachte ich nur. Ich wusste ganz genau in welche Richtung ich mich bewegen musste, um eine Suche nach mir scheitern zu lassen. In Leipzig, noch dazu in Zoonähe, kannte ich mich bestens aus. Ich verschwand gut sichtbar für die Erzieher im nahe gelegenen Gebüsch in Richtung Zoo. Kurz davor jedoch schlug ich in Hasenmanier einen Haken. Jetzt, vom Heimgelände aus nicht mehr sichtbar zu erkennen, ging ich auf dieses direkt wieder zu. Ich wusste von der Brücke in der Nähe. Diese überquerte ich fast zur gleichen Zeit wie die Polizei bei dem Heim eintraf. Aber damit befand ich mich auch schon in deren Rücken. Soll­ten sie mich doch im Zoo-angrenzenden Wald suchen. Das Heim war wie beschrieben am vorderen Eingang mit einer hohen weißen Mauer umgeben. Eine relativ schmale Straße führte von der Brücke her kommend dorthin. Genau gegenüber allerdings begann schon eine größere Gartenkolonie. Wie jeder weiß, kannte ich mich in Leipzigs Gartenkolonien bestens aus.

Also, während die Vopo’s sich im Heim Informationen holten, saß ich schon längst auf einem Laubendach und beobachtete von meinem Logenplatz aus die Aktivitäten der Bullen.

Sollten sie mich doch bei meiner Mutter suchen, nachdem sie mich weder im Wald noch im Zoo gefunden hätten.

Frechheit siegt, sagte ich mir.

Ich schwöre, ich hatte bis dahin weder einen Krimi gelesen, noch im Kino gesehen. Alles was ich so professionell (?) tat war einfach nur eine Eingebung aus dem Moment geboren. Ein guter Schlagballwerfer hätte ohne weiteres einen Ball von „meiner Laube“ aus über die Heim­mauer werfen können. Nachdem die Polizei wieder abgezogen war, um die Suche nach mir aufzunehmen, kroch ich vom Laubendach herunter, um mich auf einem Sofa in der Laube selbst von meinen Strapazen zu erholen. Von meiner letzten Flucht (Berlin, Sie erinnern sich?) hatte ich immer noch einen Notgroschen bei mir. Zwischen den Knöpfen meines Hosen­schlitzes hatte ich einen kleinen Einschnitt mit einer Rasierklinge gemacht und in dieser so entstandenen Tasche hatte ich 20 Mark versteckt. Das hatte ich von je her bei jeder meiner Hosen gemacht und war so somit durch alle Filzen gekommen. Frechheit siegt, sagte ich mir, und ging abends gegen 21 Uhr einfach in ein Restaurant und gab meine Bestellung auf. Moch­ten die anwesenden Gäste denken was sie wollten. Ich hatte Kohldampf! Übrigens hatte ich solche Restaurantbesuche gemacht, ohne jegliche Beanstandung noch zu den guten Zeiten, wenn meine Geschäfte mal wieder gut gelaufen waren. Ich war dann ins Theater gegangen, hatte mir, ich weiß gar nicht mehr wie oft, den Diener zweier Herren[1] angesehen, sowie Egmont[2] oder Hamlet. Niemals erregte ein 11-13 jähriger besonderes Aufsehen, wenn er nach der Theatervorstellung (ca.23 Uhr!) noch in einem Restaurant auftauchte.

Man säuft eben kein Bier während der Arbeit.

Vor genau diesem Lokal stand am nächsten Morgen, als ich mich auf dem Laubensofa gut ausgeruht, und im Bewusstsein meiner Freiheit auf dem Weg zu meiner Schwester machte, ein Brauereiauto. Der Fahrer hatte dummerweise, aber nur für ihn selbst dummerweise, während er im Lokal sein verdientes Trinkgeld vom Wirt in Form eines Bierchens gleich vertrank, welches ich ihm natürlich von Herzen gönnte, also, er hatte die Fahrertüre offen gelassen. Nein, nicht nur nicht abgeschlossen meine ich damit, sondern richtig weit offen gelassen. So sah ich an der Rücklehne seines Fahrersitzes eine größere Tasche hängen. Ähnlich wie sie die damals noch kassierenden Straßenbahnschaffner trugen[3]. Darin waren, wie ich aber erst später feststellte, erstmal musste ich mir die Tasche greifen und ein Stück damit weg sein, darin waren alle Einnahmen der Tour, die er bisher abgefahren hatte. Ein­schließlich der Lieferscheine der noch zu beliefernden Kunden. Mit dem Geld konnte ich schon etwas anfangen, Lieferscheine aber brauchte ich nicht. Wollte ja auch nicht seine weitere Arbeit behindern. Nachdem ich das Geld fein säuberlich auf meine Taschen verteilt hatte, brachte ich die für mich aber nicht für den Fahrer nutzlos gewordene Tasche wieder zum Auto zurück. Er wird sich wahrscheinlich beim nächsten Kunden gewundert haben, dass noch alles in seiner Tasche war, nur eben das Geld fehlte. Sollte er sich doch seinen Kopf darüber zerbrechen, wie das möglich war. Man säuft eben kein Bier während der Arbeit. Schon gar nicht, wenn man auch noch Auto fahren muss. Sollte er das eben als Bußgeld dafür verbuchen. Er hätte sich das Trinkgeld ja anders geben lassen können, um es dann nach Feier­abend zu verprassen. Wo doch soviele Ganoven in der Welt herumlaufen, lässt man doch nicht einfach sein Geld so offen im Auto rumhängen. Du mein Bierfahrer hattest dein Auto in Gegenrichtung zum Verkehr und halb auf dem Bürgersteig stehend geparkt. Alles Verkehrs­ver­gehen, die ein Bußgeld erfordern. Ich jedenfalls auf dem Trottoir gehend kam an deinem Auto kaum vorbei. Die offenstehende Wagentüre versperrte mir den Weg vollends. Was hast du dir nur dabei gedacht? Ich musste ja zwangsläufig auf deine Geldtasche aufmerksam wer­den. Dieser Einladung konnte ich nicht widerstehen. Du wirst es schon irgendwie verkraftet haben, wie ich, dem man sein Auto im Laufe der Zeit mehrmals aufgebrochen und ausgeraubt hat. Vielleicht war es ja sogar einer deiner Söhne. So wäre dann eben ausgleichende Gerech­tig­keit geschehen.

Meine Schwester war zwischenzeitlich unweit meiner Mutter in eine eigene Wohnung gezo­gen. Sie war mit einem Leutnant der NVA[4] verheiratet und hatte auch schon zwei Kinder. Wir waren eine Familie, in der Zusammenhalt noch groß geschrieben wurde. Die Kriegs – und Nachkriegszeiten, die wir auf der Flucht gemeinsam durchgemacht hatten, verbanden uns sehr stark. Ihr Mann sah es natürlich nicht besonders gerne, dass ich mich bei ihnen aufhielt, bes­ser gesagt versteckte. Soviel ich mitbekam, drohte meine hübsche Schwester ihm mit Liebes­entzug im Falle, dass er sich gegen ihren Bruder stellen würde. Er machte gute Mine zum bösen Spiel und beließ es dabei. Seiner Karriere hat es nicht geschadet. Als ich 1990 bei ihm in Leipzig zu Besuch war, hatte er es jedenfalls bis zum ABV[5] geschafft. Genau in Reudnitz, dem Stadtteil, wo er mich damals immer beherbergen musste, wenn ich mal wieder „Urlaub“ aus einem Heim genommen hatte.

Jetzt komme ich etwas durcheinander. Ich glaube die NVA gab es 1953 noch gar nicht[6]. Es muss wohl die KVP, die Kasernierte Volkspolizei[7] gewesen sein, deren Uniform und Rangab­zeichen er damals trug. Nur, mein Schwager war nicht kaserniert. Er ging am Morgen zum Dienst aus dem Haus und kam am Abend wieder. Jedenfalls war ich in der Wohnung meiner Schwester so sicher wie in Abrahams Schoß. Meine Mutter ergriff trotzdem immer besondere Vorsichtsmaßnahmen bevor sie mich besuchte. Erst wenn sie sich sicher war, nicht verfolgt worden zu sein, kam sie in die Wohnung meiner Schwester und schloss mich weinend in ihre Arme.

Tagsüber war ich sowieso immer auf Trebe[8], ging meinen Geschäften bei den Russen nach. Ich konnte tun und lassen was ich wollte. Fernsehen hielt einen zu damaligen Zeiten noch nicht von nützlichem Tun ab. Ich las viel. James Cook[9], „Mit vollen Segeln um die Welt“, hatte es mir besonders angetan. Mein Gott, dass war Freiheit und Abenteuer pur.

Ganoven sind der Polizei immer einen Schritt voraus.

Ansonsten war ich immer in Action. Die Polizei schien es zu nerven, dass sie mich nicht aufgreifen konnte. Jetzt durchsuchten sie auch schon regelmäßig Keller und Dachboden bei meiner Mutter. Sogar nachts standen sie sich ihre Plattfüße noch platter vor Mutters Haus. Sollen sie doch, dachte ich mir, wenn meine Mutter davon berichtete. Meine Mutter kam nun langsam zu der Einsicht, dass es wohl das Beste sei, wenn ich mich in den Westen zu meinem Vater absetzen würde. Ich bekam von Mutter auch noch einen Tipp, wie das zu bewerk­stelli­gen sei. Aber noch bevor ich von diesem Tipp Gebrauch machen konnte (vorläufig!) trat etwas ein, was meine Zukunftspläne wieder einmal zunichte machte. Bei der Zivilpolizei war eine kleine findige Person, die meine Akten anscheinend gut studiert hatte, auf einen besonde­ren Dreh gekom­men, wie man meiner habhaft werden konnte. Ich sage ja immer, die Ganoven sind der Polizei immer einen Schritt voraus. Die Polizei kann zunächst immer nur reagieren. Irgendwann jedoch lernen auch die dazu. In meinem Fall war es eine weibliche Person, die sich meine Akten etwas genauer angesehen hatte. Hatte auch folgerichtig ihre Schlüsse gezo­gen. Deswegen war ich dann auch eines Tages ganz schön überrascht, als mir in der Nähe des Rathauses, ich war gerade mit einem russischen Offizier am Verhandeln, jemand eine Hand auf die Schulter legte. Eine weibliche Stimme, wirklich sehr freundlich, sagte: „So Mischa (das war mein Spitzname bei den Russen), dann wollen wir mal!“ Der Offizier, der brennend daran interessiert war, etwas durch mich zu erwerben, was es nur in Leipzig zu erwerben gab, dafür war er schließlich eigens von Wittenberge nach Leipzig gereist, wollte es nicht wahr haben, dass mich diese freundliche Person einfach von seiner Seite zog. Ich brauchte ihm auch gar nicht zu dolmetschen, weswegen man unser Geschäft platzen ließ. Die weibliche Zivil­polizistin wies sich als solche aus und sprach dabei ebenso gut russisch wie ich auch. Der Offizier zog notgedrungen den Schwanz ein, als er mit dem Polizeiausweis konfrontiert wurde. Schließlich wusste er, dass der Erwerb von französischem Samt oder Schweizer Uhren etc. illegal war.

Ich bedauerte es genauso wie der Russe, dass aus unserem Geschäft nichts mehr wurde. Für die Provision, die ich bei diesem Geschäft bekommen hätte, so hatte ich mir schon im stillen ausgerechnet, hätte meine Mutter länger als eine Woche im Akkord als Trümmerfrau arbeiten müssen. „Scheiße!“ dachte ich nur, jetzt geht die ganze Prozedur mit einer Heimeinweisung wieder von Vorne los. Freiheit Ade.

