Dierk Schaefers Blog

Die Länderminister rechnen damit, dass lediglich jeder Zehnte von 90 000 einen Antrag stellen wird.

WARUM DIESER BEITRAG VOM 20. NOVEMBER 2015 DAUERHAFT HIER DEN ERSTEN PLATZ EINNIMMT, WEISS ICH NICHT. ICH WILL IHN WEGEN DER VIELEN KOMMENTARE ABER AUCH NICHT LÖSCHEN.

 

Antrag worauf? Auf „Entschädigung“. Die Journalisten haben immer noch nicht den Unterschied zwischen Hilfen und Entschädigung kapiert.

http://www.arcor.de/content/aktuell/regional_news/thueringen/4322969,1,Bundesl%C3%A4nder–Opfer-in-Behindertenheimen-und-Psychiatrie-erhalten-Entsch%C3%A4digung,content.htmlhttp://jacobsmeinung.over-blog.com/2015/11/schweigegeld-fur-behinderte-heimopfer-die-toten-schweigen-auch-ohne.html?utm_source=_ob_share&utm_medium=_ob_twitter&utm_campaign=_ob_sharebar

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« III

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

 

 

Drittes Kapitel

Weiter im Kreislauf:

Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern

 

Keine Bange, lieber Leser, ein Mörder bin ich nicht.

 

Im Januar 1955 dann, (welch ein blödsinniges Unterfangen!) machten wir uns zu viert wieder davon.

Die Heimleitung hatte Klein Schulzi wieder mal sauer gemacht. Es war aber auch ein starkes Stück, was die Kollektivwirtschaft mir da angetan hatte. Mein Vater hatte mir zum Geburtstag ein Paket aus dem Westen geschickt. Herrlich duftende Apfelsinen, Schokolade, Marzipan und andere Naschereien drin. – Zwei Orangenfilets, einen Riegel Schokolade und eine dünne Scheibe vom Marzipanbrot und den bereits von der Heimleitung gelesenen Brief bekam ich, als Geburtstagskind, persönlich davon ab. Der Rest wurde fein brüderlich in der Gruppe verteilt.

Mir schwoll der Kamm!
Ich war ganz geharnischter Protest.

Bedanken mochte ich mich dafür nicht gerade, dass man mich davor bewahrt hatte, mir mit all den Leckereien den Magen zu verderben. Mir wurde auch so schon übel bei dem Gedanken, dass ich zusehen musste, wo der Inhalt meines Geburtstagspaketes blieb. Mir schwoll der Kamm! Ich war ganz geharnischter Protest. Schulz, als Rädelsführer bekannt, hatte keine Schwierigkeiten, auch zu dieser Jahreszeit wieder Weggefährten zu finden. Alleine reisen machte aber auch wirklich keinen Spaß. Schon gar nicht wenn der Schnee meterhoch im Erz­gebirge rum liegt. Meine Güte, hatten wir uns da auf eine mühselige Reise begeben. Eine wahre Tortur. Die Straße immer im Auge behaltend wateten wir im Wald durch den hohen Schnee. Von innen her schwitzend, Eiseskälte von außen. Da hatten wir schnell noch ver­kru­stete Schneegewichte mit uns herumzuschleppen. Kamen wir überhaupt vorwärts? Mir schien, je länger wir gegen den nachgiebigen Schnee ankämpften, dass die nächste Bergkuppe immer weiter abrückte. Unten, auf der einzigen Straße, die uns schneller ans Ziel gebracht hätte, suchte man uns natürlich. Sicherlich waren schon sämtliche Anwohner an dieser Strecke wie immer von unserer Flucht unterrichtet. Kein Gedanke daran den Wald zu ver­lassen und den leichteren Weg zu wählen. Bei den wenigen motorisierten Fahrzeugen zu damaliger Zeit waren die Polizeifahrzeuge sehr schnell auszumachen.

Und wir sahen sie. In fast regelmäßigen Abständen patrouillierten sie auf unserem vermeint­lichen Fluchtweg. Den Grund für diese sinnlose Spritvergeudung kannten wir nur zu genau. Der Januar hat es nun mal so an sich, dass er die Nacht sehr schnell über den Tag siegen lässt. Aber auch das bereitete uns keine Schwierigkeiten, die Straße, den Verkehr da unten, zu beob­achten. Die vom Mond beschienene schneebedeckte Landschaft ließ uns jede Bewegung gut erkennen. Jetzt, in der immer kälter werdenden Nacht, fuhr ein Polizeimotorrad Streife. Welch ein blöder Job in dieser Jahreszeit. Dem Fahrer und seinem Sozius ging es kaum besser als uns da oben im Wald.

Wir jedenfalls hatten dann auch so ziemlich die Schnauze voll vom Waldspaziergang. Wir beschlossen, uns auf der festen Straßendecke weiter gen Dipps[1] zu bewegen. Oh, wie gut das tat. Es kam uns vor als hätten wir Bleigewichte abgelegt. Das mochte ja eine gute Trainings­einheit für Kraftsportler sein, aber nicht für vier Jungs, die auf der Flucht waren und sich langsam nach einem Ort sehnten, wo sie nach diesen Anstrengungen ihre müden Häupter hinlegen konnten.

Jedoch, bis Dipps, wo wir Gartenlauben vorfinden würden, um zu übernachten, war es noch ein Stück Weg. Dresden war noch weit. Für diese Nacht war Dipps unser ersehntes Ziel. Keinen Blick hatten wir für die vom Sturm gebeugten Gipfelfichten, – eine schneebeladene Schar einge­mummter, unheimlicher Gestalten. Wir hatten keinen Sinn für die Farbkompo­sition zwischen Weiß und Schattenblau am Bergkamm. Was scherte uns, was hinter uns lag. Zu sehr waren wir damit beschäftigt vorwärts zu kommen, dabei immer wieder die Hälse ver­drehend, Aus­schau haltend nach dem Scheinwerferkegel des patrouillierenden Motorrades. Grell und weit stach der Lichtfinger des uns suchenden Scheinwerfers in die Nacht, war somit frühzeitig zu erkennen. Ein paar Mal hatten wir uns in oder hinter einer Schneewehe ver­steckt, bis sie vorbei waren. Schlotternd vor Kälte, mit knurrendem Magen, waren wir schon bald nicht mehr gut auf unsere Jäger zu sprechen. Wir wünschten die Bullen – alle Freunde der Polizei werden hier um Entschuldigung gebeten – ganz schlicht zum Teufel. Zunächst aber half uns der Zufall. Am Wegrand stand eine Bauarbeiterbude. In diese einzu­brechen bereitete uns keine Schwierigkeiten. Nur Platz zum Schlafen, wie wir gehofft hatten, bot sie uns nicht. Vollgestopft mit Schubkarren, Hacken und Schaufeln, blieb uns kaum Platz darin aufrecht zu stehen. Dafür fanden wir eine Ölfunzel, die sogar funktionierte. Woran wir uns bis dahin nur gestoßen hatten, sahen wir uns nun bei Licht an. Steppjacken, dreckver­schmierte Hosen hingen, Filzstiefel standen herum. Na, wenigstens etwas. Wir zogen die ohnehin zu großen Klamotten über die unseren. Schön kuschelig warm! Ein Beil, das an der Wand hing, schien mir gerade recht, um später die Gartenlauben leichter öffnen zu können, da es uns ja an Schlüsseln mangelte. Warum ich mir auch noch eine Seilrolle um die Schultern legte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt beim besten Willen nicht erklären. Ich nahm sie einfach mit. So ausgerüstet warteten wir ab bis das Motorrad gerade wieder mal an der Bude vorbeifuhr. Wir erkannten zwei Männer darauf.

Ein Seil über die Straße – in Kopfhöhe

Zwar hatte keiner von uns eine Uhr, wussten aber doch, dass wir nun eine ganze Weile auf der Straße entlang marschieren konnten. Rechtzeitig erkannten wir den sich nähernden Schein­werferkegel des Motorrades. Das zwang uns jedes Mal wieder in den tiefen Schnee. Das zusätzliche Gewicht der Arbeiterklamotten machte die Sache auch nicht zum Vergnügen. Jetzt hatte ich aber wirklich die Schnauze voll von den aufdringlichen Bullen. Ein Gedanke in mir begann Formen anzunehmen. Wurde in die Tat umgesetzt. Meine Kumpane sahen mir zwar verdutzt zu, aber als ich mit meinem Werk fertig war, hatten auch ihre halbgefrorenen Gehirne begriffen. Ich hatte das Seil, eigentlich ohne bestimmte Absicht mitgeschleppt, einfach in etwa 30 Zentimeter Höhe um einen Baumstamm geschlungen, das gleiche an dem Baum auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Um das Seil auch schön straff zu bekommen, steckte ich den Beilstiel in eine Schlaufe und drehte solange daran bis es gespannt war wie die Sehne eines Flitzebogens. Dann aber nichts wie weg. Keuchend, der eisige Wind stach in unseren Lungen, rannten wir los. Dabei immer wieder über die Schulter schauend, wann der Lichtfinger des Scheinwerfers wieder in unsere Richtung zeigen würde. Er zeigte! Penetrant zeichnete er die Kurven nach, die die Straße nahm. Nicht lange! So sicher wie das Amen in der Kirche kam das Licht uns immer näher. Sollte uns aber nicht mehr erreichen. Nie mehr! Nie mehr, so glaube ich jedenfalls, wird einer der beiden Bullen wieder in seinem Leben ein Motorrad bestiegen haben.

