Dierk Schaefers Blog

Gerechtigkeit

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Pädagogik, Politik by dierkschaefer on 3. Januar 2012

Mit ungutem Gefühl und äußerst unzufrieden lege ich das empfehlenswerte Buch aus der Hand. Ein angehender Richter schreibt über sein Jahr als Staatsanwalt. Das Titelbild zeigt die Papierlage.

Von Aktenbergen geradezu erdrückt sitzt ein Mensch am Schreibtisch. Da muß er durch, bevor er seine Robe anziehen kann. Aber hinter jeder Akte stehen Menschen, Täter und Opfer. Und dieser Staatsanwalt hat nicht nur die Papierlage vor Augen, sondern besonders die Opfer. Mensch und Greenhorn, der er noch ist, versetzt er sich in ihre Lage und will möglichst viel Gerechtigkeit.

Ob dies wohl auch das Motiv für die jungen Jura-Studentinnen im Kriminologie-Seminar war? „Staatsanwältin“ gaben viele als Berufsziel an. Dabei hatten sie doch in der Kriminologie-Vorlesung gehört, wie der Alltag aussieht. Ein großer Aktenberg, der „weg“ muß, – möglichst ohne aufwendiges Gerichtsverfahren. Am Filtermodell/ filtermodell wurde ihnen gezeigt, wie beschwerlich und frustrierend der Weg zur Gerechtigkeit ist bzw. zu dem, was Gesetz und Gesellschaft für Gerechtigkeit halten.

Da ist zunächst das große Dunkelfeld. Aber o.k., was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Das Dunkelfeld erscheint nicht im Aktenberg.

Ein Teil des Hellfeldes wird auch herausgefiltert.

Doch alle Straftaten, von der Polizei als „Hilfsorgan“ der Staatsanwaltschaft aktenkundig gemacht, müssen bearbeitet werden.

Entweder stellt der Staatsanwalt dann das Verfahren ein, mit oder ohne Auflagen für den Täter. Das ist die eleganteste Lösung, weil er dadurch am wenigsten Arbeit hat und zudem dem Staat ein Gerichtsverfahren erspart, vielleicht auch noch die teure Unterbringung im Knast.

Oder aber der Fall muß doch vor Gericht.

Aber dort gilt auch für den Staatsanwalt der alte Spruch: Vor Gericht und auf hoher See stehen wir alle in Gottes Hand.

 

Robert Pragst, der Autor, schreibt aus eigener Erfahrung von seinem Kampf um Recht und Gerechtigkeit und von den Mühen mit Aktenbergen, mit den Verteidigern der Angeklagten und mit dem Gericht. Das Buch liest sich flüssig, denn der Autor läßt uns teilhaben am Geschick der Opfer, denen eben häufig keine Gerechtigkeit widerfährt, denn ihr Leben wurde dauerhaft beschädigt, geradezu zerstört. Und dies nicht nur durch den Täter, sondern teils auch durch die Prozeßführung. Die junge Frau aus dem Vergewaltigungsprozeß wird sich mit Sicherheit nie wieder bei der Polizei beklagen. Von Rechtsfriede keine Spur, nur Verbitterung, und bei mir als Leser Unzufriedenheit, und zwar eine doppelte.

Die eine kommt aus meinem Gerechtigkeitsempfinden, das dem des jungen Staatsanwalts gleicht. Diese Ergebnisse beunruhigen. Selbst wer sich mit zunehmendem Alter einige Idealvorstellungen abgeschminkt hat fragt sich: soll das unser Recht, soll das unser Rechtsstaat sein? In den geschilderten Fällen wurde weder dem Täter noch dem Opfer Genüge getan. Dem Täter nicht, wenn er hohnlachend mit den Tricks seines Verteidigers davonkommt, und dem Opfer nicht, das hilflos und verbittert den Gerichtssaal verläßt.