Ich feierte meine erneute Verhaftung ganz legal mit einer hübschen Frau.

Zunächst aber nahm die Festnahme zivile Formen an. Eine ganz neue Masche der Polizei? Ich dachte angestrengt darüber nach, welcher Pferdefuß dahinter stecken mochte. Wollte das Weib mich nur in Sicherheit wiegen, damit ich keinen Fluchtversuch unternahm, wobei sie sich nicht sicher zu sein schien, wer von uns beiden der schnellere war? Es gab gar keinen Pferdefuß. Ich durfte mir das Lokal aussuchen, wo die Frau mit mir in aller Ruhe über meine Probleme reden wollte. Ohne diesen polizeiüblichen bösen „du-Früchtchen- Blick“ lächelte sie auch noch bei meinem Wunsch, in Auerbachs Keller[10] gleich hinter uns in der Mädler Passage zu gehen. Da wurde doch der Hund in der Pfanne verrückt. Sanft aber bestimmt sich bei mir einhakend steuerte sie mit mir das Kellerlokal an.

In dieser Umgebung, wo ich schon des öfteren mit Offizieren diverse Geschäftsabschlüsse gefeiert hatte, fühlte ich mich besonders wohl. Ich fand es in dem Lokal besonders anhei­melnd. Wusste ich doch, dass schon Goethe hier gesessen und an seinem Faust geschrieben hatte.[11] Trotz meiner geringen Größe und meines Alters war ich doch bereits empfänglich, was die Schönheit einer Frau betraf. Diese Frau, deren Namen ich aus verständlichen Gründen nicht nennen möchte, faszinierte mich. Erstens weil sie eine Schönheit ausstrahlte, die mich in ihren Bann zog, zweitens weil die Frau mit mir zu reden verstand, mich als vollwertigen Men­schen behandelte. Ich wollte ihr Budget nicht strapa­zieren, ich hatte ja immerhin in der letzten Zeit wirklich gute Geschäfte abgeschlossen. Auch an diesem Tage schon vor meiner Fest­nahme. Mit hochgezogener Augenbraue, unnachahm­lich wie sie das machte, warf sie mir einen prüfenden Blick zu, und erklärte sich schließlich bereit, sich von mir einladen zu lassen. Ich ließ so ziemlich das Beste auffahren, was das Restaurant zu bieten hatte. Bald schon, so glaubte ich, würde ich mich wieder mit der eintönigen Heimkost begnügen müssen. Also feierte ich ganz legal meine erneute Verhaftung mit einer für meine Begriffe hübschen Frau.

Wie? Noch nie etwas von einem Mini-Playboy gehört? Mit Galgenhumor sagte ich ihr, dass dies wohl wieder einmal meine Henkersmahlzeit sein würde, bevor es wieder an den Einheits­fraß in irgendeinem Heim ging. Da legte dieses Wesen von einer Frau mir doch, wie ich es später noch oft in Filmen sehen sollte, eine Hand auf die meine: „Es wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird, Mischa! Es ist richtig, dass wir dich gesucht haben, aber wir haben dennoch ein Problem mit dir. Wir können vorerst kein Heim für dich finden, welches bereit wäre dich aufzunehmen!“ Na, dass war doch mal eine gute Nachricht, schoss es mir durch den Kopf. „Frei rumlaufen, bzw. bei deiner Mutter, die offensichtlich keine Macht über dich Rumtreiber ausüben kann, können wir dich aber auch nicht lassen!“ schickte sie aller­dings gleich einen Dämpfer hinterher. So jetzt kam wohl auch gleich der Pferdefuß zum Vor­schein. Ich schluckte. Ich muss gestehen, mir wurden die Augen feucht. Sie müssen wissen, dass ich trotz des widersprüchlichen Lebens eine sensible Ader habe. Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

Nur selten, dass man mich sprachlos erlebte. Der Frosch in meinem Hals war diesmal schuld daran. Die Frau verstand es, auf meine Stimmung einzugehen. Sie ließ mir etwas Zeit bevor sie fortfuhr. Wie sie so meine Hand in der ihren hielt und mit dem Daumen meinen Hand­rücken streichelte, ging es mir bald wieder besser. Nur mein Herzklopfen blieb. Woher dieses Herzklopfen herrührte? Weiß der Teufel. Mephisto möge mir verzeihen. Dieser stand ja gleich vor dem Abgang zu diesem Restaurant. Allerdings nur in Bronze.[12] Aber wer konnte schon wissen … wenn man den Teufel anrief?!

Die Frau erklärte mich für verrückt, als ich ihr meinen Wunsch, mein Bedürfnis vortrug. Als Erwachsene, erst recht als Polizistin, hatte sie strickt etwas dagegen zu haben. Als Mensch aber, der sich in meine Lage versetzen konnte, drückte sie ein, nein beide Augen des Gesetzes zu. Sie selbst orderte beim Ober. Als dieser das Glas brachte, stürzte ich die 100 Gramm Wodka in einem Zuge, wie ich es bei den Russen gelernt hatte, hinunter. Ein anerkennender Blick meines Gegenübers ging mir durch Mark und Bein. Oder war es doch nur der Wodka, der heiß durch meine Adern floss? Stilgerecht stopfte ich zwar gleich ein Stück Weißbrot hinter­her, welches angeblich den Alkohol aufsaugen sollte damit er nicht so schnell ins Blut über­ging, wie man mir beigebracht hatte. „Ich verstehe gar nicht, warum du so aufgeregt bist. Du hast doch gar keine Veranlassung dazu. Hör doch erstmal, was ich dir zu sagen habe,“ beruhigte sie mich, als gerade der Hauptgang – Wildschweinkeule mit Preiselbeeren serviert wurde[13]. Ein zünftiger Rotwein gehörte natürlich zu solch einem Essen. Was auch von der Polizistin akzeptiert wurde. Schade, dass sie während des Essens ihre Hand von der meinen nehmen musste. Diese Geste hatte so ein nie dagewesenes angenehmes Gefühl in mir erzeugt. Schon vor dem Wodka war es mir dabei ganz warm ums Herz geworden. Keineswegs mit der tröstenden Hand meiner Mutter zu vergleichen. Nein. Ein ganz anderes Gefühl hatte mich dabei beschlichen. Das vorhergegangene Forellenfilet – in Auerbachs Keller und der Messestadt Leipzig gab es so etwas! – hatte den Hunger gerade mal so eben angekratzt. Jetzt während mein Gebiss dem Wildschwein den Garaus machte und sich mein Magen zu füllen begann (bei vollem Magen verhandelt es sich bekanntlich besser), kam die Frau mit ihrem Vorschlag heraus, den sie mir zu machen hatte. „Mischa, ich habe schon mit meinem Mann gesprochen, er ist übrigens auch bei der Polizei, („Aha!“) und wir haben uns folgendes überlegt …

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Diener_zweier_Herren

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Egmont_(Goethe)

[3] Wer’s nicht mehr kennt, so sahen die aus:        strasenbahnertasche

[4] Nationale Volksarmee https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Volksarmee

[5] Abschnittsbevollmächtigter https://de.wikipedia.org/wiki/Abschnittsbevollm%C3%A4chtigter

[6] Stimmt. „Die Nationale Volksarmee (NVA) war von 1956 bis 1990 die Streitkraft der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).“ https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Volksarmee

[7] „Die Kasernierte Volkspolizei (KVP) war der militärische Vorläufer der Nationalen Volksarmee der DDR.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Kasernierte_Volkspolizei

[8] Hier nur im Sinne von „sich herumtreiben“ http://umgangssprache_de.deacademic.com/26403/Trebe

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/James_Cook

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Auerbachs_Keller

[11] Faust, In Auerbachs Keller: Uns ist ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen!

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Auerbachs_Keller#/media/File:Auerbachs_Keller_Bronzegruppe_Faust.jpg

[13] Schulz: (hatte ich aus Rache für die Jagd bestellt, welche seine Verwandtschaft auf mich veranstaltet hatte, als ich sie vom Kartoffelacker vertreiben wollte.)

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

 

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

 

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

 Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

 Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/

PDF: 11-losgelost-von-der-erde

 Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/

PDF: 12-suser

Wie geht es weiter?

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg

 

Orthodoxe Prügel, eine Herausforderung für die Ökumene?

Es darf misshandelt werden, alles bleibt in der Familie, soweit das Opfer keine sichtbaren Schäden erleidet oder mehr als einmal im Jahr verprügelt wird. Gewalttaten in der Familie werden in diesem Fall lediglich als Ordnungswidrigkeit behandelt und mit einem Bußgeld von umgerechnet bis zu 470 Euro bestraft. Bislang waren dafür Strafen von bis zu zwei Jahren Gefängnis vorgesehen. … 380 der 450 Duma-Abgeordneten stimmten in Moskau in dritter Lesung für das Gesetz, nur drei Abgeordnete mit Nein. Der Text muss noch den Senat passieren, bevor es von Präsident Wladimir Putin unterzeichnet werden kann. Der hatte bereits seine Zustimmung signalisiert… In der russischen Gesellschaft ist häusliche Gewalt weit verbreitet. Eine aktuelle Umfrage ergab, dass 19 Prozent der befragten Russen der Ansicht sind, dass Gewalt gegen Kinder oder Partner unter gewissen Umständen akzeptabel ist.[1]

Weder schön, noch gut. Das Abstimmungsergebnis lässt tief in die russische Seele blicken und bestätigt die Redensart: Mein Mann liebt mich nicht mehr, er hat mich schon vier Wochen nicht geschlagen.[2]

Ist es unter diesen Umständen erstaunlich, dass auch die Russische Orthodoxe Kirche zu den Lobbyisten des Gesetzes gehört?[3] Sie betrachtet die körperliche Züchtigung als einen traditionellen Vorzug russischer Kindererziehung. Die gleiche Auffassung vertritt die konservative Volksfront „Allrussischer Elternwiderstand“, die obendrein davor warnt, leichte körperliche Bestrafungen, die für Kinder oft nützlich und vollkommen unschädlich seien, mit elterlicher Grausamkeit zu verwechseln. Tatjana Borowikowa, die tiefgläubige Leiterin von „Viele Kinder, das ist gut!“ (einer Vereinigung kinderreicher Familien), bezeichnet es gar als elterliche Liebesbezeugung, ein Kind zu verdreschen, wenn es etwas geklaut oder pornographische Videofilme geschaut hat. [4]

 

Die Russische Orthodoxe Kirche ist Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen[5], wenn auch die Orthodoxen Kirchen eine gewisse Distanz halten.[6] Es geht dabei nicht nur um den „westlichen Lebensstil“, sondern um Menschenrechte.

Damit hat die Russische Orthodoxe Kirche grundlegende Probleme. Sie distanziert sich in ihren ökumenischen Kontakten von anderen Kirchen, deren Amtsträger nicht im Einklang mit russisch-orthodoxen Vorstellungen über die Rollen von Männern und Frauen leben.[7]

In der „Russische[n] Erklärung der Menschenrechte“ werden diese an zusätzliche Grundlagen gebunden. Dort heißt es: „Die Rechte und Freiheiten des Menschen können nicht getrennt werden von Verantwortlichkeit und Zurechenbarkeit. Bei der Verfolgung seiner Interessen ist das Individuum angehalten, dies in Korrelation mit den Interessen seiner Nachbarn, seiner Familie, seiner Gemeinde, seiner Nation und der Menschheit zu tun. Und weiter: …….Es ist gefährlich „Rechte“ zu „erfinden“, die ein Verhalten legalisieren, das von der traditionellen Moral und allen historischen Religionen mißbilligt wird. [8]

Die traditionelle Moral kann vieles umfassen, würde notfalls auch die Blutrache legitimieren. Im Ansatz unterscheidet sich die Russische Erklärung der Menschenrechte nicht von der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam.[9] Hier wie dort stehen die Menschenrechte unter Vorbehalt, im Islam ist es die Geltung der Scharia; z.B. „Artikel 7 definiert Rechte zwischen Kindern und ihren Eltern. Eltern steht das Recht auf die Wahl der Erziehung ihrer Kinder nur in dem Umfang zu, wie diese mit den „ethischen Werten und Grundsätzen der Scharia übereinstimmt“. [10]

Die Russische Orthodoxe Kirche meint einen feinen Unterschied machen zu können zwischen Menschenrechten und Menschlichkeit.[11] Dabei will sie ein „besonderes Augenmerk legen auf das Schützen der Rechte von Kindern.“ Ein Hohn angesichts der Zustimmung zur Gewalt in der Familie.