Plötzlich hauchte der Lichtstrahl sein Leben aus

Plötzlich stach der grässliche Lichtstrahl in den Himmel hinein, verblasste nach oben hin, so als hauche er sein Leben aus.

Keine Bange, lieber Leser, ein Mörder bin ich nicht. Glückliche Umstände bewahrten mich davor. Unglückliche Umstände allerdings ließen den Soziusfahrer über den vor ihm sitzenden Fahrer segeln und ihn ausgerechnet auf den einzigen weit und breit vorhandenen Baum­stumpf am Straßenrand mit dem Schulterblatt draufknallen. Nach acht Monaten Krankenhaus­aufent­halt hatte man ihm auch den letzten Knochensplitter aus der Lunge geholt. Bei dem plötz­li­chen Aufprall bei der relativ geringen Geschwindigkeit des Motorrades auf das straff gespannte Seil, war er fein säuberlich über seinen Kollegen hinweggesegelt. Beim Überflie­gen hatte er allerdings seinen Kollegen beim Absteigen behindert. Mit seinem Aufprallge­wicht hatte er diesen nach unten gedrückt, so dass der Fahrer, als das Motorrad vornüber kippte, mit seinen Handgelenken zwischen Lenkgriffe, Kupplungszug und Bremshebel hän­gen blieb. Beim Überschlagen hatten seine Handgelenke diesem Druck nicht stand­gehalten. Sein Brustkorb hatte ebenfalls einen Klaps vom Tankdeckel erhalten, als das Motorrad auf ihn fiel. Dafür kann ich doch wohl nichts, oder?

Von den beschriebenen Einzelheiten erfuhr ich erst einige Tage später, als man uns wieder einmal eingefangen hatte.

Na ja, die beiden Bullen hatten für diese und weitere Nächte keine Probleme wie wir, wo sie ihren müden Häupter hinlegen sollten. Die Krankenwagen, die sie in ihre kuschelig warmen Betten brachte, haben uns noch vor Dippoldiswalde überholt. Und wir vier? Wir tippelten, zwar nicht mehr gejagt, aber immer schlapper und hungriger in die gleiche Richtung.

Nicht so bequem wie die, denen wir zu dieser Fahrt verholfen hatten, erreichten auch wir noch in dieser eisigen Januarnacht Dipps.

Wir fanden Gartenlauben und unseren wohlverdienten Schlaf.

Wo gibt eine Hausfrau größere Geldbeträge aus?

Leider hatten sich mir zwei Muttersöhnchen angeschlossen. Schon am nächsten Mittag, wir waren auf halbem Wege nach Dresden, wo wir uns in der Markthalle etwas zu Futtern, und eventuell auch ein paar Portemonnaies aus den Einkaufstaschen zu sorgloser Hausfrauen angeln wollten. Da war zweien schon der Magen, bzw. der Mut in die Hosen gerutscht. Die beiden setzten sich von uns ab, liefen zur Polizei und ersuchten um Hungerasyl.

Damit konnten wir ja wohl die Markthallenmasche sausen lassen, die uns sonst auf der Flucht immer so nützlich gewesen war. Wo gibt eine Hausfrau sonst noch größere Geldbeträge aus? Ja, richtig. Beim Fleischer natürlich. Wir beiden Verbliebenen brauchten uns nur in eine War­teschlange einzureihen, um Beute zu machen. Schlangen gab es damals immer, wo es Fleisch gab. Wir brauchten nur darauf zu warten bis eine Frau einen Geldschein auf den Tresen legte, während die Verkäuferin noch den Betrag zusammenrechnete. Wie zufällig stand dann auch einer von uns daneben. Lag der Schein auf dem Tresen, schwupp! Ein schneller Griff, und der Schein hatten den Besitzer gewechselt. Etwas zweckentfremdet zwar, aber auch wir bezweck­ten etwas damit. Nämlich unsere Bäuche zu füllen und mit einer ehrlich erworbenen Fahrkarte weiter nach Leipzig zu fahren, ohne uns vor dem lästigen Schaffner verstecken zu müssen oder uns gar wegen Schwarzfahrens strafbar zu machen.

Leipzig war nach jeder Flucht mein Anlaufpunkt. Das aber wussten inzwischen auch schon längst die Vopos. Es bedurfte schon viel Geschicklichkeit um denen nicht so schnell in die Arme zu laufen. Meine Mutter hatte schon mit 35 Jahren grauweiße Haare. Ob ich wohl dazu beigetragen hatte? Sie behauptete es jedenfalls. Es war aber auch ein Kreuz mit mir, mich als Sohn zu haben. Ich konnte, wollte einfach nicht auf meine Mutter hören. Lausebengel der ich war! (Hoffentlich liest keiner meiner Söhne je dieses Buch. Aus verschiedenen Gründen allerdings. Wie des Weiteren noch zu lesen sein wird).[2]

Wo war ich mit meiner Erzählung stehen geblieben? Ach ja. In Leipzig. Meine Mutter. Mutter, geliebteste aller Mütter. Mag der geneigte Leser die vorgenannten Worte auch nicht so recht glauben wollen; ich wiederhole: Geliebteste aller Mütter! Ich habe dir unendlich viel Leid zugefügt. Aber nur du weißt auch, dass ich dich wirklich von Herzen geliebt habe. Im Rückblick mit dem Kopf eines erwachsenen Mannes, mit dem Wissen aller Zusammenhänge des gemeinsamen Zusammenlebens, der vielen Entbehrungen in Kriegs- und Nachkriegs­zei­ten hast du es einfach verdient einen würdigen Nachruf von deinem einzig verbliebenen Sohn zu bekommen. Wenn es denn den Himmel gibt, dann werde ich dich dort in der unend­lichen Zeit, die unsere Seelen dort verbleiben werden, suchen und dich um Verzeihung bitten. Dass wir in den Himmel kommen steht außer Frage. Haben wir doch die Hölle schon auf Erden erlebt. Du hast mich viel zu früh verlassen, während mein Erzeuger sich aus der Verant­wor­tung gezogen und dich auch noch um 16 Jahre überlebt hat. Welch eine Ungerechtigkeit. Warum ich dies als Ungerechtigkeit betrachte? Nun, die weiterführende Geschichte meines Lebens wird dies aufzeigen.

Mit Peter H.,[3] hielt ich mich einige Tage in Leipzig auf. Zu Muttern konnte ich schlecht. Dort tauchte die Polente regelmäßig als erstes auf, informierte Hauswart und Nachbarn über meine erneute Flucht. Kontakt hatte ich, aber kein Unterkommen mehr bei ihr. Des Nachts schliefen wir in Gartenlauben. Wo sonst? Zu dieser Jahreszeit vollkommen ungestört vor erbosten Laubenpiepern, – wie wir glaubten. Tagsüber hielt ich mich in der Nähe des UNIVERMAG[4] auf, dem einzigen Kaufhaus in Leipzig, zu dem nur die russischen Besatzer Zugang hatten. Ich machte da wohl eine rühmliche Ausnahme. Aber auch davon an anderer Stelle mehr. Um an Bargeld zu kommen brauchte ich mich nur meiner fast perfekten russischen Sprachkennt­nisse zu bedienen. Doch bevor wir etwas richtig erreicht hatten, wurden wir ausgerechnet dort erwischt, wo wir uns am sichersten gefühlt hatten. In einer Gartenlaube!

Irgend so einer blöden Göre war es eingefallen, das es im letzten Herbst eine vergammelte Puppe in der Laube hatte liegen lassen. Diese wollte sie nun aus der Laube holen, hatte uns darin schlafend vorgefunden. Ein ganzes Straßenkollektiv hatte sich dann zusammengefun­den, um die Laubenfrevler zu fangen. Wer denkt auch schon ans Weglaufen, wenn er aus dem besten Schlaf gerissen wird. Zumal die zusammengerottete Nachbarschaft nicht mit leeren Händen gekommen war. Wir waren uns nicht ganz sicher, wie viele Holzlatten-Knüppel­schläge wir abbekommen und überleben würden. Der Klügere gibt nach. Decken und Kissen aus 15 verschiedenen Lauben hatten uns in der in der Laube mollige Wärme gegeben. Hier draußen in der Kälte machte uns der Krach der aufgebrachten Gartenbesitzer vollends wach. Was wir uns aber auch alles von den Leuten anhören mussten. Über die bösen Buben, die immer wieder ihre schön hergerichteten Lauben demolierten. Dabei waren wir schon lange nicht mehr hier gewesen. Seit dem letzten Sommer schon nicht mehr, und da auch nur in 22 Gartenhäuschen, bis wir das nötigste zusammengefunden hatten, damit jeder ordentlich schlafen konnte. Die Leute konnten sich vielleicht anstellen. Endlich konnten sie uns der Polizei übergeben. Wir würden schon sehen, wo uns das hinbrächte. In ein Heim gehörten solche Strolche. Eins für Schwererziehbare! Ja, gehörten diese Früchtchen hin, wenn die Eltern nicht auf sie aufpassen könnten.

Kam es nicht in eure Köpfe, dass wir vielleicht Kriegsopferkinder waren?

Zucht und Ordnung gehörte ihnen eingebleut. Bei Adolf hätte es so etwas nicht gegeben. Der Krieg hätte die ganze Weltordnung auf den Kopf gestellt. Wie Recht sie doch hatten!

