Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der „Goldene Westen“: Vom Grenzschutz beschossen – vom Vater abgeschoben

 

Wie im Großen und Ganzen die ersten 15 Jahre vom Rest meines Lebens verlaufen sind haben Sie ja nun mitverfolgen können. Dabei konnte man ja schon herauslesen, dass ich es dann letztendlich doch geschafft habe in den „Goldenen Westen“ zu flüchten. Dazwischen gab es aber noch eine Begebenheit, die mir die hiesigen, sprich westdeutschen Behörden nicht so recht abnehmen wollten.

Ich meine aber, dass diese Episode hier noch Platz finden sollte. Wir waren wieder mal zu viert aus dem Heim ausgerissen und hatten uns einen Plan erarbeitet, wie es uns doch noch gelingen könnte in die BRD zu gelangen. Dass wir es schon einige Male versucht hatten, aus der Deutschen Diktatorischen Republik (DDR) zu entkommen, habe ich ja bereits geschildert. Im Mai 1955 hatten wir uns wieder mal bis an die Zonengrenze, genauer gesagt bis nach Haldensleben[1] durch­geschlagen. Gut getarnt versteckten wir uns in einem Wäldchen nahe an dem frisch gepflügten und geeggten Grenzstreifen zwischen DDR und BRD. Nach etwa 30 Stunden hatten wir den Rhyth­mus, der dort patrouillierenden Grenzwache ausgekundschaftet. Im 20 Minuten Abstand passierten die beiden Grenzsoldaten unser Versteck. Der Muttertag in Deutschland war schon zwei Stunden alt, da glaubten wir es wagen zu können. Vor uns in greifbarer Nähe lag die damals noch nicht mit Zäunen oder gar Mauern abgegrenzte Freiheit. Vermeintliche Freiheit.

„Kinder haben hier nichts zu suchen!“

Mit reichlich Adrenalin im Blut und flinken Beinen verließen wir unser Versteck und nahmen Anlauf, den schmalen Grenzstreifen zu überbrücken. Wir hatten höchstens noch 30 Meter bis zum west­deutschem Gebiet, da standen wir urplötzlich im gleißenden Scheinwerferlicht und ein sehr reso­lutes „Halt! Stehen bleiben!“ ließ uns das Blut in den Adern gefrieren, was natürlich unsere Beinmuskulatur lähmte. „He, Jungs, was macht ihr den da? Ihr seid doch noch Kinder!“, hatten sich die Bundesgrenzschützer schnell gefasst, als sie im Licht des Scheinwerfers erkannt hatten, wen sie da vor sich hatten. „Los! Nun aber zurück dorthin, wo ihr hergekommen seid. Kinder haben hier nichts zu suchen!“ kam es mit befehlsgewohnter Stimme ganz deutlich bei uns an. „Hallo, ich will doch zu meinem Vater, der in der Nähe von Stade wohnt!“ rief ich verzwei­felt zurück. „Quatsch! Zurück! Marsch, Marsch!“ war die Antwort. Sicherlich waren die ost­deutschen Grenz­bewacher schon auf den alles durchdringenden Scheinwerfer aufmerksam geworden und auf dem Weg dorthin. „Kommt Jungs, erstmal drüben klärt sich das schon auf!“ ermunterte ich die anderen drei zum Endspurt anzusetzen. Aber kaum hatten wir uns in Bewegung gesetzt, sahen wir nur noch Blitze und hörten die Abschüsse der Kugeln, die um unsere Ohren pfiffen. Eine davon streifte mein rechtes Knie, die Narbe davon trage ich wohl bis zu meinem Tode mit mir herum! Und Peter H. konnte auch noch Jahre danach seinen Hals nicht so bewegen wie er wollte. Denn seine rechte Halsseite streifte eine westdeutsche Kugel. Na, da hatten wir endlich begriffen, dass wir wirklich nicht in Westdeutschland er­wünscht waren. Den nur um maximal zwei Millimeter daneben­gegangene Streifschuss, der dann mein Knie zerschmettert hätte, nahm ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wahr. Wie auch? Waren wir doch mit Adrenalin vollgepumpt. Dieser Kick verschärfte sich noch da­durch, dass nun auch noch Taschenlampen von der Ostseite auf uns gerichtet waren. In West­deutschland waren wir nicht erwünscht, desto mehr freuten sich die auf der Ostseite über ihr Erfolgserlebnis. Später auf der Wache hörte es sich dann so an, als ob die beiden ganz alleine unsere Flucht vereitelt hätten. Wer hörte da schon auf so ein paar Rotzjungen die ihre Schuss­verletzungen als Beweis für ihre Version vorwiesen. Diese Verletzungen hätten wir uns höchstwahr­scheinlich im Wald oder sonst wo selbst zugefügt, hieß es.

1956, als es darum ging in Westdeutschland Papiere zu erhalten zum Nachweis, dass man am Leben war, trug ich diese Begebenheit bei der Behörde vor. Ich solle nur nicht versuchen mich mit einer erfundenen Geschichte interessant zu machen. Das könne ganz schön nach hinten losgehen, mir eine Anzeige einbringen, wurde ich abgewimmelt. Knapp vier Jahre später, als ich voll in Westdeutschland integriert war, durfte ich sogar zur Bundeswehr und zur Not mit der Waffe in der Hand die bösen Kommunisten totschießen, wenn es nötig werden würde. Ausgerechnet während der Zeit, wo ich selbst lernte mit einer scharfen Waffe umzugehen, wurde die Angelegenheit mit dem Streifschuss noch mal aufgegriffen. Meinem Ausbilder war während einer Sportstunde die schlecht vernarbte Wunde an meinem rechten Knie aufge­fal­len. Er fragte nach dem Ursprung und ob es mich auch nicht behindern würde. Endlich hörte mir mal jemand wirklich interessiert zu. Mein Ausbilder war nämlich, welch ein Zufall, bevor er zum Bund ging selbst beim Grenzschutz. Nicht dass er jetzt in die gleiche Kerbe geschla­gen hätte wie die vorherigen Beamten, denen ich die Geschichte vorgetragen hatte. Ganz im Gegenteil. Er hatte immer noch ein paar ehemalige Freunde beim Grenzschutz und wollte ver­suchen der Sache nachzugehen. Er erklärte mir sogar, wie er dabei vorgehen wollte. Jeder Grenz­schützer, bekam bei Dienstbeginn eine eingetragene Waffe mit der dazugehörigen, abge­zählten Munition. All das musste bei Dienstschluss auch wieder vollzählig abgeliefert werden. Fehlten nun aber Patronen bei der Rückgabe, war darüber ein Proto­koll anzufertigen wann, wo, warum die Munition verbraucht wurde. Auf diesem Wege begann er seine Nach­forschungen. Aber siehe da, ausgerechnet von der Nacht zum Muttertag 1955 existierte kein Protokoll. Na ja, so etwas hängt man nirgends an die große Glocke, dass man auf Kinder geschossen hatte. Sowas wird gerne unter den berühmten Teppich gekehrt.

Vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Dass es mir dann doch noch gelang im gleichen Jahr, nur drei Monate später, in den Westen zu kommen, lag an dem schlauen Geliebten, meiner Mutter der später auch mein Stiefvater wurde. Ich betone, dass er schlau, aber nicht klug war. Schlau, wie er es einfädelte, dass es ihm, meiner Mutter und mir ermöglicht wurde, auf ziemlich legalem Wege in den Westen auszureisen, wo neben meinem Vater ja auch die überlebenden Geschwister meiner Mutter, bis auf eine in Schönebeck, bereits wohnten. Übrigens, vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Nachdem meine Mutter als mehrfach ausgezeichnete Aktivistin als Trümmerfrau und politisch als unbedarft eingestuft worden war, durfte sie jedes Jahr ihre Geschwister in Westdeutschland besu­chen. Diese Tatsache machte sich mein schlauer Stiefvater-in-spe zu nutze. Er schlug meiner Mutter vor, für die im August 1955 anstehende Reise in den Westen für ihren minderjährigen Sohn gleich mit einem Antrag zu stellen. So was war möglich, da Kinder, die noch zur Schule gingen, mit im Ausweis des Erziehungsberechtigten eingetragen waren. Da die ausstellende Behörde ja nicht wissen konnte, dass der Ableger meiner Mutter eigentlich in einem Heim für Schwererziehbare untergebracht war, bekam sie auch für mich das benötigte Papier. Das passte auch von der Zeit sehr gut. Waren doch im August die großen Ferien in der DDR. So fiel es niemanden auf, das heißt, bis zum Tag unserer Abreise.