Es wird in Russland also weiter misshandelte Kinder geben, misshandelte Frauen und eheliche Vergewaltigungen, so lange es keine bleibenden Schäden gibt.

 

Sollte der Ökumenische Rat der Kirchen der russischen Orthodoxie nicht deutlich entgegen­treten, auch auf die „Gefahr“ hin, dass die ihre Mitgliedschaft aufgibt? Menschenrechte sind unteilbar und auch nicht ökumenisch zu verwässern.

Meine Meinung: Schmeißt sie raus.

Fußnoten

[1] http://www.deutschlandfunk.de/russland-schlaege-zu-hause-nur-noch-eine-ordnungswidrigkeit.1818.de.html?dram:article_id=377480

[2] In Russland werden jedes Jahr 12.000 Frauen von ihrem Partner oder Verwandten getötet, 36.000 werden täglich verprügelt. Die meisten von ihnen reden allenfalls mit Freunden darüber. Nur wenige gehen zur Polizei. Die meisten fürchten, das mache die Lage nur schlimmer. Eine Frau aus dem zentralrussischen Orjol, die im vergangenen November die Polizei anrief, weil ihr Exfreund sie bedrohte, bekam zu hören, man werde nur kommen, wenn sie umgebracht würde – was dann auch geschah. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/soll-haeusliche-gewalt-strafbar-sein-russland-diskutiert-14826380.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

[3] s. Anmerkung 1

[4] s. Anmerkung 1

[5] Der Ökumenische Rat der Kirchen / ÖRK (auch Weltkirchenrat; englisch World Council of Churches, WCC) wurde am 23. August 1948 in Amsterdam gegründet[1] und gilt seitdem als zentrales Organ der ökumenischen Bewegung. Er ist ein weltweiter Zusammenschluss von 348 Mitgliedskirchen (Stand: 2016) in mehr als 120 Ländern auf allen Kontinenten. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kumenischer_Rat_der_Kirchen,

[6] Die Orthodoxen Kirchen haben den ÖRK u.a. wegen der von ihnen empfundenen Dominanz von liberal-protestantischen Themen wie Frauenordination und positive Bewertung der Homosexualität in den letzten Jahren mehrmals scharf kritisiert, haben sich aber zunächst zur Fortführung ihrer Mitgliedschaft entschieden. s. Anmerkung 4

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Orthodoxe_Kirche#Im_neuen_Russland

[8] beschlossen beim X. Weltkonzil des Russischen Volkes in der Christus-Erlöser-Kathedrale zu Moskau vom 4. bis 6. April 2006, https://antifo.wordpress.com/2009/03/14/russische-erklarung-der-menschenrechte/

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Kairoer_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte_im_Islam

[10] s. Anmerkung 9.

[11] Die Verwendung von Doppelstandards im Bereich der Menschenrechte weisen wir zurück … Wir sind bereit zur Kooperation mit dem Staat und allen wohlmeinenden Einrichtungen, um die Rechte der Menschlichkeit zu schützen.

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Elftes Kapitel

Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

Fast drei Jahre lang hatte ich der Leipziger Polizei ein Rätsel aufgegeben. Dabei hatten sie den so fieberhaft Gesuchten schon einige Male in ihren Händen gehabt. Aber ich will nicht vorgreifen, bzw. zurückgreifen auf die Zeit vor dem 17. Juni, meiner Verhaftung. Von Dresden (Moritzburg) nach Leipzig ging es diesmal bedeutend schneller. Wir brauchten unterwegs ja auch nicht mehr alle Nase lang anhalten und Holz in den Ofen werfen. Auf dieser Fahrt hatte ich die Sächsische Schweiz zu meiner Rechten und die Meißner Burg zur Linken. Die Gegend in Leipzig, wo wir dann schließlich vor einem für meine Begriffe schicken Gebäude anhielten, kam mir sehr bekannt vor. Richtig, gar nicht weit davon entfernt war ja der Leipziger Zoo. Niemals hätte ich vermutet, dass sich hinter dieser überdimen­sio­nalen hohen Mauer, ganz in Weiß wie das dahinterliegende Haus, ein Kinderheim verbergen könnte.

Meine Akte musste mir schon vorausgeeilt sein. Ohne dass meine Begleiter viel Worte mach­ten, wurde ich ziemlich frostig in Empfang genommen. Mit einem „Na, du Früchtchen-Blick“ wurde ich übernommen. „Auch dich werden wir kirre kriegen!“ mit diesen Worten wurde ich in eine kleine Dachkammer gesperrt. Innerlich musste ich denen schon Recht geben. Es war eine Strafe für mich, so isoliert von allen anderen die langen Tage zu verbringen. Ich erdrei­stete mich nach einem Buch zu fragen.

„Du ? Ein Buch? Du musst erstmal zur Besinnung kommen, in dich hineinhorchen. Damit hast du genug zu tun!“ wurde ich mit meinem Begehren schroff abgewiesen.

Eine uralte Zeitung fand ich dann unter der Matratze. Was ich da las, kannte ich schon vom Museum im Leipziger Rathaus her. Es ging in einem der Artikel darum, der friedliebenden DDR-Bevölkerung aufzuzeigen, welche Barbaren doch die Amerikaner seien. Hatten sie dem armen koreanischen Volke nicht die Kartoffelkäfer beschert? Bombenähnliche Hohlkörper waren im Museum zu sehen und Bilder mit abgefressenen Kartoffelstauden. Diese Bomben hatten angeblich die bösen amerikanischen Bomberpiloten über Koreas Äcker abgeworfen. Im Geographieunterricht hatte ich zwar gelernt, dass in der dortigen Region Reis die Hauptnah­rung sei, aber wer würde sich schon über solche Kleinigkeiten aufregen? Hauptsache war doch, dass man den bösen Amis wieder eine frevelhafte Tat unterjubeln konnte. Außer diesem und anderen weitaus schwerer verständlichen Artikeln hatte ich nichts, womit ich mich hätte ablenken können. Von meinem winzigen Dachkammerfenster aus hörte ich in den Schulpau­sen[1] draußen manchmal die Kinder toben. Wenn ich Glück hatte erhaschte ich auch mal einen Blick auf eines der Kinder, wenn sie sich ganz in der Nähe der Mauer aufhielten. Das Haus selbst schloss genau mit der etwa 5 Meter hohen Mauer ab. Außer gelb und rot werdenden Laubbäumen gab es für mich nichts weiter zu sehen.

Ich wollte von allem etwas lernen, um später einmal ein guter Erwachsener zu werden.

Dreimal am Tage bekam ich einen Erzieher oder Erzieherin zu Gesicht. Nur um mir das Essen reinzureichen wurde die Türe kurz geöffnet. Morgens und abends jeweils zwei Scheiben Brot mit an dem Gaumen kleben bleibender Braunkohlemargarine[2] bestrichen und dem obligato­rischen Malzkaffee. Erbswurstsuppe wechselte sich mit Steckrüben oder Kohlsuppe ab. Die Kohlsuppe z.B. war derart eingebildet, dass sie einen noch nicht einmal mit einem Fettauge anguckte. Immer wenn es Kartoffeln gab wusste ich, dass Sonntag war. Dazu ein Stück Bauch­fleisch oder eine Frikadelle. Der Nachtisch: eine Scheibe angebratnes Stück Weißbrot, etwas Vanillesoße drüber rundeten das Sonntagsessen ab. Ich war glücklich, als ich eines Tages außen auf dem Fenstersims versteckt einen Stummel Kopierstift fand. Damit hielt ich meinen Geist auf Trab. Ich begann Zahlen zu addieren, subtrahieren und dividieren. Das alles machte ich an der ölgestrichenen Wand. Wahrscheinlich bin ich heute noch so gut im Kopfrechnen.

Nach drei Wochen wurde ich zum ersten Mal aus meiner Abgeschiedenheit herausgeholt. Ich wurde einem vierköpfigen Lehrerkollegium vorgeführt. Dieses sollte prüfen, ob ich nach dem langen Schulausfall in der Lage wäre, mit dem Stoff der 6. Klasse mithalten zu können. Von der sechsten Klasse hatte ich ja noch nicht einen einzigen Tag Schule mitbekommen. Schon in der fünften Klasse hatte ich maximal an der Hälfte der vorgeschriebenen Schultage teilge­nom­men, und dennoch ein Versetzungszeugnis erhalten. Also an den Fehltagen der sechsten Klasse trug ich ja nun wirklich keine Schuld. Offensichtlich konnte ich die Pädagogen davon überzeugen, dass es sich erproben ließe, in die sechste Klasse eingewiesen zu werden. Sollte sich mein Niveau nach der Hälfte des Schuljahres nicht bestätigen lassen, so drohte man mir an, mich wieder in die fünfte Klasse zurück zu versetzen. Mir sollte das recht sein.

Im Gegensatz zu den Heimen, die ich bisher kennengelernt hatte (Westberlin-Aufenthalt ausgenommen), war hier alles picobello sauber und adrett. Schlafräume nur mit 4 oder 6 Jungs belegt. Sogar richtige Duschräume gab es hier. Solch einen Luxus hatte ich ja noch nicht einmal Zuhause gehabt. Dort wurde am Samstag noch die Zinkbadewanne mit Wasser gefüllt, wo wir dann alle drei (meine Schwester, meine Mutter und ich) nacheinander unser wöchentliches Vollbad nahmen.

Das Kämpferherz entschied einen Kampf.