Und der zweite Teil der Unzufriedenheit? Längst überwunden geglaubte Gefühle von – nein, nicht gerade von Lynchjustiz, aber doch von Straflust tauchen auf, Gedanken an die Wiederherstellung der Gerechtigkeit durch Bestrafung. Ich bin nicht nur familiär vorgeschädigt https://dierkschaefer.wordpress.com/2009/04/28/mordsache-unterberg/, sondern habe auch mit einer Reihe von verbitterten Opfern zu tun, denen man nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch das Recht erfolgreich streitig gemacht hat. Da ertappt man sich sehr leicht, plötzlich den Täter im Visier zu haben, die Kriminologie spricht von „Punitivität“, von der populären Forderung nach strengen Strafen. punitivität

 

Wo liegt das Problem? Der Staat hat aus gutem Grund das „Gewaltmonopol“. Er allein darf Gewalt anwenden, und zwar zum Schutz seiner Bürger – und seiner selbst. Dafür haben die Bürger – mehr oder weniger freiwillig – auf ihre Selbstverteidigung mit Waffen verzichtet. Den Schutz seiner Bürger kann der Staat im Einzelfall nicht garantieren. Doch dafür hat er das Strafrecht und in definierten Fällen die Strafpflicht nach begangener Tat. Soweit die Theorie. Die jedoch ist vom Opfer aus gesehen, theoretisch genug. Denn das Opfer findet vielfach nur Beachtung als Zeuge für die Tat, damit der Täter verurteilt werden kann. Urteile sind selten so hart, daß sie den Emotionen des Opfers entsprechen. Für die materielle Entschädigung ist das Opfer auf den Zivilprozeß verwiesen, was in den meisten Fällen wohl heißen dürfte: Vergiß es! Für das Ungenügen des Staates, den Schutz seiner Bürger auch in der Realität zu gewährleisten, gab es bis zum Opferschutzgesetz überhaupt keine staatliche Entschädigung – und seitdem eine nur geringe. Dies gilt für Fälle, in denen ein Täter aufgrund der Beweislage in vollem Umfang schuldig gesprochen wird. Und wenn die Beweise nicht reichen? Aus gutem Grund gelten die Unschuldsvermutung und das Recht, sich mit allen gesetzlich erlaubten Mitteln zu verteidigen, auch wenn es mithilfe eines äußerst versierten und trickreichen Anwalts geschieht. Auch für Verjährungsfristen gibt es generell gute Gründe, wenn es auch nicht gerade erhebend ist zu sehen, daß Schulden länger gerichtsfähig sind als Straftaten. Und gerade für Straftaten ohne Zeugen gilt: Je länger sie zurückliegen, desto schlechter wird die Beweislage. Bei Mord mag nach vielen Jahren noch die objektive Spur (z.B. die DNA) gegen den Täter zeugen, bei Mißbrauch und Vergewaltigung wäre das zumeist anders, besonders bei Straftaten gegen Kinder.

Was also tun, um der Gerechtigkeit näherzukommen?

Auf der einen Seite brauchen wir als Folge der Abtretung der staatsbürgerlichen Gewalt an den Staat ein deutliches Mehr an Hilfen für die Folgen von Straftaten, unabhängig von Person und Finanzkraft eines Straftäters. Dies würde auch bei den psychischen Folgen helfen können, denn das Opfer erfährt Solidarität.

Dann wissen wir inzwischen recht gut von viktimogenen Gruppen und von kriminogenen Situationen und Personen. Der Kontakt mit Schutzbefohlenen muß gegen alle ökonomischen Interessen von Heimbetreibern (Kinder-, Jugend- und Altenheime) regelmäßig und professionell überwacht werden. Das gilt übrigens für alle „Totalen Institutionen“, also auch für Kasernen und Gefängnisse.

Und weil die Biographie vieler Straftäter aussagekräftig für die Entwicklung zum Täter ist, brauchen wir ein deutliches Mehr an Prävention, – an Hilfen bei der Erziehung, an erprobten Maßnahmen bei Auffälligkeiten sowohl der Eltern, als auch der Kinder und Jugendlichen. Es gibt solche Möglichkeiten  (perry-ds-11), aber der Staat, das sind in diesem Falle die Sozial- und die Jugendämter sparen oder arbeiten wenig professionell, was beides zusammenhängt.

 

Dumm ist nur, daß man mit solchen Programmen keine Wählerstimmen gewinnt.

Die Unzufriedenheit muß bei uns selbst ansetzen.

