Dierk Schaefers Blog

Die Betroffenen sitzen mal wieder am Katzentisch

Asymmetrische Machtverteilung in der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“.

Das Papier war aus dem Netz verschwunden, nun ist es wieder da – und hier auch.Stiftung-Anerkennung-und-Hilfe-Praesentation-BeB-2017

Wer aufmerksam liest, kennt das Spiel schon von Runden Tisch Heimkinder her.

Ein Blick auf die Folie 29 zeigt die Funktionsweise des Lenkungsausschusses, das ist der, der lenkt, bei ihm liegt die Macht. Die Liste der dafür ernannten Personen findet man auf den Folien 34 – 37.29.jpg

Wer ist Mitglied?

Je drei Vertreter der Institutionen, die zahlen sollen. Die wollen möglichst wenig zahlen, was in der Natur der Sache liegt.

Das sind

  • Bundesregierung,
  • Länder,
  • Kirchen.

Um es bildhaft zu machen:lenkungsausschuß

 

Dann gibt es den Fachbeirat. Er hat beratende Funktion. Wer gehört dazu?

Je drei Vertreter von

  • der Gruppe der Betroffenen,
  • der Gruppe der Betroffenenvertreter,
  • der Gruppe der Sachverständigen.

Das sieht dann so aus:fachbeirat

Der Fachbeirat entsendet Vertreter in den Lenkungsausschuß. Das werden maximal 3 sein, aus jeder Gruppe einer.

Für den Sachverständigen vom Dienst nehmen wir einmal an, dass er tatsächlich neutral ist, also für niemanden Partei ergreift, sondern seinen Sachverstand einbringt (unter welchen Gesichtspunkten?).

Ob die Betroffenenvertreter, sei es von der Aktion psychisch Kranke, der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen oder von der Bundesvereinigung Lebenshilfe wirklich die Betroffenen vertreten und nicht hauptsächlich ihren Verband, vermag ich nicht zu beurteilen. Nehmen wir also an, sie ergreifen Partei für die Betroffenen.

Dann hat die Betroffenenpartei zwei Sitze im Lenkungsausschuß. Ihnen sitzen neun Parteienvertreter gegenüber, die möglichst wenig Geld ausgeben wollen.

Ohnehin ist der Finanzrahmen vorab festgelegt worden. Das Dokument zeigt die Entwicklung der Kompromisse auf, die ohne die Betroffenen ausgehandelt wurden.[1]

Diese Asymmetrie setzt die Veranstalter ins Unrecht, selbst wenn halbwegs gute Entscheidungen für die einzelnen Betroffenen gefällt werden sollten. Doch um Verhandlungen auf Augenhöhe hatte man sich ja bereits schon am Runden Tisch gedrückt [2] und den Sachverständigen Prof. Dr. Manfred Kappeler[3] ausgeschlossen, der war zu kritisch.

Was im Lenkungsausschuß fehlt ist die parteiliche Rechtsvertretung der Betroffenen durch eine kompetente Anwaltskanzlei. Doch eine anwaltliche Vertretung der Betroffenen hatte ja schon Antje Vollmer gescheut wie der Teufel das Weihwasser.

Eine Beschwerdemöglichkeit haben die Betroffenen selbstverständlich auch nicht. Antragsteller sind sie, Almosenempfänger werden sie, soweit sie Glück haben.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/19/man-befurchtet-dass-sich-der-neue-fonds-als-fass-ohne-boden-entpuppen-wird/ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/03/behinderte-werden-als-menschen-zweiter-klasse-behandelt-der-bundesverband-evangelische-behindertenhilfe-beb-begruesst-das/

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/11/12/prof-dr-manfred-kappeler-vom-%e2%80%9ezwischenbericht%e2%80%9c-des-runden-tisches-heimerziehung-zum-entwurf-des-%e2%80%9eendberichts%e2%80%9c-%e2%80%93-zwischen-den-zeilen-gelesen-ii/

Sie haben einen guten Riecher, die Brüder von Korntal

Die Klärung der Missbrauchsvorwürfe in der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal ziehen sich hin. Dabei hätte es fast einen guten Weg gegeben. Der Rechtsanwalt Weber hatte die Untersuchung der Vorwürfe vornehmen sollen. Hatte? Hätte! Er war schon beauftragt mit der Untersuchung der einschlägigen Vorfälle bei den Regensburger Domspatzen. Das Vertrauen der ehemaligen Heimkinder hatte er. Dies Vertrauen war offenbar berechtigt, denn der Bericht, den er nun über Regensburg vorgelegt hat, ist beachtlich und zeugt von seiner Kompetenz im Umgang mit der Materie. »Der vom Bistum Regensburg beauftragte unabhängige Sonderermittler Ulrich Weber bezifferte die Zahl der von ihm ermittelten Opfer am Dienstag in Regensburg auf 547. Weber sagte vor Journalisten, er gehe weiter von einer Dunkelziffer in Höhe von etwa 700 Opfern aus. Der rund 450 Seiten starke Bericht wurde im Internet veröffentlicht[1]

Solche Aussichten waren der Brüdergemeinde offenbar zu gefährlich und sie kegelten ihn aus dem Verfahren.

Wie denn? Ganz einfach: »Die Mediatoren, die Brüdergemeinde und Opfervertreter bis zu einer Beauftragung begleiten sollten, stoppten das Verfahren vorerst. Als Grund wurde ein Medienbericht angegeben, demzufolge der Anwalt in eine Korruptionsaffäre verwickelt sein könnte.«[2] Ein Medienbericht – tolle Quelle! Weber könnte betroffen sein. Ein gefundenes Fressen. Ab mit ihm!

Weber selbst wies die Berichte zurück: „Es wird nicht gegen mich ermittelt“[3], er übt »scharfe Kritik an den Mediatoren. …[und] begründet seine Entscheidung mit inhaltlichen Differenzen mit der auftraggebenden Brüdergemeinde. Wohl war der Vertrag zwischen ihm und den Pietisten weitgehend ausgehandelt. Doch „eine explizit von mir geforderte Erklärung­, dass die Brüdergemeinde von einem Einflussrecht auf meine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess Abstand nimmt, ist bisher nicht erfolgt. Ein unabhängiges Arbeiten wäre unter diesen Umständen nicht möglich“, sagt Weber. Er greift in seiner Absage zudem die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz scharf an. „Die Einflussnahme der Mediatoren, speziell deren Kommunikationsverhalten in den letzten Tagen, zeugte von fehlendem Respekt, da Inhalte und Entwicklungen über meine Verpflichtung, ohne mich vorab zu informieren, in die Öffentlichkeit getragen wurden.“«[4]

Der Mann hätte gefährlich werden können. Und nun sieht mans ja an seiner Behandlung des Regensburger Falls. Diese schonungslose Offenheit auch im Korntaler Fall? Da sei Gott vor – oder die Brüdergemeinde, was in deren Augen wohl dasselbe ist. Sie haben halt einen guten Riecher für gottlose Schnüffelei in ihrer Vergangenheit, die doch sehr anrüchig zu sein scheint.

PS: Korntal wurde bereits 23 mal in diesem Blog behandelt. Der erste Eintrag datiert vom 2. Mai 2014. Gut Ding will Weile haben – und Gottes Mühlen mahlen langsam. Hoffentlich irren sich die frommen Brüder, denn das Sprichwort geht weiter: Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher.

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/547-domspatzen-opfer-von-uebergriffen-15111308.html Dienstag, 18. Juli 2017

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/15/korntal-und-die-vorverurteilung/

[3] http://www.swr.de/swraktuell/bw/missbrauchsfaelle-in-korntal-aufklaerung-verzoegert-sich-weiter/-/id=1622/did=18999174/nid=1622/1yhc7ht/

[4] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-bruedergemeinde-ulrich-weber-wirft-in-korntal-hin.d7619177-34c4-4648-a9bf-501d60334fc4.html

Betroffene, die sich freigeschwommen haben, reden Klartext, ohne Schaum vorm Mund.

Wenn Inklusion bloß Illusion wäre, …

… aber sie ist politischer Betrug. Hansgünter Jung berichtet heute vom Praxisschock[1]. Der war allerdings abzusehen und wurde vielfach vorausgesagt, nicht nur hier im Blog.[2]

Jung schreibt: »Die inklusive Schule war lange Zeit ein Selbstläufer. Ihre Prot­agonisten brauchten nur das Wort „UN-Behindertenrechtskonvention“ auszusprechen – und unbequeme Fragen zu Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit dieses bildungspoliti­schen Großprojekts wurden gar nicht erst gestellt. Gesinnungsethische Beflissen­heit ersetzte juristische Hermeneutik. Doch jetzt bahnt sich im öffentlichen Diskurs eine Wende an. Sie beruht auf ei­nem Praxis­schock, der gleich von zwei Sei­ten kommt. Die Eltern der behinderten Kinder erleben, wie eine Förderschule nach der anderen aufgelöst wird. Gleich­zeitig hat sich der Blick der Öffent­lichkeit dafür geschärft, wie schwierig Inklusion in den meisten Fällen ist: schließlich gilt es den Lernbehinderten, geistig Behinder­ten und Verhaltensauffälligen gerecht zu werden. Die Sensibilisierung hat etwas da­mit zu tun, dass die Lehrkräfte der Regel­schulen neuerdings vor eine weitere Auf­gabe gestellt sind. Sie müssen jetzt auch noch zahlreiche Flüchtlings- und Migran­tenkinder ohne Deutschkenntnisse unter­richten und erziehen. Jetzt hört man den überforderten Lehrkräften endlich zu, wenn sie fragen: „Was sollen wir eigent­lich noch alles leisten?“«

Mich wundert diese Entwicklung nicht, höre ich doch ähnliches aus dem Schulbereich von meinen Bekannten.

 

Fußnoten

[1] Hansgünter Lang, Inklusion vor der Wende, Lange Zeit waren die kritischen Stimmen zur Integration behinderter Schüler kaum zu hören, nun stellt sich der Praxisschock ein. Zitate aus diesem Artikel. FAZ-Print, Donnerstag, 18. Mai 2017. Wird wohl nicht digital erhältlich sein. Ich habe den Artikel gescannt und schicke ihn gern auf Mailanforderung zur privaten Verwendung.

