Dierk Schaefers Blog

Bis hierher und nicht weiter – ich mag nicht mehr. Rezension eines nur halb gelesenen Buches: Marko Martin, Die Nacht von Salvador

Posted in Kunst, Psychologie by dierkschaefer on 17. Februar 2015

Auf Seite 244 bin ich angekommen, 498 Seiten hat das Buch, dazu eine nicht gezählte Seite, die eine Art Epilog sein soll.

Marko Martin, Die Nacht von Salvador, Ein Fahrtenbuch.

„Die Andere Bibliothek“ hat das Buch verlegt, exquisit editiert, wie in dieser Edition üblich. Das verzweigte Wegenetz des Fahrtenbuchs überzieht Buchrücken und Cover des feinen roten Leineneinbands. Die erste bedruckte Seite zählt in freier Anlehnung an die Wegkarte über die Seite verteilt neun Stationen auf, von Danzig im Norden bis nach Kapstadt im Süden. Der grüne Rand auf der Außenkante soll uns wie auch die fett-grünen Seitenzahlen das ganze Buch hindurch begleiten. Von außen gesehen hat die Längsschnittseite eine eher schmutzig-graue Anmutung.

Blättern wir um, so sehen wir über beide Seiten verteilt 19 Zielpunkte, eine Strecke weist nach oben über den Rand hinaus – wohin mag sie den Leser führen? Neugierig blättern wir weiter. Die nächste Doppelseite überrascht: Rechts der Buchtitel auf grünem Papier in schwarzer Schrift, nur die „Nacht von Salvador“ sticht weiß hervor, links ist die Seite gespiegelt auf weißem Papier, aus schwarz ist grün geworden, aus weiß nun schwarz. Das Signum der Buchreihe, ein von rechts kommender Komet, darunter der Name der Reihe mit dem Hinweis „Begründet von Hans Magnus Enzensberger“ ist auf beiden Seiten sehr kleingehalten zu sehen, links natürlich spiegelverkehrt.

Wir blättern weiter und bemerken, wie angenehm glatt und dennoch griffig das ausgesuchte Papier des Buches ist, weit entfernt vom billigen groben Papier anderer Anbieter. Die Bücher dieser Reihe wollen seit Enzensberger und Franz Greno auch wegen der exquisiten Ästhetik ihrer Hardware gekauft werden – und die hat ihren Preis.

Doch nun zur „Software“. Links eine Widmung „Für H., ohne den es dieses Buch nicht gäbe.“ Nun ja, H. wird’s gefreut haben. Weiter: Rechts drei Zitate. Das mittlere sei hier hervorge­hoben: „Sie fragen, welchen Plan ich habe? Gar keinen. Ich gehe der Linie der Spannungen nach, verstehen Sie. Ich gehe der Linie der Erregung nach.“: Witold Gombrowicz, Pornographie.

Das Inhaltsverzeichnis auf der nächsten rechten Seite zählt im Fließtext und Flattersatz mit fett-grün gedruckten Seitenangaben auf, was den Leser erwartet, doch das bleibt eher kryptisch.

„Ein Geständnis“, beginnend auf der ersten Seite des Textes. Es ist eines, wird aber gleich wieder infrage gestellt: „Vielleicht ist es ja auch nur ein ausgelegter Köder, diese Sache mit der Religion in ostdeutscher Provinz, eine zu offensichtliche Spur … Aber was geschieht, wenn du mit acht oder zehn Jahren zum ersten Mal Worte hörst wie: Sünde, Unzucht, weltliche Triebhaftigkeit und Ausschweifung, oder, wenn die Reihe der Vorlesenden an dich kommt, du Abschnitte und Sätze vorträgst, in denen vor Onanie, Trunksucht, Drogenmiss­brauch, Homosexualität und Teenager-Schwangerschaften gewarnt wird?“ Er sei kein Psychologe, schreibt der Erzähler und zeigt doch nur, dass es psychologisch interessant ist, wie ein aus einer „Familie gläubiger Bibelchristen“ kommendes und in den geistig engen Konventikeln der Zeugen Jehovas, unter den Augen der „kontrollwütigen Staatssicherheit“ sozialisiertes Kind zu einem homosexuellen, weltläufigen und extrem belesenen jungen Mann herangereift ist. Das ist schon wert, ein ganzes Buch zu füllen. Aber solche Überlegungen sind seine Sache nicht. Der Erzähler lebt lieber.