Diese Empörung der Erwachsenen, die um uns herumstanden, auf das Eintreffen der Polizei warteten. Sicher waren viele darunter, die selbst Kinder hatten, kaum mit ihnen fertig wurden, gar nicht deren Probleme kannten. Es baut so schön das eigene Ego auf, vor den Nachbarn seine Empörung kundzutun, sich das Mäntelchen des Biedermannes umzuhängen. Ablenken von eigenen Erziehungsproblemen.

Ihr Erwachsenen, die ihr um uns herumstandet, eure Schnaps und Bierfahnen vom vergange­nen Abend, ihr ekeltet mich an. Ihr hattet zwei Sündenböcke umkreist, Abbildungen eurer eigenen Kinder, an denen ihr euren Missmut, euren Frust, laut herauslassen konntet. Würdet ihr eure eigenen Kinder derart beschimpfen bei einem Vergehen, sie würden wahrscheinlich auch weglaufen. Wären auf den gleichen Weg gekommen wie ich und Peter H.. Der Kreislauf: Heim-versaut werden-weglaufen-Lage verschlimmern hätte begonnen. Ach, ihr lieben erwachsenen Arschlöcher, hätte ich euch doch einen Spiegel vor eure verdutzten Gesich­ter halten können, als die Polizei endlich eintraf und wir denen unsere Herkunft erklär­ten und die Gründe für unsere Laubenübernachtung. Die geifernde Wut, die ihr auf uns nie­der­prasseln ließt. „Aus dem Heim sind sie ausgerissen. Kein Wunder, das sie so ruhig geblie­ben sind, als wir ihnen prophezeiten, dass genau dies mit ihnen geschehen würde,“ geiferten die Erwachsenen voller Empörung.

Ja, was hatten die denn von uns erwartet? Der selbstgewählte Verzicht aufs Denken brachte ihre Dummheit klar zum Ausdruck. Hatte sich überhaupt einer Gedanken darüber gemacht, warum wir in einem Heim gelandet waren? Kam es nicht in eure Köpfe, dass wir vielleicht Kriegsopferkinder waren?, denen –ohne Eltern – das Heim zur zweiten Heimat geworden war, wie vielen zu der Zeit. Das richtige Alter dazu hatten wir doch. Und, glaubten sie dann etwa auch noch, dass so ein Heimleben das Gelbe vom Ei wäre? Mutterersatz? Vaterersatz? Peter z.B. hatte beide Elternteile im Krieg verloren. War in einem Waisenhaus gelandet. War ein verstörtes Kind, welches sich dort nicht so recht unterordnen konnte. Hatte es somit geschafft, in einem Heim für Schwererziehbare untergebracht zu werden. Armleuchter die ihr wart, ihr dachtet gar nicht. Ihr wünschtet uns nur eine ordentliche Tracht Prügel. Die bekamen wir sowieso nach jedem gescheitertem Fluchtversuch; viel grausamer als ihr sie uns hättet verpassen können. Ihr erwachsenen Banausen. IHR hattet doch zum größten Teil – zumindest vor wenigen Jahren noch – „Heil Hitler“ geschrieen, und JA gebrüllt als euch die Frage gestellt wurde: „Wollt ihr den Totalen Krieg?“

 

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Fußnoten

[1] Dippoldiswalde

[2] Gestrichen: Monika, dir meiner ersten großen Liebe, der ich am liebsten dieses Buch gewidmet hätte, hätte es da nicht eine andere weibliche Person, meine Mutter, in meinem Leben gegeben, die es noch weitaus mehr verdient hat. Weil es die reinsten Gefühle waren, die ich für dich, außer zu meinen Söhnen, empfunden habe. Dir werde ich empfehlen müssen, dieses Buch besser nicht weiter zu lesen. Zuviel könnte von meinem Nimbus bei dir zerstört werden, sofern ich mir nicht nur eingebildet habe, dass ein hauchdünnes Band zwischen uns je bestanden hat.

[3] Mit Peter H., dessen vollen Namen ich hier schlecht nennen kann, weil er immer noch in einer norddeutschen Großstadt lebt und es mir verübeln könnte.

[4] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fotothek_df_roe-neg_0000131_002_Stra%C3%9Fenzug_mit_Warenhaus_%22Univermag%22.jpg

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1

Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen oder Du sollst wissen, lieber Leser:

Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2

In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3

Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

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Wie geht es weiter?

Kapitel 4

17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

 

Kinder als Versuchskaninchen

Arzneimittelstudien an Heimkindern kamen angeblich nur selten vor. Das sieht aber anders aus. Die Studie[1] nennt es „ein Versäumnis des Runden Tisches Heimkinder“ und fragt, „warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesem Thema näher zu befassen.“

Als pauschale Antwort bietet sich an, dass der Runde Tisch unter Vorsitz von Antje Vollmer offensichtlich bemüht war, die Verantwortlichkeiten nicht ausufern zu lassen. Die staatlichen und kirchlichen Heime und ihre Schwarze Pädagogik[2] konnte man schlecht aussparen, dafür aber deren finanzielle Risiken gering halten. Doch für die Medikamentation waren nicht nur die verabreichenden Mitarbeiter der Einrichtungen verantwortlich, sondern große Firmen, die in den Heimen Versuchsreihen starten konnten,[3] Versuchsreihen, die von Medizinern geplant wurden, deren Berufsbiographien in zahlreichen Fällen bruchlos in die Zeit zurückreichten, in denen sie für NS-Verbrechen verantwortlich waren.[4] – Damit hätte man die Pharma-Firmen belastet. Das wollte Frau Vollmer wohl nicht.

Auch im Falle der Zwangsarbeit[5] hat sie abgeblockt und damit heute noch bestehende und renommierte Firmen unter ihren Schutzmantel[6] genommen. [7] [8]

Mir fallen keine unverfänglichen tiefer schürfenden Antworten auf die Frage ein, warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesen Themen näher zu befassen.

Die Sache mit den Medikamententests an nichteinwilligungsfähigen Personen ist leider ein aktuelles Thema geworden.[9]

Fußnoten

[1] http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Pädagogik

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/

[4] Die „Moderatorin“ des Runden Tisches, die den Begriff Zwangsarbeit nur für Nazi-Zwangsarbeit verwendet sehen wollte. Sie sah darüber hinweg, daß die „Arbeitstherapeuten“ in den Heimen vielfach ehemalige SA-Leute und die Gutachter einschlägig belastet waren. In den Heimen – kirchlich wie staatlich – hatten wir die Fortsetzung des Nazi-Systems. Frau Vollmer in ihrer grün-christlichen Bigotterie hat das nicht bekümmert. Sie sprach zwar von erzwungener Arbeit, bat jedoch die Profiteure nicht zur Kasse und sah völlig darüber hinweg, daß es Zwangsarbeit nicht nur für Jugendliche gab, sondern auch für Kinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/06/17/zwangsarbeit-in-ost-und-west-was-sind-die-unterschiede/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/05/05/zwangsarbeit-nicht-nur-fur-ikea/

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzmantelmadonna

[7] Die Zwangsarbeit. Eine geringe Pauschalentschädigung als Rentenersatz gibt es, anders als in Irland, bei uns nur für Jugendliche, die Zwangsarbeit leisten mußten, wobei der Begriff Zwangsarbeit peinlichst vermieden wird. Es gibt keine Lohnnachzahlung, weder von den kirchlichen, noch von den staatlichen Einrichtungen, die von der Zwangsarbeit profitiert haben. Auch nicht von der Privatwirtschaft, die gut an den Kindern verdient hat. Es schien wohl nicht opportun, die Betriebe, darunter Firmen mit großer Bedeutung, zwangszuverpflichten. Zwangsarbeit ja, Zwangsentschädigung nein.

Und für die Zwangsarbeit von Kindern gibt es GAR NICHTS. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/09/er-ist-ein-priester-du-must-ihm-gehorchen/

[8] Antje Vollmer, Moderatorin des westdeutschen Runden Tisches für ehemalige Heimkinder, mied wie der Teufel das Weihwasser die Anwendung des Begriffs Zwangsarbeit auf die Ausbeutung der ehemaligen Heimkinder (West!) durch respektable Industriebetriebe und einzelne Bauern. Sie wollte den Begriff ausschließlich für die Zwangsarbeit für Nazi-Deutschland gelten lassen. Und so tauchten weder der Begriff noch der Sachverhalt im Abschlußbericht des Runden Tisches auf. Die Nutznießer der Zwangsarbeit wurden nicht nur nicht am Fonds beteiligt, sondern blieben unerwähnt. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/29/zwangsarbeit-ost-und-zwangsarbeit-west/

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/25/medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen-ein-ideales-menschenmaterial/

Beginn der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in DDR-Heimen

Posted in DDR, heimkinder, Kinderheime, Uncategorized by dierkschaefer on 11. September 2016

Möchten Sie vom Frühstück bis zum Mittagessen mit nacktem Hintern auf dem Klo sitzen müssen?

Posted in Deutschland, Gesellschaft, Leben, Moral, Staat by dierkschaefer on 5. September 2016

Das kommt anscheinend vor und soll wohl hinnehmbar sein, wenn es sich um Menschen mit Behinderung handelt. Wer sein Kleinkind so lange auf dem Töpfchen sitzen lässt, könnte Schwierigkeiten mit dem Jugendamt bekommen.