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/04/03/die-illusion-der-inklusion/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/06/12/die-faz-geizt-mal-wieder-mit-ihren-print-artikeln-und-stellt-sie-nicht-ins-netz/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/07/kinderrechte-inklusion-macht-kinder-zu-verlierern/

Warum überlassen unsere Kirchen den Kinderschutz ausgerechnet den Gegnern von Religion?

»Zum fünften Jahrestag des „Kölner Urteils“ legen Dr. iur. Ralf Eschelbach (Richter am Bundesgerichtshof), Prof. Dr. med. Matthias Franz (Universitätsklinikum Düsseldorf) und Prof. Dr. iur. Jörg Scheinfeld (Universitäten Mainz und Wiesbaden) [auf Anfrage der Giordano-Bruno-Stiftung] ein gemeinsames Papier vor, in dem sie die zentralen Argumente der Beschneidungsdebatte zusammenfassen und die Parlamentarier nachdrücklich zum Handeln aufrufen. Ihr Text zeigt auf, dass die Politiker bei der Verabschiedung des Beschneidungsgesetzes von fehlerhaften Informationen ausgingen und dazu verleitet wurden, eine Einsicht zu ignorieren, die in einem modernen Rechtsstaat selbstverständlich sein sollte, nämlich dass der Intimbereich von Jungen ebenso unverfügbar sein muss wie der Intimbereich von Mädchen.«[1]

Die vorgelegte Expertise führt nicht nur die schon bekannten Einwände gegen die Beschneidung von Jungen auf, sondern resümiert auch neuere Erkenntnisse, die belegen, auf welch unsicherer Grundlage die Entscheidung unserer Volksvertreter vor fünf Jahren gefallen ist. Doch neben der sattsam bekannten Wirtschaftslobby übt auch eine nicht weniger unselige Religionslobby Einfluss auf die Abgeordneten aus, der auch in einer repräsentativen Demokratie aus rechtstaatlichen Gründen korrigiert werden muss. Die Kinder und ihr Schutz gehören ins Grundgesetz. Religionsvorbehalte müssen nachrangig bleiben.

Übrigens: Die meisten Leser dieses Blogs haben ihre persönliche Antwort auf meine Frage in der Überschrift. Kinderschutz spielte schon in den damaligen kirchlichen Einrichtungen keine Rolle. Demütigungen und Misshandlungen waren an der Tagesordnung. Die Phalanx von Staat und Kirchen sorgte unter der regulierenden Hand von Antje Vollmer am Runden Tisch dafür, dass es keine einklagbaren Entschädigungen für erlittene Kindesmisshandlungen geben sollte. Am Runden Tisch haben die Kirchen die Chance versäumt, Glaubhaftigkeit zurückzugewinnen.

Wen wundert es also, dass sie beim Thema Beschneidung nicht auf Seiten der Kinder stehen?

[1] https://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/eschelbach-franz-scheinfeld-beschneidung

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

 

 

Vierundzwanzigstes Kapitel

Von einer Knechtschaft zur nächsten.

Ich also schnurstracks zu dem nur wenige Kilometer entfernten Ort, wo meine Mutter wohnte, um mich als Bäckerlehrling zu bewerben. Meine Güte, roch das gut in der Back­stube, wo mich mein zukünftiger Lehrherr hinführte, um mir meinen eventuellen Arbeits­platz zu zeigen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht zwischen dem Schweinestall- und Kuh­stallgeruch, den ich bisher eingeatmet hatte. Hinzu kam noch, dass ich 80 Mark im Monat erhalten sollte. Hatte ich mich schon von der ersten zur zweiten Stelle um 100% verbessert, so sollte es nochmal um 100% getoppt werden. Eine Schlafkammer unter dem Dach-juchhe war ich ja schon längst gewohnt. Ich fand nichts dabei, auch hier wieder so unter­gebracht zu werden. Ich hatte zwar in der Bild-Zeitung gelesen „Lehrling gesucht – Einhei­rat geboten“, dass also Lehrlinge damals sehr gesuchte Menschen waren, hatte aber noch nicht den Weitblick. Deshalb griff ich mit beiden Händen bei diesem Angebot sofort zu. Ich konnte meine Mutter wieder entlasten und mir eine Perspektive schaffen. Mich störte es gar nicht, dass ich auf meinem Bett liegend durch die Ritzen der Dachpfannen das Profil der schon längst ausgefahrenen Fahrwerke der zur Landung ansetzenden Flugzeuge auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen genau erkennen konnte. Ich fand dies eher als span­nend. Die Geräusche? Na ja, daran gewöhnt man sich genauso wie an den Gestank eines Bauernhofes.

Morgens um halb sechs – kaum früher als beim Bauern – wurde ich höflich von einem der beiden Söhne meines Lehrherrn geweckt. Meist hatte ich dann noch ein paar Minuten Zeit bevor die ersten fertigen Brötchen aus dem Backofen gezogen wurden. Derweil wurde ich angewiesen, die im heißen Fett schwimmenden Krapfen, auch Berliner genannt, umzudre­hen, wenn dann von beiden Seiten fertig auf eine Kanüle zu stecken, einen Hebel herunter zu ziehen, womit die Berliner mit Marmelade gefüllt wurden. Die fertigen Brötchen wurden dann von einem der beiden noch schulpflichtigen Söhne und mir in diverse Tüten gefüllt. Darauf stand dann etwa Müller, Meier, Schmidt oder sonst ein Name. Diese Tüten wie­derum wurden schön der Reihe nach in einen weißen Leinenbeutel gelegt. Die beiden Lei­nen­beutel wurden mir rechts und links an den Fahrradlenker gehängt. Und los ging’s. Ich lernte zunächst die Strecke und die dazugehörigen Häuser und Namen kennen, an deren Türen wir dann in die dort hängenden Beutel jeweils die abonnierten Brötchen legten. Nach etwa einer Woche kannte ich alle Namen meiner Brötchentour auswendig, und die Söhne konnten eine Stunde länger schlafen. Ich dagegen wurde mit einer eigens für mich installierten Klingel zum Dienstantritt geweckt. Nach der privaten Brötchentour war Früh­stück angesagt. Gleich danach wurde mir ans Fahrrad ein geschlossener zweirädriger Anhänger angekuppelt. Mit dem vollgepackten Anhänger belieferte ich einige Tante-Emma-Läden mit frischen Brötchen. Zweites Frühstück! Derweil waren auch schon Brote gebacken. Mein Anhänger wurde wieder vollgepackt und ich brachte diese auch zu den Vertragshändlern. Und danach gab es schon wieder einen Anhänger voll Brote. Diesmal war jedes einzelne Brot mit Seidenpapier umhüllt, auf dem der jeweilige Name des Empfän­gers stand. In weitem Umkreis fuhr ich die Brote spazieren und lief Trepp auf Trepp ab, um den Privatkunden ihre Bestellungen direkt zu liefern. Manche davon bezahlten in bar, andere beglichen ihre Rechnung im Laden. Die Barzahler waren mir am liebsten. Fiel doch dabei in den meisten Fallen ein Trinkgeld für mich ab.

Natürlich wusste mein Meister nichts davon.

Diese Tätigkeit gefiel mir weitaus besser als die Schinderei beim Bauern. Zumal ich auch in der Regel schon gegen 16 Uhr mit meiner Arbeit fertig war und nicht erst bei Sonnen­unter­gang. Zu dem Trinkgeld hatte ich schnell heraus, wie ich mir noch einen zusätzlichen Nebenverdienst verschaffen konnte. Hin und wieder kam es vor, dass mich Leute im Haus ansprachen, wo ich gerade Brot auslieferte, ob ich nicht zufällig ein Brot zuviel dabei hätte. So könne man sich den weiten Weg zum Bäcker sparen. Schon bald hatte ich mir so einen persönlichen Kundenkreis erschlossen. Natürlich wusste mein Meister nichts davon. Zwei, drei Brote mehr in den Anhänger gepackt und mein Monatsverdienst verdoppelte sich schon. Nach der Haushalts-Brot-Tour war Mittagessen im Familienkreis angesagt. Blie­ben nur noch die inzwischen gebackenen Kuchen rechtzeitig zur Kaffeezeit zu den Kleinhändlern zu bringen, und dann war auch schon fast Feierabend. Gegen 14 Uhr hatten Meister, Geselle und die anderen Lehrlinge ihre Arbeit in der Backstube beendet. Na ja, die waren ja auch schon in der Nacht gegen 2 Uhr aufgestanden. Mir blieb es überlassen, die Kuchenbleche, diverse Maschinen, die es damals schon gab, und die Backstube selbst zu reinigen. Meist blieb mir noch Zeit, die vorgefertigte Rohmasse per Hand zu Streuseln zu verarbeiten. Als ich mal versuchte vor meinem Meister zu verbergen, dass ich an den süßen Sachen naschte, grinste dieser nur und meinte, dass ich mir nur keinen Zwang antun solle. Irgendwann hätte auch ich mich daran sattgefressen.

So weit, so gut. Als ich in der Berufsschule so von Gleichaltrigen erfuhr, was sie schon alles gelernt hatten, fragte ich mich, später auch meinen Meister, warum ich immer nur als Laufbursche arbeiten musste, anstatt in der Backstube etwas von der eigentlichen Materie zu lernen. Da wurde dieser ziemlich böse. Er meinte, dass sich vorläufig an meinem Status nichts ändern würde. Schließlich verdiene ich ja gutes Geld bei ihm und einen anderen hätte er nicht, der meine Arbeit verrichten könne. Jeder Hilfsschüler könne meine Arbeit über­nehmen, sagte ich ihm daraufhin. In der Folgezeit herrschte beim ersten und zweiten Früh­stück und am gemeinsamen Mittagstisch eisiges Schweigen. Ich fand diesen Zustand als unerträglich. Ich beschwerte mich in der Berufsschule und beim AA. Man riet mir zum Arbeitsgericht zu gehen. Da ich nun aber schon die Dreimonatsfrist überschritten hatte, wo man ein Lehrverhältnis ohne Angabe von Gründen auflösen konnte und ich mich eben an das Arbeitsgericht gewand hatte, zeigte mein „Lehrherr“ seine bösartige Seite.

Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register.

Ich bekam eine Einladung, mich an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Stunde bei der Kripo einzufinden. Dort wurde mir dann eröffnet, dass eine Anzeige wegen Diebstahls gegen mich vorliege. Mein Arbeitgeber hatte angegeben, dass ihm an dem und dem Tag Geld aus der Wech­selkasse im Laden abhanden gekommen sei. Im Laufe der Zeit, wo noch alles zwischen uns in Ord­nung war, hatte ich natürlich auf Nachfrage nach meinem Woher meine Vor-Lebensge­schichte erzählt. Na und? War es daher nicht naheliegend, dass ein Bengel, der Jahre in einem Heim für Schwererziehbare zugebracht hatte, auch einen Diebstahl beging? Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register. Die erste war zustande gekommen, als ich im Dunkeln mit dem Fahrrad fahrend von der Polizei angehalten wurde. Weil ich mit einer defekten Hand­bremse und fehlendem Rücklicht unterwegs war, bekam ich eine Stunde Verkehrsunterricht bei einem Richter, 10 Mark Geldstrafe UND einen Wochenendarrest aufgebrummt. Diesmal waren es schon vier Wochenendarreste. Bei meinem Verkehrsunterricht stand ich nicht alleine vor dem gestrengen Richter. Vier weitere arme Tröpfe standen neben mir. Zwei Mädchen und zwei Jungs. Bei den Mädchen hatte die eine ihre Freundin auf dem Gepäckträger mitfahren lassen. Und der eine Junge hatte seinen Freund auf der Fahrradstange mitgenommen. Wir alle erhielten die glei­che Strafe. Soll ich Ihnen mal was sagen? Bei dem heutigen Strafvollzug, hätte ich lieber vier Wochen an meine letzte zehnjährige Haftstrafe drangehängt, als auch nur einen Wochenendarrest abzubüßen, wie es damals praktiziert wurde.

18 Monate Haft

Etwa 16 Jahre später verschaffte ich mir Genugtuung für diese zu unrecht erhaltenen vier Wochen­endarreste. Mit meiner Freundin über das Frühlingsfestgelände in Hannover schlendernd erkannten mich am Lüttje Lage[1] Stand die beiden Söhne meines ehemaligen Bäckermeisters wieder. Ich wurde eingeladen einen mitzutrinken. Bei der einen Runde blieb es dann auch nicht. Mit steigen­dem Alkoholspiegel wurden die beiden immer redseliger bei der Aufarbeitung unserer gemein­samen Zeit. So wurde ich dann auch noch ausgelacht dafür, dass ich im Knast gelandet war. Schließ­lich hatte ihr Vater den Falschen verdächtigt, die 20 Mark aus der Wechselkasse gestohlen zu haben. Weil ihr Vater immer so geizig gewesen sei beim Taschengeld, sie aber doch schon sehr früh hätten mitarbeiten müssen, hätten sie sich dafür aus der Wechselkasse bedient und just zu eben diesem jährlich stattfindenden Frühlingsfest getragen. Die beiden besoffenen Typen merkten gar nicht, was sie damit anstellten. Mir blieb die Luft weg vor lauter Empörung darüber, wie lässig die beiden über die Sache sprachen. Vor Wut kochend krallten sich meine Hände in ihre pracht­vollen Haarschöpfe und knallten deren Köpfe mit ziemlicher Wucht zusammen. Dafür handelte ich mir einen weiteren Eintrag in das Bundeszentralregister nebst 18 Monaten Haft ein.

Keiner kann mir nachsagen, ich wäre nicht gewillt gewesen, mich an das kapitalistische System anzupassen. Ich hatte für wenig Geld bei Wind und Wetter beim Bauern geschuftet, ebenso hatte ich mich mit Fahrrad nebst Anhänger bei jedem Wetter über Kopfsteinpflaster und unbefestigte Rad- und Feldwege gequält, um meinem Meister sein Vermögen zu vermehren. Und? Was war der Dank? So langsam wurde ich erwachsen, begann darüber nachzudenken, wie ungerecht auf der Welt die Macht und das Geld verteilt waren. Natürlich bildete ich mich vorwiegend durch die BILD…..!

Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding.

Ich war gehalten, mich wieder so schnell als möglich um einen neuen Broterwerb zu kümmern. Mit 15 war ich manns genug, mich selbst zu versorgen. Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding. Sie hatte lange genug dafür gesorgt, dass ich meine Windeln vollscheißen konnte und uns Kinder durch die Kriegszeit geschleppt, uns die schwere Zeit danach auch irgendwie am Kacken gehalten. Jetzt wollte ich ihr zeigen, dass sie mir wenigstens ihren Fleiß vererbt hatte.

Bei meinen Stadtausflügen war mir mal ein Schild in der Brüderstraße aufgefallen. Darauf stand, dass die NVG (Niedersächsische Verfrachtungsgesellschaft) Schiffsjungen suchte. Schiffsjungen? Hatte ich nicht mal darüber gelesen, dass die Besatzung eines Schiffes immer auch an Bord schlief? Nach vier Tagen, ich hatte in Parks geschlafen, fiel mir dieses Schild wieder ein. Eine halbe Stunde später, nachdem ich mich dort vorgestellt hatte, hatte ich auch schon wieder einen Lehrvertrag unterschrieben. Der Schiffskapitän war froh, seine Reise mit einer vorgeschriebenen Mannschafts­stärke fortsetzen zu können. Im Bugraum, gleich neben dem Ankerkasten, gab es eine kleine Kajüte, die ich mir mit dem Matrosen teilen musste.

Auch mein neuer Job auf dem Schleppkahn war mit Knochenarbeit und wenig Schlaf verbunden. Es gab weder Samstag noch Sonntag. Wenn des Nachts zufällig ein Kran frei und unser Schiff gerade dran war, dann mussten wir eben auch des Nachts ran. Zumindest wurden die Über­stun­den ganz gut bezahlt. Einschließlich Nacht- und Sonntagszuschläge. Während der Kapitän am Heck des Schiffes eine fast schon als luxuriös zu bezeichnende Wohnung und seine mitreisende Frau besaß, mussten wir uns da vorne im Schiff selbst versorgen. Ob nun auf dem Mittellandkanal, wo meine Reise begann, Rhein und Weser oder Elbe, überall wurden wir von schwimmenden Kauf­manns­läden versorgt. Unsere Hauptmahlzeiten bestanden in der Regel aus Bratkartoffeln mit Speck und Eiern, Erbsen- oder Linsensuppen aus der Dose oder auch einfach nur aus Puddingsuppen aus der Tüte.

Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen.

Der Matrose, eigentlich auch nur Lehrling im dritten Jahr, zeigte mir wo es lang geht. Als ich ein­mal in einer Schleuse das Drahttau nicht ordnungsgemäß nachführte, welches oben an einem Poller befestigt war und unten am Kahn ebenfalls um einen Poller lief, hatte ich noch nicht das richtige Gefühl entwickelt. Und so riss das Tau mit einem Knall, und der Kahn kam ganz schön ins schaukeln. Mit viel Glück entging ich meiner Enthauptung durch das durch die Luft schwirrende Metalltau. Beinahe hätte ich mir in die Hose gemacht. Als Lehrling darf man doch schon mal einen Fehler machen, oder? Pustekuchen! Mit Gebrüll kam der Möchtegern-Matrose vom hinteren Ende des Kahnes, wo er die gleiche Funktion wie ich vorne verübte, die ganzen 60 Meter angeschossen und knallte mir eine, dass mir Hören und Sehen verging. Etwa eine Stunde später legte der Schlepp­verband von insgesamt fünf Kähnen zur Nachtruhe an einer der dafür vorgesehenen Uferböschung an. Mit immer noch brummendem Schädel von dem hefti­gen Schlag meines Vorgesetzten stieg ich die steile, schmale Treppe zu unserer Unterkunft hinab. Nach Ansicht des älteren nicht flott genug. Er hatte es etwas eiliger als ich. Er trat mir ein­fach auf den ohnehin immer noch schmerzenden Kopf. Das trug natürlich nicht gerade dazu bei, mir Sympathien für ihn aufkommen zu lassen. Zumal er mich schon einige Male, wenn er mich mal bei einem Landgang mitgenommen hatte, um mich mit den jeweiligen Lokalitäten der Stadt bekannt zu machen, mich regelmäßig die Zeche zahlen zu lassen. Dabei verdiente er schon weitaus mehr als ich im ersten Lehrjahr. Er machte sich bei mir auch nicht gerade beliebter, indem er sich gerne an meinen Vorräten vergriff. Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen. In Duisburg/Ruhrort schlug er dem Fass den Boden aus. Schmiss er mich doch mitten in der Nacht aus unserer gemeinsamen Kajüte raus, weil er mit einer aufgegabelten Tussi alleine sein wollte. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass er bedeutend besser ernährt war. Kurz, – er war ein Kerl wie ein Baum.

Platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein.

