Dierk Schaefers Blog

Betroffene, die sich freigeschwommen haben, reden Klartext, ohne Schaum vorm Mund.

Wenn Inklusion bloß Illusion wäre, …

… aber sie ist politischer Betrug. Hansgünter Jung berichtet heute vom Praxisschock[1]. Der war allerdings abzusehen und wurde vielfach vorausgesagt, nicht nur hier im Blog.[2]

Jung schreibt: »Die inklusive Schule war lange Zeit ein Selbstläufer. Ihre Prot­agonisten brauchten nur das Wort „UN-Behindertenrechtskonvention“ auszusprechen – und unbequeme Fragen zu Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit dieses bildungspoliti­schen Großprojekts wurden gar nicht erst gestellt. Gesinnungsethische Beflissen­heit ersetzte juristische Hermeneutik. Doch jetzt bahnt sich im öffentlichen Diskurs eine Wende an. Sie beruht auf ei­nem Praxis­schock, der gleich von zwei Sei­ten kommt. Die Eltern der behinderten Kinder erleben, wie eine Förderschule nach der anderen aufgelöst wird. Gleich­zeitig hat sich der Blick der Öffent­lichkeit dafür geschärft, wie schwierig Inklusion in den meisten Fällen ist: schließlich gilt es den Lernbehinderten, geistig Behinder­ten und Verhaltensauffälligen gerecht zu werden. Die Sensibilisierung hat etwas da­mit zu tun, dass die Lehrkräfte der Regel­schulen neuerdings vor eine weitere Auf­gabe gestellt sind. Sie müssen jetzt auch noch zahlreiche Flüchtlings- und Migran­tenkinder ohne Deutschkenntnisse unter­richten und erziehen. Jetzt hört man den überforderten Lehrkräften endlich zu, wenn sie fragen: „Was sollen wir eigent­lich noch alles leisten?“«

Mich wundert diese Entwicklung nicht, höre ich doch ähnliches aus dem Schulbereich von meinen Bekannten.

 

Fußnoten

[1] Hansgünter Lang, Inklusion vor der Wende, Lange Zeit waren die kritischen Stimmen zur Integration behinderter Schüler kaum zu hören, nun stellt sich der Praxisschock ein. Zitate aus diesem Artikel. FAZ-Print, Donnerstag, 18. Mai 2017. Wird wohl nicht digital erhältlich sein. Ich habe den Artikel gescannt und schicke ihn gern auf Mailanforderung zur privaten Verwendung.

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/04/03/die-illusion-der-inklusion/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/06/12/die-faz-geizt-mal-wieder-mit-ihren-print-artikeln-und-stellt-sie-nicht-ins-netz/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/07/kinderrechte-inklusion-macht-kinder-zu-verlierern/

Die Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe gegen die Evangelische Brüdergemeinde Korntal

Das klingt ja überraschend gut: Ein neuer Anlauf zur Klärung der Korntaler Missbrauchsvorwürfe.[1] Endlich fragt auch mal jemand, „ob es eine spezifische religiöse Dimension der strafenden Pädagogik gibt.“

Die Akteure wirken glaubwürdig und alle Betroffenen wären gut beraten, sich von der Glaubwürdigkeit im direkten Kontakt zu überzeugen, gemeinsam ihre Forderungen und Sichtweisen einzubringen und nicht durch kontraproduktive Pressearbeit voreilig Druck aufzubauen.

Natürlich könnte es einen Punkt geben, an dem sie den Eindruck bekommen, dass nicht mehr rücksichtslos-neutral gearbeitet wird. Auf mich machen die drei im Artikel vorgestellten Akteure den Eindruck, dass sie furchtlos ermitteln werden.

Doch es scheint sich ein Drama zu wiederholen. Die ehemaligen Heimkinder im Hintergrund vom Prozess des Runden Tisches – damit meine ich nicht deren Vertreter – hatten sich darauf versteift, einen Rechtsanwalt gestellt zu bekommen, der zwar große finanzielle Hoffnungen weckte, aber seine Zulassung verloren hatte. Das war ein Eigentor, denn damit hatten sie ihren Vertretern am Runden Tisch die Möglichkeit genommen, energisch von der „Moderatorin“ Vollmer Waffengleichheit einzufordern, nämlich die Finanzierung einer Rechtsberatung durch eine renommierte Anwalts­kanzlei. Die Zerstrittenheit der ehemaligen Heimkinder im Hintergrund des Runden Tisches Heimerziehung spielte denen in die Hände, die keinerlei Interesse an einer nennenswerten Entschädigung hatten; das waren die Interessenvertreter von Staat und Kirche. Die Machtasymmetrie am Runden Tisch blieb unangesprochen und unangefochten und ein echter Rechtsfriede wurde bis heute nicht erreicht.

Und nun wieder ein gleiches Szenario in Korntal. Die Einen lassen sich auf den Prozess ein und die Anderen mauern. Ein jämmerliches Bild. Aber ein déjà-vue.

Man lese und beherzige: „Der Runde Tisch Heimkinder und der Erfolg der Politikerin Dr. Antje Vollmer“.[2]

[1] https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/318/wer-traut-hier-wem-4347.html

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

 

Nachtrag

Die Aufklärer scheinen wirklich gute Arbeit zu leisten. Korntal 29.05.2017 Aufklärer sehen System der Gewalt

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der „Goldene Westen“: Vom Grenzschutz beschossen – vom Vater abgeschoben

 

Wie im Großen und Ganzen die ersten 15 Jahre vom Rest meines Lebens verlaufen sind haben Sie ja nun mitverfolgen können. Dabei konnte man ja schon herauslesen, dass ich es dann letztendlich doch geschafft habe in den „Goldenen Westen“ zu flüchten. Dazwischen gab es aber noch eine Begebenheit, die mir die hiesigen, sprich westdeutschen Behörden nicht so recht abnehmen wollten.

Ich meine aber, dass diese Episode hier noch Platz finden sollte. Wir waren wieder mal zu viert aus dem Heim ausgerissen und hatten uns einen Plan erarbeitet, wie es uns doch noch gelingen könnte in die BRD zu gelangen. Dass wir es schon einige Male versucht hatten, aus der Deutschen Diktatorischen Republik (DDR) zu entkommen, habe ich ja bereits geschildert. Im Mai 1955 hatten wir uns wieder mal bis an die Zonengrenze, genauer gesagt bis nach Haldensleben[1] durch­geschlagen. Gut getarnt versteckten wir uns in einem Wäldchen nahe an dem frisch gepflügten und geeggten Grenzstreifen zwischen DDR und BRD. Nach etwa 30 Stunden hatten wir den Rhyth­mus, der dort patrouillierenden Grenzwache ausgekundschaftet. Im 20 Minuten Abstand passierten die beiden Grenzsoldaten unser Versteck. Der Muttertag in Deutschland war schon zwei Stunden alt, da glaubten wir es wagen zu können. Vor uns in greifbarer Nähe lag die damals noch nicht mit Zäunen oder gar Mauern abgegrenzte Freiheit. Vermeintliche Freiheit.

