Dierk Schaefers Blog

Die Länderminister rechnen damit, dass lediglich jeder Zehnte von 90 000 einen Antrag stellen wird.

WARUM DIESER BEITRAG VOM 20. NOVEMBER 2015 DAUERHAFT HIER DEN ERSTEN PLATZ EINNIMMT, WEISS ICH NICHT. ICH WILL IHN WEGEN DER VIELEN KOMMENTARE ABER AUCH NICHT LÖSCHEN.

 

Antrag worauf? Auf „Entschädigung“. Die Journalisten haben immer noch nicht den Unterschied zwischen Hilfen und Entschädigung kapiert.

http://www.arcor.de/content/aktuell/regional_news/thueringen/4322969,1,Bundesl%C3%A4nder–Opfer-in-Behindertenheimen-und-Psychiatrie-erhalten-Entsch%C3%A4digung,content.htmlhttp://jacobsmeinung.over-blog.com/2015/11/schweigegeld-fur-behinderte-heimopfer-die-toten-schweigen-auch-ohne.html?utm_source=_ob_share&utm_medium=_ob_twitter&utm_campaign=_ob_sharebar

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« VI

Posted in DDR, Deutschland, Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinder, Kinderheime, Kriminologie, Leben, Soziologie by dierkschaefer on 9. Dezember 2016

moabit

Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

      Eine Kindheit,

                  die keine Kindheit war.

 

 

 

Sechstes Kapitel

 

 

Wieder gut im Geschäft mit den Russen

 

Trotzdem dass ich sofort wieder bei den Russen ins Geschäft kam, hielt es mich nur vier Tage in der Freiheit. Ich wäre sonst vor Hunger gestorben. Seitdem weiß ich auch wie sich ein einsamer Wüstenwanderer fühlen muss. Die Taschen voller Gold, aber nichts zu trinken! Ich hatte zwar gleich wieder reichlich Bargeld, konnte aber mit meiner dick geschwollenen Lippe nichts essen.

Ich war dann direkt froh, als mich mein Freund und Helfer aufgriff und wieder ins Heim brachte. Dort bekam ich zwar auch keine ärztliche Behandlung, weil angeblich daran ohnehin nichts mehr zusammenzunähen ging, aber man schob mir einen dünnen Schlauch in den linken Mundwinkel und ließ mich so gut es eben ging dünne Puddingsuppen schlürfen.

Dauernd kamen und gingen Kinder und Jugendliche. Nur ich blieb und blieb in der Herberge. Diesmal in einem Zimmer mit vergittertem Fenster. Ende Juli dann wurde ich mit noch zwei anderen Jungen in ein Auto gesteckt und los ging es, Richtung Dresden. Welch eine unver­gessliche Fahrt. Bald kamen wir an die Elbe, wie uns gesagt wurde. Rechterhand konnte ich die Meißner Burg auf einem Berg aufragen sehen, wo ein gewisser Böttcher das Weiße Gold [1] erfunden hatte. Ohne den wahren Wert zu kennen aßen wir zuhause täglich von dem edlen Geschirr mit dem Blauen Zwiebelmuster. Auch Riesa[2] passierten wir, welches ich einige Monate später noch etwas näher kennenlernen sollte. Einen längeren Riesa-Aufenthalt verschaffte uns die Wasserschutzpolizei von der Elbe.

Das Elbsandsteingebirge auf der gegenüberliegenden Seite der Elbe – auf dieser Fahrt begann ich Deutschland kennen zu lernen.

Ein Holzvergaser

Vor allem erfuhr ich so auch, dass Deutschland nicht nur aus Flachland besteht. Ostpreußen, meine eigentliche Heimat, war ebenso flach wie das Leipziger Umland. Was anderes kannte ich bis dato ja auch noch nicht. Und, sehr oft war ich ja auch noch nicht mit einem Auto gefahren worden. Schon garnicht mit einem so nostalgischen wie dem, womit wir nach Dresden gebracht wurden.

Es war nämlich ein Holzauto. Nein, nicht das Auto bestand aus Holz, wie Sie jetzt vielleicht annehmen. Das Auto wurde mit Holz angetrieben. Hinten, wo normalerweise der Kofferraum bei einem Auto ist, hing ein riesiger Kessel der mit Holz beheizt wurde[3]. Diese Heizung trieb wiederum den Motor an. Da wir ziemlich oft anhalten mussten, um den Heizkessel zu befeu­ern, und die Geschwindigkeit auch nicht gerade berauschend war, hatten wir genügend Muße uns die Landschaft einzuprägen. Wie viele lebende Menschen mag es wohl noch geben, die das Vergnügen hatten, mit solch einem Auto gefahren zu sein?

Dresden, Dresden-Hellerau, genauer gesagt. Ein riesiges Kasernengelände nehme ich an, welches die Russen nicht für sich in Anspruch genommen hatten. Ansonsten wimmelte Hellerau ja von russischen Soldaten. Hitler hatte ihnen ja, als er sie nicht mehr benötigte, die Kasernen großzügigerweise überlassen. Dort wurden auch, wie ich gerüchtehalber hörte, russische Soldaten erschossen, die sich geweigert hatten dem Schießbefehl am 17. Juni nachzukommen. Ich glaube zwar, dass sich einige unserer sowjetischen Freunde geweigert hatten zu schießen, aber dass welche deswegen erschossen wurden? Väterchen Stalin war doch schon längst hinter der Kremlmauer verscharrt worden. Ich will nicht erst noch lange in Geschichtsbüchern irgendetwas nachlesen.

Spakonje notsch, Josef Dschugaschwilli!

Ich möchte es so niederschreiben wie es mir das Gedächtnis eingibt. Von daher weiß ich, dass ich doch schon wenige Tage nach seinem Tode sein Denkmal vor dem ehemaligen Opernhaus auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig von seinem Sockel gestürzt sah. Was hatten wir bis dahin nicht alles gutes von Väterchen Stalin in der Schule eingebläut bekommen. Armer kleiner Großer Stalin, immer diese undankbaren Menschen. Da reißt du dir während der Revolution den Arsch auf, befreist das russische Volk von der Diktatur des Zaren, stutzt die Deutschen auf ihre richtige Größe zurecht, befreist ganze Völker vom Hitlerjoch, hast dir einen großen Brocken von Deutschland einverleibt, gibst den Polen und anderen Verbündeten auch noch was ab, und kaum hast du das Zeitliche gesegnet, mögen sie dich nicht mehr. Dabei waren unsere Schulbücher voll von deinen guten Taten, ich hatte gelernt, dass du, Stalin, eigentlich Dschugaschwilli heißt, und ein ganz normaler Georgischer Bauernjunge warst.[4] Jetzt sollte auf einmal das meiste nicht mehr stimmen? Gar nicht so einfach für einen jungen Menschen, das Gelernte einfach zu verwerfen. Spakonje notsch[5], Josef Wiserianiwitsch Dschugaschwilli!

In dem Heim in Dresden-Hellerau lernte ich auch einen deiner Zweitweltkriegshelden kennen. Oleg Koschewoi![6] Er lebte damals allerdings schon längst nicht mehr. Denn lebende Helden sind selten. Helden sind meistens tot.

Lebende Helden? Man sieht ja was aus dir geworden ist, weil du, Stalin, schon zu Lebzeiten den Orden eines Helden der Sowjetunion getragen hast, wurdest du posthum zum Antihelden erklärt. Warst ja auch nicht viel besser als Hitler. Ich hoffe ihr beiden habt euch in der Hölle, wo ihr beiden euch bestimmt wiedergetroffen habt, viel zu erzählen. Ach ja, Oleg Koschewoi, nach dem die Gruppe benannt wurde, in die ich nun zum erstenmal in ein richtiges Heim gekommen war, sollte uns allen als Vorbild dienen. Sollte uns Vorbild sein, was unter Kame­radschaft zu verstehen war. Schließlich hatte sich Held Oleg über eine böse deutsche Hand­granate geworfen, um seine Kameraden vor den sicheren Tod zu bewahren. Dafür war er dann alleine ein bisschen tot, aber als Held gestorben. Seine heldenhafte Tat war groß an die Wand unseres Tagesraumes gemalt. Damit wir auch ja immer daran erinnert wurden, was es hieß, sich immer und überall für den anderen einzusetzen. Die Erzieher waren davon natürlich ausgenommen. Als ich nämlich mal einen Einsatz für mich in Anspruch nahm, bekam ich nur eine schallende Ohrfeige. Es war ja aber auch nur eine Lappalie, weswegen ich den Erzieher anging. Er hatte soviel um die Ohren, dass er meinte, dass wir uns selbst gegenseitig erziehen müssten und nicht wegen jedem Dreck zu ihm gelaufen kämen. Ich wollte ihm doch nur klar machen, das ich einfach keine Lust hatte, einem der größeren, stärkeren Jungs (fast alle in der Gruppe waren größer und stärker als ich!) jeden Abend einen runterzuholen.