Seine Größe nutzte ihm allerdings nicht viel. In der kalten Novembernacht in Duisburg draußen auf dem Vordeck hatte ich Rache geschworen. Bei den BASF-Werken bei Leverkusen hatte unser Kahn irgend so eine Chemikalie gelöscht. Der ganze Kahn war von dem Feinstaub grau überzogen. Unsere Aufgabe war es nun, das ganze Schiff mit einem Wasserschlauch abzuspritzen. Ich auf der einen Seite, er auf der anderen. Ich schwöre, es geschah völlig unabsichtlich, dass mein Vormann dabei einen Wasserstrahl von mir abbekam. Doch dieser cholerische Typ sah darin einen gewoll­ten Angriff meinerseits. Mit einem mir bestens bekannten Wutgebrüll rannte er auf der 40 Zentime­ter breiten Gangway um den Kahn auf mich zu. Was das bedeutete konnte ich mir denken. Rund um das Schiff waren an den Seiten in regelmäßigen Abständen lange Staken angebracht. Diese dienten dazu, den Kahn von einer Kaimauer abzuschieben oder aber, wenn man sich zu früh von dem Motorschlepper abgeseilt hatte und der Schwung nicht mehr ausreichte dort anzukommen, wo es vorgesehen war, dann half man eben mit kräftigem Schieben mit den etwa vier Meter langen Staken nach. Man konnte sich auch näher an einen Ort heranziehen. Am Ende befanden sich näm­lich eiserne Haken und Spitzen. So eine Stange nahm ich nun zur Hand, weil ich einfach keine Lust darauf hatte, mir eine erneute Kopfdröhnung von dem Kerl verpassen zu lassen. In seiner Rage merkte der Typ viel zu spät, was ich da in der Hand hatte. Jedenfalls war es nicht mehr der Wasser­schlauch. Auf der eisernen Gangway mit nassen Gummistiefeln zu bremsen war einfach unmög­lich. Er rannte direkt in meine „Hellebarde!“ Und, platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein. Allerdings war das Rheinwasser kein Wein. Vielmehr um diese Jahreszeit auch noch ziemlich kalt. Sein Overall, darüber eine Kunstfell gefütterte warme Jacke und die Gummistiefel erleichter­ten nicht gerade seine Schwimmbemühungen. Noch bevor er ins Wasser klatschte, hatte ich auch schon mein Gehirn wieder eingeschaltet. Ich rannte nach Achtern, löste das Beiboot und wriggte (wriggen bedeutet mit nur einem Ruder das Boot vorwärts zu bewegen) hinter meinen Arbeits­kolle­gen hinterher. Hinterher deshalb, weil die Strömung ihn abtrieb. Beinahe wäre auch ich noch in den Rhein gestürzt. Bei dem Versuch den mit Wasser vollgesogenen Kerl aus dem Rhein ins Boot zu ziehen, drohte das leichte Boot zu kentern. Endlich wieder an Bord hatte er ganz was anderes zu tun als mich zu verprügeln. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die ihre Lippen so schön blau geschminkt hätte, wie die von meinem Matrosen.

 

Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

 

Während dieses Vorfalls war unser Schipper natürlich nicht anwesend. Er war gerade in der Hafen­meisterei, um irgendwelche Frachtpapiere zu erledigen. Dennoch hatte er unterwegs schon von dem Vorfall gehört. Irgendwelche Gaffer hatten ihm schon alles brühwarm erzählt. Da ich als fast blutiger Anfänger leichter zu ersetzen war als ein schon fast vollwertiger Matrose, hatte natür­lich ich die Schuld und die Konsequenzen zu ziehen. War ja klar, dass zwischen uns keine Liebe mehr ent­stehen würde. Meine Fahrkarte nach Hannover musste ich natürlich von meinem Ersparten selbst kaufen. Das Büro in Hannover, wo ich meine Papiere und meinen Restlohn abholen sollte, hatte längst die Polizei eingeschaltet. Anstelle von Lohn und Papiere bekam ich 21 Monate Jugendknast aufgebrummt. Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

Im Knast durfte ich dann in meiner Zelle Bindfäden in Preisschilder von C & A für 50 Pfennige am Tag einfädeln. In dem Alter hatte mich die Nikotinsucht noch nicht gepackt und an Bohnenkaffee hatte ich mich auch noch nicht gewöhnt. So hatte ich mir dann am Ende meiner Haftzeit 87 Mark zusammengespart. Eine Bücherei wie im heutigen Knastalltag gab es damals noch nicht. Es war gar nicht daran zu denken, in die Bibliothek zu gehen und sich Bücher auszusuchen. Man bekam einmal in der Woche Bücher vor die Türe gelegt. So round about 800 Seiten. Egal, ich verschlang alles was kam.

Meine Mutter hatte inzwischen Willy geheiratet, war in eine etwas größere Gartenlaube gezogen, wo die beiden fleißig daran bastelten, daraus ein Wohnhaus zu machen. Eine kleine Kammer, wo ich schlafen konnte, hatte meine Mutter für mich nach meiner Entlassung parat. Die brauchte ich aber nicht sehr lange. Ich bemühte mich schnell wieder um Arbeit. Und die bekam ich von einem ganz lieben Angestellten vom Arbeitsamt. Ich lernte nunmehr einen Beruf, der direkt auf mich zuge­schnitten schien. Zunächst ging es ja immer noch darum das ich bei meiner Arbeitsstelle eine Unter­kunft bekam. Was lag diesmal näher als mich als Kellnerlehrling zu bewerben? Da ich zu damaligen Begriffen nicht gerade den Eindruck eines Bauernlümmels machte wurde ich auch ange­nommen.

In dem heute immer noch erzkonservativen Hotel[2] lernte ich alles von der Pieke auf, was einen guten Kellner ausmacht. Filieren, Tranchieren übers Flambieren am Tisch, bis hin vieles über Wein­kunde. Uns wurde untersagt, vor dem Gast zu lächeln, weil der (Neureiche-)Gast sich ausgelacht fühlen könnte. Anstatt in schweren Klamotten und nach Stall riechenden Gummistiefeln herum zu laufen, trug ich eine vom Hotel gestellte Livree. Ich lernte Umgangsformen der gehobenen Gesell­schaft und auch sehr viel Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Showbusiness kennen. Weil ich aber mitten im Lehrjahr eingestiegen war, hätte ich eigentlich dreieinhalb Jahre lernen müssen. Mein zuständiger Lehrlingsausbilder aber meinte, dass ich schon nach zweieinhalb Jahren das Zeug dazu hätte, die Prüfung zu bestehen. Er meldete mich demnach auch zur Prüfung an. Und ich ent­täuschte ihn nicht. Mit einer Durchschnittsnote von 2,2 bestand ich meine Prüfung so, wie schon früher mein Versetzungszeugnis in die 8. Klasse in der Heimschule in Dönschten aussah. Abgeschlossen habe ich meine Lehre in Hamburg, da unser Betrieb trotz aller Konservativität schon ganz modern eingestellt war. Jeder Kochlehrling musste einige Monate im Service arbeiten, dafür ging jeder Kellnerlehrling die gleiche Zeit in die Küche, um dem Gast besser erklären zu können, wie z.B. eine bestimmte Soße zubereitet sei. Hinzu kam dann als krönender Abschluss, dass das Hotel in Hannover für drei Monate Lehrlinge mit einem ebenso renommierten Hotel in Hamburg austauschte.

Dort lernte mich auch mein zukünftiger Chef kennen. Vom Fleck weg engagierte mich der Besitzer des Landungsbrücken Cafes nach Beendigung meiner Lehre. Als Gast in dem Hause, wo ich arbei­tete, hatte er mich bei der Betreuung meiner Gäste beobachtet und Gefallen an mir gefunden. Er besorgte mir eine Wohnung. Besser gesagt war es eine Art WG. Ein schwuler ehemaliger Ballett­meister vermietete einzelne Zimmer an ausschließlich junge Burschen. In den beiden Zimmern stan­den jeweils zwei doppelstöckige Betten. Von der Sternschanzenstraße bis zu den Landungs­brücken konnte ich den Weg zu meiner Arbeit bequem zu Fuß gehen. Doch als mir die Annä­he­rungs­versuche meines Vermieters zu bunt wurden, suchte ich mir eine andere Bleibe. Die bekam ich dann auch von einem unserer Stammgäste in Groß Flottbeck angeboten. Zwar hatte ich dadurch einen weiteren Weg, war aber in der möblierten Kellerwohnung endlich mal nicht nur not­dürftig untergebracht. Hatte ich mich nun schon seit drei Jahren vorbildlich in der Gesellschaft integriert, ohne besondere Vorkommnisse, und konnte meiner Mutter beim Ausbau ihrer Garten­laube zum Wohnhaus auch noch finanziell unter die Arme greifen, machte die Musterung alle meine Zukunftspläne zunichte.

„Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“

Nach den üblichen Körperchecks stand ich vor der eigentlichen Prüfungskommission. Alle ausschließlich altgediente Berufsoffiziere. Der Obermacker in der Mitte sitzend schob sich ein Monokel vors Auge. „Hm, äh, Tauglichkeitsgrad 1!“ In meiner Akte blätternd weiter: „Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“ Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass ich am gleichen Tag Geburtstag hatte wie der letzte Deutsche Kaiser. Seine Vorliebe für die Marine sollte mich demnach dazu verpflichten, dort meine 18 Monate abzudienen? Konnte ja wohl eh nichts daran ändern. Also verschlug es mich auf die Insel Sylt. Kaum war die Grundausbildung been­det, ich auch schon zum Gefreiten befördert, las ich am Schwarzen Brett, dass man Freiwillige, allerdings mit der nötigen Qualifikation für die Fallschirmjäger in Fürstenfeldbruck suche. Ich ließ mich erneut checken. Und siehe da, man fand mich für geeignet. Der Sold war etwas höher. Hinzu kam noch eine kleine Gefahrenzulage für jeden Absprung. Der Haken an der Sache war aller­dings, dass ich mich, wollte ich zu dieser Eliteeinheit, für 4 Jahre verpflichten musste. Und ich lebensunerfahrener Bursche von gerade mal 19 Jahren unterschrieb. Nachdenklich über das, was ich mir hiermit eingebrockt hatte, wurde ich erst, als ich im Urlaub ehe­malige Arbeitskollegen traf, die es irgendwie geschafft hatten, sich vor der Wehrpflicht zu drücken. Im Tanzcafe bestellten die großkotzig Roten Krimsekt, während ich unter dem Tisch meine paar Kröten zählte, ob es wohl noch für eine Cola reichen würde. Ich begann zu begreifen, was ich mir da selbst eingebrockt hatte. Aussteigen aus dem Vertrag war nicht drin. Es gab eigentlich nur eine Möglichkeit: Untauglich fürs Fallschirmspringen zu werden. So nahm ich mir dann fest vor, bei einem meiner nächsten Absprünge ein Bein zu brechen. Vom Wollen bis zur Ausführung, da liegen Welten dazwischen. Zwar hatte ich mir schon beim Schifahren mal ein Bein gebrochen, hatte es zunächst gar nicht so recht registriert. Bis ich aufstehen wollte und der Schmerz bis ins Gehirn hochschoss.

„Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“

Bevor es überhaupt zum ersten Absprung kam hatte man alles gelernt, was zu vermeiden war, so dass man es im Schlaf hersagen konnte. Vor dem ersten Absprung träumte ich sogar die Hand­griffe und Handlungen, die mich sicher wieder auf den Boden brachten. Inzwischen hatte ich schon über 30 Absprünge ohne jedwede Komplikation absolviert. Immer wenn ich es mir bewusst vor­nahm, heute passierts, nahm doch die bereits vorhandene Routine Besitz von meinen Bewegungen. Schließlich war ich dann doch zu feige, meine Gedanken in die Tat umzusetzen. Irgendwie aber hatte sich der Gedanke an sich irgendwo im Hinterstübchen festgesetzt. Ich hatte den Gedanken schon längst ad acta gelegt, als es dann doch wie von selbst passierte. Während der ganzen Zeit der Luftfahrt hatte ich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet. Doch als ich mich wie gewohnt nach vorne werfen wollte, um mit meinen Unterarmen die Seile runterdrücken wollte, um das Aufblähen des Fallschirms zu verhindern, wehte an diesem Tag auch noch ein Lüftchen von etwa 3; ich konnte mich nicht wie gewohnt mit den Füßen abstoßen. Dafür verspürte ich den gleichen Schmerz unter der Schädeldecke wie schon bei meinem Schiunfall.

Die im weiten Umkreis verteilten fernglasbewaffneten Beobachter hatten sofort erkannt, was mit mir los war. In einer Staubwolke eingehüllt kam ein Jeep neben mir zum Stehen. „Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“ kommentierte der Offizier, der kurz meine Beine abgetastet hatte. Ein Bein alleine hätte ja auch schon gereicht. Aber nein, Schulz musste sich gleich beide Beine brechen.

Meinen Wehrpass mit dem neuen Vermerk, dass ich nur noch zur Ersatzreserve 2 gehörte, bekam ich dann noch am Krankenbett ausgehändigt. Nicht alleine dass ich mit dem doppelten Beinbruch untauglich geworden war, im Notfall mein Vater(?)land zu verteidigen, sondern die im Kranken­haus durchgeführte Röntgenuntersuchung meiner Lunge. Was wusste ich schon davon, was die drei Buchstaben TBC zu bedeuten hatten? Bisher unentdeckt hatte ich mit die „Motten“ mit herumge­schleppt, die inzwischen schon drei Kavernen in meine Lunge gefressen hatten.

Von wegen nach einer paar Wochen wieder ins Berufsleben einsteigen.

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis
Fußnoten

[1] Eine Lüttje Lage ist ein im Raum Hannover verbreitetes Mischgetränk aus dem speziellen obergärigen Lüttje-Lagen-Schankbier und Kornbrand. Eng verbunden mit der Lüttje Lage ist eine spezielle traditionelle Trinkweise. https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCttje_Lage

[2] Nach mündlicher Mitteilung von Dieter Schulz handelte es sich um das beste Hotel Hannovers: Kastens Hotel in der Luisenstraße https://www.kastens-luisenhof.de/

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Dies hier war bestimmt nicht die Vorstellung von meiner ersehnten Freiheit.

Ich glaubte ebenfalls an eine bessere Zukunft, als die mir von meinem Vater zugedachte, biss also in den sauren Apfel, setzte mich am folgenden Montag in aller Herrgottsfrühe zu meinem Vater aufs Motorrad und fuhr mit ihm zum Arbeitsamt nach Stade. Damals war so ein Arbeitsamt noch ganz anders strukturiert. Wir gingen einen langen Gang entlang (daran jedenfalls hat sich nichts geändert) und hielten vor einer Türe neben der ein Schild angebracht war, worauf stand, dass sich hier Bewerber für die Land und Forstwirtschaft melden könnten.

Dem zuständigen Sachbearbeiter konnte ich ansehen, dass er ein wenig irritiert war, als mein Vater ihm vortrug, dass er für seinen Sohn eine Stelle als Knecht bei einem Bauern suche. Mit Kennerblick hatte der Vermittler sofort erkannt, dass dieses Vorhaben meines Vaters seinen Sohn loszuwerden auf Probleme stoßen könnte. Sodann erklärte dieser mei­nem Vater die Tarifsituation für diese Branche.

Laut Tarif konnte er vom Bauern neben freier Kost und Logis DM 40 für mich verlangen. Vorsichtshalber, wahrscheinlich wissend, dass nicht gerade viele Bauern erpicht darauf waren so einen kleinen Wicht wie mich in ihre Dienste zu nehmen, gab er meinem Vater gleich vier Adressen von Landwirten, die Bedarf an einem Landwirtschaftsgehilfen ange­meldet hatten. Mit seinem Weitblick hatte der AA Angestellte genau richtig gelegen. Kaum hatte mein Vater bei dem jeweiligen Bauern gesagt, woher und warum wir bei ihm vor­spra­chen, zeigten die auf einmal, nach einem einzigen Kennerblick auf meine mickrige Person, gar kein Interesse mehr daran, jemanden einstellen zu wollen. Irgendwie kam meinem Vater die Erleuchtung, woran es wohl liegen mochte, dass plötzlich kein Interesse mehr vorlag, einen neuen Knecht einzustellen.

Wie Sauerbier angeboten

Bei der vierten und letzten Adresse mussten wir laut Auskunft der Bäuerin noch kilometer­weit aufs Feld fahren, um dem Herrn des Hofes selbst die Entscheidung zu überlassen. Es hatte dann gleich mehrere Gründe, warum ausgerechnet die letzte Adresse ein Volltreffer für meinen Vater wurde. Zum einen bot er mich wie Sauerbier an. Mein Vater meinte nämlich, dass für mich 20 Mark im Monat neben der freien Kost und Logis im ersten Jahr ausreichen würden. Das war für den Bauern natürlich ein gutes Argument. Zum anderen, wie ich sehr schnell selbst erfahren sollte, war er als Leuteschinder verrufen. So etwas sprach sich bei den stellen­wech­seln­den Knechten in weitem Umkreis schnell herum. Und da gerade die zweite Heuernte sowie die Kartoffellese im vollen Gange waren, ließ dieser sich breitschlagen, mich in seine Dienste zu nehmen.

Bildete ich mir das bloß ein oder hörte ich tatsächlich einen Riesenbrocken von Stein von meinem Vater abfallen? Schon am Sonntag schien mein Vater sich sicher zu sein, mich bei einem Bauern abschieben zu können. Dem einzigen Dorfkrämerladen, wo man außer Lebens­mittel auch über eine Nähnadel bis hin zum Anzug alles erstehen konnte, kaufte er mir für meinen Start ins Berufsleben drei buntkarierte Hemden, wie sie derzeit in Mode waren. Vor allem bei den Knechten. Des Weiteren eine braune Cordhose nebst einer Schlosserjacke und ein paar Gummistiefel. Die Gummistiefel waren unerlässlich. Musste man doch Kuh und Schweineställe ausmisten. Für meine Freizeit bekam ich noch eine blaue Manchesterjacke und eine blaue Stoffhose. Die Stoffhose war derart gestaltet, dass man unten am Bund ein Band hatte, womit man diese fahrradgerecht zusammenziehen konnte. Aber auch als chicke Ausgehhose war sie geeignet. Mit zwei Druckknöpfen konnte man sehr schnell eine Umschlaghose daraus gestalten. Socken und Unterwäsche bekam ich aus seinen Beständen. Für alles zusammen zahlte er genau 126 Mark.

„Du kannst mir ja die Ausgaben nach und nach zurück­zahlen!“

Als er mich am Dienstag bei dem Bauern ablieferte und sich von mir verabschiedete, mir den Asbach-Uralt-Koffer mit den neuen Sachen in die Hand drückte, meinte er: „So jetzt wirst du dein eige­nes Geld verdienen. Kannst mir ja die Ausgaben vom Sonntag nach und nach zurück­zahlen!“ Nachdem er Abseits noch eine Weile geredet hatte, verabschiedete er sich mit den Worten: „Du wirst nun jeden zweiten Sonntag deinen freien Tag haben. Du kannst dann gerne zu uns nach Ahlerstedt kommen, weil ich dann ja auch zu Hause sein werde!“ Ich bekam eine Dachkammer zugewiesen, in der sich neben meinem Bett noch so einiges altes Pferdegeschirr und anderer Plunder befand. Toll! Das Plumpsklo, mit ausge­sägtem Herzchen versteht sich, befand sich ca. 30 Meter vom Haus entfernt. Tagsüber fand ich vor lauter Eingespanntsein im Arbeitsprozess kaum Zeit, mein großes Geschäft zu erledigen. Hörte oder sah man mich nicht bei der Arbeit, einschließlich des Vaters und der Mutter des Bauern, die sich allerdings schon auf dem Altenteil befanden, rief man auch schon laut nach mir. Deshalb überkam es mich fast immer des Nachts, dass sich mein Darm zu ent­leeren wünschte. Nach ein paar Tagen schon bekam ich am Frühstückstisch zu hören, wohin es mich denn des nachts immer treiben würde. Regelmäßig verrieten mich die knarrenden Holztreppen, wenn ich mich auf den langen Weg machte. Das Bauernpaar fühlte sich in der Nachtruhe gestört. Schließlich musste ich an ihrem Schlafzimmer vorbei. Auch dort knarrten die Holzdielen. Also was tun um die Herrschaften nicht im Schlaf zu stören? Ich nahm mir alte Zeitungen mit aufs „Zimmer“ und schmiss eben meine Scheiße im hohen Bogen aus dem Fenster. Aber auch darüber regten sie sich fürchterlich auf. Hin und wieder ging der Alt­bauer mit seinem Rechen durch den Vorgarten und fand den „Salat“, den ich nicht weit genug bis aufs nächste Feld geworfen hatte. Dass ich schon in jungen Jahren Hämor­rho­iden am Arsch hatte, liegt wohl daran das ich mir dort monatelang mit der Drucker­schwärze mit Bleigehalt den Hintern abwischen musste. Denn als Toilettenpapier hing im besagten „Häuschen“ immer nur zerschnittenes Zeitungspapier.