Einiges musste bei meinen neuen Heimkollegen schon durchgesickert sein was meine Person betraf. Irgendwie wurde ich mit einer gewissen Ehrfurcht angesehen und auch so behandelt. Dafür stellten Erzieher wie auch Lehrer besondere Ansprüche an mich. Das störte mich aber keineswegs. Ich war ja von Haus aus lern- und wissbegierig. Ich wollte von allem etwas lernen, um später einmal ein guter Erwachsener zu werden. Putzen und Bohnern, Strümpfe stopfen und Sachen flicken, oder ob ich nun dran war: das Scheißhaus, der Gemeinschafts­raum, oder etwas anderes, – ich ließ mich nicht erschüttern. Wenn man in meinem frisch gemachtem Bett noch eine Falte vorfand und das ganze Bett wieder auseinander riß, was sollte es? Ich baute es nochmal, und nochmal! Bei solch kleinlichen Schikanen vergaß ich ganz meine Hasskappe aufzusetzen. Einem der etwas größeren Jungen ging es gegen den Strich, dass ich nun der Hahn im Korb war. Auch wegen der Mädchen. Von denen ich manchmal solche Zettelchen zugesteckt bekam, wo dann drauf stand: „Willst du mit mir gehen?“ Der Bursche begann seine Körpergröße und Kraft gegen mich auszuspielen. Ich wollte eigent­lich nur meine Ruhe haben und mich ganz auf meine neuerlichen Fluchtpläne konzen­trieren. Dabei konnte ich es mir nicht leisten bei den Erziehern unliebsam aufzufallen. Diese hatten sich schon etwas einschläfern lassen und glaubten nun schon fast selbst nicht mehr daran, dass ich so gefährlich sei, wie es aus meinen Akten hervorging. Je mehr ich diesen Kraftprotz links liegen ließ, desto wütender wurde der. Er glaubte anscheinend, dass ich zu feige sei es mit ihm direkt aufzunehmen. Er hänselte und schubste mich sobald ich in seine Nähe kam. Wenn möglich am liebsten, wenn Zeugen in der Nähe waren. Das alles aber ging mir kalt am Arsch vorbei. Ich hatte meine eigenen Pläne, die ich nicht gefährden wollte. Es kann den Ruhigsten dann doch mal was aus der Fassung bringen. Hatte ich mir schon genug von den Erwachsenen gefallen lassen müssen, so musste ich mir nicht auch noch von einem etwa Gleichaltrigen, bloß weil er einen Kopf größer und um einiges schwerer war, wehtun lassen. Vor diesem Bengel ging mir nun doch jeder Respekt ab, den ich vor Erwachsenen immer noch hatte. Nachmittags, draußen auf dem Hof beim Fußballspielen wurde der Kerl auch noch saurer auf mich, bloß weil ich etwas wendiger als er war, ihn ausgedribbelt hatte und mit dem Ball an ihm vorbeizog. Er lief hinter mir her, nahm mich ganz unsportlich in den Schwitzkasten. Wie man sich aus so etwas befreit hatte ich vom Mann meiner Schwester, der Offizier bei der NVA war, gelernt. Ein Fuß hinter dem seinen verhakelnd griff ich ihm urplötzlich fest in die Eier. Seine Arme ließen ganz schnell meinen Hals frei. Um meinem unsanften Griff zu ent­gehen machte er einen Schritt rückwärts, und fiel prompt auf seinen Allerwertesten. Dass die Zuschauer auch noch darüber lachten trug nicht gerade zu seiner Wertsteigerung bei. Er rap­pelte sich wieder auf und wie ein wütender Stier griff er mich wieder an. Damit hatte ich gerechnet. Geduckt, dabei seine Fäuste wie Windflügel gebrauchend, stürzte er sich auf mich. Oder wollte es zumindest mit seinem Gewicht erreichen mich zu Boden zu werfen, wo ich natürlich der Unterlegene sein musste. Ein kleiner Sidestep, ein Griff in seine Mähne, dass Knie hochreißen, sein Nasenbein damit zertrümmern, war Sekundensache. Dafür hatte ich dann aber auch für den Rest meines Aufenthaltes in diesem Heim meine Ruhe. Ich war auch gar nicht weiter rachsüchtig gegen ihn. Bloß hin und wieder, wenn er anderen gegenüber wieder mal den starken Mann rauskehren wollte, trat ich ihm kräftig in den Arsch. Sobald er festgestellt hatte, woher der Tritt gekommen war, wurde er gleich wieder lammfromm. Nicht die Größe und das Gewicht waren bei einem Kampf ausschlaggebend. Das Herz! Das Kämpferherz entschied einen Kampf. Na ja, ein wenig Brutalität gehörte auch dazu, um dem anderen den Schneid abzukaufen. Es gibt eben Typen die nur diese Sprache verstehen. Mir sollte es recht sein. Von mir bekam jeder das was er brauchte. Ich sah einfach nicht ein, dass man sich auf meine Kosten amüsierte.

Mir wurde gleich Platz gemacht.

Der Respekt mir gegenüber bei den Kindern wuchs dann noch etwas, als sie die Bestätigung dafür bekamen, was sie vorher nur hatten munkeln hören. Eines Nachts, ich wurde richtig ungehalten über die Störung meines Schlafes, wurde ich gleich von mehreren Kindern in meinem Bett umringt. Ganz aufgeregt verlangten sie von mir, dass ich in den Dusch- und Waschraum gehen solle. In meinem nachtduseligen Kopf glaubte ich zunächst, dass man mich in eine Falle locken wolle. Da sie alle ziemlich aufgeregt durch­einander redeten, begriff ich gar nicht so schnell, worum es überhaupt ging. Ich drohte ihnen Prügel an, wenn sie mich nicht in Ruhe weiter schlafen ließen. Die aber waren viel zu aufgeregt, als dass sie sich davon abschrecken ließen. Endlich war ich ganz wach. Ich ließ mich von den Kindern in Richtung Waschraum ziehen. Ich war Baff! Da standen doch tatsächlich im Waschraum sieben über­näch­tigte Kinder wie ein einziges Häufchen Elend und ließen sich von den einheimischen Kindern verschüchtert anglotzen. Mir wurde gleich Platz gemacht, als mich die Delegation, die man eigens um mich abzuholen ausgeschickt hatte, in den Waschraum führte.

Wie war das denn möglich? Ich dachte, ich sollte nie mehr mit einem der Kinder aus dem Waldheim zusammenkommen. Und das auch noch mitten in der Nacht. Die fünf Jungen und zwei Mädchen atmeten sichtlich auf, als sie meiner ansichtig wurden. Es war doch immer wieder schön alte Freunde in der Fremde wiederzutreffen. Langsam aber wurde es eng mit den vorhandenen Heimplätzen in der DDR. Diese 7-köpfige Bagage war nur nach Leipzig gekommen, weil es ihnen auch in dem Heim, wo sie nach dem Brand hingekom­men war, nicht besonders gefallen hatte. Sie waren der Meinung gewesen, was einmal so gut geklappt hatte, wäre wiederholungswürdig. Mein erster Gedanke war: Das werden sie dir doch nun nicht auch noch in die Schuhe schieben wollen?

So wie die Erzieher und Lehrer mich am nächsten Tag anschauten, kam es mir so vor als würden sie! Na, sollten sie. Ich war inzwischen Kummer gewohnt. Ich hatte ohnehin nicht vor noch lange hier zu verweilen und noch weitere Kinder zu verderben. Ich hatte längst, allen Unkenrufen zum Trotz, einen Weg gefunden, wie ich auch hier rauskommen konnte. Über die Mauer war schier unmöglich, das stimmte. Vorgänger von mir hatten auch schon versucht, den Pförtner auszutricksen, indem man auf einen Augenblick wartete, wo der Pförtner das Tor für einen Besucher öffnete, um dann zu entwischen. Doch, wie mir schon der Eine aus meiner Dresdner Eskorte erzählt hatte, hatte es bei dem nur für ein paar hundert Meter gereicht. Ich dagegen hatte mir etwas unmöglich Scheinendes ausgedacht. Zwar mit großem Risiko behaf­tet, aber das war mir meine Freiheit wert. Hatten mich die englischen Bomben nicht umge­bracht, die russischen Tiefflieger nicht getroffen, so würde das Glück schon auch diesmal auf meiner Seite sein.

„Hallo Leute, ich möchte euch allen nur noch Tschüß sagen. Ich haue jetzt nämlich ab.“

Wurde das Grundstück an der Vorderseite durch die hohe Mauer unüberwindlich, so wurde die Rückseite von der Schwarzen Pleiße abgegrenzt. Nur ein echter Leipziger, der die Pleiße kannte, konnte ermessen, was das hieß. Brrrr. So eine stinkende Dreckskloake auf der die meiste Zeit halbmeterhoch der weiße Schaum von chemischen Abwässern schwamm. Bloß gut, dass ich hier nicht hatte den Sommer verbringen müssen. Alleine der Gestank schreckte vor einem Überqueren ab. Hinzu kam, dass sich unter dem träge dahin fließendem Wasser eine dicke Schlammschicht befand. Abgesehen davon, dass die Pleiße hier auch eine stattliche Breite von ca. 8 Metern erreichte, schien sie auch ansonsten unüberwindlich zu sein. Selbst wenn man den Ekel überwinden konnte, diese Drecksbrühe zu durchschwimmen, war wohl gewährleistet, dass man mitten im Schlamm stecken blieb. Ich konnte mir eine bessere Art, Selbstmord zu begehen, vorstellen. Aus diesem Grunde war sich die Heimleitung auch sicher, dass es erst niemand versuchen würde, über diese natürliche Grenze zu entwischen. Es wurde den Kindern ja auch immer in regelmäßigen Abständen unter die Nase gerieben, wie gefähr­lich dieser Fluss sei.

Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass eine Gefahr, die man kennt, keine Gefahr mehr darstellt. Ich war weder besonders sportlich noch musikalisch. Das musikalisch erwähne ich nur deswe­gen, weil diese beiden Fächer in der Schule meinen Notendurchschnitt enorm in Mitleiden­schaft zogen. So hatte ich in meinem letzten Zeugnis nur einen Durchschnitt von 2,2. Meine Ernährung in Kindertagen, Katzen, Frösche, Igel, Kohl und Rüben, hin und wieder auch mal ein wenig Pferdefleisch, hatte bei mir keinen besonderen Muskelaufbau bewirkt. Ich war ein leichtgewichtiger Floh. So war ich eigentlich in der Schule immer nur im Hochsprung einer der Besten. Aber das zählte nicht. Für ein Kletterseil oder Bocksprung reichte meine Armkraft bei weitem nicht. Erst bei der Bundeswehr brachte ich es auf fast allen Gebieten zu über­durch­schnitt­lichen Leistungen. Für das, was ich vorhatte, würde meine Sportlichkeit schon ausreichen. Vor allem deshalb, weil ein besonderer Wille dahintersteckte. Der Drang zur Freiheit. Mal wieder in den Armen der Mutter zu kuscheln. Meine Kraft musste ganz einfach ausreichen. Es gab nur diese eine einzige Chance von hier wegzukommen.