Eine Antwort

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  1. Wenz Flash said, on 6. Januar 2012 at 14:38

    Der Kampf um Gerechtigkeit ist ein vergeblicher Kampf, denn der Begriff Gerechtigkeit ist göttlichen Ursprungs, ein Ideal, das nicht erreichbar ist, dennoch dem Menschen ein Handlungsmotiv sein muss. Genauso wie die 10 Gebote von Moses, denn würden sich alle danach halten, hätten wir das Paradies auf Erden.
    Auch hat unser Staat nicht das alleinige „Gewaltmonopol“. Laut unserem Grundgesetz haben auch die Religionen ein eigenes Rechtsstatut und damit eine eigene Doktrin zur „Gewaltanwendung“. Das klassische Beispiel: ein katholischer Pfarrer verstößt gegen das Zölibat und wenn er dauerhaft dagegen verstößt, wird er aus dem kirchlichen Amt ausgeschlossen und damit seines Berufes und seiner individuellen Berufung beraubt. Ob nun die Kirche physisch für die Entfernung sorgt oder der Mann selbst geht, ist unerheblich. Die kath. Kirche widersetzt sich der menschlichen Natur, zu der die Fortpflanzung nun einmal gehört, und hebt sich damit über die Natur, über das göttliche Gebot zur Fortpflanzung. Denn Gottes Gesetz ist das Gesetz von Leben und Tod. Gott braucht die Erneuerung. Die kath. Kirche widersetzt sich in ihren Führungsgremien dieser Notwendigkeit und bezieht sich nur auf die Leitfigur Jesus Christus, der nur ein Männerzirkel war.
    Fundamental für die menschliche Gemeinschaft ist die einfache Erkenntnis, die Hermann Hesse wie folgt formulierte: „Aus Beziehungen zwischen mir und der Welt, den ‚anderen‘, besteht ja einzig mein Leben“.
    Mit Tätern und Opfern wird unterschiedlich verfahren: die Täter erhalten neben der Bestrafung auch noch Resozialisierungsmaßnahmen „verordnet“, d.h. es wird weiterhin für eine Beziehungswelt gesorgt und das Opfer ist erstmal alleingelassen und muß selbst initiativ sein. Das erkennen viele Opfer nicht und sind durch ihr Leid zu sehr mit sich beschäftigt. Doch Opfer brauchen Mitstreiter und Helfer, die ihnen ihr Leid erträglich machen und ihr Leid heilen helfen. Denn wie sagt schon der Volksmund: Geteilte Freud ist zwar doppelte Freud, doch geteiltes Leid ist nur halbes Leid. Im Sinne des Hesse Zitates müßte auch dem Opfer eine Heilungsmaßnahme verordnet werden. Doch es wird bei der Freiwilligkeit bleiben und damit bleibt das Opfer im Hintertreffen. Mein persönliches Beispiel: als ehemaliges Heimkind leide ich unter Posttraumata. Ich mußte mir selbst meine Helfer suchen und fand diese jenseits der Schulmedizin. Dank meines guten Einkommens kann ich mir diese Maßnahmen auch selbst finanzieren. Die Helfer, hier spezielle Fachleute, denen ich mein Leid klagte, mußten natürlich selbst erstmal mit diesen meinen schrecklich geschilderten Erlebnissen klar kommen. Wie schafft das ein Fachmann/-frau? Sie brauchen selbst ihre Helfer, um ihre Belastungen loslassen zu können. Denn irgendwann ist auch der Fachmann, die Fachfrau überfordert, wenn sie sich tagtäglich nur „Schauergeschichten“ anhören müssen und keinen „Kanal“ haben, wo sie sich mitteilen können. Viele Fachleute schreiben daher auch gerne Bücher und schildern ihre Fälle in anonymisierter Form, weisen primär darauf hin, daß sie nun anderen Mitmenschen nur ihre Erfahrungen mitteilen wollen, damit diese sich besser helfen können. Fakt ist jedoch, daß Fachleute erstmal für sich schreiben und ihren therapeutischen Balast loswerden und toll ist es natürlich, wenn andere von ihren Erfahrungen profitieren.
    Aufgrund der nötigen Therapien für Opfer sind daher auch höchste menschliche Anforderungen an die Helfer gestellt und daher gibt es auch insgesamt wenige Fachleute. Es bleibt uns oft nichts anderes als uns selbst zu helfen. Dazu bieten inzwischen auch Selbsthilfegruppen einen guten Hilfsanker. Opfer sollten daher auch zumindest versuchen, mit ihren Problemstellungen an Selbsthilfegruppen zu kommen.
    Wenz, Heimkind der 1960er Jahren, Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Denn das Schicksal nimmt seinen Lauf und fordert seinen Tribut, von allen Seiten. Gerechtigkeit gibt es nur bei Gott.


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