Mein Tag sah in der Folgezeit so aus: Bei Sonnenaufgang mit dem Fahrrad manchmal kilo­meterweit auf die Weide fahren. Rechts und links am Lenker eine 20 Liter Milchkanne. Auf dem Rückweg waren sie natürlich voll. Während der Bauer gleich mit dem Melken begann, reinigte ich zuerst den Wassertrog, um dann mit der Handpumpe wieder Wasser aufzufüllen. Danach schaffte ich noch ein bis zwei Kühe zu melken. Erst nach dieser Tätig­keit gab es das erste Frühstück. Schweine füttern war angesagt, bevor wir zur Heuernte rausfuhren.

Mir tun noch heutzutage sämtliche Knochen weh, wenn ich nur daran denke was für Arbei­ten damals noch angesagt waren. Es gab ja bei weitem noch nicht die Maschinen, die heute einem Landwirt zur Verfügung stehen. Was ein Bauer damals mit mehreren Knechten und Mägden schaffte, macht er heute Dank seines Maschinenparks spielend alleine. Ja, natürlich mussten die Kühe auch am Sonntag gemolken werden. Morgens und abends. Und wenn das Wetter danach war, fuhr man anschließend noch ins Heu oder rutschte auf den Knien auf dem Kartoffelacker entlang, um die Knollen in einen Drahtkorb zu sam­meln. Mein eigentlich freier Sonntag, alle 14 Tage wie vom Vater ausgehandelt, bestand darin, dass ich natürlich erst noch die Kühe mit melken musste, danach Schweine­ställe ausmisten. Und da gerade die Äpfel reif waren, musste ich schnell noch das Fallobst im riesigen Garten aufsammeln und natürlich den kopfsteingepflasterten Hof mit einem selbst­gebauten Reisigbesen blitzblank fegen. Dann durfte ich endlich das betriebseigene Fahr­rad (Vorkriegsmodel) dazu benutzen, um die 12 Kilometer zu meinem Vater zurücklegen zu können.

Mein fürsorglicher Vater: „Du willst doch nicht etwa deinen Bauern die Kühe am Abend alleine melken lassen!?“

Das Gute an dem sonntäglichem Mittagessen bei der neuen Familie meines Vaters war, dass es immer Fleisch gab. Das Beste allerdings, die vorher nie gekannte Götterspeise mit Vanillesoße. Vollgepropft mit den leckeren Sachen meiner Stiefmutter saßen wir dann noch etwa bis zu zwei Stunden draußen im Garten. Dann gab es noch Kuchen und Kakao. Und schon hieß es von Vaters Seite: „So mein Junge, du machst dich jetzt besser auf den Weg. Du willst doch nicht etwa deinen Bauern die Kühe am Abend alleine melken lassen!?“ Mein Vater machte nicht den Eindruck, als würde er Widerspruch dulden. Und der Bauer? Der nahm es ohne ein Dankeswort als selbstverständlich hin, dass ich auch meinem freien Sonntag zum Melken antanzte.

Ein einziges persönliches Vergnügen gönnte ich mir während der drei Monate, wo ich in sei­nen Diensten stand. Abgesehen davon, dass ich mir jeden Tag für 10 Pfennige eine Fünfer­packung Storck Riesen gönnte, durfte ich mir aus dem überall auf dem Hofgelände verstreute alte Fahrradteile zusammensuchen. Mit Traktoröl und Benzin entfernte ich den Vorkriegsrost, kaufte mir von dem Taschengeld (den vollen Lohn bekam ich nie) eine Lampe und Farbe fürs Fahrrad. An einem Sonntag fuhr ich in das drei Kilometer entfernte Kutenholz. Ein etwas größeres Dorf, wo in einer Scheune Filme vorgeführt wurden. Ich wusste das Kinder bis 14 nur den halben Preis zahlten. Also machte ich einen auf jung. Ich zog meine kurze Hose an, mit der ich aus dem Osten getürmt war. Dazu ein Nickihemd und Söckchen. Keiner zweifelte an, dass ich noch unter 14 sei. Ich bekam anstandslos eine Eintrittskarte für 50 Pfennig und wurde auch damit eingelassen. Von der eingesparten ande­ren Hälfte leistete ich mir für 40 Pfennig noch ein Domino-Eis. Mein erster Film im Westen. Welcher Film war eigentlich ganz egal. Nur werde ich dieses Ereignis natürlich nie vergessen. Ebenso wenig den Titel. „Mädchenjahre einer jungen Königin“ mit Romy Schneider.[1]

Kaum ein Muskel, den ich nicht schmerzhaft verspürte, wenn ich mich abends, kurz nach Sonnenuntergang, ins Bett legte. Oft genug verfluchte ich den Tag, an dem es mir nun doch gelungen war in den „Goldenen Westen“ zu gelangen. Dies hier war bestimmt nicht die Vorstellung von meiner ersehnten Freiheit. Schon Ende Oktober brannte bei mir eine Sicherung durch. Bei allen guten Vorsätzen, dem Vater ein guter, gehorsamer Sohn zu sein, den er lieben konnte, konnte ich es nicht mehr aushalten. Nicht die schwere Arbeit an sich und die langen Arbeitszeiten waren es. Vielmehr die Ungerechtigkeit, die mir zuteil wurde.

Da hatte ich auch schon mein Arbeits­verhältnis auf diesem Hof gekündigt.

In der Scheune wurde eine Leihdreschmaschine aufgebaut. Angetrieben wurde das Ungetüm mit einem meterlangen Keilriemen, der wiederum vom hofeigenen Trecker mit einem Schwungrad angetrieben wurde. Die im Sommer mühsam aufgeschichteten Korn­bündel wurden nun auf die Maschine geworfen. Der kräftig gebaute Bauer stand auf der Dreschmaschine, zerschnitt mit einem Ratsch den Bindfaden, und lockerte das Bündel selbst etwas auf, damit alles schön gleichmäßig in die Walze gleiten konnte. Eine ver­gleichs­weise Kinderarbeit im Gegensatz zu dem, was er an diesem besagten Tag von mir verlangte. Er selbst stand oben auf dem Garbenstapel, warf die Bündel zu seinem Vater herunter, der diesmal das Einführen der Garben in die Maschine übernommen hatte. Ich dagegen sollte die fast zwei Zentner schweren, mit Korn gefüllten Säcke zu einem Anhän­ger schleppen. Ich, der ich selbst mal kaum einen Zentner wog. Es kam wie es kommen musste. Kaum hatte ich, meinen guten Willen zeigend, den ersten Sack geschultert, da torkelte ich auch schon mit dem Sack los. Ich kam gerade mal drei bis vier Schritte weit, da stürzte ich auch schon lang hin. Der Sack war noch nicht einmal zugebunden. So ergoss sich das Korn auf den betonierten Scheunenboden. Während ich mich aufzu­rappeln versuchte, hörte ich hinter mir den Altbauern wütend brüllen und dann schlug auch schon neben meinen Ohren die zweizinkige Forke auf dem Beton auf, die er nach mir geworfen hatte. Einer der dabei aufstiebenden Funken traf auch noch meine Wange. In diesem Augenblick hatte ich auch schon mein Arbeitsverhältnis auf diesem Hof gekündigt. Vorerst allerdings nur für mich im Stillen. Konnte ich doch nicht so ohne weiteres abhauen. Ich hatte bisher keinerlei Papiere und auch nur noch 1 Mark 40 in der Tasche. Ich wartete den kommenden Sonntag ab. Schon am Samstag versteckte ich meinen Pappkoffer einem Gebüsch an der Gartengrenze. Nach meinen üblichen Sonntagsarbeiten bat ich den Bau­ern um 5 Mark von meinem Lohn. Meiner Rechnung nach hatte ich noch ein Gut­ha­ben von 38 Mark bei ihm. Er gab mir vier Mark. Mehr hatte er nicht im Portemonnaie. Mit der Frage, was ich bloß immer mit meinem Geld machen würde, trennte er sich von den paar Kröten. Nachdem er durch mein Verschwinden eine ansonsten willige Arbeitskraft verloren hatte, behauptete er meinem Vater gegenüber, ich hätte ihm vom Küchenschrank 40 Mark geklaut. Und das hat mein Vater bis zu seinem Tode auch geglaubt.

… und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter

Ich glaube dagegen, dass der Bauer niemals auch nur annähernd soviel Geld im Hause hatte. Selbst der rollende Kaufmann, der über die Dörfer fuhr bekam nie bares. Ich konnte beobachten, dass er einmal im Monat diesem einen Scheck gab. Als ich von dieser infa­men Lüge erfuhr, hätte ich ihm am liebsten seinen Hof abgefackelt. Doch dann habe ich mir überlegt, dass er dabei höchstens noch seinen Reibach machen würde durch die Ver­sicherungssumme. So befestigte ich dann am Sonntag mit geklautem Bindfaden mei­nen Pappkoffer auf dem Gepäckträger meines selbst zusammengebasteltes uralt-Fahrrads und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter nach Hannover. Dorthin hatte es sie ver­schla­gen, nachdem der Platz bei ihrer Schwester noch weniger wurde. Denn diese erwartete mit ihren 49 Jahren noch einmal ein Baby.

In etwa kannte ich die Richtung, wo es nach Hannover ging. Dabei musste ich auch noch quer durch das Dorf, in dem mein Vater wohnte. Weder jemand aus der Sippe meiner Tante, noch derer, die jetzt zu meinem Vater gehörten, trieben sich an diesem Sonntag auf der Straße herum. So konnte ich meine Fahrt unerkannt und ohne irgendwelche erfunde­nen Ausreden fortsetzen.

Bisher kannte ich Hannover nur insofern, dass wir bei unserer Einreise in die BRD in Han­no­ver umsteigen mussten. In Hamburg mussten wir wieder umsteigen. Ganz schön über­müdet standen wir dann knapp 24 Stunden, nachdem wir unsere Wohnung in Leipzig ver­lassen hatten, in der Stadt, wo die Hunde mit dem Schwänze bellen sollten[2] wieder auf einem Bahnsteig und warteten auf den Schienenbus, der uns nach Harsefeld bringen sollte. Mutter und Willy kannten ja diese Reiseroute bereits von den vorherigen Fahrten. Mir kam sie endlos vor. Nach Harsefeld ging es ja noch auf Schienen vorwärts. Dann aber hatten wir noch einige Kilometer Fußmarsch vor uns. Wie schon erwähnt erreichte am Samstag gegen 14 Uhr der letzte Bus das Kuhkaff Ahlerstedt. Kurz vor dem Mittagessen überraschten wir dann meine Tante mit unserem Erscheinen. Die Wegstrecke nach Hannover, die ich mit meinem Fahrradesel bewäl­ti­gen wollte, kannte ich nur ungefähr. Ich hatte mir die größeren Ortschaf­ten gemerkt nach denen ich mich richten wollte. Zeven, Rotenburg/­Wümme, Visselhövede……. [3] ahlerstedt-hannoverWas wusste ich schon davon, dass es da eine Bundes­straße 3 gab, nach der ich mich hätte richten können.