Zum Heimgelände gehörte auch ein Garten, der hauptsächlich von den Kindern gehegt und gepflegt wurde. Die Ernte jedoch, so erfuhr ich von den ansässigen Kindern, fuhren die Erzie­her und Lehrer ein. Was machte es da schon, wenn ich mir heimlich eine Bohnenstange stibitzte? Damit diese nicht entdeckt wurde, meldete ich mich freiwillig dazu, das gesamte Laub der Bäume, das in dieser Jahreszeit reichlich anfiel, zusammenzufegen und auf einen Haufen zu sammeln. Zwar löste es bei den Erziehern einige Überraschung aus, dass ausge­rechnet Schulz sich zu einer freiwilligen Arbeit meldete, aber damit hatte es sich auch schon. Man ließ mich gewähren. Es wurde bewilligt. Schon alleine aus dem Grunde, weil es die Jahre vorher immer auf Schwierigkeiten gestoßen war, Freiwillige dafür zu finden. Unter diesem Laubhaufen ließ sich meine eigens dafür ausgesuchte Bohnenstange vortrefflich verstecken. Dies erwähne ich nur deshalb, damit niemand auf die Idee kommt, Schulz wäre auf dem Wege der Besserung oder zu den „Radfahrern“ übergelaufen. Keine Bange, die Geschichte geht weiter! Mit anderen, kürzeren Stangen die nicht so sehr auffielen und irgendwelchen Argwohn hätten hervorrufen können, lotete ich mehrmals, in günstigen Augenblicken, die Schlammschicht der Pleiße aus. Ich machte dann auch eine Stelle aus, wo der Untergrund nicht allzu tief zu spüren war. Durch einige Gegenproben war ich mir der Sache bald sicher. Hier, und nirgendwo anders musste ich meine Stange eintauchen. An einem der letzten schönen Oktobertage des Jahres 1953 verabschiedete ich mich dann auch ganz höflich von meinen Leidensgenossen und natürlich auch von Erziehern und Lehrern, die gerade Hofdienst taten. Doch ja, ich konnte auch ein höflicher Mensch sein. Das bewies ich hiermit allen. Dabei hoffte ich inständigst und mit rasendem Herzklopfen, dass alles so verlaufen würde, wie ich es mir ausgedacht hatte. Ich hatte nur den einen Versuch. Zum Proben hatte ich keine Gelegenheit. Entweder es klappte auf Anhieb oder ich war der Blamierte. Vielleicht aber ersoff ich auch nur ein wenig in diesem Pleißeschlamm. Alles war mir lieber, nur nicht mehr dieses Heimleben! Unter dem schön aufgeschichteten Laubhaufen, der etwas abseits vom Pausenhof lag, zog ich meine Bohnenstange hervor, winkte und rief den verdutzt herüberstarrenden zu: „Hallo Leute, ich möchte euch allen nur noch Tschüß sagen. Ich haue jetzt nämlich ab. Ich finde dieses Heim wie alle anderen zum Kotzen!“ Schon das „Hallo Leute!“ hatte ich laut genug gebrüllt, um mir selbst Mut zu machen, und damit ich auch sicher sein konnte, dass mich alle hören konnten. Alle hielten in ihrer jeweiligen Beschäftigung inne. Alle starrten zu dem Verrückten rüber. Auch die beiden Erzieher und der Lehrer des Hofdienstes. Ich glaube ein mitleidiges Grinsen in ihren Gesich­tern noch erkannt zu haben, bevor ich die Stange zur Hand nahm. Ich hatte nie mehr die Gelegenheit danach zu fragen, was sie bei meiner Ankündigung genau gedacht hatten. Ich hatte etwa 40 Meter Vorsprung. Die Erstarrung ausnutzend, die meine Ansprache – Abschieds­worte – hervorgerufen hatten, griff ich mir meine Stange fester und … nahm Anlauf. Wie eine Hochsprungstange richtig angefasst wurde, hatte ich mir genau gemerkt, als uns mal ein Film der Spartakiade[3] vorgeführt worden war und wo bei mir die Idee geboren wurde, auf welchem Wege ich auch dieses Heim verlassen könnte.

Meinen Anlauf beschleunigend hatte ich nur den einen Gedanken: Nur ja nicht die richtige Stelle verfehlen, wo der Stab ins Wasser getaucht werden musste. Nur ganz verschwommen nahm ich das Gejohle meiner Mitschüler/innen wahr. Mir ist nicht erinnerlich, ob auch Erzieher und Lehrer in dieses Gejohle eingestimmt haben. Ich traf die richtige Stelle. Wie aufgezogen, mich am Stab festklammernd, wurde ich in die Höhe gezogen. „Das geht ja fast wie von selbst!“ dachte ich bei mir. Ich fühlte mich für Sekunden wie beschwingt als ich spürte, dass ich sicher am anderen Ufer anlangen würde. Losgelöst von der Erde, was ja im wahrsten Sinne des Wortes auch stimmte, jauchzte ich innerlich vor Freude. Einerseits weil ich mich der Freiheit näher fühlte, zum anderen weil ich allen anderen wieder mal ein Schnippchen geschlagen hatte. Dieses Gefühl des Triumphes kostete ich dann auch noch richtig aus. Ich landete gar nicht mal so unsanft auf dem gegenüberliegenden Ufer, drehte mich um, stieß beide Fäuste in die Luft und brüllte (was, weiß ich nicht mehr, sofern ich mich überhaupt selbst hörte, weil mein Herz so sehr pochte) meinen Frust heraus, der von mir abgefallen zu sein schien. Die teils blöd dreinschauenden, teils lachenden Gesichter werde ich wahrscheinlich mein Leben lang nicht vergessen, die ich dort auf der anderen Seite des Flus­ses zurück ließ. Die Kinder winkten mir größtenteils freudig erregt zum Abschied, während das erboste Personal lautstark verlangte, dass ich zurückkäme.

Fußnoten

[1] Schulz: (Die Schule war im Heimgebäude integriert, wie fast in allen Heimen.)

[2] Funktionieren müsste das Ganze folgendermaßen: Mittels Kohlevergasung wird aus glühender Kohle und Wasserdampf Synthesegas (Kohlenmonoxid und Wasserstoff) gewonnen. Aus dem Synthesegas gewinnt man mittels des Fischer-Tropsch-Verfahrens Kohlenwasserstoffe (Mineralöl ). Denen wird eine Carboxylgruppe verpasst. Durch Veresterung von Glycerin mit den Fettsäuren (=Monocarbonsäuren) bekommt man ein Fett (Margarine) Guten Appetit http://www.chefkoch.de/forum/2,52,236032/Butter-aus-Kohle.html

[3] Die Kinder- und Jugendspartakiaden waren in der Deutschen Demokratischen Republik … regelmäßig veranstaltete Sportwettkämpfe. Sie sollten Kinder und Jugendliche zu regelmäßiger sportlicher Betätigung anhalten, dienten aber auch der frühzeitigen Erkennung potenzieller Leistungssportler. https://de.wikipedia.org/wiki/Kinder-_und_Jugendspartakiade

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

 Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/

 PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Wie geht es weiter?

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« X

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Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

 

 

Zehntes Kapitel

Bambule[1]

Unsere Erzieher, 3 Männer, zwei Frauen, genossen offensichtlich diese idyllische Ruhe hier am Arsch der Welt. Niemand kontrollierte ihre „Arbeit!“. Sicherlich hatten sie ihre regelmäßi­gen Mahlzeiten, während bei uns gestreckt werden musste, weil die fällige Lebens­mittelliefe­rung wieder mal auf sich warten ließ. Selbst deren Liebesleben schien in Takt zu sein. Wer mit wem, dass hatten wir allerdings nicht so richtig herausbekommen. Hatten doch ihre Behau­sungen ihre Eingänge zur entgegengesetzten Seite. Dass es aber zwischen denen ein reges Liebesleben gab, konnten wir sehr bald selbst anhand von an den schönen weißen Bett­laken feststellen, auf denen die Erzieher sich räkelten. Wir dagegen hatten so ’ne grau-blaue Unterlage, die überall hässliches Hautjucken verursachte.

ein großes Hakenkreuz als Protest

Weil eines der Fenster einer Erzie­he­rin so schön weit offen stand, stieg ich ins Zimmer ein und nahm ihr schönes weißes (jedenfalls zum größten Teil weiß, ansonsten war eben das Liebesleben darauf abgebildet) Bettlaken weg. Ich machte mir keine Gedanken darüber, ob das überhaupt stilgerecht oder gar zeitgemäß war. Mit blauer Tinte (die hatten wir schon) malte ich ein großes Hakenkreuz drauf. Ich will noch nicht einmal beschwören, dass ich die Winkel in die richtige Richtung einzeichnete. Aber als ich mein Kunstwerk aufs Dach brachte, es dort an einer langen Stange befestigte und diese Stange wiederum am Schornstein festband, da erkannte man an der ganzen Art wie ich es tat, dass es als Protest gedacht war. Mir wurde natürlich seitens der Erzieher gleich vorgeworfen, weshalb ich im Heim sei und keine Besserung zeigen würde und bla…bla…bla. Mit seinem Gürtel drohend vor meiner Nase herumfuchtelnd verlangte doch einer der Erzieher tatsächlich von mir, dass ich freiwillig her­un­terkommen solle, um mir eine Tracht Prügel abzuholen. Hielt der mich etwa für blöd? In seiner ohnmächtigen Wut schlug er wild um sich. Das er dabei unglücklicherweise eines der wenigen Mädchen traf, auch ein Heimkind natürlich, das war der Auslöser dafür, was nun geschah. Wütend stürzten sich ein paar beherzte Jungs auf den Erzieher und schlugen nun ihrerseits mit ihren Knüppeln auf ihn ein. So eine feige Memme. Anstatt sich ordentlich zu wehren, begann er schon nach den ersten Schlägen, zu flennen und zu jammern. Jetzt waren auch die Jagdinstinkte und die aufgestaute Wut in den anderen Jungs erwacht. Die vielen kleinen Repressalien kamen in ihnen hoch. Bevor sich die übrigen Erzieher von dem Schock über so etwas noch nie Dagewesenes erholen konnten, waren sie ebenfalls umringt, bekamen Prügel wie sie es nur gewohnt waren welche auszuteilen. Wehe wenn das Tier im Menschen losgelassen wird.

Wehe wenn das Tier im Menschen losgelassen wird

Ich brauchte gar nicht helfend einzugreifen. Von meinem Dach herunter hatte ich einen Logenplatz, um das Geschehen bestens im Auge zu haben.

Ich hätte ohnehin keine Stelle mehr gefunden, wohin ich meinen Stock hätte schwingen kön­nen. Die dichte Traube der übrigen Kinder ließ nur erahnen, wo sich der verhasste Feind befand, wenn ihre Knüppel niedersausten. Nur einer von uns besaß eine richtige, funktio­nie­rende Waffe. Das war ich. Aus dem ganzen verrottenden Zeug hatte ich mit viel Öl und akri­bischer Putzarbeit einen russischen Trommelrevolver, wie sie von den Panzerfahrern benutzt wurden, wieder funktionsfähig gemacht. Diesen Schatz hütete ich wie meinen Aug­apfel. Muni­tion fand man hier allenthalben noch kistenweise. Trotz meiner Hasskappe war ich längst noch nicht blutrünstig. Nur eben, dass mir die Waffe ein Gefühl der Sicherheit und Größe verlieh, durch die ich meine tatsächliche mickrige Körpergröße ausglich.

Es half nichts, dass ich mir die Kehle heiser schrie. Keiner wollte mit dem Eindreschen auf seine Peiniger wieder auf hören. Jeder hatte irgendwie ein persönliches Hühnchen mit den Erziehern zu rupfen. Da meine Mahnungen nicht erhört wurden, zog ich unter meiner Wind­bluse den Revolver hervor und ballerte in die Luft. Nach dem vorhergegangenen Spektakel trat urplötzlich eine fast erdrückende Ruhe ein. Schon alleine die kurze Unterbre­chung ließ in die Köpfe der prügelnden Kinder wieder Besinnung einkehren. Zum Teil verschämt auf ihre Schlag­stöcke schauend, so als fragten sie sich selbst, wie diese in ihre Hände gekommen sein mochten, zum Teil verlegen zu mir heraufschauend lichtete sich das Knäuel etwas. „Findet ihr das nicht ganz schön happig?“ zeigte ich auf die am Boden liegen­den Erzieher. „Naa, Duu has das Gansse doch angefangen!“ sächselte mich von unten einer her an.