Wie immer, wenn ich wieder mal auf Trebe war, besorgte ich mir auf bekannte Weise, nämlich bei den Russen, das nötige Kleingeld. An dem Tag, wo sich unser Leben ändern sollte, war ich sehr gut mit Ostmark bestückt. Obwohl der einzige Zug gen Westen erst am frühen Abend vom Haupt­bahn­hof Leipzig abfahren würde, waren wir schon sehr früh vom Reisefieber gepackt. Keiner hatte mehr an Gepäck bei sich, als man unbedingt brauchte. Gut durchdacht von Willy meinem Stief­vater. Denn an der Grenze in Marienborn hatten wir ein älteres Ehepaar weniger in unserem Zug­abteil. Die hatten doch gleich zweimal komplettes Federbettzeug mit in den „Urlaub“ nehmen wol­len. Wir verließen schon am Vormittag mit relativ leichtem Gepäck die Lilienstrasse in Leipzig-Reud­nitz. Wissend dass meine reichlich vorhandenen Ostmark im Westen nur einen Dreck wert waren (kannte ich ja von unserem Berlin Ausflug!), ließ ich mir von einem Coiffeur eine schicke Wasserwelle legen, wir gingen wir nochmal in Auerbachskeller chic essen und am Nachmittag auch noch in ein Café. Eine innere Unruhe ließ mich den Vorschlag unterbreiten, dass wir doch mit einem Taxi nach Halle/Saale fahren sollten und dort in den Zug einsteigen sollten. Meine beiden erwachsenen Begleiter ließen sich sogar darauf ein. Meine Vorahnung, wie sich später heraus­stellte, war völlig berechtigt. Während wir in Halle im Wartesaal auf unseren Zug warteten, kam eine Durchsage. Der Zug aus Leipzig über Halle, Magdeburg, Hannover nach Köln hätte voraus­sichtlich 30 Minuten Verspätung. Zu dem Zeitpunkt ahnte keiner von uns, dass ausgerechnet ich an dieser Verspätung schuld sein sollte. Es war aber so, wie wir später von meiner Schwester erfuh­ren. Gerade an diesem besagten 29. August 1955, ein Tag vor meiner Mutters Geburtstag, war wieder einmal eine Razzia in deren Wohnung angesagt. War doch ihr Sohn schon wieder seit eini­gen Tagen aus dem Heim in Dönschten abgängig, wie das so schön im Beamtendeutsch heißt. Weil man in der Lilienstrasse 22 in Leipzig niemanden antraf, wurde im Vorderhaus nachgefragt. Dort erfuhren die Häscher dann auch, dass Frau Schulz wie jedes Jahr in Urlaub in den Westen fahren würde. Da muss dann wohl bei einem der Beamten was geklingelt haben. Bei der Passstelle nachgefragt erfuhren sie auch noch, dass Frau Schulz ihren minderjährigen Sohn in diesem Jahr zum ersten Mal hatte mit eintragen lassen.

Hatte ich mit der Flucht in den „Goldenen Westen“ wirklich das große Los gezogen?

Da aber nur der eine Zug Richtung Westdeutschland am Abend in Leipzig abfuhr, filzte man diesen natürlich gründlich. Somit war auch die Durchsage wegen der Verspätung in Halle zu erklären. Was da in Leipzig abging, wusste ich zwar nicht, aber dennoch war mir kotzübel. Mein Magen rebellierte wie in den ersten Tagen meines beschriebenen Hungerstreiks im Heim. Eingedenk des­sen, mit wie vielen Hoffnungen ich schon Anläufe genom­men hatte, zu meinem Erzeuger in den Westen zu gelangen, und wie kläglich das schief gegangen war, wollte ich erst an mein Glück glauben, wenn ich die Grenze überfahren hatte. Bloß gut das in Leipzig niemand auf die Idee gekom­men war, in Marienborn anzurufen. Erst nach endlosem Aufenthalt an der Grenze, wo man auch so einige aus dem Zug geholt hatte, wovon nicht alle wieder den Zug bestiegen, und der Zug sich wieder in Bewegung setzte, waren auch schlagartig meine Magenbeschwerden verschwunden.

Aber! Hatte ich wirklich das große Los gezogen? Wären mir im Osten die 17 Jahre Knast erspart geblieben, die ich im Laufe der Zeit danach hier abgesessen habe? Irgendwie wäre ich auch drü­ben nicht so ohne weiteres nach Beendigung der Schule wieder in ein freies Leben entlassen wor­den. Immerhin lag ja noch der Motorradunfall in der Luft, den ich noch hätte sühnen müssen. Und danach? Wäre ich ein guter, angepasster Kommunist geworden? Das Schicksalsbuch wurde jedem Menschen schon bei der Geburt geschrieben.

Zunächst war die Enttäuschung schon mal riesengroß, als ich zum ersten Mal meinem Vater gegen­überstand und ich statt einer väterlichen Umarmung nur ein überraschtes, blödes Gesicht vor mir sah. Und dann war es an mir, ein dummes Gesicht zu machen. An der Bushaltestelle in Ahler­stedt (bei Stade), wo ich am besagten 30 August 1955, einem Samstag (unvergesslich für mich!) meinen Vater erwartete, wovon er allerdings nicht die geringste Ahnung hatte, drängte sich eine fünfjährige Göre zwischen meinen Vater und mich und fragte ganz empört: „Warum sagst du Papa zu meinem Papa, dass ist mein Papa und nicht dein Papa“. (Verstehen Sie jetzt mein dummes Gesicht? Ich hatte doch keinen blassen Schimmer davon, dass ich auch noch eine Halbschwester hatte. Jedenfalls hatte mein Vater in keinem seiner wenigen Briefe an mich etwas davon erwähnt).

Brachte es mein Vater schon nicht übers Herz seinen einzig verbliebenen Sohn in den Arm zu neh­men, so siegte dann doch seine Neugier zu erfahren, wie ich es geschafft hatte, so plötzlich vor ihm zu stehen. Nachdem sich auch meine schwergewichtige Stiefmutter aus der für sie viel zu engen Bustüre gezwängt hatte, wollte er sicherlich eine peinliche Szene an der Dorf-Bushaltestelle vermeiden.

„Na, dann komm mal mit nach Hause, dort erkläre ich dir alles!“ Dabei warf er einen vielsagen­den Blick auf das Mädchen, welches dagegen protestiert hatte, dass ich zu ihrem Papa ebenfalls Papa gesagt hatte. Zu meiner zukünftigen Stiefmutter sagte er nur ganz kurz: „Das ist Dieter!“ Na, zumindest wusste sie darüber Bescheid, dass es mich gab. Auf dem kurzen Weg zu deren Haus schlugen meine Gedanken Purzelbäume. Abgesehen davon, dass ich von der (Nicht)- Begrüßung enttäuscht war, drängte sich Ingrid, meine Halbschwester ganz bewusst zwischen mich und unse­rem Vater, hängte sich an seinen Arm. In diesem Moment fragte ich mich schon, wozu ich eigent­lich solche riskanten Unternehmungen gestartet hatte, um zu meinem Vater zu kommen. Ich konnte bisher nie darüber lachen, wenn ich mal irgendwo das Wort Herzensleid las oder hörte. Es mag Men­schen geben die dieses Wort zu schmalzig finden. Auch ich unterlag manchmal dieser Versuchung. Doch dann fiel mir immer sehr schnell ein, dass ich es ja selbst erfahren hatte. Genau damals mit meinen 15 Lenzen auf dem ersten gemeinsamen Weg mit meinem (?) Vater! Bei meinem ersten Gang zu meines Vaters Haus nahm ich gar nicht so recht wahr, an wie vielen ande­ren Häusern wir vorbei gingen oder gar wie diese beschaffen waren. Die Häuserreihe nahm ein Ende, wir bogen in einen Feldweg ein. Zwischen Kartoffel- und Maisfeldern tauchte dann auch das letzte Haus auf. Schlicht und einfach, aber es war ein Zuhause. Nur sollte es nie das meine werden.