Was ist mir von Hellerau noch in Erinnerung? Meinen ersten Walnussbaum in meinem Leben sah ich dort. Ich lernte dabei, dass die milchige Masse in der Fruchtschale um diese Jahreszeit keineswegs essen durfte. Da aber wäre es beinahe schon zu spät gewesen. Woher sollte ich auch wissen das die Nuss in diesem Stadium besonders viel Zyankali enthielt? Weil die Frucht mir so gar nicht schmeckte, warf ich sie weg und entkam ich dem Schicksal Goebbels. Auch diesmal bekam ich wieder eine Ohrfeige, nachdem ich dem herbeigerufenen Arzt meine Übelkeit erklärt hatte. Nicht aus Sorge bekam ich die Ohrfeige, wie ich sie schon mal von meiner Mutter erhielt, sondern weil ich mich an einem volkseigenen Nussbaum vergriffen hatte. So erkannte ich, dass die Erzieher doch manchmal Zeit für uns Kinder übrig hatten.

Ansonsten aber gefiel mir Dresden überhaupt nicht

Die großen Ferien bewahrten uns davor in die Schule gehen zu müssen. Dafür lernte ich den Dresdner Zwinger und einen angeblich 100 Jahre alten Karpfen im Zwingergraben kennen. Das Innere des Zwingers und die darin enthaltenen Kunstschätze bekamen wir nicht zusehen. Der Eintrittspreis war bei unserem Kulturausflug nicht inbegriffen. 1990, als ich wieder in Dresden war, hatte ich zwar das Geld für den Eintritt, dafür aber waren die Kunstschätze über die ganze Stadt verteilt. Überall nur Gerüste und Steinmetze im Zuge der Renovierung. Nur das Prähistorische Museum war geöffnet. Aber von dem, was ich dort zu sehen bekam, hatte ich schon bessere Sachen gesehen. Ich fand, dass es das Geld nicht wert war, was einem dort geboten wurde. Ebenso waren die Preise im Restaurant der Semper-Oper bei weitem nicht gerechtfertigt. Na ja, die blöden Wessis, die endlich auch diese Stadt wieder besuchen durften, hatten es ja. Man versuchte jetzt mit aller Macht an die gute DM zu kommen, um die marode EX-DDR Wirtschaft wieder aufzupäppeln.

Von Hellerau kommend überquerte ich schon acht Jahre nach Kriegsende das Blaue Wunder von Dresden. Wie wir erfuhren, hatten die bösen Engländer die kulturhistorische Stadt Dres­den mit ihren Bomben in Schutt und Asche gelegt.

Ergriffen hörten wir zu als man uns erzählte, dass es dabei so viele Tote gegeben hätte, dass man die Menschen gar nicht mehr begraben konnte. Sie wurden zu Haufen aufgeschichtet, mit Benzin übergossen und angezündet, um einer Pest vorzubeugen. Bei der Erzählung unseres Stadtführers schien es mir als würde ich in das Jahr 1944 zurück versetzt, als auch bei uns in Königsberg die britischen Bomber ihre todbringenden Lasten abwarfen. Fast spürte ich den Geruch wieder in der Nase. Staubig und beißend wie damals. Ich glaube, dass der gute alte Stinkbombenraucher den Russen diese schöne alte kulturträchtige Stadt nicht im heilen Zustand gegönnt hatte, und deshalb die Stadt schnell noch ein paar Tage vor Kriegsende in Trümmer gelegt hat. Die Kriegsgewinnler, die Industriebarone, werden sich sicherlich über jede Bombenbestellung gefreut haben. Welchen anderen Grund sollte er sonst gehabt haben. Der Ausgang des Krieges war doch schon längst entschieden. In Dresden gab es keine nennenswerte Kriegsindustrie mehr, und die Zivilbevölkerung war nicht, wie in Königsberg, zum letzten bereit. Es waren haupt­sächlich Flüchtlinge. Vertriebene aus längst besetzten Ostgebieten in der Stadt. Wie gesagt; die Rüstungsindustrie in England hatte anscheinend noch ein paar Bomben zuviel auf Lager, die unbedingt weg mussten.

Während der Ferien in Dresden bekam ich auch meinen letzten Schliff was das Schwimmen betraf. Bis dahin konnte ich mich gerade mal mehr recht als schlecht über Wasser halten. Alles das hatte ich mir selbst beigebracht. Schulschwimmen? Das war ein Satz mit großem X. Das war wohl NIX! Um meine körperliche Mickrigkeit mit Mut zu überbrücken ließ ich mich dazu hinreißen einen Köpper vom Zehnmeterturm zu machen. Wenn es Zwei aus der 30 köp­figen Gruppe wagten; konnte ich das schon lange. Lange hatte ich dann auch etwas davon. Nicht nur die Hochachtung der übrigen. Aber bevor ich zugegeben hätte das ich beim Auf­kom­men auf dem Wasser mir beinahe die Rippen gebrochen hätte, hätte ich lieber noch einmal den gleichen Sprung gewagt. Ich war seitlich rechts so flach auf das Wasser geknallt das ich glaubte über Beton zu surfen. Tausende Nadelstiche auf meiner Haut, knallrot meine rechte Seite. Der Erzieher lobte mich zwar vor der ganzen Gruppe, was mich den Schmerz leichter ertragen ließ, grinste mich aber schadenfroh an, während er bedeutungsvoll meine rechte Seite streichelte. Dafür wiederum hätte ich ihn ohrfeigen können. Das brannte nämlich wie Feuer.

Ansonsten aber gefiel mir Dresden überhaupt nicht. Ich wollte nach Hause zu Mutter und meiner Schwester. So ein zusammengewürfelter Kinderhaufen, na ja, und erst die Erzieher, dass war nun wirklich kein richtiges Zuhause.

Gleich beim ersten Ausreißversuch aus Hellerau ging auch gleich alles schief. Mir nützte selbst mein gutes Russisch nichts. Eher glaubte man in mir einen Spion aus dem Westen zu sehen. Mit den guten Sprachkenntnissen machte ich mich eher verdächtig als beliebt. Wo gab es denn so was, ein deutscher Junge wollte das sein, der ihre Sprache so beherrschte das es fast schon nicht mehr zu glauben war, was er da erzählte. Die Posten, die uns an der Elbe aufgegriffen hatten, konnten oder wollten es nicht glauben, dass wir aus einem Heim ausge­rissen waren und nur zu unseren Eltern wollten. Dabei hätten doch gerade die Russen solche Regungen am besten verstehen müssen, pflegten sie doch ihre Familienbande sehr. Der Respekt ihren Eltern gegenüber ging soweit, wie ich es selbst gesehen hatte, dass die Soldaten in ihren Briefen ihre Eltern mit Sie anredeten. Unser Pech war gewesen, dass die Russen ihren ehemaligen Verbündeten, den Amerikanern so gar nicht mehr trauten. Zumal diese sich bei ihren kommunistischen Brüdern in Korea eingemischt hatten. Deshalb standen sie ja jetzt auch gleich mit einer ganzen Flakbatterie an der Elbe, um einer eventuellen Eskalation der Amis begegnen zu können. Der Kalte Krieg war in vollem Gange.