Doch das sahen nicht alle so. Es entstand wieder erneut Tumult dort unter mir. Ausgerechnet jetzt und heute kam mal wieder ein Lieferant mit seinem knatternden Opel Blitz aufs Heim­ge­lände gefahren. Der erkannte sofort, was hier vor sich gegangen war. Aus Angst, dass man ihn genauso behandeln würde wie die blutig am Boden liegenden Erzieher, schwang er sich sofort wieder hinter das Lenkrad seines Vorkriegsmodells von Auto und raste im Rückwärts­gang wieder die Auffahrt zurück. Was das zu bedeuten hatte wurde uns allen blitzschnell klar. Selbst die schwerfälligsten Denker begriffen nun, was sie sich da eingebrockt hatten. Ziem­lich kopflos und ohne strategisches Konzept verkrümelten wir uns tiefer in den Wald. Dort waren wir unschlagbar. Dachten wir. Kannten wir doch im weiteren Umkreis jeden Baum und Strauch. Ging ja auch in den ersten Stunden auf unsere Rechnung. Die Polizei kam dann ja auch gleich (gleich, heißt nach etwa zwei Stunden) mit einer Hundertschaft ange­rückt. Einmal ausgebüxte Halbwüchsige, kriegserfahrene Kinder lassen sich nicht so ohne weiteres durch gutes Zureden wieder aus dem Wald locken. Als das nichts an Kindern aus dem Wald hervor­lockte, riefen sie wieder, diesmal mit einem Megaphon, schon etwas bar­scher und rückten gleichzeitig in Schützenlinie in den Wald vor. Natürlich hatten ihnen die zurückge­blie­benen Erzieher unsere Fluchtrichtung angezeigt. Als es der Polizei dann zu bunt wurde auf uns zu warten, begannen sie also den Wald zu durchkämmen. Sie gingen über uns hinweg, traten zum Teil auf uns drauf, gingen in Armlänge an uns vorbei. Die Uniformierten kannten den Wald eben nur als Wald. Wir aber kannten ihn aus dem FF. Dieser Wald war eben unser Wald geworden. Langsam begann der Septembertag zur Neige zu gehen. Jetzt mussten die Vopos schon ihre Taschenlampen zu Hilfe nehmen. Dann begannen sie auch noch auf den LKW Scheinwerfer zu montieren, um den Wald auszuleuchten.

War das ein erhebendes Gefühl. Für mich zumindest.

Immer eindring­licher wurden wir aufgefordert doch endlich aus unseren Verstecken hervor­zukommen. Natür­lich mit dem leeren Versprechen, dass uns ja auch gar nichts passieren würde. Je weiter die Dunkelheit fortschritt, desto deutlicher konnte man aus der Stimme des Sprechers seine Wut heraushören, der sich von ein paar Dreikäsehochs an der Nase herum­geführt sah. Der Kommandant der Hundertschaft schien sich der Lächerlichkeit preisgegeben. War das ein erhebendes Gefühl. Für mich zumindest. Es musste dann später noch jemand ande­res gekommen sein. Die Stimme am Megaphon war eine andere. Diese neue Stimme verlegte sich aufs Einschmei­cheln. Er würde uns ja sehr gut verstehen, man könne doch über unsere Probleme auch in aller Ruhe reden. Es wäre sicherlich so Einiges nicht nach unserer Zufrie­den­heit verlaufen, aber das würde sich doch ändern lassen. Und so’n Zeugs gab er pausenlos von sich.

Nicht alle 70 Kinder hatten solche Nerven wie ich. Auch waren sie anscheinend noch nicht so oft von Erwachsenen, bzw. Polizisten angelogen worden oder hatten deren Lügen nicht als sol­che erkannt, weil eben so geschickt gelogen wurde wie eben jetzt. Bei den ersten bröckelte die Standhaftigkeit. Es wurde immer kühler in dieser Septembernacht. Von den ersten Abtrün­nigen hatten die Bullen wohl auch schon einige Informationen über die Hintergründe unserer „Revolution“ erhalten. So konnte die neue Stimme wieder dahingehend kommen­tie­ren, dass uns nichts geschehen würde, da wir ja allem Anschein nach sogar im Recht gewe­sen seien. „Kommt raus Kinder, hier wartet was Warmes zu essen und auch euer war­mes Bett auf euch!“ König Hunger und Graf Müdigkeit übernahmen nun das Kom­mando auch bei den standhaft gebliebenen. Vor, neben, hinter mir löste sich einer nach dem anderen aus seinem Versteck und gab auf. Die Kapitulation war perfekt. Wie mochte wohl einem Feldherrn zumute sein, wenn er seine Truppen zurückweichen sieht und die Schlacht für verloren erklä­ren muss? Ich will ja gar nicht so vermessen sein, mich mit einem Feldherrn vergleichen zu wollen. Ich hatte im Geschichtsunterricht großen Respekt vor solchen Herren. Vor allem die, die Völkerschlacht[2] bei Leipzig so bravourös gegen Napoleon geschlagen hatten. Nein, mein Name war schlicht und einfach nur Schulz, ein Feldherr war ich schon lange nicht. Hatte ich denn überhaupt eine Schlacht angezettelt? Also nahm ich erstmal Abschied von meinem Revo­lver, der eigentlich völlig zweckentfremdet einen, oder gar mehrere? Totschläge verhin­dert hatte, und begab mich als letzter in die Hände meiner Feinde. Ich wurde sehnsüchtig-nervös, aber doch sehr freundlich (erinnern Sie sich noch was ich über freundliche Polizisten geschrieben habe?), aufgenommen. Mädchen und Jungs plauderten angeregt mit den Bullen, hatten zum Teil deren Uniformmützen auf ihren Köpfen (diese Verräter!) und ließen sich auch die Waffen erklären, mit denen man uns vor kurzem noch hatte Angst einjagen wollte. Es war allenthalben eine lockere Stimmung festzustellen. Es wurden jede Menge belegte Brote und Brauseflaschen herumgereicht. Deeskalation nennt man so etwas wohl.

Unser Schlaf wurde sogar von den lieben Polizisten bewacht.

Ich frage mich noch heute, wo man das alles her hatte. Wann hatte es so etwas hier schon mal gegeben. Erschöpft durften wir dann auch gegen Mitternacht in unsere warmen Betten schlüp­fen. Unser Schlaf wurde sogar von den lieben Polizisten bewacht. Am nächsten Morgen waren immer noch 30 Mann der Truppe in unserer Nähe. Andere. Und, ein paar Zivilisten. Von unseren Erziehern weit und breit nichts zu sehen. Wir erfuhren lediglich, dass sie alle im gleichen Krankenhaus untergebracht seien. Wie fein! Die waren also bestens ver­sorgt. Wir mutmaßten, dass sie schon der Blamage wegen hier niemals wieder auftauchen würden. Zunächst aber einmal wurde mir gesagt, dass ICH hier niemals wieder auftauchen würde, und auch nie wieder mit einem der Kinder aus diesem Heim in Kontakt treten könne. Man wüsste ganz genau, dass ich, Dieter Schulz, an dem ganzen Desaster die Schuld trüge. Das könnte mir eines Tages noch ganz schön sauer aufstoßen. Ich war der Erste und blieb auch der Ein­zige, den man in das Büro geholt hatte, wo ich diese Vorwürfe über mich ergehen lassen musste. Mir wurde gerade noch soviel Zeit eingeräumt meine persönlichen sieben Sachen einzupacken. Dann sollte es losgehen. Diesen Fehler hätten sie lieber nicht machen sollen. Man unterschätzte ganz einfach die Tatsache, dass ich immer noch (oder jetzt erst recht) meine Hasskappe trug. Ein paar verlässliche Freunde wusste ich immer noch unter den Jungs. Vor allem die beiden, mit denen ich den unvergesslichen Berlintrip unternommen hatte. Ich musste, durfte mich bei ihnen verabschieden. Über das Wieso und Weshalb gab ich ihnen als Auskunft, was ich von den Kripo(?)-beamten erfahren hatte. Eine so dahin gemachte Bemer­kung, der man natürlich nicht nachzukommen brauchte, brachten die Jungs auf Trab. Ich beeilte mich nicht allzu schnell zu den Bullen zurückzukehren, obwohl ich im Grunde genom­men heilfroh war von diesem Arsch der Welt wegzukommen. Vielleicht hatte man ja woanders bessere Chancen für eine Flucht.

Es machte kurz hintereinander viermal „Peng“

Ich hatte mich in meinen vergangenen Weggefährten nicht getäuscht. Meine Bemerkung hatte sie befruchtet. Zwei der Zivilisten setzten sich mit mir in ein Auto. Wie üblich erfuhr ich noch nicht einmal, wohin man mich bringen würde. Dafür erfuhren die Bullen aber, dass es manch­mal doch besser ist, gleich mit vier, anstatt nur einem Reserverad unterwegs zu sein. Die ein­zige Ein-und Ausfahrt war gespickt mit verbogenen, rostigen Nägeln und ähnlichen spitzem nützlichem Zeug. Es machte kurz hintereinander viermal „Peng“, und der Wagen erfüllte schon nicht mehr den Zweck eines Fortbewegungsmittels. Selbst die Luft der kräf­tigsten Flüche konnte die vier Platten Reifen nicht mehr aufpumpen. Diesen Kraftakt hätten sie sich also sparen können. Ich war ganz Unschuld, trotzdem kreidete man mir auch diese Untat an. Immer ich! Das ging mir langsam auf den Keks, dass ich für alles herhalten musste. Diese bösen gegen mich gerichteten Worte verengten meine Hasskappe nur noch. Nichts­desto­trotz funktionierte mein Gehirn noch vorzüglich. Es war zunächst für meinen eigent­lichen Rache­plan Zeit gewonnen. In einem Staat, wo selbst für Fahrradschläuche eine Dring­lichkeitsbe­schei­nigung vorgelegt werden musste, worauf man einen Bezugsschein erhielt, aber noch lange nicht einen neuen Fahrradschlauch, in solch einem Staat hatten selbst die Bullen Schwie­rigkeiten, Ersatzschläuche für vier Autoreifen heranzuschaffen.

Ich kam also zunächst einmal wieder in meiner Baracke unter. Allenthalben murrten auch schon wieder die Kinder. Hatte man doch nun erfahren was von den gestrigen Versprechun­gen zu halten war. Von wegen niemandem würde etwas passieren. Ein Versprechen gebro­chen, was würde aus den anderen? Die neuen Erzieher (?) machten kaum den Eindruck, als würden sie uns menschlicher, d.h. wie Kinder behandeln. Erst war es ja nur ein Gedanke gewesen, der mich beschäftigte, wie ich mich für das angetane Unrecht rächen könnte. Dann aber, als alle Jungen und Mädchen draußen saßen und ihre Schuhe, als Beschäftigungsthera­pie oder auch zur Strafe putzen mussten, ging mir ein Licht auf. So hell wie Osram! Wie man damals zu sagen pflegte. Das hornissengestochene Monster sah schon wieder ganz leidlich aus. Er hatte schon wieder menschliche Züge angenommen, dank der sich selbsthelfenden Natur. Der Junge hatte etwas mehr Anteilnahme von Seiten der Bullen erwartet, als er seine Version, wieso er mitgeprügelt habe, darlegte. Uns erstmal aus dem Wald gelockt wurden keine Gründe akzeptiert, die die Meuterei rechtfertigten. „Du siehst doch, dass deine Erzieher recht hatten als sie sagten, dass die Natur sich immer selbst zu helfen weiß,“ wurde er beschie­den. Auf so wenig Verständnis für seine erlittene Pein stoßend begann er zu schmol­len. Mürrisch ließ er seine angestaute Wut an der Schuhwichse und den zu putzenden Schu­hen aus. „Dass ihr mir ja auch die Absätze und Stege gut eincremt. Ihr wisst doch, dass Wasser der größte Feind des Leders ist, dem wollen wir doch, wenn möglich, keine Angriffs­fläche bieten, oder?“ beaufsichtigte einer der neuen Erzieher (?) das Schuheputzen draußen auf dem Hof. Diese fast kiloschweren Schuhwichsdosen, die jedes Kind erhielt, enthielten irgend so ein traniges, schleimiges Zeug, was man wirklich nur mit dem besten Willen mit der heutigen Schuhcreme vergleichen konnte. Alte Lappen damit getränkt, um einen Stock gewickelt, ergab das tranige Zeugs eine schöne Fackel. Gespielt hatten wir schon damit. „Wann kommt denn nun ein Arzt, um sich deinen Stich mal anzusehen?“ hänselte ich den leidgeplagten Bengel. Wütend schaute er mich an, „hier kannste verrecken und die holen keinen Arzt!“ schrie der Junge, warf seinen Schmiertopf und Cremebürste hin, rannte heulend davon. Irgendwie ging uns das allen an die Nieren. „Ich bin hier ja bald weg, Gott sei Dank! Es geht mich ja auch nichts weiter an, aber glaubt ihr etwa, dass sich hier viel ändern wird?“ Damit begann ich einen alten Lappen um einen Stock zu wickeln, nahm aus einem paar Schu­he die Schnürsenkel heraus, schnürte damit den Lappen am Stock fest, stocherte mit dem so umwickelten Stecken in einer Schuhwichsdose herum, und fragte die herumsitzenden Lei­dens­genossen, ob sie sich noch an unsere Spiele mit den selbstgebastelten Fackeln erin­nern könnten. „So was macht doch nur im Dunkeln Spaß“, hörte ich einen sagen. „So?“ Eine Dose in die Linke, die Cremebürste in der rechten Hand, trat ich an die am nächsten stehende Barackenwand und begann diese wie ein Maler anzustreichen. Noch war überhaupt kein Begreifen in den Augen der zuschauenden Kinder zu erkennen. Erst als ich den gesamten Inhalt der Dose an der Wand verschmiert hatte, meine kalte Fackel gegen die Wand hielt und fragte: „Was würde wohl geschehen, wenn ich jetzt ein brennendes Streichholz an die Fackel halte?“ begann es bei den meisten zu dämmern. Ja, ich sah regelrecht die Lichter bei ihnen aufgehen. Ich hatte den übrigen, bei meiner Ehre, wirklich nicht empfohlen mit ihrer Schuhwichse ebenfalls so rumzuaasen.