„Kinder haben hier nichts zu suchen!“

Mit reichlich Adrenalin im Blut und flinken Beinen verließen wir unser Versteck und nahmen Anlauf, den schmalen Grenzstreifen zu überbrücken. Wir hatten höchstens noch 30 Meter bis zum west­deutschem Gebiet, da standen wir urplötzlich im gleißenden Scheinwerferlicht und ein sehr reso­lutes „Halt! Stehen bleiben!“ ließ uns das Blut in den Adern gefrieren, was natürlich unsere Beinmuskulatur lähmte. „He, Jungs, was macht ihr den da? Ihr seid doch noch Kinder!“, hatten sich die Bundesgrenzschützer schnell gefasst, als sie im Licht des Scheinwerfers erkannt hatten, wen sie da vor sich hatten. „Los! Nun aber zurück dorthin, wo ihr hergekommen seid. Kinder haben hier nichts zu suchen!“ kam es mit befehlsgewohnter Stimme ganz deutlich bei uns an. „Hallo, ich will doch zu meinem Vater, der in der Nähe von Stade wohnt!“ rief ich verzwei­felt zurück. „Quatsch! Zurück! Marsch, Marsch!“ war die Antwort. Sicherlich waren die ost­deutschen Grenz­bewacher schon auf den alles durchdringenden Scheinwerfer aufmerksam geworden und auf dem Weg dorthin. „Kommt Jungs, erstmal drüben klärt sich das schon auf!“ ermunterte ich die anderen drei zum Endspurt anzusetzen. Aber kaum hatten wir uns in Bewegung gesetzt, sahen wir nur noch Blitze und hörten die Abschüsse der Kugeln, die um unsere Ohren pfiffen. Eine davon streifte mein rechtes Knie, die Narbe davon trage ich wohl bis zu meinem Tode mit mir herum! Und Peter H. konnte auch noch Jahre danach seinen Hals nicht so bewegen wie er wollte. Denn seine rechte Halsseite streifte eine westdeutsche Kugel. Na, da hatten wir endlich begriffen, dass wir wirklich nicht in Westdeutschland er­wünscht waren. Den nur um maximal zwei Millimeter daneben­gegangene Streifschuss, der dann mein Knie zerschmettert hätte, nahm ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wahr. Wie auch? Waren wir doch mit Adrenalin vollgepumpt. Dieser Kick verschärfte sich noch da­durch, dass nun auch noch Taschenlampen von der Ostseite auf uns gerichtet waren. In West­deutschland waren wir nicht erwünscht, desto mehr freuten sich die auf der Ostseite über ihr Erfolgserlebnis. Später auf der Wache hörte es sich dann so an, als ob die beiden ganz alleine unsere Flucht vereitelt hätten. Wer hörte da schon auf so ein paar Rotzjungen die ihre Schuss­verletzungen als Beweis für ihre Version vorwiesen. Diese Verletzungen hätten wir uns höchstwahr­scheinlich im Wald oder sonst wo selbst zugefügt, hieß es.

1956, als es darum ging in Westdeutschland Papiere zu erhalten zum Nachweis, dass man am Leben war, trug ich diese Begebenheit bei der Behörde vor. Ich solle nur nicht versuchen mich mit einer erfundenen Geschichte interessant zu machen. Das könne ganz schön nach hinten losgehen, mir eine Anzeige einbringen, wurde ich abgewimmelt. Knapp vier Jahre später, als ich voll in Westdeutschland integriert war, durfte ich sogar zur Bundeswehr und zur Not mit der Waffe in der Hand die bösen Kommunisten totschießen, wenn es nötig werden würde. Ausgerechnet während der Zeit, wo ich selbst lernte mit einer scharfen Waffe umzugehen, wurde die Angelegenheit mit dem Streifschuss noch mal aufgegriffen. Meinem Ausbilder war während einer Sportstunde die schlecht vernarbte Wunde an meinem rechten Knie aufge­fal­len. Er fragte nach dem Ursprung und ob es mich auch nicht behindern würde. Endlich hörte mir mal jemand wirklich interessiert zu. Mein Ausbilder war nämlich, welch ein Zufall, bevor er zum Bund ging selbst beim Grenzschutz. Nicht dass er jetzt in die gleiche Kerbe geschla­gen hätte wie die vorherigen Beamten, denen ich die Geschichte vorgetragen hatte. Ganz im Gegenteil. Er hatte immer noch ein paar ehemalige Freunde beim Grenzschutz und wollte ver­suchen der Sache nachzugehen. Er erklärte mir sogar, wie er dabei vorgehen wollte. Jeder Grenz­schützer, bekam bei Dienstbeginn eine eingetragene Waffe mit der dazugehörigen, abge­zählten Munition. All das musste bei Dienstschluss auch wieder vollzählig abgeliefert werden. Fehlten nun aber Patronen bei der Rückgabe, war darüber ein Proto­koll anzufertigen wann, wo, warum die Munition verbraucht wurde. Auf diesem Wege begann er seine Nach­forschungen. Aber siehe da, ausgerechnet von der Nacht zum Muttertag 1955 existierte kein Protokoll. Na ja, so etwas hängt man nirgends an die große Glocke, dass man auf Kinder geschossen hatte. Sowas wird gerne unter den berühmten Teppich gekehrt.

Vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Dass es mir dann doch noch gelang im gleichen Jahr, nur drei Monate später, in den Westen zu kommen, lag an dem schlauen Geliebten, meiner Mutter der später auch mein Stiefvater wurde. Ich betone, dass er schlau, aber nicht klug war. Schlau, wie er es einfädelte, dass es ihm, meiner Mutter und mir ermöglicht wurde, auf ziemlich legalem Wege in den Westen auszureisen, wo neben meinem Vater ja auch die überlebenden Geschwister meiner Mutter, bis auf eine in Schönebeck, bereits wohnten. Übrigens, vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Nachdem meine Mutter als mehrfach ausgezeichnete Aktivistin als Trümmerfrau und politisch als unbedarft eingestuft worden war, durfte sie jedes Jahr ihre Geschwister in Westdeutschland besu­chen. Diese Tatsache machte sich mein schlauer Stiefvater-in-spe zu nutze. Er schlug meiner Mutter vor, für die im August 1955 anstehende Reise in den Westen für ihren minderjährigen Sohn gleich mit einem Antrag zu stellen. So was war möglich, da Kinder, die noch zur Schule gingen, mit im Ausweis des Erziehungsberechtigten eingetragen waren. Da die ausstellende Behörde ja nicht wissen konnte, dass der Ableger meiner Mutter eigentlich in einem Heim für Schwererziehbare untergebracht war, bekam sie auch für mich das benötigte Papier. Das passte auch von der Zeit sehr gut. Waren doch im August die großen Ferien in der DDR. So fiel es niemanden auf, das heißt, bis zum Tag unserer Abreise.

Wie immer, wenn ich wieder mal auf Trebe war, besorgte ich mir auf bekannte Weise, nämlich bei den Russen, das nötige Kleingeld. An dem Tag, wo sich unser Leben ändern sollte, war ich sehr gut mit Ostmark bestückt. Obwohl der einzige Zug gen Westen erst am frühen Abend vom Haupt­bahn­hof Leipzig abfahren würde, waren wir schon sehr früh vom Reisefieber gepackt. Keiner hatte mehr an Gepäck bei sich, als man unbedingt brauchte. Gut durchdacht von Willy meinem Stief­vater. Denn an der Grenze in Marienborn hatten wir ein älteres Ehepaar weniger in unserem Zug­abteil. Die hatten doch gleich zweimal komplettes Federbettzeug mit in den „Urlaub“ nehmen wol­len. Wir verließen schon am Vormittag mit relativ leichtem Gepäck die Lilienstrasse in Leipzig-Reud­nitz. Wissend dass meine reichlich vorhandenen Ostmark im Westen nur einen Dreck wert waren (kannte ich ja von unserem Berlin Ausflug!), ließ ich mir von einem Coiffeur eine schicke Wasserwelle legen, wir gingen wir nochmal in Auerbachskeller chic essen und am Nachmittag auch noch in ein Café. Eine innere Unruhe ließ mich den Vorschlag unterbreiten, dass wir doch mit einem Taxi nach Halle/Saale fahren sollten und dort in den Zug einsteigen sollten. Meine beiden erwachsenen Begleiter ließen sich sogar darauf ein. Meine Vorahnung, wie sich später heraus­stellte, war völlig berechtigt. Während wir in Halle im Wartesaal auf unseren Zug warteten, kam eine Durchsage. Der Zug aus Leipzig über Halle, Magdeburg, Hannover nach Köln hätte voraus­sichtlich 30 Minuten Verspätung. Zu dem Zeitpunkt ahnte keiner von uns, dass ausgerechnet ich an dieser Verspätung schuld sein sollte. Es war aber so, wie wir später von meiner Schwester erfuh­ren. Gerade an diesem besagten 29. August 1955, ein Tag vor meiner Mutters Geburtstag, war wieder einmal eine Razzia in deren Wohnung angesagt. War doch ihr Sohn schon wieder seit eini­gen Tagen aus dem Heim in Dönschten abgängig, wie das so schön im Beamtendeutsch heißt. Weil man in der Lilienstrasse 22 in Leipzig niemanden antraf, wurde im Vorderhaus nachgefragt. Dort erfuhren die Häscher dann auch, dass Frau Schulz wie jedes Jahr in Urlaub in den Westen fahren würde. Da muss dann wohl bei einem der Beamten was geklingelt haben. Bei der Passstelle nachgefragt erfuhren sie auch noch, dass Frau Schulz ihren minderjährigen Sohn in diesem Jahr zum ersten Mal hatte mit eintragen lassen.