Wie dem auch sei; wir liefen eben solchen Verteidigern des friedliebenden Ostens in die Hände, und wurden prompt wieder im Heim abgeliefert. Früchtchen war anscheinend ein anderer Ausdruck für Fallobst. So nannten und behandelten mich dann auch nach der unfrei­willigen Rückkehr die Erzieher. Der Gruppe Oleg Koschewoi war ich damit nicht zum Vor­bild geworden. So sagte man es mir jedenfalls. Da man mich hier sowieso nicht leiden mochte hatte ich mir fest vorgenommen, auch recht bald wieder aus ihrem Blickfeld zu verschwinden, um ihnen das Ärgernis, was ich offensichtlich darstellte, aus den Augen zu schaffen. Nur, das nächste Mal wollte ich besser vorbereitet sein. Aus dem Schulatlas lernte ich zunächst einmal Deutschland kennen. Ich kannte ja kaum etwas von meiner Heimat.

Warum den Russen nicht eine Frau besorgen?

Dann musste es doch irgendwie möglich sein an Reisegeld zu kommen. Deshalb begann ich wieder, mich in der Nähe der russischen Kasernen rumzutreiben. Inzwischen war es noch niemandem aufgefallen, dass mein konfiszierter und später wieder ausgehändigter Taschen­spiegel ein Geheimnis verbarg. Für einen Zehner verscherbelte ich diesen an jemanden, der mehr davon hielt als ich selbst. Der junge russische Soldat freute sich über den Erwerb, ich mich über mein erstes Geld. Das reichte natürlich bei weitem nicht. Zumal ich nie gerne alleine reiste. Mit weiteren Spiegeln, nachdem sich das rumgesprochen hatte bei unseren Befreiern vom faschistischen Joch, konnte ich nicht dienen. Dafür aber besorgte ich den Sandlatschern – gemeint sind hier die gemeinen Fußtruppen der Sowjetarmee – ihren geliebten Wodka. Der billige Fusel-Korn wurde von denen als Wodka akzeptiert. Natürlich tranken sie auch ihren Samagonka[7], aber wurden sie mit ihrer Destillieranlage erwischt gab es reichlich Bunker dafür. So wurde mein Kundenkreis immer größer. Wer verdächtigte auch schon einen Dreikäsehoch, Wodka in Kasernennähe zu schmuggeln? Dabei sammelte sich durch die Provisionen ganz schön was an Bargeld in meinen Taschen an.

Durch Zufall (?) trieb sich auch des Öfteren eine junge Frau in der Einöde des Kasernen­geländes von Dresden Hellerau herum. In einem gewissen Umkreis des Kasernengeländes durften sich auch die Soldaten ziemlich frei bewegen. Unser Heim war nur durch einen breiten Gürtel verwilderten Gestrüpps und ein paar mickrigen Bäumchen von den eigentlichen Kasernen getrennt. Bis zum Kriegsende gehörte ja das Heimareal samt den Häusern ebenfalls zum Wehrmachtsgelände. Die russischen Soldaten versuchten immer wieder mit der jungen Frau Kontakt aufzunehmen, was aber anscheinend an den Sprachschwierigkeiten scheiterte. Sie hatte ihre Schulzeit schon beendet noch bevor die russische Sprache als Pflichtfach eingeführt wurde.

Das was die Soldaten von der Frau wollten war eigentlich international bekannt. Aber die Frau stellte sich, oder war doof. Schnell erkannte ich, dass hier meine Dolmetscherdienste gefragt waren und bot sie auch zu diesem Zwecke an. Erfahrungen auch auf diesem Gebiet hatte ich ja schon reichlich in Leipzig gesammelt. Na also, warum nicht gleich so. Eigentlich, so schien mir wollten beide Seiten das gleiche. Ich machte natürlich daraus gleich ein Geschäft. Die Frau wollte mir gegenüber erst die beleidigte herauskehren. Nicht weil gleich drei Kerle von ihr das gleiche wollten, sondern weil ich ihr sagte das sie dafür auf die schnelle 30 Märker verdienen könne. Sie wünschte sich so sehr ein paar Perlonstrümpfe aus dem deka­denten Westen. Nur deswegen erklärte sie sich bereit das Geld anzunehmen. Sie gab mir, zum Zeichen und weil die misstrauischen Soldaten darauf bestanden, ihren Ausweis als Pfand. Die Soldaten sammelten 50 Mark, die ich so verstaute, dass die Frau die genaue Summe nicht erkennen konnte.

Schon verkrochen sich alle vier ins tiefe Gebüsch hinein. Ich legte immer großen Wert darauf zufriedene Kunden zu haben, deshalb wollte ich mich auch vergewissern, ob die Frau sich ihr Geld auch redlich verdiente. Ich hätte vorher wohl besser einige Karl May Bücher lesen sollen. Schließlich war ganz in der Nähe Radebeul, das Karl May Museum. Aus den Büchern hätte ich vielleicht lernen können, wie man sich in solch einem Gelände heranschleicht, ohne sich gleich einen Dorn aus dem Brombeerstrauch in die Fußsohle zu treten. Wir liefen ja überwiegend barfuß durch die Gegend, um das wenige Schuhzeug zu schonen. Dafür musste ich mir dann im Heim von einem Arzt den Fuß aufschneiden lassen. Ekelhaft, schmerzhaft das Ganze. Von örtlicher Betäubung hatte der Arzt anscheinend noch nie etwas gehört. Dafür aber ließ er die eigentliche Spitze des Dorns in meiner Fußsohle, der dann Wochen später wieder zu Eitern begann. Erst einmal verkniff ich mir einen Schmerzensschrei.

Was für die gestiefelten Soldaten ein Kinderspiel war, sich einen Weg durchs Gebüsch zu brechen, war für mich zur Tortur geworden. Ich biss also die Zähne zusammen und gelangte auch ans Ziel.

Doch, ich muss schon sagen, ich hatte meine Mutter einige Male auf der Baustelle besucht und gesehen wie sie unser Brot verdiente. Als ausgezeichnete Heldin der Arbeit mit Aktivi­stenorden, verdiente sie in ihrer 54 Stundenwoche ihr Geld wirklich viel mühsamer als die Frau unter den Soldaten. Wenn ich die Zeit meines Anschleichens mitrechnete hatte sie alles in allem ihre 50, pardon 30 Mark, der Rest gehörte ja mir, in etwa 20 Minuten verdient. Wogegen meine Mutter für die 54 Stunden gerade mal 65 Mark bekam.

Blitzschnell, diesmal ohne mir einen weiteren Dorn einzutreten, war ich wieder zu meinem Platz zurückgekehrt. Die Frau machte ein sehr zufriedenes Gesicht, als ich ihr ihren Ausweis mit 30 Mark darin zurückgab. Rührte das zufriedene Gesicht etwa von der Vorfreude her, sich nun endlich die ersehnten Perlonstrümpfe kaufen zu können? Ich konnte das schlecht beur­teilen, ich war noch niemals Frau. Obwohl die Soldaten einen Großteil ihre dürftigen Kröten Monatssold losgeworden waren, machten auch sie zufriedene Gesichter. Ich auch! Zwanzig Mark verdiente man hier in Dresden nicht alle Tage auf einen Schlag. In Leipzig, ja da war das noch ganz anders gewesen. Aber darauf komme ich noch. Anscheinend hielten bei der Frau die Perlonstrümpfe – dass wusste sie vorher schon – nicht sehr lange. Sie erklärte sich bereit in zwei Tagen schon wiederzukommen. Na fein! Es tat mir ja selbst leid, dass ich dann nicht mehr den Vermittler spielen und die Vermittlungsgebühr beanspruchen konnte. Ich machte mir deswegen aber keine Gewissensbisse. Die würden in Zukunft auch ohne mich zurechtkommen.

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Friedrich_B%C3%B6ttger

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Riesa

[3] Holzvergaser, https://de.wikipedia.org/wiki/Holzgas

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Stalin

[5] Gute Nacht http://www.speedlearningservice.de/Wissensfabrik/PublicLessons.aspx?lId=24957

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Alexandrowitsch_Fadejew

[7] Schwarz gebrannter Schnaps, Wodka-ähnlich https://en.wiktionary.org/wiki/samogon

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1

Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser:

Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2

In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3

Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4

  1. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5

von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6

Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Wie geht es weiter?