Selten habe ich Kinder meines Alters mit solch einem Eifer arbeiten sehen. Zuerst waren es meine Ex-Reisegefährten, die damit begannen, dann immer mehr, bis sie sich schließlich fast darum rauften eine freie Fläche an der Holzwand zu finden, wohin sie den Inhalt ihrer Dosen schmieren konnten. „He, he, es gibt doch eine ganze Menge Wände hier. Warum nur diese eine? Ihr wollt doch Nägel mit Köpfen machen, oder!?“ Ich wollte ja nur nicht, dass die Kin­der sich stritten und … alle Wände schön gleichmäßig aussahen.

Ich begab mich kackfrech ins Büro.

Meine Leidensgenossen sahen dies auch sogleich ein. Sie verteilten sich, ohne dass einer das Kommando übernahm. Das lief ja bestens. Ich begab mich kackfrech ins Büro, wo die erreg­ten Bullen nervös rauchend herumsaßen und mich bitterböse anschauten. Tja, wenn Blicke töten könnten. Zwar gab es in diesem Teil Deutschlands die Todesstrafe, aber doch nicht ohne Gerichtsurteil.[3] Und auch nicht gegen Kinder. „Was gibt’s – was willst du?“ „Ich wollte nur mal fragen, ob wir heute noch losfahren, oder ob ich meine Sachen für die Nacht wieder aus­packen kann?“ fragte ich ganz demütig. „Du hältst dich bereit. Du wirst hier keine einzige Nacht mehr verbringen!“ wurde ich angefaucht. Wie Recht sie doch hatten. Keiner würde hier mehr auch nur noch eine Nacht verbringen! Nie mehr! Besser konnte ich ja wohl kaum jeman­den von meiner Unschuld überzeugen. Als es nämlich an allen Ecken und Enden zu brennen begann, war ich ja nachweislich im Büro bei den Bullen. Das Feuer war noch gar nicht bis zum Büro vorgedrungen, da sprangen die Typen hoch als würde es unter ihren Bullenärschen schon brennen.

„Schschuuulllzzzz! Was ist denn das schon wieder für eine Sauerei?“ damit wurde ich am Genick gepackt und aus dem Büro geschleift. Immer ICH!

War das Schön! Die Bullen auch mal sprachlos zu sehen. Das Feuer an sich hatte ja noch einen ganz tollen Nebeneffekt.

„Schschuuulllzzzz! Was ist denn das schon wieder für eine Sauerei?“

Vor Wochen schon waren wir Heimkinder angehalten worden, in der Umgebung immer mit einem Sack unterwegs zu sein, um alle Kastanien und Eicheln im Wald aufzusammeln. Diese sollten dann an den Dresdner (?) Zoo abgeliefert werden. Für die Tiere dort. So lagerten zig Zentner trocknender Kastanien und Eicheln vor sich hin in einem Raum und warteten darauf abgeholt zu werden. Das Feuer nun ließ diese Waldfrüchte platzen. Das klang beinahe so, als befände sich eine kleine Armee im Gebäude und schoss aus allen Rohren. Bis die Bullen das gecheckt hatten verging eine geraume Zeit. Zunächst einmal suchten sie mit gezogenen Waf­fen Deckung. Das zweite Fahrzeug, welches diesmal einer der neuen Erzieher mitgebracht hatte, war unterwegs um einen Satz neuer Reifen für den Bullenwagen zu besorgen. Der konnte gleich wieder umdrehen, um die Feuerwehr zu holen. So dauerte es ziemlich lange bis die Feuerwehr endlich anrückte. So hatten die Gebäude genügend Zeit sich von dieser Bild­fläche zu verabschieden. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass es ohnehin nicht gut gewesen wäre, dort die Jugend im Geiste des Kommunismus zu erziehen, wo eventuell noch der Geist der alten Hitlergefolgschaft drin wohnte. Wurden doch vor wenigen Jahren noch BDM-Mädchen dort zu Köchinnen ausgebildet.

In einem Punkt behielten die Bullen allerdings Recht. Ich kam tatsächlich in ein ganz anderes Heim als die übrigen Kinder.

Irgendwie war ich seit den Bombenangriffen auf Königsberg frühzeitig zum Erwachsensein gezwungen worden.

Vorläufig zumindest. Es musste den Behörden ganz schön Kopfzerbrechen bereitet haben, uns 70 Kinder irgendwo unterzubringen. Das schöne große Gelände in Dresden-Hellerau wurde ja zum Zeichen der Völkerverständigung und der Solidarität für die von den amerikanischen Aggressoren zu Waisen gemachten koreanischen Kriegskinder belegt. In einem Seitentrakt der Moritzburg (ja, Sie haben richtig gelesen, in DER Moritzburg[4] bei Dresden) wurden wir zunächst alle untergebracht. Ich natürlich abgesondert von den anderen gehalten. Vier Tage lang dauerten die Verhöre an. Ich habe nie erfahren können, ob mich jemand dahingehend belastet hat, dass ich als der Brand-Anstifter galt. Am fünften Tag wurden eigens für mich kleine Person zwei Erwachsene Männer abgestellt, um mich nach … ja, richtig, … nach Leip­zig zu bringen. Warum nicht gleich so? Warum hatte man mich eigentlich so weit weg ver­schickt, wenn es doch in Leipzig auch ein Heim gab? „Bilde dir nur nichts ein! Dort, wo du jetzt hinkommst, wirst du keine Gelegenheit zum Ausreißen bekommen!“ meinte der redse­ligere von den beiden Männern mir allen aufkommenden Mut nehmen zu müssen. „Dort ist noch keiner auch nur ein paar Hundert Meter weit bei einem Fluchtversuch gekommen!“ prophezeite er mir. Herrschaften, reizt mich bloß nicht! Schulz mochte das Wort „unmöglich“ überhaupt nicht. Aus dem Alter, wo ich noch glaubte, dass das Männchen im Radio doch mal rauskommen müsste, um Pipi zu machen, oder so, war ich längst raus. Irgendwie war ich seit den Bombenangriffen auf Königsberg frühzeitig zum Erwachsensein gezwungen worden. Nachdem ich unseren Volksempfänger auseinander genommen hatte und feststellen konnte, dass darin gar niemand war, begann ich wissensdurstig zu werden. Ich hatte gelernt, dass gerade das unmöglich Erscheinende am leichtesten zu bewältigen war. Wie sonst hätte ich den Einmarsch der Sowjettruppen und die vier darauf folgenden Jahre ohne Lebensmittel­karten oder anderweitiger Hilfe überleben können?

Fußnoten

[1] Bambule, krawallartiger Protest von Häftlingen, Kluge, Etymologisches Wörterbuch, Berlin, New York, 199923 Der Titel dieses Kapitels ist dem Fernsehfilm über die Heimkampagne entlehnt https://de.wikipedia.org/wiki/Heimkampagne. Text: https://www.wagenbach.de/buecher/titel/194-bambule.html . Es handelte sich m.W. um das erste Mal in der bundesrepublikanischen Geschichte, dass die Lage der Kinder und Jugendlichen in den Heimen in staatlicher, meist kirchlicher Verantwortung die Chance hatte, öffentlich wahrgenommen zu werden. Heimkinder ohne die Vitalität von Schulz hatten kaum Chancen, sich dem Heimalltag immer wieder und teilweise erfolgreich zu entziehen. Im Hintergrund der Kampagne stand der Versuch politischer Instrumen­talisierung der Heimkinder. Dennoch hätte der Film die erforderliche Diskussion um die Bedingungen der Heim­erziehung anregen können. Doch die Heimkinder hatten auch damit wieder einmal Pech: Die ARD wollte den Film am 24. Mai 1970 ausstrahlen. Intendant Helmut Hammerschmidt setzte ihn jedoch nach Meinhofs Teil­nahme an der Baader-Befreiung (14. Mai) trotz Protesten von 122 SWF-Mitarbeitern ab. Erst 1994 wurde er gesendet. https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrike_Meinhof#Heimkampagne . Die Behandlung des Themas im späteren Verlauf (Runder Tisch Heimkinder unter der Moderation von Dr. Antje Vollmer) erwies auch weiterhin den Unwillen von Politik und Gesellschaft, sich ernsthaft mit Kindern zu beschäftigen, die Opfer von staatlichen und kirch­lichen Anpassungsversuchen geworden waren. https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerschlacht_bei_Leipzig

[3] Das war anders: „Wir sind nicht davor gefeit, daß wir mal einen Schuft unter uns haben. Wenn ich das schon jetzt wüßte, würde er ab morgen nicht mehr leben. Kurzen Prozeß. Weil ich Humanist bin. Deshalb hab’ ich solche Auffassung. /…/ Das ganze Geschwafel, von wegen nicht hinrichten und nicht Todesurteil – alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil.“ Erich Mielke, zitiert in der Ausstellung im Stasi-Museum Runde Ecke, Leizig, http://www.runde-ecke-leipzig.de/ Photo: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/2554638522/in/album-72157605456895559/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Moritzburg_(Sachsen)

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4,  17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

Wie geht es weiter?

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

 

Willkommen, Arbeit macht frei!

Das KZ von Bethel mit Anstaltsgottesdienst hieß Freistatt. Noch 23 Tage können Sie in der arte-Mediathek die bigotte Vergangenheit von Bethel nacherleben: http://www.arte.tv/guide/de/048779-000-A/freistatt .[1] Ziehen Sie mit den Moorsoldaten und ihren Spaten ins Moor und erleben Sie mit den geschundenen Zöglingen einen zu Herzen gehenden Weihnachtsgottesdienst: o du fröhliche!

Heute ist Bethel natürlich ganz anders. Bethel im Norden nennt es sich nun und »hat starke Wurzeln. Die Diakonie Freistatt und der Birkenhof können sich jeweils auf eine über 100 Jahre alte Geschichte stützen. Wir in Bethel im Norden setzen auf diese festen Wurzeln auf und entwickeln eine gemeinsame christliche Identität, um ein starker Partner zu sein, der die Herausforderungen der Zukunft annimmt.«[2]  Das ist doch ein Angebot.