Von solchen Fällen schreibt Gerhard Bartz, der Vorsitzende des Bundesverbandes „Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V.“[1]

„Behinderte Menschen brauchen menschliche Unterstützung. Diese lässt sich ausschließlich auf Papier in unterschiedliche Hilfearten aufteilen. Statt Hilfe zur Pflege, Hilfe zur Alltags­bewältigung, zur Haushaltsführung, zur Teilhabe brauchen wir Assistenz. Schlicht und einfach Assistenz. Alles andere macht Heerscharen von Wissenschaftlern und Bürokraten froh, die Betroffenen hingegen nicht. Der Betroffene wird im Einzelfall schon einmal, wie in Rheinland-Pfalz geschehen, zur Budgetrückzahlung verdonnert, weil er mit der Unterstützung der Assistenz, die just zu diesem Zeitpunkt von der Eingliederungshilfe bezahlt wurde, eine Toilette aufsuchen musste.“

Mehr lesen Sie im Link in der Fußnote.

[1] http://forsea.de/projekte/Teilhabesicherunggesetz/2016_09_04_Offener_Brief_BTHG.pdf „Offenener Brief an die Damen und Herren, an Abgeordneten der Bundestagsausschüsse, Arbeits- und Sozialausschuss, Gesundheits­ausschuss sowie Haushaltsausschuss“ zum „Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbe­stim­mung von Menschen mit Behinderungen (Bundesteilhabegesetz – BTHG) / Umsetzung der Behindertenrechts­kon­vention / Artikel 3 Grundgesetz

Volk ohne Stauraum

Posted in Deutschland, Ethik, Gesellschaft, Leben, Moral, Nazivergangenheit, Politik, Recht, Soziologie, Staat by dierkschaefer on 5. September 2016

Wieso? Der Verkehrsfunk meldet doch immer kilometerlange Staus auf den Autobahnen. Jede Menge Stauraum. Richtig, aber hier geht es um den privaten Stauraum – und der reicht nicht aus.

Das mit der Mülltrennung und dem Gelben Sack war schwierig genug, doch das haben wir einigermaßen hingekriegt nach dem Motto: Raum ist in der kleinsten Küche.

Aber nun das: Haben Sie Platz für drei Six-Pack Mineralwasser pro Person? – jede Flasche mit 1,5 Liter. Bei einem Dreipersonenhaushalt sind das 9 Six-Packs, mehr als eine Lage auf der Discounterpalette. Ja, kann man auch stapeln. Doch dann wird’s schwierig. Der Vorrat soll umfänglich erhalten bleiben. Was Sie verbrauchen, müssen Sie nachladen, also die neuen Sixpacks immer nach unten. Doch der Wasservorrat allein reicht nicht. Wenn Sie noch nicht in der Zeitung gelesen haben, was Sie für den Notfall alles brauchen, um zwei Wochen zu überleben, dann fordern Sie doch beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe die Broschüre an: http://www.bbk.bund.de/SiteGlobals/Forms/Warenkorb/BBK/DE/Warenkorb_Formular.html?cart4256416=%2B1 . Dort erfahren Sie, was Sie alles brauchen, und das ist viel mehr, als reines Wasser. Und alles muss „umgewälzt“ werden: Erst das Alte verbrauchen und das Neue alt werden lassen. Aber wohin damit, wird nicht gesagt.

Doch auch das ist nicht alles.

Ihre Normalvorräte, durchschnittlich für etwa drei Tage ausreichend, wie man liest, Ihre Normalvorräte also lagern größtenteils im Kühlschrank und im Tiefkühlschrank. Stromausfall gehört zu den meisten Notfallszenarios. Also brauchen Sie ein Notstromaggregat. Das paßt notfalls in die Garage, wenn Sie eine haben. Doch der Dieselvorrat dafür darf dort nicht mit rein, selbst wenn Platz wäre. Von dieser sinnvollen Vorsichtsmaßnahme ist aber gar nicht die Rede. Denn dann würden die Leute merken, was für realitätsferne Ratschläge auf sie niederprasseln.

Wer soll das verstauen, wer hat so viel Platz?

Das Volk ohne Stauraum reicht bis hoch in die Mittelschicht hinein. Selbst in einem Häuschen à la Helmut Schmidt[1] dürfte kaum Platz für die erforderlichen Vorräte sein. Dann vielleicht doch die Garage? Wer keine eigene hat, also all die Menschen mit oder gar ohne Tiefgaragenstellplatz, ist genau so dumm dran, wie ein Obdachloser. Da wären sicherlich auch manche MdB betroffen. Wissen die das schon? Sie sollten eine Garage mit Notstromaggregat beantragen Wo: Beim Innenministerium, dort im Bundesamt … Wo? Ach Sie wissen ja schon, wer sich über uns lustig macht.

So steht es mit der Privatisierung staatlicher Aufgaben: Man ist selbst der Dumme.

Ganz dumm dran sind die ganz Armen – wie immer. Die sollen laut Sozialministerium wie jedermann die Zusatzkosten so nebenbei rausschwitzen. Nach Schätzungen für einen Dreipersonenhaushalt ein halber Tausender. Für uns Bessergestellte kein Problem – vom Raum abgesehen. Aber die auf das Existenzminimum reduzierten Sozialhilfeempfänger[2] können das nicht, selbst wenn sie die schon abgelaufenen Lebensmittel bei der Tafel einkaufen. Steckt hinter dieser ministeriellen Lösung vielleicht gar ein Endlösungsgedanke? Sind Sozialschmarotzer[3] nicht verzichtbar? Nach den Vorgaben werden sie eine länger anhaltende Katastrophenlage nicht überleben. Die können wir also abschreiben, das erleichtert uns anderen den Neustart nach der Katastrophe. Wir sind dann auch die Obdachlosen los, auch die Alten in den Heimen, weil das Heimbudjet solche Sonderausgaben nicht vorsieht.

Was tun?

Wer Sozialhilfe bezieht und Wohngeld, sollte bei seinem Sozialamt den Antrag stellen, den Flächenbedarf neu zu berechnen. Denn die zusätzlichen Quadratmeter für die nun heiß empfohlenen Vorräte sind bisher noch nicht berücksichtigt worden.

Ohnehin sollte dieser Bedarf in die Bauordnungen aufgenommen werden, ein Autostellplatz pro Wohnung ist ja auch drin.

 

Ein Vorschlag ohne großen Platz- und Finanzbedarf: Kinder kauft Kämme, ’s kommen lausige Zeiten.

[1] Strauss machte sich darüber lustig.

[2] https://www.jungewelt.de/2016/09-01/028.php + https://deutsch.rt.com/inland/40203-kein-notvorrat-fur-hartz-iv/

[3] Die Nazis sprachen von Ballastexistenzen https://de.wikipedia.org/wiki/Ballastexistenzen . Immerhin wissen wir nach dieser Sozialabsage nun, auf welchen Denkhorizont wir uns hinbewegen.

Hol mich aus dieser Hölle raus!

Posted in Kinderheime, Kindeswohl, Pädagogik by dierkschaefer on 3. September 2016

Aus Julias Tagebuch.

Namen von Erziehern/Therapeuten wurden abgedeckt.

 

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/02/rechtsanwalt-mit-biss-gesucht-familien-und-betreuungsrecht/

Rechtsanwalt mit Biss gesucht: Familien- und Betreuungsrecht

Posted in heimkinder, Kindeswohl, Staat by dierkschaefer on 2. September 2016

»Gehen Sie doch zu einem jungen Kollegen. Der hat genug Zeit und könnte sich profilieren.«

Es geht um Julia. Ihre Mutter bemühte sich lange Zeit mit allen Mitteln, ihre Tochter besuchen zu können. Genau dieses Bemühen macht man ihr zum Vorwurf: Psychisch krank, paranoid. Das Kind muß geschützt werden. Julia kam in ein zweites Kinderheim, nachdem die Vorwürfe der Mutter gegen das erste nicht mehr zu ignorieren waren. Hilfeplangespräche verstießen eindeutig gegen die Vorschriften. Rechtsschutz? Die Rechtsanwälte winken ab. Der Fall sei wichtig, aber so schwierig. Für bloße PKH (Prozeßkostenhilfe) wollen sie den Fall nicht übernehmen

 

Julia wurde als „familiengelöstes Kind“ behandelt, was sie nicht war, und wurde ihrer Mutter systematisch entfremdet; der Kontakt wurde verboten/behindert/erschwert.

Zu Beginn der Maßnahmen schrieb Julia fast täglich in ihr Tagebuch (liegt mir vor): Hol mich hier raus [https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/03/hol-mich-aus-dieser-hoelle-raus/], bis man das Tagebuchschreiben unterband. Doch die Abschottung hat funktioniert. Schließlich wollte Julia im Heim bleiben, wo sie verkam. Sie ist zurzeit in einer therapeutischen Einrichung. Warum?

»Unseren jugendlichen Patienten wünschen wir, dass unser Motto „Auf dem Weg zu einem guten Leben“ Wirklichkeit werden kann. Dabei scheinen sie zuletzt von diesem Weg abgekommen zu sein. Weshalb wären sie sonst hier? Oder sie kommen nur noch mit größter Anstrengung voran oder sind in unwegsamen Gelände stecken geblieben oder haben das Ziel aus den Augen verloren und wissen nicht mehr, wohin sie gehen sollen oder sind von Reisebegleitern umgeben, die selbst die Orientierung verloren haben oder ihnen nicht wohl gesonnen sind.«

Die „Reisebegleiter“ waren staatlich verordnete Kinder- und Jugendlichenheime, lauter Profis. Nun erhält Julia – off label – starke Antidepressiva mit dem Risiko schlimmster Nebenwirkungen – bis hin zur Suizidgefahr, und man versucht nun, nachdem das Fiasko eingetreten ist, die Mutter wieder an das Kind heranzuführen. Soll sie doch die Suppe auslöffeln.