Kapitel 7

Lockender Westen

 

Weihnachten – eine Illusion! – Ein Weihnachtsgruß für Kirchengeschädigte

Posted in Christentum, heimkinder, Kinderheime, Uncategorized by dierkschaefer on 8. Dezember 2016

Alle Jahre wieder werde ich vom Webmaster einer Heimkindergruppe[1] um einen Weihnachtsgruß gebeten.

Ehemalige Heimkinder sind durchgängig aufgrund ihrer Erfahrungen in kirchlichen Einrichtungen kirchenkritisch, sehr viele auch kirchenfeindlich eingestellt.

Dank zahlreicher Kontakte mit ehemaligen Heimkindern kann ich diese Einstellungen zu den Kirchen gut verstehen. Nicht verstehen kann ich das Verhalten der Kirchen und meiner Kollegen. Dies ist bekannt. Darum bin ich bundesweit wohl der einzige Pfarrer, der um einen Weihnachtsgruß gebeten wird.

Da jedoch einige Heimkinder fast allergisch auf religiöse Inhalte reagieren, seien die Leser gewarnt. Wer mein PDF öffnet, setzt sich auf eigene Gefahr religiösen Gedanken aus.

Weihnachten – eine Illusion! weihnachten-2016

Meine allgemeine Weihnachtskarte in diesem Jahr dürfte wohl für alle tolerabel sein:

GP-2016.jpg

Fußnote

[1] Es handelt sich um die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“. Die Vorgänge in den Volmarsteiner Anstalten wurden wissenschaftlich aufgearbeitet, s. dazu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/.

zu Korntal: »Wir möchten keine weiteren Bekundungen der „ehrlichen“ und „wahrhaftigen“ Anteilnahme …

… durch den Vorsteher Andersen, für die vielfachen schändlichen Verfehlungen und Misshandlungen in den Einrichtungen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal, an den vom Staat in Obhut gegebenen Kindern. Wir fordern zum x-ten Mal endlich alle Vorkommnisse von unabhängigen Personen aufklären zu lassen.«

http://heimopfer-korntal.de/

 

Kommentar überflüssig.

Heimkinder als Verfügungsmasse

Als Versuchskaninchen wurden sie auch benutzt. Seit Sylvia Wagner über Arzneimittel­studien an Heimkindern publiziert hat[1], purzeln die Meldungen geradezu aus dem Medien. Immer mehr Heime und Fälle werden genannt, auch aus dem Ausland[2]. Die FAZ veröf­fentlichte am 19. November einen ganzseitigen Artikel über „Tablettenkinder“ an recht prominenter Stelle[3].

Die Heimereignisse sind also noch vielfältiger, als sie bisher dargestellt wurden. Doch überraschend kommt das nicht. Es ist nur ein weiteres unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte.

Ich sehe bisher fünf Phasen.

Die erste Phase ist durch das Stichwort „Schläge im Namen des Herrn“ (SPIEGEL-Redakteur Wensierski) zu umreißen. Es ging um die Vorkommnisse in den Heimen, die man aufgrund der damaligen pädagogischen Kenntnisse – vorsichtig formuliert – als hinderlich für den weiteren Werdegang vieler ehemaliger Heimkinder bezeichnen kann. Die Heimkinder nennen die alltäglichen Demütigungen, Gewalttätigkeiten, Zwangsarbeit und Bildungsverwei­ge­rung „Verbrechen“. Die folgenden Phasen resultieren aus dieser ersten.

Als diese Vorkommnisse nicht mehr geleugnet werden konnten, kam die zweite Phase: der Runde Tisch Heimkinder, „moderiert“ von Frau Vollmer. Hier saßen wenige ehemalige Heim­kinder einer Phalanx von kompetenten Interessenvertretern von Staat und Kirchen gegen­über – und sie wurden gezielt betrogen.[4] Die Medien schreiben bis heute von Ent­schädigungen, obwohl die bescheidenen Geldzuwendungen erklärtermaßen keine sein sollen, denn dann gäbe es einen Rechtsanspruch. Das durfte nicht sein, ebensowenig wie man bereit war, die Zwangsarbeit als solche zu deklarieren und zu vergüten. Auch heute noch renom­mierte Firmen blieben verschont. Bleibende Körperverletzungen blieben unberücksichtigt wie grundsätzlich auch die Kinder aus Behindertenheimen und Kinderpsychiatrien.

Die dritte Phase begann mit dem Bekanntwerden des umfangreichen sexuellen Missbrauchs in den Erziehungseinrichtungen und mündete in den separaten Runden Tisch Missbrauch. Missbrauch war am ersten Runden Tisch bereits zur Sprache gekommen, war jedoch kein eigenes Thema, wie auch die Medikamentierung der ehemaligen Heimkinder. Viele berichteten, wenn auch nicht von Versuchen, so doch von Medikamenten zur Ruhigstellung mit psychotropen Substanzen. Das hat nicht weiter interessiert.

Nun beginnt die vierte Phase mit der Aufdeckung umfangreicher medizinischer Versuche an ehemaligen Heimkindern. Medikamente waren nicht das einzige. Ich erinnere mich an die Schilderung eines ehemaligen Heimkindes, der wegen Bettnässen in der Universitätsklinik Tübingen mit Elektroschocks am Penis behandelt wurde bis zur Verschmorung des Gewebes.

Eine fünfte Phase wird gerade eingeleitet mit der Errichtung einer Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ für die ehemaligen Heimkinder aus Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien.

Das Schicksal der Kinder in den Heimen hat die Forschung beflügelt, wie auch jetzt aktuell in der Medikamentensache. Die Heimkinder sehen nach meiner Kenntnis dabei hauptsächlich, dass für die Forschung Geld bereitgestellt wird (wie auch für die Verwaltung ihrer Anträge), aber kein Geld für halbwegs angemessene Entschädigungen. Ein Großteil der ehemaligen Heimkinder lebt in äußerst bescheidenen Verhältnissen, allein schon bedingt durch heimver­ursachte Bildungsmängel.

Ich teile die Skepsis der ehemaligen Heimkinder, dass auch für die neu bekannt werdenden Fälle wieder nur „Almosen“ übrig bleiben werden, – auf Antrag und unter retraumatisierenden Bedingungen. Unsere Medien werden wieder von Entschädigungen sprechen. Sie sollten besser recherchieren.

Bewertung: Schutzbefohlene können zu den verschiedensten Zwecken „verzweckt“ , also missbraucht werden, die Geschichte der Heimkinder belegt das. Es wäre auch nach den Insassen der Seniorenheime zu fragen, nach den Strafgefangenen, auch nach Kranken in den Krankenhäusern, – es gäbe wohl noch manche andere. Ich will bei den Kindern bleiben.

Neuere Vorkommnisse[5] zeigen, dass trotz einer Besserung der Verhältnisse wohl auf breiter Basis in den totalen Institutionen es ohne Rücksicht auf die Rechtslage[6] immer wieder zu Übergriffen kommt, die nicht tolerierbar sind. Vertrauen mag gut sein, Kontrolle ist besser. Wir brauchen für die verschiedenen Gruppen Schutzbefohlener Ombudsleute, die nach ihrer Überprüfung der Plausibilität von Vorwürfen bevollmächtigt sind, die Fälle in den Einrichtungen zu untersuchen (Befragungen, Akteneinsicht, Schiedsbefugnis, Beschwerde­macht bis hin zur Anklagebefugnis). Viele Schutzbefohlene haben noch ihre Familien oder Freunde, die für sie die Ombudsperson anrufen können, wenn sie nicht selber mehr dazu in der Lage sind.

Doch ich fürchte, dass unsere Politiker eher um ihre Wiederwahl besorgt sind und auf Lobbyisten hören, denn auf die Sorgen und Beschwerden „kleiner Leute“.