In der Küche Platz nehmend durfte ich zwischen Milch, Hagebuttentee und Kakao wählen. Natür­lich entschied ich mich für eine Tasse Kakao. Neugierig drängte sich die ganze Familie um den Tisch, an dem ich nun mit meinem Vater saß. Wenn ich hier Familie sage, so gehörte neben mei­ner Halbschwester, noch eine Tochter und ein Sohn aus erster Ehe von Monika dazu. Die beiden Kinder, die Tochter ein Jahr jünger als ich, der Sohn ein Jahr älter, begafften mich wie ein seltenes Tier. Mein Vater steckte sich einen billigen Zigarrenstumpen in die Pfeife. Erst als der Rotzkocher zu seiner Zufriedenheit qualmte, zeigte er mit dem Saugrüssel seiner Piepe auf mich und sagte: „Nun erzähl mal!“

Ich erzählte ihm nun wie uns die Flucht aus der DDR gelungen war und wie es der Zufall wollte, lebte genau am anderen Dorfende eine Schwester meiner Mutter, die von ihr jedes Jahr besucht wurde. Bei dem Wort UNS verschluckte sich mein Vater an dem Tabakqualm den er gerade ein­gezogen hatte. Dies übersah ich geflissentlich und fuhr fort zu erzählen. Eben dass meine Tante mir verraten hatte, wo und wann ich meinen Vater mit meiner Anwesenheit überraschen konnte. In so einem kleinen Dorf, weiß jeder von jedem, wann er furzt. So war meiner Tante auch bekannt, dass mein Vater an diesem Samstag mit seiner zukünftigen Frau nach Buxtehude gefahren sei um Ver­lo­bungsgeschenke einzukaufen. Es war auch abzusehen, dass der Vater gegen 14 Uhr mit dem letzt­möglichen Bus wieder in Ahlerstedt eintreffen würde.

So, da war ich also und legte mein weiteres Schicksal in seine Hände. Ohne mich anzusehen beschäf­tigte sich mein Erzeuger ausgiebig mit dem erneuten Ingangsetzen seiner Pfeife und begann dann erst mit einer Erklärung über seine neuen Familienverhältnisse. Dabei holte er etwas weiter aus, bevor er auf den eigentlichen Punkt kam. Dabei erfuhr ich etwas über seine Lebens­geschichte. So erfuhr ich, dass er Obergefreiter bei einer Flakbatterie gewesen sei und kurz vor Kriegsende bei München stationiert gewesen sei. Dort habe er sich noch einen Bauchschuss einge­handelt. Nach einigen Wochen Krankenhausaufenthalt hatten ihn die amerikanischen Besatzer als unbedenklich eingestuft und ihn laufen lassen.Von seinen Ersparnissen hätte er sich ein Pferd samt Wagen angeschafft und sei gegen Norden gezogen, weil er erfahren hatte, dass dort noch Ver­wan­dte (meine Tante) aus Ostpreußen leben würden. Über seine eigene Familie habe er keine Auskünfte erhalten können, so dass er davon ausgehen musste, dass wir den Krieg nicht überlebt hatten. Es habe sich dann so ergeben, dass er in Monika, die Kriegerwitwe geworden war, eine neue Gefährtin gefunden habe. Bei dem rasanten Wiederaufbau in Deutschland habe er auch sehr schnell Arbeit gefunden. Er verdiene sich sein Geld jetzt als Eisenflechter. Allerdings sei er nur jedes zweite Wochenende in Ahlerstedt, da es eine weite Reise sei von seinem derzeitigen Arbeitsplatz. Ich hätte ja großes Glück gehabt, dass er ausgerechnet an diesem Wochenende zu Hause sei.

Oh jemine! – Ich zum Bauern?

Dann ließ er seine Neugierde aber nicht mehr mit seiner Frage, die ihm auf den Nägeln brannte, ruhen. „Du sagtest eingangs, dass es EUCH gelungen sei, hierher zu flüchten. Soll das heißen, dass deine Mutter diesmal nicht nur zu Besuch zu ihrer Schwester gekommen ist wie all die Jahre zuvor?“ Bemerkte ich da etwa ein nervöses Nuckeln an seiner Pfeife, als ich darauf antwortete?

„Genau so ist es. Immerhin hat Mutti es mir mit ihrem Ausweis ermöglicht über die Grenze zu kom­men!“ Ich musste ihm dann noch erklären, wie das genau abgelaufen ist. „Wie soll das nun weiter­gehen?“ fragte er in den Raum hinein. „Du siehst ja, wie viele Personen wir hier sind. Wir leben schon ziemlich beengt. Das Haus gehört der Gemeinde und die obere Etage ist von einer anderen Familie belegt!“ begann er mir den Zahn zu ziehen, falls ich die Hoffnung gehegt hatte bei ihm unter­zukommen. Monika aber dachte zunächst sehr praktisch. „Du musst als erstes bei deiner Firma anrufen und um 2 bis 3 Tage Sonderurlaub nachsuchen. Die werden schon Verständnis für diese Situation haben!“ Vater grummelte sich was in seinen nicht vorhandenen Bart, was soviel hieß: „Ja, dann werde ich wohl gleich am Montag mit ihm nach Stade zum Arbeitsamt fahren müssen. Jetzt in der Erntezeit wird bei den Bauern jede Hand gebraucht!“ Oh jemine! Ich zum Bauern? Waren da nicht richtige, starke Kerle gefragt? Ich, brachte keine 50 Kilo auf die Waage mit meinen gerade mal 155 Zentimetern Körpergröße.

„Aber Vater! Ich habe das Versetzungszeug­nis von der siebten in die achte Klasse in der Tasche. Ich bin doch noch gar nicht mit der Schule fertig!“ – „Für die Arbeit beim Bauern reicht das alle­mal. Und, beim Bauern kriegst du richtig was zu essen und auch Unterkunft zu deinem Lohn. Du bist noch im Wachstum, und auf die Rippen und in die Arme kriegst du dabei auch etwas. Soweit ich zurückdenken kann, sind alle deine Vorfahren irgendwie mit der Landarbeit groß geworden!“ Na, da hatte ich mir ja was eingebrockt.

Nachdem ich noch eine weitere Tasse Kakao getrunken und ein Stück Butterkuchen dazu gegessen hatte, wurde ich zum sonntäglichen Mittagessen eingeladen. Mit verwirrten Gedanken trat ich dann den Weg ans andere Dorfende zu meiner Mutter und Tante an. Obwohl mein Onkel dort einen 120 Morgen großen Bauernhof gepachtet hatte, lebten sie mit ihren vier Kindern auch ziemlich beengt. Gleich drei Besucher überstiegen einfach ihre Bettenkapazitäten. So musste ich mir mit meinem etwa gleichaltrigen Cousin ein Bett teilen. Als ich meiner Mutter darüber Bericht erstattete, wie das Wiedersehen mit meinem Vater abgelaufen war, erkannte ich wie ihre Augen feucht wur­den. Was mein Vater versäumt hatte zu tun, das holte meine Mutter jetzt nach. Sie nahm mich so fest in ihre Arme, das mir die Rippen schmerzten. „Mein Junge, denk daran, was wir schon alles durchgemacht haben. Wir werden auch das überstehen. Kommt Zeit, kommt Rat. Willy und ich können ja auch nicht auf Dauer hier bleiben. Wir haben alle gesunde Hände. Und Arbeit gibt es hier genug!“ tröstete meine Mutter mich.

Fußnote

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Haldensleben

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Fragen Sie doch einfach mal.

Posted in Deutschland, Politik, Uncategorized by dierkschaefer on 26. April 2017

»In einer repräsentativen Demokratie werden politische Entscheidungen sowie die Kontrolle der Regierung nicht unmittelbar vom Volk ausgeübt , sondern von einer Volksvertretung wie dem Deutschen Bundestag. Über eine „Legitimationskette“ ist dass Handeln der Regierung auf die Willensäußerungen der Wählerinnen und Wähler zurückgeführt. Im Parlament werden die unterschiedlichen Meinungs- und Interessenlagen diskutiert und im Rahmen der Mehrheitsverhältnisse entschieden.«

Soweit, so gut, so harmonisch.