Julias Mutter sorgt sich und sucht juristische Hilfe. Der Rechtsanwalt sollte, wie ich formulierte, Biss haben und bereit sein, sich zu engagieren, auch wenn das Honorar dem Aufwand nicht entsprechen wird.

Konkrete Angebote oder Vorschläge bitte nicht offen hier im Blog, sondern an mich per Mail: ds[at]dierk-schaefer.de

 

Julia heißt natürlich anders. Sie war hier im Blog schon häufiger Thema, wenn auch manchmal nur am Rande:

 

Arme Braunschweiger Pfarrerschaft. So bearbeitet man kirchliche Konflikte:

Posted in Firmenethik, Kirche, Recht, Uncategorized by dierkschaefer on 30. August 2016

Eine Romanze noch vor der Romantik?

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Justiz, Kriminalität, Kriminologie, Moral, Politik, Theologie, Tod by dierkschaefer on 28. August 2016

Ein Knochenfund in Hannovers Leineschloß erinnert daran.

»Die Geschichte des Grafen Königsmarck ist galant, romantisch und eine Kleinigkeit gruse­lig. Sie ist eine der Geschichten, die Thron und Alkoven nahe zusammenrücken und Seligkeit und Elend des menschlichen, allzu menschlichen Herzens mit dem Glanz und Gloria fürst­lichen, allzu fürstlichen Daseins verbrämen.

Sie hat die Geschichtsforscher auf ihre Spuren gelenkt, um so mehr, als vieles hier im Dunkeln geblieben ist. Sie hat immer wieder Literatoren zu historisierenden, gefühlvollen Darstellungen inspiriert.

Der schwedische Graf Philipp Christoph von Königsmarck war der Bruder Auroras, der Mätresse des Kurfürsten August von Sachsen, des Starken. Er war reich, aus großem Haus, im Sattel so gut zu Hause wie am Spiel- und Trinktisch und in Boudoirs, ein abenteuernder Barockkavalier.

Er war 30, als er 1689 am hannoverschen Hof auftrat. Er war 35, als er im Schloß zu Hannover spurlos verschwand, in einer Sommernacht 1694. Monate danach wurde der hannoversche Kurprinz Georg Ludwig, später der erste der wenig beliebten hannoverschen George auf Englands Thron, von seiner Frau Sophie Dorothea, geborenen Prinzessin von Celle, geschieden[1]

»Theodor Fontane behandelt die Geschichte ausführlich in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862). Nach seiner Darstellung hatte sich von Königsmarck nur in das Schloss zu Hannover begeben, um von der Kurprinzessin Abschied zu nehmen. Dort sei er getötet und innerhalb der Schlossmauern begraben worden.«[2]

In seinem Gedicht beschreibt er die Moritat:

»Wer geht so spät zu Hofe,

Da alles längst im Schlaf?

Im Vorsaal wacht die Zofe –

Schon naht der schöne Graf.

Er sprach: „Eh ich nach Frankreich geh,

Muß ich sie noch umarmen,

Prinzessin Dorothee.“

Gräflein, du bist verraten,

Verraten ist dein Glück,

Die böse Gräfin Platen

Ersann ein Bubenstück.«[3]

»Mord im Leineschloss vor 322 Jahren – Lag hier die Leiche von Graf Königsmarck?« fragt BILD nach dem aktuellen Knochenfund im Leineschloss. »Königsmarck soll eine Affäre mit der Herzogin Sophie Dorothea gehabt haben, angeblich planten die beiden ihre Flucht. Doch die Pläne wurden verraten, der Graf verschwand. Wurde er wegen der heimlichen Liebschaft mit der Gattin seines Landesherren ermordet?

Die Knochen sollen jetzt an die Stadt Hannover übergeben, einer mitochondrialen DNA-Untersuchung unterzogen werden, bei der geringste biologische Spuren für eine Identifi­zierung reichen. Oberstaatsanwalt Thomas Klinge: „Es spricht einiges dafür, dass es sich um die Überreste von Philipp Christoph Graf von Königsmarck handelt.“

Die Spur des Adligen verliert sich im Sommer 1694 im Leineschloss, der Residenz des damaligen Herzogs von Braunschweig und Lüneburg und späteren Königs Georg I. von England.

Herzogin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg (1666–1726) wurde nach Bekanntwerden der Affäre verbannt.«[4]

»Die Geschichte hätte das Zeug zum Historienfilm: Es geht um verbotene Liebe, einen mysteriösen Mord und um den vielleicht größten politischen Skandal jener Zeit.

Königsmarck, ein ausgemachter Lebemann, der chronisch verschuldet war und keine Feier ausließ, stand seit 1689 als Oberst und Regimentskommandeur in hannoverschen Diensten. An jenem Abend war er unterwegs gewesen zu einem diskreten Schäferstündchen mit seiner Geliebten. Diese war nicht irgendwer, sondern die Kurprinzessin Sophie Dorothea persön­lich. Verheiratet war die Herzogstochter aus Celle mit Hannovers Thronfolger Georg Ludwig – dem die Affäre seiner Frau ein Dorn im Auge sein musste.

„Damals wurde bei Hofe mit zweierlei Maß gemessen“, sagt Thomas Schwark, Direktor des Historischen Museums: Während Männer sich selbstverständlich Mätressen halten durften, galt die Affäre einer verheirateten Frau als Skandal. Sophie Dorothea, deren Ehe mit Georg Ludwig eine dynastische Zweckverbindung gewesen war, begehrte also gegen die höfischen Spielregeln auf – und ihr Emanzipationsversuch hatte dramatische Konsequenzen.

Nach dem Verschwinden von Königsmarcks wurde die Kurprinzessin von ihrem Mann geschieden und fortan im Schloss Ahlden am Rande der Lüneburger Heide gefangen gehalten. Mehr als dreißig Jahre lang blieb die „Prinzessin von Ahlden“ eine Gefangene, bis zu ihrem Tod. Ihr Sohn wurde später König von England, ihre Tochter wurde später Königin in Preußen – doch die Gefangene sah ihre Kinder nie wieder.«[5]

So sieht das aus, wenn man diese Love-Story mit modernen Augen liest: Damals wurde bei Hofe mit zweierlei Maß gemessen … Emanzipationsversuch. Das galt nicht nur bei Hofe, sondern bis weit in die Neuzeit. Junge Männer sollten sich erst einmal die Hörner abstoßen, danach aber eine Jungfrau heiraten.

Ob es wirklich eine Liebesgeschichte war?

»Graf Königsmarck stammte aus einem alten märkischen Adelsgeschlecht. Er war der Enkel des deutsch-schwedischen Feldmarschalls Hans Christoph von Königsmarck. … Seit seinen Kindertagen, als er als Page am Hof von Celle verbrachte, war er mit der ein Jahr jüngeren Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg, Sophie Dorothea von Celle, befreundet. Diese wurde im Alter von 16 Jahren mit ihrem Vetter, dem Herzog Georg Ludwig zu Braunschweig und Lüneburg und Prinz von Calenberg, dem späteren Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg und als Georg I. König von Großbritannien, verheiratet. Die politisch motivierte Ehe war wohl eher unglücklich. … Im April 1690 kam er allein nach Hannover zurück.

Hier begann er offensichtlich eine durch einen umfangreichen Briefwechsel dokumentierte Liebesbeziehung mit der Erbprinzessin Sophia Dorothea von Celle. Die historische Forschung konnte nachweisen, dass Sophie Dorothea, trotz aller ihrer gegensätzlichen Bekundungen, mit dem Grafen auch den Geschlechtsverkehr vollzogen hat und nur wenig tat, Gerüchte zu unterbinden. Im Sommer 1694 schließlich planten die beiden ihre gemeinsame Flucht«[6]

Liebesgeschichte oder auch nicht, jedenfalls sehr abenteuerlich. Mit im Spiel auch zwei der Mätressen des Ehemannes Herzog Georg Ludwig, der offenbar den Mordauftrag gab.

Was mag sein Motiv gewesen sein? Eifersucht wohl kaum, persönliche Kränkung vielleicht. Hier jedoch ging es um Hochverrat. Wieso?

Die Legitimität feudaler Herrschaft lag in der Erbfolge.[7] Legitimer Herrscher konnte nur sein, wer aus einer legalen Ehe seines Vorgängers stammte. Dieser konnte seinen Samen streuen, wie und wo er wollte. Doch seine Frau hatte ausschließlich ihm zu gehören, damit kein Kuckucksei die legitime Thronfolge störe.[8] Selbst der Verdacht, ein Sohn sei nicht der Sohn des Herrschers, war der Legitimität abträglich. Es wäre nun allerdings überzogen, die Liebesaffäre als Emanzipationsversuch zu betrachten. Sophie Dorothea war eine Figur im feudalen Schachspiel. Sie wurde verheiratet unter Gesichtspunkten dynastischer Machtab­sicherung – und –vermehrung. So war das üblich. Liebe musste nicht sein, war wohl auch selten. Der Herrscher konnte ausweichen, seine Frau musste sublimieren. Dabei ging es den Herrschern nicht immer nur um Sex[9]. Mätressen waren oft auch gebildete und interessante Gesprächs­partnerinnen; sie hatten oft viel Einfluss – auch auf die Regierungsgeschäfte. Sophie Dorotheas Seitensprung war also Hochverrat und machte zudem den Herrscher lächerlich. Aber dann ein Mord?

Das war in Preußen anders. Dort gab es ein Gerichtsverfahren, als der Kronprinz zusammen mit seinem Kameraden und wohl auch Liebhaber fliehen wollte. Sophie Dorothea ist übrigens die Großmutter dieses Kronprinzen, des späteren Friedrich II.

Doch es geht um den Fall „Katte“

»1730 klagte im berühmten „Kronprinzenprozeß“ der Vater den eigenen Sohn an, weil dieser vor den unerträglichen erzieherischen Torturen ins Ausland fliehen wollte. Sein Freund, der junge Leutnant von Katte, ein Schöngeist wie er selbst, war in die Pläne der scheiternden Flucht eingeweiht. Vor den Augen seines Sohnes ließ der „Soldatenkönig“ Katte aus Gründen der Staatsräson hinrichten. Kattes Tod brachte die Wende im Leben des Prinzen, brach seinen Willen.«[10]

Landesverrat auch hier, denn was ist es sonst, wenn ich mit dem Sohn des Herrschers durchbrennen will? Ergebnis ein Gerichtsverfahren. »Beide wurden vor ein Kriegsgericht im Schloss Köpenick gestellt und Katte zu lebenslanger Festungshaft verurteilt (hinsichtlich des Kronprinzen erklärte sich das Gericht für nicht zuständig). Friedrich Wilhelm I. verschärfte die Verurteilung v. Kattes zu einem Todesurteil und ordnete die Exekution an.«[11]

War das Willkür?

Liest man bei Fontane nach, der die Gerichtsakten eingesehen hat, kommt man zu einem anderen Urteil.

Fontane: „Das sind so einige der »Species facti«; nur einige, aber gerade genug, um seinen König und Herrn mit allem Fug und Recht aussprechen zu lassen: »Und da denn dieser Katte mit der künftigen Sonne tramiret, auch mit fremden Ministern und Gesandten allemal durcheinander gestecket, er aber nicht davor gesetzet worden mit dem Kronprinzen zu complottiren, au contraire es Sr. K. Majestät hätte angeben sollen, so wissen Se. Majestät nicht, was vor kahle raisons das Kriegs-Recht genommen und ihm das Leben nicht abgesprochen hat.«

Es ist nur eines, was uns in diesem Schreckensschauspiel – denn ein solches bleibt es – widerstrebt und widersteht: der König wechselt hier die Rolle mit dem Richter. Er läßt das Recht über die Gnade gehen. Und das soll nicht sein.

Wenn aber etwas damit versöhnen kann, so ist es das, daß er dies im eigenen Herzen empfunden hat. Hören wir noch einmal ihn selbst: »Wenn das Kriegs-Recht dem Katten die Sentence publiciret, so soll ihm gesagt werden, daß es Sr. Königlichen Majestät leid thäte; es wäre aber besser, daß er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.«

 

Es wäre besser, er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.

Diese Haltung unterscheidet Preußen von Hannover.

Und nun kommt die Mordsache nach über 300 Jahren vielleicht zu einem Abschluß:

»Mord verjährt nie – nach so langer Zeit könnten die Ermittlungen aber schwierig werden. Der Oberstaatsanwalt schmunzelnd: „Aber am Ende klären wir alle“.«[12]

 

Nachtrag:

Es war wohl wirklich eine Liebesgeschichte:

»600 Liebesbriefe und ein Fluchtplan – doch der Plan flog auf. Die Affäre zwischen Sophie Dorothea von Celle und Christoph Graf von Königsmarck dauerte wohl rund zwei Jahre. Königsmarck war ein Offizier und Hofkavalier und lebte mit seinem Hausstand von 29 Die­nern und 52 Pferden in Hannover. Mit Sophie Dorothea war er seit seiner Jugend befreun­det. Mit 16 Jahren musste sie allerdings ihren Vetter, Herzog Georg Ludwig zu Braunschweig und Lüneburg, den späteren König Georg I. von Großbritannien, heiraten. Die politisch motivierte Ehe war aber wohl eher unglücklich. Mit Graf von Königsmarck schrieb Sophie sich mehr als 600 Liebesbriefe – darin war auch immer wieder von gemeinsam verbrachten Nächten die Rede. Die Eltern von Sophie Dorothea hatten ihrer Tochter verboten, ihren Mann zu verlassen – und kurz vor der schon akribisch geplanten Flucht nach Wolfenbüttel oder Sachsen wurde Christoph Graf von Königsmarck schließlich offenbar beseitigt. Wie sich jetzt herausstellt, vermutlich direkt unter dem Leineschloss, dem heutigen Niedersächsischen Landtag.«https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Nach-322-Jahren-Mordopfer-unter-Landtag-entdeckt,graf230.html

 

Einige Briefe aus dem Briefwechsel des Liebespaares wurden nun im Netz

publiziert:Briefwechsel

[1] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44419593.html

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[4] http://www.bild.de/regional/hannover/leineschloss/lag-hier-die-leiche-von-graf-koenigsmarck-47519788.bild.html

[5] Simon Benne, Verbotene Liebe / HAZ 28.8.2016 mehr bei https://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_Dorothea_von_Braunschweig-L%C3%BCneburg

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[7] Im kirchlichen Raum haben wir als Pendant die successio apostolica https://de.wikipedia.org/wiki/Apostolische_Sukzession

[8] Die Theologie hat die göttliche Abstammung Jesu anders bezeugt. Die andauernde Jungfernschaft Marias. Die Position von Joseph als Hahnrei wurde nicht thematisiert. Eine Jungfrauenschwangerschaft zum Zwecke der Prätention göttlicher Zeugung ist übrigens auch im Totentempel der Hatschepsut belegt.

[9] Sex spielte aber eine große Rolle und ging in seinen Spielarten weit über das hinaus, was die Bevölkerung wissen durfte. Ich erinnere mich noch über die Empörung meiner Großmutter, sie stammte aus Celle, als wir ihr ein Buch über die Celler Prinzessin Sophie Dorothea zu lesen gaben. Wir hatten es vorher nicht gelesen und ganz naiv gedacht, ein Buch über Celler Personen mache ihr Freude.

[10] http://www.berliner-zeitung.de/zur-urauffuehrung-der-kammeroper-friedrich-und-katte–von-wolfgang-knuth-am-theater-in-minden-die-wunde-der-hohenzollern-16747712 Die Oper, aus deren Besprechnung dieses Zitat stammt, leistet eine „stringente psychologisie­rende Rückführung der Tragödie auf einen eklatanten Fall unterdrückter (bei Friedrich Wilhelm II.) und gelebter (vom jungen „alten Fritz“) Homosexualität.“. Was beim Vater ideell die „langen Kerls“ waren, sei beim Sohn eben Hans Hermann von Katte gewesen, dies auch körperlich.

»Rowse behauptet, Katte sei der aktive Partner einer homosexuellen Beziehung mit Friedrich gewesen«, nach https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Hermann_von_Katte

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Hermann_von_Katte

[12] http://www.bild.de/regional/hannover/leineschloss/lag-hier-die-leiche-von-graf-koenigsmarck-47519788.bild.html

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« II

Posted in Biographie, Kriminalität, Kriminologie, Uncategorized by dierkschaefer on 25. August 2016

moabit k1

Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Zweites Kapitel

 

 

In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

 

In Dönschten[1], diesem am Arsch der Welt liegenden Nest im Ost-Erzgebirge, musste ich fest­stellen, dass sich das Herz auch noch aus anderen Gründen als der Angst bemerkbar machen konnte. Es war ein wundervoll schmerzhaftes Ziehen, was sich in meiner Brust vollzog. Schuld daran war eine gewisse Monika Braun. – Ich grüße dich Monika, falls du diese Zeilen jemals lesen solltest. Dieses schillergelockte, blonde Mädchen, (es gab nicht viele Mädchen meiner Altersklasse in Dönschten) war bei weitem das Schönste und hatte etwas in mir bewirkt, was ich bis dahin noch nie verspürt.

Nie gekannte Gefühle

Na ja, ich war knapp 14 und Monika meine heimliche Liebe. Ich weiß bis heute noch nicht, ob sie etwas Ähnliches für mich empfand. Noch nach fünfunddreißig Jahren hatte ich die gleiche Sehnsucht im Herzen. Um einen Blick auf sie erhaschen zu können, habe ich stunden­lang am Fenster unseres Gemeinschaftsschlaf­saales ausgeharrt, um sie an ihrem Schlafzim­mer­fenster zu sehen. Ich bildete mir ein, dass Monika sich wegen mir vor dem Schlafengehen fast jeden Abend eine Weile am Fenster zeigte.

Fünfunddreißig Jahre später im Juli 1990, saß ich fast am gleichen Platz. Nur: inzwischen war aus dem Heim für schwererziehbare Jungs ein Restaurant für Gewerkschaftsangehörige gewor­den, die im Erzgebirge ihren Urlaub verbrachten.