Als wollte der liebe Gott mich zur Besinnung rufen, mir einen Fingerzeig geben, dass ich wieder umkehren sollte, ließ er zunächst alle paar Kilometer meine Fahrradkette abspringen. Und, die Abstände, wo sich dieses Malheur wiederholte, wurden immer kürzer. Heute, mit 86 wüsste ich, wie ich dieses Problem hätte beheben können. Theoretisch zumindest. Damals jedoch plagte ich mich alle paar hundert Meter damit herum, die Kette wieder auf den Zahnkranz zu bekommen.

Dann dauerte es aber doch noch vier Monate, bis ich endlich Hannover erreichte.

Ich hatte keine genaue Vorstellung davon wieviele Kilometer Hannover von Klein Aspe ent­fernt war. Später, diese Strecke mit dem Auto abgefahren, waren knapp 200 Kilometer auf meinem Tacho. In meinem 14jährigen Dummkopf zu damaliger Zeit hatte ich geglaubt, mit einer Übernachtung in irgendeiner Scheune auszukommen. Dann dauerte es aber doch noch vier Monate, bis ich endlich Hannover erreichte. Schuld daran war mein ver­ma­le­deites Fahrrad. Irgendwo zwischen Visselhövede und Walsrode ging gar nichts mehr. Meine heimlich eingepackten zwei Schnitten Brot und die paar Äpfel hatte ich längst ver­zehrt. Abgesehen von dem aufkommenden Hunger begann sich der Oktoberabend anzu­zeigen. So kam es mir sehr zupass, dass mir im nächsten Dorf ein Schild ins Auge fiel, worauf zu lesen war, dass hier eine Dorfschmiede war und auch Trecker sowie Fahrrad­handel betrieben wurde. Der Händlername deckte sich mit dem Namen am Türschild im Nebenhaus. So suchte ich dort um Hilfe nach. Obwohl Sonntagabend hörte sich der Mann, der die Türe öffnete, mein Begehren an. Nachdem er sich angehört hatte, was meine Reise behinderte, bat er mich in die Wohnung. Dort musste ich dann schon etwas weiter ausholen. Der versammelten Familie das Wie und Warum erklären.

Um es abzukürzen: eine knappe halbe Stunde später hatte ich schon wieder einen neuen Job. Der Dorfschmied hatte seinen Jüngsten schräg gegenüber zu einem Bauern geschickt. Mit dem Bauern im Schlepptau kam er wieder zurück. Ein paar Minuten später war ich bei dem als Knecht eingestellt. Da ich schon etwas bei seinem Vorgänger von der Landwirt­schaft gelernt hatte, ich also kein blutiger Anfänger mehr war, ich mich außerdem um ein Jahr älter gemacht hatte (Papiere hatte ich ohnehin keine) wurde ich mit einem Monats­verdienst von 40 Mark plus freie Kost und Logis eingestellt.

Ich bekam auch hier wieder eine Dachkammer zugewiesen. Allerdings etwas freundlicher eingerichtet als die vorige, mit Toilette im Haus. Auch brauchte ich mich hier nicht mehr mit demnachkriegsgeld Schlauch zu duschen, wo eigentlich täglich die Milchkannen ausgesetzt wurden. Ist der Name: Auf der Heide, eigentlich adelig? Während ich mich gar nicht mehr an den Ortsnamen erinnern kann, wo ich die folgenden vier Monate mein Leben mit Schwerst­ar­beit fristete, ist mir dieser Name meines Brötchengebers im Gedächtnis haften geblieben. Ohne darum nachfragen zu müssen, bekam ich hier an dem Tag, wo ich einen Monat bei ihm war, meinen vereinbarten Lohn ausge­zahlt. Ein Faible von ihm war mir jedes Mal 20 Zweimarkscheine[4] auf den Tisch zu zählen.

Der Schwerpunkt meines ersten Bauern sein Geld zu verdienen, war die Milchwirtschaft und der Kartoffelanbau, während auf der Heide intensive Schweinezucht betrieben wurde und man dazu noch im Winter mit Rückepferden[5] in den Wald fuhr. Dazu aber nahm er nur seinen ältesten Sohn mit, während der 19jährige mit mir den Hof schmeißen musste. Wer jetzt glaubt, im Winter gäbe es in der Landwirtschaft nichts zu tun, der irrt gewaltig! Im Gegensatz zu heute, wo es für alle Viecher Fertigfutter gibt, wurde damals noch alles per Handarbeit zubereitet. Während der Weidezeit versorgten sich ja die Kühe selbst. Aber im Winter mussten sie gefüttert und ausgemistet werden. Die riesige Schweinezucht brachte viel Knochenarbeit mit sich. Dafür aber konnte ich auf diesem Hof jede Woche einmal richtig baden. Dazu brauchte ich nur den großen Kessel gründlich zu reinigen, in dem ich sonst immer das Schweinefutter kochte, mit einem Schlauch Wasser hineinlaufen lassen, und den Ofen anzuheizen, und schon konnte ich ein warmes Vollbad nehmen. So komfor­tabel hatte ich vorher noch nie gebadet. In Ostpreußen, gab es im Sommer immer genü­gend Bäche oder kleine Flüsschen zum Baden. Im Winter trieb unsere Mutter uns in den Schnee hinaus, worin wir uns ausgiebig wälzten. Danach rubbelte sie uns mit einem sau­beren Kartoffelsack wieder warm. Vor allem waren wir danach auch immer rot wie ein gekochter Krebs.

Im Januar 1956 bekam ich zum ersten Mal einen Fernseher zu Gesicht. Hatte sich die Familie selbst zum Weihnachtsgeschenk gemacht. Da ich immer ins Wohnzimmer gebeten wurde, wenn Lohntag, war sah ich eben diesen Fernseher.

An den Wochenenden wurde nur das Allernötigste getan. So hatte ich dann auch noch Kraft, mir ein paar Groschen als Kegeljunge dazu zu verdienen. Außerdem bekam ich vom Bauern noch jedes Mal eine Mark, wenn ich ihm eine tote Ratte brachte, die ich selbst getö­tet hatte. Die meisten tummelten sich am frühen Morgen im Schweinestall. Wenn ich auf Zack war, traf ich eine mit meiner Mistforke.

Während dieser vier Monate nahm mich der jüngere Sohn auf seinem Motorrad mit ins nächste größere Dorf zu einem Tanzvergnügen. Als ich mal alleine dorthin wollte, landete ich mit meinem Fahrrad auf der stockdunklen Straße im Straßengraben. Der Graben war ebenso wie die Straße mit Schnee bedeckt, so dass ich den Weg gar nicht so recht erken­nen konnte. Unter der Schneedecke allerdings war der Graben mit Wasser gefüllt. Das ich mir daraufhin eine Weiterfahrt zum Tanzvergnügen verkniff, kann wohl jeder nachvollzie­hen?

Die Kaltherzigkeit des Bauern machte mir zu schaffen.

Warum ich diesen relativ guten Arbeitsplatz auch schon wieder nach vier Monaten verließ? Nicht weil der Winter 55/56 besonders kalt und die Arbeit zu hart für meinen kleinen Kör­per war, war ausschlaggebend. Genau an meinem Geburtstag, bekam unsere Hofhündin Junge. Ich hatte das Geschöpf schon immer während der kalten Tage bemitleidet. War sie doch bei jedem Wetter draußen an ihre Hundehütte gekettet und brachte dort auch ihre Jungen zur Welt. Die Kaltherzigkeit des Bauern machte mir zu schaffen. Er befahl mir die Welpen zu erschlagen und im Misthaufen zu verbuddeln. Meine Einwände wurden nicht zur Kenntnis genommen. Schweren Herzens kam ich dem Befehl nach. Es brach mir das Herz, als ich mitansehen musste, wie die Hündin ihre Jungen suchte und sie dann schließ­lich auch erschnüffelte und wieder ausbuddelte. Damit konnte ich nur noch knapp einen Monat mit leben. In etwa vier Kilometer Entfernung gab es einen Bahnhof. Und siehe da, kurz vor Mitternacht hielt dort ein Zug. Dorthin schleppte ich dann auch in einer kalten Febru­arnacht meinen Koffer. Auf dem Weg dahin begegnete mir zu allem Übel auch noch der jüngste Sohn des Bauern. Doch zu meiner Überraschung verstand er meine Beweg­gründe und auch meine Sehnsucht nach meiner Mutter. Er half mir sogar noch beim Kof­fer­tragen und wünschte mir alles Gute am Bahnhof.

Auf technischem Gebiet eine Niete.