Gestrichen wurde der folgende Passus:

»Jedoch vertreten verschiedene Bevölkerungsgruppen ihre Interessen mit ungleichen Konflikt- und Organisationsressourcen. So können Partikularinteressen von Eliten und Unternehmen in modernen Demokratien einen übergroßen Einfluss gewinnen, mit der Folge einer zunehmenden Entpolitisierung und damit eines Legitimitätsverlustes.«[1]

Diese plausible Begründung des Politikverdrusses wurde uns vorenthalten.

Wir dürfen demnächst wieder einmal unsere Stimme abgeben, um sie dann nicht wiederzukriegen.

Fragen Sie die Abgeordneten und Kandidaten Ihres Wahlkreises, ob und wie sie diese Streichung rechtfertigen! Wenn die Antwort nicht befriedigend ausfällt, fragen Sie, warum Sie überhaupt zur Wahl gehen sollen, wenn die Einflussmöglichkeiten dermaßen ungleich verteilt sind.

Wir haben es ja schon immer wissen können, doch nun kann die Farce einer Scheindemokratie nicht mehr geleugnet werden.

[1] Quelle: Abgeordnetenwatch.de‏ @a_watch, Wo krit. Stellen aus dem #Armutsbericht der BReg gestrichen wurden: Guter Vorher/Nachher-Vergleich von @lobbycontrol https://www.lobbycontrol.de/wp-content/uploads/LobbyControl-Versionsvergleich-Armutsbericht-kommentiert.pdf …

Zermürbungskrieg – In Korntal nichts Neues.

Nach wie vor liegen sich die „Brüder“ der Brüdergemeinde Korntal und ehemalige Kinder aus dieser Einrichtung im Stellungskampf gegenüber. In solchen Abnutzungskriegen gibt oft nur Verlierer – auf beiden Seiten.

Die Position der Landeskirche

Die Brüdergemeinde hat sich eingeigelt, ihre Gegner erscheinen hilflos und haben sich in der letzten Zeit darauf beschränkt, die Brüdergemeinde zu verbellen. Darüber hinaus nehmen sie auch den Landesbischof der Württembergischen Landeskirche ins Visier. Der soll eingreifen. Doch der wird ’nen Teufel tun, soweit man einen Landesbischof mit dem Teufel in einem Atemzug nennen darf. Über die behauptete völlige Unabhängigkeit der Brüdergemeinde von der Landeskirche lachen zwar die Hühner, die Bischof July bei seiner letzten Visitation öffentlichkeitswirksam gefüttert hat.[1] Doch warum sollte er sich in der Pflicht sehen? Täte ich auch nicht. Das sollen die Brüder selber ausbaden.

Hinzu kommt die starke Stellung der Pietisten in der Landeskirche. Selbst wenn er wollte, er kann gar nicht anders. »Frank Otfried July, Landesbischof der Württembergischen Landeskirche, sieht die Pietistische Frömmigkeit als Aufgabe kirchenleitenden Handelns“ und [sein Beitrag im Pfarrerblatt] trägt den für manche verwirrenden aber treffenden Untertitel „(K)ein Kirchlein in der Kirche?“. Zum Verständnis mag ein Zitat aus dem FOCUS helfen: „Nur wenige Landes­kirchen sind so stark vom meist strikt konservativen Pietismus geprägt wie die württember­gische. ›Sie durchsetzen die Württembergische Landeskirche wie die Hefe den Teig‹, sagt der Schorndorfer Dekan Volker Teich.« July sieht den Pietismus als „Herausforderung für kirchenleitendes Handeln“. »Das „Pietisten-Reskript 1993“ sei Ausdruck des Gelingens dieser Aufgaben. Dort heißt es einleitend: „Das Reskript hat dem sich immer weiter ausbreitenden Pietismus ein verant­wortliches Eigenleben innerhalb der Kirche ermöglicht und dadurch einer separatistischen Absonderung gewehrt. Der Pietismus bekam offiziell Heimatrecht in der Landeskirche (…) und wurde zu einem Element württembergischen Kirchenwesens, das sich auch in den späteren Phasen der Geschichte in seiner belebenden und aufbauenden Kraft bewährt und als tragfähig erwiesen hat.“ Doch manche Grundlinien seien gleichgeblieben: so »die Abwehr separatistischer Absonde­rung pietistischer Gruppen und die Vitalisierung der Kirche durch die ›belebende Kraft‹ des Pietismus.« [2] Nicht nur July steckt in der Zwickmühle, seine Landeskirche auch. Würde July – wenn er es denn wirksam könnte – in den Streit mit der Brüdergemeinde eingreifen, bekäme er Streit mit den Pietisten in der Landeskirche. Die haben längst Parallelstrukturen zur Landeskirche aufgebaut und brauchen diese Kirche nicht unbedingt. [3]

 

Die Position der Ankläger

Seit einigen Wochen gab es nur ein eher hilfloses Gekeife. Das können die Brüder ruhig aussitzen. Nun gibt es einen neuen Ansatz vom Netzwerk BetroffenenForum e.V. mit der Überschrift: Wir reden Klartext.[4] Dort heißt es abschließend: » … fordern wir alle Missbrauchsopfer der Brüdergemeinde Korntal, gleich ob sie sexueller, körperlicher oder psychischer Gewalt unterzogen waren, auf, unbedingt und sofort, unabhängig von eventuellen Verjährungsfristen, Anzeige bei der nächsten Polizeidienststelle oder der zuständigen Staatsanwaltschaft zu erstatten. Die Anzeige soll gegen die Organisation gestellt werden und darin können evtl. einzelne Personen genannt werden. Eine Ablehnung der Protokollierung ist nicht zulässig. Lassen Sie sich die Anzeige bestätigen!« Denn, so die strategische Überlegung: »würde alles bekannt werden, müssten die Jugendhilfeeinrichtungen der evangelikalen Brüdergemeinde Korntal auf den Prüfstand und gegebenenfalls einem anderen Träger übertragen werden!«

Was ist davon zu halten?

Dem Aufruf zur Anzeige werden nur wenige Betroffene folgen. Weiß denn die nächste Polizeidienststelle oder die zuständige Staatsanwaltschaft mit dieser psychologisch wie rechtlich heiklen Materie umzugehen?

Der Aufruf ist nicht dazu geeignet, dass alles bekannt wird. Da müssen die Betroffenen schon selber ran. Sie sollten eine unbefangene Vertrauensperson finden, zu der die „Opfer“ Vertrauen aufbauen können. In einer Reihe von Gesprächen kann der jeweilige „Fall“ rekonstruiert werden, kann Mut gemacht werden, offen zur Aussage zu stehen: Ich, N.N., war von — bis in einer Einrichtung der Brüdergemeinde und habe dort folgende Übergriffe von XY und YZ erlebt. Ich halte es für verfehlt, die Organisation anzuklagen, sondern immer nur den oder die Täter. Ansonsten gilt: Wer mehr als einen warmen Händedruck will, muss aus der Anonymität heraustreten – anders geht es in einem Rechtsstaat nicht. Die Opfer sollten sich nicht absprechen, denn das Gedächnis ist nicht immer zuverlässig und ist vor allem formbar. Lediglich das Prozedere muss mit der Vertrauensperson abgesprochen werden. Man sollte möglichst viele Details nennen, die von der Vertrauensperson gesammelt und sortiert werden. Wenn’s zu Anzeigen reicht, dann los. Wenn es lediglich Erlebnisberichte sind, die leicht angezweifelt werden können, oder für die Verjährung gilt, dann muss man sich eine andere Öffentlichkeit suchen. Ich würde ein öffentliches Tribunal in Korntal veranstalten. Die Presse wird Interesse haben.