Genau dort, wo früher, 1954 – 55, mein Bett, eins von 17, gestanden hatte, saß ich nun mit meiner Lebensabschnittsgefährtin und mit meiner Schwester an einem weißgedeckten Tisch bei einem Bier. Ganz bewusst saß ich so, dass ich genau den gleichen Blickwinkel wie damals hatte. Ich schaute wie früher zum Fenster hinauf, wo Monika sich manchmal mit offenem Haar und Nachthemd hatte sehen lassen. Mehr als ein scheues Lächeln hatten wir eigentlich nie ausgetauscht.

Dieses Lächeln, ihr langes Haar, diese Bilder hatten mich all die Jahre nicht verlassen. Sie ist meine allererste, allergrößte, einzige Liebe in meinem Leben geblieben. Diese Erinnerungen aufzufrischen war ich gleich nach dem Mauerfall den weiten Weg von Hannover dorthin gefahren. Ein Lichtblick aus meiner Kindheit. Ich habe diese kurze Zeit des Glücks wie eine Kostbarkeit in meinem Herzen aufbewahrt. Es gab nicht all zuviele davon in meinem Leben. Im gleichen Dorf wohnend gingen wir noch nicht einmal in die gleiche Schule. Die aus­nahms­los bösen Buben aus dem Heim marschierten jeden Morgen brav im Gleichschritt, ein Lied, drei, vier, auf den Lippen, in die eigene Heimschule, während du, Monika, in den nächsten Ort zur Schule musstest. Ich habe 1990 in dem Ort, dessen Name mir entfallen ist, übernachtet, weil Dönschten, dieses kleine Kaff, keine Unterkunft bieten konnte. Ich habe nur wenige Stunden in Dönschten verbracht, als ich 1990 dort war.

Ich habe mich nach dir erkundigt. Du lebtest immer noch dort, warst wahrscheinlich nie aus dem Nest weiter herausgekommen als bis Dipps[2] oder gar Dresden? Ich habe wahrscheinlich die Betten, die Orte öfter gewechselt als du deine Bettwäsche. Ich wollte das Andenken an dich so bewahren, wie ich es in Erinnerung hatte, wollte keine Aufmerksamkeit erregen, indem ich mich zu eingehend für dich interessierte. Vielleicht, hätte ich dich gesehen, wäre ich bereit gewesen, meine Illusionen zu zerstören. Ich habe zu wenige davon in meinem Herzen, als dass ich auch diese noch aufgeben wollte. Du verstehst: Wir werden alle nicht jünger! Man liest allenthalben von Menschen, die sich nach solch langen Zeiträumen ihre Jugendliebe erfüllen. Ob ich der Typ dazu wäre? So wirst du wohl nie erfahren, dass ich deinethalben schon mit 13 zum Dichter wurde. Noch nach 39 Jahren erinnere ich mich an einzelne Zeilen der Schmachtfetzen, die ich in Richtung deines (Schlafzimmer?-)fensters gemurmelt habe:

 

„Geheimnisvoll, wie der Sommer,

steigt dein Bild vor mir auf,

Schwebend im Dunkel der Nacht –

Und im Lichte des Tages.

Noch nie hast du geweint,

weil du weißt,

dass auch meine Tränen zu Boden fallen ….“

Wenige Augenblicke in meiner Kindheit,

wo ich ein Kind Gottes war!

Hast du jemals bemerkt, dass du der Gegenstand meiner Sehnsucht warst? Weißt du eigent­lich, dass ich ein unvergängliches Zeichen meiner Liebe zu dir mit mir herumtrage, bis ins Grab? Nein, sicherlich nicht. Ich habe den Schmerz tapfer verschwiegen, als ich mir die Wunde zufügte. Es war aber nicht so prosaisch, wie du jetzt vielleicht denken magst. Ich war damals so glücklich. Ich war damals so glücklich. Ich durfte für deine Oma, damit auch für dich, Holz hacken. Durch diese Tätigkeit kam ich deinem Fenster, dir, um ein ganzes Stück näher. Ich wusste, dass du nach der Schule im Haus sein musstest. Meine Aufmerksamkeit musste ich nun zwischen den zu spaltenden Holzscheiten und deinem Fenster teilen. Dich einmal am Tag wenigstens zu sehen, war für mich der Himmel. Einmal, als ich glaubte an deinem Fenster eine Bewegung wahr zu nehmen, drehte ich meinen Kopf. Meine Augen fanden dich nicht. Dafür fand aber das Beil, das ich schon hochgeschwungen hatte, mei­nen Daumen der linken Hand. Nun, der Daumen ist noch dran. Er hing zwar nur noch an einer Ecke fest, wurde aber mit einer Ecke meines Hemdes wieder angepresst. Seitdem wächst mein Daumennagel nur noch wellenförmig nach. Dafür ist aber auch jeder Fingerabdruck bei der Polizei immer sehr ausgeprägt. Daumenkuppe und auch der Mittelfinger zeigen eine unver­wechselbare Narbe. Nicht ums Verrecken mochte ich jemanden sagen, dass ich mir beim Holzhacken beinahe den Daumen abgehauen hätte. Für das Holzhacken bekam ich von deiner Oma, ich hatte leider nie eine, ein paar Märker. Das heißt, das Heim bekam das Geld, das wie alles, was wir Jungs nebenher verdienten, in die Gemeinschaftskasse floss. Statt der drei Mark Taschengeld, die wir offiziell erhalten sollten, wurde alles abgenommen. Nur, was aus der Gemeinschaftskasse eigentlich bezahlt wurde, ist mir in dem Jahr, wo ich zu „Gast“ in eurer Einöde war, nie ganz klar geworden. Ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern, in dem ganzen Jahr ins Kino oder dergleichen gekommen zu sein. Schmiedeberg war die nächste größere Ortschaft. Dort gab es einen Fußballplatz, ein Kino, eine Station der Bimmelbahn und eine Bushaltestelle. Ich habe 1990 in dem Nest kaum etwas wiedererkannt. Dabei hatte ich mich so sehr auf die herrliche Natur gefreut, die ich in so guter Erinnerung hatte. Der reißende Bach war zu einem modrigen Rinnsal geworden, der Bach, der direkt bei uns am Heim vor­bei­gerauscht war, wo wir Jungs ein Steinwehr gebaut hatten, um an der tiefsten Stelle im eiskalten Wasser in der heißen Jahreszeit uns zu erfrischen, wo sich die Forellen tummelten, die wir, wenn wir nur geschickt und schnell genug waren, mit der Hand fangen konnten. Wo, um Himmels willen, war dieser Bach geblieben?

Dem Paradies ganz nahe gewesen

Was ist aus dem schönen Osterbrauch geworden? Eine der schönen Erinnerungen meines Lebens wurde wieder wach. Ostersonntag, weißt du noch? Wer daran glaubte und das kom­mende Jahr über gesund bleiben wollte, musste in aller Herrgottsfrüh aufstehen, durfte kein Wort sprechen. Man machte sich auf den Weg, weiter in die Berge hinauf. Wir suchten und fanden eine Quelle, deren Wasser gegen Sonnenaufgang abfloß. Erst wenn man davon getrun­ken, Gesicht und Hände darin gewaschen hatte, durfte man reden und sich ein geseg­netes Osterfest wünschen. An dieses eine Mal zurückdenkend betrachte ich mich einmal dem Para­dies ganz nahe gewesen zu sein. Danach gingen wir „Leute ärgern“: Alle die noch nicht so früh aus den Federn gekrochen waren und den Weg noch vor sich hatten, gaben lieber eine Kleinigkeit, als dass sie sich so lange beschimpfen ließen, bis ihnen letztendlich der Kragen platzen musste und böse Widerworte über ihre Lippen kamen. Die Störenfriede wurden dann doch lieber beschenkt. Bei dieser Gelegenheit kam ich sogar bis an d e i n e Wohnungstüre!

Wenige Augenblicke in meiner Kindheit, wo ich ein Kind Gottes war!

Du, Monika Braun, die du wohlbehütet bei deiner Mutter und Oma aufwuchst, hast anschei­nend nicht viel mitbekommen von dem, was sich manchmal in eurem Nest abgespielt hat. Mit den etwa 120 Heimkindern und den dazu gehörigen Erziehern, hatte euer Kaff ganze vierhun­dert Einwohner. Ich glaube deine Mutter arbeitete auch für das Heim, – in der Nähstube?

Der einzige Trecker im Dorf wurde dem Bauern weggenommen, weil er sich nicht der LPG[3] anschließen wollte. Man erzählte sich damals auch, dass er dann Selbstmord begangen hätte. Vielleicht aber ist er auch nur in den Westen abgehauen. Erinnerst du dich an den Fotografen, der einzige Fotograf weit und breit? Die Frau unseres damaligen Heimleiters gab mir ein Foto von mir, das er damals gemacht hatte. Diese Frau hatte doch tatsächlich noch ein kleines Notizbüchlein mit eingeklebten Bildern ehemaliger Heiminsassen vor der Stasi[4] gerettet. In diesem Notizbüchlein stand auch vermerkt, an welchem Tag und zu welcher Stunde Dieter Schulz für immer dem Heimleben Adieu gesagt hatte, es war die erste große Pause an einem Tag im August 1955.

