Dierk Schaefers Blog

Leben und Arbeit im Strafvollzug

Es geht hier nicht um Sicherheitsverwahrung, sondern um den normalen Knast (Justizvollzug). Der Artikel besteht aus lauter Zitaten, die Quelle ist jeweils darunter angegeben.

 

Arbeit im Strafvollzug sollte daher vergleichbar derjenigen in Freiheit vergütet werden; ebenso war die umfassende Einbeziehung arbeitender Häftlinge in die Sozialversicherung vorgesehen. Diese Kernstücke des Reformkonzepts sind allerdings bis heute nicht umgesetzt. Noch immer gilt für Strafgefangenenarbeit im Regelfall eine Lohnhöhe, die der früher üblichen geringfügigen „Belohnung“ für erbrachte Arbeit entspricht; die in § 200 Abs. 2 StVollzG angekündigte Erhöhung des Entgeltniveaus hat bislang nicht stattgefunden. Desgleichen ist die Aufnahme arbeitender Gefangener in die gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung (vgl. § 198 Abs. 3 StVollzG) bisher nicht in Kraft gesetzt worden. http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/1998/bvg98-015.html Mittwoch, 21. Februar 2018 moabit

Gefangene, die sogenannte Sittlichkeitsdelikte begangen haben, werden abfällig „Sittiche“ genannt – sie gelten bei den Mitgefangenen als Abschaum. … „Was ist?“, fragt der Häftling. „Bist du taub? Oder ein Kinderficker?“ „Nein“, sagt Karl. „Es ging nur um Bilder, einen Link und eine Website.“ Im Dienstzimmer hören die Beamten Schreie. Sie eilen heran. „Hier ist ein Kifi“, ruft einer der Häftlinge in den Flur. „Kinderficker!“ Die Beamten zerren Karl heraus, noch bevor etwas passieren kann. Mein Aufenthalt in der Zugangszelle hat keine zehn Minuten gedauert, denkt Karl, von Armen umfasst, vermutlich eine Art Rekord.

„Es sind noch andere mit Ihrem Delikt hier“, sagt der Beamte ernst, während sie Karl in eine andere Zelle bringen. „Diese Leute leben auch unerkannt. Also: Ruhig bleiben! Wenn etwas ist, drücken Sie den roten Knopf.“ https://correctiv.org/recherchen/justiz/artikel/2017/08/16/folge-1-die-ohnmacht-des-anfangs/

Ganz unten in der Gefängnishierarchie stehen die Pädophilen und Sexualstraftäter sowie die Verräter, die ausgesagt oder jemanden im Knast angeschwärzt haben. Drogensüchtige gelten als schwach. Als Nächstes kommen kleinere Diebe, einfache Einbrecher, Klein-Dealer. Danach folgen die schweren und gefährlichen Körperverletzungsdelikte und versuchte Tötungen. Ausnahmen bilden die „unehrenhaften“ Täter. Das sind Leute, die zum Beispiel Kinder, Frauen oder alte Leute überfallen oder sogar getötet haben. Wessen Opfer wehrlos war und nicht auf Augenhöhe, der ist unten durch. Als Nächstes: größere Dealer, erfolgreiche Einbrecher, Insider wie Anabolikahändler, Drogenmischer und gut vernetzte Leute wie Emil. Solche Typen werden auch systematisch von Gruppen im Gefängnis angesprochen und rekrutiert – auch für die Zeit danach. Darüber stehen die Koryphäen. Das sind Leute, die spektakuläre Dinger gedreht haben, von denen jeder im Gefängnis schon weiß – zum Beispiel aus der Zeitung oder noch besser: aus dem Privatfernsehen. Viele träumen heimlich, brillant wie diese Koryphäen zu sein. Sie sind die Posterboys im Gefängnisalltag. Zu diesen Prominenten zählen Häftlinge wie Uli Hoeneß, als er noch saß. Das Gefängnis ist so offen für Klatsch wie das „Goldene Blatt“. Ganz oben stehen die Bosse; die Dienstältesten auf dem Flur oder die Ältesten einer Bande.

Und dann gibt es noch Insassen, bei denen alle ein mulmiges Gefühl kriegen: Sadistische Killer und – vor allem – Kannibalen. Von ihnen hält man sich fern. https://correctiv.org/recherchen/justiz/artikel/2017/08/17/folge-2-die-geheime-macht/

Auch Frauenbesuch ist im Gefängnis streng reglementiert. In fast jedem Haftraum hängen dafür die Pin-up-Girls, die Becken seitlich vorgeschoben, eine Hand hinter dem Kopf. Unerreichbar. Zum Freiheitsentzug gehört auch der Entzug der sexuellen Selbstbestimmung. Außer Wichsen ist nichts mehr. Pornos sind verboten und werden, wenn sie gefunden werden, sanktioniert und konfisziert. …  „Es gibt viele Frauen, die lernen Häftlinge über Kontaktportale kennen“, sagt ein Anstaltsleiter. „Diese Frauen haben ein Samaritersyndrom und wollen Menschen retten; das ist vielleicht romantisch für die, mit einem Knacki und so. … Die Angehörigen sind immer miteingesperrt. Vor dem Besuch werden sie durchsucht, hören sich vom Personal einen flapsigen Spruch über das Piercing an, werden in den großen Raum geführt, in dem niemand unter sich ist und der mit Kameras überwacht wird. Dort sitzen sie dann – mit Gruppen anderer Familien zusammen –, während Beamte durch eine Scheibe blicken. In den Arm nehmen: wird manchmal untersagt. Küssen: wird manchmal untersagt. Niemand kann schlüssig sagen, warum. … Um intim zu werden, aber auch um Zeit mit der Familie zu verbringen, dafür gibt es im Gefängnis die Langzeitbesuche. Sie dauern länger als die üblichen etwa anderthalb oder zwei Stunden und finden in einem extra Raum statt. Er ist nicht überwacht. … Manche JVAs haben extra „Kinder-Besuche“. Häftlinge sollen möglichst oft Kontakt zu ihrem Nachwuchs aufnehmen, daher fallen diese Besuche nicht in das sonst streng reglementierte Besuchskontingent. Aber manche Häftlinge beantragen sie, sagte eine Anstaltsleiterin, geben den Kindern kurz einen Kuss und setzen sie dann anderthalb Stunden auf den Fußboden, weil sie nur „mit ihrer Frau reden wollen“. https://correctiv.org/recherchen/justiz/artikel/2017/08/18/liebe-unter-generalverdacht/

Als er nach dem ersten Arztbesuch in die Zelle gebracht wurde, hatte er abends den Notruf ausprobiert: „Ich dachte: Was mache ich, wenn ich hier einen Herzanfall kriege?“, sagt er. Fast 40 Minuten habe er warten müssen, ehe sich eine Stimme in der Gegensprechanlage meldete und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Da habe ich Panik gekriegt. Und ich wusste: Im Notfall hilft nur Schreien und gegen die Tür schlagen, bis die Mithäftlinge dich hören.“ … Einige Bundesländer verhängen Sicherheitsstufen – andere distanzieren sich von diesem Konzept mit der Begründung, es sei unterkomplex und werde den individuellen Lebensläufen nicht gerecht. Eine Einschätzung treffen alle. Die Kriterien: War oder ist der Gefangene Mitglied der organisierten Kriminalität und damit einer Gruppe, die versuchen könnte, ihn zu befreien? Welche Straftat hat er begangen? Ist er gefährlich für Mithäftlinge oder Beamte? Besteht Fluchtgefahr?

  • Stufe 4 offener Vollzug (Freigang und Wohnen außerhalb der Mauern)
  • Stufe 3 normaler geschlossener Vollzug
  • Stufe 2 geschlossener Vollzug mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen
  • Stufe 1 Hochsicherheitsstation

https://correctiv.org/recherchen/justiz/artikel/2017/08/19/folge-4-wartezimmer-hinter-gittern/

Die aufgrund der gesetzlichen Verpflichtung im anstaltseigenen Betrieb ausgeübte Beschäftigung löst lediglich Versicherungspflicht zur Arbeitslosenversicherung aus. Versicherungspflicht in der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung kommt nicht zum Zuge. https://www.haufe.de/personal/personal-office-premium/strafgefangener-sozialversicherung_idesk_PI10413_HI727335.html Mittwoch, 21. Februar 2018

Merkblatt über die Sozialversicherung und die Arbeitslosenversicherung der Gefangenen (Stand: 01.04.2014)

Renten-, Kranken-und Pflegeversicherung

Die Gefangenen unterliegen nicht der Versicherungspflicht in der gesetzlichen Renten-, Kranken-und Pflegeversicherung. Die Zeit während des Vollzuges einer Freiheitsstrafe oder einer Maßregel der Besserung und Sicherung gilt für die Rentenversicherung nicht als Ersatz- oder Anrechnungszeit. Die Vollzugsbehörde entrichtet für die Gefangenen, auch wenn sie einer gesetzlichen Arbeitspflicht genügen, keine Beiträge zur Renten-, Kranken-und Pflegeversicherung. Für eine Aufrechterhaltung der Versicherungen sind die Gefangenen selbst verantwortlich; der Anstaltsleiter kann gestatten, dass hierfür auch das Überbrückungsgeld in Anspruch genommen wird. http://www.justiz.nrw.de/Bibliothek/jvv_db/jvv_pdf/Abt_IV/4524_20140410.pdf Mittwoch, 21. Februar 2018

Nach mehr als fünfjähriger Vorarbeit trat zum 1. Januar 1977 das „Gesetz über den Vollzug der Freiheitsstrafe und der freiheitsentziehenden Maßregeln der Besserung und Sicherung – Strafvollzugsgesetz (StVollzG)“ in Kraft. Damit gab es in Deutschland zum ersten Mal überhaupt eine verfassungsgemäße Rechtsgrundlage für den Strafvollzug. Unter der Überschrift „Sozial- und Arbeitslosenversicherung“ war in den Paragrafen 190 bis 193 auch die Sozialversicherung der Gefangenen umfassend und detailliert geregelt. Die Sache hatte nur einen Schönheitsfehler: In § 198 Abs. 3 des gleichen Gesetzes war festgelegt, dass die Paragrafen 190 bis 193 erst durch ein noch zu erlassendes eigenes Bundesgesetz in Kraft gesetzt werden müssen. Doch dieses Gesetz hat es nie gegeben. Kostenbedenken der Bundesländer haben das bisher verhindert. So wartet die Klientel „Strafgefangene“ seit nunmehr 37 Jahren darauf, für ihre Arbeit in der Haft ähnlich sozial abgesichert zu werden wie Arbeitnehmer(in­nen) in Freiheit. Dies ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Langjährig Inhaftierte sind im Alter wegen der fehlenden Beitragsjahre häufig auf die Grundsicherung verwiesen, obwohl sie viele Jahre gearbeitet haben. Sie tragen ein hohes Armutsrisiko. Die fehlende Krankenversicherung kann für mitversicherte Angehörige zum Problem werden. Auch bleibt die Gesundheitsversorgung im Strafvollzug hinter dem Standard für die Allgemeinbevölkerung zurück. Fraglich ist, ob die eingesparten Beiträge nicht von der Gesellschaft an anderer Stelle teuer bezahlt werden müssen. https://www.caritas.de/neue-caritas/heftarchiv/jahrgang2014/artikel/arbeitnehmer-zweiter-klasse Mittwoch, 21. Februar 2018

Strafgefangene, die nicht Freigänger mit freiem Beschäftigungsverhältnis sind, sind nicht krankenversichert. Die Gefangenen selbst werden im Gefängnis zwar ärztlich versorgt, doch fällt für die Angehörigen die Familienversicherung während der Zeit der Inhaftierung weg. Die Familienangehörigen müssen sich dann selbst um ihre Krankenversicherung kümmern. Beiträge zur Rentenversicherung werden nicht gezahlt. Die Jahre der Inhaftierung fehlen (trotz geleisteter Arbeit) für den Rentenanspruch. https://www.knast.net/article/sozialversicherung_der_gefangenen Mittwoch, 21. Februar 2018

Aktionstage Gefängnis 2017: Sozialversicherung für Strafgefangene

In dieser Woche starteten die Aktionstage Gefängnis. 2017 ist das erste Jahr, in dem Wohlfahrtsverbände und andere Organisationen auch in Deutschland auf die Situation von Strafgefangenen aufmerksam machen. Vor allem die fehlende Sozialversicherung wird thematisiert. https://www.transparent-beraten.de/2017/11/10/22162/aktionstage-gefaengnis-2017-sozialversicherung-fuer-strafgefangene/ Mittwoch, 21. Februar 2018

 

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Wie man Verbrechen gekonnt versteckt. – Durch Ablenkung.

Der große Osterhasenpreis fürs Verstecken geht an Hephata.

„Die Auswirkungen des menschenverachtenden nationalsozialistischen Regimes prägten auch die Nachkriegszeit.“ Das war schon das ganze Ablenkmanöver. Hephata macht dann gleich einen großen Sprung von 1945 in die 70er und 80er Jahre: „Der große Nachholbedarf individueller Förderung und Lebensgestaltung von Menschen mit Behin­derungen und Benachteiligungen, konnte in den 70er und 80er Jahren realisiert werden.“[1] Und was war dazwischen?

Viele Leser werden mit „Hephata“ nichts anfangen können. „Hephata Hessisches Diakoniezentrum e.V. ist eine Einrichtung der Diakonie in SchwalmstadtTreysa. Dort werden Menschen in den Bereichen Behindertenhilfe (für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen), Jugendhilfe, Altenhilfe, Sozialpsychiatrie, Suchthilfe, Wohnungslosenhilfe, Neurologische Klinik und der Akademie für soziale Berufe betreut, gefördert und ausge­bildet.“[2]

Auch Wikipedia macht bei der Geschichte der Anstalt den großen Sprung mit: „Auch aus Hephata wurden während des Dritten Reichs Menschen mit kognitiven und körperlichen Behinderungen im Rahmen der Aktion T4 zuerst in andere Einrichtungen verlegt und später unter anderem in der NS-Tötungsanstalt Hadamar getötet. Mit der Errichtung eines Mahn­mals vor der Hephata-Kirche erinnert die Einrichtung an die Opfer und bekennt sich zu ihrer Verantwortung.“ Wikipedia fährt fort: „1945 wurde bei der Kirchenkonferenz von Treysa, die in Hephata tagte, die Evangelische Kirche in Deutschland und das Evangelische Hilfswerk, die Vorläuferorganisation des Diakonischen Werks, gegründet. … Bis heute sind Diakone und der Kirche verbundene Mitarbeiter in der Diakonischen Gemeinschaft Hephata organisiert. Von der Gemeinschaft gehen Impulse zur Wahrnehmung des diakonischen Auftrages und zum spirituellen Leben in Hephata und an den Einsatzstellen der Mitglieder aus.“

Wie sahen nun die prägenden „Auswirkungen des menschenverachtenden nationalsozia­listischen Regimes“ in der Nachkriegszeit aus? Darüber schweigt die firmeneigene Selbstdarstellung auf Facebook.

„Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen“[3] So auch hier. Die Wiesbadener Filmemacherin Sonja Toepfer hat im Auftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau das Leiden der Kinder in Kinderheimen aufarbeitet. Hephata heißt „Öffne dich!“[4], so steht es im Markusevangelium (7,31-37). Über das dort berichtete Wunder kann man sich nur wundern. Doch wie das Öffnen in Hephata, der Anstalt der Diakonie in Treysa praktiziert wurde, kann sich nur wundern, wer sich in der Heimkinder­geschichte nicht auskennt.

In Hephata – und wohl nicht nur dort – ging das so: durch die Punktion mit einer langen Nadel zwischen zwei Wirbelkörpern wird Liquor abgelassen und Luft in den Rücken­marks­kanal eingelassen. Pneumenzephalographie heißt das Verfahren[5]. Durch Umlagerung des Patienten steigt diese Luft dann im Rückenmarkskanal auf bis in das Ventrikelsystem des Gehirns. Die Gehirnflüssigkeit wird entfernt, um die Kammern und Hohlräume des Gehirns röntgen zu können. Es handelt sich laut einem wissenschaftlichen Fachbuch um „eine der schmerzhaftesten Pro­ze­duren, die man sich denken kann“. Dabei entstehe bei dem Patienten „das Gefühl, als sei sein Kopf ein riesiger Luftballon, der jeden Augenblick zu platzen droht“[6], heißt es weiter. So machte man das in Hephata und zwar ohne individuelle medizinischen Indikation. Es war ein Forschungsprojekt an wehrlos entrechteten Kindern.