Die Position der Brüdergemeinde

Man muss deutlich unterscheiden zwischen Tätern und Vertuschern. Selbst die Vertuscher können guten Glaubens sein, dass diese „ungeheuerlichen“ Vorwürfe erfunden sind. Für diese Personen müssen die Vorwürfe glaubhaft gemacht werden. Darum: keine inhaltlichen Absprachen unter den Opfern! Darum: eine seriöse Person als Faktensammler!

Zur Ungeheuerlichkeit der Vorwürfe: Für die meisten Mitglieder der Brüdergemeinde sind diese Vorwürfe unvorstellbar. Sie widersprechen dem eigenen Lebensentwurf – und der ist fromm, gottgefällig und bibeltreu. Das Verhältnis zur Sexualität ist nicht offen – verklemmt wäre das falsche, weil diskriminierende Wort. Für diese Gläubigen ist der Herrjesus immer dabei, auch im Ehebett[5]. Und bevor meine Leser jetzt breit grinsen: Ich hoffe doch für sie und ihren Partner, ihre Partnerin, dass sie im Bett nicht einfach die Sau rauslassen, sondern auch dort nicht gegen ihre Wertevorstellungen handeln und auf die Menschenwürde beider Partner achten.

Diese Gläubigen glauben noch an das Jüngste Gericht[6] (Mt 25,31-46). Die meisten sind keine Missbraucher. Sie werden jedoch mitschuldig, das sagt auch der Text der Betroffenen deutlich. Biblisch gesprochen: Ich bin missbraucht worden, und du hast meine Klage beiseite geschoben.[7]

 

Nun ist das Netzwerk der Betroffenen am Zuge. Viel Erfolg!

Übrigens: Die Leute mögen ja komisch wirken, aber es gibt gute Gründe, den Pietismus und seine Gläubigen sachgerecht zu verteidigen.

 

Fußnoten

[1] „Auf dem Schulbauernhof füttert auch der Bischof die Hühner – Landesbischof Frank Otfried July besucht die Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal“ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/31/blieb-der-juli-ohne-july-korntal-war-keine-chefsache/

[2] Zitate in diesem Absatz aus: Dierk Schäfer, Nachgedanken zu den Aufsätzen von Hans-Martin Barth, Christoph Dinkel und Frank Otfried July im »Deutschen Pfarrerblatt 2/2016« – Ekklesiologische Schlaglichter – http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=4037

[3] Es sollte hinzugefügt werden: Diese Parallelstrukturen wurden von unseren Evangelikalen selber finanziert, neben der regulären Kirchensteuer.

[4] Wir reden Klartext!

Wer jetzt im Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal wegschaut und diese „bibeltreue, evangelikale“ Gemeinde gewähren lässt oder sie gar unterstützt, macht sich mitschuldig!

Die Brüder haben in der Vergangenheit, als wir Betroffenen noch Kinder waren, alles vertuschen können – nun sind andere Verantwortliche zuständig. Die Strukturen der Brüdergemeinde HYPERLINK „http://www.heimopfer-korntal.de/“Korntal haben sich jedoch nicht verändert.

Wir sind heute erwachsene Menschen mit eigenen Biographien, doch die Brüder glauben, uns heute noch behandeln zu können, wie ihre ehemaligen Heimkinder, denen von einigen ihrer „christlichen“ Mitarbeiter auf das übelste sexuelle Gewalt angetan worden ist. Heute beginnt der Missbrauch erneut, mit anderen, nicht weniger perfiden Mitteln!

Klaus Andersen, der Laienvorsteher der Brüdergemeinde Korntal betreibt nur Symbolpolitik. An einer unabhängigen, und umfassenden, sowie nachhaltigen Aufklärung und Aufarbeitung ist er und seine evangelikale Gemeinde überhaupt nicht interessiert. Er beauftragt für viel Geld Menschen, die den Auftrag haben, aktive Betroffene bewusst zu verletzen, vorzuführen und menschenverachtend zu behandeln, mit dem Hintergrund, diese mundtot zu machen, damit nicht alles an Perversionen dieser „Christen“ auf den Tisch kommt.

Denn würde alles bekannt werden, müssten die Jugendhilfeeinrichtungen der evangelikalen Brüdergemeinde Korntal auf den Prüfstand und gegebenenfalls einem anderen Träger übertragen werden!

Andersen schaut diesem Treiben in seiner „evangelikalen“ Gesinnung strahlend zu.

Wir werden dafür Sorge tragen, dass alles schonungslos offengelegt wird, dass der evangelikalen Brüdergemeinde Korntal die Verantwortung zur „Aufklärung“ von höchster Stelle entzogen wird. Denn die Täterorganisation hat nur ein Ziel: Ihre Einrichtungen vor der Insolvenz zu bewahren und ihre Gemeinnützigkeit zu schützen!

Ihr Bestreben ist, möglichst viele Informationen, Daten und Fakten von Betroffenen zu erhalten, um damit eine selbstgemachte „Aufklärung“, möglichst ohne Schäden an der Organisation, ablaufen lassen zu können.

Deshalb rufen wir alle Betroffenen/Opfer auf, sich nicht bei der Täterorganisation Brüdergemeinde Korntal zu melden und auf kein Treffen zu gehen, das von der Brüdergemeinde Korntal und der AG Heimopfer Korntal geplant ist.

Wir warnen ausdrücklich vor diesem Vorgehen, denn die evangelikalen Brüder wollen gemeinsam mit ihren Beratern und der AG Heimopfer Korntal, ein beschleunigtes Verfahren. Damit möchte man auf die Schnelle den Betroffenen/Opfern, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, einen lächerlichen Betrag von bis zu 5.000 € bezahlen. Andere Betroffene/Opfer von körperlicher, psychischer Gewalt erhalten nichts!

Wir haben aus den Fehlern in der Vergangenheit gelernt; die aktuellen Entwicklungen zeigen ganz deutlich, dass unser Weg richtig ist.

Der „Aufklärungsprozess“ der evangelikalen Brüder ist erneut gescheitert. Ohne Betroffene/Opfer wird und kann es im Missbrauchsskandal der evangelikalen Brüder keine Aufklärung/Aufarbeitung geben!

Wenn sich die evangelikalen Brüder, sowie deren Beauftragte, nur ansatzweise vorstellen könnten, was es heißt, als kleines Kind von einem Erwachsenen anal missbraucht zu werden, Sperma ins Gesicht zu bekommen, Fremdkörper (Schraubenzieher) in den Anus eingeführt zu bekommen, würden sie ganz anders vorgehen, denn wir sind überzeugt, die evangelikalen Brüder und ihre Beauftragen würden uns verstehen – wären es dann doch auch ihre Schmerzen, mit denen wir täglich zu kämpfen haben.

Zum Schluss fordern wir alle Missbrauchsopfer der Brüdergemeinde Korntal, gleich ob sie sexueller, körperlicher oder psychischer Gewalt unterzogen waren, auf, unbedingt und sofort, unabhängig von eventuellen Verjährungsfristen, Anzeige bei der nächsten Polizeidienststelle oder der zuständigen Staatsanwaltschaft zu erstatten. Die Anzeige soll gegen die Organisation gestellt werden und darin können evtl. einzelne Personen genannt werden. Eine Ablehnung der Protokollierung ist nicht zulässig. Lassen Sie sich die Anzeige bestätigen!

Verein Netzwerk BetroffenenForum e.V.

Detlev Zander Betroffener, Sprecher Netzwerk BetroffenenForum e.V.

Kontakt: dzander@aufarbeitung-korntal.de   0172 / 4714 241   Plattling 19.03.2017

[5] Man muss sich vor Augen führen, dass das Verhältnis zu Jesus für viele Gläubige eine sublime erotische Komponente hat. Das wird deutlich – und funktioniert bei vielen Kirchenliedern, wenn man mal versuchsweise nach jeder Zeile „unter der güldenen Decke“ einfügt. Wie soll ich dich empfangen … und wie begegn’ ich dir, …. Es macht einerseits die Innigkeit der Beziehung deutlich, zeigt aber auch, welch Sakrileg mit jeder „Unkeuschheit“ verbunden ist. Man kann darüber Witze machen, doch die fallen auf den Witzbold zurück. Es wird ja niemand gezwungen, diese Frömmigkeit zu übernehmen.

[6] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[7] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/01/traumhaft/

 

Wie sieht es heutzutage in den Kinderheimen aus?