Hatte ich mit der Flucht in den „Goldenen Westen“ wirklich das große Los gezogen?

Da aber nur der eine Zug Richtung Westdeutschland am Abend in Leipzig abfuhr, filzte man diesen natürlich gründlich. Somit war auch die Durchsage wegen der Verspätung in Halle zu erklären. Was da in Leipzig abging, wusste ich zwar nicht, aber dennoch war mir kotzübel. Mein Magen rebellierte wie in den ersten Tagen meines beschriebenen Hungerstreiks im Heim. Eingedenk des­sen, mit wie vielen Hoffnungen ich schon Anläufe genom­men hatte, zu meinem Erzeuger in den Westen zu gelangen, und wie kläglich das schief gegangen war, wollte ich erst an mein Glück glauben, wenn ich die Grenze überfahren hatte. Bloß gut das in Leipzig niemand auf die Idee gekom­men war, in Marienborn anzurufen. Erst nach endlosem Aufenthalt an der Grenze, wo man auch so einige aus dem Zug geholt hatte, wovon nicht alle wieder den Zug bestiegen, und der Zug sich wieder in Bewegung setzte, waren auch schlagartig meine Magenbeschwerden verschwunden.

Aber! Hatte ich wirklich das große Los gezogen? Wären mir im Osten die 17 Jahre Knast erspart geblieben, die ich im Laufe der Zeit danach hier abgesessen habe? Irgendwie wäre ich auch drü­ben nicht so ohne weiteres nach Beendigung der Schule wieder in ein freies Leben entlassen wor­den. Immerhin lag ja noch der Motorradunfall in der Luft, den ich noch hätte sühnen müssen. Und danach? Wäre ich ein guter, angepasster Kommunist geworden? Das Schicksalsbuch wurde jedem Menschen schon bei der Geburt geschrieben.

Zunächst war die Enttäuschung schon mal riesengroß, als ich zum ersten Mal meinem Vater gegen­überstand und ich statt einer väterlichen Umarmung nur ein überraschtes, blödes Gesicht vor mir sah. Und dann war es an mir, ein dummes Gesicht zu machen. An der Bushaltestelle in Ahler­stedt (bei Stade), wo ich am besagten 30 August 1955, einem Samstag (unvergesslich für mich!) meinen Vater erwartete, wovon er allerdings nicht die geringste Ahnung hatte, drängte sich eine fünfjährige Göre zwischen meinen Vater und mich und fragte ganz empört: „Warum sagst du Papa zu meinem Papa, dass ist mein Papa und nicht dein Papa“. (Verstehen Sie jetzt mein dummes Gesicht? Ich hatte doch keinen blassen Schimmer davon, dass ich auch noch eine Halbschwester hatte. Jedenfalls hatte mein Vater in keinem seiner wenigen Briefe an mich etwas davon erwähnt).

Brachte es mein Vater schon nicht übers Herz seinen einzig verbliebenen Sohn in den Arm zu neh­men, so siegte dann doch seine Neugier zu erfahren, wie ich es geschafft hatte, so plötzlich vor ihm zu stehen. Nachdem sich auch meine schwergewichtige Stiefmutter aus der für sie viel zu engen Bustüre gezwängt hatte, wollte er sicherlich eine peinliche Szene an der Dorf-Bushaltestelle vermeiden.

„Na, dann komm mal mit nach Hause, dort erkläre ich dir alles!“ Dabei warf er einen vielsagen­den Blick auf das Mädchen, welches dagegen protestiert hatte, dass ich zu ihrem Papa ebenfalls Papa gesagt hatte. Zu meiner zukünftigen Stiefmutter sagte er nur ganz kurz: „Das ist Dieter!“ Na, zumindest wusste sie darüber Bescheid, dass es mich gab. Auf dem kurzen Weg zu deren Haus schlugen meine Gedanken Purzelbäume. Abgesehen davon, dass ich von der (Nicht)- Begrüßung enttäuscht war, drängte sich Ingrid, meine Halbschwester ganz bewusst zwischen mich und unse­rem Vater, hängte sich an seinen Arm. In diesem Moment fragte ich mich schon, wozu ich eigent­lich solche riskanten Unternehmungen gestartet hatte, um zu meinem Vater zu kommen. Ich konnte bisher nie darüber lachen, wenn ich mal irgendwo das Wort Herzensleid las oder hörte. Es mag Men­schen geben die dieses Wort zu schmalzig finden. Auch ich unterlag manchmal dieser Versuchung. Doch dann fiel mir immer sehr schnell ein, dass ich es ja selbst erfahren hatte. Genau damals mit meinen 15 Lenzen auf dem ersten gemeinsamen Weg mit meinem (?) Vater! Bei meinem ersten Gang zu meines Vaters Haus nahm ich gar nicht so recht wahr, an wie vielen ande­ren Häusern wir vorbei gingen oder gar wie diese beschaffen waren. Die Häuserreihe nahm ein Ende, wir bogen in einen Feldweg ein. Zwischen Kartoffel- und Maisfeldern tauchte dann auch das letzte Haus auf. Schlicht und einfach, aber es war ein Zuhause. Nur sollte es nie das meine werden.

In der Küche Platz nehmend durfte ich zwischen Milch, Hagebuttentee und Kakao wählen. Natür­lich entschied ich mich für eine Tasse Kakao. Neugierig drängte sich die ganze Familie um den Tisch, an dem ich nun mit meinem Vater saß. Wenn ich hier Familie sage, so gehörte neben mei­ner Halbschwester, noch eine Tochter und ein Sohn aus erster Ehe von Monika dazu. Die beiden Kinder, die Tochter ein Jahr jünger als ich, der Sohn ein Jahr älter, begafften mich wie ein seltenes Tier. Mein Vater steckte sich einen billigen Zigarrenstumpen in die Pfeife. Erst als der Rotzkocher zu seiner Zufriedenheit qualmte, zeigte er mit dem Saugrüssel seiner Piepe auf mich und sagte: „Nun erzähl mal!“

Ich erzählte ihm nun wie uns die Flucht aus der DDR gelungen war und wie es der Zufall wollte, lebte genau am anderen Dorfende eine Schwester meiner Mutter, die von ihr jedes Jahr besucht wurde. Bei dem Wort UNS verschluckte sich mein Vater an dem Tabakqualm den er gerade ein­gezogen hatte. Dies übersah ich geflissentlich und fuhr fort zu erzählen. Eben dass meine Tante mir verraten hatte, wo und wann ich meinen Vater mit meiner Anwesenheit überraschen konnte. In so einem kleinen Dorf, weiß jeder von jedem, wann er furzt. So war meiner Tante auch bekannt, dass mein Vater an diesem Samstag mit seiner zukünftigen Frau nach Buxtehude gefahren sei um Ver­lo­bungsgeschenke einzukaufen. Es war auch abzusehen, dass der Vater gegen 14 Uhr mit dem letzt­möglichen Bus wieder in Ahlerstedt eintreffen würde.