Fußnoten

[1] http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

[2] http://www.lkz.de/lokales/stadt-kreis-ludwigsburg_artikel,-%E2%80%9ETaeglich-ein-Becherle-mit-Smarties%E2%80%9C-_arid,396038.html

http://www.shz.de/lokales/schleswiger-nachrichten/ndr-mehr-medikamenten-tests-mit-heimkindern-als-bislang-bekannt-id15429721.html

http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/gemeinden/Schlimme-Befuerchtung-Pharmatests-an-Heimkindern/story/31169665

http://www.shz.de/regionales/newsticker-nord/ndr-mehr-psychopharmaka-tests-mit-heimkindern-als-bekannt-id15429266.html

http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/924075/medikamententests-heimkindern-betroffener-erzaehlt.html

http://www.cbgnetwork.org/6964.html

Pharmaindustrie: grausame Medikamentenversuche unter dem Motto „Kinder sind unsere goldene Zukunft“

https://www.radio-utopie.de/2016/11/27/erprobungen-mit-aolept-und-megaphen-heimkinder-mussten-bayer-arzneien-testen/

[3] Von Reiner Burger, FAZ Sonnabend, 19. 11. 2016, S. 3. Leider kann ich aus ©-Gründen meinen Scan hier nicht einstellen.

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/12/friesenhof-skandal-neue-kinder-und-jugendhilfeverordnung-ab-ende-juli/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/12/gewerbeschutz-von-traegern-der-jugendhilfe-im-gesetz-besser-geschuetzt-als-das-kindeswohl/

[6] Auch die Rechtslage ist dank der Lobby-Arbeit der Sozialkonzene nicht im Sinne von Schutzbefohlenen gleich welcher Art. https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

Gerade kommt noch ein neuer Link rein: http://www.derbund.ch/zuerich/gemeinden/Schlimme-Befuerchtung-Pharmatests-an-Heimkindern/story/31169665

»„Wir“ würden wieder in die Spree springen, uns über Nacht anketten, …

Posted in BRD, Ethik, Menschenrechte, Moral, Recht, Staat by dierkschaefer on 29. November 2016

… bei Regen und Kälte den Hintern abfrieren und uns zu Zehntausenden auf den Straßen und Plätzen des Landes versammeln.«

Der nächste Betrug der Politiker findet morgen statt[1]. Es ist wie mit den ehemaligen Heimkindern: déjà vue!

Ich muss das gar nicht weiter kommentieren. Auch wenn selber nicht betroffen: Was kann von einem solchen Staat und seinen trickreichen Politikern halten? Wenig bis nichts.

[1] http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/35074?utm_source=dlvr.it&utm_medium=twitter&utm_campaign=Feed:+Kobinet-nachrichten+(kobinet-nachrichten+Teaser)

Das Elend mit der #Telekom

Posted in News by dierkschaefer on 28. November 2016

Der Ersatz-Speedport-Adapter ist angekommen. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/26/telekom-namen-sind-nicht-nur-schall-und-rauch/ Habe ihn heute installiert. Das Telefon blieb tot. Also den Support per Handy angerufen. Ein ausgesprochen freundlicher und hilfsbereiter Mitarbeiter steuerte mich fern. Half aber nichts. Das Telefon blieb tot. Ich musste aus dem Haus. Der Mitarbeiter versprach um 13 h wieder auf meinem Handy anzurufen. Das tat er auch zuverlässig. Nach seinen Anweisungen an- und abgeschaltet, Stecker gezogen und gesteckt, übers Netz neu installiert, in den Wartezeiten nett geplaudert. Inzwischen funktioniert wenigstens eins der Telefone, direkt am Speedport eingestöpselt. Alle anderen Telefon sind weiterhin tot.

Ergebnis um 15 h: Der neue Speedport-Adapter ist auch defekt – ein neuer wird geschickt. Beide Adapter retour, der erste und der zweite.

Das Elend mit der Telekom hat mich bisher eine Arbeitswoche gekostet.

Auf meinen Blog-Eintrag und bei Gesprächen eine Menge von Kondolenzbezeugungen erhalten. Das ist zwar tröstlich. Aber ich sollte vor Weihnachten mich nicht nur mit der Telekom beschäftigen, selbst wenn die Mitarbeiter reizend sind.

 

PS: Mein Elend mit der Telekom hat nichts zu tun mit: http://www.zeit.de/digital/internet/2016-11/internet-deutsche-telekom-stoerung-fernsehen-telefonie-netz

#TELEKOM – Namen sind nicht nur Schall und Rauch.

Posted in Bürokratie, Erlebnispädagogik, Firmenethik, Kultur, Leben, Medien, Moral, News, Recht, Soziologie, Wirtschaft by dierkschaefer on 26. November 2016

Namen zeigen zuweilen, wo’s brennt. Bei der TELEKOM ist die TELEKOMmunikation verstümmelt. Das Logo zeigt’s noch deutlicher: Ein T gefolgt von drei Pünktchen – ein Offenbarungseid in Sachen Kommunikation: T

„Bin grad ohne Telefon – Telekom“, sage ich meinen Bekannten und stoße auf gequältes Mitleid. „Machen Sie sich auf fünf Wochen gefaßt!“

Ich hatte leichtsinnigerweise dem Vorschlag auf „Umstellung auf IP“ zugestimmt.

Die T hatte mir versichert, meine Fritz!Box und meine EUMEX-Anlage seien kompatibel. Ich müsse auch nicht daheim sein, das laufe alles im Hintergrund.

Aus dem Urlaub zurück war mein Telefon tot. Aber ich fand ein nicht bestelltes Paket vor mit „Speedport“ und „Speedportadapter“. Den Speedport legte ich zur Seite, ich hatte ja meine Fritz!Box, und begann zu adaptieren. Mein Telefon blieb tot.

Unter der Service-Nummer der T … begrüßte mich ein verräterisch-überbetontes „Herzlich willkommen!“ Das war der Empfangsautomat, der gleich gouvernantenhaft-helfend die Richtung wies: „Kundennummer bereit halten – Leider sind alle unsere Mitarbeiter zurzeit im Gespräch“ – und dann der an- und abschwellende Bocksgesang der Warteschleifenmusik. Bei meinen vielen Kommunikationsversuchen mit der T habe ich fast Heimatgefühle entwickelt.

Also: Fast nichts gegen die Mitarbeiter der T , die sind durchweg freundlich bemüht, einem zu helfen – und ich habe viele kennengelernt, immer wieder neue. Kontinuierliche Kommunikation ist bei T nicht möglich. Immer wieder aufs neue die Kundennummer und das Problem genannt, bis ich mich beinahe selbst als Problem wahrnahm. Nur einmal hat mich einer kommentarlos in den Orbit der Warteschleife zurück-katapultiert und einmal geriet ich an einen, der sich nur mit Produktziffern und anderen Abkürzungen verständlich machen wollte. Der Techniker, der schließlich bei mir auftauchte, ein Nerd wie er im Netz steht, befand, die Leitung sei in Ordnung – und verschwand.

Hilferuf an Fritz!Box: „Ist meine Box kompatibel?“ Keine Warteschleife, Problem geschildert. „Ich schaue nach.“ Dann ein Mail (mein Netzanschluss war zum Glück intakt geblieben): „Nicht kompatibel“.

Wieder die Warteschleife der T . „Ich will hinter die IP-Umstellung zurück!“ – „Die Rückgabefrist ist abgelaufen, 14 Tage im Fernabsatzgeschäft. Nun haben Sie einen Speedport an der Backe“(sic!). Wie beruhigend. Ich sehe mich betrogen, koppele meine Fritz!Box ab und schließe meinen (?) Speedport an. Das Telefon bleibt tot.

Wieder die Warteschleife, wieder die scheußliche Musik, und immer wieder Mitarbeiter, die mich freundlich fernsteuern für die Einrichtung des Speedports.

Entgegen der Bedienungsanleitung: „Den Adapter brauchen Sie trotzdem. — Machen Sie doch mal … dies … und das“. T : „Dann ist wohl der Adapter kaputt. Wir schicken einen neuen“. – „Wann kommt der?“

Seit einer Woche ohne Telefon, angewiesen auf mein Prepaid-Handy und immer in Kontakt mit der inzwischen fast lieb gewonnenen T .