Posted in Kinderheime, Uncategorized by dierkschaefer on 8. März 2017

Das beantwortet dieser Artikel nicht. Er schildert die Erfahrungen der Ombudsstelle. Die »„war überfällig, und wir haben bislang nur die Spitze des Eisbergs erreicht“: Diese Bilanz zieht Schleswig-Holsteins Bürgerbeauftragte Samiah El Samadoni ein Jahr, nachdem das Land in ihrem Haus zusätzlich eine Ombudsstelle für die Kinder- und Jugendhilfe eingerichtet hat. Das Angebot war eine Reaktion auf die Missstände in den „Friesenhof“-Heimen und kommt offensichtlich an: 194 Eingaben sind innerhalb der ersten zwölf Monate bei der neuen Beschwerde- und Beratungsstelle eingegangen.«

http://www.shz.de/deutschland-welt/politik/die-juengste-anruferin-war-acht-jahre-alt-id16287911.html

Ohne Reklamationen wird es nie gehen. Aber dass sie nun möglich sind, stimmt hoffnungsvoll.

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Weihnachten – eine Illusion! – Ein Weihnachtsgruß für Kirchengeschädigte

Posted in Christentum, heimkinder, Kinderheime, Uncategorized by dierkschaefer on 8. Dezember 2016

Alle Jahre wieder werde ich vom Webmaster einer Heimkindergruppe[1] um einen Weihnachtsgruß gebeten.

Ehemalige Heimkinder sind durchgängig aufgrund ihrer Erfahrungen in kirchlichen Einrichtungen kirchenkritisch, sehr viele auch kirchenfeindlich eingestellt.

Dank zahlreicher Kontakte mit ehemaligen Heimkindern kann ich diese Einstellungen zu den Kirchen gut verstehen. Nicht verstehen kann ich das Verhalten der Kirchen und meiner Kollegen. Dies ist bekannt. Darum bin ich bundesweit wohl der einzige Pfarrer, der um einen Weihnachtsgruß gebeten wird.

Da jedoch einige Heimkinder fast allergisch auf religiöse Inhalte reagieren, seien die Leser gewarnt. Wer mein PDF öffnet, setzt sich auf eigene Gefahr religiösen Gedanken aus.

Weihnachten – eine Illusion! weihnachten-2016

Meine allgemeine Weihnachtskarte in diesem Jahr dürfte wohl für alle tolerabel sein:

GP-2016.jpg

Fußnote

[1] Es handelt sich um die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“. Die Vorgänge in den Volmarsteiner Anstalten wurden wissenschaftlich aufgearbeitet, s. dazu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/.

Es ist wirklich ein Kreuz mit den naiven missionierenden Atheisten,

Posted in kirchen, Theologie, Uncategorized, Weltanschauung by dierkschaefer on 6. Oktober 2016

und mit den naiven bibelblinden Christen ebenso.

http://www.diesseits.ch/der-trugschluss-des-atheismus/

Beginn der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in DDR-Heimen

Posted in DDR, heimkinder, Kinderheime, Uncategorized by dierkschaefer on 11. September 2016

Arme Braunschweiger Pfarrerschaft. So bearbeitet man kirchliche Konflikte:

Posted in Firmenethik, Kirche, Recht, Uncategorized by dierkschaefer on 30. August 2016

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« II

Posted in Biographie, Kriminalität, Kriminologie, Uncategorized by dierkschaefer on 25. August 2016

moabit k1

Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Zweites Kapitel

 

 

In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

 

In Dönschten[1], diesem am Arsch der Welt liegenden Nest im Ost-Erzgebirge, musste ich fest­stellen, dass sich das Herz auch noch aus anderen Gründen als der Angst bemerkbar machen konnte. Es war ein wundervoll schmerzhaftes Ziehen, was sich in meiner Brust vollzog. Schuld daran war eine gewisse Monika Braun. – Ich grüße dich Monika, falls du diese Zeilen jemals lesen solltest. Dieses schillergelockte, blonde Mädchen, (es gab nicht viele Mädchen meiner Altersklasse in Dönschten) war bei weitem das Schönste und hatte etwas in mir bewirkt, was ich bis dahin noch nie verspürt.

Nie gekannte Gefühle

Na ja, ich war knapp 14 und Monika meine heimliche Liebe. Ich weiß bis heute noch nicht, ob sie etwas Ähnliches für mich empfand. Noch nach fünfunddreißig Jahren hatte ich die gleiche Sehnsucht im Herzen. Um einen Blick auf sie erhaschen zu können, habe ich stunden­lang am Fenster unseres Gemeinschaftsschlaf­saales ausgeharrt, um sie an ihrem Schlafzim­mer­fenster zu sehen. Ich bildete mir ein, dass Monika sich wegen mir vor dem Schlafengehen fast jeden Abend eine Weile am Fenster zeigte.

Fünfunddreißig Jahre später im Juli 1990, saß ich fast am gleichen Platz. Nur: inzwischen war aus dem Heim für schwererziehbare Jungs ein Restaurant für Gewerkschaftsangehörige gewor­den, die im Erzgebirge ihren Urlaub verbrachten.

Genau dort, wo früher, 1954 – 55, mein Bett, eins von 17, gestanden hatte, saß ich nun mit meiner Lebensabschnittsgefährtin und mit meiner Schwester an einem weißgedeckten Tisch bei einem Bier. Ganz bewusst saß ich so, dass ich genau den gleichen Blickwinkel wie damals hatte. Ich schaute wie früher zum Fenster hinauf, wo Monika sich manchmal mit offenem Haar und Nachthemd hatte sehen lassen. Mehr als ein scheues Lächeln hatten wir eigentlich nie ausgetauscht.

Dieses Lächeln, ihr langes Haar, diese Bilder hatten mich all die Jahre nicht verlassen. Sie ist meine allererste, allergrößte, einzige Liebe in meinem Leben geblieben. Diese Erinnerungen aufzufrischen war ich gleich nach dem Mauerfall den weiten Weg von Hannover dorthin gefahren. Ein Lichtblick aus meiner Kindheit. Ich habe diese kurze Zeit des Glücks wie eine Kostbarkeit in meinem Herzen aufbewahrt. Es gab nicht all zuviele davon in meinem Leben. Im gleichen Dorf wohnend gingen wir noch nicht einmal in die gleiche Schule. Die aus­nahms­los bösen Buben aus dem Heim marschierten jeden Morgen brav im Gleichschritt, ein Lied, drei, vier, auf den Lippen, in die eigene Heimschule, während du, Monika, in den nächsten Ort zur Schule musstest. Ich habe 1990 in dem Ort, dessen Name mir entfallen ist, übernachtet, weil Dönschten, dieses kleine Kaff, keine Unterkunft bieten konnte. Ich habe nur wenige Stunden in Dönschten verbracht, als ich 1990 dort war.

Ich habe mich nach dir erkundigt. Du lebtest immer noch dort, warst wahrscheinlich nie aus dem Nest weiter herausgekommen als bis Dipps[2] oder gar Dresden? Ich habe wahrscheinlich die Betten, die Orte öfter gewechselt als du deine Bettwäsche. Ich wollte das Andenken an dich so bewahren, wie ich es in Erinnerung hatte, wollte keine Aufmerksamkeit erregen, indem ich mich zu eingehend für dich interessierte. Vielleicht, hätte ich dich gesehen, wäre ich bereit gewesen, meine Illusionen zu zerstören. Ich habe zu wenige davon in meinem Herzen, als dass ich auch diese noch aufgeben wollte. Du verstehst: Wir werden alle nicht jünger! Man liest allenthalben von Menschen, die sich nach solch langen Zeiträumen ihre Jugendliebe erfüllen. Ob ich der Typ dazu wäre? So wirst du wohl nie erfahren, dass ich deinethalben schon mit 13 zum Dichter wurde. Noch nach 39 Jahren erinnere ich mich an einzelne Zeilen der Schmachtfetzen, die ich in Richtung deines (Schlafzimmer?-)fensters gemurmelt habe:

 

„Geheimnisvoll, wie der Sommer,

steigt dein Bild vor mir auf,

Schwebend im Dunkel der Nacht –

Und im Lichte des Tages.