Es gab schon früher Hinweise auf solche Untersuchungen an Heimkindern. Mich hat die neue Veröffentlichung nicht gewundert. Ohnehin hat der kirchliche Umgang mit dem Thema „Eugenik“ eine leidvolle Tradition, und schon bisher tauchte dabei der Name Treysa mehrfach auf.

Zunächst auf der „Ev. Fachkonferenz für Eugenik“ 1931 (!) in Treysa: »Pastor Friedrich von Bodelschwingh. Er behauptet in Treysa, die Sterilisierung Behinderter entspreche dem Willen Jesu. Bodelschwingh wörtlich: „Ich würde den Mut haben, in Gehorsam gegen Gott, die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen.“« Wem der Name Bodelschwingh nichts sagt: Er gehört zu Bethel. Auch Bethel taucht ständig negativ in der Heimkindergeschichte auf.

Doch zu Hephata. Ein Korrespondent schrieb mir: »In Hephata (Schwalmstadt/Treysa) hielt die Diakonie nach dem Zweiten Weltkrieg [in den 1950er/1960er Jahren] 2000 Insassen – Kinder und Jugendliche – , die angeblich „schwachsinnig“ waren. Für jeden „Schwachsinni­gen“ in Hephata erhielt die Diakonie vom Staat „[pro Woche] eine Mark mehr“ als für „nor­male“ Schutzbefohlene. Indem man seine Schutzbefohlenen als „schwachsinnig“ begutachtete und deklarierte, konnte man seine Gewinne steigern, bei 2000 Insassen im Jahr um 104.000 DM! Über zehn Jahre hinweg macht das bei 2000 „schwachsinnigen Insassen“ eine zusätz­liche beträchtliche Summe von 1.040.000 DM aus (eine Million und vierzig Tausend Mark!) ! So wurde es dann auch gehandhabt von der Diakonie in Hephata über einen Zeitraum von 20, 30 oder gar 40 Jahren hinweg!! Und nicht nur in Hephata!!!«[7]

Wenn’s nur das gewesen wäre. Doch da die Kinder „schwachsinnig“ waren, konnte man auch noch schmerzhafte Experimente mit ihnen machen.

Alles verjährt obwohl es Verstöße gegen die Menschenrechte waren? Die eigentlich nicht verjähren? In Deutschland schon. Für die Kirchen auch.[8]

„Der christliche Grundgedanke, das selbst erfahrene Heil Gottes in der Lebens­gestaltung mit anderen zu teilen, ist erhalten geblieben und prägt bis heute die Arbeit.“[9] An die dunklen Punkte erinnert man sich nicht gern, das ist verständlich – aber verges­sen und beschweigen? Oder gar fortführen?

Noch 1973 offenbarte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) über »verantwortliche Eltern­schaft« für Kinder mit Behinderung lupenreine Nazi-Eugenik. Dort ist die Rede von der »Anhäufung schädlicher Gene in der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Folgen für die Gesellschaft«. Weiter heißt es, das Bewußtsein der Öffentlichkeit sei zu »schärfen für die impliziten sittlichen Fragen und für die Notwendigkeit, sich ernsthaft mit Dingen ausein­anderzusetzen, die wir bisher der Natur überlassen haben, wobei wir auch schlechte Ent­wicklungen in Kauf nahmen«[10].

Mich hatte interessiert, inwiefern unsere Landeskirchen die »Expertise« des ÖRK mitver­antwortet haben und welchen Stellenwert sie heute noch hat. Gab es einen Widerruf? Ob eine Landeskirche wohl antwortet? – hatte ich gefragt.[11] Keine einzige hat geantwortet. Auch „mein“ Landesbischof, extra und normal freundlich angefragt, reagierte nicht.[12]

„Der christliche Grundgedanke, das selbst erfahrene Heil Gottes in der Lebensgestaltung mit anderen zu teilen … “ Wir dürfen uns nicht wundern, wenn dies als Drohung verstanden wird.

 

Noch ein weiterer Link:

https://www.hna.de/lokales/melsungen/treysa-ort314602/heimkinder-in-treysa-sollen-unter-eingriffen-gelitten-haben-9622856.html

Fußnoten

[1] https://www.hephata.de/wir-ueber-uns/geschichte-14.php

[2] In den letzten Jahrzehnten wurde ein Netz differenzierter Dienstleistungen in Hessen, Thüringen und Nord-Bayern aufgebaut. Sitz des Vereins ist Marburg.[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Hephata_(Schwalmstadt)

[3] http://juttas-schreibblog.blogspot.de/2009/07/uber-die-redewendung-es-ist-nichts-so.html

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Effata

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Pneumoenzephalografie

[6] Zitate aus: http://www.fr.de/rhein-main/heime-in-hessen-hirnexperimente-mit-heimkindern-a-1446116,0#artpager-1446116-0

[7] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/12/27/hephata-aus-tradition/

[8] , https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[9] https://www.hephata.de/wir-ueber-uns/geschichte-14.php

[10] Diese Zitate sind der Veröffentlichung von Heike Knops entnommen: http://www.thkg.de/Dokumente/KnopsSterbehilfe.pdf http://www.graswurzel.net/367/euthanasie.shtml#u10

[11] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/09/12/ork-absolut-besturzend/ Ich konnte nicht überprüfen, ob sie auch auf lebende Menschen mit Behinderung gemünzt sind oder ausschließlich eine Stellungsnahme zur „pränatalen Euthanasie“ darstellen. Auch dann bliebe der Vorwurf der Nazi-Eugenik bestehen. Übrigens: Bei der pränatalen Euthanasie sind wir heute mit verfeinerten Detektionsmethoden wieder angelangt.

[12] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/07/07/die-anhaufung-schadlicher-gene-in-der-bevolkerung/

Deutschland – Rabenvaterland

Kind zu sein kann schwierig sein, geradezu gefährlich, wie man immer wieder liest.

Kürzlich griff die FAZ das Thema sogar auf der ersten Seite auf: „Im Zweifel für das Kindeswohl“:

Dass das eigene Kind einem pädophilen Sexualstraftäter zum Op­fer fallen könnte, ist eine unerträgli­che Vorstellung. Der elterliche Schutz von Kindern ist ein menschlicher Urinstinkt. Der Breisgauer Missbrauchsfall ist deshalb so erschütternd, weil sich der Beschützerinstinkt der Eltern in sein perverses Gegenteil verkehrt hat: Die Mutter des neunjährigen Jun­gen und ihr Lebensgefährte, den das Kind „Papa“ nannte, haben ihm selbst die schlimmsten Qualen zugefügt und dabei zugeschaut, wie andere Pädokriminelle das Kind gegen Bezahlung se­xuell missbraucht haben. Schutzloser kann ein Kind nicht sein. Es wäre hier Aufgabe des Staates ge­wesen, für das Kind da zu sein. Die Be­hörden und Gerichte hätten den Jun­gen in Sicherheit bringen müssen. Zwar schützt das Grundgesetz die Fa­milie als Einheit, der Staat hat sich zu­rückzuhalten. Kinder von ihren Eltern zu trennen, darf nur das letzte Mittel sein – aber es muss auch das letzte Mit­tel sein, wenn Gefahren für das kör­perliche oder seelische Wohl des Kin­des drohen. [1]

Doch was ist los mit diesem Staat? „Den Staat“ gibt es hier nur in seinen pluralen Verpuppungen:

  • Als Gesamtstaat, der sich weigert, Kindern und ihren Rechten einen Platz explizit im Grundgesetz zu gewähren.
  • Als Bundesrat, der im Interesse der Bundesländer die Kosten für Kinder eng begrenzt sehen will, mit Rücksicht auf
  • die Kommunen. Sie müssen schließlich die Sozialkosten tragen, also auch die Kosten für die Jugendhilfe – und sie sperren sich, soweit es geht.

Bei so zersplitterten Zuständigkeiten ist niemand so recht verantwortlich, und wenn es – leider oft genug – schiefläuft, sucht man nach einem Schuldigen. Im Freiburger Fall ist es die Mutter. Für rechtzeitige professionelle Kooperationen vor Ort (Jugendamt, Jugendhilfe-Einrichtungen, Beratungsstellen, Gericht, Verfahrensbeistände, Rechtsanwälte) ist man zu bequem, man kennt wohl auch die Fachliteratur nicht. Dabei weiß man sehr gut, dass Eltern nicht nur Schicksal sind, sondern oft auch Schicksalsschläge.

Was das für die Kinder bedeutet, kommt nur als Spitze eines Eisbergs ans Tageslicht.Eisberg

Als ich meine Zusammenfassung „Für eine neue Politik in Kinder- und Jugendlichen-Angelegenheiten“[2] verfasste, war mir die starke Position der Sozialkonzerne, aber auch kleinerer Jugendhilfe-Einrichtungen noch nicht klar: Kinder sind in unserem Land gar nicht vernachlässigt, sie sind ein Geschäftsmodell. Das wurde in der Heimkinderdebatte deutlich, trifft aber auch neuere Jugendhilfemodelle[3], an deren Beispiel deutlich wurde, dass die Jugendhilfe-Marktbetreiber nicht wirksam zu kontrollieren sind, weil sie die „Marktordnung“ maßgeblich bestimmt haben.[4] Marktaufsicht? Weitgehend Fehlanzeige.

Das Thema ist hochkompliziert – und die Politik überfordert. Lediglich die Medien greifen strukturelle Missstände auf, wie oben genannt die FAZ, oder heute die Basler Zeitung mit dem Titel „Das grosse Geschäft mit dem Kindswohl“[5]

An die FAZ schrieb ich einen Leserbrief:

Strukturfehler beim Kinderschutz

Wenn „Kindeswohl“ prominent auf der ersten Seite einer seriösen, nicht sensationsgeilen Tageszeitung erscheint, muss es einen gravierenden Grund geben. Es geht nicht um nur einen der vielzuvielen Einzelfälle von Kindesmissbrauch, – misshandlung oder grober Vernachläs­sigung, sondern um strukturelle Fehler, die solche Fälle begünstigen. Der Fall im Breisgau – er ist hier nicht darzustellen – zeigt in besonders eklatanter Weise diese Fehler auf und sie werden von der Autorin auch benannt. Die Gerichte und das zuständige Jugendamt haben mitt­lerweile selbst eine Aufarbeitung an­gekündigt. Das zeigt die Fortschritte in der Fehlerkultur der Justiz, schreibt sie weiter. Ich fürchte, da irrt sie sich. Natürlich mussten die beteiligten Behörden nach diesem grobem Fall so reagieren, aber Zerknirschung oder eine Demutshaltung ist das nicht. Denn die Schuldige steht fest: Die Mutter. In der hatte man sich geradezu kollegial getäuscht.

Ich bin als ehemaliger Tagungsleiter in diesem Themenbereich mit der Materie vertraut. Die Evangelische Akademie Bad Boll hat zusammen mit der Fachhochschule Esslingen ein Curriculum zur Ausbildung von Verfahrensbeiständen, zu Beginn sprach man vom Anwalt des Kindes, entwickelt und trotz vieler Widerstände einige Jahre durchgeführt. Widerstände?

Auf politischer Seite meinte man, eine Ausbildung brauche man dafür nicht. Ehrenamtliche könnten das machen, oder aber Juristen. Die Länder sorgten dafür, dass eine erforderliche Ausbildung nicht ins Gesetz kam. Als die Professionalisierung schließlich nicht mehr aufzuhalten war, setzten sie sich erfolgreich für die pauschalierte Bezahlung der Verfahrensbeistände ein in einer Höhe, zu der professionelle Arbeit nicht zu leisten ist. Damit ist der eine Struktur­fehler benannt: Der Spar-Föderalismus in Kinderschutzbelangen. Ein weites Feld, das hier nicht abgeschritten werden kann.

Der zweite Strukturfehler ist die Bedeutung des Elternrechts. Das ist wirklich hoch zu schätzen, darf aber keine heilige Kuh sein. Eltern sind zwar Schicksal –zuweilen aber Schicksalsschläge. Hier ist das Wächteramt des Staates gefordert. Doch der weigert sich bis heute, Kinderrechte ins Grundgesetz zu schreiben. Die könnten schließlich in Konkurrenz zu den Elternrechten treten.

Der dritte Strukturfehler liegt in der Aus- und Fortbildung der Richter. Siegfried Willutzki, Gründer des Deutschen Familiengerichtstags, hat sich mehrfach auf unseren Tagungen über Kollegen beklagt, die unter Berufung auf ihre Unabhängigkeit Fortbildung verweigern. Familienrichter stehen in der Bedeutung innerhalb des Justizsystems ohnehin nicht an herausragender Stelle. Die Funktion wird zuweilen einem Berufsanfänger aufgedrückt, der froh sein kann, wenn er vom jeweiligen Jugendamtsleiter in die Materie eingeführt wird, denn Familienrecht hatte er an der Universität links liegen lassen. In unseren Kursen zum Anwalt des Kindes fiel allen Beteiligten immer wieder die große Differenz im Denken von Juristen und Sozialpädagogen auf. Da kamen verschiedene Welten zusammen. Einig war man sich, dass ein solcher Kurs nicht nur für angehende Verfahrensbeistände, sondern auch für jeden Familienrichter unabdingbar sein sollte. Doch es geht ja nur um „Familie und das ganze Gedöns“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man für ein großes Konkursverfahren einen Richter bestellt, der von Ökonomie keine Ahnung hat.

Kinderbelange haben in unserem Land keine Priorität, also auch nicht bei Politikern. Erst wenn etwas passiert, merkt man auf. Mehr passiert aber auch nicht.

Deutschland – ein Rabenvaterland.

 

Der im Leserbrief genannte Siegfried Willutzki gab vor wenigen Tagen ein Interview[6]. Doch ich fürchte, auch das Interview eines versierten, renommierten Fachmannes wird die Politiker nicht zu wirklichen Reformen motivieren. Die produzieren lieber ideologisch geprägte Schulversuche (zulasten der Kinder) oder propagieren „Inklusion“, für die sie aber möglichst kein Geld ausgeben wollen (zulasten der Kinder).

Als ich diese Graphik zusammenstellte, standen Misshandlung und Missbrauch noch nicht so im Focus. Doch die Zusammenhänge werden deutlich.

der wert von kindern

Fußnoten

[1] von Helene Bubrowski, FAZ, Dienstag, 23. Januar 2018, S. 1

[2] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/11/fc3bcr-eine-neue-politik.pdf

[3] https://www.shz.de/regionales/schleswig-holstein/politik/friesenhof-skandal-so-wehren-sich-betreiber-gegen-eine-kinderheim-reform-id10039671.html

[4] Die Zahnlosigkeit der Gesetze zum Recht von Schutzbefohlen, 24. Juni 2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

[5] „Das grosse Geschäft mit dem Kindswohl“ Wie private Sozialfirmen mit Steuergeldern und ohne Erfolgskontrolle wirtschaften. Die Zahl der Personen, die im Sozialwesen tätig sind, hat sich seit 1991 verdoppelt. https://bazonline.ch/schweiz/standard/das-grosse-geschaeft-mit-dem-kindswohl/story/27864419

[6] https://www.swr.de/swraktuell/bw/suedbaden/interview-mit-familienrechtler-willutzki-voellig-unangemessen/-/id=1552/did=21064478/nid=1552/1p45kyw/index.html

Die Sieger schreiben die Geschichte.

Das stimmt immer noch. Doch nicht ganz.

»Zeitzeugen gesucht!

Für den Bayerischen Rundfunk recherchieren wir über Medikamententests an Heimkindern. Wir sind auf der Suche nach Menschen, vorzugsweise aus Bayern, die sich an Medikamenten­gaben erinnern können: Haben Sie den Verdacht, dass an Ihnen Experimente für die Pharmaindustrie? gemacht wurden? Können Sie sich erinnern, solchen Tests Ihr Einverständnis gegeben zu haben? Oder gab es Medikamentengaben, die Sie sich im Nachhinein nicht erklären können, beispielsweise weil Sie nicht krank waren und trotzdem Medikamente bekommen haben?

Für unsere Recherche würden wir auch gerne mit ehemaligen Mitarbeitern von Kinderheimen sprechen, die sich erinnern können, Medikamente zu Testzwecken verabreicht zu haben.