„O, bitte, bitte, Telekom, komm, komm, komm!

Doch bei der Kommunikationsmethode der T , Automaten mit Zufallszuweisung an menschliche Mitarbeiter, da wird’s wohl noch dauern.

Auch mein Arzt sagte erfahrungsgequält: „Machen Sie sich auf fünf Wochen gefaßt!“

Betr. Brüdergemeinde Korntal, Pressemitteilung

Pressemitteilung des Netzwerk Betroffenen Forum e.V.

Von Betroffenen für Betroffene – Kongress „MitSprache“  tagte vom 18.11.2016 – 19.11.21016 mit internationaler Beteiligung in Berlin. Der Pressesprecher des Netzwerks BetroffenenForum e.v. stellt Aufarbeitungskonzept vor.

Plattling, 21.11.2016 Der Betroffenenrat um  den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Rörig hatte zum Kongress MitSprache in  Berlin eingeladen. Anlässlich des 2.Europäischen Tages zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch, wurde von sexualisierter Gewalt Betroffenen und Unterstützer/innen, unter dem Arbeitstitel „MitSprache“ eine Bühne geboten, sich gegenseitig zu ermutigen, politisch zu vernetzen und gemeinsam Aufsehen zu erregen.

Betroffene im Missbrauchs,- und Misshandlungsskandal der E.v. Brüdergemeinde Korntal (Stuttgart) nahmen teil an diversen Podiumsdiskussionen und Workshops, in denen vielfältige Themen fachlich diskutiert und weiterentwickelt wurden. Diesen Rahmen nutzte der Sprecher des Netzwerk  BetroffenenForums e.V. Zander um das mühevoll mit Leidensgenossen/innen und dem Verein BetroffenenForum e.V. erarbeitete Aufarbeitungskonzept zur Aufklärung der Missbrauchsfälle in der E.v. Brüdergemeinde Korntal, vorzustellen und erhält dafür große Zustimmung. Das fachkundige Publikum und höchste politische Kreise um den unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Rörig beschreiben das Konzept als richtungsweisend und zielführend und loben dieses Konzept und die sich daraus entwickelnden weiteren Schritte der Aufklärung genauso, wie die ungebremste Tatkraft und den ungebrochenen Willen zur Aufklärung der Handelnden des Netzwerk BeroffenenForums e.V. um den Frontmann Zander.

Detlev Zander Vereinssprecher: „ Der Schutz von Kindern und Jugendlicher ist elementar. Zugleich müssen die Belange all derer, die in der Vergangenheit von Staat und Gesellschaft nicht geschützt wurden, endlich Beachtung finden. Es braucht funktionierende begleitende Hilfesysteme, denn Betroffene sexualisierter Gewalt haben nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft.“

In zahlreichen Gesprächen und Erfahrungsaustausch mit  bundesweiten  agierende und anerkannten Fachleuten konnte auf diesem Kongress, auf den Missbrauchs,-und Misshandlungsskandal in der E.v. Brüdergemeinde Korntal (bei Stuttgart) aufmerksam gemacht werden und gleichzeitig ein Feedback zum Aufklärungskonzept des Netzwerk BetroffenenForums e.V.  eingeholt werden. Gespräche mit überregionalen Vertretern sämtlicher Medien waren zu dem für die Erweiterung des Netzwerkes von herausragender Bedeutung und zeigten eindrucksvoll das bundesweite Interesse und die große Anteilnahme am Schicksal der Betroffenen. Die große Wertschätzung, der Respekt und die Anerkennung der Leistung der Handelnden des Netzwerk BetroffenenForums e.V. um Zander wurde ebenso deutlich wie der Zuspruch den eingeschlagenen Weg trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse weiterzuverfolgen.

Für den Verein Netzwerk BetroffenenForum e.V. dem sich zahlreiche Betroffene im Misshandlungs-und Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal angeschlossen haben, steht längst fest: „Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist kein individuelles Schicksal. Kindesmissbrauch ist weltweit ein Bestandteil gesellschaftlicher Strukturen. Kindesmissbrauch betrifft alle sozialen Umfelder, Familie genauso wie, Bildungseinrichtungen, Jugendhilfeeinrichtungen und religiöse Gemeinschaften. Die Dunkelziffer von Missbrauch in all seinen Varianten ist seit Jahren unverändert hoch. Diese Tatsache muss gesellschaftlich und vor allem auch politisch endlich anerkannt werden und zur Grundlage weiteren gemeinsamen Handelns werden.“

www.heimopfer-korntal.de

Ansprechpartner:

Detlev Zander

dzander@aufarbeitung-korntal.de

Fon: 0172 / 47 14 240

 

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« V

Posted in DDR, Deutschland, Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderheime, Pädagogik, Straßenkind by dierkschaefer on 21. November 2016

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

 

Fünftes Kapitel

 

                                  von Heim zu Heim

 

Kommen Sie noch klar mit den vielen Zahlen?

Oh ja, zahlen also musste man nach jeder misslungenen Flucht.

Für die beschriebene Flucht im Januar 1955 habe ich sogar 20 Jahre lang gezahlt. Bezahlt mit der Angst von den DDR Behörden entdeckt zu werden, um für den provozierten Motorrad­un­fall zur Rechenschaft gezogen zu werden. [1] Zwanzig Jahre lang traute ich mich nicht, meine nach meiner Flucht in den „Goldenen“ Westen in der DDR verbliebene Schwester zu besuchen.

Ob ich mit meinen 17 Jahren Zuchthaus und Gefängnis

hier im Westen das bessere Los gezogen habe?

Eine richtige Strafe dafür (der verunglückten Bullen wegen) sollte ich schon noch dafür bekommen, versicherte man mir damals.

Die Schule wollte man mich schon noch fertig machen lassen. Meine nächste Station wäre dann wohl höchstwahrscheinlich ein Jugendwerkhof[2] geworden. Tolle Perspektiven, die sich mir da auftaten. Ob ich mit meinen 17 Jahren Zuchthaus und Gefängnis hier im Westen das bessere Los gezogen habe, bleibt dahin gestellt.

Damals jedenfalls war ich gar nicht erpicht darauf, eine richtige Strafe abzuwarten. Im August des gleichen Jahres schaffte ich es dann doch noch nach vielen vergeblichen Versuchen, in den „Goldenen Westen“ zu flüchten.

Das kommt davon, wenn man kein studierter, schon gar kein Schriftsteller ist, man kommt vom Höcks’chen auf’s Stöckchen. Ich habe schon viel zu weit vorgegriffen! Ich wollte doch eigentlich von meinen Kinder-(Kinder?) Jahren erzählen.

Also, die Laubenpieper hatten uns der Polizei übergeben.[3] Diese behandelten uns aber auch nicht gerade so berufsmäßig wie es ihnen laut Gesetz angestanden hätte. Vielleicht war ja auch unter ihnen ein Laubenpieper, den wir auf unseren Fluchten in irgendeiner Weise geschädigt hatten? Wie man es auch nimmt, bei den Bullen waren wir mit unseren 14, 15 Lenzen schon keine Kinder mehr. Wir waren für sie einfach Verbrecher, die hinter Schloss und Riegel gehörten. Mit Bedauern mussten sie zur Kenntnis nehmen das man uns wieder ins Heim nach Dönschten verfrachten müsse. Die Trapo[4] im Hauptbahnhof hatte einige Schichten lang ihr „Früchtchen“ wieder, bis ein Gefängnistransport nach Dresden ging. In Dresden wurden wir von zwei grimmig aussehenden Männern des Jugendamtes abgeholt und nach Dönschten gebracht.

Hier in Dönschten war die Endstation aller Heime!

Unsere beiden Kumpane, die sich schon der Kälte und des Hungers wegen zwischen Dipps und Dresden abgeseilt hatten, schauten uns hämisch an, so als wollten sie sagen: „seht ihr wohl jetzt habt ihr euch auch schon wieder einfangen lassen!“ Unser Haupt- oder Ober­päda­goge – Erzieher sind doch Pädagogen? – freute sich ebenfalls seine Schäfchen wieder voll­zählig beisammen zu haben. Der hatte so seine eigenen Erziehungsmethoden.