Hast du mich eigentlich nicht manchmal des Abends am Fenster vermisst? Du hast ja auch jeden Abend vor dem Schlafengehen zu mir(?) heruntergeschaut. Ihr normalen Dorfkinder durftet ja keinen Kontakt mit uns pflegen. Mehr als ein süßes Lächeln habe ich von dir nie­mals bekommen. Wie habe ich dein Grübchenlächeln geliebt! Deine blonden Schiller­locken, deine Stimme. Auch das eine Mal, wo wir in der Naturbadeanstalt zusammentrafen, hättest du eigentlich mein Herz klopfen hören müssen, wären deine Freundinnen nur nicht so albern und laut gewesen. Ach, Monika inzwischen habe ich ähnlich verliebte Eskapaden meines Sohnes miterlebt. Hast du eigentlich Kinder?

Ich werde schwermütig, wenn ich daran denke, wir hätten welche zusammen haben können. Ich wäre in eurem Kuhkaff geblieben, hätte mir viele Unannehmlichkeiten im Leben ersparen können. Aber, wäre ich zu dem Zeitpunkt überhaupt noch dazu fähig gewesen mein Leben derart zu ändern? Bei der Eintönigkeit des Lebens dort? Habe ich nicht ein ganz anderes Wesen, ein ganz anderes Temperament durch meine frühen Kriegs- und Nachkriegserlebnisse eingebrockt bekommen als du?

Heim ja, aber nicht ins Heim!

Zwar hatten gewisse Leute vom Jugendamt und der Polizei geglaubt, dass ich in Dönschten weit genug aus der Welt wäre und mir das Weglaufen sehr schwer fallen würde. Aber mein Freiheitsdrang, meine Sehnsucht nach meiner Mutter waren schon immer stärker gewesen. Dabei hatte man es uns Heimkindern wirklich sehr schwer gemacht auszureißen. Ein paar Kilometer nur Richtung Osten stieß man an die Tschechische Grenze. Dort lagen immer diese Flugblätter in russischer Sprache herum, wo die Sowjetsoldaten zur Fahnenflucht aufge­fordert wurden. Man versprach ihnen, einen Neuanfang mit Viehzeug und Land zu ermög­lichen. Es war unter Strafe verboten, diese Blätter auch nur aufzuheben. Ich habe sie immer den anderen Jungs vorgelesen, bzw. übersetzt[5]. In diese Richtung war uns eine „natürliche“ Grenze gesetzt. Wer wollte schon in die Tschechei? Ich nicht und meine Mitläufer ebenso wenig. Wir wollten nicht des Ausreißens willens ausreißen. Wir hatten alle ein Ziel! Heim ja, aber nicht ins Heim! Ich, wir wussten, wohin wir wollten. Die Heimleitung auch! Uns blieb nur eine Richtung offen. Über Schmiedeberg-Dippoldiswalde-Dresden nach Leipzig. Dresden war immer das erste, erklärte Ziel. Von da aus, einmal in der Anonymität einer Groß­stadt untergetaucht, war es nur noch ein Kinderspiel an den Zielort zu gelangen. Aber erst mal raus aus Dönschten; na ja, die drei Kilometer durch den Wald, das ging noch. Jedoch dann durch Schmiedeberg, ohne als Heimkind erkannt zu werden. Da musste man sich schon was einfallen lassen. Weiter nach Dipps. Mit der Bimmelbahn etwa? Dann wäre man gleich zu Fuß schneller weggekommen. Der selten verkehrende Bus? Auch diese Fahrer waren ange­wiesen, die leicht an ihren „Uniformen“ zu erkennenden Heimkinder erst gar nicht mitzuneh­men oder sofort der Polizei zu melden. Viele waren danach so deprimiert gewesen, weil man sie schon wenige Stunden später wieder im Heim abgeliefert hatte, dass sie kaum noch einen erneuten Versuch wagten. Ein Mitfahrversuch im Bus war so gut wie immer zum Scheitern verurteilt. Blieb als einziger Weg wegzukommen nur die Straße, d.h. immer im Wald entlang, die Straße im Auge behal­tend. Einmal, im Herbst 1954, ist uns so die Flucht gelungen.

 zu viert kackfrech

Das nächste Mal, besser darauf vorbereitet, haben wir den Busfahrer ausgetrickst. Wir hatten uns komplette Fußballtrikots besorgt. So, als Fußballer verkleidet, die Botten an den Schnür­sen­keln zusammengebunden über der Schulter bestiegen wir zu viert kackfrech den Bus in Schmiedeberg und lösten bei dem misstrauischen Fahrer Fahrkarten bis Dippoldis­walde. Er nahm uns die Geschichte ab, dass wir in Schmiedeberg ein Fußballfreundschafts­spiel bestritten hätten, wir aber nicht alle im Mannschaftsbus Platz gefunden hätten und so mit dem Bus fahren müssten. Es war ein Sonntag. Keine Schule vermisste uns, bei der Heim­leitung hatten wir uns zum Fußballspielen abgemeldet. Die einzige ebene Fläche zum Spielen lag gute 800 Meter in der Höhe. Ziemlich weit vom Heim entfernt. So schnell wurden wir also nicht vermisst. D.h. wir hatten einen guten Vorsprung, waren schon in Dresden als unser Fehlen bemerkt wurde. Allerdings endete diese Flucht bereits in Riesa. Wir hatten uns an der Stadtperipherie von Dresden einen ziemlich schweren Elbkahn „ausgeliehen“, und waren damit auch recht gut stromabwärts gekommen. Nur, in der Nacht waren wir das Opfer der vorangegangenen Strapazen geworden. Keiner konnte mehr die Augen offen halten.

 Da hatte uns die Wasserschutzpolizei am Haken

Nach und nach schliefen wir alle vier ein. Der Strom, war mein letzter Gedanke, würde uns schon von alleine weitertragen. Es war ja die ganze Zeit sehr gut gegangen. Durch lautes Scheppern und Rumpeln wurden wir aus tiefem Schlaf gerissen. Wir waren am Ziel unserer Reise. Allerdings nicht dort wo wir eigentlich hin wollten. Uns hatte die Wasserschutzpolizei am Haken. Bis wir alle so recht begriffen, was der Krach zu bedeuten hatte, hatte man uns schon mit langen Staken, die Enterhaken glichen, längsseits gezogen. Auch in Riesa gab es ein Kinderheim, so brauchten wir die Nacht wenigstens nicht in einem Polizeikeller zu ver­bringen. Dieses Heim, eines von vielen, die ich in meiner Laufbahn kennen lernte, war ein schmuckes Häuschen. Die ganze Atmosphäre dort hatte mehr familiären Charakter. Wovon wir „schweren Jungs“ natür­lich ausgeschlossen wurden. In den paar Tagen, die wir dort bis zu unserem Rücktransport festgehalten wurden, wurden die anderen Kinder vor uns auf Distanz gehalten. Viele Jahre später, als Kellner, habe ich mich mit Kollegen rumgestritten, weil ich behauptete, dass in der Gegend dort auch Wein angebaut würde. Erst durch Fachbücher konnte ich ihnen beweisen, dass so hoch im Norden Deutschlands auch trinkbarer Wein wuchs. 1990 habe ich in Meißen in einer Burgschänke gesessen, an die vergangene Zeit zurückgedacht und den einheimischen Wein getrunken.

Neben der Erkenntnis, dass unsere Flucht bereits hier gescheitert, und dass hier Wein wuchs, nahm ich von dieser Reise noch mit, dass wir wieder einige Fehler gemacht hatten. Und das musste mir „altem“ Hasen passieren. Ich war schon ein toller Hecht, was? Lasse mich, vor der Polizei auf der Flucht, aus der Elbe fischen.

Tja, Monika, bald danach konnte ich wieder an meinem Fenster sitzen und dir schmachtende Blicke hoch werfen.

Im Januar 1955 dann, welch ein blödsinniges Unterfangen!, machten wir uns zu viert wieder davon.

PDF-Fassung 02 ach Monika

Fußnoten

 [1] Dönschten liegt etwa drei Kilometer südöstlich von Schmiedeberg im Osterzgebirge. Westlich des Ortes an der Bundesstraße 173 befinden sich die Rote Weißeritz, die in ihrem oberen Verlauf bei Dippoldiswalde zur Talsperre Malter aufgestaut wird und die Trasse der Weißeritztalbahn, die nach dem Jahrhunderthochwasser 2002 nur bis Dippoldiswalde wiederaufgebaut ist. 163 Einwohner, (23. Jan. 2009)

http://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%B6nschten abgerufen: Montag, 21. Februar 2011

[2] Dippoldiswalde

[3] Als Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, LPG, wurde der zu Anfang 1952 noch teilweise freiwillige und später durch die Zwangskollektivierung unfreiwillige Zusammenschluss von Bauern und Bäuerinnen und deren Produktionsmitteln sowie anderer Beschäftigten zur gemeinschaftlichen agrarischen Produktion in der DDR bezeichnet. https://de.wikipedia.org/wiki/Landwirtschaftliche_Produktionsgenossenschaft

[4] Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), auch Staatssicherheitsdienst, bekannter unter dem Kurzwort Stasi war in der DDR das innenpolitische Unterdrückungs– und Überwachungsinstrument der SED zum Zweck des eigenen Machterhalts. https://de.wikipedia.org/wiki/Ministerium_f%C3%BCr_Staatssicherheit

[5] Zum besseren Verständnis: Schulz hatte seine Kindheit im ab 1945 russisch besetzten Königsberg zugebracht und dabei gut Russisch gelernt, was ihm auch später von Nutzen war.

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1

Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder

Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

 

Kapitel 2: In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 

Wie geht es weiter?

Kapitel 3:

Weiter im Kreislauf: Heim,   versaut werden,   weglaufen,   Lage verschlimmern

 

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