Wir möchten allen Spuren nachgehen, nach Möglichkeit die Verantwortlichen konfrontieren und Unrecht aufdecken.

Sie erreichen uns unter den E-Mail-Adressen Christiane.Hawranek@br.de und Simon.Plentinger@br.de«

 

Zeitzeugen, Betroffene, Opfer schreiben Geschichte von unten. Die wird meist nicht gedruckt, aber das Internet ist ein großes Archiv und jeder kann dort Spuren hinterlassen, Spuren, die lästig sind für die Gewinner. https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/09/09/wenn-die-ohrenzeugen-der-augenzeugen-verstummt-sind-beginnt-die-geschichtsschreibung/ Wenn dann noch jemand kommt, der über diese Spuren in größerem Rahmen berichten will – und die Mittel dazu hat – wird Geschichte lebendig. Das Buch von Peter Wensierski war so ein Weckruf und brachte die Geschichte der Kinder in kirchlichen und staatlichen Heimen ins Bewußtsein der Öffentlichkeit. All die Leugnungs- und Vertuschungsversuche der Täternach­folger liefen ins Leere, auch ihre Drohungen. Doch außer Öffentlichkeit ist nicht viel gewesen, denn am Runden Tisch unter der „Moderation“ von Antje Vollmer konnten Staat und Kirche in Tätergemeinschaft das für sie Schlimmste verhindern: Eine Entschädigung der ehemaligen Heimkinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

Aber das Vertuschen hat aufgehört. Die Täter stehen im Rampenlicht – und sie machen durch die Bank eine schlechte Figur.

Im Aufruf des Bayrischen Rundfunks geht es um Kinder als Versuchskaninchen. Schon am Runden Tisch war die Rede von Medikamentengaben, die nichts mit einer Krankheit der Kinder zu tun hatten. Doch wie beim Thema Zwangsarbeit war Frau Vollmer auch dafür taub. Sie schützte die Täter. Nachdem nun Sylvia Wagner mit ihrer Arbeit dieses dunkle Kapitel publiziert hat, http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf liegen auch diese Verbrechen offen zutage. Ich habe hier im Blog bereits im Februar 2016 darüber berichtet. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/ , im September folgte https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/19/kinder-als-versuchskaninchen/ . Der Forschungsbericht von Sylvia Wagner wurde im Juni publiziert.

Am Freitag voriger Woche haben wir Helmut Jacob das letzte Geleit gegeben. Es war ihm sehr wichtig, dass die Verbrechen an den Heimkindern nicht in Vergessenheit geraten.

Ich bitte darum die Leser meines Blogs, den Aufruf des Bayrischen Rundfunks zu verbreiten und alle von den Medikamentenversuchen Betroffenen, von ihren Erfahrungen zu berichten, auch wenn nicht mehr dabei herauskommt, als das alles herauskommt.

„Es ist wirklich erschütternd, wie Kirchen und andere Institutionen mit … kleinen Kindern umgegangen“ sind.

Friedhelm Münter, »lange hat er dafür gekämpft, dass er als Opfer von Unrecht sowie psychischer und körperlicher Gewalt in Zusammenhang mit der Unterbringung in Säuglings-, Kinder- und Jugendheimen Entschädigung erhält. Am Freitag ging sein Kampf beim Landessozialgericht in Essen für ihn erfolgreich zu Ende.«[1]

Aus zweierlei Gründen sollte man den Artikel lesen.

  1. »Tatsächlich ist es bislang noch keinem ehemaligen Heimkind gelungen, eine Versorgung beziehungsweise Opferentschädigung nach dem OEG zu erhalten. Einer der Hauptgründe dafür sind die recht hohen Hürden hierfür: Zum einen muss in vielen Fällen ein Grad der Schädigung in Höhe von mindestens 50 Prozent nachgewiesen werden – denn erst ab diesem Grad der Schädigung erfolgt bei diesen Fällen eine finanzielle Versorgung nach dem OEG. Ein weiterer Hauptgrund ist, dass meistens mit Verweis auf Verjährung der erlittenen Ver­brechen argumentiert wird. Und dass die Beweislast beim Antragsteller beziehungsweise beim Kläger liegt.«

Damit könnte ein Präzedenzfall geschaffen sein, der auch anderen in kirchlichen und staatlichen Erziehungseinrichtungen am Leben Geschädigten Recht schafft, und nicht nur gnädig Almosen gewährt. Doch ob das gelingt? Münter hatte einen am Recht orientierten Richter, dazu weiter unten. Dies war aber nur das „Vorgeplänkel“. Richtig zur Sache, also finanziell, geht es erst beim Landgericht Münster, der nächsten Station. Auf der Gegenseite werden wieder die üblichen Verdächtigen sitzen, die zwar bedauern, was damals in ihren Heimen alles passiert ist, aber mit allen Tricks verhindern wollen, für die Verbrechen ihrer Vorgänger zu zahlen.

Zehn Prozessgegner zählt der Artikel auf.

Ich sortiere sie:

a) die kirchlich oder kirchenverbundenen Gegner:

  1. Landesverband der evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V
  2. Kirchlicher Gemeindedienst für innere Mission Münster
  3. Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V.
  4. Evangelischen Perthes-Werk e.V.
  5. Mellin’sche Stiftung
  6. Stiftung Nazareth

b) die staatlichen Gegner:

  1. Landesjugendamt Münster
  2. Jugendamt Steinfurt
  3. Kreisjugendamt Soest
  4. Land NRW

Die sitzen alle in einem Boot, das wohl eher Kanonenboot genannt werden kann. Denn im Unterschied zu Friedhelm Münter sind sie mächtig, und ob Münter beim Landgericht Münster auf einen ähnlich den Sachverhalt ermittelnden Richter trifft, der dann auch konsequent ist, darf bezweifelt werden.

Das belegt

  1. das Beispiel des Richters am Sozialgericht, Jan-Robert von Renesse. Es lohnt sich wirklich den Fall von Renesse zu lesen. Ich war entsetzt und von dem Mann begeistert. Solche Richter braucht das Land. Er war am Recht orientiert und nicht an den Sparinteressen der Rentenver­sicherung, auch nicht daran, dem Justizminister zu gefallen, der ihn sogar verklagt hat. Seine Richterkollegen bekamen ihr Gesäß nicht hoch, um die Sachverhalte wie rechtlich vorge­schrieben zu ermitteln. Er aber machte in Israel seine Zeugenanhörungsstelle auf und verhalf vielen KZ-Zwangsarbeitern zu ihrer Rente.

So ein Richter stört, darum entzog man ihm die Zuständigkeit.

»Von 2006 bis zum Frühjahr 2010 war von Renesse als Beisitzer dem 12. Senat des Landessozial­ge­richts Nordrhein-Westfalen in Essen zugewiesen und als Berichterstatter zuständig für die Renten­zah­lungen an Zwangsarbeiter in Ghettos während der Zeit des Nationalsozialismus nach den Rege­lungen des Ghettorentengesetzes. Seitens deutscher Behörden erfolgte eine umfassender Werbung bei jüdi­schen Opferverbänden. Von den etwa 70.000 Anträgen auf Zahlung einer Ghettorente lehnten die deut­schen Rententräger 96 % ab. Von Renesse führt dies auf die verfolgungsbedingte Beweisnot der Ghetto­überlebenden zurück, die „meist nichts anderes als die auf dem Arm eintätowierte KZ-Nummer (…) als Beweis hatten.“«[2]

Was mich als Pfarrer (i.R.) bedrückt ist die Heuchelei der Vertreter der kirchlichen Einrichtungen. Da gab es bisher viel „Betroffenheitsgestammel“; manche äußerten sogar Beschämung, doch um echte Entschädigungen und ihre Verhinderung wird mit harten Bandagen gekämpft.

Es gibt den Spruch „Herr, schmeiß Hirn ra (herunter)“. Doch Hirn haben die Leute. Es mangelt an Herz und damit an Glaubwürdigkeit.

 

Fußnoten

[1] https://www.streiflichter.com/lokales/duelmen/friedhelm-muenter-erkaempft-sich-opferentschaedigungsrente-8806246.html

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Jan-Robert_von_Renesse

Weitere Links, so spannend wie abschreckend:

Vor wenigen Monaten wurde von Renesse in Dachau ausgezeichnet. http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/28420 Aber Karriere wird er in unserem Rechtssystem wohl nicht mehr machen.

Ein Krimi und die Schüsse an der Startbahn West

„Tod im Internat“ – der Film im ZDF läßt Erinnerungen lebendig werden. Einige der älteren Beteiligten waren in die Demonstrationen gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen verwickelt und die damalige Tatwaffe, die Dienstpistole (Marke Sig-Sauer, Modell P 6, Nummer M 402293) des Frankfurter Kriminalhauptmeisters Manfred Bauer ist Tatwaffe im aktuellen Mordfall.

Der Film greift also weit zurück. Die Polizeibeamten Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm wurden am 2. November bei ihrem Einsatz an der Startbahn West von Andreas Eichler erschossen. Ich hatte nicht gedacht, dass ich an diesen Vorfall noch einmal erinnert würde.

Damals war ich Polizeipfarrer und die Polizei bat uns zwei Polizeiseelsorger um einen Trauer­gottesdienst in Tübingen. Ich schlug die Tübinger Stiftskirche vor. Der Kirchen­gemein­derat erkundigte sich nach dem Charakter des geplanten Gottesdienstes. Er solle keine Demon­stration sein, sagte ich, sondern die kirchliche Form der Begleitung der Trauer einer durch die Morde aufgewühlten Berufsgruppe. Die Stiftskirche war dann am 10. November „gesteckt voll“, wie man im Schwäbischen sagt. Mein Kollege Werner Knubben und ich hatten ausgemacht, dass ich die Predigt halten werde.

Die habe ich nun, nachdem ich den ersten Teil des Films gesehen hatte, wieder gelesen. Dazu habe ich per Google mir die damalige Situation vor Augen geführt und festgestellt, dass die heutige Lage schlimmer ist als damals. Unsere Gesellschaft ist inzwischen noch stärker gespalten und tödliche Angriffe haben ein völlig anderes Ausmaß erreicht. Doch ansonsten: Meine Predigt ist nicht nur ein Zeitdokument, sondern leider immer noch aktuell.

Predigt – Trauergottesdienst_2

 

Der Film „Tod im Internat“

https://www.zdf.de/filme/tod-im-internat/tod-im-internat-1-100.html

 

Links zum Thema Schüsse an der Startbahn West

https://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%B6tungsdelikte_an_der_Startbahn_West

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/polizistenmord-an-der-startbahn-west-blutiges-ende-eines-verlorenen-kampfs-11946906.html

http://www.zeit.de/1987/46/zum-jahrestag-ein-doppelmord/komplettansicht

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13494525.html

http://www.taz.de/!1375224/

Zur heutigen Lage: Ein Riß geht durch Deutschland – Erst jetzt?

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/25/ein-riss-geht-durch-deutschland-erst-jetzt/

Ein Riß geht durch Deutschland – Erst jetzt?

Posted in BRD, Politik by dierkschaefer on 25. September 2017

Die Funktionseliten unseres Landes haben im Rausch der wirtschaftlichen Erfolge die Kollateralschäden übersehen, die der korrumpelhafte Erhalt und Ausbau ihrer Macht bewirkt hat. Sie sonnten sich im Lichte und sahen die im Dunkel nicht. Wer Einblick in prekäre Verhältnisse hat, wer trotz aller Großbauprojekte die marode Infrastruktur dieses Landes sieht, wundert sich nicht über die Quittung, die leider nicht nur die Funktionseliten, sondern wir alle mit dieser Wahl bekommen haben. Das Ressentiment der Modernisierungsverlierer hat den Wahlkampf bestimmt und die AfD in Sachsen an die Spitze getragen. Ohnehin: Es begann mit dem Anschluss des Ostens an die wirtschaftlichen Interessen der westdeutschen Konzerne, zuvor der Versicherungen. Es folgte der Auszug der leistungsbereiten jungen Generation in den Westen – zurück blieben die weniger fitten und die Alten, dafür haben wir ihnen die maroden Städte denkmalsgeschützt restauriert – doch wer will schon Statist im Freilichtmuseum sein? Überlagert wurde die innerdeutsche Entwicklung durch die Globalisierung. Das Prekariat der Welt produzierte billiger als das unsere. Wer nicht einmal Hungerlohnarbeit fand machte sich auf den Weg, denn unser Wohlstand überstrahlte die Gefahren. Damit war der Verteilungskampf um Geld und Aufmerksamkeit eröffnet. „Die kriegen alles in den Arsch geschoben!“ Das wurde angeheizt durch Sprüche von Besserverdienenden: „Hättste was ordentliches gelernt, bräuchteste keine drei Minijobs.“ Wer so abgefertigt wird, geht entweder gar nicht zur Wahl oder wählt Protest – meist rechts. Vorher hat er schon gesehen, wie Banken gerettet wurden – aber er nicht, gesehen, wie die Autoindustrie als kriminelle Vereinigung den Staat vorgeführt hat. Nur die Autoindustrie? Sofern er sich überhaupt noch politisch informiert, hat er auch gesehen, dass die Parteien Transparenz fürchten, wie der Teufel das Weihwasser.

Nicht nur die Infrastruktur dieses Landes ist marode, sondern auch seine politische und seine Sozialstruktur. Hoffentlich sind die verdientermaßen gebeutelten Funktionseliten jetzt lernfähig und fügen die auseinanderstrebenden Schichten wieder zusammen. Sonst siegt das Ressentiment. Es äußert sich beängstigent.

Das Magazin der Stuttgarter Staatstheater gibt in seiner Herbstausgabe einen Blick in den Abgrund frei: mordgesindel

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 39 f

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

       Eine Kindheit,

       die keine Kindheit war

Neununddreißigstes Kapitel

Banküberfall erfolgreich abgeschlossen – wohin mit dem Geld?

Dieser gehirnbenebelte Idiot war drauf und dran unsere Aktion vorzeitig zu beenden. Wollte er doch auf den Polizeiwagen ballern, der sich auf der in Gegenrichtung befindlichen Fahrbahn mitten in einem Stau befand. Es ist doch ganz natürlich, dass man in einer Stadt mal einem Poli­zeiwagen begegnet. Wäre unser Auto schon zur Fahndung ausgeschrieben, hätte man irgendwo Straßensperren errichtet,  unmittelbar nach dem Raub die Ausfallstraßen aus Eisenhüttenstadt heraus. Ich zweifelte ja gar nicht daran, dass er mit seinem Ballermann mit einem gezielten Schuss den Motor des Polizeiautos außer Gefecht setzen könne. Nur würde das dann wirklich eine Jagd auf uns auslösen. Mit diesen Argumenten konnte ich ihn dann doch noch wieder beruhigen. Wolfgangs Hektik musste ich dann noch ein zweites Mal unterbinden. Kurz vor dem ehemaligen Grenzübergang Marienborn/Helmstedt hörten wir das typische Geräusch, welches Polizeiautos so an sich haben, wenn sie schnell zu einem Einsatzort müssen. Wieder hatte Wolfgang seinen Schieß­prügel zur Hand das Seitenfenster heruntergedreht. Ob er denn meine, die Polizei sei so doof, sich mit Martinshorn anzumelden, wenn sie drei bewaff­nete Bankräuber im Begriff sei fest­zunehmen? Wahrscheinlich, wovon wir dann auch schnell überzeugt wurden, wären die zu einem Autobahnunfall unterwegs. Kein Wunder, dass Wolfgang überall Gespenster sah. Wann war er schon mal mit einem Auto unterwegs gewesen? Zumindest in den letzten 20 Jahren. Wieder gelang es mir Wolfgang zu beruhigen.

Sie habe sich neu verlobt.

