Dierk Schaefers Blog

Ein Abgrund von Perfidie

Posted in Uncategorized by dierkschaefer on 4. Oktober 2020

Dieser Text ist eine Meisterleistung. Zunächst das Positive: Chapeau! Bischof Georg Bätzing, Vorsit­zender der Deutschen Bischofskonferenz, hat ein diplomatisches Meisterstück abgeliefert, und das auch noch als spontane Antwort auf einer Pressekonferenz. Da war kein Platz für sorgfältiges Abwägen der Worte. Die kamen aus tiefem Herzen, aus innerer Überzeugung – und lässt uns in einen Abgrund von Perfidie blicken.

Zur Sache: »Während der Abschlusspressekonferenz stellte ein Journalist dann auch die Frage, die wahrscheinlich allen auf der Zunge liegt: Warum es nach zehn Jahren nicht möglich sei, Entschädigungen zu zahlen und es nun weiterhin bei Anerkennungszahlungen bleibe. Der Vorsitzende antwortete ihm wie folgt:

„Das hängt damit zusammen, dass wir im Rechtsrahmen unseres Landes bleiben und die Hürde für die Betroffenen eben so gering halten wollen wie möglich. Entschädigung bedeutet Schadensersatz, dafür gelten Standards, die sind in unserem Land sehr hoch, da braucht es eine Beweispflicht, da braucht es Verfahren, da braucht es gerichtliche Festlegungen, das alles wollen wir nicht, wir wollen es den Betroffenen nicht zumuten. Und viele könnten ein solches Beweisverfahren ja niemals antreten, weil die Täter verstorben sind, weil die Unterlagen nicht zugänglich sind oder gar nicht vorhanden sind. Also, das ist der Grund, weshalb wir sagen, wir bleiben in diesem System von Anerkennungsleistungen und können nicht in ein – sozusagen – Schadenssystem einsteigen.“«[1]

Bei solch überbordender Rücksichtnahme auf die seelische Konstitution der Opfer, es fehlten nur noch die Krokodilstränen[2], könnte man vor lauter Rührung einfach mitweinen.

Der Bischof weiß offensichtlich, was Retraumatisierung ist und wendet dieses Wissen rücksichtslos an. Er verschweigt, dass es auch – und zuvörderst- um die Finanzen seiner Kirche geht. Nein, er spricht nur von den bemitleidenswerten Opfern, denen man keine Belastungen zumuten dürfe. Haben sie doch neben ihrer Verletzbarkeit einfach schlechte Karten, wenn man sie den Standards, ausliefert, die sind in unserem Land sehr hoch, da braucht es eine Beweispflicht, da braucht es Verfahren, da braucht es gerichtliche Festlegungen.

All das wollen die deutschen Bischöfe den armen Opfern ersparen. Vor allem darf es, das wussten wir schon, keine Ungleichheiten geben bei der Begleichung des Unrechts. Alle sollen gleich behandelt werden – jedenfalls im Zuständigkeitsbereich der Deutschen Bischofs­konferenz – und darüber hinaus; gibt es doch Ordensgemeinschaften, in denen auch so gemeine Dinge vorgekommen sind; einige sind jedoch arm wie die Kirchenmaus, da werden die Bischöfe einspringen müssen. Wenn der Blick schon auf die Orden hierzulande fällt, muss man nicht noch in andere Länder schauen, in denen es um ganz andere Summen geht, die manche Diözese in den Konkurs treiben.

Die armen Opfer haben nichts auf der Hand, um Entschädigungen zu erstreiten, dem Rechtsrahmen unseres Landes sei‘s geklagt. Da sind dummerweise Täter verstorben, oder die Unterlagen nicht zugänglich … oder gar nicht vorhanden.

Kein Wort dazu, dass die Täter sich ungeschoren aus dem Staub (oder in den Staub?) machen konnten, bevor sie belangt wurden, weil die Bischöfe sie schützten oder in den Bereich weiterer Opfer versetzten.

Kein Wort dazu, dass seine Kirche dafür sorgte, dass Unterlagen nicht zugänglich oder verschwunden sind.

Kein Wort zur Verschleppung der Verfahren.

Kein Wort dazu, dass seine Kirche verantwortlich ist für den rechtlich prekären Zustand, in den sie die Opfer versetzt hat – und nun sitzen lässt.