So, da war ich also und legte mein weiteres Schicksal in seine Hände. Ohne mich anzusehen beschäf­tigte sich mein Erzeuger ausgiebig mit dem erneuten Ingangsetzen seiner Pfeife und begann dann erst mit einer Erklärung über seine neuen Familienverhältnisse. Dabei holte er etwas weiter aus, bevor er auf den eigentlichen Punkt kam. Dabei erfuhr ich etwas über seine Lebens­geschichte. So erfuhr ich, dass er Obergefreiter bei einer Flakbatterie gewesen sei und kurz vor Kriegsende bei München stationiert gewesen sei. Dort habe er sich noch einen Bauchschuss einge­handelt. Nach einigen Wochen Krankenhausaufenthalt hatten ihn die amerikanischen Besatzer als unbedenklich eingestuft und ihn laufen lassen.Von seinen Ersparnissen hätte er sich ein Pferd samt Wagen angeschafft und sei gegen Norden gezogen, weil er erfahren hatte, dass dort noch Ver­wan­dte (meine Tante) aus Ostpreußen leben würden. Über seine eigene Familie habe er keine Auskünfte erhalten können, so dass er davon ausgehen musste, dass wir den Krieg nicht überlebt hatten. Es habe sich dann so ergeben, dass er in Monika, die Kriegerwitwe geworden war, eine neue Gefährtin gefunden habe. Bei dem rasanten Wiederaufbau in Deutschland habe er auch sehr schnell Arbeit gefunden. Er verdiene sich sein Geld jetzt als Eisenflechter. Allerdings sei er nur jedes zweite Wochenende in Ahlerstedt, da es eine weite Reise sei von seinem derzeitigen Arbeitsplatz. Ich hätte ja großes Glück gehabt, dass er ausgerechnet an diesem Wochenende zu Hause sei.

Oh jemine! – Ich zum Bauern?

Dann ließ er seine Neugierde aber nicht mehr mit seiner Frage, die ihm auf den Nägeln brannte, ruhen. „Du sagtest eingangs, dass es EUCH gelungen sei, hierher zu flüchten. Soll das heißen, dass deine Mutter diesmal nicht nur zu Besuch zu ihrer Schwester gekommen ist wie all die Jahre zuvor?“ Bemerkte ich da etwa ein nervöses Nuckeln an seiner Pfeife, als ich darauf antwortete?

„Genau so ist es. Immerhin hat Mutti es mir mit ihrem Ausweis ermöglicht über die Grenze zu kom­men!“ Ich musste ihm dann noch erklären, wie das genau abgelaufen ist. „Wie soll das nun weiter­gehen?“ fragte er in den Raum hinein. „Du siehst ja, wie viele Personen wir hier sind. Wir leben schon ziemlich beengt. Das Haus gehört der Gemeinde und die obere Etage ist von einer anderen Familie belegt!“ begann er mir den Zahn zu ziehen, falls ich die Hoffnung gehegt hatte bei ihm unter­zukommen. Monika aber dachte zunächst sehr praktisch. „Du musst als erstes bei deiner Firma anrufen und um 2 bis 3 Tage Sonderurlaub nachsuchen. Die werden schon Verständnis für diese Situation haben!“ Vater grummelte sich was in seinen nicht vorhandenen Bart, was soviel hieß: „Ja, dann werde ich wohl gleich am Montag mit ihm nach Stade zum Arbeitsamt fahren müssen. Jetzt in der Erntezeit wird bei den Bauern jede Hand gebraucht!“ Oh jemine! Ich zum Bauern? Waren da nicht richtige, starke Kerle gefragt? Ich, brachte keine 50 Kilo auf die Waage mit meinen gerade mal 155 Zentimetern Körpergröße.

„Aber Vater! Ich habe das Versetzungszeug­nis von der siebten in die achte Klasse in der Tasche. Ich bin doch noch gar nicht mit der Schule fertig!“ – „Für die Arbeit beim Bauern reicht das alle­mal. Und, beim Bauern kriegst du richtig was zu essen und auch Unterkunft zu deinem Lohn. Du bist noch im Wachstum, und auf die Rippen und in die Arme kriegst du dabei auch etwas. Soweit ich zurückdenken kann, sind alle deine Vorfahren irgendwie mit der Landarbeit groß geworden!“ Na, da hatte ich mir ja was eingebrockt.

Nachdem ich noch eine weitere Tasse Kakao getrunken und ein Stück Butterkuchen dazu gegessen hatte, wurde ich zum sonntäglichen Mittagessen eingeladen. Mit verwirrten Gedanken trat ich dann den Weg ans andere Dorfende zu meiner Mutter und Tante an. Obwohl mein Onkel dort einen 120 Morgen großen Bauernhof gepachtet hatte, lebten sie mit ihren vier Kindern auch ziemlich beengt. Gleich drei Besucher überstiegen einfach ihre Bettenkapazitäten. So musste ich mir mit meinem etwa gleichaltrigen Cousin ein Bett teilen. Als ich meiner Mutter darüber Bericht erstattete, wie das Wiedersehen mit meinem Vater abgelaufen war, erkannte ich wie ihre Augen feucht wur­den. Was mein Vater versäumt hatte zu tun, das holte meine Mutter jetzt nach. Sie nahm mich so fest in ihre Arme, das mir die Rippen schmerzten. „Mein Junge, denk daran, was wir schon alles durchgemacht haben. Wir werden auch das überstehen. Kommt Zeit, kommt Rat. Willy und ich können ja auch nicht auf Dauer hier bleiben. Wir haben alle gesunde Hände. Und Arbeit gibt es hier genug!“ tröstete meine Mutter mich.

Fußnote

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Haldensleben

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

An wehrlosen Heimkindern kann man ungestraft auslassen, was man an Juden oder Andersdenkenden nicht mehr auslassen kann.

Frechheit siegt. Wäre in diesem Fall zu wünschen, wenn es überhaupt Frechheit ist.

Schon erstaunlich, der Griff ins Polemikfach, zu dem sich der Autor Christian Geyer verstie­gen hat. „Kinder haben im Grundgesetz nichts zu suchen“, meint er und spricht von „Frechheit“[1]. Ich will ihm darin nicht folgen, auch wenn ich es höchst befremdlich finde, wie er die Realität ausblendet, die sich nicht die sich nicht puristisch an der Rechtsdogmatik misst. Selbstverständlich haben zunächst die Eltern „das natürliche Recht und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ auf Pflege und Erziehung – und ich will hier nicht den Rückgriff der Eltern des Grundgesetzes auf das Naturrecht problematisieren. Aber wir erfahren doch fast täglich, dass es Eltern gibt, die dieses Recht und seine Verpflichtung nicht verstehen, es gar missbrauchen zu Vielerlei oder es missachten – bis hin zum Totschlag. Und selbst unterhalb dieser Schwelle gibt es laut Marie von Ebner-Eschenbach „leider nicht viele Eltern, deren Umgang für die Kinder ein Segen ist.“ Immerhin reicht das Elternrecht nach parlamenta­rischem Beschluss bis zur einschneidenden Körperverletzung durch Beschneidung. Da hilft nicht einmal das Wächteramt des Staates.

Wie wichtig der Grundrechtsschutz von Kindern ist, erleben Scheidungskinder besonders häufig. Familienrichter haben keine Ausbildung in Entwicklungspsychologie, manche halten, wie der frühere Präsident des Familiengerichtstages Siegfried Willutzki immer wieder betonte, Fortbildung für einen Eingriff in ihre richterliche Freiheit. Und dank der Unbeirrbarkeit von Bundesländern, in Kindesangelegenheiten zu sparen, sind ja nur Kinder, verzichtet man auf die professionelle Befähigung von Verfahrenspflegern, auch Anwalt des Kindes genannt.

Kinderrechte im GG können aber nicht nur ein besserer Schutz vor verantwortungslosen Eltern sein, sie wären auch ein Schutz vor manchen Jugendamtseingriffen, die, wie wir auch immer wieder erfahren, Kinder nicht ausreichend schützen, die keine Fachaufsicht fürchten müssen und zuweilen fiskalischer Enge die Priorität einräumen.

Kinderrechte im GG würden nicht per se den Kindern einen geschützen Raum öffnen. Doch hier muss die Sachdiskussion beginnen, wenn sie samt Wahlrecht ins Grundgesetz gekommen sind.

Auch ein voreiliger Anwalt des Kindes kann Schaden anrichten, ebenso wie die ideologische Befangenheit auf Seiten unbelehrbarer Eltern. Auch haben manche der Befürworter solcher Rechte ein politisches Nebenkalkül. Aber ist es wirklich eine Frechheit, sich den realen Nöten von Kindern zuzuwenden, auch wenn die Wege aus der formal-juristischen Korrektheit hinausführen?

Herrn Geyer kann ich aus meiner Beschäftigung mit dem Thema viel Material anbieten.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kinderrecht-im-grundgesetz-eine-frechheit-14957358.html

Wenn Verjährung nicht greift, helfen milde Urteile.

Zwei Jahre und acht Monate Haft »wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre gefordert. … Der 55 Jahre alte Ehemann der Gruppenleiterin … wird zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er 3600 Euro zahlen. Eine 44-Jährige weitere Erzieherin erhält ein Jahr und drei Monate auf Bewährung, muss 1800 Euro zahlen. Berufsverbote, wie sie der Staatsanwalt gefordert hat, hält das Gericht für nicht notwendig.«

https://www.nwzonline.de/panorama/autistische-heimkinder-regelmaessig-brutal-gequaelt_a_31,2,3230315746.html

Wurde doch vorausgesetzt, dass sich in christlich-diakonischen Heimen dem „ärmsten Bruder“ im Geist der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit angenommen wird.

Wieso dann die vielfachen Demütigungen und das Anwenden von Gewalt?

Ulrike Winkler hat in ihrem Vortrag in Hamburg ein desolates Bild dieser Anstalten vorgestellt. Nicht neu, aber komprimiert.

Die Frage des Wieso hat soweit ich weiß noch keinen Theologen zu einer plausiblen Antwort herausgefordert.

Leider hat Frau Winkler die Vertuschungs- und „Entschädigungs“praxis im Vortrag ausgespart. Auch für dieses Verhalten kirchlicher Einrichtungen hätte ich gern eine theologische Stellungnahme – und werde sie wohl nicht bekommen.

http://www.schmuhl-winkler.de/pages/Alsterdorf-Winkler.pdf

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXI

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Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Einundzwanzigstes Kapitel

Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

Die Veränderung in meinem Leben begann damit, dass ich in der Folgezeit zum häufigen Schulschwänzer wurde. Die Verlockung war aber auch zu groß, und wurde immer größer. Schnell fand ich heraus, während ich immer noch staunend den riesigen Bahnhof erforschte, dass fast aus jedem ankommenden Zug gleich mehrere russische Offiziere ausstiegen. Manch­mal folgte ich einem von ihnen, konnte mich aber nicht dazu überwinden, ihn so einfach wegen ein paar Groschen anzusprechen. Schließlich verspürte ich nicht den Kohldampf wie zu der Zeit in Königsberg. 1950 war die Not nicht mehr so groß. Es gab allerdings Dinge die sich ein kleiner Junge gerne gewünscht hätte.

Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass kaum ein Offizier nach Leipzig kam, der nicht irgend­einen bestimmten Auftrag hatte. Aber so gut wie jeder nahm die Gelegenheit wahr, seinen Auf­trag mit einer Shoppingtour durch Leipzig zu verbinden. Leipzig war immerhin eine Messestadt. Und es hatte sich herumgesprochen, dass im Gegensatz zu den übrigen Provinz­städtchen, wo sie herkamen, in Leipzig Waren zu haben waren, die es dort nicht gab. Das alles wusste ich allerdings natürlich nicht.

Endlich rang ich mich dazu durch, einen recht freundlich aussehenden Offizier anzusprechen. „Onkel hast du vielleicht 20 Pfennige für mich? Ich möchte gerne in den Zirkus gehen!“ Der Offizier sah nicht nur freundlich aus, er war es auch. „Natürlich mein Junge! Wer so gut russisch spricht, soll auch belohnt werden!“ Doch zunächst wollte er wissen wie alt, woher, und vor allem, woher ich so gut russisch sprechen konnte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich aus Königsberg, genauer gesagt aus Kaliningrad käme, wo ich mit meiner Mutter und Schwester bis 1949 unter den Russen gelebt hätte. Auf seine Frage, wo denn mein Vater wäre, log ich etwas. Tatsache aber ist, ich wusste es bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht genau. Ich sagte ihm, dass dieser im Krieg gefallen sei. Der Offizier, wohl selbst noch an der Eroberung Deutschlands beteiligt, immerhin war er schon Major, atmete tief durch und strich mit seiner Hand durch mein Haar, fragte mich, was denn der Eintritt in den Zirkus kosten würde. Wahrheitsgemäß nannte ich ihm den billigsten Preis von 55 Pfennigen. „So, da fehlen dir also noch 20 Pfennig?“ fragte er. „Tatsache ist“, blieb ich bei der Wahrheit, „Ich habe keinen Pfennig. Ich werde aber versuchen noch bei anderen um den Rest zu fragen!“ „Brauchst du nicht, Junge!“ Dabei kramte er in seinen Taschen herum und brachte eine Handvoll Alumini­um­geld hervor, wovon man so schöne schwarze Finger bekam, drückte sie mir in die Hand. Mir blieb fast die Luft weg vor Freude und Überraschung.

Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Während wir gemeinsam die breite Treppe in Richtung Ostausgang hinunter gingen, fragte er mich nach meinen Zensuren in der Schule aus. Er war regelrecht entsetzt, als ich ihm ganz Stolz z.B. meine Eins im Russischen ansagte. Schließlich stellte sich heraus, dass in Russland die Eins die schlechteste, aber die Fünf die beste Note ist. So lernte ich wieder etwas dazu. Hatte ich doch bis zum 9ten Lebensjahr in Ostpreußen keine Schule von innen gesehen. Noch bevor wir den Taxistand erreichten, fragte er mich, ob ich denn morgen auch hier am Bahnhof sein würde. Er müsste in Leipzig über­nachten und hätte am nächsten Tag vor, noch einige Einkäufe zu tätigen. Er könnte gut einen Führer gebrauchen, der ihm z.B. das russische UNIWERMAG1 und das große HO-Kaufhaus2 zeigen könne. Wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Morgen um 10 Uhr vor dem Hotel „Stadt Leipzig“3, welches ausschließlich für das russische Militär reserviert war, auf ihn warten würde. Scheiß auf Schule. Meine Führung würde mir bestimmt wieder eine Handvoll Aluminiumgeld einbringen. Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Vorsichtshalber versteckte ich meinen Schulranzen in der Toreinfahrt zum Hinterhaus, wo wir wohnten. In der Toreinfahrt selbst war ein etwas größerer Vorbau eingelassen. Dieser Vorbau diente als Schornstein für gleich zwei aneinander gebaute Häuser. An dem Schornstein war in der Toreinfahrt eine Klappe angebracht, damit der Schornsteinfeger auch von dort Zugang hatte. Diese Klappe hochschiebend war genügend Platz vorhanden für meinen Pappmaché Schulranzen. Meine Mutter oder meine Schwester sollten, wenn sie vor mir nach Hause kamen, nicht gleich auf dumme Gedanken kommen, dass ich eventuell die Schule schwänzen könnte.

Wegen der Möglichkeit, dass während meiner Abwesenheit der Schornsteinfeger gerade seiner Arbeit nachging, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Immer wenn der Schorn­steinfeger in unsere Straße kam, stand schon einen Tag vorher draußen auf dem Bürgersteig mit Kreide geschrieben: Morgen kommt der Schornsteinfeger!

Also, kurz nach 10 kam dann auch mein Major aus dem Hotel, der mich schon vom Früh­stücks­zimmer aus auf der anderen Straßenseite gesehen hatte. Das Hotel war direkt hinter dem Bahnhof. Und vom Bahnhof war es nicht allzu weit zum Uniwermag, dem russischen Kaufhaus, wo wiederum nur Russen Zutritt hatten. Also musste ich draußen warten. In Sichtweite vom Uniwermag war auch schon das HO-Kaufhaus. Während ich vor dem Uniwer­mag wartete, fiel mir auf, dass einige Typen sich an die russischen Offiziere heran­machten und sie in ein Gespräch verwickelten. Die meisten gingen einfach weiter, andere blieben stehen, sprachen etwas länger mit den Zivilisten. Und siehe da, sie änderten manch­mal ihr angestrebtes Ziel, und begleiteten die Zivilisten in eine ganz andere Richtung. Keinen blassen Schimmer, was da vor sich ging. Bis ja, bis ich mit meinem Major schon wieder auf dem Rückweg vom HO war. Da wurden auch wir angesprochen. Schon vorher, während sich der Major u.a. mit Dessous für seine Frau in der Heimat eindeckte, hatte er mich gefragt, ob ich wüsste wo er z.B. echte Schweizer Uhren kaufen könne. Man hätte ihm gesagt, dass in Leipzig alles zu bekommen wäre. So auch Banbarchet. Also goldene Uhren verstand ich ja zu übersetzen. Aber Banbarchet? Nie gehört dieses Wort. Woher auch. Wer interessierte sich in den frühen Nachkriegsjahren schon für französischen Samt. Hier und jetzt aber war sowas angesagt. Die russischen Offiziere die einen fürstlichen Sold bekamen, jedes Jahr eine Heimfahrt, waren ganz verrückt danach. Und, Leipzig war die Handelsmetropole für solche Konterbande.

Mein Major war hocherfreut, als uns der Kerl ansprach. Sich unserem Schritt anpassend lief er neben uns her und radebrechte in schlechtem Russisch: Schto warn schilallte? Banbarchet, Schassie, Schuba…..? (Was wünschen Sie? Samt, goldene Uhren, Pelze?) Als ich mich empört einmischte, ich mir nicht mein erhofftes Führungsgeld durch die Lappen gehen lassen wollte, beruhigte mich der deutsche Schieber. „Sei nicht blöd Junge, da sind für dich zwischen 5 bis 20 Mark drin, bei dem Geschäft!“ Ich dachte ich spinne. Letztendlich wartete ich am verein­barten Treffpunkt, während der Schieber mit meinem Major in einem Taxi davon fuhr. Und siehe da, meine Geduld zahlte sich aus. Zum einen gab mir der Major für die erfolgreiche Füh­rung doch tatsächlich ganze 20 Mark. Der ließ sich dann auch gleich das kurze Stück zum Bahnhof mit dem Taxi weiterfahren. Ich konnte gerade noch feststellen, dass er jetzt ein Packet mehr mit sich herumschleppte. Der etwa 40jährige Schieber lud mich zu einer Limo­nade in eine nahe gelegene Kneipe ein. Dort verklickerte er mir dann bei einer Waldmeister­limo seinen Berufsstand (Schieber) und warb mich gleichzeitig als Zuträger von weiterer Kund­schaft an. Der Major hatte doch tatsächlich einen Pelzmantel, vier Meter Samt und eine echte Schweizer Uhr in Golddouble und 16 Steinen erworben. Wie mir der mir gegenüber­sitzende Typ, der etwas russisch in seiner kurzen Gefangenschaft gelernt hatte, in gutem Deutsch erklärte. Er wolle zu mir ganz ehrlich sein. Der Major hätte gleich drei Teile gekauft. Für jedes Teil bekäme er zehn Mark Provision. Diese wolle er mit mir ehrlich teilen, und schob mir 15 Mark wie ein Verschwörer unter dem Tisch zu. Wow! Das Schuleschwänzen hatte sich echt gelohnt.

Er hatte mich nach allen Regeln der Kunst beschissen

Nur, wie brachte ich es meiner Mutter bei, woher ich das Geld hatte, um ihr das Geschenk von einem halben Pfund Kaffee im Schwarzmarktwert von 20 Mark machen zu können? Wusste ich doch, dass meine Mutter sich jeden Monat ein viertel Pfund gönnte. Dieses viertel Pfund hütete sie wie ihren Augapfel, brühte ihn bis zu dreimal auf. Nun ja, auch das bekam ich hin. Wurde dafür ganz dolle gedrückt. Hatte ich zunächst auch daran gedacht den Schieber für seine Ehrlichkeit und dem großzügigen Teilen vor Freude zu drücken, so kam ich doch recht bald dahinter, dass der Typ ein ganz gemeiner Betrüger war. Er hatte meine Unwissen­heit und meine Winzigkeit als Menschenskind einige Tage lang nur ausgenutzt. Und wie mit einer Unverfrorenheit, die es nur echte Gauner drauf haben, hatte er mich nach allen Regeln der Kunst beschissen. Anfangs schöpfte ich ja auch noch gar keinen Verdacht, dass da etwas faul sein könnte. Ich mochte nur nicht seine Geheimniskrämerei. Er wollte mir partout nicht sagen, wo seine Quellen waren, von denen er die Ware bezog.

Einen Steinwurf entfernt vom Uniwermag, wo von den Schiebern die Kunden angesprochen wurden, am Bahnhof selbst, wo aus allen Ecken der DDR die potentiellen Kunden anreisten traute sich kein Schieber hin, da war die Bahnpolizei vor, also in der Nähe des Uniwermags war das Rathaus von Leipzig. Und dort war auch ein Taxistand. Dort stiegen auch immer die Schieber mit ihren Kunden ein. Ich hatte mir gut gemerkt in welche Richtung sie davon fuhren. Anstatt immer nur auf die Rückkehr zu warten, begab ich mich sehr schnell, noch bevor das Taxi losfuhr, zu dem Punkt wo ich es hatte abbiegen sehen. Beim nächsten Mal war ich schon wieder an dem Punkt angelangt, um zu sehen wie es weiterging. Nach einiger Zeit, wobei ich mir dann schon selbst ein Taxi nehmen musste, hatte ich auch schon das Ziel, d.h. den Hehler der Ware im Visier. Wobei es sich allerdings nur um den französischen Samt und einen Uhrendealer handelte. Andere Anlaufstellen kamen in der nächsten Zeit noch hinzu. Und das war gut so! Denn es passierte schon mal, dass eine Razzia durchgeführt wurde. Die Polizei wusste natürlich von den Schiebergeschäften, die im Umkreis vom Uniwermag getätigt wurden. Nachdem die observierten Schieber meistens bis auf den letzten Mann ins Netz gegangen waren, befand ich mich ganz alleine auf weiter Flur. Mich Knirps nahm man einfach nicht für voll. Das dachte anscheinend Frau Wilke, bei der ich dann notgedrungen selbst mit einem Käufer auftauchte auch. Sie wohnte in einer Villengegend ganz in der Nähe des Zoos. Als ich geklingelt hatte, sie durch den Türspion einen uniformierten Russen sah, mich Zwerg erfasste der Türspion erst gar nicht in seinem Blickfeld, öffnete sie. Als aber statt eines bekannten Schiebers so ein Knirps in Begleitung des Russen vor der Türe stand, wollte sie uns doch die Türe vor der Nase zuschlagen. Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Ich hatte ja damit gerechnet, dass die Dealerin geschockt sein würde. Mich hatte ja niemand offiziell bei ihr eingeführt. „Entweder Sie lassen uns jetzt rein, oder die Polente ist schneller hier wie Sie Ihre Ware verstecken können!“ warnte ich kackfrech.

Ich erklärte ihr ganz kurz, wie ich auf sie gekommen sei. Und fragte auch noch, ob sie noch gar nicht gemerkt hätte, dass seit Tagen ihre Kunden ausblieben. Natürlich hatte es sich schon herumgesprochen, dass wieder einmal eine Razzia stattgefunden hatte. Während der Kunde sich die die fünf Sorten Samt vorlegen ließ, klärte ich sie weiter über mich auf. Und siehe da, plötzlich war ich voll akzeptiert. Sie fand es für ihr Geschäft viel unverfänglicher, wenn ich Stepke bei ihr auftauchte. Von da an war ich in den Folgejahren in ihren Augen ein guter Geschäftspartner.

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme.

Wie der Leser das verstehen soll? Nun, je nach Marktlage, oder besser gesagt Lagerbestän­den, wurde von dem Dealer ein fester Preis an den Schlepper gezahlt. Es lag also an dem Schieber, welchen Preis er bei dem Käufer aushandelt. Da aber viele Russen gerne feilschten, konnte die Provision unterschiedlich ausfallen. Da aber mein Kunde anstandslos den gefor­derten Preis von 350 Mark ohne Murren gezahlt hatte, standen mir bei derzeitiger Marktlage die Differenz von 90 Mark pro vier Meter Samt zu. Ich war einfach nur baff! Bei so einem einträglichen Geschäft, immerhin kamen an guten Tagen bis zu 400!!! Mark zusammen, da ließ ich schon mal fünfe gerade sein und dachte gar nicht daran, dass es da auch noch die Schulpflicht gab. Entschuldigungsschreiben waren für mich kein Problem. Hatte ich mir doch schon längst die Sütterlinschrift meiner Mutter abgeguckt. Fortan brauchte meine Mutter nie mehr auf ihren geliebten echten Bohnenkaffee zu verzichten. Geschweige denn die Pampe mehrmals aufzubrühen. Wie ich an das Geld kam, verschwieg ich ihr nicht. Nur das dazu oft Schuleschwänzen angesagt war, verschwieg ich ihr lieber.

Die Sonntage, wo ich mich am/im Zoo etc. herumtrieb, mochte ich auch nicht mehr missen. Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme. Aber zum einen litt eigentlich meine schulische Leistung gar nicht darunter. Ich war top am Ball, und wichtige Arbeiten nahm ich immer wahr.

Nur der Grund, warum ich letztendlich in ein Heim für Schwererziehbare kam, das war sehr ungerecht. So empfinde ich noch heute.

 

Anmerkung:

Leider erlaubt diese Programmsoftware keine Fußnoten und auch keine Hyperlinks mehr. Das ist äußerst ärgerlich für die Leser wie für mich. Da ich meist mit Fußnoten arbeite, habe ich einen erheblichen Mehraufwand mit einer Extra-Numerierung und die Leser können die Fußnoten nur über das Extra-PDF erreichen und dort hoffentlich auch anklicken, soweit Hyperlinks angegeben sind.

Ich verzichte in Zukunft darauf, den jeweiligen Artikel auch als PDF anzubieten und verweise auf die geplante Gesamtedition dieser Biographie, die dank Fußnoten und Hyperlinks hier im Blog nur noch als PDF darzustellen sein wird.

Aus denselben Gründen gibt es das Inhaltsverzeichnis nur noch als PDF.

Ich bitte die Leser, diese Umständlichkeit zu tolerieren. Auch ich bin von der Veränderung überrascht und not amused.

Fußnoten  21 – fußnoten
Inhaltsverzeichnis  21 Inhaltsverzeichnis

 

 

Mit 15 Jahren ausgebufft und fit fürs Leben. Eine kriminologische Zwischenbilanz

logo-moabit-kGewinner sehen normalerweise anders aus. Dieter Schulz ist mit seinen 15 Jahren Gewinner – im Überlebenskampf, er wäre sonst untergegangen.

Im Knast auf einer klapperigen Justizschreibmaschine schreibt er über seine ungewöhn­liche Kindheit. Mit dem 20. Kapitel ist der Teil weitgehend abgeschlossen, in dem er noch nicht strafmündig war. Waren seine Delikte bis jetzt schon gravierend, so waren sie doch reiner Über­lebenskampf, die Fluchten aus den Heimen zählen dazu.

Schulz schreibt keinen Roman.[1] Hier wird über reales Geschehen und Erleben berichtet. [2]

Zeit für eine Zwischenbilanz.

Das mit dem Gewinner hatte er so noch nicht gesehen. Erst Freitag telefonierte ich mit ihm. Ja, doch, sagte er dann, stimmt, er habe gekämpft und das erfolgreich.

Da liegt das Dilemma. Aus meiner Adoptionsarbeit weiß ich, wie ungeheuer problematisch es sein kann, ein Kind aus der dritten Welt zu adoptieren, das mehrere Jahre erfolgreich auf der Straße gelebt hat. Ein solches Kind hat gelernt, was dort zum Überleben bitter nötig ist: Stehlen, Betrügen, Gewalt, Sex als Tauschware. All das ergibt keine gute Prognose für das Überleben in unserer Gesellschaft, denn es ist äußerst schwierig, Verhaltensweisen abzulegen, mit denen man Erfolg hatte. Das wissen wir auch aus ganz banalen Tierversuchen. Eine Ratte, die im Lernlabyrith gelernt hat, wo das Futter versteckt ist, irrt nicht mehr suchend herum, sondern steuert das Ziel direkt an. Legt man nun das Futter an anderer Stelle ab, so dauert es eine Reihe von Versuchen, bis die Ratte umgelernt hat.

Was hat Dieter gelernt? Wozu wurde er „zugerichtet“?[3]

Er schreibt: Ich bin Jahrgang 1940. Wurde in Königsberg geboren. Und genau an meinem 5ten Geburtstag kam der Krieg nach Königsberg. Erst 1949 wurde die Familie von den Rus­sen nach Leipzig verfrachtet. Drastisch und mit sehr feiner Distanzierung beschreibt er die Vergewaltigungen, Morde, Notprostitution, den Hunger, Vertreibung und die Schieber­geschäfte.

Das haben doch viele andere auch erlebt und sind nicht kriminell geworden, sagte mir jemand. Ein Argument, das mir schon in der Heimkinderdiskussion begegnet ist. Auch dort haben es einige ehemalige Heimkinder trotz aller Belastungen zu einem unauffälligen, manche gar zu einem erfolgreichen Lebenslauf geschafft. Die anderen blieben „Opfer“ – und wurden auch noch Opfer von Vorwürfen, warum sie es nicht gepackt haben, das Leben.

Das kann man mit Schulz nicht vergleichen. Ihn vorschnell als Opfer einzuordnen, liegt nahe. Er hat als Kind gesehen und erlebt, was Kinder besser nicht sehen und erleben sollten. Man spricht sehr leicht von Traumatisierung. Wenn überhaupt, war das aber offensichtlich keine dauerhafte. Der Wille zum Überleben war stärker. Und Schulz hat sich durchgeboxt, durch­getrickst und durchgemogelt. „Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?“ fragt er im 21. Kapitel. Das war er tatsächlich, und er steckte voller Lebensenergie. Keine Opfer-, sondern eine Täterpersönlichkeit hat sich früh bei ihm herausgebildet. Vielleicht sollte man besser von Macher-Persönlichkeit sprechen, denn damit ist nicht unbe­dingt eine kriminelle Täterschaft verbunden. Doch auf der Schattenseite des Lebens gelten andere Gesetze – wie in der Dreigroschenoper: „Wir wären gut anstatt so roh, …“[4]

Dieter Schulz hatte gelernt, in einer feindlichen Umgebung zu überleben – was ja nicht wenig ist. Er hatte gelernt, dass es dabei nicht auf Gesetze und auch nicht auf Sitte und Anstand ankommt. Was wir Sozialisierung nennen, hat durchaus stattgefunden, aber nicht in der „bürgerlich-anständigen“ Version.[5]

Und die Fähigkeiten? Auf ihn trifft die Redewendung „klein, aber oho“ zu, umgangssprach­lich meint man damit „klein, aber beachtlich energisch, selbstbewusst, leistungsfähig“. Dieter Schulz sagt von sich, er lerne schnell. So auch Russisch. Das verhalf ihm zu seinen Schwarz­markt­geschäften, Kuppeleien und Betrügereien – als Kind! Dazu kamen Diebstähle, Ein­brüche, Ausbrüche, Brandstiftung und eine Falle, die für zwei Volkspolizisten hätte tödlich ausgehen können.

Er hat noch etwas gelernt: Gefühle machen angreifbar, man muss sie verstecken. »Nachts weinte ich auch schon mal unter der Bettdecke. Immer nur den Abgebrühten spielen war für meine kleine Jungenseele doch nicht so leicht wegzustecken, wie es den Anschein haben mag.«

Dieses ganze Potential liegt nun für den zweiten Teil seiner Autobiographie bereit – und er nutzt es, wenn er in Schwierigkeiten kommt, – kriminell, warum auch nicht? und endet schließlich an der Knastschreibmaschine, auf der er nicht nur die Frage stellt, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?![6]

Auch wenn er sich im Rückblick zurecht als „Ergebnis“ einer heillosen Zeit darstellt, geschieht auch dies noch mit der Absicht, ein warnend Beispiel abzugeben. Selbst in der Opferrolle noch tatorientiert.

Das Sündenregister des Kindes und Jugendlichen ist auch eine weitere kriminologische Überlegung wert. Denn Pardon wird nicht gegeben. Ich lernte bereits im Studium, dass es nicht gut ist, eine Akte beim Jugendamt zu haben. Ist die erst einmal angelegt, wird alles gesammelt und bei Bedarf hervorgeholt. Kinder aus „guten Familien“ haben selten eine Jugendamtsakte, weil diese Familien Devianzen meist selber regeln können. Bei Dieter Schulz kommt Heimausbruch zu Trebe[7] zu Heimausbruch. Seine „Gefährlichkeit“ wächst von Mal zu Mal. Pädagogische Neuanfänge gibt es nicht, immer nur das Heim, also mehr vom Selben, obwohl man weiß, dass das nicht hilft. So führt pädagogisches Versagen dazu, dass in solchen Fällen die Jugendamtsakte nahtlos in die Strafakte überführt werden kann. Im Volksmund heißt es, der Teufel schitt immer auf den größten Hucken. Wenn noch nix da ist, schit hei nich.

Doch es gibt hin und wieder einen Nachlass. Die Öffentlichkeit regt sich oft auf, wenn wegen „mangelnder Nestwärme“ o.ä. der Strafrahmen nicht voll ausgeschöpft wird. Hätte Dieter Schulz vielleicht auch gekriegt, „wenn der Richter das gelesen hätte“. Hatte er aber nicht, denn seine Autobiographie gab’s noch nicht, nur sein Vorstrafenregister: 16 Vorstrafen werden strafverschärfend im Urteil aufgeführt.Ist der Leumund gut, also keine Vorstrafen, ist die Sozialprognose gut. Leute mit positivem Sozialisationshintergrund sind aus der „Normalsicht“ lebenstüchtiger, zuweilen aber auch erfolgreicher in der Kriminalität, als die von Kind auf geschädigten. Eigentlich müßte man ihnen vor Gericht ihre bisherige Unbescholtenheit zum Vorwurf machen: Sie hatten privat wie beruflich einen unbelasteten, sorgenfreien Werdegang und blieben bisher unbescholten. Dennoch haben Sie bewusst Schrott­immobilien verkauft und viele Menschen in den Ruin getrieben. Das müssen wir straf­verschärfend werten.

Dieter Schulz sieht sich auch weiterhin als Winner. Er ist überzeugt, einmal in den Himmel zu kommen. Habe ich doch die Hölle bereits auf Erden erlebt und meine Sünden mit 17 Jahren Knast abgebüßt.

Auf wen er dort wohl alles treffen wird?

Fußnoten

[1] Verschiedene Genres kämen infrage, wenn es ein Roman wäre:

  1. Schelmenroman: »Der Schelm stammt aus den unteren gesellschaftlichen Schichten, ist deshalb ungebildet, aber „bauernschlau“. Er durchläuft alle gesellschaftlichen Schichten und wird zu deren Spiegel. Der Held hat keinen Einfluss auf die Geschehnisse um ihn herum, schafft es aber immer wieder, sich aus allen brenzligen Situationen zu retten. «https://de.wikipedia.org/wiki/Schelmenroman
  2. Bildungsroman: »Bildung soll beim Bildungsroman nicht nur das Thema des Romans sein, sondern auch dem Leser vermittelt werden. Ähnlich wie im didaktischen Aufklärungsroman geschieht dies durch das „missiona­rische Überlegen­heits­gefühl eines sich selbst bewussten Erzählers, der seinen Bildungsvorsprung gegenüber Held und Leser geltend machen [kann]“. Dieser distanzierte, oft ironische Erzähler ist also neben dem Helden und dem Leser die wesentliche Figur eines Bildungsverhältnisses, das als Bildungsgeschichte bezeichnet wird.« https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungsroman . Dieter Schulz ist einerseits „Held“ der Geschichte, andererseits aber oft auch der distanzierte und ironische Erzähler. Das kann nicht jeder Memoirenschreiber, dennoch hat dieser Lebensbericht Parallelen
  3. zu „Memoiren“: https://de.wikipedia.org/wiki/Memoiren und
  4. zur Autobiographie. https://de.wikipedia.org/wiki/Autobiografie .

[2] Die ersten 20 Kapitel sind bereits hier im Blog erschienen, damit ist der Teil abgeschlossen, den Dieter Schulz spontan auf der Justizschreibmaschine verfasst hat: auf dünnem Durchschlagpapier in Zeilen mit von Rand zu Rand hüpfenden Buchstaben, mit unterschiedlicher Anschlagstärke und abenteuerlicher Rechtschreibung getippt.

Die nächsten rund 20 Kapitel erreichten mich per Mail. Schulz war inzwischen frei und wurde von uns ermutigt, weiterzuschreiben.

[3] Dierk Schäfer, Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion, Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 9/2016, http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4128

[4] http://lyricstranslate.com/de/bertolt-brecht-erstes-dreigroschenfinale-lyrics.html

[5] Diese ist allerdings nicht in allen Fällen ein zuverlässiger Weg zu einem Leben frei von Kriminalität, nicht einmal von schwerer Kriminalität. Das zeigt ein Blick auf die gerade aktuell sichtbaren Machenschaften erfolgreicher Firmen und ihrer Manager. Auch diese sind Täterpersönlichkeiten, sonst hätten sie in ihrem Umfeld nicht reüssieren können. Selbst wenn sie mal zur Rechenschaft gezogen werden, fallen sie weich. Dieter Schulz aber lebt ärmlich von Sozialhilfe, sitzt im Rollstuhl und hin und wieder fährt man ihn zum Discounter-Einkauf.

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/

[7] http://umgangssprache_de.deacademic.com/26403/Trebe

 

In Kapitel 21, geht es weiter. Titel: Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Darin erfahren wir, wie er es angestellt hat, ins Schiebergeschäft einzusteigen, wirklich sehr clever.

_Inhaltsverzeichnis