Wir, Peter H. und ich, wussten schon, dass er früher oder später die Sau rauslassen würde. Er hielt viel von Kollektivstrafen, so wie vieles in der DDR im Kollektiv erledigt wurde. Fiel die Geburtstagspaketverteilung auch unter Kollektivstrafe? Damit hatte er doch nur mich bestraft, die anderen hatten doch ihren Nutzen davon gehabt. Verstehe einer die Erwachsenen!

Außer einem riesengroßen Tagesraum, wo wir u.a. unsere Mahlzeiten einnahmen oder auch Tischtennis spielten, in den Wintermonaten unseren Frühsport machten, gab es noch zwei Schlafräume mit 10 und 17 Betten, einen kleineren Tagesraum, hauptsächlich für Schularbei­ten und Leseraum genutzt.[5]

Was also die Kollektiv­strafe betraf, so ließ der oben erwähnte Erzieher die ganze Gruppe wissen, dass jemand gegen irgendwelche Hausregeln verstoßen hätte und dass deshalb für die ganze Gruppe das Skifahren/Fußballspielen oder eben andere beliebte Freizeitaktivitäten ausfallen würden. Bedanken sollten sich die Betroffenen dafür bei den genannten Personen.

Mein lieber Kasimir! Nein, nein so hieß der Erzieher nicht. Nur so ähnlich! Peter und ich hatten diesmal keine Lust, an dieser Kollektivstrafe teilzunehmen. Zumal wir die Sünden­böcke abgeben sollten und die anderen sogar Spaß daran fanden. Wir hatten uns schon auf der Fahrt zum Heim geschworen, dass wir es diesmal nicht so weit kommen lassen würden. Unser Pädagoge, Herr K., ließ uns aber die Sache erstmal eine Nacht überschlafen. Das war so üblich, damit sich die Delinquenten schon mal darauf vorbereiten konnten auf das, was sie erwartete. Die angekündigten drastischen Kollektivstrafen, wurden aber auch regelmäßig wieder zurück genommen, sobald das Ergeb­nis zur vollsten Zufriedenheit des Pädagogen ausfiel. Falls der Ruf der Gruppe durch eine Flucht besonders stark geschädigt worden war, machte das die davon Betroffenen so schön wütend. Wurden doch Listen über die einzelnen der insgesamt 6 Gruppen in Dönschten geführt. Nach diesem Plus-Minus Schlüssel wurden dann auch jährlich aus dem Heimetat Freizeitartikel, wie etwa Skier oder Fußbälle bis hin zu Tischtennisschlägern/Bällen ausgegeben.

Um diese Wut schön zu schüren ließ er die Gruppe schon immer einen Tag vorher wissen, welche Strafen er sich für sie ausgedacht hatte.

Gruppenkeile einmal anders

Diesmal aber profitierten Peter H. und ich von dieser unausweichlichen Kollektivstrafe. Wir bereiteten uns darauf vor.

Am nächsten Tag, wie immer gleich nach Schulschluss, wurde zu Mittag gegessen. Noch während der Mahlzeit verkündete der Pädagoge, dass er an diesem Tag besonders viele Berichte zu schreiben hätte und er deshalb die Oberaufsicht dem besonders guten „Radfahrer“ Mitschüler G. übergeben habe und sich doch absolute Ruhe ausbitten möchte, um ungestört arbeiten zu können. Das hieß mit anderen Worten: er wollte nicht um Hilfe gebeten werden im Falle, dass irgendwelche Streitigkeiten auftreten würden. Nachdem abgeräumt und abge­waschen worden war, begann das allen bekannte Ritual. Langsam aber sicher wurden die Delinquenten vom Rest der Gruppe in eine bestimmte Ecke, weitab von der Treppe, die zu des Pädagogen Zimmer führte, gedrängt. Jeder in der geschlossenen Phalanx vordringenden Gruppe hatte einen Gegenstand in der Hand. Einen Gürtel, eine Gerte. Vor allem aber den „viel geliebten Ochsenschwanz,“ ein in der Mitte zusammengelegtes Handtuch, welches dann in der Mitte wiederum von oben nach unten zusammengedreht wurde. Die Spitze wurde in Wasser getaucht. Ich bekomme noch heute eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie das gezwiebelt hat, wenn man davon getroffen wurde.

Wie gesagt; Peter und ich hatten überhaupt keinen Bock darauf, diesen kindlichen Sadisten als Prügelknaben für ihren Frustabbau zu dienen. Endlich in die vorgesehene Ecke gedrängt erhoben auch schon die ersten ihre Arme.

Ganz vorne in der ersten Reihe standen sogar unsere „Freunde“, die schon am nächsten Tag unserer Flucht das große Flattern bekommen hatten. Jetzt, wieder in der Masse, schämten sie sich wohl in unseren Augen als Versager dazustehen, dafür wollten sie wohl auch besonders kräftig zuschlagen.

Was dann geschah verstieß aber gegen alle Regeln. Noch nie in der Geschichte dieses Heimes hatte es jemand gewagt, sich seiner Kollektivstrafe zu widersetzen.

In der Ecke standen immer ein paar Stühle herum, für eventuelle Besucher der Gruppe. Zwei dieser Stühle hatten Peter und ich in der Nacht schon präpariert. Diese zusammengeleimten Holzstühle brauchten wir jetzt nur noch in die Hand nehmen, und hatten somit richtig hand­liche, kantige Knüppel zur Hand. Wir zögerten auch nicht diese zu gebrauchen. Die Schmer­zen, die die anderen uns zugedacht hatten, erfuhren sie nun selbst. Drei-vier-mal in die Menge gedroschen, jeder Schlag ein Treffer. Das Blut spritzte nur so. Es gibt immer wieder Men­schen, die gerne Blut fließen sehen. Nur das eigene nicht! Wir, Peter und ich, konnten gar nicht verstehen, warum die getroffenen so brüllten. Sie hatten doch billigend in Kauf genom­men, uns auch weh tun zu wollen!? Diese feigen Arschlöcher! Leckten uns fortan die Schuhe ab, hätten wir es nur von ihnen verlangt!

Nur der Erzieher natürlich nicht. Der zweifelte nur an seinen Rechenkünsten. 25 zu 2, wie konnte das nur möglich sein? Tja, lieber Herr K., von solchen „Helden“ wie wir beide hatte die Völkerschlacht von Leipzig gelebt.

Losgeworden, in ein anderes, noch strengeres und abgelegeneres Heim ist er uns nicht. Hier in Dönschten war ja schon die Endstation aller Heime!

Dabei hatte es noch ganz human in einer Jugendherberge begonnen. [6] Am 18. Juni 53 wurde diese Jugendherberge eigens für Kinder zwischen 12 und 18 Jahren geräumt, die als Streuner oder sonstwie der Polizei in die Fänge geraten waren. Gefängnisse waren überfüllt. In Vier-Mann Schlafräumen wurde wir 14 des ersten Sammel­transports in der vierten Etage unter­gebracht. Laufend kamen aus der weiteren Umgebung neue Jugendliche. Alles was in etwa gefängnismäßig zu verwenden war, wurde für die Staatsfeinde benötigt, die sich vom bösen Westen hatten aufhetzen lassen, um gegen den eigenen Staat zu demonstrieren.

Aha, nun erfuhr ich endlich was da draußen eigentlich abgelaufen war, warum mich einige der Neuankömmlinge fast ehrfürchtig als Helden ansahen.

Der Held bekam natürlich keines der vier vorhandenen Betten, um darin zu schlafen. Dafür war der Held einfach zu mickrig auf der Brust. Ein etwa 14 jähriger Bengel nahm mich auf eine der wenigen Seegrasmatratzen auf, die er ergattert hatte. Von ihm erfuhr ich, dass er nicht zu den Helden zählte. Er hatte schon einige Zeit in einem Jugendwerkhof verbracht. So etwas Ähnliches wie ein Jugendgefängnis, welches jetzt für andere Zwecke geräumt und wieder gefüllt worden war. Ein Gericht hatte ihn zu zwei Jahren verdonnert weil er sich mit einer Schlinge einen volkseigenen Hasen gefangen hatte.