Kein Wort dazu, dass eine Kirche, die mit ewigen Werten unterwegs ist, sich nicht auf Verjährung berufen sollte.

Auch kein Wort zu kirchlicherseits verpfuschten Lebensläufen.

Nein, all dieses nicht. Es ist schon ein Meisterstück, so elegant den offen zutage liegenden Vorwürfen auszuweichen.

Auswege hat der Bischof nicht eröffnet. Am 2. April 2009 habe ich bei der »Anhörung am Runden Tisch „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“« referiert:

Soweit belegt ist, daß im jeweiligen Heim in mehreren glaubhaften Einzelfällen Menschen­rechts­verletzungen vorkamen, müssen alle einschlägigen Anträge ehemaliger Heimkinder aus diesem Heim positiv beschieden werden (Beweislastumkehr)[3]

Ein analoges Vorgehen würde die Lage der Opfer verbessern.

Den verlogenen heuchlerischen Worten von Bischof Bätzing möchte ich ein ehrliches Bibelwort entgegensetzen: Jesaja 5,7, „Gott hoffte auf Rechtsspruch, doch siehe da Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit, doch siehe da: der Rechtlose schreit.“


Fußnoten

[1] https://hpd.de/artikel/katholische-kirche-uebertrifft-sich-ihrem-zynismus-selbst-18532

[2] Bildquelle: https://www.tierheim-verlorenwasser.de/aufreger/4464-aufreger-krokodilstraenen.html

[3] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/verfahrensvorschlage-rt.pdf Überhaupt scheint es mir lohnenswert, auf die Heimkindersache zurückzuschauen. Auch in den Missbrauchsfällen geht es um Miss­handlungen an Schutzbefohlenen. Jedoch: Man hat damals frühzeitige Warnungen https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/runder-tisch-bericht-ds.pdf und Vorschläge nicht berücksichtigt – und damit keinen Rechtsfrieden geschaffen; so wird es wohl auch heute wieder ausgehen. Herr Bätzing jedenfalls macht weder den Opfern Mut, noch stimmt er unbeteiligte Beobachter hoffnungsvoll.

7 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 4. Oktober 2020 at 23:13

    Der Tag der deutschen Einheit wurde in diesem Jahr auch von den beiden Kirchen frenetisch gefeiert, denn
    Gottes Handelsvertreter Bätzing gleiste äußerst gekonnt auf die Schiene der evangelischen Konkurrenz ein,
    die Einheit ist vollzogen!

    Wie war das doch noch mit der gerichtlichen Entscheidung zur Bezeichnung KINDERFICKER-CLUB? Die Richter wussten, mit welchen Clubs sie zu tun hatten!
    Zwei Konzerne mit unterschiedlichen Produkten, die sich auf dem Markt behaupten müssen und dabei zu
    gleichen Strategien kommen. „Nur die Kirche fickt dich härter als das Leben!“ sagte mal ein Sexualopfer, dem
    ich bei der Durchsetzung seiner Ansprüche gegen die Evangelische Landeskirche Hannovers half. Der Mann wusste damals auch noch nicht, dass sich auch Gottes katholischer Handelsvertreter Bätzing so schmierig verhalten wird wie seine evangelischen Kumpel. Zuhälterverhalten nenne ich das. Für’s Vögeln der geilen Brüder im Glauben so wenig wie möglich an die Gevögelten bezahlen, so knapp wie möglich über Gotteslohn hinweg…

    Begreifen die Mit-Leser mal so langsam, warum ich diese verkommenen Betbrüder auf dem Niveau angehe,
    das sie gegenüber ihren Opfern zeigten und immer noch zeigen???

    Aber ungerecht behandeln die Kirchen auch die Kleriker, die keine Kinder missbrauchten. Die Kinderficker
    bekommen nachträglich das Vögeln bezahlt! Ein klarer (steuerlich relevanter!) Vorteil gegenüber den Anständigen.
    Gab mal einen Schlager: „Du musst ein Schwein sein!“. Auch Bätzing hörte den Text und nahm ihn ernst.
    Wie alle anderen Bischöfe beider Konzerne auch.

  2. dierkschaefer said, on 5. Oktober 2020 at 02:41

    Das mit dem steuerlich relevanten Vorteil hatte ich noch gar nicht gesehen. Danke für den Hinweis.

  3. Werner Boesen said, on 8. Oktober 2020 at 08:44

    Im religiösen Sinne ist es „Rechtsbeugung“, da unsere Religion keine Verjährung kennt, sondern Einsicht, Reue und Vergebung. Ein Kind gilt im christlichen Sinne als unschuldig, daher kann es für zugefügtes Leid auch keine Vergebung geben, sondern nur Wiedergutmachung. Christus brauchte keine Juristen, sein Gleichnis vom Mühlstein sagt genug. Wenn Einsicht in eine Wiedergutmachung fehlt, dann ist es keine Perfidie, sondern Naivität. Mit Verweis auf den Rechtsrahmen unseres Landes zeigt der Bischof, dass seine Kirche nichts anderes als ein öffentlich rechtlicher Verein ist, jedoch mit besonderen Privilegien ausgestattet, die in der Vergangenheit „verdient“ wurden. Der „Verdienst“ wird nun rasant aufgezehrt, wie die alljährlichen Kirchenaustritte zeigen.

    • dierkschaefer said, on 8. Oktober 2020 at 08:50

      Von Naivität würde ich nicht sprechen wollen, lieber Herr Boesen, sondern bestenfalls von Dummheit. Doch es ist keine Dummheit über die Missbräuche, sondern Dummheit, geschickt mit Problemen in der Öffentlichkeit umzugehen.

      • Werner Boesen said, on 11. Oktober 2020 at 10:33

        „geschickt mit Problemen in der Öffentlichkeit umzugehen“, ist keine Dummheit, sondern zunächst vermeintliche Schlauheit. Sie wählen den Begriff Perfidie, mit „niederträchtig“ zu übersetzen. Dieser Begriff ist mir aus der Heimkindhistorie vertraut, denn Heimkinder galten als niederträchtig, wenn sie nicht das taten, was die Erzieher von ihnen verlangten. Die Erzieher machten ja alles richtig. Der Begriff Niedertracht hatte daher auch dieses negative Momentum, dass das Heimkind einen Fehler machte, den es zu tilgen galt. Vereinfacht ausgedrückt: Die Erzieher waren immer gut, das Heimkind oft böse. Ähnlich macht es der Bischof: nicht nur der Papst gilt als „unfehlbar“, auch mancher Bischof gibt sich dieses Attribut, gilt er doch im Sinne eines Apostels als direkter Nachfolger Christi. Schließlich hatte Christus das letzte Wort und dies beansprucht nun der Bischof, denn er ist auf der guten Seite. Doch Christus hat jedem freigestellt, ihm zu folgen. Deshalb ist für mich eine Botschaft eines Bischofs immer klar: entweder folgen oder nicht. Wer Mitglied dieses Vereins ist, hat zu folgen.
        Ich wählte den Begriff Naiv, da dieser nicht dieses Attribut des Bösen trägt, sondern auf die kindliche Unbefangenheit abstellt und eine treuherzige Arglosigkeit unterlegt. Niemand will Böses, jeder nur Gutes. Dass dies nicht funktioniert, zeigt unser Zusammenleben.

  4. outdoor said, on 25. Oktober 2020 at 15:19

    Mir fällt einfach nix mehr ein zu diesem Dreckspack 😦

    • ekronschnabel said, on 25. Oktober 2020 at 16:37

      Du musst nicht lange nach Worten suchen, wenn du diese Täternachfolger beschreiben willst, betitele sie
      einfach mit den Worten, mit denen ihre früheren Schergen die Kinder betitelten, die sie dann auch noch miss-
      brauchten. Der Bischof ist der Chef des Clubs, den man gemäß rechtskräftiger Urteile Kinderficker-Club
      nennen darf. Du kannst den Bätzing ja mal anschreiben, etwa so: „Sehr geehrter Herr Bätzing, ich schreibe
      Sie als den Vorsitzenden des Kinderficker-Clubs an und habe folgende Fragen…..“ Und dann fragst du ihn, was
      du fragen willst.
      Wende einfach immer die Töne an, die sie uns gegenüber benutzten. Glaube mir, sie verstehen die bestens.
      Ihre verlogene Moral benutzen sie nur den Dummen gegenüber, die ihnen auch noch die schmierigen Pfoten
      bzw. den Ring daran knutschen. Wie verblödet muss man sein, wenn man solch einem Typ die Pfoten küsst?
      Stelle ihn dir beim Kacken vor und du verlierst jegliche Achtung vor solchen Gestalten.


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