Noch nie hast du geweint,

weil du weißt,

dass auch meine Tränen zu Boden fallen ….“

Wenige Augenblicke in meiner Kindheit,

wo ich ein Kind Gottes war!

Hast du jemals bemerkt, dass du der Gegenstand meiner Sehnsucht warst? Weißt du eigent­lich, dass ich ein unvergängliches Zeichen meiner Liebe zu dir mit mir herumtrage, bis ins Grab? Nein, sicherlich nicht. Ich habe den Schmerz tapfer verschwiegen, als ich mir die Wunde zufügte. Es war aber nicht so prosaisch, wie du jetzt vielleicht denken magst. Ich war damals so glücklich. Ich war damals so glücklich. Ich durfte für deine Oma, damit auch für dich, Holz hacken. Durch diese Tätigkeit kam ich deinem Fenster, dir, um ein ganzes Stück näher. Ich wusste, dass du nach der Schule im Haus sein musstest. Meine Aufmerksamkeit musste ich nun zwischen den zu spaltenden Holzscheiten und deinem Fenster teilen. Dich einmal am Tag wenigstens zu sehen, war für mich der Himmel. Einmal, als ich glaubte an deinem Fenster eine Bewegung wahr zu nehmen, drehte ich meinen Kopf. Meine Augen fanden dich nicht. Dafür fand aber das Beil, das ich schon hochgeschwungen hatte, mei­nen Daumen der linken Hand. Nun, der Daumen ist noch dran. Er hing zwar nur noch an einer Ecke fest, wurde aber mit einer Ecke meines Hemdes wieder angepresst. Seitdem wächst mein Daumennagel nur noch wellenförmig nach. Dafür ist aber auch jeder Fingerabdruck bei der Polizei immer sehr ausgeprägt. Daumenkuppe und auch der Mittelfinger zeigen eine unver­wechselbare Narbe. Nicht ums Verrecken mochte ich jemanden sagen, dass ich mir beim Holzhacken beinahe den Daumen abgehauen hätte. Für das Holzhacken bekam ich von deiner Oma, ich hatte leider nie eine, ein paar Märker. Das heißt, das Heim bekam das Geld, das wie alles, was wir Jungs nebenher verdienten, in die Gemeinschaftskasse floss. Statt der drei Mark Taschengeld, die wir offiziell erhalten sollten, wurde alles abgenommen. Nur, was aus der Gemeinschaftskasse eigentlich bezahlt wurde, ist mir in dem Jahr, wo ich zu „Gast“ in eurer Einöde war, nie ganz klar geworden. Ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern, in dem ganzen Jahr ins Kino oder dergleichen gekommen zu sein. Schmiedeberg war die nächste größere Ortschaft. Dort gab es einen Fußballplatz, ein Kino, eine Station der Bimmelbahn und eine Bushaltestelle. Ich habe 1990 in dem Nest kaum etwas wiedererkannt. Dabei hatte ich mich so sehr auf die herrliche Natur gefreut, die ich in so guter Erinnerung hatte. Der reißende Bach war zu einem modrigen Rinnsal geworden, der Bach, der direkt bei uns am Heim vor­bei­gerauscht war, wo wir Jungs ein Steinwehr gebaut hatten, um an der tiefsten Stelle im eiskalten Wasser in der heißen Jahreszeit uns zu erfrischen, wo sich die Forellen tummelten, die wir, wenn wir nur geschickt und schnell genug waren, mit der Hand fangen konnten. Wo, um Himmels willen, war dieser Bach geblieben?

Dem Paradies ganz nahe gewesen

Was ist aus dem schönen Osterbrauch geworden? Eine der schönen Erinnerungen meines Lebens wurde wieder wach. Ostersonntag, weißt du noch? Wer daran glaubte und das kom­mende Jahr über gesund bleiben wollte, musste in aller Herrgottsfrüh aufstehen, durfte kein Wort sprechen. Man machte sich auf den Weg, weiter in die Berge hinauf. Wir suchten und fanden eine Quelle, deren Wasser gegen Sonnenaufgang abfloß. Erst wenn man davon getrun­ken, Gesicht und Hände darin gewaschen hatte, durfte man reden und sich ein geseg­netes Osterfest wünschen. An dieses eine Mal zurückdenkend betrachte ich mich einmal dem Para­dies ganz nahe gewesen zu sein. Danach gingen wir „Leute ärgern“: Alle die noch nicht so früh aus den Federn gekrochen waren und den Weg noch vor sich hatten, gaben lieber eine Kleinigkeit, als dass sie sich so lange beschimpfen ließen, bis ihnen letztendlich der Kragen platzen musste und böse Widerworte über ihre Lippen kamen. Die Störenfriede wurden dann doch lieber beschenkt. Bei dieser Gelegenheit kam ich sogar bis an d e i n e Wohnungstüre!

Wenige Augenblicke in meiner Kindheit, wo ich ein Kind Gottes war!

Du, Monika Braun, die du wohlbehütet bei deiner Mutter und Oma aufwuchst, hast anschei­nend nicht viel mitbekommen von dem, was sich manchmal in eurem Nest abgespielt hat. Mit den etwa 120 Heimkindern und den dazu gehörigen Erziehern, hatte euer Kaff ganze vierhun­dert Einwohner. Ich glaube deine Mutter arbeitete auch für das Heim, – in der Nähstube?

Der einzige Trecker im Dorf wurde dem Bauern weggenommen, weil er sich nicht der LPG[3] anschließen wollte. Man erzählte sich damals auch, dass er dann Selbstmord begangen hätte. Vielleicht aber ist er auch nur in den Westen abgehauen. Erinnerst du dich an den Fotografen, der einzige Fotograf weit und breit? Die Frau unseres damaligen Heimleiters gab mir ein Foto von mir, das er damals gemacht hatte. Diese Frau hatte doch tatsächlich noch ein kleines Notizbüchlein mit eingeklebten Bildern ehemaliger Heiminsassen vor der Stasi[4] gerettet. In diesem Notizbüchlein stand auch vermerkt, an welchem Tag und zu welcher Stunde Dieter Schulz für immer dem Heimleben Adieu gesagt hatte, es war die erste große Pause an einem Tag im August 1955.

Hast du mich eigentlich nicht manchmal des Abends am Fenster vermisst? Du hast ja auch jeden Abend vor dem Schlafengehen zu mir(?) heruntergeschaut. Ihr normalen Dorfkinder durftet ja keinen Kontakt mit uns pflegen. Mehr als ein süßes Lächeln habe ich von dir nie­mals bekommen. Wie habe ich dein Grübchenlächeln geliebt! Deine blonden Schiller­locken, deine Stimme. Auch das eine Mal, wo wir in der Naturbadeanstalt zusammentrafen, hättest du eigentlich mein Herz klopfen hören müssen, wären deine Freundinnen nur nicht so albern und laut gewesen. Ach, Monika inzwischen habe ich ähnlich verliebte Eskapaden meines Sohnes miterlebt. Hast du eigentlich Kinder?

Ich werde schwermütig, wenn ich daran denke, wir hätten welche zusammen haben können. Ich wäre in eurem Kuhkaff geblieben, hätte mir viele Unannehmlichkeiten im Leben ersparen können. Aber, wäre ich zu dem Zeitpunkt überhaupt noch dazu fähig gewesen mein Leben derart zu ändern? Bei der Eintönigkeit des Lebens dort? Habe ich nicht ein ganz anderes Wesen, ein ganz anderes Temperament durch meine frühen Kriegs- und Nachkriegserlebnisse eingebrockt bekommen als du?

Heim ja, aber nicht ins Heim!

Zwar hatten gewisse Leute vom Jugendamt und der Polizei geglaubt, dass ich in Dönschten weit genug aus der Welt wäre und mir das Weglaufen sehr schwer fallen würde. Aber mein Freiheitsdrang, meine Sehnsucht nach meiner Mutter waren schon immer stärker gewesen. Dabei hatte man es uns Heimkindern wirklich sehr schwer gemacht auszureißen. Ein paar Kilometer nur Richtung Osten stieß man an die Tschechische Grenze. Dort lagen immer diese Flugblätter in russischer Sprache herum, wo die Sowjetsoldaten zur Fahnenflucht aufge­fordert wurden. Man versprach ihnen, einen Neuanfang mit Viehzeug und Land zu ermög­lichen. Es war unter Strafe verboten, diese Blätter auch nur aufzuheben. Ich habe sie immer den anderen Jungs vorgelesen, bzw. übersetzt[5]. In diese Richtung war uns eine „natürliche“ Grenze gesetzt. Wer wollte schon in die Tschechei? Ich nicht und meine Mitläufer ebenso wenig. Wir wollten nicht des Ausreißens willens ausreißen. Wir hatten alle ein Ziel! Heim ja, aber nicht ins Heim! Ich, wir wussten, wohin wir wollten. Die Heimleitung auch! Uns blieb nur eine Richtung offen. Über Schmiedeberg-Dippoldiswalde-Dresden nach Leipzig. Dresden war immer das erste, erklärte Ziel. Von da aus, einmal in der Anonymität einer Groß­stadt untergetaucht, war es nur noch ein Kinderspiel an den Zielort zu gelangen. Aber erst mal raus aus Dönschten; na ja, die drei Kilometer durch den Wald, das ging noch. Jedoch dann durch Schmiedeberg, ohne als Heimkind erkannt zu werden. Da musste man sich schon was einfallen lassen. Weiter nach Dipps. Mit der Bimmelbahn etwa? Dann wäre man gleich zu Fuß schneller weggekommen. Der selten verkehrende Bus? Auch diese Fahrer waren ange­wiesen, die leicht an ihren „Uniformen“ zu erkennenden Heimkinder erst gar nicht mitzuneh­men oder sofort der Polizei zu melden. Viele waren danach so deprimiert gewesen, weil man sie schon wenige Stunden später wieder im Heim abgeliefert hatte, dass sie kaum noch einen erneuten Versuch wagten. Ein Mitfahrversuch im Bus war so gut wie immer zum Scheitern verurteilt. Blieb als einziger Weg wegzukommen nur die Straße, d.h. immer im Wald entlang, die Straße im Auge behal­tend. Einmal, im Herbst 1954, ist uns so die Flucht gelungen.

 zu viert kackfrech

Das nächste Mal, besser darauf vorbereitet, haben wir den Busfahrer ausgetrickst. Wir hatten uns komplette Fußballtrikots besorgt. So, als Fußballer verkleidet, die Botten an den Schnür­sen­keln zusammengebunden über der Schulter bestiegen wir zu viert kackfrech den Bus in Schmiedeberg und lösten bei dem misstrauischen Fahrer Fahrkarten bis Dippoldis­walde. Er nahm uns die Geschichte ab, dass wir in Schmiedeberg ein Fußballfreundschafts­spiel bestritten hätten, wir aber nicht alle im Mannschaftsbus Platz gefunden hätten und so mit dem Bus fahren müssten. Es war ein Sonntag. Keine Schule vermisste uns, bei der Heim­leitung hatten wir uns zum Fußballspielen abgemeldet. Die einzige ebene Fläche zum Spielen lag gute 800 Meter in der Höhe. Ziemlich weit vom Heim entfernt. So schnell wurden wir also nicht vermisst. D.h. wir hatten einen guten Vorsprung, waren schon in Dresden als unser Fehlen bemerkt wurde. Allerdings endete diese Flucht bereits in Riesa. Wir hatten uns an der Stadtperipherie von Dresden einen ziemlich schweren Elbkahn „ausgeliehen“, und waren damit auch recht gut stromabwärts gekommen. Nur, in der Nacht waren wir das Opfer der vorangegangenen Strapazen geworden. Keiner konnte mehr die Augen offen halten.

 Da hatte uns die Wasserschutzpolizei am Haken

Nach und nach schliefen wir alle vier ein. Der Strom, war mein letzter Gedanke, würde uns schon von alleine weitertragen. Es war ja die ganze Zeit sehr gut gegangen. Durch lautes Scheppern und Rumpeln wurden wir aus tiefem Schlaf gerissen. Wir waren am Ziel unserer Reise. Allerdings nicht dort wo wir eigentlich hin wollten. Uns hatte die Wasserschutzpolizei am Haken. Bis wir alle so recht begriffen, was der Krach zu bedeuten hatte, hatte man uns schon mit langen Staken, die Enterhaken glichen, längsseits gezogen. Auch in Riesa gab es ein Kinderheim, so brauchten wir die Nacht wenigstens nicht in einem Polizeikeller zu ver­bringen. Dieses Heim, eines von vielen, die ich in meiner Laufbahn kennen lernte, war ein schmuckes Häuschen. Die ganze Atmosphäre dort hatte mehr familiären Charakter. Wovon wir „schweren Jungs“ natür­lich ausgeschlossen wurden. In den paar Tagen, die wir dort bis zu unserem Rücktransport festgehalten wurden, wurden die anderen Kinder vor uns auf Distanz gehalten. Viele Jahre später, als Kellner, habe ich mich mit Kollegen rumgestritten, weil ich behauptete, dass in der Gegend dort auch Wein angebaut würde. Erst durch Fachbücher konnte ich ihnen beweisen, dass so hoch im Norden Deutschlands auch trinkbarer Wein wuchs. 1990 habe ich in Meißen in einer Burgschänke gesessen, an die vergangene Zeit zurückgedacht und den einheimischen Wein getrunken.

Neben der Erkenntnis, dass unsere Flucht bereits hier gescheitert, und dass hier Wein wuchs, nahm ich von dieser Reise noch mit, dass wir wieder einige Fehler gemacht hatten. Und das musste mir „altem“ Hasen passieren. Ich war schon ein toller Hecht, was? Lasse mich, vor der Polizei auf der Flucht, aus der Elbe fischen.

Tja, Monika, bald danach konnte ich wieder an meinem Fenster sitzen und dir schmachtende Blicke hoch werfen.

Im Januar 1955 dann, welch ein blödsinniges Unterfangen!, machten wir uns zu viert wieder davon.

PDF-Fassung 02 ach Monika

Fußnoten

 [1] Dönschten liegt etwa drei Kilometer südöstlich von Schmiedeberg im Osterzgebirge. Westlich des Ortes an der Bundesstraße 173 befinden sich die Rote Weißeritz, die in ihrem oberen Verlauf bei Dippoldiswalde zur Talsperre Malter aufgestaut wird und die Trasse der Weißeritztalbahn, die nach dem Jahrhunderthochwasser 2002 nur bis Dippoldiswalde wiederaufgebaut ist. 163 Einwohner, (23. Jan. 2009)

http://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%B6nschten abgerufen: Montag, 21. Februar 2011

[2] Dippoldiswalde

[3] Als Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, LPG, wurde der zu Anfang 1952 noch teilweise freiwillige und später durch die Zwangskollektivierung unfreiwillige Zusammenschluss von Bauern und Bäuerinnen und deren Produktionsmitteln sowie anderer Beschäftigten zur gemeinschaftlichen agrarischen Produktion in der DDR bezeichnet. https://de.wikipedia.org/wiki/Landwirtschaftliche_Produktionsgenossenschaft

[4] Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), auch Staatssicherheitsdienst, bekannter unter dem Kurzwort Stasi war in der DDR das innenpolitische Unterdrückungs– und Überwachungsinstrument der SED zum Zweck des eigenen Machterhalts. https://de.wikipedia.org/wiki/Ministerium_f%C3%BCr_Staatssicherheit

[5] Zum besseren Verständnis: Schulz hatte seine Kindheit im ab 1945 russisch besetzten Königsberg zugebracht und dabei gut Russisch gelernt, was ihm auch später von Nutzen war.

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1

Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder

Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

 

Kapitel 2: In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 

Wie geht es weiter?

Kapitel 3:

Weiter im Kreislauf: Heim,   versaut werden,   weglaufen,   Lage verschlimmern

 

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Ist 2 Jahre her, aber so schön gelogen, dass man’s noch einmal lesen sollte:

Posted in Ethik, Firmenethik, heimkinder, Kinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kindeswohl, Kirche, Uncategorized by dierkschaefer on 22. August 2016