Von oben, aus dem Fenster schauend, konnten wir Vopos mit Gewehren sehen, die dafür sorgten, dass der tagelang dauernde Ausnahmezustand eingehalten wurde. Ausgangssperre für die Bevölkerung ab 22 Uhr.

Solange die Straßen des Nachts wie leergefegt waren, traute sich keiner von Flucht zu reden. An ein genaues Datum kann ich mich nicht mehr erinnern, aber daran, dass ich dort meine erste Flucht mitmachte. Ja, noch machte ich nur mit!

Die größeren hatten die Idee, unsere Schlafdecken in Streifen zu reißen und diese zu einem „Seil“ zusammenzuknoten.

Heute weiß ich, nein, erfuhr ich noch in der gleichen Nacht, dass dies ein ziemlich blödes Unterfangen war. Viel zu dilettantisch ausgeführt. Mit etwas mehr Sachkenntnis wäre mir die gespaltete Unterlippe, deren Narbe mich noch heute ziert, erspart geblieben. Wer von uns wusste schon, dass die glatten Deckenstreifen, einmal verknotet, nicht ewig zusammenhalten würden? Ja, hätten wir Wasser im Raum gehabt, hätte man die Streifen wässern, und somit sicherer machen können. Aber wir hatten kein Wasser. Und, ob überhaupt jemandem solche Gedanken gekommen wären? Wir hätten ja drauf pissen können, dann hätten sich die Knoten als haltbarer erwiesen.

noch war ich nicht die Führerpersönlichkeit

Dieser improvisierte Strick also wurde aus dem Fenster der vierten Etage gehängt. Zu der Zeit hatte ich noch kein Durchsetzungsvermögen, war noch nicht die Führerpersönlichkeit. So durfte ich mickriges Kerlchen eben erst als letzter von denen, die die Flucht überhaupt wagten, an dem Seil herunterhangeln. An diesem Tag musste ich einen ganz besonderen Schutzengel gehabt haben. Es passierte als ich in der Höhe der zweiten Etage angekommen war; die glatten Filzdeckenstreifen hatten sich auseinandergelebt, und ich prallte im freien Fall aus etwa sechs Meter Höhe voll mit den Füßen auf und … mit Wucht krachte mein Kopf aufs rechte Knie. Ich sah Sterne und spürte es sehr warm werdend in meinem Mund. Ich fasste mir an den Hals. Auch da war es sehr warm und klebrig. Meine Hand war voller Blut. Dann spürte ich auch schon den Schmerz an meinem rechten Mundwinkel. Bevor ich mich wieder aufgerappelt hatte, über die angrenzende Mauer geklettert war, waren die anderen schon längst in alle Winde verstreut.

Als ich endlich in Leipzig-Reudnitz ankam, konnte ich unser Hinterhaus gar nicht mehr erreichen. Ich hätte meiner Mutter so gerne die Sorge um mich genommen. Wie ich erst später erfuhr, wurde sie erst gegen Ende Juli davon unterrichtet, dass ich, und warum, in einem Heim in Dresden sei. In dieser besagten Nacht also konnte ich gar nicht bis zu ihr vordringen. Wenn schon ein Auto (wer hatte zu der Zeit schon ein Auto?) vor dem Haus stand, dann hatte das nichts Gutes zu bedeuten. Ich hatte mich ohnehin nicht auf direktem Wege der Lilien­straße genähert. So erkannte ich sehr schnell, dass man mich bereits erwartete. Pustekuchen, meine Herren Bullen. So leicht wollte ich es euch nun auch wieder nicht machen.

Ich suchte mir meine erste Gartenlaube zum Übernachten aus.

 

Fußnoten

[1] siehe Kapitel 3: Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendwerkhof

[3] Anschluss an Kapitel 3.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Transportpolizei

[5] Schulz: 1990 war der ehemalige große Tagesraum mit meinem ehemaligen größeren Schlafraum durch Wegnahme der Zwischenwand zum Restaurant umgewandelt.

[6] Hier knüpft Schulz wieder an das vorige Kapitel an: Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1

Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser:

Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2

In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 

Kapitel 3

Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4

  1. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5

von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

Wie geht es weiter?

Kapitel 6

Wieder gut im Geschäft mit den Russen

 

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären.“

Muss[1]? Sie tuts.

Die Vergehen und Verbrechen an den ehemaligen Heimkindern sind in diesem Blog übergenug beschrieben worden. Sie sind auch wissenschaftlich belegt. Schlimm genug.

Im Sinne des Schillerzitats waren sie der Auftakt zu weiterem Bösen,

  1. Verleugnung,
  2. Drohung,
  3. Vertuschung,
  4. Relativierung,

und mündeten darin, die Opfer von damals über den Runden Tisch zu ziehen zur Schonung der Kassen von Staat (Bundesländer), Kirchen und ausbeuterischen Firmen.

Zu diesem zweiten Akt des Bösen gehörte auch die Ausgrenzung der ehemaligen Heimkinder aus Behinderteneinrichtung und Psychiatrien.

Das betrügerische Ergebnis des Runden Tisches Heimerziehung wird nun getoppt mit einer Lösung für die Menschen mit Behinderung[2], die

  1. lange auf sich warten ließ,
  2. deren Organisierung noch nicht geklärt ist, auch ist
  3. noch nicht klar, in welcher Höhe es zu Zahlungen kommen wird; die
  4. voller Kautelen steckt, um Zahlungen zu verhindern/einzuschränken und die ohnehin schon im Planungsstadium
  5. eine deutliche Benachteiligung der Betroffenen darstellt, gemessen an den ohnehin betrugswürdigen Zahlungen an ehemalige Heimkinder aus den Erziehungsanstalten.

Muss ich noch den langen Zeitraum nennen seit dem Runden Tisch der „Moderatorin“[3] Antje Vollmer? Jedenfalls dürften eine Reihe von Betroffenen in diesem Zeitraum gestorben sein, kostensparend. Auf die Kosten achten die üblichen Verdächtigen und sie haben Erfolg.

Mich als Pfarrer (i.R.) und Theologen schmerzt, dass wieder einmal die Kirchen mit dabei sind. Dabei ist noch nicht einmal in allen Erziehungseinrichtungen anerkannt, dass sie für die ihnen anvertrauten Kinder nicht nur in Einzelfällen eine „Erziehungshölle“ darstellten.[4]

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären.“

Muss? Diese hats getan.

Winkt den aktuellen Tätern die Hoffnung auf den Tod der Opfer? Da täuschen sie sich. Denn wenn über eine böse Sache endlich Gras gewachsen ist, kommt bestimmt ein alter Esel, der es wieder runterfrisst. Das Internet hilft ihm dabei. [5]

Und die Betroffenen? Viele sind aus der Kirche ausgetreten[6]. Sie wissen warum und erzählen ihre Geschichte ihren Kindern und Kindeskindern, weil sie sich nicht auf das Jüngste Gericht verlassen wollen.[7]

Fußnoten

[1] Schilller, Wallenstein http://gutenberg.spiegel.de/buch/wallenstein-3306/9

[2] http://jacobsmeinung.over-blog.com/2016/11/behinderte-ehemalige-heimkinder-werden-auch-sie-betrogen.html?utm_source=_ob_share&utm_medium=_ob_twitter&utm_campaign=_ob_sharebar

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[4] Auch hier eine kirchlich Einrichtung. Man lese den aktuellen offenen Brief der Betroffenen: http://jacobsmeinung.over-blog.com/2016/04/offener-brief-der-heim-opfergruppe-gut-an-der-linde.html

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/09/09/wenn-die-ohrenzeugen-der-augenzeugen-verstummt-sind-beginnt-die-geschichtsschreibung/

[6] Aus dem Staat und den Bundesländern können sie halt nicht austreten, doch sie haben zu schätzen gelernt, was sie diesem Staat wert sind.

[7] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf