Dierk Schaefers Blog

Wenn Inklusion bloß Illusion wäre, …

… aber sie ist politischer Betrug. Hansgünter Jung berichtet heute vom Praxisschock[1]. Der war allerdings abzusehen und wurde vielfach vorausgesagt, nicht nur hier im Blog.[2]

Jung schreibt: »Die inklusive Schule war lange Zeit ein Selbstläufer. Ihre Prot­agonisten brauchten nur das Wort „UN-Behindertenrechtskonvention“ auszusprechen – und unbequeme Fragen zu Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit dieses bildungspoliti­schen Großprojekts wurden gar nicht erst gestellt. Gesinnungsethische Beflissen­heit ersetzte juristische Hermeneutik. Doch jetzt bahnt sich im öffentlichen Diskurs eine Wende an. Sie beruht auf ei­nem Praxis­schock, der gleich von zwei Sei­ten kommt. Die Eltern der behinderten Kinder erleben, wie eine Förderschule nach der anderen aufgelöst wird. Gleich­zeitig hat sich der Blick der Öffent­lichkeit dafür geschärft, wie schwierig Inklusion in den meisten Fällen ist: schließlich gilt es den Lernbehinderten, geistig Behinder­ten und Verhaltensauffälligen gerecht zu werden. Die Sensibilisierung hat etwas da­mit zu tun, dass die Lehrkräfte der Regel­schulen neuerdings vor eine weitere Auf­gabe gestellt sind. Sie müssen jetzt auch noch zahlreiche Flüchtlings- und Migran­tenkinder ohne Deutschkenntnisse unter­richten und erziehen. Jetzt hört man den überforderten Lehrkräften endlich zu, wenn sie fragen: „Was sollen wir eigent­lich noch alles leisten?“«

Mich wundert diese Entwicklung nicht, höre ich doch ähnliches aus dem Schulbereich von meinen Bekannten.

 

Fußnoten

[1] Hansgünter Lang, Inklusion vor der Wende, Lange Zeit waren die kritischen Stimmen zur Integration behinderter Schüler kaum zu hören, nun stellt sich der Praxisschock ein. Zitate aus diesem Artikel. FAZ-Print, Donnerstag, 18. Mai 2017. Wird wohl nicht digital erhältlich sein. Ich habe den Artikel gescannt und schicke ihn gern auf Mailanforderung zur privaten Verwendung.

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/04/03/die-illusion-der-inklusion/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/06/12/die-faz-geizt-mal-wieder-mit-ihren-print-artikeln-und-stellt-sie-nicht-ins-netz/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/07/kinderrechte-inklusion-macht-kinder-zu-verlierern/

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

           die keine Kindheit war.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Mordanklage

Wie gesagt, mein Dienstplan lag auch in Kopie immer in der Wohnung herum. Danach richtete sich meine Frau, wenn sie ihren Lover kommen ließ. Dass ich mal außerplanmäßig auftauchen könnte, war ihr nicht in den Sinn gekommen.

Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in die 14te Etage, schloss die Wohnungstüre auf. Ich sah ein wenig Licht zum Flur hin vom Wohnzimmer durch das geriffelte Glas in der Türe fallen. Vom Wohnzimmer ging es direkt ins Schlafzimmer. In der Zwischentüre war eine Milch­glasscheibe angebracht. Von dort kam die Lichtquelle. Sie wird wohl noch lesen, dachte ich. Es war ja auch noch relativ früh.

Zwischen ihren weißen, weit gespreizten Schenkeln lag ein pechschwarzer Männerkörper.

Pustekuchen. Von wegen, sie las ein Buch! Sie ließ es sich nach allen Regeln der Kunst besorgen. Zwischen ihren weißen, weit gespreizten Schenkeln lag ein pechschwarzer Männerkörper. Erst als meine Frau zu sprechen anfing, merkte der Actionheld, dass irgendetwas nicht stimmte, lag er doch mit von der Türe abgewandtem Gesicht auf meiner Frau. Unverfroren forderte mich mein holdes Weib auf: „Geh in die Küche und warte bis wir fertig sind, dann bekommst du eine Erklärung!“

Noch bevor ich diese Frechheit verdauen konnte, begannen sich die Ereignisse zu überschlagen.

Der Bimbo[1] zeigte sich sehr erbost darüber, in seiner schönen Beschäftigung gestört worden zu sein. Sprang der doch samt seiner Lanze aus dem Bett und auf mich zu. Obwohl er hätte wissen müs­sen, es hier mit einer verheirateten Frau zu tun zu haben, versuchte er den rechtsmäßigen Mann aus dem Weg zu räumen. Nicht nur die diversen Schlägereien im Heim, auf der Straße und Hafen­kneipen hatten mich zu kämpfen gelehrt. Schließlich hatte ich ja noch eine Spezialausbildung vom Staat finanziert beim Bund erhalten. Meine Schmerzen im linken Fuß nahm ich überhaupt nicht mehr wahr. Zunächst einmal war ich nur damit beschäftigt seinen Schlägen auszuweichen. Dabei war ich schon ins Wohnzimmer ausgewichen und hatte die offene Balkontüre gesehen. Damit der Bimbo mir nicht die gesamten Möbel zerschlagen konnte, ein Regal hatte er schon demoliert, wich ich auch noch auf den völlig leeren Balkon aus. Verdammt noch mal, auch der Kerl schien mit Adrenalin vollgepumpt zu sein. Meine Handkantenschläge sowie meine zielsicher angebrachten Fingerspitzenattacken auf seinen Solarplexus zeigten keinerlei Wirkung. Meine Handknöchel began­nen schon zu schmerzen, abgesehen davon, dass mir das Blut aus der Nase in den Mund floss.

14 Etagen reichten nicht, aus ihm einen flugfähigen Menschen zu machen.

Dann schoss mir ein Ratschlag in den Kopf, den ich mal bei einer geselligen Runde mit mei­nen Schiffskameraden aufgeschnappt hatte. „Hast du mal Ärger mit einem Neger, versuche es erst gar nicht, ihn mit der Faust k. o. zu schlagen. Warum sind die meisten Boxweltmeister wohl N ..? Die haben eine ganz andere Schädelstruktur. Soll ich euch mal sagen, wo die Typen empfindlich sind?“ Was der erfahrene Seemann damals ausgeplaudert hatte, fiel mir jetzt ein. Der Kerl schwitzte nicht alleine von seiner schweren Arbeit auf meiner Frau. Es war dazu auch noch eine heiße August­nacht. Hinzu kam noch der heiße Kampf zwischen uns beiden, dass er regelrecht zu stinken begann. Versuchte er doch auch, mich mit seinen Armen zu umklammern. Ich stand ohne­hin nicht auf Kerle, also musste ich jetzt was tun. Mit dem Seitenrist meiner Lederschuhsohle holte ich kräftig aus und trat ihm ordentlich vors Schienbein. Sein Schrei klang wie der Beginn eines Kriegstanzes. Über den Beginn kam er allerdings nicht hinaus. Er stellte einen Weltrekord im Hochsprung auf. Das war das letzte, was er in diesem Leben tat. Er hüpfte doch tatsächlich mit diesem Hochsprungrekord direkt ins Nirwana. Wenn er denn dorthin gehörte. Die Evolutionszeit bis zum Aufschlag 14 Etagen tiefer reichte nicht aus, aus ihm einen flugfähigen Menschen zu machen.

Gruppensex?

Einige Leute im Haus hatten zu der Zeit schon Telefonanschluß. Deshalb war die Polizei mit dem Arzt auch so schnell vor Ort. Meinem geschwollenen Bein wurde keinerlei Beachtung geschenkt. Dafür bekam ich ein paar ziemlich eng anliegende Handschellen angelegt. Meine Frau, wohl ahnend, dass auch ihre zweite Ehe nicht mehr zu kitten war, behauptete der Polizei gegenüber doch allen Ernstes, dass wir Gruppensex gemacht hätten und ich den schwächsten Moment des Kerls ausgenutzt hätte, um ihn vom Balkon zu stoßen, weil ich es nicht hätte ertragen können, dass sie auch bei dem Kerl da unten Gefühle gezeigt hätte. Ihre Aussage bekräftigte sie dann auch noch damit, dass ich auf Gruppensex stehen würde, indem sie die damals in Deutschland noch verbote­nen Pornohefte hervorholte, die ich mir während der Seefahrtszeit in Schweden und/oder in Dänemark gekauft hatte. Das alles genügte, um mich gleich in U-Haft zu stecken. Schon am nächsten Morgen eröffnete mir der Untersuchungsrichter, dass eine Mordanklage gegen mich vorliegt und ich deshalb in Untersuchungshaft verbleiben würde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das ganze Geschehen der vergangenen Nacht noch gar nicht richtig realisiert in meinem Hirn. In den letzten Stunden in der Polizeizelle hatte ich immer versucht, das Geschehene aufzuarbeiten. Es gelang mir aber nicht. Meine Gedanken schienen neben meinem Körper zu schweben, ohne dass ich sie zu fassen bekam. Ich stand einfach neben mir. Immer wenn ich mich fragte, warum meine Frau nur diese infame Lüge der Polizei gegenüber vorgebracht hatte. Und da setzte es bei mir auch schon aus. So als hätte ich Watte in meinem Gehörgang vernahm ich, was man mir vorwarf und ließ mich anschließend mit weichgewordenen Knien abführen. Es ging direkt zur Krümmede 3. Im Unterbewusstsein nahm ich das Haus Nummer 8 wahr. Dort lebten meine Schwiegereltern, wo wir häufig zu Besuch waren. Links von der Haupteinfahrt zum Knast war eine Wohnsiedlung der Beam­ten. Der größte Teil der Justizbeamten, die im Knast auch Schließer genannt wurden, wohnten dort. So auch mein Schwiegervater. Oberverwalter seines Zeichens. 13 Kinder hatte der Mann in die Welt gesetzt. Eines davon war meine Frau. Mein Schicksal hatte es so gewollt, dass ich ausgerech­net an das Schwarze Schaf der Familie geraten war. Eines Tages, ich saß gerade auf dem Klo, um meinen Knastfraß der Natur zurück zu geben, da drehte sich mit lautem Knirschen ein Schlüssel im Türschloss. Laut genug, dass der ohnehin hellhörige Bau alles mithören konnte, schrie er, ohne meine Zelle zu betreten: „Du Strolch musst nicht denken, dass dir hier irgendein Vorteil dadurch entsteht, dass du mein Schwiegersohn bist. Das heißt warst. Für so einen wie dich gibt es keinen Platz in unserer Familie!“ Damit schloss er auch schon wieder meine Zellentüre. Somit hatte er der gesamten Bochumer Knastwelt kundgetan, dass er sich von der Tat seines Schwiegersohnes distanziert hatte. Ich sah ihn dann nur noch einmal in meinem Leben. D.h. während meiner U-Haftzeit. Ich hatte mich gleich um Arbeit in der Anstalt bemüht. Einerseits, um der Monotonie des Knastalltags zu entgehen, zum anderen weil ich inzwischen der Nikotinsucht verfallen war. So lernte ich denn blass­blaue Briefumschläge zu kleben, die vom gesamten Justizwesen in NRW benötigt wurden. Für 1200 gefertigte Umschläge gab es 50 Pfennige. Jeder Knacki bemühte sich, dieses Soll überzuer­füllen, denn dann gab es eine Sonderprämie, für die dann auch schon mal ein Glas Instantkaffee drin war. Während dieser Zeit hatte mein Schwiegervater, der die Aufsicht über eine aus Knackis bestehende Reparaturkolonne hatte, einen Auftrag für die Arbeitshalle, in der auch ich arbeitete. Was soll ich sagen? Draußen noch in Freiheit bei unseren Besuchen lobte er mich immer wieder wegen meines Fleißes und dafür, dass ich seine Tochter trotz der beiden bereits vorhandenen Kin­der geheiratet hatte und wie gut ich die Familie versorgte. Dabei hob er besonders hervor, dass ich ja auch ein waschechter Ostpreuße war, wie er auch. Davon war nun nichts mehr zu spüren. Er vermied es mich anzusehen, drehte mir ständig vielsagend seinen Arsch zu.

Ich habe oft im Leben feststellen müssen, dass ein Unrecht selten alleine kommt. Ich bekam einen sehr engagierten Pflichtverteidiger zugewiesen. Dieser bröselte den ganzen Vorfall besagter Nacht bis ins Kleinste auf und schaffte es, einen vereidigten Sachverständigen hinzuzuziehen. Die Lügen meiner Frau, von wegen Gruppensex, wurden schon alleine vom Zeitfaktor widerlegt. Denn mein Chef und die Arbeitskollegen konnten guten Gewissens aussagen, dass es gar nicht möglich war, dass ich daran beteiligt war. Dann bekam auch noch mein Hauswirt bzw. der Architekt des Hoch­hauses sein Fett weg. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Balkonbrüstung bei weitem nicht die vorgeschriebene Höhe hatte. Bei vorschriftsmäßiger Höhe wäre der Bimbo nicht ins Fliegen gekom­men. Letztendlich wurde die Anklage auf schwere Körperverletzung mit Todesfolge reduziert. Was den Richter veranlasste mich zu fragen, was ich denn vorziehen würde: Viereinhalb Jahre Gefängnis oder drei Jahre Zuchthaus. Natürlich entschied ich mich für die „nur“ drei Jahre Zuchthaus. Bis das Urteil rechtskräftig wurde verging allerdings noch einige Zeit. Schon einen Tag, nachdem mein Schwiegervater in unserem Briefumschläge fabrizierenden Betrieb aufgetaucht war, schickte mich mein Werkmeister wieder zurück auf die Zelle. Hatte man meinem Schwiegervater schon den Schlüssel für den U-Haft Bereich abgenommen, so wollte man jetzt auch jeden anderen Kontakt verhindern. Die Gefängnisleitung oder auch seine missgünstigen Kollegen(?) trauten ihm nicht so recht. Um mir auch weiterhin durch meinen Sklavenlohn ein paar Annehmlichkeiten gönnen zu können, gab man mir auf Drängen hin eine Knochenarbeit auf die Zelle. Ich „durfte“ Fußbälle nähen. Ich denke nur noch mit Grausen an diese Fußballnähzeit zurück. Bis es zu meinem „Mord­prozess“ kam vergingen eine Reihe von Monaten.

Im Knast und schon wieder Vater?

Zu der nervenaufreibenden Prozessführung flat­terte mir auch noch ein Brief in die Zelle, worin mir mitgeteilt wurde, dass ich erneut Vater eines Sohnes geworden sei. Laut Kopie der Geburtsurkunde sollte dieser Boarfa Marem Driss[2] heißen. So ein Driss aber auch. Driss steht in NRW, zumindest in Bochum, für das Wort Scheiße![3] Nie habe ich diesen „meinen“? Sohn zu Gesicht bekommen. Ich nehme aber stark an, dass er eine ebenso schöne braune Hautfarbe hatte, wie die zwei danach geborenen Kinder meiner Frau. Wie mein Rechtsanwalt recherchieren konnte, war zwei Tage nach dem Bimbo-Abflug dessen Bruder aus Marokko eingeflogen, um an der Beerdigung teilzunehmen. Diesen Bruder nahm sich meine noch Ex-Frau auch gleich zur Brust. Und weil die Geburt des Kin­des noch in die gesetzliche Karenzzeit fiel, wurde der Junge eben auch noch in mein Stammbuch geschrieben. Ich wehrte mich natürlich mit Hilfe meines Anwalts dagegen. Doch noch bevor es deswegen zu einer Gerichtsverhandlung kommen konnte, hatte sich die Angelegenheit von selbst erledigt. Ich bekam wieder einmal so einen vielleicht sogar von mir gefertigten Blauen Brief. Darin enthalten war ein Totenschein. Ohne weiteren Kommentar erfuhr ich so, dass es keinen Moarfa Marem Driss mehr gab.

Tauschangebot: Eine Zelle in Celle

Einen Tag nachdem das Urteil rechtskräftig geworden war, wurde mir eine Audienz beim Gefäng­nis­direktor zuteil. Dieser legte mir nahe ein Gesuch zu schreiben, welches die Bitte enthielt, mich meine Haftstrafe nicht in NRW absitzen zu müssen, sondern sie gerne in Celle, Niedersachsen, zu verbüßen. Als Begründung reichte natürlich die verwandtschaftliche Beziehung zu einem in NRW tätigen Justizbeamten. Außerdem machte man es mir schmackhaft, indem man mich darauf hinwies, dass ja nur wenige Kilometer entfernt meine Mutter wohnen würde und diese mich in Celle viel öfter besuchen könne. Diesem Antrag wurde natürlich sehr schnell statt gegeben. Im Austausch mit einem Gefangenen aus Niedersachsen, der lieber seine Zeit in NRW absitzen wollte, ging es recht zügig über die Bühne.

Jetzt lernte ich mal so richtig den Unterschied zwischen einem Gefängnis und einem Zuchthaus ken­nen. Nicht nur der Unterschied zwischen dem Neubau in der Bochumer U-Haftanstalt und dem Jahrhunderte alten Bau in Celle war gravierend. Hatte ich in Bochum schon eine etwas über acht Quadratmeter große Zelle mit eingebautem Klo bewohnt, so bekam ich in Celle, weil ich unbe­dingt eine Einzelzelle wollte, eine so genannte Kopfzelle zugewiesen. Zwischen Türe und Fenster war mal gerade Platz für ein zwei Meter langes Bett und einem Waschständer. Statt eines einge­bauten Klo’s hatte ich eine Plastik-Bettpfanne, eine Waschschüssel und eine Wasserkanne. Mein tragbares Plastikklo durfte ich jeden Morgen auf der gleichen Etage entleeren und säubern. Zwei­mal am Tage konnte ich eine Kanne voll Wasser fassen. Die Breite der Zelle war so ausge­messen, dass ich, wollte ich mich schlafen legen, den Tisch an der gegenüberliegenden Wand hochklappte und ankettete. Umgekehrt, wollte ich am Tisch sitzen, musste ich das Bett hoch­klap­pen und an der Wand mit einer Kette einhaken.

Ich lernte im Celler Zuchthaus die tiefsten Abgründe der Menschheit kennen.

Nachdem ich meinen dreimonatigen A-Vollzug mit Nichts-tun hinter mich gebracht hatte, durfte, nein musste ich arbeiten. Eingeteilt wurde man dort, wo gerade ein Platz frei war. So lernte ich zunächst Kulturtaschen zu nähen. Wurde von dort abge­worben, um im Nebenbetrieb Arbeits­handschuhe aus Leder zu nähen. Jede der Knastarbeiten war natürlich mit einem Mindestpensum belegt. Erst wer darüber hinaus produzierte kam in den Genuss einer Prämie. Diese ausgelobte Prämie machte den Reiz aus, sich akkordmäßig ins Zeug zu legen, wurde die Prämie doch vollständig zum Einkauf freigegeben, während von dem Normal­verdienst ein Drittel zur Bildung einer Rücklage für die Zeit nach der Entlassung abgezogen wurde. Als Vorarbeiter und gleich­zei­tigem Zellennachbarn hatte ich den berühmt-berüchtigten Tangojüngling. Den Spitznamen Tango­jüngling hatte ihm seinerzeit die Presse gegeben. Eigentlich war der von Hallatsch[4] der erste Bom­ben­leger der BRD in der Nachkriegszeit. Dieses arrogante Stück Scheiße hatte einige Briefbomben verschickt, einen Menschen getötet und einen erblinden lassen. Er war wohl derzeit einer der „pro­mi­nentesten“ Gefangenen. Hatte ich draußen in Freiheit die Art von Prominenz bedient, die mehr oder weniger als solche zu bezeichnen waren, weil Film, Presse oder Rundfunk sie dazu gemacht hatten, so lernte ich im Celler Zuchthaus die tiefsten Abgründe der Menschheit kennen. So wurde ich sogar (Ohren-)Zeuge, wie ein Stern Reporter in meiner Nachbarzelle ein Interview mit dem Bom­benleger durchführte. Sorry, Herrschaften. Seit dieser Zeit lese ich keine Interviews mehr in irgendeiner Zeitschrift. Zwischen dem, was ich gehört hatte und dem anschlie­ßend Gedruckten lagen ganze Welten. Ich möchte hier noch anfügen, dass die Behauptung, der von Hallatsch wäre ein arroganter, hochnäsiger Fatzke gewesen, nicht alleine auf meinem Mist gewachsen ist. Sämt­liche damals diensttuenden Beamten einschließlich des Gefängnisdirektors wären da meiner Mei­nung. Dieser Schönling verbrauchte jeden Monat Unmengen von Nivea­dosen, um seine Haut jung zu halten. Er glänzte ständig wie eine Speckschwarte. Auch noch als ich ihm mal zufällig viele Jahre später im AOK Gebäude in Hannover begegnete. Als ich ihn dabei mit dem Namen von Hallatsch ansprach, glänzte er nach wie vor wie eine Speckschwarte, hatte aber längst seinen Namen gewechselt. Er, wie ein Dandy gekleidet, tat ganz empört, dass ich ihn ange­sprochen hatte. Es müsse eine Verwechslung sein. Damit dreht er mir den Rücken zu. Ich irrte mich ganz bestimmt nicht. War er doch mein Vorarbeiter gewesen und dazu auch noch mein bester Kunde. Kunde insofern, dass er ständig meine neuesten Ausgaben der Pornohefte im Leasingver­fahren erhielt. Wie denn das? werden Sie sich jetzt fragen.

Eigentlich hätte ich gar nicht zu arbeiten brauchen. Mein Spind war ständig gefüllt.

Nun, ich hatte einen Weg gefunden, solche Hefte, die es damals noch nicht einmal in Deutschland zu erstehen gab, eben in dieses Zuchthaus zu schmuggeln. Eigentlich hätte ich gar nicht zu arbei­ten brauchen. Mein Spind war ständig gefüllt. Ja, sogar überfüllt mit Tabak und Kaffee, der einzi­gen Knastwährung, für die man sich so manches leisten konnte. Von Hallatsch gönnte sich manch­mal sogar einen Schwanz­lutscher. Das aber erst ab dem Jahre 1969, als die große Koa­lition mit Beteiligung der SPD das Strafvollzugsgesetz reformiert hatte. Das hieß: der Name Zuchthaus wurde abgeschafft und jede Menge am Strafvollzug an sich geändert. So auch die Erlaubnis ein Transi­stor­radio zu erstehen. Und vieles mehr. Bis dahin waren die selbstgebastelten sogenannten „Immchen“[5] hoch im Kurs. Also jede Neuausgabe eines Pornoheftes hatte 32 Seiten. Diese num­merierte ich natürlich fein säuberlich und verlieh das Heft für ein Päckchen Tabak für 24 Stunden. Hatte ich alle meine für mich erreichbaren Kunden abgegrast, so verkaufte ich das jeweilige Heft an einen Kalfaktor eines anderen Häuserblocks. Der besser verdienende Vorarbeiter und Nichtraucher von Hallatsch erkaufte sich das Privileg, die jeweiligen Hefte als erster zu erhalten damit, dass er mir sogar zwei Päckchen Tabak dafür zahlte.

Die Strafvollzugsreform brachte es auch mit sich, dass am Wochenende Umschluss genehmigt wurde. In den Nachmittagsstunden konnte man sich mit anderen Gefangenen in einer Zelle treffen. Einfach nur Quatschen, Schachspielen, Skat oder, was noch beliebter war, Pokern. Es gab dann noch die Gefangenen, die draußen bei einer Fremdfirma arbeiten durften. So konnte ich dann auch besonders guten Freunden, wenn sie am Wochenende bei mir zu Besuch waren, sogar einen Cognac oder Wodka anbieten. Weil auch das Licht nicht mehr pünktlich um 22 Uhr abgeschaltet wurde, wir einfach nur die Glühbirne selbst lockern durften, wenn wir schlafen wollten, blieb mir genügend Zeit, dicke Briefe zu schreiben. Endlich konnten die Gefangenen sich auch unge­schwärzte Zeitungen in den Knast bestellen. Zeitungen an sich konnte man schon immer beziehen. Nur alle verbrechensrelevanten Artikel und andere Dinge, die ein Knacki nicht lesen sollte, wurden einfach geschwärzt. Auch das hatte nun ein Ende. So kam ich dann mit meinem schriftstellerischen Talent an eine Frau. Es würde hier zu weitführen, den gesamten Knastalltag zu beschreiben. Dass die Knastzeit aller­dings kein Zuckerschlecken ist, dürfte wohl jedem Leser bekannt sein. Deshalb würde ich auch nur auf Anfrage die näheren Einzelheiten beschreiben, wie es mir dennoch gelang, mit meiner Briefbe­kannt­schaft IM KNAST während ihres Besuchs Körperflüssigkeiten auszutauschen. Sämtliche, wohlgemerkt!

Wieso nur verzettele ich mich immer wieder in Einzelheiten? Ich wollte doch eigentlich nur im Rückblick mein Leben aufarbeiten und dem Außenstehenden vermitteln, WARUM ich so viele Jahre im Knast zugebracht habe. Vielleicht um ein wenig Ver­ständnis bettelnd?

Nein, ich wurde nach meiner Haftentlassung wie so viele weder zum Bettler mit einem Schild um den Hals: „Haftentlassener ohne Arbeit und Obdach bittet um eine kleine Spende!“ Auch wurde ich nicht zum billig-saufenden Penner. Wird ein Gefangener in der Neuzeit automatisch zu einem Anhörungstermin geladen, wo darüber entschieden wird, ob es zu verantworten ist, einen Gefan­ge­nen schon nach zwei Drittel verbüßter Haftstrafe zu entlassen, musste der Knacki sich selbst darum kümmern. Kurz vor Ablauf der Zeit musste der Gefangene ein Gesuch schreiben. Er musste auch darin schildern, warum er glaube, einen Straferlass von einem Drittel seiner Strafe verdient zu haben. Ich machte mir nicht viel Hoffnung, einen Straferlass zu bekommen. Zwar war ich immer fleißig meiner Arbeit nachgegangen, hatte die vorgeschriebene Menge stets überschritten, aber nur weil ich gierig darauf war, mit einem guten Geldpolster nach meiner Entlassung ausgestattet zu sein. Na ja, auch um die Zeit mit Arbeit totzuschlagen, um ehrlich zu sein. Ansonsten war ich nicht gerade der handliche und gefügsame Gefangene gewesen. Stets hatte ich ausgenutzt, dass es einen Petitionsausschuss gab, wo ein Gefangener Missstände im Knast anpran­gern konnte. Die Stellungnahmen vonseiten der Anstaltsleitung mussten denen ganz schön auf den Keks gegangen sein. Ich glaubte also, dass deren Stellungsnahme auf mein Gnadengesuch dementsprechend ausfallen würde. – Weit gefehlt. Eher war es anscheinend so, dass man mich herausgelobt hatte, um endlich diesen Störenfried los zu werden.

Mir wenig Erfolg ausrechnend hatte ich dann auch ziemlich verspätet, mehr aus langer Weile, auf Drängen meiner neuen Liebschaft und um auch zu erfahren, wie man mich denn im Knast beur­teilte, das entsprechende Gesuch geschrieben. In schon relativ kurzer Zeit bekam ich mal wieder einen Blauen Brief vom Stationsbeamten ausgehändigt, als ich von der Arbeit kam. Besagter Beamte, der ja auch an der Stellungnahme der Anstalt beteiligt war, wie so viele andere ein­schließlich des Gefängnispfarrers, ahnte schon, worum es in dem amtlichen Schreiben ging. Nachdem er auch allen anderen aus den Betrieben einrückenden Gefangenen die Zellentüren aufgeschlossen hatte, kam er wieder zu mir zurück. Es war eigentlich die Zeit, wo die Zellentüren offen blieben und wir unsere Zellenklos nochmal reinigen konnten, sowie die Wasserkanne neu füllen durften. Er fand mich am Tisch sitzend und auf den Brief starrend vor. Statt Wasser zu holen holte ich immer noch tief atmend Luft.

„Na Schulz was steht drin?“ konnte der Schlüsselknecht seine Neugierde nicht länger verbergen.

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Fußnoten

[1] Die Bezeichnungen dieser Person entsprechen nicht der heute üblichen political-correctness. Ich habe sie beibehalten. Dierk Schäfer

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Driss

[3] http://www.mitmachwoerterbuch.lvr.de/detailansicht.php?Artikel=Driss

[4] Erich von Halacz http://www.daserste.de/kriminalfaelle/sendung_dyn~uid,fr6030t31x7yohbe8cff8943~cm.asp

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_von_Halacz

[5] Immchen, Kosebezeichnung für Ehemann oder Freund http://www.ruhrgebietssprache.de/lexikon/immchen.html

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXV

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

               die keine Kindheit war.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Leinen los! Auf den Weltmeeren – und wieder zurück.

Von wegen, nach einer paar Wochen wieder ins Berufsleben einsteigen. Es sollte über zwei Jahre dauern, bis es wieder soweit war. Zunächst einmal hatte ich das Glück auf einen Landsmann, sprich Ostpreußen, als Chefarzt zu stoßen, der es nicht wahrhaben wollte, dass noch einer der wenigen verbliebenen Ostpreußen ins Gras beißen sollte. Viel gab es derzeit noch nicht, um der Tuberkulose Einhalt zu gebieten. Mit Streptomycin konnte man zwar die Bakterien dazu bringen, sich zu verkapseln, einmal gefressene Löcher aber blieben. Es gab eigentlich nur zwei Möglich­keiten, die Löcher zu entfernen. Schon lange praktiziert wurde: ein paar Rippen brechen, den befal­lenen Lungenflügel herausschneiden; die andere, ganz neue Methode, gerade aus den USA importiert, war die etwas schmerzhafte Methode, in regelmäßigen Abständen eine acht Zentimeter lange, ziemlich dicke Kanüle zwischen die Rippen gestochen zu bekommen, mit deren Hilfe dann die Lunge mit zunächst einmal 300-400 Kubikzentimeter Luft zusammen­gepresst werden sollte. Somit würden die Wundränder der Löcher wieder zusammen­wachsen. Erst einmal sollte diese Prozedur alle drei Tage wiederholt werden. Nach einer gewissen Zeit steigerte man die Luftmenge bis auf 1000 Kubikzentimeter. Dann allerdings nur noch im Abstand von 14 Tagen. Dieser Luft­druck wurde jedesmal vor und nach der Füllung von einer Röntgenaufnahme begleitet. Wenn man bedenkt, welche Strahlungen damals so ein Röntgengerät ausstrahlte, müßte ich heute eigentlich wie eine hellglühende Neonröhre herumlaufen. So wie die Ärzte die Luftmenge erhöht hatten, so wurde diese nach gut zwei Jahren wieder reduziert. Und siehe da, die zusammengepressten Wund­ränder hielten!

Jede Anstrengung sollte ich vermeiden. Ich dagegen ließ keinen Tanzabend aus.

Natürlich war ich nur zu Beginn der Behandlung drei Monate lang in einer Lungenheil­stätte und dann wieder, als die Reduzierung begann, die letzten drei Monate. Dazwischen wurde ich ambu­lant behandelt. Ich frage mich, wieso ich eigentlich noch lebe. Ich verstieß natürlich in meinem jugendlichen Leichtsinn gegen jede Auflage, die mir mit auf den Weg gegeben wurde, wollte ich das Ganze überleben. Jede Anstrengung sollte ich vermeiden. Ich dagegen ließ keinen Tanzabend aus. Holte mit meiner süßen Freundin Preise im Rock’n-Roll-Tanzwettbewerb, legte mich im Som­mer in die Sonne, um braun zu werden. Und ganz nebenbei verdiente ich mir des Nachts als schwarz­arbeitender Kellner so manche Mark zum Krankengeld hinzu.

Jetzt noch eine kleine Anmerkung zu meiner Aussage, dass mein Stiefvater nur schlau aber nicht klug war: Weil ich nun des Nachts häufig mein Krankengeld auffrischte, besuchte meine Freundin oft meine Mutter. Ja, sie nannte diese sogar Mutti. Sie war nämlich auch ein verwaistes Kriegskind und freute sich über den Familienanschluss. Das mit dem Familienanschluss hatte mein Stiefvater wohl in die falsche Kehle bekommen. Hilfsbereit, aber mit Hintergedanken, bot er meiner Freundin an einem dunklen Abend an, sie noch ein Stück mit dem Fahrrad zu begleiten, da wir ziemlich abge­legen von der Stadt auch noch durch die Eilenriede[1] mussten. Irgendwann merkte ich, wie Gisela sich veränderte. Nachdem sie sich sogar weigerte, mit mir zusammen meine Mutter zu besuchen, nahm ich sie richtig zur Brust. Unter Tränen erfuhr ich dann endlich von ihr, was sie so sehr verändert hatte. Willy, der Strolch hatte versucht, sie zu vergewaltigen. Die Rechnung für sein beinahe Ver­gnügen servierte ich ihm prompt. Die leuchtende Narbe quer über seine Stirn hat er mit in sein Grab genommen. Modebewusst wie ich damals war, hatte ich mir natürlich auch einen Silberring in Form eines Löwenkopfes zugelegt. Einer meiner Schläge traf u.a. eben seine Stirn und ließ sie schön aufplatzen. Daraufhin platzte sein Kragen und er gab mir auf Lebenszeit Hausverbot; doch dieses konnte er nicht allzu lange aufrecht erhalten, weil meine Mutter à la Lysistrata[2] han­delte. Der geile Bock hielt das nicht lange aus und ich konnte meine Mutter wieder besuchen, wenn mir danach war. Allerdings vermieden wir es in Zukunft uns im gleichen Raum aufzuhalten.

Wer von meinen Heimkameraden kann schon von sich behaupten, jemals in Afrika an der Gold- oder Elfenbeinküste gewesen zu sein.

Ich hatte seinerzeit großen Gefallen an dem Tor zur Welt Hamburg, gefunden. Auch die Seeluft auf Sylt fehlte mir. Ich hatte gehört, wie gefragt „Überseefrachtbegleiter“ in Hamburg waren. Da der Familienfrieden in Hannover ohnehin gestört war und ich mich ziemlich flügge fühlte, begab ich mich direkt ins Heuerbüro in der Nähe vom Landungsbrückencafé. Paul stellte mir sofort gleich mehrere Angebote zur Auswahl. Ein reines Passagierschiff stand derzeit nicht zur Auswahl. Aber ein Kombischiff gefiel mir. Es war ein Bananenjäger[3], kombiniert mit Passagier­plät­zen, der hatte es mir sofort angetan. Man stelle sich vor: ein 137 Meter langes, blitzweißes Schiff, welches neben 18.000 BRT Fracht auch noch 48 Passagiere befördern konnte. Der Kapitän sagte mir, dass er für die Passagiere einen zweiten Steward benötigte. Er nannte mir Häfen und Länder, die das Schiff anlaufen würde. Bei all diesen Namen musste ich wohl gerade mal wieder im Erd­kundeunterricht gefehlt haben. Aber bei der Aussicht, all diese Länder mal persönlich kennen zu lernen, wurde mir ganz anders ums Herz. Etwas Englisch hatte ich ja schon während meiner Kellnerlehre aufge­schnappt und auch bei der Bundeswehr. Deshalb behauptete ich rotzfrech auf diese Frage vom Kapitän, dass ich damit keine Probleme hätte. Schulz war ja anpassungsfähig und lernbegierig. Es kam deswegen auch nie eine Beschwerde zu seinen Ohren.

Wer von meinen Heim­kameraden kann schon von sich behaupten, jemals in Afrika an der Gold- oder Elfen­beinküste gewesen zu sein. Na, wer von euch ist durch den Panamakanal geschippert, hat Guate­mala betreten, hat Southampton in England, Bilbao in Spanien, Abo in Finnland[4], Rotterdam oder den Fruchthafen in Hamburg mit einem Schiff angelaufen? Bei meinen wenigen Besuchen war Mutter richtig stolz auf ihren weltreisenden Sohn. Stolz zeigte sie ihren wenigen Besuchern auch die spezifischen Geschenke, die ich ihr aus den jeweiligen Ländern mitbrachte. In ihrem 500 qm großen Garten war sie besonders stolz über ihre Gladiolen, die sie besonders liebte. In jedem angelaufenen Land war ich immer auf der Suche nach einer Gladiolenart, die es sonst nirgendwo gab. So kann ich sagen, dass niemand in und um Hannover rum solch eine Sammlung aufweisen konnte, wie sie meine Mutter besaß.

Ich könnte hier so einige Episoden aus meiner Seefahrtszeit einfügen, die lohnenswert wären berich­tet zu werden. So zum Beispiel, dass unser Schiff samt Besatzung und Passagieren vor der westafrikanischen Küste von schwarzen Rebellen gekapert wurde. Die Kolonialmächte hatten sich aus ihren Kolonien zurückgezogen. So begann in den besagten Ländern ein Hauen und Stechen, um die Regierungs­macht. Welchem von den Herren -Mobuto[5]-Kasawubu[6] oder Lumbumba[7] unsere Kidnapper angehörten, kann ich nicht sagen, aber uns ging allesamt der Arsch auf Grund­eis beim Anblick der hauptsächlich mit Macheten und Messern bewaffneten Schwarzen. Zwar hatte ich dem Tod schon in meiner frühen Kindheit bei den Bombenangriffen der Engländer auf Königs­berg in die Augen geblickt, oder die Salven der russischen Tiefflieger, die auf unseren Flüchtlings­treck abgefeuert wurden. Mutter hatte mich, den Jüngsten, auf einen Schlitten neben unser Hab und Gut einge­mummelt festgezurrt. Die Leuchtspurmunition schlug neben dem Schlitten ein, ließ den Schnee zu Fontänen neben mir aufstieben. Damals aber war ich noch zu jung, um den Ernst der Lage zu begreifen. Dann aber der Vorfall im Skagerak, den nahm ich mit meinen 23 Jahren schon ganz bewusst wahr.

Es rumste gewaltig, als die Schiffsschraube abbrach. Vorsichts­halber ließ ich mich von unserem Kapitän nottaufen.

Wie sagt man so daher? Ein Unglück kommt selten alleine? So kam es dann auch sprichwörtlich auf unser Schiff zu. Das doppelte Unglück! Ein Sturm der Windstärke 12 war auf hoher See keine Seltenheit. Doch im Skagerak war das schon etwas Besonderes, vor allen Dingen, wenn die Maschi­nen nicht mit voller Kraft arbeiten. Während die beiden Maschinisten alles taten, um den Schaden zu beheben, tobte der Sturm immer heftiger, machte unser Schiff zum Spielball der haus­hohen Wellen. Bei der Achterbahnfahrt durch die Wellentäler setzte das Heck des Schiffes kurz auf einen Felsen auf. Es rumste gewaltig, als die Schiffsschraube abbrach. Völlig ohne den Antrieb der Schraube nützte das Ruder gar nichts. Das überkommende Wasser konnten die vom Notaggregat betriebenen Pumpen gar nicht schaffen. Wenn ich sage Alle, so meine ich damit auch die 34 Pas­sa­giere, die wir an Bord hatten, die mussten im Wechsel an die Handpumpen ran. Vorsichts­halber ließ ich mich von unserem Kapitän nottaufen. Wusste ich doch nicht, ob meine Mutter mich in Kriegs­zeiten hatte taufen lassen. Es konnte ja nicht schaden, diese Vorsichtsmaßnahme getroffen zu haben, wenn man da oben vor dem Herrn stand. Wobei ich vorausschicken möchte, dass ich davon überzeugt bin, einmal in den Himmel zu kommen. Habe ich doch die Hölle bereits auf Erden erlebt und meine Sünden mit 17 Jahren Knast abgebüßt.

Ja, eben diese 17 Jahre Knast waren ja auch eigentlich meine Intention, warum ich dieses Buch zu schreiben begann. Ich habe in mich hineingehorcht. Mich gefragt, ob schon am ersten Tag vom Rest meines Lebens alles in dem großen Buch des Schicksals niedergeschrieben war, was mich so alles erwarten würde. Hatten mich die Lebensumstände zu dem gemacht, was ich heute bin? Ein oft deprimierter Rentner, dem das Sozialamt zur Minirente noch was drauf zahlen muss, um über die Runden zu kommen.

An einer Haft­strafe hängt noch ein ganzer Rattenschwanz von Strafen, die sich erst nach der Entlassung bemerk­bar machen.

Dabei habe ich doch, wie man nachlesen kann, jede Arbeit angenommen, niemals wegen der vielen Überstunden aufgemuckt. Ja, auch während der Zeit im Knast habe ich gearbeitet. Nur, Rentenbeiträge hat der Staat für mich nie abgeführt.[8] Es ist ja nicht so, dass man(n) Jahre seines Lebens in einem Wohnklo verbringen muss. Der Verlust der Freiheit ist das Eine. An so einer Haft­strafe hängt noch ein ganzer Rattenschwanz von Strafen, die sich erst nach der Entlassung bemerk­bar machen. So kam ich beim Renteneintrittalter gerade mal auf 30 Beitragsjahre. Selbst diese 30 Jahre hätten ausgereicht, mir eine zwar bescheidene, aber gut auskömmliche Rente zu gewähren. Normalerweise. Aber was ist schon normal? Zumindest was mein Leben betrifft.

Natürlich bestand mein Leben nicht nur aus Arbeit. Wochenlang auf See gönnte ich mir beim Land­gang auch schon mal was. Konnte ich mir auch ganz gut erlauben. Brauchte ich doch kaum mal meine eigentliche Heuer anzugreifen. Ich lebte hauptsächlich von dem Geld, welches ich von den Passagieren als Trinkgeld bekam. Sie wussten es zu schätzen, dass ich ihnen nicht nur das Essen servierte, sondern auch die Kajüten sauber hielt, einschließlich Betten bauen, Schuhe putzen und auch deren Hemden bügelte. So konnte ich tatkräftig dabei mithelfen, aus der ursprünglichen Gartenlaube meiner Mutter ein richtiges kleines Häuschen zu gestalten. So konnte ich sie nicht zuletzt damit überraschen, ihr flie­ßendes Wasser ins Haus legen zu lassen. Hatte sie doch bis dahin immer an der Pumpe im Garten ihr Wasser holen müssen.

Inzwischen hatte ich auch eine Frau kennengelernt. Allerdings wohnte sie etwa 220 Kilometer von Hannover entfernt und hatte bereits zwei Kinder. War auch ganz gut, dass sie so weit entfernt von Hannover lebte. So kam mein Stiefvater wenigstens nicht in Versuchung, sich an dem von ihm so geliebten jungen Gemüse zu vergreifen. Bei meinen seltenen Deutschlandbesuchen blieb es nicht aus, dass ich zu der Meinung kam, dass unsere Beziehung keine Zukunft hatte. Außerdem musste ich meine wenige Landgangszeit immer zwischen meiner Mutter und meiner Geliebten teilen. Wobei die große Entfernung zwischen den beiden noch hinzukam. Ich war aber fair genug, meiner Geliebten die Trennungsabsichten mitzuteilen. Kann man sich mein Erstaunen vorstellen, als ich nach einer Guatemalareise im Seemannsheim von Rotterdam-Schiedam im Rezeptionsbereich meine Geliebte sitzen sah? Sie hatte über meine holländische Reederei erfahren, wann und wo ich demnächst anzutreffen sei. Der Zweck ihrer weiten Reise war die Tatsache, dass sie mir mitteilen wollte, dass sie von mir schwanger sei. Na toll! Meine Erziehung sagte mir, dass ich die Frau nicht mit einem Kind von mir hängen lassen konnte. War sie mir gut genug gewesen, mit ihr mein Ver­gnü­gen zu haben, so konnte ich sie doch nicht mit dem Kind sitzen lassen. Ihr Ex Mann saß im Knast und sie musste schon mit ihren beiden Kindern vom Sozi leben. Sie wohnte mit ihren beiden Kindern in einer Wohnsiedlung in Bochum-Harpen, dessen Adresse man besser nicht bei einer Neu­einstellung in einem Betrieb nannte. Es war ganz schlicht und einfach ein Ghetto. Die Politik hatte schon immer eine Vorliebe dafür gezeigt, Minderbemittelte zuhauf in eine bestimmte Gegend abzuschieben. Auf dem Flur, wo sie sich mit ihren beiden Kindern ein Zimmer teilte, lebten noch zwei ältere Schwestern, auch in einem Zimmer, sowie ein Ehepaar, welches sich ebenfalls ein Zimmer mit ihren zwei Kindern teilte. Alle drei Mietparteien teilten sich eine Küche und eine Dusche. Wer gerade kochen oder duschen wollte, musste groschenweise die Gasuhr füttern. Und so lebten alle Bewohner der etwa 15 Häuser in diesem Stadtviertel. Um dem zu erwartenden Kind einen ehrlichen Namen zu geben, meldeten wir uns beim Standesamt an. Zwei Stunden nach unserer Trauung, saß ich auch schon wieder im Zug, um meiner Arbeit auf dem Schiff nachzu­kommen.

Schon wenige Monate nach der Geburt meines ersten Sohnes setzte ich auch schon den nächsten an. Die gerade erst in Umlauf gekommene Pille war noch relativ unbekannt. Meiner Frau brauchte man ja auch nur ein paar Herrenpantoffel vors Bett zu stellen und schon war sie schwanger.

Bei der Geburt meines ersten Sohnes hatte ich gerade Urlaub, konnte somit selbst die Hebamme alarmieren und bei der Geburt Handreichungen machen. Nachdem das gesunde Baby da war, vergrub ich die Nachgeburt gegenüber dem Haus, wo es zur Welt gekommen war. Ein paar Jahre noch musste auf diesem Kornfeld das Getreide besonders gut gewachsen sein. Später stand dort eine riesige Wohnsiedlung. Bei der Geburt meines zweiten Sohnes hatte ich der Seefahrt bereits mit schwerem Herzen Adieu gesagt, mich in Bochum um eine neue Stelle bemüht. Mein derzeitiger Chef hatte im Stadtteil Langendreer ein Hochhaus bauen lassen. Dieses Hochhaus schenkte er seinem Sohn zu seinem 21. Geburtstag. In mein Lebensbuch dagegen stand geschrieben, dass ich erst mit 25 meine erste eigene Wohnung mit Familie beziehen konnte. In der 14ten von insgesamt 16 Etagen vermietete mir der Sohn eine Dreizimmerwohnung. Fahrstuhl und Müllschlucker inklu­sive. Natürlich wehrte ich mich jetzt erst recht nicht gegen Überstunden. Hatte ich doch eine Fami­lie zu versorgen. Meine Frau mitarbeiten? Wie denn, bei vier Kindern? Dadurch ging mir ein Teil meiner Rentenansprüche verloren. Schon mal was von Versorgungsausgleich gehört? Daran kön­nen Sie leicht erkennen, dass diese Ehe nicht von Bestand war. Während ich mich darum bemühte, unsere sechs Mäuler satt zu bekommen und deshalb bis zu 16 Stunden am Tag außer Haus war, war meine Frau mit dem Versorgen der Kinder nicht ausgelastet. Na ja, dass ich nach solch langen Arbeitstagen auch nicht immer meinen Mann stehen konnte, kann der eine oder andere Leser vielleicht nachvollziehen? Wohnte ich näher an Dortmund heran, so befand sich meine Arbeits­stelle in genau in der entgegengesetzten Richtung Essen. Für ein Auto reichte mein Verdienst bei weitem nicht. Also waren Bahn und Bus angesagt. Das Haus der Hochzeiten, wie meine Arbeits­stelle im Volksmund genannt wurde, weil wir jedes Jahr mehr als 300 Hochzeiten ausrichteten, brachte es mit sich, dass ich immer erst spät in der Nacht nach Hause kam. Meine Frau erkundigte sich immer geflissentlich, wann denn mit meinem Heimkommen zu rechnen sei. Bei Hochzeiten dauerte die Arbeitszeit sehr oft bis in die frühen Morgenstunden. Vor allem dann, wenn ich für die jeweilige Party als Chef de Rang[9] eingeteilt war. Das hieß dann, dass ich bis zur Abrechnung und dem anschließenden Aufräumen bleiben musste. Demnach stand mein Dienstplan fest, wovon immer eine Kopie zu Hause lag.

Das Schicksal wollte es so. Eine flambierte Eisbombe war immer der Höhepunkt eines Hochzeits­menus. Meist war schon Mitternacht vorbei, wenn nach dem vier, fünf oder sechs Gänge-Menu das Licht im Hochzeitssaal ausgeschaltet wurde, nur noch die Tischkerzen ein anheimelndes Licht im Saal verbreiteten. Gleichzeitig wurde die Schallplatte mit dem Hochzeitsmarsch aufgelegt und mehrere Kellner betraten den Raum mit einer flambierten Eistorte. Im Gänsemarsch und im Gleich­schritt mit dem Vorlegebesteck den Takt zur Musik klappernd bewegten wir uns auf das Hochzeits­paar zu. Jeder Kellner kannte seinen Platz, wo er anzufangen hatte, anhand der bereits vorge­schnit­tenen Tortenteile. Beim Brautpaar angekommen beugten sich alle Kellner vor, um gleichzeitig mit dem Vorlegen zu beginnen. Diese Zeremonie wurde stets von den anwesenden Gästen aus­giebig beklatscht. Ich nehme an, dass es auch in der Nacht so ablief, wo ich durch einen blöden Unfall daran gehindert wurde, meine Arbeit planmäßig zu beenden. Die vom Patissier vor­bereitete Eistorte wurde immer in eine Eistruhe gestellt. In der Regel hatten die Köche längst Feierabend, wenn der Akt mit der Hochzeitstorte vollzogen wurde. So holten wir Kellner uns die Torten selbst aus der Küche. An diesem schicksalsträchtigen Tag bewegte ich mich wohl ein bisschen zu hektisch in der Küche. Die Küche, die erst am frühen Morgen gründlich gereinigt wurde, schwamm um diese Mit­ternachtszeit vor verspritztem Fett auf dem gefliesten Fußboden. Ein Kellner bewegt sich auch ganz anders als ein Koch. Außerdem haben Köche auch ganz anderes Schuhwerk an. Wäh­rend ich nun mit meinen ledersohlenbehafteten Schuhen Richtung Kühltruhe renne (wegen des Zeitdrucks renne ich mal eben!), rutsche ich prompt aus. Da die Öfen in einem Gaststättenbetrieb immer eine Anzahl von Zentimetern Luft bis zum Fußboden haben müssen, wegen der Hygiene, knallte mein linker Fuß gegen die Trittleiste und unter den Ofen. Gegen diesen Schmerz war ein Beinbruch gar nichts. Die starke Prellung ließ mich vergessen, ob ich nun Männlein oder Weiblein war. Mein Chef hatte diesen Vorfall zufällig gesehen. Sofort war er bei mir, wollte mir aufhelfen. Zusehends schwoll mein Fuß an. Um Schlimmeres zu verhüten, löste er meine Schnürsenkel am Schuh. Er bestellte auf seine Kosten ein Taxi für mich. Eigentlich sollte ich damit ja zum Kranken­haus fahren. Ich dagegen wollte so schnell wie möglich nach Hause, um mir bei meiner Familie Trost zu holen und lieber einen Notarzt nach Hause kommen lassen. Statt eines Notarztes aber war kurz darauf ein Polizei­arzt in Begleitung einer Horde Polizisten in unserer Wohnung. Wieso das denn? Werden Sie sich jetzt fragen.

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Fußnoten

[1] Stadtwald in Hannover, https://de.wikipedia.org/wiki/Eilenriede

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Lysistrata

[3] Bananenjager, die weißgemalten schnellen Kühlschiffe https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_seem%C3%A4nnischer_Fachw%C3%B6rter_(A_bis_M)

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Turku

[5] Die Schreibweise von Dieter Schulz wurde beibehalten. Wer sich für die von westlichen Ländern gestützten kleptokratischen Politiker interessiert, mag den Links folgen. Die Personen stehen leider nicht nur für sich, sondern für die immer noch aktuellen Machtverhältnisse, denen wir die wohlverdiente Völkerwanderung verdanken.

Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga (geboren als Joseph-Désiré Mobutu; * 14. Oktober 1930 in Lisala, Provinz Mongala, Belgisch-Kongo; † 7. September 1997 in Rabat, Marokko) war von 1965 bis 1997 Präsident der Demokratischen Republik Kongo (von 1971 bis 1997: Zaire). Mobutu herrschte in einer der längsten und korruptesten Diktaturen Afrikas. https://de.wikipedia.org/wiki/Mobutu_Sese_Seko

[6] Joseph Kasavubu (auch Kasa Vubu) (* 1910 – andere Angaben 1913, 1915 oder 1917 – bei Tschela; † 24. März 1969 in Boma) war von 1960 bis 1965 der erste Präsident der Demokratischen Republik Kongo. https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Kasavubu

[7] Patrice Émery Lumumba (* 2. Juli 1925 in Katako-Kombé; † 17. Januar 1961 in der Provinz Katanga) war ein kongolesischer Politiker und von Juni bis September 1960 erster Premierminister des unabhängigen Kongo (zuvor Belgisch-Kongo, 1971 bis 1997 umbenannt in Zaïre, heute Demokratische Republik Kongo). https://de.wikipedia.org/wiki/Patrice_Lumumba

[8] Daran hat sich nichts geändert. Noch heute werden für die Arbeit von Strafgefangenen keine Sozialabgaben abgeführt. Dabei würde das zur „Resozialisierung“ hinzugehören.

[9] Ein Chef de Rang ist in der Hierarchie eines Serviceteams dem Maître d’hôtel (Restaurantleiter, Restaurant Manager) und dessen Stellvertreter (Assistant Restaurant Manager) unterstellt. In deren Abwesenheit ist er verantwortlich für den reibungslosen Ablauf des Service und somit dem Demichef de rang und dem Commis de Rang überstellt. Um diese Tätigkeit ausüben zu können, werden üblicherweise eine Ausbildung im Hotel- und Gastgewerbe und mehrere Jahre Berufserfahrung gefordert. Darüber hinaus müssen Beschäftigte in der Gastronomie eine Bescheinigung über die Belehrung gemäß Infektionsschutzgesetz besitzen. In der Regel werden auch fundierte Fremdsprachenkenntnisse erwartet. https://de.wikipedia.org/wiki/Chef_de_Rang

Warum überlassen unsere Kirchen den Kinderschutz ausgerechnet den Gegnern von Religion?

»Zum fünften Jahrestag des „Kölner Urteils“ legen Dr. iur. Ralf Eschelbach (Richter am Bundesgerichtshof), Prof. Dr. med. Matthias Franz (Universitätsklinikum Düsseldorf) und Prof. Dr. iur. Jörg Scheinfeld (Universitäten Mainz und Wiesbaden) [auf Anfrage der Giordano-Bruno-Stiftung] ein gemeinsames Papier vor, in dem sie die zentralen Argumente der Beschneidungsdebatte zusammenfassen und die Parlamentarier nachdrücklich zum Handeln aufrufen. Ihr Text zeigt auf, dass die Politiker bei der Verabschiedung des Beschneidungsgesetzes von fehlerhaften Informationen ausgingen und dazu verleitet wurden, eine Einsicht zu ignorieren, die in einem modernen Rechtsstaat selbstverständlich sein sollte, nämlich dass der Intimbereich von Jungen ebenso unverfügbar sein muss wie der Intimbereich von Mädchen.«[1]

Die vorgelegte Expertise führt nicht nur die schon bekannten Einwände gegen die Beschneidung von Jungen auf, sondern resümiert auch neuere Erkenntnisse, die belegen, auf welch unsicherer Grundlage die Entscheidung unserer Volksvertreter vor fünf Jahren gefallen ist. Doch neben der sattsam bekannten Wirtschaftslobby übt auch eine nicht weniger unselige Religionslobby Einfluss auf die Abgeordneten aus, der auch in einer repräsentativen Demokratie aus rechtstaatlichen Gründen korrigiert werden muss. Die Kinder und ihr Schutz gehören ins Grundgesetz. Religionsvorbehalte müssen nachrangig bleiben.

Übrigens: Die meisten Leser dieses Blogs haben ihre persönliche Antwort auf meine Frage in der Überschrift. Kinderschutz spielte schon in den damaligen kirchlichen Einrichtungen keine Rolle. Demütigungen und Misshandlungen waren an der Tagesordnung. Die Phalanx von Staat und Kirchen sorgte unter der regulierenden Hand von Antje Vollmer am Runden Tisch dafür, dass es keine einklagbaren Entschädigungen für erlittene Kindesmisshandlungen geben sollte. Am Runden Tisch haben die Kirchen die Chance versäumt, Glaubhaftigkeit zurückzugewinnen.

Wen wundert es also, dass sie beim Thema Beschneidung nicht auf Seiten der Kinder stehen?

[1] https://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/eschelbach-franz-scheinfeld-beschneidung

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

 

 

Vierundzwanzigstes Kapitel

Von einer Knechtschaft zur nächsten.

Ich also schnurstracks zu dem nur wenige Kilometer entfernten Ort, wo meine Mutter wohnte, um mich als Bäckerlehrling zu bewerben. Meine Güte, roch das gut in der Back­stube, wo mich mein zukünftiger Lehrherr hinführte, um mir meinen eventuellen Arbeits­platz zu zeigen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht zwischen dem Schweinestall- und Kuh­stallgeruch, den ich bisher eingeatmet hatte. Hinzu kam noch, dass ich 80 Mark im Monat erhalten sollte. Hatte ich mich schon von der ersten zur zweiten Stelle um 100% verbessert, so sollte es nochmal um 100% getoppt werden. Eine Schlafkammer unter dem Dach-juchhe war ich ja schon längst gewohnt. Ich fand nichts dabei, auch hier wieder so unter­gebracht zu werden. Ich hatte zwar in der Bild-Zeitung gelesen „Lehrling gesucht – Einhei­rat geboten“, dass also Lehrlinge damals sehr gesuchte Menschen waren, hatte aber noch nicht den Weitblick. Deshalb griff ich mit beiden Händen bei diesem Angebot sofort zu. Ich konnte meine Mutter wieder entlasten und mir eine Perspektive schaffen. Mich störte es gar nicht, dass ich auf meinem Bett liegend durch die Ritzen der Dachpfannen das Profil der schon längst ausgefahrenen Fahrwerke der zur Landung ansetzenden Flugzeuge auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen genau erkennen konnte. Ich fand dies eher als span­nend. Die Geräusche? Na ja, daran gewöhnt man sich genauso wie an den Gestank eines Bauernhofes.

Morgens um halb sechs – kaum früher als beim Bauern – wurde ich höflich von einem der beiden Söhne meines Lehrherrn geweckt. Meist hatte ich dann noch ein paar Minuten Zeit bevor die ersten fertigen Brötchen aus dem Backofen gezogen wurden. Derweil wurde ich angewiesen, die im heißen Fett schwimmenden Krapfen, auch Berliner genannt, umzudre­hen, wenn dann von beiden Seiten fertig auf eine Kanüle zu stecken, einen Hebel herunter zu ziehen, womit die Berliner mit Marmelade gefüllt wurden. Die fertigen Brötchen wurden dann von einem der beiden noch schulpflichtigen Söhne und mir in diverse Tüten gefüllt. Darauf stand dann etwa Müller, Meier, Schmidt oder sonst ein Name. Diese Tüten wie­derum wurden schön der Reihe nach in einen weißen Leinenbeutel gelegt. Die beiden Lei­nen­beutel wurden mir rechts und links an den Fahrradlenker gehängt. Und los ging’s. Ich lernte zunächst die Strecke und die dazugehörigen Häuser und Namen kennen, an deren Türen wir dann in die dort hängenden Beutel jeweils die abonnierten Brötchen legten. Nach etwa einer Woche kannte ich alle Namen meiner Brötchentour auswendig, und die Söhne konnten eine Stunde länger schlafen. Ich dagegen wurde mit einer eigens für mich installierten Klingel zum Dienstantritt geweckt. Nach der privaten Brötchentour war Früh­stück angesagt. Gleich danach wurde mir ans Fahrrad ein geschlossener zweirädriger Anhänger angekuppelt. Mit dem vollgepackten Anhänger belieferte ich einige Tante-Emma-Läden mit frischen Brötchen. Zweites Frühstück! Derweil waren auch schon Brote gebacken. Mein Anhänger wurde wieder vollgepackt und ich brachte diese auch zu den Vertragshändlern. Und danach gab es schon wieder einen Anhänger voll Brote. Diesmal war jedes einzelne Brot mit Seidenpapier umhüllt, auf dem der jeweilige Name des Empfän­gers stand. In weitem Umkreis fuhr ich die Brote spazieren und lief Trepp auf Trepp ab, um den Privatkunden ihre Bestellungen direkt zu liefern. Manche davon bezahlten in bar, andere beglichen ihre Rechnung im Laden. Die Barzahler waren mir am liebsten. Fiel doch dabei in den meisten Fallen ein Trinkgeld für mich ab.

Natürlich wusste mein Meister nichts davon.

Diese Tätigkeit gefiel mir weitaus besser als die Schinderei beim Bauern. Zumal ich auch in der Regel schon gegen 16 Uhr mit meiner Arbeit fertig war und nicht erst bei Sonnen­unter­gang. Zu dem Trinkgeld hatte ich schnell heraus, wie ich mir noch einen zusätzlichen Nebenverdienst verschaffen konnte. Hin und wieder kam es vor, dass mich Leute im Haus ansprachen, wo ich gerade Brot auslieferte, ob ich nicht zufällig ein Brot zuviel dabei hätte. So könne man sich den weiten Weg zum Bäcker sparen. Schon bald hatte ich mir so einen persönlichen Kundenkreis erschlossen. Natürlich wusste mein Meister nichts davon. Zwei, drei Brote mehr in den Anhänger gepackt und mein Monatsverdienst verdoppelte sich schon. Nach der Haushalts-Brot-Tour war Mittagessen im Familienkreis angesagt. Blie­ben nur noch die inzwischen gebackenen Kuchen rechtzeitig zur Kaffeezeit zu den Kleinhändlern zu bringen, und dann war auch schon fast Feierabend. Gegen 14 Uhr hatten Meister, Geselle und die anderen Lehrlinge ihre Arbeit in der Backstube beendet. Na ja, die waren ja auch schon in der Nacht gegen 2 Uhr aufgestanden. Mir blieb es überlassen, die Kuchenbleche, diverse Maschinen, die es damals schon gab, und die Backstube selbst zu reinigen. Meist blieb mir noch Zeit, die vorgefertigte Rohmasse per Hand zu Streuseln zu verarbeiten. Als ich mal versuchte vor meinem Meister zu verbergen, dass ich an den süßen Sachen naschte, grinste dieser nur und meinte, dass ich mir nur keinen Zwang antun solle. Irgendwann hätte auch ich mich daran sattgefressen.

So weit, so gut. Als ich in der Berufsschule so von Gleichaltrigen erfuhr, was sie schon alles gelernt hatten, fragte ich mich, später auch meinen Meister, warum ich immer nur als Laufbursche arbeiten musste, anstatt in der Backstube etwas von der eigentlichen Materie zu lernen. Da wurde dieser ziemlich böse. Er meinte, dass sich vorläufig an meinem Status nichts ändern würde. Schließlich verdiene ich ja gutes Geld bei ihm und einen anderen hätte er nicht, der meine Arbeit verrichten könne. Jeder Hilfsschüler könne meine Arbeit über­nehmen, sagte ich ihm daraufhin. In der Folgezeit herrschte beim ersten und zweiten Früh­stück und am gemeinsamen Mittagstisch eisiges Schweigen. Ich fand diesen Zustand als unerträglich. Ich beschwerte mich in der Berufsschule und beim AA. Man riet mir zum Arbeitsgericht zu gehen. Da ich nun aber schon die Dreimonatsfrist überschritten hatte, wo man ein Lehrverhältnis ohne Angabe von Gründen auflösen konnte und ich mich eben an das Arbeitsgericht gewand hatte, zeigte mein „Lehrherr“ seine bösartige Seite.

Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register.

Ich bekam eine Einladung, mich an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Stunde bei der Kripo einzufinden. Dort wurde mir dann eröffnet, dass eine Anzeige wegen Diebstahls gegen mich vorliege. Mein Arbeitgeber hatte angegeben, dass ihm an dem und dem Tag Geld aus der Wech­selkasse im Laden abhanden gekommen sei. Im Laufe der Zeit, wo noch alles zwischen uns in Ord­nung war, hatte ich natürlich auf Nachfrage nach meinem Woher meine Vor-Lebensge­schichte erzählt. Na und? War es daher nicht naheliegend, dass ein Bengel, der Jahre in einem Heim für Schwererziehbare zugebracht hatte, auch einen Diebstahl beging? Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register. Die erste war zustande gekommen, als ich im Dunkeln mit dem Fahrrad fahrend von der Polizei angehalten wurde. Weil ich mit einer defekten Hand­bremse und fehlendem Rücklicht unterwegs war, bekam ich eine Stunde Verkehrsunterricht bei einem Richter, 10 Mark Geldstrafe UND einen Wochenendarrest aufgebrummt. Diesmal waren es schon vier Wochenendarreste. Bei meinem Verkehrsunterricht stand ich nicht alleine vor dem gestrengen Richter. Vier weitere arme Tröpfe standen neben mir. Zwei Mädchen und zwei Jungs. Bei den Mädchen hatte die eine ihre Freundin auf dem Gepäckträger mitfahren lassen. Und der eine Junge hatte seinen Freund auf der Fahrradstange mitgenommen. Wir alle erhielten die glei­che Strafe. Soll ich Ihnen mal was sagen? Bei dem heutigen Strafvollzug, hätte ich lieber vier Wochen an meine letzte zehnjährige Haftstrafe drangehängt, als auch nur einen Wochenendarrest abzubüßen, wie es damals praktiziert wurde.

18 Monate Haft

Etwa 16 Jahre später verschaffte ich mir Genugtuung für diese zu unrecht erhaltenen vier Wochen­endarreste. Mit meiner Freundin über das Frühlingsfestgelände in Hannover schlendernd erkannten mich am Lüttje Lage[1] Stand die beiden Söhne meines ehemaligen Bäckermeisters wieder. Ich wurde eingeladen einen mitzutrinken. Bei der einen Runde blieb es dann auch nicht. Mit steigen­dem Alkoholspiegel wurden die beiden immer redseliger bei der Aufarbeitung unserer gemein­samen Zeit. So wurde ich dann auch noch ausgelacht dafür, dass ich im Knast gelandet war. Schließ­lich hatte ihr Vater den Falschen verdächtigt, die 20 Mark aus der Wechselkasse gestohlen zu haben. Weil ihr Vater immer so geizig gewesen sei beim Taschengeld, sie aber doch schon sehr früh hätten mitarbeiten müssen, hätten sie sich dafür aus der Wechselkasse bedient und just zu eben diesem jährlich stattfindenden Frühlingsfest getragen. Die beiden besoffenen Typen merkten gar nicht, was sie damit anstellten. Mir blieb die Luft weg vor lauter Empörung darüber, wie lässig die beiden über die Sache sprachen. Vor Wut kochend krallten sich meine Hände in ihre pracht­vollen Haarschöpfe und knallten deren Köpfe mit ziemlicher Wucht zusammen. Dafür handelte ich mir einen weiteren Eintrag in das Bundeszentralregister nebst 18 Monaten Haft ein.

Keiner kann mir nachsagen, ich wäre nicht gewillt gewesen, mich an das kapitalistische System anzupassen. Ich hatte für wenig Geld bei Wind und Wetter beim Bauern geschuftet, ebenso hatte ich mich mit Fahrrad nebst Anhänger bei jedem Wetter über Kopfsteinpflaster und unbefestigte Rad- und Feldwege gequält, um meinem Meister sein Vermögen zu vermehren. Und? Was war der Dank? So langsam wurde ich erwachsen, begann darüber nachzudenken, wie ungerecht auf der Welt die Macht und das Geld verteilt waren. Natürlich bildete ich mich vorwiegend durch die BILD…..!

Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding.

Ich war gehalten, mich wieder so schnell als möglich um einen neuen Broterwerb zu kümmern. Mit 15 war ich manns genug, mich selbst zu versorgen. Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding. Sie hatte lange genug dafür gesorgt, dass ich meine Windeln vollscheißen konnte und uns Kinder durch die Kriegszeit geschleppt, uns die schwere Zeit danach auch irgendwie am Kacken gehalten. Jetzt wollte ich ihr zeigen, dass sie mir wenigstens ihren Fleiß vererbt hatte.

Bei meinen Stadtausflügen war mir mal ein Schild in der Brüderstraße aufgefallen. Darauf stand, dass die NVG (Niedersächsische Verfrachtungsgesellschaft) Schiffsjungen suchte. Schiffsjungen? Hatte ich nicht mal darüber gelesen, dass die Besatzung eines Schiffes immer auch an Bord schlief? Nach vier Tagen, ich hatte in Parks geschlafen, fiel mir dieses Schild wieder ein. Eine halbe Stunde später, nachdem ich mich dort vorgestellt hatte, hatte ich auch schon wieder einen Lehrvertrag unterschrieben. Der Schiffskapitän war froh, seine Reise mit einer vorgeschriebenen Mannschafts­stärke fortsetzen zu können. Im Bugraum, gleich neben dem Ankerkasten, gab es eine kleine Kajüte, die ich mir mit dem Matrosen teilen musste.

Auch mein neuer Job auf dem Schleppkahn war mit Knochenarbeit und wenig Schlaf verbunden. Es gab weder Samstag noch Sonntag. Wenn des Nachts zufällig ein Kran frei und unser Schiff gerade dran war, dann mussten wir eben auch des Nachts ran. Zumindest wurden die Über­stun­den ganz gut bezahlt. Einschließlich Nacht- und Sonntagszuschläge. Während der Kapitän am Heck des Schiffes eine fast schon als luxuriös zu bezeichnende Wohnung und seine mitreisende Frau besaß, mussten wir uns da vorne im Schiff selbst versorgen. Ob nun auf dem Mittellandkanal, wo meine Reise begann, Rhein und Weser oder Elbe, überall wurden wir von schwimmenden Kauf­manns­läden versorgt. Unsere Hauptmahlzeiten bestanden in der Regel aus Bratkartoffeln mit Speck und Eiern, Erbsen- oder Linsensuppen aus der Dose oder auch einfach nur aus Puddingsuppen aus der Tüte.

Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen.

Der Matrose, eigentlich auch nur Lehrling im dritten Jahr, zeigte mir wo es lang geht. Als ich ein­mal in einer Schleuse das Drahttau nicht ordnungsgemäß nachführte, welches oben an einem Poller befestigt war und unten am Kahn ebenfalls um einen Poller lief, hatte ich noch nicht das richtige Gefühl entwickelt. Und so riss das Tau mit einem Knall, und der Kahn kam ganz schön ins schaukeln. Mit viel Glück entging ich meiner Enthauptung durch das durch die Luft schwirrende Metalltau. Beinahe hätte ich mir in die Hose gemacht. Als Lehrling darf man doch schon mal einen Fehler machen, oder? Pustekuchen! Mit Gebrüll kam der Möchtegern-Matrose vom hinteren Ende des Kahnes, wo er die gleiche Funktion wie ich vorne verübte, die ganzen 60 Meter angeschossen und knallte mir eine, dass mir Hören und Sehen verging. Etwa eine Stunde später legte der Schlepp­verband von insgesamt fünf Kähnen zur Nachtruhe an einer der dafür vorgesehenen Uferböschung an. Mit immer noch brummendem Schädel von dem hefti­gen Schlag meines Vorgesetzten stieg ich die steile, schmale Treppe zu unserer Unterkunft hinab. Nach Ansicht des älteren nicht flott genug. Er hatte es etwas eiliger als ich. Er trat mir ein­fach auf den ohnehin immer noch schmerzenden Kopf. Das trug natürlich nicht gerade dazu bei, mir Sympathien für ihn aufkommen zu lassen. Zumal er mich schon einige Male, wenn er mich mal bei einem Landgang mitgenommen hatte, um mich mit den jeweiligen Lokalitäten der Stadt bekannt zu machen, mich regelmäßig die Zeche zahlen zu lassen. Dabei verdiente er schon weitaus mehr als ich im ersten Lehrjahr. Er machte sich bei mir auch nicht gerade beliebter, indem er sich gerne an meinen Vorräten vergriff. Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen. In Duisburg/Ruhrort schlug er dem Fass den Boden aus. Schmiss er mich doch mitten in der Nacht aus unserer gemeinsamen Kajüte raus, weil er mit einer aufgegabelten Tussi alleine sein wollte. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass er bedeutend besser ernährt war. Kurz, – er war ein Kerl wie ein Baum.

Platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein.

Seine Größe nutzte ihm allerdings nicht viel. In der kalten Novembernacht in Duisburg draußen auf dem Vordeck hatte ich Rache geschworen. Bei den BASF-Werken bei Leverkusen hatte unser Kahn irgend so eine Chemikalie gelöscht. Der ganze Kahn war von dem Feinstaub grau überzogen. Unsere Aufgabe war es nun, das ganze Schiff mit einem Wasserschlauch abzuspritzen. Ich auf der einen Seite, er auf der anderen. Ich schwöre, es geschah völlig unabsichtlich, dass mein Vormann dabei einen Wasserstrahl von mir abbekam. Doch dieser cholerische Typ sah darin einen gewoll­ten Angriff meinerseits. Mit einem mir bestens bekannten Wutgebrüll rannte er auf der 40 Zentime­ter breiten Gangway um den Kahn auf mich zu. Was das bedeutete konnte ich mir denken. Rund um das Schiff waren an den Seiten in regelmäßigen Abständen lange Staken angebracht. Diese dienten dazu, den Kahn von einer Kaimauer abzuschieben oder aber, wenn man sich zu früh von dem Motorschlepper abgeseilt hatte und der Schwung nicht mehr ausreichte dort anzukommen, wo es vorgesehen war, dann half man eben mit kräftigem Schieben mit den etwa vier Meter langen Staken nach. Man konnte sich auch näher an einen Ort heranziehen. Am Ende befanden sich näm­lich eiserne Haken und Spitzen. So eine Stange nahm ich nun zur Hand, weil ich einfach keine Lust darauf hatte, mir eine erneute Kopfdröhnung von dem Kerl verpassen zu lassen. In seiner Rage merkte der Typ viel zu spät, was ich da in der Hand hatte. Jedenfalls war es nicht mehr der Wasser­schlauch. Auf der eisernen Gangway mit nassen Gummistiefeln zu bremsen war einfach unmög­lich. Er rannte direkt in meine „Hellebarde!“ Und, platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein. Allerdings war das Rheinwasser kein Wein. Vielmehr um diese Jahreszeit auch noch ziemlich kalt. Sein Overall, darüber eine Kunstfell gefütterte warme Jacke und die Gummistiefel erleichter­ten nicht gerade seine Schwimmbemühungen. Noch bevor er ins Wasser klatschte, hatte ich auch schon mein Gehirn wieder eingeschaltet. Ich rannte nach Achtern, löste das Beiboot und wriggte (wriggen bedeutet mit nur einem Ruder das Boot vorwärts zu bewegen) hinter meinen Arbeits­kolle­gen hinterher. Hinterher deshalb, weil die Strömung ihn abtrieb. Beinahe wäre auch ich noch in den Rhein gestürzt. Bei dem Versuch den mit Wasser vollgesogenen Kerl aus dem Rhein ins Boot zu ziehen, drohte das leichte Boot zu kentern. Endlich wieder an Bord hatte er ganz was anderes zu tun als mich zu verprügeln. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die ihre Lippen so schön blau geschminkt hätte, wie die von meinem Matrosen.

 

Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

 

Während dieses Vorfalls war unser Schipper natürlich nicht anwesend. Er war gerade in der Hafen­meisterei, um irgendwelche Frachtpapiere zu erledigen. Dennoch hatte er unterwegs schon von dem Vorfall gehört. Irgendwelche Gaffer hatten ihm schon alles brühwarm erzählt. Da ich als fast blutiger Anfänger leichter zu ersetzen war als ein schon fast vollwertiger Matrose, hatte natür­lich ich die Schuld und die Konsequenzen zu ziehen. War ja klar, dass zwischen uns keine Liebe mehr ent­stehen würde. Meine Fahrkarte nach Hannover musste ich natürlich von meinem Ersparten selbst kaufen. Das Büro in Hannover, wo ich meine Papiere und meinen Restlohn abholen sollte, hatte längst die Polizei eingeschaltet. Anstelle von Lohn und Papiere bekam ich 21 Monate Jugendknast aufgebrummt. Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

Im Knast durfte ich dann in meiner Zelle Bindfäden in Preisschilder von C & A für 50 Pfennige am Tag einfädeln. In dem Alter hatte mich die Nikotinsucht noch nicht gepackt und an Bohnenkaffee hatte ich mich auch noch nicht gewöhnt. So hatte ich mir dann am Ende meiner Haftzeit 87 Mark zusammengespart. Eine Bücherei wie im heutigen Knastalltag gab es damals noch nicht. Es war gar nicht daran zu denken, in die Bibliothek zu gehen und sich Bücher auszusuchen. Man bekam einmal in der Woche Bücher vor die Türe gelegt. So round about 800 Seiten. Egal, ich verschlang alles was kam.

Meine Mutter hatte inzwischen Willy geheiratet, war in eine etwas größere Gartenlaube gezogen, wo die beiden fleißig daran bastelten, daraus ein Wohnhaus zu machen. Eine kleine Kammer, wo ich schlafen konnte, hatte meine Mutter für mich nach meiner Entlassung parat. Die brauchte ich aber nicht sehr lange. Ich bemühte mich schnell wieder um Arbeit. Und die bekam ich von einem ganz lieben Angestellten vom Arbeitsamt. Ich lernte nunmehr einen Beruf, der direkt auf mich zuge­schnitten schien. Zunächst ging es ja immer noch darum das ich bei meiner Arbeitsstelle eine Unter­kunft bekam. Was lag diesmal näher als mich als Kellnerlehrling zu bewerben? Da ich zu damaligen Begriffen nicht gerade den Eindruck eines Bauernlümmels machte wurde ich auch ange­nommen.

In dem heute immer noch erzkonservativen Hotel[2] lernte ich alles von der Pieke auf, was einen guten Kellner ausmacht. Filieren, Tranchieren übers Flambieren am Tisch, bis hin vieles über Wein­kunde. Uns wurde untersagt, vor dem Gast zu lächeln, weil der (Neureiche-)Gast sich ausgelacht fühlen könnte. Anstatt in schweren Klamotten und nach Stall riechenden Gummistiefeln herum zu laufen, trug ich eine vom Hotel gestellte Livree. Ich lernte Umgangsformen der gehobenen Gesell­schaft und auch sehr viel Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Showbusiness kennen. Weil ich aber mitten im Lehrjahr eingestiegen war, hätte ich eigentlich dreieinhalb Jahre lernen müssen. Mein zuständiger Lehrlingsausbilder aber meinte, dass ich schon nach zweieinhalb Jahren das Zeug dazu hätte, die Prüfung zu bestehen. Er meldete mich demnach auch zur Prüfung an. Und ich ent­täuschte ihn nicht. Mit einer Durchschnittsnote von 2,2 bestand ich meine Prüfung so, wie schon früher mein Versetzungszeugnis in die 8. Klasse in der Heimschule in Dönschten aussah. Abgeschlossen habe ich meine Lehre in Hamburg, da unser Betrieb trotz aller Konservativität schon ganz modern eingestellt war. Jeder Kochlehrling musste einige Monate im Service arbeiten, dafür ging jeder Kellnerlehrling die gleiche Zeit in die Küche, um dem Gast besser erklären zu können, wie z.B. eine bestimmte Soße zubereitet sei. Hinzu kam dann als krönender Abschluss, dass das Hotel in Hannover für drei Monate Lehrlinge mit einem ebenso renommierten Hotel in Hamburg austauschte.

Dort lernte mich auch mein zukünftiger Chef kennen. Vom Fleck weg engagierte mich der Besitzer des Landungsbrücken Cafes nach Beendigung meiner Lehre. Als Gast in dem Hause, wo ich arbei­tete, hatte er mich bei der Betreuung meiner Gäste beobachtet und Gefallen an mir gefunden. Er besorgte mir eine Wohnung. Besser gesagt war es eine Art WG. Ein schwuler ehemaliger Ballett­meister vermietete einzelne Zimmer an ausschließlich junge Burschen. In den beiden Zimmern stan­den jeweils zwei doppelstöckige Betten. Von der Sternschanzenstraße bis zu den Landungs­brücken konnte ich den Weg zu meiner Arbeit bequem zu Fuß gehen. Doch als mir die Annä­he­rungs­versuche meines Vermieters zu bunt wurden, suchte ich mir eine andere Bleibe. Die bekam ich dann auch von einem unserer Stammgäste in Groß Flottbeck angeboten. Zwar hatte ich dadurch einen weiteren Weg, war aber in der möblierten Kellerwohnung endlich mal nicht nur not­dürftig untergebracht. Hatte ich mich nun schon seit drei Jahren vorbildlich in der Gesellschaft integriert, ohne besondere Vorkommnisse, und konnte meiner Mutter beim Ausbau ihrer Garten­laube zum Wohnhaus auch noch finanziell unter die Arme greifen, machte die Musterung alle meine Zukunftspläne zunichte.

„Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“

Nach den üblichen Körperchecks stand ich vor der eigentlichen Prüfungskommission. Alle ausschließlich altgediente Berufsoffiziere. Der Obermacker in der Mitte sitzend schob sich ein Monokel vors Auge. „Hm, äh, Tauglichkeitsgrad 1!“ In meiner Akte blätternd weiter: „Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“ Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass ich am gleichen Tag Geburtstag hatte wie der letzte Deutsche Kaiser. Seine Vorliebe für die Marine sollte mich demnach dazu verpflichten, dort meine 18 Monate abzudienen? Konnte ja wohl eh nichts daran ändern. Also verschlug es mich auf die Insel Sylt. Kaum war die Grundausbildung been­det, ich auch schon zum Gefreiten befördert, las ich am Schwarzen Brett, dass man Freiwillige, allerdings mit der nötigen Qualifikation für die Fallschirmjäger in Fürstenfeldbruck suche. Ich ließ mich erneut checken. Und siehe da, man fand mich für geeignet. Der Sold war etwas höher. Hinzu kam noch eine kleine Gefahrenzulage für jeden Absprung. Der Haken an der Sache war aller­dings, dass ich mich, wollte ich zu dieser Eliteeinheit, für 4 Jahre verpflichten musste. Und ich lebensunerfahrener Bursche von gerade mal 19 Jahren unterschrieb. Nachdenklich über das, was ich mir hiermit eingebrockt hatte, wurde ich erst, als ich im Urlaub ehe­malige Arbeitskollegen traf, die es irgendwie geschafft hatten, sich vor der Wehrpflicht zu drücken. Im Tanzcafe bestellten die großkotzig Roten Krimsekt, während ich unter dem Tisch meine paar Kröten zählte, ob es wohl noch für eine Cola reichen würde. Ich begann zu begreifen, was ich mir da selbst eingebrockt hatte. Aussteigen aus dem Vertrag war nicht drin. Es gab eigentlich nur eine Möglichkeit: Untauglich fürs Fallschirmspringen zu werden. So nahm ich mir dann fest vor, bei einem meiner nächsten Absprünge ein Bein zu brechen. Vom Wollen bis zur Ausführung, da liegen Welten dazwischen. Zwar hatte ich mir schon beim Schifahren mal ein Bein gebrochen, hatte es zunächst gar nicht so recht registriert. Bis ich aufstehen wollte und der Schmerz bis ins Gehirn hochschoss.

„Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“

Bevor es überhaupt zum ersten Absprung kam hatte man alles gelernt, was zu vermeiden war, so dass man es im Schlaf hersagen konnte. Vor dem ersten Absprung träumte ich sogar die Hand­griffe und Handlungen, die mich sicher wieder auf den Boden brachten. Inzwischen hatte ich schon über 30 Absprünge ohne jedwede Komplikation absolviert. Immer wenn ich es mir bewusst vor­nahm, heute passierts, nahm doch die bereits vorhandene Routine Besitz von meinen Bewegungen. Schließlich war ich dann doch zu feige, meine Gedanken in die Tat umzusetzen. Irgendwie aber hatte sich der Gedanke an sich irgendwo im Hinterstübchen festgesetzt. Ich hatte den Gedanken schon längst ad acta gelegt, als es dann doch wie von selbst passierte. Während der ganzen Zeit der Luftfahrt hatte ich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet. Doch als ich mich wie gewohnt nach vorne werfen wollte, um mit meinen Unterarmen die Seile runterdrücken wollte, um das Aufblähen des Fallschirms zu verhindern, wehte an diesem Tag auch noch ein Lüftchen von etwa 3; ich konnte mich nicht wie gewohnt mit den Füßen abstoßen. Dafür verspürte ich den gleichen Schmerz unter der Schädeldecke wie schon bei meinem Schiunfall.

Die im weiten Umkreis verteilten fernglasbewaffneten Beobachter hatten sofort erkannt, was mit mir los war. In einer Staubwolke eingehüllt kam ein Jeep neben mir zum Stehen. „Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“ kommentierte der Offizier, der kurz meine Beine abgetastet hatte. Ein Bein alleine hätte ja auch schon gereicht. Aber nein, Schulz musste sich gleich beide Beine brechen.

Meinen Wehrpass mit dem neuen Vermerk, dass ich nur noch zur Ersatzreserve 2 gehörte, bekam ich dann noch am Krankenbett ausgehändigt. Nicht alleine dass ich mit dem doppelten Beinbruch untauglich geworden war, im Notfall mein Vater(?)land zu verteidigen, sondern die im Kranken­haus durchgeführte Röntgenuntersuchung meiner Lunge. Was wusste ich schon davon, was die drei Buchstaben TBC zu bedeuten hatten? Bisher unentdeckt hatte ich mit die „Motten“ mit herumge­schleppt, die inzwischen schon drei Kavernen in meine Lunge gefressen hatten.

Von wegen nach einer paar Wochen wieder ins Berufsleben einsteigen.

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Fußnoten

[1] Eine Lüttje Lage ist ein im Raum Hannover verbreitetes Mischgetränk aus dem speziellen obergärigen Lüttje-Lagen-Schankbier und Kornbrand. Eng verbunden mit der Lüttje Lage ist eine spezielle traditionelle Trinkweise. https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCttje_Lage

[2] Nach mündlicher Mitteilung von Dieter Schulz handelte es sich um das beste Hotel Hannovers: Kastens Hotel in der Luisenstraße https://www.kastens-luisenhof.de/

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der „Goldene Westen“: Vom Grenzschutz beschossen – vom Vater abgeschoben

 

Wie im Großen und Ganzen die ersten 15 Jahre vom Rest meines Lebens verlaufen sind haben Sie ja nun mitverfolgen können. Dabei konnte man ja schon herauslesen, dass ich es dann letztendlich doch geschafft habe in den „Goldenen Westen“ zu flüchten. Dazwischen gab es aber noch eine Begebenheit, die mir die hiesigen, sprich westdeutschen Behörden nicht so recht abnehmen wollten.

Ich meine aber, dass diese Episode hier noch Platz finden sollte. Wir waren wieder mal zu viert aus dem Heim ausgerissen und hatten uns einen Plan erarbeitet, wie es uns doch noch gelingen könnte in die BRD zu gelangen. Dass wir es schon einige Male versucht hatten, aus der Deutschen Diktatorischen Republik (DDR) zu entkommen, habe ich ja bereits geschildert. Im Mai 1955 hatten wir uns wieder mal bis an die Zonengrenze, genauer gesagt bis nach Haldensleben[1] durch­geschlagen. Gut getarnt versteckten wir uns in einem Wäldchen nahe an dem frisch gepflügten und geeggten Grenzstreifen zwischen DDR und BRD. Nach etwa 30 Stunden hatten wir den Rhyth­mus, der dort patrouillierenden Grenzwache ausgekundschaftet. Im 20 Minuten Abstand passierten die beiden Grenzsoldaten unser Versteck. Der Muttertag in Deutschland war schon zwei Stunden alt, da glaubten wir es wagen zu können. Vor uns in greifbarer Nähe lag die damals noch nicht mit Zäunen oder gar Mauern abgegrenzte Freiheit. Vermeintliche Freiheit.

„Kinder haben hier nichts zu suchen!“

Mit reichlich Adrenalin im Blut und flinken Beinen verließen wir unser Versteck und nahmen Anlauf, den schmalen Grenzstreifen zu überbrücken. Wir hatten höchstens noch 30 Meter bis zum west­deutschem Gebiet, da standen wir urplötzlich im gleißenden Scheinwerferlicht und ein sehr reso­lutes „Halt! Stehen bleiben!“ ließ uns das Blut in den Adern gefrieren, was natürlich unsere Beinmuskulatur lähmte. „He, Jungs, was macht ihr den da? Ihr seid doch noch Kinder!“, hatten sich die Bundesgrenzschützer schnell gefasst, als sie im Licht des Scheinwerfers erkannt hatten, wen sie da vor sich hatten. „Los! Nun aber zurück dorthin, wo ihr hergekommen seid. Kinder haben hier nichts zu suchen!“ kam es mit befehlsgewohnter Stimme ganz deutlich bei uns an. „Hallo, ich will doch zu meinem Vater, der in der Nähe von Stade wohnt!“ rief ich verzwei­felt zurück. „Quatsch! Zurück! Marsch, Marsch!“ war die Antwort. Sicherlich waren die ost­deutschen Grenz­bewacher schon auf den alles durchdringenden Scheinwerfer aufmerksam geworden und auf dem Weg dorthin. „Kommt Jungs, erstmal drüben klärt sich das schon auf!“ ermunterte ich die anderen drei zum Endspurt anzusetzen. Aber kaum hatten wir uns in Bewegung gesetzt, sahen wir nur noch Blitze und hörten die Abschüsse der Kugeln, die um unsere Ohren pfiffen. Eine davon streifte mein rechtes Knie, die Narbe davon trage ich wohl bis zu meinem Tode mit mir herum! Und Peter H. konnte auch noch Jahre danach seinen Hals nicht so bewegen wie er wollte. Denn seine rechte Halsseite streifte eine westdeutsche Kugel. Na, da hatten wir endlich begriffen, dass wir wirklich nicht in Westdeutschland er­wünscht waren. Den nur um maximal zwei Millimeter daneben­gegangene Streifschuss, der dann mein Knie zerschmettert hätte, nahm ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wahr. Wie auch? Waren wir doch mit Adrenalin vollgepumpt. Dieser Kick verschärfte sich noch da­durch, dass nun auch noch Taschenlampen von der Ostseite auf uns gerichtet waren. In West­deutschland waren wir nicht erwünscht, desto mehr freuten sich die auf der Ostseite über ihr Erfolgserlebnis. Später auf der Wache hörte es sich dann so an, als ob die beiden ganz alleine unsere Flucht vereitelt hätten. Wer hörte da schon auf so ein paar Rotzjungen die ihre Schuss­verletzungen als Beweis für ihre Version vorwiesen. Diese Verletzungen hätten wir uns höchstwahr­scheinlich im Wald oder sonst wo selbst zugefügt, hieß es.

1956, als es darum ging in Westdeutschland Papiere zu erhalten zum Nachweis, dass man am Leben war, trug ich diese Begebenheit bei der Behörde vor. Ich solle nur nicht versuchen mich mit einer erfundenen Geschichte interessant zu machen. Das könne ganz schön nach hinten losgehen, mir eine Anzeige einbringen, wurde ich abgewimmelt. Knapp vier Jahre später, als ich voll in Westdeutschland integriert war, durfte ich sogar zur Bundeswehr und zur Not mit der Waffe in der Hand die bösen Kommunisten totschießen, wenn es nötig werden würde. Ausgerechnet während der Zeit, wo ich selbst lernte mit einer scharfen Waffe umzugehen, wurde die Angelegenheit mit dem Streifschuss noch mal aufgegriffen. Meinem Ausbilder war während einer Sportstunde die schlecht vernarbte Wunde an meinem rechten Knie aufge­fal­len. Er fragte nach dem Ursprung und ob es mich auch nicht behindern würde. Endlich hörte mir mal jemand wirklich interessiert zu. Mein Ausbilder war nämlich, welch ein Zufall, bevor er zum Bund ging selbst beim Grenzschutz. Nicht dass er jetzt in die gleiche Kerbe geschla­gen hätte wie die vorherigen Beamten, denen ich die Geschichte vorgetragen hatte. Ganz im Gegenteil. Er hatte immer noch ein paar ehemalige Freunde beim Grenzschutz und wollte ver­suchen der Sache nachzugehen. Er erklärte mir sogar, wie er dabei vorgehen wollte. Jeder Grenz­schützer, bekam bei Dienstbeginn eine eingetragene Waffe mit der dazugehörigen, abge­zählten Munition. All das musste bei Dienstschluss auch wieder vollzählig abgeliefert werden. Fehlten nun aber Patronen bei der Rückgabe, war darüber ein Proto­koll anzufertigen wann, wo, warum die Munition verbraucht wurde. Auf diesem Wege begann er seine Nach­forschungen. Aber siehe da, ausgerechnet von der Nacht zum Muttertag 1955 existierte kein Protokoll. Na ja, so etwas hängt man nirgends an die große Glocke, dass man auf Kinder geschossen hatte. Sowas wird gerne unter den berühmten Teppich gekehrt.

Vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Dass es mir dann doch noch gelang im gleichen Jahr, nur drei Monate später, in den Westen zu kommen, lag an dem schlauen Geliebten, meiner Mutter der später auch mein Stiefvater wurde. Ich betone, dass er schlau, aber nicht klug war. Schlau, wie er es einfädelte, dass es ihm, meiner Mutter und mir ermöglicht wurde, auf ziemlich legalem Wege in den Westen auszureisen, wo neben meinem Vater ja auch die überlebenden Geschwister meiner Mutter, bis auf eine in Schönebeck, bereits wohnten. Übrigens, vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Nachdem meine Mutter als mehrfach ausgezeichnete Aktivistin als Trümmerfrau und politisch als unbedarft eingestuft worden war, durfte sie jedes Jahr ihre Geschwister in Westdeutschland besu­chen. Diese Tatsache machte sich mein schlauer Stiefvater-in-spe zu nutze. Er schlug meiner Mutter vor, für die im August 1955 anstehende Reise in den Westen für ihren minderjährigen Sohn gleich mit einem Antrag zu stellen. So was war möglich, da Kinder, die noch zur Schule gingen, mit im Ausweis des Erziehungsberechtigten eingetragen waren. Da die ausstellende Behörde ja nicht wissen konnte, dass der Ableger meiner Mutter eigentlich in einem Heim für Schwererziehbare untergebracht war, bekam sie auch für mich das benötigte Papier. Das passte auch von der Zeit sehr gut. Waren doch im August die großen Ferien in der DDR. So fiel es niemanden auf, das heißt, bis zum Tag unserer Abreise.

Wie immer, wenn ich wieder mal auf Trebe war, besorgte ich mir auf bekannte Weise, nämlich bei den Russen, das nötige Kleingeld. An dem Tag, wo sich unser Leben ändern sollte, war ich sehr gut mit Ostmark bestückt. Obwohl der einzige Zug gen Westen erst am frühen Abend vom Haupt­bahn­hof Leipzig abfahren würde, waren wir schon sehr früh vom Reisefieber gepackt. Keiner hatte mehr an Gepäck bei sich, als man unbedingt brauchte. Gut durchdacht von Willy meinem Stief­vater. Denn an der Grenze in Marienborn hatten wir ein älteres Ehepaar weniger in unserem Zug­abteil. Die hatten doch gleich zweimal komplettes Federbettzeug mit in den „Urlaub“ nehmen wol­len. Wir verließen schon am Vormittag mit relativ leichtem Gepäck die Lilienstrasse in Leipzig-Reud­nitz. Wissend dass meine reichlich vorhandenen Ostmark im Westen nur einen Dreck wert waren (kannte ich ja von unserem Berlin Ausflug!), ließ ich mir von einem Coiffeur eine schicke Wasserwelle legen, wir gingen wir nochmal in Auerbachskeller chic essen und am Nachmittag auch noch in ein Café. Eine innere Unruhe ließ mich den Vorschlag unterbreiten, dass wir doch mit einem Taxi nach Halle/Saale fahren sollten und dort in den Zug einsteigen sollten. Meine beiden erwachsenen Begleiter ließen sich sogar darauf ein. Meine Vorahnung, wie sich später heraus­stellte, war völlig berechtigt. Während wir in Halle im Wartesaal auf unseren Zug warteten, kam eine Durchsage. Der Zug aus Leipzig über Halle, Magdeburg, Hannover nach Köln hätte voraus­sichtlich 30 Minuten Verspätung. Zu dem Zeitpunkt ahnte keiner von uns, dass ausgerechnet ich an dieser Verspätung schuld sein sollte. Es war aber so, wie wir später von meiner Schwester erfuh­ren. Gerade an diesem besagten 29. August 1955, ein Tag vor meiner Mutters Geburtstag, war wieder einmal eine Razzia in deren Wohnung angesagt. War doch ihr Sohn schon wieder seit eini­gen Tagen aus dem Heim in Dönschten abgängig, wie das so schön im Beamtendeutsch heißt. Weil man in der Lilienstrasse 22 in Leipzig niemanden antraf, wurde im Vorderhaus nachgefragt. Dort erfuhren die Häscher dann auch, dass Frau Schulz wie jedes Jahr in Urlaub in den Westen fahren würde. Da muss dann wohl bei einem der Beamten was geklingelt haben. Bei der Passstelle nachgefragt erfuhren sie auch noch, dass Frau Schulz ihren minderjährigen Sohn in diesem Jahr zum ersten Mal hatte mit eintragen lassen.

Hatte ich mit der Flucht in den „Goldenen Westen“ wirklich das große Los gezogen?

Da aber nur der eine Zug Richtung Westdeutschland am Abend in Leipzig abfuhr, filzte man diesen natürlich gründlich. Somit war auch die Durchsage wegen der Verspätung in Halle zu erklären. Was da in Leipzig abging, wusste ich zwar nicht, aber dennoch war mir kotzübel. Mein Magen rebellierte wie in den ersten Tagen meines beschriebenen Hungerstreiks im Heim. Eingedenk des­sen, mit wie vielen Hoffnungen ich schon Anläufe genom­men hatte, zu meinem Erzeuger in den Westen zu gelangen, und wie kläglich das schief gegangen war, wollte ich erst an mein Glück glauben, wenn ich die Grenze überfahren hatte. Bloß gut das in Leipzig niemand auf die Idee gekom­men war, in Marienborn anzurufen. Erst nach endlosem Aufenthalt an der Grenze, wo man auch so einige aus dem Zug geholt hatte, wovon nicht alle wieder den Zug bestiegen, und der Zug sich wieder in Bewegung setzte, waren auch schlagartig meine Magenbeschwerden verschwunden.

Aber! Hatte ich wirklich das große Los gezogen? Wären mir im Osten die 17 Jahre Knast erspart geblieben, die ich im Laufe der Zeit danach hier abgesessen habe? Irgendwie wäre ich auch drü­ben nicht so ohne weiteres nach Beendigung der Schule wieder in ein freies Leben entlassen wor­den. Immerhin lag ja noch der Motorradunfall in der Luft, den ich noch hätte sühnen müssen. Und danach? Wäre ich ein guter, angepasster Kommunist geworden? Das Schicksalsbuch wurde jedem Menschen schon bei der Geburt geschrieben.

Zunächst war die Enttäuschung schon mal riesengroß, als ich zum ersten Mal meinem Vater gegen­überstand und ich statt einer väterlichen Umarmung nur ein überraschtes, blödes Gesicht vor mir sah. Und dann war es an mir, ein dummes Gesicht zu machen. An der Bushaltestelle in Ahler­stedt (bei Stade), wo ich am besagten 30 August 1955, einem Samstag (unvergesslich für mich!) meinen Vater erwartete, wovon er allerdings nicht die geringste Ahnung hatte, drängte sich eine fünfjährige Göre zwischen meinen Vater und mich und fragte ganz empört: „Warum sagst du Papa zu meinem Papa, dass ist mein Papa und nicht dein Papa“. (Verstehen Sie jetzt mein dummes Gesicht? Ich hatte doch keinen blassen Schimmer davon, dass ich auch noch eine Halbschwester hatte. Jedenfalls hatte mein Vater in keinem seiner wenigen Briefe an mich etwas davon erwähnt).

Brachte es mein Vater schon nicht übers Herz seinen einzig verbliebenen Sohn in den Arm zu neh­men, so siegte dann doch seine Neugier zu erfahren, wie ich es geschafft hatte, so plötzlich vor ihm zu stehen. Nachdem sich auch meine schwergewichtige Stiefmutter aus der für sie viel zu engen Bustüre gezwängt hatte, wollte er sicherlich eine peinliche Szene an der Dorf-Bushaltestelle vermeiden.

„Na, dann komm mal mit nach Hause, dort erkläre ich dir alles!“ Dabei warf er einen vielsagen­den Blick auf das Mädchen, welches dagegen protestiert hatte, dass ich zu ihrem Papa ebenfalls Papa gesagt hatte. Zu meiner zukünftigen Stiefmutter sagte er nur ganz kurz: „Das ist Dieter!“ Na, zumindest wusste sie darüber Bescheid, dass es mich gab. Auf dem kurzen Weg zu deren Haus schlugen meine Gedanken Purzelbäume. Abgesehen davon, dass ich von der (Nicht)- Begrüßung enttäuscht war, drängte sich Ingrid, meine Halbschwester ganz bewusst zwischen mich und unse­rem Vater, hängte sich an seinen Arm. In diesem Moment fragte ich mich schon, wozu ich eigent­lich solche riskanten Unternehmungen gestartet hatte, um zu meinem Vater zu kommen. Ich konnte bisher nie darüber lachen, wenn ich mal irgendwo das Wort Herzensleid las oder hörte. Es mag Men­schen geben die dieses Wort zu schmalzig finden. Auch ich unterlag manchmal dieser Versuchung. Doch dann fiel mir immer sehr schnell ein, dass ich es ja selbst erfahren hatte. Genau damals mit meinen 15 Lenzen auf dem ersten gemeinsamen Weg mit meinem (?) Vater! Bei meinem ersten Gang zu meines Vaters Haus nahm ich gar nicht so recht wahr, an wie vielen ande­ren Häusern wir vorbei gingen oder gar wie diese beschaffen waren. Die Häuserreihe nahm ein Ende, wir bogen in einen Feldweg ein. Zwischen Kartoffel- und Maisfeldern tauchte dann auch das letzte Haus auf. Schlicht und einfach, aber es war ein Zuhause. Nur sollte es nie das meine werden.

In der Küche Platz nehmend durfte ich zwischen Milch, Hagebuttentee und Kakao wählen. Natür­lich entschied ich mich für eine Tasse Kakao. Neugierig drängte sich die ganze Familie um den Tisch, an dem ich nun mit meinem Vater saß. Wenn ich hier Familie sage, so gehörte neben mei­ner Halbschwester, noch eine Tochter und ein Sohn aus erster Ehe von Monika dazu. Die beiden Kinder, die Tochter ein Jahr jünger als ich, der Sohn ein Jahr älter, begafften mich wie ein seltenes Tier. Mein Vater steckte sich einen billigen Zigarrenstumpen in die Pfeife. Erst als der Rotzkocher zu seiner Zufriedenheit qualmte, zeigte er mit dem Saugrüssel seiner Piepe auf mich und sagte: „Nun erzähl mal!“

Ich erzählte ihm nun wie uns die Flucht aus der DDR gelungen war und wie es der Zufall wollte, lebte genau am anderen Dorfende eine Schwester meiner Mutter, die von ihr jedes Jahr besucht wurde. Bei dem Wort UNS verschluckte sich mein Vater an dem Tabakqualm den er gerade ein­gezogen hatte. Dies übersah ich geflissentlich und fuhr fort zu erzählen. Eben dass meine Tante mir verraten hatte, wo und wann ich meinen Vater mit meiner Anwesenheit überraschen konnte. In so einem kleinen Dorf, weiß jeder von jedem, wann er furzt. So war meiner Tante auch bekannt, dass mein Vater an diesem Samstag mit seiner zukünftigen Frau nach Buxtehude gefahren sei um Ver­lo­bungsgeschenke einzukaufen. Es war auch abzusehen, dass der Vater gegen 14 Uhr mit dem letzt­möglichen Bus wieder in Ahlerstedt eintreffen würde.

So, da war ich also und legte mein weiteres Schicksal in seine Hände. Ohne mich anzusehen beschäf­tigte sich mein Erzeuger ausgiebig mit dem erneuten Ingangsetzen seiner Pfeife und begann dann erst mit einer Erklärung über seine neuen Familienverhältnisse. Dabei holte er etwas weiter aus, bevor er auf den eigentlichen Punkt kam. Dabei erfuhr ich etwas über seine Lebens­geschichte. So erfuhr ich, dass er Obergefreiter bei einer Flakbatterie gewesen sei und kurz vor Kriegsende bei München stationiert gewesen sei. Dort habe er sich noch einen Bauchschuss einge­handelt. Nach einigen Wochen Krankenhausaufenthalt hatten ihn die amerikanischen Besatzer als unbedenklich eingestuft und ihn laufen lassen.Von seinen Ersparnissen hätte er sich ein Pferd samt Wagen angeschafft und sei gegen Norden gezogen, weil er erfahren hatte, dass dort noch Ver­wan­dte (meine Tante) aus Ostpreußen leben würden. Über seine eigene Familie habe er keine Auskünfte erhalten können, so dass er davon ausgehen musste, dass wir den Krieg nicht überlebt hatten. Es habe sich dann so ergeben, dass er in Monika, die Kriegerwitwe geworden war, eine neue Gefährtin gefunden habe. Bei dem rasanten Wiederaufbau in Deutschland habe er auch sehr schnell Arbeit gefunden. Er verdiene sich sein Geld jetzt als Eisenflechter. Allerdings sei er nur jedes zweite Wochenende in Ahlerstedt, da es eine weite Reise sei von seinem derzeitigen Arbeitsplatz. Ich hätte ja großes Glück gehabt, dass er ausgerechnet an diesem Wochenende zu Hause sei.

Oh jemine! – Ich zum Bauern?

Dann ließ er seine Neugierde aber nicht mehr mit seiner Frage, die ihm auf den Nägeln brannte, ruhen. „Du sagtest eingangs, dass es EUCH gelungen sei, hierher zu flüchten. Soll das heißen, dass deine Mutter diesmal nicht nur zu Besuch zu ihrer Schwester gekommen ist wie all die Jahre zuvor?“ Bemerkte ich da etwa ein nervöses Nuckeln an seiner Pfeife, als ich darauf antwortete?

„Genau so ist es. Immerhin hat Mutti es mir mit ihrem Ausweis ermöglicht über die Grenze zu kom­men!“ Ich musste ihm dann noch erklären, wie das genau abgelaufen ist. „Wie soll das nun weiter­gehen?“ fragte er in den Raum hinein. „Du siehst ja, wie viele Personen wir hier sind. Wir leben schon ziemlich beengt. Das Haus gehört der Gemeinde und die obere Etage ist von einer anderen Familie belegt!“ begann er mir den Zahn zu ziehen, falls ich die Hoffnung gehegt hatte bei ihm unter­zukommen. Monika aber dachte zunächst sehr praktisch. „Du musst als erstes bei deiner Firma anrufen und um 2 bis 3 Tage Sonderurlaub nachsuchen. Die werden schon Verständnis für diese Situation haben!“ Vater grummelte sich was in seinen nicht vorhandenen Bart, was soviel hieß: „Ja, dann werde ich wohl gleich am Montag mit ihm nach Stade zum Arbeitsamt fahren müssen. Jetzt in der Erntezeit wird bei den Bauern jede Hand gebraucht!“ Oh jemine! Ich zum Bauern? Waren da nicht richtige, starke Kerle gefragt? Ich, brachte keine 50 Kilo auf die Waage mit meinen gerade mal 155 Zentimetern Körpergröße.

„Aber Vater! Ich habe das Versetzungszeug­nis von der siebten in die achte Klasse in der Tasche. Ich bin doch noch gar nicht mit der Schule fertig!“ – „Für die Arbeit beim Bauern reicht das alle­mal. Und, beim Bauern kriegst du richtig was zu essen und auch Unterkunft zu deinem Lohn. Du bist noch im Wachstum, und auf die Rippen und in die Arme kriegst du dabei auch etwas. Soweit ich zurückdenken kann, sind alle deine Vorfahren irgendwie mit der Landarbeit groß geworden!“ Na, da hatte ich mir ja was eingebrockt.

Nachdem ich noch eine weitere Tasse Kakao getrunken und ein Stück Butterkuchen dazu gegessen hatte, wurde ich zum sonntäglichen Mittagessen eingeladen. Mit verwirrten Gedanken trat ich dann den Weg ans andere Dorfende zu meiner Mutter und Tante an. Obwohl mein Onkel dort einen 120 Morgen großen Bauernhof gepachtet hatte, lebten sie mit ihren vier Kindern auch ziemlich beengt. Gleich drei Besucher überstiegen einfach ihre Bettenkapazitäten. So musste ich mir mit meinem etwa gleichaltrigen Cousin ein Bett teilen. Als ich meiner Mutter darüber Bericht erstattete, wie das Wiedersehen mit meinem Vater abgelaufen war, erkannte ich wie ihre Augen feucht wur­den. Was mein Vater versäumt hatte zu tun, das holte meine Mutter jetzt nach. Sie nahm mich so fest in ihre Arme, das mir die Rippen schmerzten. „Mein Junge, denk daran, was wir schon alles durchgemacht haben. Wir werden auch das überstehen. Kommt Zeit, kommt Rat. Willy und ich können ja auch nicht auf Dauer hier bleiben. Wir haben alle gesunde Hände. Und Arbeit gibt es hier genug!“ tröstete meine Mutter mich.

Fußnote

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Haldensleben

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Fragen Sie doch einfach mal.

Posted in Deutschland, Politik, Uncategorized by dierkschaefer on 26. April 2017

»In einer repräsentativen Demokratie werden politische Entscheidungen sowie die Kontrolle der Regierung nicht unmittelbar vom Volk ausgeübt , sondern von einer Volksvertretung wie dem Deutschen Bundestag. Über eine „Legitimationskette“ ist dass Handeln der Regierung auf die Willensäußerungen der Wählerinnen und Wähler zurückgeführt. Im Parlament werden die unterschiedlichen Meinungs- und Interessenlagen diskutiert und im Rahmen der Mehrheitsverhältnisse entschieden.«

Soweit, so gut, so harmonisch.

Gestrichen wurde der folgende Passus:

»Jedoch vertreten verschiedene Bevölkerungsgruppen ihre Interessen mit ungleichen Konflikt- und Organisationsressourcen. So können Partikularinteressen von Eliten und Unternehmen in modernen Demokratien einen übergroßen Einfluss gewinnen, mit der Folge einer zunehmenden Entpolitisierung und damit eines Legitimitätsverlustes.«[1]

Diese plausible Begründung des Politikverdrusses wurde uns vorenthalten.

Wir dürfen demnächst wieder einmal unsere Stimme abgeben, um sie dann nicht wiederzukriegen.

Fragen Sie die Abgeordneten und Kandidaten Ihres Wahlkreises, ob und wie sie diese Streichung rechtfertigen! Wenn die Antwort nicht befriedigend ausfällt, fragen Sie, warum Sie überhaupt zur Wahl gehen sollen, wenn die Einflussmöglichkeiten dermaßen ungleich verteilt sind.

Wir haben es ja schon immer wissen können, doch nun kann die Farce einer Scheindemokratie nicht mehr geleugnet werden.

[1] Quelle: Abgeordnetenwatch.de‏ @a_watch, Wo krit. Stellen aus dem #Armutsbericht der BReg gestrichen wurden: Guter Vorher/Nachher-Vergleich von @lobbycontrol https://www.lobbycontrol.de/wp-content/uploads/LobbyControl-Versionsvergleich-Armutsbericht-kommentiert.pdf …

Deutschland – Rabenvaterland

Posted in BRD, Deutschland, Ethik, Leben, Menschenrechte, Politik, Recht by dierkschaefer on 26. April 2017

»Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihre Wohnung aufgeben und gegen Ihren Willen in ein Zimmer in einem Wohnheim ziehen. Sie könnten dort nicht mehr frei bestimmen, was sie wann essen möchten oder wann Sie duschen oder wann Sie abends ins Bett gehen möchten. Auch könnten Sie sich nicht aussuchen, wen Sie in Ihre Intimsphäre lassen, auf wen sie angewiesen sein werden und wem Sie vertrauen.

Unvorstellbar? Vielen Menschen mit Behinderung droht genau dieses Schicksal. In Deutschland, im Jahr 2017. Unterschreiben Sie jetzt hier gegen den Heimzwang.

Unterschreiben Sie diese Petition?

Hintergrund:

In Deutschland gilt seit 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention. Dort ist in Art. 19 eindeutig geregelt, dass zu gewährleisten ist, dass Menschen mit Behinderung „gleichberechtigt mit anderen die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben“.

In Deutschland sieht die Realität anders aus. Ende 2016 wurde nach mehrjährigen Diskussionen das Bundesteilhabegesetz verabschiedet. Dort findet sich – wie bisher – die Regelung, dass grundsätzlich nur die angemessene, also kostengünstigere Leistung zu gewähren ist. Wenn also die gewünschte Leistung (z.B. Hilfe in der eigenen Wohnung) mehr kostet, als die Hilfe im Heim, kann der behinderte Mensch auf die Heimunterbringung verwiesen werden. Zwar gilt dies nur, wenn die nicht gewünschte Alternative „zumutbar“ ist – doch was zumutbar ist, entscheidet das Amt, das bezahlen soll. Gerade bei klammen Kommunen ist dann vieles zumutbar.

Immer wieder erfahren wir von Menschen, die den Bescheid in Händen halten, der ihnen die lebensnotwendige Hilfe in der eigenen Wohnung streicht. „Suchen Sie sich bis zum … einen Heimplatz“ – so oder ähnlich wird formuliert. Den Ämtern sollte bewusst sein, dass die obersten Gerichte eine Unterbringung im Heim gegen den Willen der Betroffenen nicht zumutbar finden. Doch viele behinderte Menschen haben weder die Kraft noch die finanziellen Mittel, um den Weg durch die Instanzen zu kämpfen. Schnell türmen sich tausende Euro an Schulden für nicht bezahlte Hilfeleistungen auf, so dass die Menschen am Ende aufgeben müssen.

Natürlich steht bei der „Zwangseinweisung“ nicht die Polizei morgens vor der Tür und holt die Betroffenen ab. Der Zwang besteht in der Vorenthaltung lebensnotwendiger Hilfeleistungen beim individuellen Wohnen – wenn kein Assistent mehr bezahlt wird, der zur Toilette hilft, etwas zu essen anreicht oder den behinderten Menschen ins Bett bringt – dann muss die „angebotene Alternative“ – die stationäre Einrichtung – in Anspruch genommen werden.

Ebenso kennen wir Menschen, die aus einer Einrichtung ausziehen möchten, dies aber nicht dürfen. Teilweise kamen sie als vorübergehende Lösung, z.B. nach einem Unfall, dorthin und stehen nun vor dem Nichts – die Wohnung wurde aufgelöst, persönliche Sachen entsorgt und die Hilfe außerhalb der Einrichtung wird vom Amt abgelehnt.

Gefangen – lebenslang. Ohne eine Straftat begangen zu haben.
Diese Praxis ist menschenunwürdig.

Forderung:

Wir fordern deshalb von allen Parteien in ihren Wahlprogrammen und dem anstehenden Koalitionsvertrag, den § 104 SGB IX n.F. in der Fassung ab 2020 dahingehend abzuändern, dass das Wunsch- und Wahlrecht hinsichtlich Wohnort und Wohnform uneingeschränkt verbrieft wird, so wie es schon der Bundesrat in seinen Empfehlungen zum Bundesteilhabegesetz gefordert hatte.

Übernehmen Sie den Wortlaut von Artikel 19 der UN-Behindertenrechtskonvention, um zu gewährleisten, dass die Menschenrechte behinderte Menschen nicht weiterhin fortwährend verletzt werden! «

 

Frechheit siegt. Wäre in diesem Fall zu wünschen, wenn es überhaupt Frechheit ist.

Schon erstaunlich, der Griff ins Polemikfach, zu dem sich der Autor Christian Geyer verstie­gen hat. „Kinder haben im Grundgesetz nichts zu suchen“, meint er und spricht von „Frechheit“[1]. Ich will ihm darin nicht folgen, auch wenn ich es höchst befremdlich finde, wie er die Realität ausblendet, die sich nicht die sich nicht puristisch an der Rechtsdogmatik misst. Selbstverständlich haben zunächst die Eltern „das natürliche Recht und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ auf Pflege und Erziehung – und ich will hier nicht den Rückgriff der Eltern des Grundgesetzes auf das Naturrecht problematisieren. Aber wir erfahren doch fast täglich, dass es Eltern gibt, die dieses Recht und seine Verpflichtung nicht verstehen, es gar missbrauchen zu Vielerlei oder es missachten – bis hin zum Totschlag. Und selbst unterhalb dieser Schwelle gibt es laut Marie von Ebner-Eschenbach „leider nicht viele Eltern, deren Umgang für die Kinder ein Segen ist.“ Immerhin reicht das Elternrecht nach parlamenta­rischem Beschluss bis zur einschneidenden Körperverletzung durch Beschneidung. Da hilft nicht einmal das Wächteramt des Staates.

Wie wichtig der Grundrechtsschutz von Kindern ist, erleben Scheidungskinder besonders häufig. Familienrichter haben keine Ausbildung in Entwicklungspsychologie, manche halten, wie der frühere Präsident des Familiengerichtstages Siegfried Willutzki immer wieder betonte, Fortbildung für einen Eingriff in ihre richterliche Freiheit. Und dank der Unbeirrbarkeit von Bundesländern, in Kindesangelegenheiten zu sparen, sind ja nur Kinder, verzichtet man auf die professionelle Befähigung von Verfahrenspflegern, auch Anwalt des Kindes genannt.

Kinderrechte im GG können aber nicht nur ein besserer Schutz vor verantwortungslosen Eltern sein, sie wären auch ein Schutz vor manchen Jugendamtseingriffen, die, wie wir auch immer wieder erfahren, Kinder nicht ausreichend schützen, die keine Fachaufsicht fürchten müssen und zuweilen fiskalischer Enge die Priorität einräumen.

Kinderrechte im GG würden nicht per se den Kindern einen geschützen Raum öffnen. Doch hier muss die Sachdiskussion beginnen, wenn sie samt Wahlrecht ins Grundgesetz gekommen sind.

Auch ein voreiliger Anwalt des Kindes kann Schaden anrichten, ebenso wie die ideologische Befangenheit auf Seiten unbelehrbarer Eltern. Auch haben manche der Befürworter solcher Rechte ein politisches Nebenkalkül. Aber ist es wirklich eine Frechheit, sich den realen Nöten von Kindern zuzuwenden, auch wenn die Wege aus der formal-juristischen Korrektheit hinausführen?

Herrn Geyer kann ich aus meiner Beschäftigung mit dem Thema viel Material anbieten.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kinderrecht-im-grundgesetz-eine-frechheit-14957358.html

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Einundzwanzigstes Kapitel

Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

Die Veränderung in meinem Leben begann damit, dass ich in der Folgezeit zum häufigen Schulschwänzer wurde. Die Verlockung war aber auch zu groß, und wurde immer größer. Schnell fand ich heraus, während ich immer noch staunend den riesigen Bahnhof erforschte, dass fast aus jedem ankommenden Zug gleich mehrere russische Offiziere ausstiegen. Manch­mal folgte ich einem von ihnen, konnte mich aber nicht dazu überwinden, ihn so einfach wegen ein paar Groschen anzusprechen. Schließlich verspürte ich nicht den Kohldampf wie zu der Zeit in Königsberg. 1950 war die Not nicht mehr so groß. Es gab allerdings Dinge die sich ein kleiner Junge gerne gewünscht hätte.

Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass kaum ein Offizier nach Leipzig kam, der nicht irgend­einen bestimmten Auftrag hatte. Aber so gut wie jeder nahm die Gelegenheit wahr, seinen Auf­trag mit einer Shoppingtour durch Leipzig zu verbinden. Leipzig war immerhin eine Messestadt. Und es hatte sich herumgesprochen, dass im Gegensatz zu den übrigen Provinz­städtchen, wo sie herkamen, in Leipzig Waren zu haben waren, die es dort nicht gab. Das alles wusste ich allerdings natürlich nicht.

Endlich rang ich mich dazu durch, einen recht freundlich aussehenden Offizier anzusprechen. „Onkel hast du vielleicht 20 Pfennige für mich? Ich möchte gerne in den Zirkus gehen!“ Der Offizier sah nicht nur freundlich aus, er war es auch. „Natürlich mein Junge! Wer so gut russisch spricht, soll auch belohnt werden!“ Doch zunächst wollte er wissen wie alt, woher, und vor allem, woher ich so gut russisch sprechen konnte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich aus Königsberg, genauer gesagt aus Kaliningrad käme, wo ich mit meiner Mutter und Schwester bis 1949 unter den Russen gelebt hätte. Auf seine Frage, wo denn mein Vater wäre, log ich etwas. Tatsache aber ist, ich wusste es bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht genau. Ich sagte ihm, dass dieser im Krieg gefallen sei. Der Offizier, wohl selbst noch an der Eroberung Deutschlands beteiligt, immerhin war er schon Major, atmete tief durch und strich mit seiner Hand durch mein Haar, fragte mich, was denn der Eintritt in den Zirkus kosten würde. Wahrheitsgemäß nannte ich ihm den billigsten Preis von 55 Pfennigen. „So, da fehlen dir also noch 20 Pfennig?“ fragte er. „Tatsache ist“, blieb ich bei der Wahrheit, „Ich habe keinen Pfennig. Ich werde aber versuchen noch bei anderen um den Rest zu fragen!“ „Brauchst du nicht, Junge!“ Dabei kramte er in seinen Taschen herum und brachte eine Handvoll Alumini­um­geld hervor, wovon man so schöne schwarze Finger bekam, drückte sie mir in die Hand. Mir blieb fast die Luft weg vor Freude und Überraschung.

Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Während wir gemeinsam die breite Treppe in Richtung Ostausgang hinunter gingen, fragte er mich nach meinen Zensuren in der Schule aus. Er war regelrecht entsetzt, als ich ihm ganz Stolz z.B. meine Eins im Russischen ansagte. Schließlich stellte sich heraus, dass in Russland die Eins die schlechteste, aber die Fünf die beste Note ist. So lernte ich wieder etwas dazu. Hatte ich doch bis zum 9ten Lebensjahr in Ostpreußen keine Schule von innen gesehen. Noch bevor wir den Taxistand erreichten, fragte er mich, ob ich denn morgen auch hier am Bahnhof sein würde. Er müsste in Leipzig über­nachten und hätte am nächsten Tag vor, noch einige Einkäufe zu tätigen. Er könnte gut einen Führer gebrauchen, der ihm z.B. das russische UNIWERMAG1 und das große HO-Kaufhaus2 zeigen könne. Wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Morgen um 10 Uhr vor dem Hotel „Stadt Leipzig“3, welches ausschließlich für das russische Militär reserviert war, auf ihn warten würde. Scheiß auf Schule. Meine Führung würde mir bestimmt wieder eine Handvoll Aluminiumgeld einbringen. Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Vorsichtshalber versteckte ich meinen Schulranzen in der Toreinfahrt zum Hinterhaus, wo wir wohnten. In der Toreinfahrt selbst war ein etwas größerer Vorbau eingelassen. Dieser Vorbau diente als Schornstein für gleich zwei aneinander gebaute Häuser. An dem Schornstein war in der Toreinfahrt eine Klappe angebracht, damit der Schornsteinfeger auch von dort Zugang hatte. Diese Klappe hochschiebend war genügend Platz vorhanden für meinen Pappmaché Schulranzen. Meine Mutter oder meine Schwester sollten, wenn sie vor mir nach Hause kamen, nicht gleich auf dumme Gedanken kommen, dass ich eventuell die Schule schwänzen könnte.

Wegen der Möglichkeit, dass während meiner Abwesenheit der Schornsteinfeger gerade seiner Arbeit nachging, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Immer wenn der Schorn­steinfeger in unsere Straße kam, stand schon einen Tag vorher draußen auf dem Bürgersteig mit Kreide geschrieben: Morgen kommt der Schornsteinfeger!

Also, kurz nach 10 kam dann auch mein Major aus dem Hotel, der mich schon vom Früh­stücks­zimmer aus auf der anderen Straßenseite gesehen hatte. Das Hotel war direkt hinter dem Bahnhof. Und vom Bahnhof war es nicht allzu weit zum Uniwermag, dem russischen Kaufhaus, wo wiederum nur Russen Zutritt hatten. Also musste ich draußen warten. In Sichtweite vom Uniwermag war auch schon das HO-Kaufhaus. Während ich vor dem Uniwer­mag wartete, fiel mir auf, dass einige Typen sich an die russischen Offiziere heran­machten und sie in ein Gespräch verwickelten. Die meisten gingen einfach weiter, andere blieben stehen, sprachen etwas länger mit den Zivilisten. Und siehe da, sie änderten manch­mal ihr angestrebtes Ziel, und begleiteten die Zivilisten in eine ganz andere Richtung. Keinen blassen Schimmer, was da vor sich ging. Bis ja, bis ich mit meinem Major schon wieder auf dem Rückweg vom HO war. Da wurden auch wir angesprochen. Schon vorher, während sich der Major u.a. mit Dessous für seine Frau in der Heimat eindeckte, hatte er mich gefragt, ob ich wüsste wo er z.B. echte Schweizer Uhren kaufen könne. Man hätte ihm gesagt, dass in Leipzig alles zu bekommen wäre. So auch Banbarchet. Also goldene Uhren verstand ich ja zu übersetzen. Aber Banbarchet? Nie gehört dieses Wort. Woher auch. Wer interessierte sich in den frühen Nachkriegsjahren schon für französischen Samt. Hier und jetzt aber war sowas angesagt. Die russischen Offiziere die einen fürstlichen Sold bekamen, jedes Jahr eine Heimfahrt, waren ganz verrückt danach. Und, Leipzig war die Handelsmetropole für solche Konterbande.

Mein Major war hocherfreut, als uns der Kerl ansprach. Sich unserem Schritt anpassend lief er neben uns her und radebrechte in schlechtem Russisch: Schto warn schilallte? Banbarchet, Schassie, Schuba…..? (Was wünschen Sie? Samt, goldene Uhren, Pelze?) Als ich mich empört einmischte, ich mir nicht mein erhofftes Führungsgeld durch die Lappen gehen lassen wollte, beruhigte mich der deutsche Schieber. „Sei nicht blöd Junge, da sind für dich zwischen 5 bis 20 Mark drin, bei dem Geschäft!“ Ich dachte ich spinne. Letztendlich wartete ich am verein­barten Treffpunkt, während der Schieber mit meinem Major in einem Taxi davon fuhr. Und siehe da, meine Geduld zahlte sich aus. Zum einen gab mir der Major für die erfolgreiche Füh­rung doch tatsächlich ganze 20 Mark. Der ließ sich dann auch gleich das kurze Stück zum Bahnhof mit dem Taxi weiterfahren. Ich konnte gerade noch feststellen, dass er jetzt ein Packet mehr mit sich herumschleppte. Der etwa 40jährige Schieber lud mich zu einer Limo­nade in eine nahe gelegene Kneipe ein. Dort verklickerte er mir dann bei einer Waldmeister­limo seinen Berufsstand (Schieber) und warb mich gleichzeitig als Zuträger von weiterer Kund­schaft an. Der Major hatte doch tatsächlich einen Pelzmantel, vier Meter Samt und eine echte Schweizer Uhr in Golddouble und 16 Steinen erworben. Wie mir der mir gegenüber­sitzende Typ, der etwas russisch in seiner kurzen Gefangenschaft gelernt hatte, in gutem Deutsch erklärte. Er wolle zu mir ganz ehrlich sein. Der Major hätte gleich drei Teile gekauft. Für jedes Teil bekäme er zehn Mark Provision. Diese wolle er mit mir ehrlich teilen, und schob mir 15 Mark wie ein Verschwörer unter dem Tisch zu. Wow! Das Schuleschwänzen hatte sich echt gelohnt.

Er hatte mich nach allen Regeln der Kunst beschissen

Nur, wie brachte ich es meiner Mutter bei, woher ich das Geld hatte, um ihr das Geschenk von einem halben Pfund Kaffee im Schwarzmarktwert von 20 Mark machen zu können? Wusste ich doch, dass meine Mutter sich jeden Monat ein viertel Pfund gönnte. Dieses viertel Pfund hütete sie wie ihren Augapfel, brühte ihn bis zu dreimal auf. Nun ja, auch das bekam ich hin. Wurde dafür ganz dolle gedrückt. Hatte ich zunächst auch daran gedacht den Schieber für seine Ehrlichkeit und dem großzügigen Teilen vor Freude zu drücken, so kam ich doch recht bald dahinter, dass der Typ ein ganz gemeiner Betrüger war. Er hatte meine Unwissen­heit und meine Winzigkeit als Menschenskind einige Tage lang nur ausgenutzt. Und wie mit einer Unverfrorenheit, die es nur echte Gauner drauf haben, hatte er mich nach allen Regeln der Kunst beschissen. Anfangs schöpfte ich ja auch noch gar keinen Verdacht, dass da etwas faul sein könnte. Ich mochte nur nicht seine Geheimniskrämerei. Er wollte mir partout nicht sagen, wo seine Quellen waren, von denen er die Ware bezog.

Einen Steinwurf entfernt vom Uniwermag, wo von den Schiebern die Kunden angesprochen wurden, am Bahnhof selbst, wo aus allen Ecken der DDR die potentiellen Kunden anreisten traute sich kein Schieber hin, da war die Bahnpolizei vor, also in der Nähe des Uniwermags war das Rathaus von Leipzig. Und dort war auch ein Taxistand. Dort stiegen auch immer die Schieber mit ihren Kunden ein. Ich hatte mir gut gemerkt in welche Richtung sie davon fuhren. Anstatt immer nur auf die Rückkehr zu warten, begab ich mich sehr schnell, noch bevor das Taxi losfuhr, zu dem Punkt wo ich es hatte abbiegen sehen. Beim nächsten Mal war ich schon wieder an dem Punkt angelangt, um zu sehen wie es weiterging. Nach einiger Zeit, wobei ich mir dann schon selbst ein Taxi nehmen musste, hatte ich auch schon das Ziel, d.h. den Hehler der Ware im Visier. Wobei es sich allerdings nur um den französischen Samt und einen Uhrendealer handelte. Andere Anlaufstellen kamen in der nächsten Zeit noch hinzu. Und das war gut so! Denn es passierte schon mal, dass eine Razzia durchgeführt wurde. Die Polizei wusste natürlich von den Schiebergeschäften, die im Umkreis vom Uniwermag getätigt wurden. Nachdem die observierten Schieber meistens bis auf den letzten Mann ins Netz gegangen waren, befand ich mich ganz alleine auf weiter Flur. Mich Knirps nahm man einfach nicht für voll. Das dachte anscheinend Frau Wilke, bei der ich dann notgedrungen selbst mit einem Käufer auftauchte auch. Sie wohnte in einer Villengegend ganz in der Nähe des Zoos. Als ich geklingelt hatte, sie durch den Türspion einen uniformierten Russen sah, mich Zwerg erfasste der Türspion erst gar nicht in seinem Blickfeld, öffnete sie. Als aber statt eines bekannten Schiebers so ein Knirps in Begleitung des Russen vor der Türe stand, wollte sie uns doch die Türe vor der Nase zuschlagen. Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Ich hatte ja damit gerechnet, dass die Dealerin geschockt sein würde. Mich hatte ja niemand offiziell bei ihr eingeführt. „Entweder Sie lassen uns jetzt rein, oder die Polente ist schneller hier wie Sie Ihre Ware verstecken können!“ warnte ich kackfrech.

Ich erklärte ihr ganz kurz, wie ich auf sie gekommen sei. Und fragte auch noch, ob sie noch gar nicht gemerkt hätte, dass seit Tagen ihre Kunden ausblieben. Natürlich hatte es sich schon herumgesprochen, dass wieder einmal eine Razzia stattgefunden hatte. Während der Kunde sich die die fünf Sorten Samt vorlegen ließ, klärte ich sie weiter über mich auf. Und siehe da, plötzlich war ich voll akzeptiert. Sie fand es für ihr Geschäft viel unverfänglicher, wenn ich Stepke bei ihr auftauchte. Von da an war ich in den Folgejahren in ihren Augen ein guter Geschäftspartner.

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme.

Wie der Leser das verstehen soll? Nun, je nach Marktlage, oder besser gesagt Lagerbestän­den, wurde von dem Dealer ein fester Preis an den Schlepper gezahlt. Es lag also an dem Schieber, welchen Preis er bei dem Käufer aushandelt. Da aber viele Russen gerne feilschten, konnte die Provision unterschiedlich ausfallen. Da aber mein Kunde anstandslos den gefor­derten Preis von 350 Mark ohne Murren gezahlt hatte, standen mir bei derzeitiger Marktlage die Differenz von 90 Mark pro vier Meter Samt zu. Ich war einfach nur baff! Bei so einem einträglichen Geschäft, immerhin kamen an guten Tagen bis zu 400!!! Mark zusammen, da ließ ich schon mal fünfe gerade sein und dachte gar nicht daran, dass es da auch noch die Schulpflicht gab. Entschuldigungsschreiben waren für mich kein Problem. Hatte ich mir doch schon längst die Sütterlinschrift meiner Mutter abgeguckt. Fortan brauchte meine Mutter nie mehr auf ihren geliebten echten Bohnenkaffee zu verzichten. Geschweige denn die Pampe mehrmals aufzubrühen. Wie ich an das Geld kam, verschwieg ich ihr nicht. Nur das dazu oft Schuleschwänzen angesagt war, verschwieg ich ihr lieber.

Die Sonntage, wo ich mich am/im Zoo etc. herumtrieb, mochte ich auch nicht mehr missen. Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme. Aber zum einen litt eigentlich meine schulische Leistung gar nicht darunter. Ich war top am Ball, und wichtige Arbeiten nahm ich immer wahr.

Nur der Grund, warum ich letztendlich in ein Heim für Schwererziehbare kam, das war sehr ungerecht. So empfinde ich noch heute.

 

Anmerkung:

Leider erlaubt diese Programmsoftware keine Fußnoten und auch keine Hyperlinks mehr. Das ist äußerst ärgerlich für die Leser wie für mich. Da ich meist mit Fußnoten arbeite, habe ich einen erheblichen Mehraufwand mit einer Extra-Numerierung und die Leser können die Fußnoten nur über das Extra-PDF erreichen und dort hoffentlich auch anklicken, soweit Hyperlinks angegeben sind.

Ich verzichte in Zukunft darauf, den jeweiligen Artikel auch als PDF anzubieten und verweise auf die geplante Gesamtedition dieser Biographie, die dank Fußnoten und Hyperlinks hier im Blog nur noch als PDF darzustellen sein wird.

Aus denselben Gründen gibt es das Inhaltsverzeichnis nur noch als PDF.

Ich bitte die Leser, diese Umständlichkeit zu tolerieren. Auch ich bin von der Veränderung überrascht und not amused.

Fußnoten  21 – fußnoten
Inhaltsverzeichnis  21 Inhaltsverzeichnis