Sehr bald steckten wir in einem Stau. Wir erreichten gerade noch so eben die Autobahnraststätte Marienborn, ergatterten einen der letzten noch freien Parkplätze. Den so erzwungenen Aufenthalt nahmen wir dann auch gleich für eine Nahrungsaufnahme, die erste seit dem Frühstück. Wolf­gang, inzwischen ganz euphorisch, nutzte die Fahrtpause dazu, seine adelige Freundin in Han­nover anzurufen. Er kündigte an, recht bald wieder zuhause zu sein. Sie solle, falls Gäste in der Woh­nung wären, diese wegschicken. Sie beide hätten allen Grund eine kleine Privatfeier zu starten. Wie ich erst viel später erfuhr, hatte Reni gar nicht daran gedacht ihre Gäste weg zu schicken. Im Gegenteil. Sie konfrontierte ihren Verlobten mit der Aussage, dass sie sich neu verlobt hätte. Und zwar mit seinem ehemaligen Knastbruder Bruno Reckert. Sie erinnern sich? Das war der meistge­suchte Verbrecher von Deutschland zu der Zeit, weil er sich mit einer Waffe aus der JVA Lingen selbst entlassen hatte. Wolfgang nahm diese Kündigung gelassen hin. Voller Stolz zeigte er den Anwesenden seine Beute und meinte, dass er ein paar Tage brauche, um sich selbst eine Woh­nung zu suchen. Diese authentischen Insider-Informationen erhielt ich später in der JVA Celle von einem der an diesem Abend Anwesenden. Paule traf ich dort wieder, weil er 15 Jahre sitzen musste und im Anschluss an die 15 Jahre noch einmal LL[1]. Die 15 Jahre Höchststrafe für die Überfälle, die er gemeinsam mit Bruno Reckert begangen hatte. LL gibt es nur für Mord! Aber darauf komme ich noch zurück.

Am 20ten November 1990, einem Freitag, waren wir 13 Stunden nach dem Banküberfall wieder in Hannover. Für den kommenden Sonntag hatten wir ausgemacht, dass ich ihm[2] 200 Gramm Haschisch vorbeibringen würde. Für seinen jüngeren Bruder, der bei der Bundeswehr diente. Schon bei diesem Besuch merkte ich, dass zwischen Wolfgang und Reni nicht alles so war, wie bei mei­nen früheren Besuchen. Ich sprach ihn deswegen an, als wir eine Weile alleine im Wohnzimmer saßen. Wolfgang meinte nur, dass er mich die Tage anrufen würde. Er wollte sich dann mit mir treffen und alles erklären. Es kam aber zu keinem weiteren Treffen.

An jenem Freitagabend setzte ich Harry in seinem geliebten Rotlichtviertel ab. Er überredete mich, doch wenigstens einmal auf unseren gelungenen Coup anzustoßen. In einer von ihm bevorzugten Bar bestellte er zwei Bier für uns und fragte natürlich die anwesenden Animierdamen und den Wirt selbst, ob sie mit ihm was mittrinken würden. Natürlich ließen die sich nicht großartig bitten. Wofür waren sie schließlich Animierdamen? Harry, der von mir vornehmlich kleine Scheine von der Beute erhalten hatte, holte selbstverständlich einen von den wenigen Zweihundertern heraus und zahlte seine Zeche sofort. Alle sollten sehen, dass er wieder einmal ein Vollstecker[3] war. Dementspre­chend war er auch mit dem Trinkgeld mehr als großzügig. Ich nuckelte man gerade aus Höflichkeit an meinem Bier. Harry dagegen hatte seine Flasche mit fast einem Zug geleert. Und schon hieß es für ihn eine neue Runde. Für alle versteht sich. Ich selbst lehnte dankend ab. Ich musste ja noch Auto fahren. Ich durchschaute sein Spielchen. Wieder zahlte er aus der Tasche, wo sich die Zwei­hunderter befanden. Diese Großkotzigkeit schien man hier am Steintor von Harry schon zu kennen. Allen war klar, dass Harry wieder ein größeres Ding mit Erfolg abgezogen hatte. Ich dachte gar nicht daran, mich von den Animierdamen becircen zu lassen. Anders dagegen Harry. Der hatte schon längst eines der Mädchen auf seinem Schoß sitzen und seine Finger sonst wo. Trotz aller Überredungskünste ließ ich mich nicht darauf ein, mich weiterhin von Harry einladen zu lassen. Ich wollte ganz einfach nach Hause, zu meinem Sohn und meiner Lebensgefährtin.

Wann in meinem Leben wurde ich auch schon mal belobigt?

Helga wollte natürlich eine Erklärung von mir, warum ich so plötzlich und so lange die Wohnung verlassen hätte. Sie war auch gerade erst von ihrer Spätschicht nach Hause gekommen. Mein Ver­trauen zu Helga war derzeit noch riesengroß. Hinzu kam noch, dass auch ich endlich meiner ange­stauten Freude über das Gelingen des Raubzuges Luft verschaffen musste. Ein wenig Bewun­de­rung, was meiner Seele gut tun würde, hatte ich mir verdient. Wortlos zog ich den Reißverschluss meiner Erste-Hilfe-Tasche auf und schüttete die Geldbündel zwischen uns auf die Couch. Solch einen Geldsegen hatte meine hochverschuldete Helga noch nie auf einem Haufen gesehen. Ihre schönen großen Augen, in die ich mich eigentlich verliebt hatte, wurden noch viel größer. An dem Tag, als ich von ihrem miesen Kontostand erfuhr, hatte ich ihr versprochen, dass wir zusam­men das wieder auf die Reihe kriegen würden. Mit diesem Einreden [?] konnte ich mein Verspre­chen einlösen. Zunächst einmal konnte sie gar nicht glauben, was sie da sah. Sie wollte dafür eine Erklä­rung haben. Die gab ich ihr auch, ohne etwas an der Wahrheit zu beschönigen. Ihre bewun­dernden Blicke gingen mir wie Honig herunter. Wann in meinem Leben wurde ich auch schon mal belobigt?

Am nächsten Tag schon ließ ich mich auch bei meinem Geschäftspartner im Büro blicken und konnte ihm grünes Licht für unser Vorhaben geben. Das heißt, ich konnte ihm verkünden, dass die weitere Finanzierung gesichert sei. Im Glauben daran, dass ein Geschäftspartner, mit dem ich ein viel größeres Ding abzuziehen im Begriff stand, der ja selbst ein vielfach Vorbestrafter war, den könnte ich ebenfalls einweihen, woher das Geld stammte, schenkte auch ihm reinen Wein ein. Meine Gutgläubigkeit an Menschen war eben grenzenlos. Ich unbelehrbarer Idiot lernte wohl nie aus! Ich brachte noch schnell das Haschisch unter die Leute. War ich doch nach meiner Einkaufs­reise nach Amsterdam gleich zu dem anderen Coup abberufen worden, hatte somit noch den gesamten 3-Kilo-Vorrat im Bunker. Nicht dass ich jetzt unbedingt Geld benötigt hätte. Das Warm­halten meines Großdealers in Amsterdam gehörte ganz einfach zu meinen zukünftigen Plänen in Verbindung mit den selbsthergestellten Geldscheinen. Längst hatte ich das volle Vertrauen meines Geschäftspartners in Amsterdam erworben.

Ich glaubte, ich würde fliegen.

Der Besitzer eines pikfeinen Coffee-Shops in der City von Amsterdam hatte natürlich niemals solche großen Vorräte im Haus, wie ich sie jedesmal haben wollte. Haschisch an sich war in Hol­land ganz legal zu erwerben, aber auch nur bis zu fünf Gramm pro Person. Zählte er die ersten Male noch ganz pingelig die Scheine ab, die ich ihm beim Kauf der Ware rüberreichte, so legte er später meine Geldbündel ziemlich achtlos zur Seite und bestand darauf, dass ich die Ware auch noch selbst prüfte. Ich jedoch begnügte mich damit die Qualität mit meinem Geruchssinn festzu­stellen. Einmal hatte ich aus der Wasserpfeife ein paar Züge getan. Als ich die 500 Kilometer lange Rückfahrt nach Hannover antrat glaubte ich, hinter dem Steuer meines Autos sitzend, ich würde fliegen. Ich schaffte es gerade mal bis zur Autobahn. Dann übergab ich das Steuer an Helga und legte mich auf die Rückbank zum Schlafen hin. Diese verfehlte dann auch prompt die Abzweigung in Richtung Venlo.

So wie er mir also vertraute, vertraute ich ihm, was die Qualität anging. Auf Drängen meiner Abnehmer in Hannover fuhr ich einmal an einem Sonntag nach Amsterdam. Sein Personal gab sich alle Mühe, ihren Chef aufzutreiben. Bis der dann endlich eintraf, die benötigte Ware beisam­men hatte, das Ganze schön vakuumverpackt bereit zum Transport war, vergingen Stunden. In der Zwischenzeit wurden ich und Helga hofiert wie Staatsgäste. Es wurde nicht zugelassen, dass wir in ein nahegelegenes Restaurant gingen. Der Chef persönlich besorgte uns eine Speisekarte und holte dann auch selbst das ausgesuchte Menu. In besagten Coffee-Shops wurde laut Gesetz auch kein Alkohol ausgeschenkt. Ein Bier zum Essen wurde ebenfalls aus der Nachbarschaft herbeige­schafft. Während wir uns mit Speis und Trank stärkten, drehte man wegen der übrigen Gäste die Musik auf volle Lautstärke. Die eilig herbeigeschafften Einzelteile, die für das Vakuumverpacken nötig waren, wurden im Getränkelager aufgebaut. Die laute Musik deshalb, weil der eigentliche Vorgang beim Absaugen und Verschweißen in Frischhaltefolien einen unheimlichen Krach machte. Diesem sonntäglichen Stress wollte sich mein Geschäftspartner nicht unbedingt noch einmal unter­ziehen. Deshalb gab er mir seine direkte Durchwahl-Telefonnummer. Damit konnte ich meine Bestellung schon vor Abfahrt aus Hannover durchgeben. Was den Vorteil hatte, dass alles schon säuberlich verpackt war, wenn wir dort ankamen. Längst hatte er mir das Angebot unterbreitet, doch mal eine Sammelbestellung zu machen. Bei der Abnahme von 20 Kilo und mehr würde er alles frei Haus liefern. Schon als die Sache mit der eigenen Geldherstellung Konturen annahm machte ich ihm Hoffnungen, dass ich daran arbeiten würde. Einige solvente Türken in Hannover würden mich schon länger bedrängen, für sie nicht nur Haschisch mitzubringen. Was ja auch den Tatsachen entsprach.

Ich sagte Detlev nicht, wie ich das Geld waschen wollte.

Ich gab dem Mann in Amsterdam vorsorglich schon mal einen Tipp, in welcher, wenn überhaupt, Größenordnung ich da einsteigen würde, weil ich ja das Risiko tragen würde und es sich von daher auch schon lohnen müsse. Skeptisch fragte ich ihn, ob er solch eine Menge auch bewerkstelligen könne. Er schien beleidigt zu sein. Ich bin daraufhin eine so schmale Treppe hinaufgestiegen.[4] [Die gibt es] noch nicht einmal auf einem Schiff. treppe NL 1.jpgVoller Stolz zeigte er mir sein Warenlager. Es mussten Millionenwerte sein, die er vorrätig hielt. Generös bot er mir eine Nase Koks an. Ich, keine Ahnung wie man das Zeugs anwendete, tat das, was man mir mal darüber gesagt hatte, wie man die Qualität testen könne. Ich rieb mir etwas davon aufs Zahnfleisch. „Papperlapapp! So macht man das!“. Er bereitete zwei Linien auf einem Spiegel vor und zog sich diese mit einem silbernen Röhrchen in die Nase. Beim Weglegen des Röhrchens stieß er versehentlich mit dem Ellenbogen gegen das noch fast volle Päckchen mit dem übrigen Koks. Es fiel auf den Teppichboden, verteilte sich dort. Er machte sich erst gar nicht die Mühe das Häufchen wieder in den Beutel zu kratzen. Er trat ganz einfach mit seinem Schuh drauf und verrieb es in den Teppich. Auf welche Weise ich vorhatte unser Geld zu waschen, hatte ich Detlev bisher nicht verraten. Aus welchen Gründen auch immer. Mein Plan war, auf keinen Fall mehr als 1,5 Millionen in Umlauf zu bringen. Und das möglichst gezielt an einer Stelle. Dann sollte durch drei geteilt werden und Schluss. Notfalls, so hatte ich ihm und seiner Schwester erklärt , die ja die eingetragene Geschäftsführerin war, würde ich das Kopiergerät eigenhändig zerstören. Mit jeweils einer halben Million konnte man sich sehr gut ein solides, legales Geschäft aufbauen. Können Sie sich schon denken, worauf ich abzielte?

Obwohl ich das volle Vertrauen meines Amsterdamer Geschäftspartners genoss, hatte ich mir schon längst ein Pseudonym zugelegt. Auch hatte er nie mein Auto zu Gesicht bekommen. So konnte ich ihm weismachen, dass ich aus Frankfurt käme und dort ein mehr schlecht als recht gehendes Immobilienbüro betreibe. Weshalb ich auch dieses Nebengeschäft betreibe. Im Falle, dass unser großangelegtes Geschäft zum Tragen kommen würde, hätte ich kurzfristig ein Büro in Frankfurt angemietet, ein dementsprechendes Aushängeschild angebracht und mir die Ware dorthin schicken lassen. Wie später von der Bundesbank bestätigt wurde, war unser „Geld“ wirklich gut. Es dauerte Wochen bis man dies entdeckte. Wie also sollte mein Lieferant den Betrug auf Anhieb erkennen? Er wäre damit zurück nach Holland gefahren, hätte allerfrühestens nach ein paar Tagen den Beschiss bemerkt. Wahrscheinlich wäre er sogar im Knast gelandet. Selbst wenn er so einen langen Arm gehabt hätte, mich suchen zu lassen, hätte er sich daran die Zähne ausge­bissen. Bis er oder seine beauftragten Häscher festgestellt hätten, dass es mich in Frankfurt gar nicht gab, wäre ich schon längst im „Erholungsurlaub!“

Gezielt im Knast untertauchen

Ich hatte schon lange genügend Connec­tion bei gewissen Türken aufgebaut, um zu wissen, dass es kein Problem darstellte, Marihuana, Koks und auch Heroin in dieser Größenordnung mit einem Schlag loszuwerden. Natürlich nicht zu meinem Einkaufspreis. Detlev brauchte ja nicht zu wissen, dass ich dabei mein eigenes Süppchen kochte. Mir wären dabei nämlich unter dem Strich etwa zwei Millionen übrig geblieben, während er und seine Schwester die vereinbarten Fünfhunderttau­send bekamen. Abzüglich der von mir verauslagten Unkosten, versteht sich. Sobald besagtes Geschäft abgeschlossen war, hätte ich mich, um mich vor eventuellen Verfolgern aus Holland zu schützen, beim Gericht gemeldet und darum gebeten meine laufende Bewährungsstrafe zu wider­rufen. Mit vorgeschobenen Begrün­dungen hätte man meinem Ersuchen zustimmen müssen. Ich würde meine Bewährungsstrafe resultierend aus der Münzgeschichte als Erholungsurlaub betrach­ten. Meine letzte Reise nach Amsterdam hatte ich auf zwei Krücken gehend angetreten. Schuld daran war so ein böser Rottweiler, der mir kräftig ins Bein gebissen hatte. Eine schmerzhafte aber nicht zu ändernde Tatsache. Ansonsten lief alles bestens.

Die Geschichte mit Eisenhüttenstadt, wo wir uns ein Darlehen gegen eine Sicherheit von nur 9mm[5] geholt hatten, schien längst in Vergessenheit geraten zu sein. Zumindest hatte die Polizei dort schon längst die Hoffnung aufgegeben, den Fall noch lösen zu können. Ein kleiner, beleidigter Straßendealer seines Zeichens Junkie, den ich nicht mehr für wert hielt von mir Ware zu beziehen, weil er seine Schulden bei mir nicht bezahlte, machte meine ganzen Zukunftspläne zunichte. Mit 500 Gramm Hasch im Auto fuhr ich in die City, wo ich einen Liefertermin einhalten wollte. Helga war zu ihrer Spätschicht gefahren, mein Sohn hatte sich mit seinen 15 Lenzen schon bei seiner Freundin einquartiert. Ich hatte Langeweile, fuhr deshalb schon frühzeitig in die Stadt. Wie ich so an meinen Krücken durch die Passerelle humpele, werde ich von gleich vier Zivilbullen eingekreist.

 

Vierzigstes Kapitel

Ein fast perfekter Mord, wenn Frau „Dummfick“ nicht gewesen wäre.

Mir ihre Hundemarken vor die Augen haltend verlangen sie von mir die Taschen zu leeren. Dum­mer­weise hatte ich ganz gegen meiner Gewohnheit 24 Gramm der verschiedensten Hasch­sorten in meiner Hemdtasche. Das genügte natürlich, mich gleich aufs Revier zu schleppen. Nackt ausziehen war angesagt. Jedes Teil meiner Kleidung wurde akribisch durchsucht. Dabei ließ man mich mit nackten Füßen auf den dezemberkalten Fliesen stehen. Wie „gut“ unsere Polizei geschult ist erkannte ich daran, dass sie den kleinen Zettel (vier Mal zwei Zentimeter) geflissentlich übersah. Darauf war allerdings eine holländische Vorwahlnummer und die Direktwahl meines Lieferanten vermerkt. Dadurch, dass die Schlafmützen von Polizisten diesen so wichtigen Zettel nicht weiter beachteten, konnte ich später meine Verteidigungsstrategie vor Gericht aufbauen und gleichzeitig meine persönliche kleine Rache an meinem ehemaligen Geschäftspartner auskosten, der während meiner Abwesenheit in MEINEM Büro das Schloss ausgewechselt hatte. Sie erinnern sich, dass ich erwähnte ihm zu einer Kochlehre im Gefängnis verholfen zu haben?

Ich dachte gar nicht daran, der Polizei ihre Arbeit leicht zu machen.

Den so wichtigen Zettel in meiner Brieftasche hatten die Bullen übersehen. Sie übersahen aller­dings nicht, dass sich an meinem Schlüsselbund ein Autoschlüssel befand. Sie wollten wissen, wo das Auto steht. Wusste ich doch, dass ich aus dieser Nummer nicht mehr herauskommen würde, würde man das Auto durchsuchen und die 500 Gramm darin finden. Ich versuchte sie deshalb hinters Licht zu führen, behauptete, dass meine Verlobte damit zur Arbeit gefahren sei und dies nur ein Zweitschlüssel sei. Offiziell lief der Wagen ja sowieso auf ihren Namen. Leider glaubten sie mir diese Geschichte nicht. Nach etwa einer halben Stunde kamen zwei meiner Häscher triumphierend zurück zur Wache. Meinen Aktenkoffer in der Hand, worin sich die 500 Gramm befanden. Ade, du schönes, weiches Bett zu Hause!

Ich dachte gar nicht daran, der Polizei ihre Arbeit leicht zu machen. Wenn sie mich schon für ein paar Jahre einbuchten wollten, sollten sie gefälligst auch etwas dafür tun. Zunächst bemühten sie sich, einen Drogenspürhund aufzutreiben. Selbstverständlich hatten sie vor, auch meine Wohnung nach weiteren Drogen zu durchsuchen. Weit und breit war kein solcher Hund verfügbar. Nicht einmal der Zoll vom Langenhagener Flugplatz konnte ihnen helfen. So mussten die Bullen sich auf ihre eigenen Nasen verlassen. Als erstes rissen sie die schmiedeeiserne Flurgarderobe aus der Verankerung, als wir in der Wohnung ankamen. Ein zweiter stieß die Badezimmertüre mit einem Fußtritt auf, stürmte bis ans Ende zur Toilette hin, trat auch dort kräftig gegen den Klodeckel und riss fast den Wasserkasten aus der Wand. Mit den Türen des Alibertschrankes ging er auch nicht gerade zimperlich um. Dies alles geschah aus Frust darüber, dass sie mir keine ihnen genehme Aussage hatten entlocken können. Nachdem er sich im Badezimmer ausgetobt hatte, nahm er sich die Küche vor. Dort, so wusste ich, würde er pfundig[6] werden.

Der Begriff Vandalismus bekam für mich eine ganz neue Bedeutung.

Im Regal, gleich über dem Gewürzständer lag eine Zigarilloschachtel aus Blech. Darin befanden sich ein paar Gramm. Das waren kleine Bruchstücke, die von den Haschischplatten abgesplittert waren, wenn ich die Platten auf genau 100 Gramm zurechtschnitt. Die Menge war kaum der Rede wert, nachdem man ja schon 500 Gramm im Auto gefunden hatte und fiel nicht weiter ins Gewicht. Mit einer Acht an den Händen gefesselt stieß man mich im Wohnzimmer auf die Couch und erlaubte mir sogar, mir eine Zigarette zu drehen. „Hier ist bestimmt noch mehr!“ kam der aus der Küche freudestrahlend ins Wohnzimmer. Dabei wies er auf die kleinen Bruchstücke in der Blechschachtel aus der Küche. Dann begab er sich in das Zimmer, wo mein Sohn noch bis vor kurzem sein Domizil gehabt hatte. Ein anderer filzte das Wohnzimmer, wobei er sämtliche Schubladen herausriss. Noch nicht einmal den Sittichkäfig ließ er aus. Ich dagegen beobachtete angespannt, was der im Kinderzimmer anstellte. Darin stand auch unser Staubsauger. In diesem Staubsauger hatte ich als Notgroschen 5000 Mark versteckt. Würde der Bulle das Geld finden? Was würde er mit dem Fund tun? Würde er der Versuchung widerstehen, die nicht gerade uner­hebliche Summe einzustecken? Würde er so denken wie ich? Es war ja nicht davon auszugehen, dass ich ihn fragen würde, ob er die 5000 Mark gefunden hätte. Er hätte sich also gut und gerne die etwa zwei Monatsgehälter unbemerkt einstecken können. Immerhin dauerte es fast ein halbes Jahr, bis ich Gewissheit darüber erhielt, ob das Geld im Staubsauger gefunden worden war. Im Beschlagnahmeprotokoll jedenfalls stand nichts davon. Was allerdings gar nichts heißen sollte. Aber auch dieser Mann hatte eine schlechte Polizeischule besucht oder nicht gut genug aufgepasst.

Dafür aber überraschte mich der Typ aus dem Schlafzimmer. Kurz zuvor hatte ich ihn noch gefragt, ob er das bei sich zu Hause auch machen würde, nämlich sich mit den Schuhen auf meinem Bett­laken stehend räumte er den Kleiderschrank auf. Und wie. Wahllos zerrte er alles daraus hervor, ließ alles auf die Erde fallen, ohne sich zu vergewissern, ob sich zwischen den Kleidungsstücken nicht etwas versteckt sei. Der Begriff Vandalismus bekam für mich eine ganz neue Bedeutung. Seine Antwort auf meine Beschwerde, dass er mit Schuhen auf meinem Bett stand, tat er mit den Worten ab: „Das macht gar nichts. In diesem Bett wirst du in den nächsten Jahren ohnehin nicht mehr schlafen!“ Dass ich seitdem kein gutes Verhältnis mehr zu unserem Freund und Helfer aufbauen konnte, werden Sie vielleicht verstehen!?

„Bingo!“ – „Der Nikolaus war da!“

Das war aber gar nicht die angekündigte Überraschung. Erst als der Kerl meine Seite des Doppelbettes hochgeklappt hatte und eine Keksbüchse hochhielt und „Bingo!“ rief, erkannte ich den Grund seiner Freude. Bei den Kilomengen Hasch, die ich fast immer vorrätig hatte, war mir gar nicht aufgefallen, dass mir 700 Gramm irgendwie fehlten. Als der Bulle seine Trophäe in die Höhe hielt und Bingo rief, fiel mir siedend heiß ein, wieso ihm dieser Fund gelingen konnte. Tage zuvor war ich gerade im Begriff gewesen aus dem Haus zu gehen, um eine bestellte Lieferung pünktlich abzuliefern, klingelte das Telefon. Eine weitere Bestellung wurde mir angetragen. Diese musste ich dann noch abwiegen. Das nahm seine Zeit in Anspruch. Mein Pünktlichkeitswahn ließ es nicht zu, dass ich den Rest wie vorgesehen wieder zu dem eigentlichen Bunker (Bunker = Versteck) bringen konnte. So deponierte ich die 700 Gramm eben noch schnell im Bettkasten. Wo ich die 700 Gramm dann auch prompt vergaß. Keine Frage, dass sich die Fahnder darüber sehr freuten. So sangen sie dann auch auf der Fahrt zum Polizeipräsidium, wo sich auch das Haftge­fäng­nis befand. Dort verblieb der vorläufig Festgenommene bis zur Vorführung bei einem Haftrichter.

Wollen Sie auch wissen was die so erfolgreichen Fahnder sangen? Weil sich meine Verhaftung am 6. Dezember ereignete, sangen sie passend dazu: „Der Nikolaus war da!“

Ich, eigentlich aus dem Alter heraus, wo man noch an den Nikolaus glaubt, hätte mir wenn schon eine ganz andere Bescherung gewünscht, als ich sie nun serviert bekam. Bevor die Bullen meine Verhaftung mit besagtem Gesang feiern konnten, mussten sie erst noch einen Polizei Bulli bestel­len. Außer der nicht gerade geringen Menge Haschisch beschlagnahmten sie auch noch sechs originalverpackte CD Player, einige schnurlose Kopfhörer und anderes zu damaliger Zeit noch recht teures Elektro-Equipment. Einige „Kleinabnehmer“ hatten nicht immer das nötige Kleingeld, um meine Ware zu bezahlen. In der Szene war es durchaus üblich, sich mit Dingen bezahlen zu lassen, deren Herkunft nicht ganz koscher war. Was sollte das? Wenn man nicht gerade im Pleitefeuer brannte, sich Zeit lassen konnte, konnte man auch an dieser Ware seinen Reibach machen. Im Verlauf der nächsten drei Monate konnte die Ermittlungsbehörde nicht feststellen, woher die bei mir gefundenen Gegenstände kamen. Zähneknirschend teilte die Polizei mir mit, dass ich mir mein „Eigentum“ wieder abholen könne. Diese Scherzkekse! Zum einen mussten sie doch wissen, dass ich mich längst in Haft befand, ich die Sachen somit nicht abholen konnte, zum anderen sagte ich ihnen am Telefon, dass sie mir die Dinge genauso wieder in die Wohnung bringen sollten, wie sie sie mitgenommen hatten. Was also blieb ihnen übrig, mir die zu unrecht beschlagnahmten Sachen auf Steuerkosten wieder ins Haus zu schaffen.

Die Strafe? Peanuts. Doch es kam noch viel dicker.

Natürlich wurde dieses Thema später bei Gericht nochmal angeschnitten. Der Richter wollte dann schon wissen, wie soviel neue Technik in mein Haus gekommen sei. Meine diesbezügliche Erklä­rung konnte man schlecht widerlegen. Hatte ich doch im gerade wiedervereinigten Deutschland, in der Ex-DDR eine Schwester samt Kinder und Enkelkinder. Es war doch ganz natürlich, dass ich in der Vorweihnachtszeit schon mal passende Geschenke eingekauft hätte. Auch die bei meiner Fest­nahme konfiszierten 1.900 Mark musste man wieder herausrücken. Gehörte das Geld doch gar nicht mir, sondern Helga, meiner schwer arbeitenden Lebensgefährtin. Das wurde dazu auch noch glaubhaft belegt, in dem wir einen Kontoauszug vorlegen konnten. Daraus ging einwandfrei hervor, dass Helga tags zuvor 2.000 Mark von ihrem Konto abgehoben hatte. Die Strafe, die ich für diesen Geschäftszweig erhielt, waren Peanuts gegen das, was danach noch dazu kommen sollte.

„Der fast perfekte Mord“

Zwischen dem Rottweilerbiss und meiner Verhaftung geschah aber noch etwas Gravierendes. Es lagen immerhin zwischen dem Ding in Eisenhüttenstadt und meiner Verhaftung wegen Drogenbe­sitzes ganze 16 Tage. Zunächst tangierte es mich nur peripher, als mir beim Besuch in einer Rotlichtkneipe eine Zeitung vor die Nase gelegt wurde. Ich selbst war gerade aus Frankfurt zurück­gekehrt, wo ich mich schon mal nach einem geeigneten Büro umgeschaut hatte für das viel grö­ßere anstehende Geschäft. So war ich als fleißiger Zeitungsleser nicht auf dem Laufenden. Irgend­wie, wahrscheinlich durch Harrys Propaganda, war ich zu einer Nummer im Milieu gekommen. Gespannt beobachtete man mich als ich die Überschrift las.

„Der fast perfekte Mord“ stand da in großen Lettern als Überschrift. Dass der fast perfekte Mord an meinem Mittäter beim Banküberfall in Eisenhüttenstadt stattgefunden hatte, erfuhr ich erst aus dem fast ganzseitigen Artikel der Zeitung. Na und? Welche Schuld traf mich dabei? fragte ich mich. So eine enge Freundschaft hatten wir ja nicht gepflegt, als das es mich weiter belastete. An den Tod war ich schon während meiner Kindheit gewöhnt worden. Der Zeitungsartikel war wie gewöhnlich in solchen Fällen ziemlich reißerisch aufgemacht. Jedoch dachte ich nicht daran mich bei der Polizei zu melden, um einiges richtigzustellen. Es waren ja auch nur Vermutungen, die das in der Zeitung Geschilderte in gewissen Punkten hätten widerlegen können. An Wolfgangs Tod ließ sich ohnehin nichts mehr ändern. Mein Kopf war mit ganz anderen Problemen beschäftigt. Ganze acht Tage hatte Wolfgang sich an seiner Beute noch erfreuen können, während ich einen Großteil meiner Beute in das nächste Geschäft investiert hatte. Dieses Geschäft wollte gut durchdacht sein, wollte ich mich doch danach endgültig aus diesem Milieu verabschieden.

Doch wie bereits bekannt sollte es dazu nicht mehr kommen. Das Schicksal hatte eine andere Zukunft für mich vorgesehen. Die so gar nicht meinen rosaroten Träumen entsprach. Ich wurde also ins Polizeigefängnis verbracht. In einem zweiten Polizeiauto, welches zur gleichen Zeit mit uns dort eintraf, saß Helga. Weil die 700 Gramm Hasch in unserem Doppelbett gefunden wurde, hatte man sie natürlich gleichfalls in Verdacht, dass sie an dem nicht ganz legalen Drogenhandel beteiligt sei. Was im Grunde genommen ja auch stimmte. War sie doch jedesmal bei meinen Amsterdamreisen dabei gewesen, hatte selbst Bestellungen am Telefon angenommen, wenn ich nicht da war. Obwohl sie an allen Aktivitäten, einschließlich der Londonreisen teilgenommen hatte, sie auch die erste war, die von der Bankbeute wusste und davon profitierte, habe ich es geschafft, sie vor Gericht da vollkommen rauszuhalten. Ihren Dank dafür bekam ich erst später präsentiert.

Die Selbstmordgefahr ist in der ersten Haftnacht am größten.

Aus Frust darüber, dass die Bullen mir kein Geständnis hatten entlocken können, hatten sie mich trotz meiner Gehbehinderung mit auf dem Rücken gefesselten Händen durch die Stadt kutschiert. Selbstverständlich waren die Handschellen bis an den Anschlagspunkt eingerastet worden. Purer Sadismus musste dabei eine Rolle spielen, wenn sie die Kurven so nahmen, dass ich auf dem Rücksitz hin und her geschleudert werden musste. Mit den Füßen fand ich auch keinen Halt. Hatte man mir doch im Krankenhaus ganz schön viel Fleisch rund um die Bissstelle herausgeschnitten und vernäht. Jede Anstrengung tat höllisch weh. Noch saurer als sie ohnehin schon waren, wurden die mich begleitenden Bullen, als sich der Wachhabende an der Gefängnispforte weigerte, mich krückenbehafteten Neuzugang überhaupt anzunehmen. Er verlangte ordnungsgemäß von meinen Begleitern ein ärztliches Attest über meine Haftfähigkeit. Diesen konnten die natürlich nicht vor­weisen. Mit viel Überredungskunst gelang es ihnen dann doch noch den Wachhabenden dazu zu überzeugen, uns einen Raum zur Verfügung zu stellen, wo wir auf das Eintreffen eines Arztes warten könnten. Es dauerte aber eine geraume Weile, bis ein solcher auftauchte. Währendessen moserte einer der Beamten herum. Wegen der Überstunden, die er meinetwegen schieben musste, und dass er wegen mir eine Fortsetzung von „Mission Impossible“ verpasse. Was gingen mich deren Probleme an. Meine Uhr hatte seit etwa 10 Stunden begonnen von meiner 10 jährigen Haftstrafe herunter zu ticken. Dann kam er endlich. Der Arzt. Nein, nicht etwa der Notarzt. Wozu hatte man seine eigenen Polizeiärzte, der aber musste erstmal seinen Job im 30 Kilometer entfernten Neustadt am Rübenberge erledigen, bevor er zu uns nach Hannover kam. Der Arzt hatte noch nicht einmal die übliche Notfallarzttasche dabei, der löste lediglich meinen Verband am Bein, besah sich die frische Wunde, erklärte mich für hafttauglich. Jeder Laie hätte den Verband besser wieder anlegen können als es dieser Arzt anschließend wieder tat. Nach ein paar Stunden Schlaf auf der versifften Strohmatratze in der Gefängniszelle hätte ich mir aus dem gelösten Verband einen Strick drehen können. Gürtel, Schnürsenkel, alles, was zum Selbstmord tauglich war, wurde ja vorsorglich jedem Gefangenen abgenommen. Es ist ja statistisch bewiesen, dass die erste Haftnacht die selbstmord­gefährdeste ist. Wenige Stunden später, im richtigen Gefängnis, wo eine Zugangsuntersuchung Pflicht ist, schüttelten die Sanis dort nur den Kopf wegen meines notdürftigen Verbandes. Die drückenden Beweise, die die SOKO (dass eine SOKO eigens für mich installiert worden war, erfuhr ich erst jetzt!) gegen mich gesammelt hatte, machten es dem zuständigen Haftrichter leicht, sich für einen Haftbefehl zu entscheiden. Daran konnte auch der von Helga, die inzwischen schon wieder auf freiem Fuß war, alarmierte Rechtsanwalt nichts ändern.

Die vielfältigen Rückschläge, die ich in meinem bisherigen Leben bereits erlitten hatte, ließen es mich nicht ganz so tragisch nehmen, was mich nun erwartete. Es gibt im Leben nun mal keine Zeit, die man zurückdrehen könnte, einmal gemachte Fehler korrigieren kann man allenfalls in einem Diktat. Dass alles noch viel schlimmer kommen würde, daran dachte ich zu dieser Zeit überhaupt nicht. Einschließlich der noch offenen Bewährungsstrafe rechnete ich damit, die nächsten vier Jahre aus dem Verkehr gezogen zu werden. Im guten Amtsdeutsch begründet man eine Gefängnisstrafe mit dem Hinweis, dass durch die Inhaftierung die übrige Bevölkerung für eine Weile vor den Straf­tätern geschützt wird. Erst kürzlich hatte die Polizei ja wieder einen guten Fang gemacht. Sie konnte vermelden, dass der gefährliche Serienräuber Bruno Reckert wieder in das Netz des SEK gegangen war. Dass dies überhaupt möglich geworden war, lastete man meinem Mittäter Wolfgang Dietrich an. Das war auch der Grund, dass er nicht älter als 39 Jahre wurde. Sie erinnern sich? Am späten Abend des 20ten November waren wir von unserem erfolgreichen Beutezug aus Eisenhüttenstadt zurückgekehrt. Vorgesehen war aus Wolfgangs Sicht eine Feier mit seiner Verlobten. Aus seiner himmelhochjauchzenden Euphorie wurde ein Absturz der feinsten Sorte. In der Wohnung ange­kommen, bekam er statt eines Begrüßungsküsschen vor den Latz geknallt, dass Reni ihre Verlobung aufgelöst hätte, sich dafür seinen „Freund“ Bruno Reckert als neuen Verlobten auserkoren hatte. Nach wochenlanger Abwesenheit aus der JVA, einigen erfolgreichen Bank und Supermarktüber­fällen wurde Reckert ausgerechnet drei Tage nach seiner Verlobung mit dem Fräulein von K……aus seinem Versteck geholt.

Der Streit eskalierte schließlich.

Für „Paule“ war klar, dass Wolfgang der Tippgeber gewesen sein musste. In der Wohnung des adeligen Fräuleins, wo Wolfgang noch ein Bleiberecht hatte bis er etwas anderes gefunden hatte, kam es zwischen Paule und Wolfgang zum Streit. Eben wegen des Vorwurfs, der Verräter von Bruno gewesen zu sein. Der Streit eskalierte schließlich. Paule griff sich eine in der Ecke stehende Hantelstange und zog dem Wolfgang seinen Scheitel etwas nach. Das adelige Fräulein will angeblich von dem Streit nichts mitbekommen haben. Dabei spielte sich das Ganze nur knapp einen Meter vor der Schlafzimmertüre ab. Bei der Obduktion stellte man in der Pathologie auch noch Würgemale an dem Hals des Toten fest. Meine bescheidene Insidermeinung ist die, dass ich glaube, dass Reni Wolfgangs Krawatte etwas enger zog, nachdem er schon mal ganz friedlich und wehrlos auf dem Boden lag, und sie dem Wolfgang das Weiteratmen verweigerte. Paule wurde deswegen zu LL verurteilt. Reni dagegen zu nur 7 Jahren. Während die in meinen Augen jedenfalls eigentliche Schuldige keine 5 Jahre ihrer Strafe absaß, erblindete Paule im Knast. Meine letzte Information besagt, dass er bis vor drei Jahren immer noch als Blinder im Knast saß.

Und ich dachte immer das Verbrecher eingesperrt werden, um die Bevölkerung vor weiterem Unheil zu schützen. Quizfrage: Wen kann ein Blinder noch gefährden?

An dieser Stelle könnte ich ja eigentlich aufhören, über den Fortgang meines Lebensweges zu schreiben. Dafür könnte ich ein paar Hundert Seiten Gerichtsakten kopieren und dem geneigten Leser es selbst überlassen zu entscheiden, was Recht und Gesetz sind. Ich meine aber, dass ein jeder mal, vor allen Dingen diejenigen, die selbst noch nie vor Gericht gestanden haben, erfahren sollte, welche Fallstricke die Justiz zur Verfügung hat. Klar, vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Nur! Einige sind etwas gleicher!

Ich will dabei gar nicht auf Gerichtsurteile verweisen, wo die Großkopfeten aus Politik und Wirt­schaft nie eine Zelle von innen gesehen haben. Einen kleinen Zigarettenautomatenbetrüger kann man getrost ein paar Jahre gesiebte Luft verpassen. Das geht aber auf keinen Fall bei einem gewissen Grafen oder Milliardenbetrüger der Großindustrie. Die Einzigen wirklich „Prominenten“, die ich während meiner langjährigen Haftzeit kennengelernt habe, waren Männer aus der RAF, ebenso der IRA. Beide Gruppen, wovon ich einige persönlich kennenlernen und mich mit ihnen unterhalten konnte, stehen mir viel näher als die „unschuldigen“ Großabzocker. Die standen wenigstens zu ihren Taten und Ansichten. Bei mehrfachen Gesprächen mit einem gewissen Knut habe ich erst den von der Presse geprägten Ausdruck: Stockholm Syndrom[7] verstanden.

Hier darf ich noch einfügen, dass die beiden oben genannten Gruppen sich im Knast von den 15 übrigen, gemeinen Verbrechern distanzierten. Ich hatte es nur meinen Fremdsprachenkenntnissen zu verdanken, dass ich überhaupt von denen anerkannt wurde. Ohne mir teure Bücher kaufen zu müssen habe ich viel mehr von der irischen Geschichte erfahren, als ich hätte nachlesen können. Ebenso erging es mir bei dem Kontakt mit dem RAF Mann. Man möge mir meine wiederholten Abschweifungen vom eigentlichen Thema verzeihen. Doch zehnjähriges Eingesperrtsein, bedeutet noch lange nicht, dass alles spurlos an einem vorübergeht. Ereignisse finden überall statt. Ob ich nun als nackter „Wilder“ durch den Urwald husche oder mich im Großstadtdschungel bewege, so natürlich auch in einer Haftanstalt, wo es nur so von Menschen wimmelt. Menschen mit den verschiedenartigsten Charakteren. Allein das alltägliche Leben, aber insbesondere die herausra­genden Ereignisse während einer langjährigen Haftzeit, würden ein dickes Buch hergeben. So einige habe ich kennengelernt, die so gar nicht scharf darauf waren, was ihnen die Haftzeit so an Abwechslungen zu bieten hatte. Sie hängten sich einfach weg. Natürlich habe auch ich oft daran gedacht. Aber ich finde dazu gehört viel Mut. Den hatte ich nun mal nicht. Ich sitze also in U-Haft, warte darauf wie es weitergeht. In der Freistunde draußen auf dem Gefängnishof treffe ich auf Paule, erfahre die näheren Umstände, die zum Tode von Wolf­gang geführt haben und muss wieder mal innerlich über die Dummheit der Polizei grinsen, als ich von Paule erfahre wie der „Fast Perfekte Mord“ schließlich doch aufgeklärt wurde. Nicht die vielgepriesene Polizeiarbeit führte zum Erfolg. Eher würde ich dazu sagen, „Witz komm raus, du bist umzingelt.“ Natürlich stand davon kein Wort in der Zeitung, WIE der Mordfall aufgeklärt wurde. Es war wirklich der fast perfekte Mord, wäre den Bullen nicht Kommissar Zufall zu Hilfe gekommen. Oder besser noch Reni, die ich fortan nur noch „Dummfick“ nannte. Darf ich das hier näher ausführen? Ich tu es einfach, vielleicht lernen Sie ja dabei etwas über die Polizeiarbeit im Allgemeinen. Etwas weiter oben konnten Sie lesen, dass man den gefährlichen Verbrecher Bruno Reckert endlich wieder eingefangen hatte. Damit aber gab sich die Kripo nicht zufrieden. Sie wollte natürlich auch seine Mittäter dingfest machen. Alle ausgewerteten Spuren nach diversen Raubüber­fällen wiesen darauf hin, dass Bruno nicht alleine die Überfälle begangen hatte. Jetzt hieß es, die Verbrechensaufklärungsquote zu vervollständigen. Brunos Mittäter waren ja nicht weniger gefähr­lich. Außerdem hatte man bei Brunos Festnahme keine Beute noch die Tatwaffen gefunden. So observierte man schon etwas länger einen potentiellen Verdächtigen, der als Mittäter in Frage kam. Aus den Akten von Bruno Reckert, die in jedem Gefängnis fleißig vervollständigt werden, hatte das SEK recherchiert, mit wem der Bruno besonderen Kontakt im Gefängnisalltag gepflegt hatte. Weil auch deren Entlassungszeitpunkt ziemlich nahe beinander lag, hatte man ganz schnell auch den Paule in Verdacht, dem Bruno bei seiner Flucht geholfen, als ihm auch ein Versteck besorgt zu haben. Damit lagen sie gar nicht so falsch.

Fußnoten

[1] Lebenslänglich

[2] Gemeint ist Wolfgang

[3] [?] Laut Netzauskunft synonym für Gerichtsvollzieher https://www.mundmische.de/bedeutung/22878-Kuckuckskleber

[4] Photo aus dem Besitz von Dieter Schulz

[5] Gemeint ist das Kaliber der Schusswaffe

[6] Eine Freud’sche Fehlleistung? Gemeint ist fündig

[7] Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert. https://de.wikipedia.org/wiki/Stockholm-Syndrom

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 33 f

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

         die keine Kindheit war

Dreiunddreißigstes Kapitel

Ich war gezwungen, dem Staat weiterhin Konkurrenz zu machen

Natürlich wusste auch meine neue Lebensabschnittsgefährtin, was ich tat. Und, sie fuhr auch einige Male mit nach London. Mit ihren 49 Jahren war ihre weiteste Reise bisher zum Hamburger Fisch­markt gewesen. Durch mich lernte sie etwas von der großen weiten Welt kennen.

Schon drei Monate nach meiner Haftentlassung hatte ich meinen Sohn aus dem Heim geholt. Ursprünglich wollte ich ihn ja bis zum Ende des Schuljahres dort lassen. Aber das Zwischenzeugnis sagte aus, dass seine Versetzung stark gefährdet sei. Ich bemühte mich um eine Lehrerkonferenz, wo auch ich und mein Sohn anwesend sein konnten. Was ich dort über meinen Sohn so alles erfuhr; au Backe! Wenn mein Sohn schon sitzen bleiben sollte, so konnte er das genau so gut in der Schule in meiner Nähe. Bisher war er nur an den Wochenenden zu uns nach Hannover gekommen. Am 27. Januar, meinem Geburtstag, holte ich Sascha von dem Heim ab. Neben meinen Reisen hatte ich immer noch genügend Zeit, mich um meinen Sohn zu kümmern. Und siehe da, wir beide zusammen schafften dann letztendlich doch noch die Versetzung in die 8. Klasse. Ich war aber auch in ständiger Verbindung mit seinen Klassenlehrern, besuchte sogar gewisse Stunden in seiner Klasse. So wusste ich ständig, wo es bei meinem Sohn haperte. Im Gegensatz zum Heim hatte er bei uns sein eigenes Zimmer, welches ich ihm nach seinem Geschmack einrichtete. Er hatte seine eigene Musikanlage, Fernseher und auch einen PC 64. Damit er in seiner Freizeit nicht auf der Straße rumgammelte, sich irgendeiner Gang anschloss, finanzierte ich ihm auch die Mit­gliedschaft in einem Footballclub. Zweimal in der Woche Training, am Wochenende irgendwo ein Spiel, damit war er vollauf beschäftigt.

Auch der Rest der Wohnung bekam ein völlig neues Ambi­ente. Tapeten vom Feinsten, die modernsten Möbel nebst Fernseher, einschließlich Video. Der Polo, welcher sich nicht gerade als bequemes Reiseauto für solch lange Strecken entpuppt hatte, wurde gegen einen Passat ausgetauscht. Nicht nur meine Gefährtin war hoch verschuldet. Ihre Tochter und ihre beiden Söhne bedurften auch meiner Unterstützung. Ich konnte nicht Nein sagen, als der Jüngste, der gerade frisch verheiratet war und schon ein Baby da war, mich fragte, ob ich ihm nicht eine Waschma­schine auslegen könne. Er würde es mir in Raten zurückzahlen. Genauso wie dieser hat keiner aus der Familie mir jemals auch nur einen Pfennig zurückgezahlt. Als ich dann Ende 1990 für über 10 Jahre in den Knast abwanderte, bekam ich in all den Jahren noch nicht einmal eine einzige Postkarte. Undank ist der Weltenlohn.

Am dritten Tag glaubte ich ihm alles Nötige beige­bracht zu haben.

Vorerst aber einmal versuchte ich dem Ältesten die Schulden loszuwerden. Nachdem er mich mit seiner Mutter zusammen bekniet hatte, ihn doch auf so eine Englandreise mitzunehmen, ihm mein Handwerk beizubringen bat, konnte ich schlecht Nein sagen. Dabei hatte er noch nicht einmal einen Teil des Geldes zur Verfügung, was als Grundkapital notwendig gewesen wäre. Ich musste zunächst einmal alles finanzieren. Einschließlich den Kauf der englischen Münzen, die er als Start­kapital benötigte. Aus London zurückkehrend, wobei ich glaube, dass ich die Achslast des Passats bei weitem überschritt, soviel Münzen hatten wir geladen, machten wir schon in Dortmund halt. Wir mieteten uns in einer preiswerten Pension ein, und ich [zeigte ihm[1]] zwei Tage/Nächte lang, wie die Automaten funktionierten. Am dritten Tag dann glaubte ich ihm alles Nötige beige­bracht zu haben und wollte ihn alleine arbeiten lassen. In Hattingen teilten wir uns die Stadt auf. Er sollte links von der Hauptstraße sein Revier bearbeiten, ich rechts davon. Doch bevor wir uns trennten, wollten wir noch zusammen eine Limo trinken. Natürlich waren auch in dem Lokal zwei Geldspielautomaten vorhanden. Thomas wurde vom Jagdfieber oder sollte ich besser sagen von der Gier, gepackt. Ich, als Kenner dieses Metiers, hätte schon nach wenigen Versuchen aufgehört diesen Automaten Markstücke zu entlocken. Ohne die Münzen, wie ich es tat, vorher zu sortieren, warf er sie wahllos in den Schlitz. Der Automat nahm lediglich jede vierte, fünfte Münze an, den Rest kotzte er wieder aus. Die Geräusche, die dabei entstanden mussten ja den blödesten Wirt alarmieren. Das Geschepper, welches die herausfallenden Münzen verursachten, ging dem Wirt auf den Keks. Ich hatte Thomas auf dem Weg zur Toilette auch noch gewarnt. Er hörte einfach nicht auf mich. Ich ging zum Tisch zurück, wollte meine Sachen zur Hand nehmen, da passierte es. Der Wirt, ein Brecher von einem Kerl, hatte plötzlich das Handgelenk von Thomas in der Hand, als dieser gerade wieder eine Münze einwerfen wollte.

Die Bullen – auch nicht gerade profihaft

Die Bullen die uns wenig später getrennt auf zwei Autos verteilten und zum Revier brachten, wun­der­ten sich nur, dass uns nichts passiert sei. War der Wirt doch als ehemaliger Zuhälter dafür bekannt, dass er sonst nicht so zimperlich sei. Das lag vielleicht daran, dass er selbst aus dem Milieu kommend ein gewisses Verständnis für krumme Dinger hatte. Nur wollte er nicht, dass ausgerechnet er von seinem Verdienst etwas abgeben sollte. Thomas, bisher ein unbeschriebenes Blatt bei der Polizei, konnte schon nach kurzer Zeit, nachdem ein Protokoll gefertigt war, das Polizeigebäude wieder verlassen. Da er sich wenigstens an die Geschichte gehalten hatte, die ich ihm im Vorfeld für den Fall des Erwischtwerdens eingebläut hatte, deckten sich unsere Aussagen. Weil hier nun kein Verbrechen vorlag, wir beide einen festen Wohnsitz hatten, durfte ich dann auch bald gehen. Ich muss hier unbedingt erwähnen, dass sich die Bullen auch nicht gerade profihaft verhalten hatten. Nämlich als ich merkte, dass der Wirt die Polizei gerufen hatte, ließ ich schnell meinen Pensionszimmerschlüssel unter der Sitzbank verschwinden. Als ich bei der Polizei entlassen wurde, händigte man mir diesen Schlüssel aus. Obwohl ein kleines Schildchen mit einer (Zimmer)nummer daran hing, nahm man mir ab, dass dieser Schlüssel zu der Wohnung in Hannover gehörte. Wir waren mit dem Bus nach Hattingen gefahren. So hatten wir auch nicht all zu viele Münzen bei unserer Festnahme dabei. Kein Autoschlüssel, der uns hätte verraten können. Thomas glaubte wohl, dass der gesamte Münzschatz nun ihm gehören würde. Jedenfalls hatte er schon die Sachen gepackt und wollte sich mit meinem Auto und den Münzen davon machen. Obwohl er mit seinen 27 Jahren noch nicht einmal einen Führerschein hatte. Das Bargeld, in Form von Silbergeld, welches ich in den beiden Tagen zuvor erbeutet hatte, auch meine Zigaretten­ausbeute hatte er aber in seinem Gepäck verstaut. Ich weiß nicht, ob er wirklich so erfreut über mein Auftauchen war, wie er tat. Wir machten uns jedenfalls zunächst einmal auf den Weg nach Hannover, um die ganze Angelegenheit erstmal in Ruhe zu verdauen. In Hannover angekommen empfing uns seine Mutter ziemlich aufgeregt. Im Rahmen der Amtshilfe hatte die Hattinger Polizei die in Hannover eingeschaltet. Die Hannoverpolizei hatte dahingehend reagiert, dass sie sofort eine Hausdurchsuchung veranstaltet hatte, in der Hoffnung dort noch weitere Münzen zu finden. Mein Glück war, dass die Wohnung auf den Namen meiner Freundin lief. So brachte man mich erst gar nicht damit in Verbindung. Bei genauerer Überprüfung allerdings hätte man über den Namen Schulz stolpern müssen. Nachdem ich ein paar Tage hatte Gras über die Sache wachsen lassen, begann ich doch wieder, jetzt in Berlin, das Falschgeld in richtige DM zu verarbeiten. Thomas hatte die Nerven verloren. So blieb ich nur auf meine Auslagen sitzen, die ich ihm vorgeschossen hatte. Monate später standen wir beide dann in Hattingen vor Gericht. Thomas, weil er bis dato eine reine Weste hatte, wurde zu 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, durfte sich von der Anklagebank entfernen. Er galt danach noch immer als nicht vorbestraft. Mir dagegen brummte die Richterin 18 Monate ohne Bewährung auf. Inzwischen hatte sie ja aus der Aktenlage ersehen, dass ich zum einen noch eine Reststrafe zur Bewährung offen hatte, und zum anderen eben wegen der gleichen Tat schon auffällig geworden war. Wieder in Hannover eingetroffen unterrichtete ich sofort meinen Bewährungshelfer von dem Urteil. Ich fragte ihn, wann ich denn nun wieder im Knast antanzen müsse. „Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird!“ meinte dieser aber.

Zugegeben, ich war ganz schön übermütig geworden.

Bei der Berufungsverhandlung hatte ich einen sehr guten Anwalt. Die Wichtigkeit, dass meine Anwesenheit zur Erziehung meines Sohnes von großer Wichtigkeit wäre, das hätte ich ja bewiesen, indem er nach der Gefährdung es dann doch noch geschafft hätte, das Klassenziel zu erreichen. So wurde meine Bewährungszeit dann eben nochmal aufgestockt. Zugegeben, ich war ganz schön übermütig geworden. Den Warnschuss vor den Bug realisierte ich nicht so recht. Außerdem schwor ich mir, niemals wieder irgendjemanden in meine Geldverdienmasche einzuweihen. Ich wechselte lediglich jeden Monat mein Jagdrevier. Außer Berlin. Die Stadt war so groß und wie erwähnt mit Automaten und Kneipen gepflastert, dass ich die Tour mehrere Male machte.

Inzwischen wurde auch Deutschland wiedervereinigt. Sofort lud ich meine Schwester ein, uns in Hannover zu besuchen. Wir feierten Weihnachten 1989 zusammen und stießen gemeinsam auf das Jahr 1990 mit einem Gläschen Sekt an.

Ich gab mir alle Mühe, mich doch noch wieder im Berufsleben zu integrieren. Doch nun war der Zug für mich mit meinen 50 Jahren endgültig abgefahren. Die Ossis drängten mit aller Macht auf unseren Arbeitsmarkt. Von da an hatten die Gastronomen reichlich Auswahl an willfährigen und vor allem billigeren Arbeitskräften. Ich war also gezwungen dem Staat weiterhin Konkurrenz zu machen, indem ich die viel billigeren „Markstücke“ in Umlauf brachte.

So verein­barte ich dann mit dem Ex-Konsul …

In den großen Sommerferien hatte ich eigentlich für meinen Sohn geplant, dass er etwa vier Wochen in der Nähe von London verbringen sollte. Bei einer meiner Reisen dorthin war ich dem ehemaligen englischen Konsul aus Hannover begegnet, den ich lange Zeit als Gast betreut hatte. Meine Lebenserfahrung hatte mir die Erkenntnis gebracht, dass man besser durchs Leben kam, wenn man Fremdsprachen beherrschte. Und genau daran haperte es bei meinem Sohn. So verein­barte ich dann mit dem Ex-Konsul, dass mein Sohn die Ferien dazu nutzen sollte, direkt vor Ort ins Englische eingeführt werden sollte. Hatte der Konsul doch selbst zwei Söhne im Alter meines Sohnes. So hoffte ich, dass Sascha, würde er täglich von morgens bis abends mit der englischen Familie zusammen sein, seine Englischkenntnisse enorm verbessern könnte. Doch Sohnemann wehrte sich mit Händen und Füßen gegen mein Vorhaben, als ich ihm eröffnete, was ich mit ihm vorhatte. Er fuhr lieber mit mir und Helga in den Ferien in die Ex-DDR. Ich wollte zum einen die Kinder und Kindeskinder meiner Schwester kennenlernen, zum anderen all die Städte in Ost­deutsch­land besuchen, wo ich während meiner Heimkarriere herumgekommen war. Ich schrieb ja bereits zu Beginn, dass wir unter anderem auch in Dönschten, meinem letzten Heimaufenthalt, einen Abstecher machten. An dieser Rundreise beteiligte sich mein Sohn allerdings nicht. Er blieb lieber in Eisenhüttenstadt, wo er sich in ein süßes Mädchen verliebt hatte und somit einen besseren Zeitvertreib hatte.

Eines Abends war ein großer Teil des Familienclans meiner Schwester zusammen mit meiner Braut, meinem Sohn und mir zu einem Tanzvergnügen in Eisenhüttenstadt zusammen gekommen. Mein Sohn mit seinen noch nicht einmal 16 Jahren war noch nicht so sehr an Alkohol gewöhnt. Ein paar Wodka O-Saft und ich erfuhr endlich die Wahrheit darüber, warum er sich so sehr gegen den vierwöchigen Aufenthalt in England gesträubt hatte. War er doch einige Male in meiner Begleitung mit in London gewesen, hatte die englische Küche kennengelernt. Zwei-Drei Tage konnte man ja noch mit Kentucky Fried Chicken überbrücken. Aber vier Wochen an einem Stück?

Ein Nostalgiebesuch in der Ex-DDR – ergibt ein neues Projekt

Von Mitte Juli bis Mitte August bereiste ich einige Städte in der Ex-DDR, wo ich mich etwas länger aufgehalten hatte, wobei sich so mancher dicker Kloß in meinem Hals festsetzte, als ich den Zerfall erkennen musste, den der Zahn der Zeit bewirkt hatte. So waren zum Beispiel in der Straße in Leipzig, wo wir gewohnt hatten, viele Türen und Fenster in den Häusern mit Brettern vernagelt, weil die Häuser inzwischen unbewohnbar geworden waren. Der sozialistische Staat war nicht in der Lage gewesen, die Häuser zu renovieren. Für kilometerlange Betonmauern quer durch Deutschland hatte der Staat genügend Material, nur nicht für die Hausrenovierung. Ich fragte mich auch, wo nur die ganzen hochnäsigen VOPOS abgeblieben waren, die uns Westdeutschen beim Grenzüber­gang immer so von oben herabbehandelt hatten. Wenige Monate nach der Grenzöffnung schon standen mehr Autos aus dem ehemals dekadenten Westen auf der Straße als in einer Garage. Das lag wohl daran, dass die Garagen, eigentlich für den Trabi[2] konzipiert, für richtige Autos viel zu klein waren. Die Fahrbahnen der Autobahnen und Landstraßen dagegen waren ganz auf die hartbeingen Ostautos zugeschnitten. Elf Jahre später wünschte ich mir manchmal, wir in Westdeutschland hätten so schöne neue Straßen, wie denen von unserem Solizuschlag inzwischen gebaut worden waren. Zudem hatten viele Ossis noch den Vorteil, sich viel billiger den Tank zu füllen und gleich noch dem deutschen Staat die Zigarettensteuer vorzuenthalten. Die paar Prozent weniger Lohn, die sie bekamen und sich furchtbar darüber aufregten, holten sie sich in grenznahen Gebieten doppelt und dreifach wieder raus. Wenn ich mir so den Leipziger Hauptbahnhof, die Mädlerpassage und und und …. anschaue, kaum noch ein Wiedererkennungswert aus meiner dort verbrachten Kinderzeit. Bei euch Ossis fällt mir immer wieder die Fabel von dem Fuchs ein, der nicht an die Weintrauben kommen konnte und dann so tat als würde er sich gar nicht dafür interessieren, nachdem er von einem Vogel deswegen verspottet wurde.[3] Neidvoll habt ihr im West­fernsehen sehen müssen, wie gut es uns doch ging. Ihr habt aber dann doch auf Parteiver­sammlungen den kapitalistischen Westen als Kriegstreiber verdammt. Und dann ging es euch gar nicht schnell genug, Anschluss an deren Lebensstil zu bekommen, nachdem sich die Helden von Leipzig immer wieder mutig gezeigt hatten und die Wende ins Rollen brachten. Bei meiner letzten Verurteilung zu sieben Jahren Gefängnis begründete der Staatsanwalt die hohe Strafe damit, dass es nicht angehen könnte, dass jetzt, kaum nach der Wende, westdeutsche Gangster den Osten aus­rauben würden. Ja, wer war es denn, der, kaum waren die Grenzen offen, den Osten ausraubte? Die westdeutschen Vertreter waren es, die wie die Heuschrecken im Osten ausschwärmten, den Unwissenden alle möglichen Verträge aufschwatzten, so manchen Ossi in die Schuldenfalle lockten. Aber vor allen Dingen waren es die Banken, die sich flächendeckend breit machten. Kundenfang war ihre Devise. Allenthalben wurden Container oder Busse auf freien Plätzen platziert, um neue Kunden zu werben. Lieber Herr Staatsanwalt! Nicht die armen Ossis haben wir ausgeraubt! Es war eine westdeutsche, genauer gesagt, es war die Dresdner Bank! Die einzige Gemeinsamkeit, die die Bank mit dem Namen Dresden verband, war der Name. Ansonsten eine der größten Banken aus dem Westen, die sich in Eisenhüttenstadt, wie in vielen anderen Oststäd­ten ganz schnell etabliert hatte. Immerhin gab es im Osten Deutschlands an die 17 Millionen potentielle Kunden, die es zu melken galt. Ich werde Ihnen im Laufe der Zeit noch einige Merk­würdigkeiten über diese Bank im Speziellen zu berichten haben.

Ich weiß, ich bin etwas vom Thema abgewichen. Aber man wird ja wohl noch seine Meinung zu verschiedenen Dingen äußern können oder? Ansichten oder Einsichten müssen aber nicht unbedingt objektiv sein. Na gut, ich zeigte nach meiner letzten Verurteilung nicht unbedingt die nötige Einsicht. Ich will mich ja auch gar nicht darüber beschweren, dass ich im Knast gelandet bin. Wieder einmal! Was sagte meine Mutter immer wieder? Wer nicht hören will muss fühlen!

Also, die vier Wochen Urlaub bei/mit meiner Schwester waren nicht nur erholsam, wie ich geschildert habe. Meine Kindheit hatte mich wieder eingeholt. Dafür dass mir russische Soldaten nach dem Kriegsende in Königsberg zum Teil das Überleben ermöglicht hatten, mir allerdings eher deren vorgesetzte Offiziere wegen ihres viel höheren Solds auch später noch in Leipzig so manche Mark in die Tasche gespült hatten, konnte ich mich während des Urlaubs revanchieren. In der Stadtmitte von Frankfurt/Oder hatte sich ein Markt etabliert. Nicht nur dass die langsam pleitegehenden landwirtschaftlichen Produktionsgenos­senschaften schon begannen ihre Produkte selbst an den Mann zu bringen, mischten sich auch viele fliegende Händler aus dem Westen unter die Einheimischen. So stand da unter anderem ein Lastwagen, voll gepackt mit Kartons …

 

Vierunddreißigstes Kapitel

Nie wieder London – das Ende eines schönen Geschäfts

… voll gepackt mit Kartons … Billigen Elektroplunder, wie z.B. Kofferradios, priesen sie den noch Ahnungslosen an. Und es wurde gekauft! Unter der kaufwilligen Menschenmenge sah ich zwei Uniformen, die ich nur zu gut kannte. Es waren Soldaten der ruhmreichen Sowjetarmee. Ich begab mich in ihre Nähe, weil ich mal wieder vertraute russische Worte hören wollte. Kannte ich das nicht aus meiner armen Kindheit? Etwas zu begehren, sich aber nicht leisten zu können? Hatte ich mir nicht so sehr ein Fahrrad gewünscht, was mir meine Mutter aber von ihrem Verdienst niemals hätte kaufen können?

Hier nun bekam ich mit, dass die beiden Soldaten, selbst wenn sie ihr Geld zusammen­legten, sich kein begehrtes Kofferradio leisten konnten. Bei dem Verhandlungsversuch mit dem Verkäufer ging dieser nicht die acht fehlenden Mark herunter. Jetzt schlug die Stunde meiner Wiedergutmachung. Ich reichte dem Verkäufer die von ihm verlangte Summe hin, ließ mir das Kofferradio von der Ladefläche herunterreichen. Mich machten die paar Mark nicht arm. Stand doch das Porträt der englischen Königin auf den 5-Pence Münzen für weiteren Nachschub. Dachte ich zu dem Zeitpunkt noch! Ich hatte lediglich Angst, dass mir mangels Übung die richtigen Worte in Russisch nicht einfallen konnten, als ich den Soldaten das Gerät überreichte. Ich kann nicht sagen, was die beiden jungen Männer in Uniform mehr überraschte. Mein gutes Russisch oder aber die Tatsache, dass da ein wildfremder Deutscher ihnen ein Kofferradio schenken wollte. Doch bevor sie zugriffen, mein Geschenk annahmen, wollten sie einige Fragen beantwortet haben. Ich dachte gar nicht daran inmitten der gaffenden Menge Rede und Antwort zu stehen. Zumal anzuneh­men war, dass einige von der Schule her alles verstehen konnten. Deshalb lud ich sie, nein, nicht zum Kaffee, sondern auf einen Wodka ein. In einem nahen Café erzählte ich ihnen meine Geschichte was Kaliningrad/Königsberg betraf. Stellvertretend für ihre Landsleute, die uns in Königsberg geholfen hatten, wo unter Umständen vielleicht sogar einer ihrer Väter oder andere Verwandte gewesen seien, wollte ich etwas davon zurück­geben. Ich hoffe nur, dass ich den beiden keine Schwierigkeiten bereitet habe. Denn als wir uns später verabschiedeten, waren die beiden nicht mehr ganz alleine. Bei einem Wodka war es nämlich nicht geblieben. Ich jedenfalls sah danach alles doppelt. Aber ich bin ja auch kein trinkfester Russe.

Hätte ich damals schon geahnt zu welchem Vorteil sich die Ex DDR herausputzen würde, wäre ich wohl mit weniger gemischten Gefühlen wieder zurück nach Hannover gefahren. In den knapp zwei Jahren hatte ich aus der „Sperrmüllwohnung“ von Helga eine Luxuswohnung gemacht. Der Passat lief auf ihren Namen. Man konnte ja nie wissen. Als Arbeitslosenhilfeempfänger konnte ich mir solch ein Auto jedenfalls nicht leisten. Auch ihr Schuldenkonto war fast getilgt. Mein Sohn bekam mit seinen 14-15 Jahren schon 120 Mark Taschengeld im Monat, ein Sparbuch, wo ich monatlich etwas extra einzahlte, damit er zu seinem 16ten Geburtstag ein Moped vor die Türe stehen hatte. Ich hatte auch einen Verein gegründet, der ganz ordentlich beim Gericht als EV geführt wurde. Doch als ich aus dem Urlaub zurück kam, hatte mein Partner das Türschloss ausgewechselt und aus dem Büro einen Pornoschuppen gemacht. Obwohl ich das Ganze finanziert hatte. Mein erster Geschäftspartner der sich mir gegenüber als Betrüger entpuppte. Er war eine Bekannt­schaft aus der letzten gemeinsam verbrachten Knastzeit. Ich wußte damals allerdings nicht, dass er wegen Betruges saß. Nach der Entlassung trafen wir uns zufällig wieder. Er hatte eine Geschäftsidee, ich das nötige Kleingeld. Das verlorene Geld konnte ich ja noch verkraften, aber nicht die Tatsache einem Betrüger aufgesessen zu sein. Ich hatte einem Leidensgenossen aus dem Knast ermöglicht wieder auf die Beine zu kommen. Dass er mich trickreich ausgebootet hatte, verzieh ich ihm natürlich nicht. Obwohl ich oft gesagt hatte, ich gönne meinem Feind nicht die Erfahrung, Jahre seines Lebens im Knast zu verbringen, ergab sich dann die Möglichkeit ganz von selbst, dass ich ihm eine Kochlehre im gleichen Gefängnis verschaffte, wo wir uns kennengelernt hatten. Er fragt sich rück­blickend noch heute, wie er an die drei Jahre Knast gekommen ist. Dabei half es ihm auch nicht, dass er inzwischen eine Schwarze aus Ghana geheiratet hatte und deren Namen Nguwo angenommen hatte. Ganz im Gegenteil! Das sprach vor Gericht eher gegen ihn, nachdem ich meine Aussage vor Gericht gemacht hatte. Aber der Reihe nach!

Wir kommen also zurück aus der Ex DDR, ich erhole mich von den Eindrücken, die ich dort gesammelt habe und bereite meine nächste Reise nach London vor. Helga nimmt sich ihren monatlichen Haushaltstag und einen zusätzlichen Urlaubstag. Wir machen uns auf den Weg nach London. Mein Bargeldbestand war auf knappe 6000 Mark zusammen­geschrumpft. Als „reicher“ Wessi hatte ich während der vier Wochen im Osten natürlich nicht auf den Pfennig geguckt. Ich erinnere mich, dass meine Schwester ziemlich entsetzt die Speisekarte beiseite legte, als sie einen Blick hineingeworfen hatte. Wir waren in Dresden, hatten uns den Zwinger ansehen wollen, den ich in der Kindheit nur von außen bewundern durfte, 1990 aber auch nicht richtig besuchen konnte, weil dort allenthalben alles renoviert wurde. Meine Schwester nörgelte, dass sie Hunger hätte und es wegen ihrer Zuckerkrankheit an der Zeit wäre, etwas zu essen. Wir gingen also in das nächstgelegene Restaurant. Das Restaurant gehörte zur Semperoper. Das Restaurant war sehr gediegen. Die Preise aber auch. Meine Schwester als normale Arbeiterin war die Ostpreise gewohnt. Beim Anblick der Preise im besagten Restaurant verging ihr aber der Appetit. Es bedurfte schon einiger Überredungskunst sie dann doch noch zu bewegen etwas für ihre Gesundheit zu tun.

Ade London. Du wirst mich nie wieder sehen

Mit Helga fahre ich also nach Zeebrügge, um dort die Fähre nach Dover zu nehmen. Sofern man Glück hatte, konnte man auf dem Schiff eine Schlafkabine buchen. Das bedeutete, dass wir noch gut drei Stunden schlafen konnten bevor wir England erreichten. Kurz nach Verlassen des Hafens wurden die Bars, die Restaurants und der Duty Free Shop geöffnet. Wie immer ging ich an eine Bar, um mir meinen Schlaftrunk zu genehmigen. Ein Pint Guinness und ein Malt Whisky. Machte zusammen 95 Pence. Auf mein Poundstück bekam ich deshalb schon immer eine Mark, Entschuldigung, ein 5-Pence Stück als Wechselgeld zurück. So auch diesmal wieder. „Oh, what is that?“, fragte ich erstaunt den Barkeeper. „That ist the new 5-Pence Piece!“ bekam ich zur Antwort. Einwandfrei. Die Zahl wies aus, dass es 5 Pence waren. Doch eher so groß wie unsere Pfennigstücke und nicht zu vergleichen mit einem Markstück. Ach so. England war anscheinend dabei, seine noch nicht einmal Herstellungskosten deckenden 5-Pence Münzen aus dem Verkehr zu ziehen. Dachte ich!

Allerdings kratzte das schon an meinen Nerven. Ich schickte Helga in das Selbstbedie­nungs­restaurant. Sie sollte dort etwas holen wo 5 Pence am Ende herauskommen musste und sie somit einen 5er zurückbekommen müsste. Auch sie brachte so eine mickrige Münze zurück, wie ich sie schon an der Bar erhalten hatte. Den dritten Versuch startete ich im Duty Free Shop. Aber auch dort gab es nichts anderes als eine Light Version der 5-Pence Münzen. Na gut, dann wird sich die Fähre schon ausschließlich mit den neuen Münzen eingedeckt haben. Noch war ich nicht wirklich beunruhigt. Ich vermied es schon nach meiner ersten Autoreise in Holland zu tanken, weil der Sprit doch um einiges teurer als in Deutschland, auch wie in England war. Vor der Autobahnauffahrt nach London pflegte ich jedesmal zu tanken. Ich achtete peinlich genau darauf, dass die Uhr bei 19,95 stehen blieb, zahlte mit einem 20 Pfund Schein. Heraus bekam ich für mich völlig wertlose 5 Pence. Jetzt begann ich aber doch nachdenklich zu werden. Es konnte doch aber nicht sein, dass sämtliche alten 5-Pence Münzen mit einem Schlag aus dem Verkehr gezogen worden waren. Über 100 Kilometer noch bis nach London. Bei meinen vorherigen Reisen hatte ich mir nie die Mühe gemacht schon in den Vorstädten von London anzuhalten, um das Geld zu wechseln. Diesmal jedoch wollte ich mir das Verkehrsgewühl in der Londoner City als Festlandeuropäer ersparen, falls das eintraf, was ich befürchtete. Und richtig! Nachdem ich auch beim Besuch der ersten drei Banken immer wieder diese reduzierten Geldstücke ausgehändigt bekam, gab ich es auf. In der vierten Bank tauschte ich das Ganze wieder in Scheine ein und trat die Rückreise an. Ade London. Du wirst mich nie wieder sehen. Sämtliche Sehenswürdigkeiten, die London zu bieten hatte, hatte ich bei meinen vielen Reisen besucht.

Im Sommer 1986 war ich gerade auf dem Weg von meiner Pension zu dem Café an der Viktoria Station, um mir ein genießbares Frühstück zu gönnen, da war dorthin kaum noch ein Durchkom­men. Eine riesige Menschenmenge verstopfte den Weg. In Paradeuniformen saßen Reiter auf ihren herausgeputzten Pferden, sperrten den Bahnhof ab. Ich fragte einen Bobby nach dem Grund dieser Parade. An meinem Dialekt hatte er sofort gemerkt, dass ich Deutscher sein müsse. Deshalb fragte er mich ganz erstaunt: „Wie? Das wissen Sie nicht? Heute kommt doch zum ersten Mal Ihr Bun­despräsident unsere Queen besuchen.“ So reihte ich mich also in die wartenden Gaffer ein und wartete geduldig auf dieses Ereignis. Etwas mulmig war mir dabei allerdings schon. Was, wenn einer der vielen Scharfschützen, die überall verteilt Fenster und Dächer bevölkerten, einen nervösen Finger hatte, während ich mir eine Zigarette ansteckte? Mein Verlangen nach einer heißen Tasse Kaffee wurde einer Geduldsprobe unterzogen. Viel später als es im Programm stand ging es dann aber doch los. Zur Belohnung für mein Ausharren bekam ich dann die komplette Königsfamilie, nebst unserem Bundespräsidenten von Weizsäcker aus höchstens sechs Metern Entfernung zu sehen. Das Wetter spielte mit. In offenen Kaleschen von Pferden gezogen war jedes Familien­mitglied für mich ganz deutlich zu erkennen. So kann ich mich glücklich schätzen, Lady Di aus nächster Nähe leibhaftig gesehen zu haben.

Nun war Schluss mit lustig und dem lukrativen Nebeneinkommen.

Bei meiner letzten Rückfahrt von London nach Hannover jedoch war ich so gar nicht glücklich. War doch nun Schluss mit lustig und dem lukrativen Nebeneinkommen. Während der Überfahrt schon zermarterte ich mein bisschen Hirn nach einem Neuanfang. Ich dachte an Schweden. Da es in Deutschland noch keine Zigarettenautomaten gab, die 5-Markstücke schluckten, mir aber nur Geldspielautomaten hätten etwas einbringen können, verwarf ich diese Möglichkeit schnell wieder. Die Spielhallen hatten zuviel Aufsichtspersonal und dazu zum großen Teil auch schon Video­über­wachung. Viel zu gefährlich für meinen Geschmack. Ich hatte auch schon von einer vertrauens­seligen Spielhallenaufsicht gehört, dass es welche gab, die Zweimarkstücke an einer superdünnen Angelschnur befestigten, den genauen Punkt ausgetüftelt hatten, wo sie einen Knoten reinmachen mussten, so dass der Kontakt ausgelöst wurde, der die Guthabenleiste hochzählte. Diese Tatsache war natürlich sehr intern und geheim, weil man Nachahmungstäter fürchtete, bekam die Presse erstmal Wind davon. Ebenso hielt man meine 5-Pence Stücke schön unter der Decke. Eine einzige Spielhallenangestellte hatte mal die Polizei gerufen, als ich bei ihr in Verdacht geriet, mit falschen Münzen zu operieren. Doch da hatte sie ganz schön ins Fettnäpfchen getreten. Sie wurde von ihrem Chef gefeuert. Ich wurde zwar nicht erwischt, gab aber vorsichtshalber bei der polizeilichen Vernehmung die Spielhalle an, wo ich in Verdacht geraten war. Dazu meinte allerdings der Richter: Diesen Fall wolle er erst gar nicht zum Gegenstand der Verhandlung machen, weil ihm die Geld­spielautomaten suspekt seien. Im Gegensatz zu den Zigaretten, die die Gesundheit der Raucher schädigten, hätten Geldspielautomaten schon so manchen Menschen in die Schuldenfalle gelockt, was eine neue Kriminalität zur Folge hätte. Die ÜSTRA hatte am schnellsten reagiert. Ihre Auto­maten kostenaufwendig mit neuen Münzprüfern ausgestattet. Danach kam auch gleich die Bundespost. Die Briefmarkenautomaten mochten dann auch schon bald keine 5-Pence Münzen mehr annehmen. Und die meist daneben angebrachten Wechselautomaten ebenso. Dann wurde es auch immer schwieriger, die Telefonzellen damit zu überlisten. Also hatte auch die Post ihre Hausaufgaben gemacht. Es kam noch hinzu, dass die Geldspielautomaten mit immer mehr Raffinesse ausgestattet wurden. So kam es immer häufiger vor, dass die Automaten zunächst zwar noch das Geld wechselten, dann aber plötzlich tauchte auf dem Display das Wort FOULT auf oder es ging sogar eine Sirene los. Andere wieder hatten eine rote Lampe auf dem Automaten ange­bracht, die mit lautem Getöse wie ein Feuerwehrwagen blinkend anzeigte, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Also nein, den Stress mit nur einer Möglichkeit die 5-Oere Stücke aus Schweden in DM zu verwandeln wollte ich mir nicht antun. Dass ich nicht gerade sehr gesprächig war während der Rückfahrt kann sich wohl jeder denken, der schon mal mit seinen Gedanken beschäftigt war.

Wer sagt denn, dass ein Knastaufenthalt nicht manchmal auch zu etwas Nütze sein kann. Allerdings nur bedingt! Man kann während so einem Aufenthalt so einiges lernen. Wenn man nur die Ohren aufhielt. Was man dort lernen konnte, ging allerdings nicht immer konform mit den Wertvorstel­lungen unserer Gesellschaft. Aber die Gesellschaft schrie doch geradezu nach noch mehr Gefäng­nissen und längeren Strafen. In diesem Zusammenhang taucht bei mir die Frage auf, wohin mit all den Gefangenen? Laut Statistik werden jedes Jahr etwa fünfeinhalb Millionen Straftaten begangen. 55% davon werden aufgeklärt! Dabei werde ich aber stutzig. Stutzig deswegen, weil wir in ganz Deutschland gerade mal so um die 75 Tausend Haftplätze zur Verfügung haben. Bedenkt man dabei noch, dass ein zu lebenslang Verurteilter seinen Haftplatz so um die zwanzig Jahre lang blockiert und viele andere, so wie ich z.B. eine Zelle für 10 Jahre in Anspruch nehmen, dann sollte man doch wirklich darüber nachdenken, was solch eine Statistik für einen Wert hat. Die JVA Celle in Niedersachsen kann ca. 250 Gefangenen Platz bieten. Dafür kommen dort auch nur Schwer- und Schwerstverbrecher unter, die mehr als acht Jahre vor der Brust haben. Der überwiegende Teil allerdings davon ist zu LL verdonnert. Mordfälle werden ja angeblich zu über 90% aufgeklärt. Wo bloß sitzen all die Mörder ihre Strafen ab? Liest man nicht täglich in der Zeitung von einem neuen Mordfall? Bevor ich mich aber nun weiter darüber auslasse, um ein paar Ungereimtheiten aufzuklären, die man uns weiß zu machen versucht, will ich lieber mit meinem Un-Leben fortfahren.

Unser Fährschiff hatte inzwischen in Oostende angelegt, da begann ein neuer Plan in mir zu reifen. Sagte ich nicht, dass ich im Knast etwas dazu gelernt hatte? Zwar hatte ich nie genau hingehört, wenn über gewisse Themen gesprochen wurde, hatte ich doch meine eigene Masche mir ein Zubrot zu verdienen, so wünschte ich mir jetzt bei meinen Überlegungen ich hätte besser zugehört.

Das relativ kleine Belgien war schnell durchquert, wir näherten uns der Holländischen Grenze.

Fußnoten

[1] Ergänzung: Dierk Schäfer

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Trabant_(Pkw)

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Fuchs_und_die_Trauben + http://www.zeno.org/Literatur/M/La+Fontaine,+Jean+de/Versfabeln/Fabeln/Der+Fuchs+und+die+Trauben

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Betroffene, die sich freigeschwommen haben, reden Klartext, ohne Schaum vorm Mund.