Über Bethel heute lesen wir heute in der FAZ unter der Überschrift Ausgerechnet in Bethel »„Für Menschen da sein“, so lautet das Motto der Stiftung, von der viele sagen, sie habe mit ihrem Tak­tieren auf dem Rücken der Menschen ihren Haus­halt sanieren wollen. „Von denen kann man in Sachen kaltblütigem Verhandlungsgeschick noch was lernen“, sagt ein an der Sache nicht be­teiligter Beamter im Düsseldorfer Schulministerium.« [3]

Zur Vergangenheit von Bethel sei empfohlen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/05/10/jetzt-wissen-wir-wer-schuld-ist-allein-der-bose-staat/

Eine sehr differenzierte, geradezu decouvrierende  Würdigung der Forschungsergebnisse zu Freistatt finden Sie hier: freistatt_kappeler

Fußnoten

[1] Film – 98 Min. – 58802 Aufrufe.

[2] http://www.bethel-im-norden.de/ueber-uns.html

[3] FAZ, Donnerstag, 26. Januar 2017, S. 6

Eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad[1]?

Posted in BRD, DDR, Deutschland, Ethik, Geschichte, Gesellschaft, Justiz, Kriminologie, Moral, Nazivergangenheit, Politik, Recht, Staat by dierkschaefer on 24. Januar 2017

5994581396_39271a619f_mDa es inzwischen auch Richter gibt, die das für gut halten[2], da schon länger der Verdacht besteht, dass nicht alle unsere Institutionen auf allen Ebenen den gesetzlichen Vorgaben gemäß funktionieren[3]und angesichts der angeschwollenen Zahl von Unterstützern nazi-verwandter Parolen[4], scheint es mir „zeitgemäß“, an die Aufgaben unserer Institutionen zu erinnern. Beispielhaft sei hier die Polizei genannt, die auch nicht durchgängig sicher ist vor manchen Nazi-Denkmustern. Wir brauchen aber eine durchgängig demokratisch gesinnte Polizei für den Schutz unserer Grundrechte.

Darum sei hier eine Vereidigungsansprache aus dem Jahre 1992 wiedergegeben.

 

Bereitschaftspolizei Biberach

Vereidigung – 8. Mai 1992

Wir haben heute den 8. Mai. Heute vor 47 Jahren war der zweite Weltkrieg zu Ende. Nach diesem Tag sind in anderen Ländern Europas Straßen und Plätze benannt. Dieser Tag bedeu­tete Sieg und Befreiung für die einen und Niederlage für die anderen. Manche haben bis heute nicht verstanden, daß auch für die Verlierer die Niederlage zugleich eine Befreiung sein kann. Es war die Befreiung von einem Regime, das seine Beamten mit einem Treueid auf den Füh­rer verpflichtete. Beamte wurden nach dem Deutschen Beamtengesetz vom 26. Januar 1937 vom Führer ernannt, damit sie den Willen des von der NSDAP getragenen Staates in rück­sichtslosem Einsatz und äußerster Pflichterfüllung vollstreckten. Beamter konnte nur werden, wer Reichsdeutscher und deutschen oder artverwandten Blutes war (soweit verheiratet, galt das auch für den Ehepartner). Wir wissen, wohin rücksichtsloser Einsatz und äußerste Pflicht­erfüllung geführt haben. Auch die Polizei des Deutschen Reiches hat ihre so verstandene Pflicht erfüllt, nachdem man in den Anfangsjahren des Nazi-Terrors demokratisch gesinnte Beamte aus dem Dienst entfernt und braune Hilfstruppen mit Polizeiaufgaben betraut hatte. Es scheint mir nötig, an diese Zusammenhänge zu erinnern, nachdem braunes Gedankengut und Fremdenfeindlichkeit bis hin zu Progromen bei uns zulande wieder Auftrieb haben.

Wir sind gerade Zeitzeugen, wie ein anderes Unrechtsregime auf deutschem Boden sein Ende gefunden hat. Dort wurden die Polizisten vereidigt auf das sozialistische Vaterland und seine Regierung. Sie versprachen treue Ergebenheit bis hin zum Bruch der geschriebenen Gesetze, denn die Parteiräson hatte Vorrang. Die juristische Aufarbeitung des roten Unrechts wird, wie es scheint, schneller und effektiver vorangetrieben, als die des braunen. Die unkomplizierte Übernahme von Beamten, die nach ’45 die Regel war, ist unseren umständlichen Prozeduren gewichen, die wenig darauf Rücksicht nehmen, daß Menschen nach dem Niedergang eines Systems, das sie geprägt hat und für das sie gelebt haben, nur dann diese Niederlage akzep­tieren können, wenn man ihnen eine lebenswerte Zukunft eröffnet. Doch bei allen persön­lichen Härten hat dieses Verfahren auch sein Gutes. Wir dürfen es allerdings nicht nur benut­zen, um dem ideologischen Gegner in Siegerpose unseren Stiefel aufs Haupt zu setzen. Wenn unser System lediglich produktiver war als die Kommandowirtschaft, dann berechtigt uns das noch lange nicht zu rechtlich-moralischer Überheblichkeit, ganz abgesehen davon, daß wir nicht wissen können, wie wir selber uns in einem System bewährt hätten, das seine Menschen total in den sozialistischen Anspruch nahm. Solche Systeme sind allemal ein gutes Beispiel für die Verführbarkeit des Menschen und über die wollen wir heute, am Tag Ihrer Vereidi­gung, nachdenken. Eine Eidesleistung unter Berufung auf die höchsten Werte, die eine Gesell­schaft wie auch der einzelne, der den Eid ablegt, erkennt, ist ja immer eine Ver­pflich­tung, eine Gewissensbindung, eine Impfung gegen die Versuchung, solche Werte zugunsten von persönlichen Vorteilen finanzieller und emotionaler Art mit Füßen zu treten.

Wenn wir uns das einmal anhand der beiden genannten Beispiele aus der deutschen Geschichte betrachten, dann wird eines ganz deutlich: Das ganz große Unrecht ist selten oder nie von der Verfassung oder den Gesetzen abgedeckt. Die Nazi-Diktatur machte zwar von Rechts wegen einen Unterschied zwischen arischen und nichtarischen Staatsangehörigen, doch es gab meines Wissens kein Gesetz, das die Mißhandlung oder gar Tötung von Juden und anderen als Schädlinge betrachteten Menschen erlaubt hätte. Alle Beamten, die im Dritten Reich vereidigt wurden, konnten sich bei diesem Unrecht nicht auf einen Treueid berufen, der sie zu diesem Tun verpflichtet hätte. Doch muß man einräumen, daß die Ver­pflichtung auf einen Führer und eine Partei alle möglichen Entwicklungen ermöglichte. Dies konnte bei der fatalen Neigung der meisten Menschen zu bedingungslosem Gehorsam, soweit es sie selbst nichts kostet, von den Machthabern entsprechend ausgenutzt werden. In der roten Diktatur waren die Dinge schon etwas schwieriger. Hier lag bei der Vereidigung die Beto­nung ganz deutlich auf der sozialistischen Rechtsordnung, wenn auch die Regierung mitge­nannt wurde. Die Partei blieb beim Eid außen vor. Unrecht war hier kaum rechtlich gedeckt. Zwar wissen wir, daß Ulbricht persönlich Todesurteile schon vor dem Gerichtsver­fahren ver­fügt hatte, doch stehen wir generell vor die Schwierigkeit, daß die Rechtsverlet­zungen, die Mißachtung des geschriebenen Rechts eher beim Vollzug als bei den die Politik bestimmen­den Personen nachgewiesen werden kann. Die Verführung zu praktikablen Gesetzesverstößen geschah weiter unten: Grenzsoldaten wurden bei der Schießausbildung instruiert, daß natür­lich Warnschüsse vorgeschrieben seien, man aber notfalls auch den zweiten oder dritten Schuß als Warnschuß ausgeben könne, es müsse nur die Zahl der verschossenen Patronen stimmen. Die ausgesprochene oder unausgesprochene Erwartung, zugunsten der Interessen dieses Staates das Recht zu brechen, wurde meist erfüllt und das Gift dieses Unrechts hat den Staat zersetzt, wir nehmen es heute mit Erschrecken wahr.

Sie werden heute auf die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg vereidigt. Die Verführung, diesen Eid zu verletzen, liegt in unserem Staat eher in der Person des Vereidigten selbst. Die Erwartung zu ungesetzlichem Handeln wird an Sie wohl nicht herangetragen werden – und wenn doch (man weiß ja nie, was in den vor Ihnen liegenden mehr als vierzig Dienstjahren alles auf Sie zukommt), wenn man eines Tages doch einmal will, daß Sie Ungesetzliches tun, dann sagen Sie Nein! Und berufen sich auf Ihren Eid, den Sie heute schwören. Dazu braucht es Mut und eine gefestigte Persönlichkeit. Doch die brauchen Sie schon, um gegen die Versuchungen des kleinen Unrechts gewappnet zu sein. Dem Unrecht, das Ihrer Bequemlichkeit oder Ihren Vorurteilen entgegenkommt. Im Klartext: Wer betont langsam zum Einsatz fährt, nur weil der Hilferuf aus einer Asylbewerber­unter­kunft kommt, und er ohnehin der Meinung ist, daß Asylbewerber raus gehören, der praktiziert Unrecht und bricht seinen Eid. Wer auf einen festzunehmenden Bürger mehr als notwendig einschlägt, wir alle haben das Video aus Los Angeles gesehen, der hat seine eigene Men­schen­­würde preisgegeben und sich mit Folterern und Totschlägern auf eine Stufe gestellt. Aber wer den Bürger gegen Übergriffe schützt und ihm den gesetzlichen Bewegungs­spiel­raum verschafft, den wir Innere Sicherheit nennen, der befindet sich auf dem Wege des Rechts, gebe Gott, daß es auch der Weg zur Gerechtigkeit ist.

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für Ihren Lebensweg.

Gott möge Sie leiten und schützen.

Er bewahre Sie vor Überheblichkeit

und gebe Ihnen Mut, Ausdauer und Weisheit, dem Unrecht zu wehren.

Dierk Schäfer                                                                                    Biberach, den 8. Mai 1992

 

Und da wir gerade beim Jahr 1992 sind: Mein Rückblick im Weihnachtsgruß an die Polizei in meinem Aufgabenbereich fiel entsprechend aus: [zum Vergrößern: Strg + drücken oder ansehen bei: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8136579421/ + https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8136616464/ ]

asylrechtsänderung 1992, Weihnachtsbrief vor 20 Jahren

asylrechtsänderung 1992, Weihnachtsbrief vor 20 Jahren

Fußnoten

[1] „Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß’ Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“ http://www.zeit.de/news/2017-01/18/parteien-die-hoecke-rede-von-dresden-in-wortlaut-auszuegen-18171207

[2] https://www.welt.de/politik/deutschland/article161318995/Dresdner-Richter-preist-oeffentlich-die-NPD-und-Hoecke.html

[3] https://www.heise.de/tp/features/Gestern-NSU-heute-Amri-3604524.html

[4] Sie rief „in Einigkeit und Patriotismus zum gemeinsamen Bundestagswahlkampf auf, um die letzte Chance zu nutzen und das System zu stürzen“. http://www.tagesspiegel.de/politik/nach-rede-in-dresden-afd-spitze-ruegt-hoecke-aber-kein-parteiausschluss/19289098.html

photo: dierk schäfer