Meine Mutter hatte am Stadtrand von Hannover ebenfalls Arbeit bei einem Bauern gefun­den. Eigentlich gab es zu der Zeit genügend Arbeit. Aber der Wohnungs­mangel …! Dieser Wohnungsmangel brachte es auch mit sich, dass ich beim Arbeitsamt nach einer Stelle nachsuchte, wo ich gleichzeitig eine Unterkunft hätte. Nachdem der Angestellte mich ein­gehend gemustert hatte, war er auch der Meinung, dass ich für eine Beschäftigung bei einem Bauern nicht die richtigen Vorraussetzungen mitbrachte. Just an dem Tag fand im AA Hannover ein Test statt, um herauszufinden, wofür sich ein Schulabgänger besonders eignete. In diesem Test brachte man mich kurzerhand unter. Dabei stellte sich heraus, dass ich auf technischem Gebiet eine Niete war. Woher auch sollte ich davon Ahnung haben? Ich hatte ja nie einen Vater gehabt, der mir gezeigt hatte, welches Werkzeug man für die eine oder die andere Sache benötigte. Ich kannte bisher gerade mal eine Kneifzange, einen Hammer und einen Schraubendreher. Na ja, mit einer Säge und einem Beil konnte ich so leidlich umgehen. Mussten wir uns doch unser Feuerholz immer selbst besorgen. Nach Auswertung aller Testergebnisse, war man der Meinung, dass ich mich eher in kaufmännischer Richtung bewähren könnte. Aber welcher Lebensmittelhändler, Schuh­verkäufer bot schon eine Lehrstelle mit Unter­kunftsmöglichkeit an? Oh, da hätte man ja was, fand ein Sachbearbeiter in einer Kartei­karte. Ein Bäcker in Langenhagen suchte einen Bäcker und Konditorlehrling. Mit meiner Mutter Fahrrad machte ich mich sofort auf den Weg. Der Arbeitgeber meiner Mutter duldete es, dass sie mich für eine begrenzte Zeit in ihrem Zimmer aufnahm. Hatte er doch schon erlaubt, dass mein zukünftiger Stiefvater mit ihr das Zimmer teilte. Dazu muss man wissen, dass zu damaliger Zeit ganz andere Moral­gesetze herrschten. Der Bauer hätte leicht wegen des Kuppeleiparagraphen[6] vor Gericht gezerrt werden können, weil er einem unverheirateten Paar erlaubte, im selben Zimmer zu übernachten. Da meine Mutter aber eine gute Köchin war, die das Personal und die Fami­lie bestens zufrieden stellte und sich auch nicht scheute im Schweinestall auszuhelfen, drückte er beide Augen zu. Dass der Sohn dann auch noch eine Matratze benötigte, um im gleichen Zimmer schlafen zu können, hatten wir nur der human denkenden Bäuerin zu verdanken.

Fußnoten

[1] Das dürfte dieser Film gewesen sein: https://www.zweitausendeins.de/filmlexikon/?sucheNach=titel&wert=8977

[2] Buxtehude

[3] https://www.google.de/maps/dir/Ahlerstedt/Visselh%C3%B6vede/Hannover/@52.8842458,8.447339,8z/data=!3m1!4b1!4m20!4m19!1m5!1m1!1s0x47b1725839c2e6e9:0x6ac446883918da94!2m2!1d9.4504501!2d53.4031726!1m5!1m1!1s0x47b054c72650d97d:0x29f633eeee16153d!2m2!1d9.5841633!2d52.9868295!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!3e1

[4] https://www.google.de/search?q=Zweimarkscheine&start=10&client=firefox-b&sa=N&tbm=isch&imgil=GMoPpQgZ2D3GSM%253A%253BtFCL56G3QHjfeM%253Bhttp%25253A%25252F%25252Fwww.gettyimages.de%25252Fdetail%25252Fnachrichtenfoto%25252Fbanknoten-die-es-nach-der-w%25252525C3%25252525A4hrungsreform-am-20-juni-nachrichtenfoto%25252F543815833&source=iu&pf=m&fir=GMoPpQgZ2D3GSM%253A%252CtFCL56G3QHjfeM%252C_&usg=__9lapMnw0_NcfwebmJBkxgI4udpU%3D&biw=1152&bih=540&ved=0ahUKEwjo-ouw4tHTAhXDcRQKHcslB6Y4ChDKNwg1&ei=ccYIWaj-JMPjUcvLnLAK#imgrc=GMoPpQgZ2D3GSM:

[5] Als Rückepferd bezeichnet man ein im Wald zum Holzrücken, also zum Verbringen von gefällten und entasteten Baumstämmen zum nächsten Waldweg bzw. Polterplatz, dem sogenannten Vorliefern, eingesetztes Pferd. https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCckepferd

[6] Bedeutung hatte der Kuppelei-Paragraph in Deutschland bis 1973. https://de.wikipedia.org/wiki/Kuppelei

_Inhaltsverzeichnis

Die Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe gegen die Evangelische Brüdergemeinde Korntal

Das klingt ja überraschend gut: Ein neuer Anlauf zur Klärung der Korntaler Missbrauchsvorwürfe.[1] Endlich fragt auch mal jemand, „ob es eine spezifische religiöse Dimension der strafenden Pädagogik gibt.“

Die Akteure wirken glaubwürdig und alle Betroffenen wären gut beraten, sich von der Glaubwürdigkeit im direkten Kontakt zu überzeugen, gemeinsam ihre Forderungen und Sichtweisen einzubringen und nicht durch kontraproduktive Pressearbeit voreilig Druck aufzubauen.

Natürlich könnte es einen Punkt geben, an dem sie den Eindruck bekommen, dass nicht mehr rücksichtslos-neutral gearbeitet wird. Auf mich machen die drei im Artikel vorgestellten Akteure den Eindruck, dass sie furchtlos ermitteln werden.

Doch es scheint sich ein Drama zu wiederholen. Die ehemaligen Heimkinder im Hintergrund vom Prozess des Runden Tisches – damit meine ich nicht deren Vertreter – hatten sich darauf versteift, einen Rechtsanwalt gestellt zu bekommen, der zwar große finanzielle Hoffnungen weckte, aber seine Zulassung verloren hatte. Das war ein Eigentor, denn damit hatten sie ihren Vertretern am Runden Tisch die Möglichkeit genommen, energisch von der „Moderatorin“ Vollmer Waffengleichheit einzufordern, nämlich die Finanzierung einer Rechtsberatung durch eine renommierte Anwalts­kanzlei. Die Zerstrittenheit der ehemaligen Heimkinder im Hintergrund des Runden Tisches Heimerziehung spielte denen in die Hände, die keinerlei Interesse an einer nennenswerten Entschädigung hatten; das waren die Interessenvertreter von Staat und Kirche. Die Machtasymmetrie am Runden Tisch blieb unangesprochen und unangefochten und ein echter Rechtsfriede wurde bis heute nicht erreicht.

Und nun wieder ein gleiches Szenario in Korntal. Die Einen lassen sich auf den Prozess ein und die Anderen mauern. Ein jämmerliches Bild. Aber ein déjà-vue.

Man lese und beherzige: „Der Runde Tisch Heimkinder und der Erfolg der Politikerin Dr. Antje Vollmer“.[2]

[1] https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/318/wer-traut-hier-wem-4347.html

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

 

Nachtrag

Die Aufklärer scheinen wirklich gute Arbeit zu leisten. Korntal 29.05.2017 Aufklärer sehen System der Gewalt

Frechheit siegt. Wäre in diesem Fall zu wünschen, wenn es überhaupt Frechheit ist.

Schon erstaunlich, der Griff ins Polemikfach, zu dem sich der Autor Christian Geyer verstie­gen hat. „Kinder haben im Grundgesetz nichts zu suchen“, meint er und spricht von „Frechheit“[1]. Ich will ihm darin nicht folgen, auch wenn ich es höchst befremdlich finde, wie er die Realität ausblendet, die sich nicht die sich nicht puristisch an der Rechtsdogmatik misst. Selbstverständlich haben zunächst die Eltern „das natürliche Recht und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ auf Pflege und Erziehung – und ich will hier nicht den Rückgriff der Eltern des Grundgesetzes auf das Naturrecht problematisieren. Aber wir erfahren doch fast täglich, dass es Eltern gibt, die dieses Recht und seine Verpflichtung nicht verstehen, es gar missbrauchen zu Vielerlei oder es missachten – bis hin zum Totschlag. Und selbst unterhalb dieser Schwelle gibt es laut Marie von Ebner-Eschenbach „leider nicht viele Eltern, deren Umgang für die Kinder ein Segen ist.“ Immerhin reicht das Elternrecht nach parlamenta­rischem Beschluss bis zur einschneidenden Körperverletzung durch Beschneidung. Da hilft nicht einmal das Wächteramt des Staates.

Wie wichtig der Grundrechtsschutz von Kindern ist, erleben Scheidungskinder besonders häufig. Familienrichter haben keine Ausbildung in Entwicklungspsychologie, manche halten, wie der frühere Präsident des Familiengerichtstages Siegfried Willutzki immer wieder betonte, Fortbildung für einen Eingriff in ihre richterliche Freiheit. Und dank der Unbeirrbarkeit von Bundesländern, in Kindesangelegenheiten zu sparen, sind ja nur Kinder, verzichtet man auf die professionelle Befähigung von Verfahrenspflegern, auch Anwalt des Kindes genannt.

Kinderrechte im GG können aber nicht nur ein besserer Schutz vor verantwortungslosen Eltern sein, sie wären auch ein Schutz vor manchen Jugendamtseingriffen, die, wie wir auch immer wieder erfahren, Kinder nicht ausreichend schützen, die keine Fachaufsicht fürchten müssen und zuweilen fiskalischer Enge die Priorität einräumen.

Kinderrechte im GG würden nicht per se den Kindern einen geschützen Raum öffnen. Doch hier muss die Sachdiskussion beginnen, wenn sie samt Wahlrecht ins Grundgesetz gekommen sind.

Auch ein voreiliger Anwalt des Kindes kann Schaden anrichten, ebenso wie die ideologische Befangenheit auf Seiten unbelehrbarer Eltern. Auch haben manche der Befürworter solcher Rechte ein politisches Nebenkalkül. Aber ist es wirklich eine Frechheit, sich den realen Nöten von Kindern zuzuwenden, auch wenn die Wege aus der formal-juristischen Korrektheit hinausführen?

Herrn Geyer kann ich aus meiner Beschäftigung mit dem Thema viel Material anbieten.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kinderrecht-im-grundgesetz-eine-frechheit-14957358.html

Wenn Verjährung nicht greift, helfen milde Urteile.

Zwei Jahre und acht Monate Haft »wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre gefordert. … Der 55 Jahre alte Ehemann der Gruppenleiterin … wird zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er 3600 Euro zahlen. Eine 44-Jährige weitere Erzieherin erhält ein Jahr und drei Monate auf Bewährung, muss 1800 Euro zahlen. Berufsverbote, wie sie der Staatsanwalt gefordert hat, hält das Gericht für nicht notwendig.«

https://www.nwzonline.de/panorama/autistische-heimkinder-regelmaessig-brutal-gequaelt_a_31,2,3230315746.html