 

Man muß schon sehr gut schreiben können, sagte ich zu meiner Frau, nach dem titelgebenden ersten Kapitel, der Nacht von Salvador. „Man liest, ohne zu ermüden, über rund 55 Seiten hinweg den Monolog einer alten Frau.“ Sie hat zwar einen Zuhörer, doch dessen Bedeutung und Reaktionen werden im Monolog nur unterstellt und nie bestätigt. Sie berichtet so etwa im Stil der Molly von James Joyce von ihrem rite de passage: Mit 15, als Quinceañera werden, so erzählt die Alte, in Salvador die jungen Mädchen gesellschaftsfähig, mannbar hätte man früher gesagt. Dazu feiert man ein Familienfest, bei dem die jungen Mädchen aber nur eine Nebenrolle spielen. Im Rückblick der alten Dame ist es nicht sonderlich erstrebenswert, in diese Gesellschaft der mafiösen Kaffeebarone eingeführt zu werden. Aber es ist lesenswert, wie sie aus einer nicht definierten Zukunft in gelebter Distanz, von Cap Ferrat in Südfrankreich aus, ihre Familie und die uns noch gar nicht so weit entfernten Zeitläufe beschreibt. Yves, ihr Mann, habe sie schon früh dort herausgeholt und sie gibt sich glücklich und zufrieden mit ihrer Lebensgeschichte. Nie wieder habe sie nach Salvador zurückgewollt, jede Beziehung zu dort abgebrochen. Doch waren es nur diese Gesellschaft und ihr übergriffiger Vater?

Wie weit diese Übergriffe gingen, erfahren wir nicht. Dafür etwas anderes. Ihr liebster Cousin, Marcos, hmm, der Autor nennt sich Marko, Marcos also verschwindet auf ihrem Fest mit einem unbekannten Gringo in einem der Zimmer im ersten Stock und sie erlebt am Schlüsselloch das exstatische Zusammensein der beiden Männer. Fein verteilt über die ganze Erzählung der Dame taucht dieses Erlebnis immer wieder auf, ohne Bewertung, durchzogen von der faszinierten Neugier der damals 15jährigen – und der Enttäuschung. Marcos war ihr der liebste Cousin. –  Großartig geschrieben diese hin und her changierenden Erinnerungen mit den distanzierenden Einwürfen, der Zuhörer wolle sie nur aushorchen für andere Zwecke.

Dieser Auftakt lohnt das ganze Buch.

Ich las weiter und sagte zu meiner Frau: „Das Buch ist durch und durch schwul, man könnte es dem Frieder schenken.“ Frieder ist ein alter Bekannter unserer Familie. Er ist schwul und redet in einer auch heute noch nicht selbstverständlichen Nüchternheit und Offenheit über Sexuelles. Zuweilen sehe ich ihn an der Kasse der Tankstelle, wo er ganz fröhlich für seine ehemals extravagante Lebensführung hinzuverdient, doch das ist eine andere Geschichte. „Wieso schwul?“, fragte meine Frau, sie hatte mir das Buch geschenkt. „Du hast mir doch von dem Monolog der alten Dame erzählt.“ – „Ja“, sage ich, „aber ihr Schlüsselerlebnis war ein schwules, und nun ist das Buch nur noch schwul.“ – „Davon war aber in der Rezension nichts zu lesen.“ – „Rezensionen können in die Irre führen.“

Dies ist eine Rezension. „Nur noch schwul“ führt in die Irre. Der Erzähler ist viel herumge­kommen und vielbelesen. Zunächst ist es auch interessant, ihn in die Hamams von Damaskus zu begleiten und dabei auch das Ausmaß der Bespitzelung der Assad’schen Geheimdienste kennenzu­ler­nen. Sicher, dem aufmerksamen Zeitungsleser war es auch vor den aktuellen Syrienkriegen nicht entgangen, wie durchspitzelt Damaskus war, doch hier gewinnt das Wissen eine Erleb­nis­dimension.

Doch die Fahrt geht weiter. Der Sprung nach Südamerika ist dann schon anspruchsvoller. Fitzcarraldo, was war das noch mal? Ja, das Schiff, das über den Berg geschleppt wird. Ja, Werner … ? Oh, mein Namensgedächtnis! Stimmt, Herzog. Werner Herzog hat den Film gedreht und er war offensichtlich auch in Iquitos. Iquitos? Nie gehört, Managua ja, auch Caruso. Aber Iquitos müßte ich nachschlagen. Da soll ein Haus aus Eisen stehen von Eiffel in Paris gebaut, zerlegt und dort wieder aufgebaut. Auch Klaus Kinski soll dort gewesen sein – in seiner unnachahmlichen Art. Ja, mit Herzog.

Doch diese vermeintlichen Highlights tauchen auf zwischen den ausführlichen Erinnerungen an Besuche in Schwulenclubs. Die Fahrten dorthin dominieren in diesem „Fahrtenbuch“ und die immer gleichen Verschlingungen von Zungen und Gliedern, vorgetragen in ebenso verschlungenen Monologen/Dialogen. Was im Eingangskapitel gut war, wird nun zur monotonen Methode. – Aus! Schluß jetzt. Die Hälfte des Buches reicht.

 

Schlussreflektion: Das Buch ist kein Porno, dazu ist es literarisch, auch in seinen kunstvollen politischen wie historischen Anspielungen zu anspruchsvoll. Warum ermüdet es mich? Gut, die schwule Welt ist nicht die meine. Aber Teleny von Oscar Wilde ist auch ein schwules Buch und hat mich nicht gelangweilt. Es mag an der Struktur dieses Fahrtenbuches liegen. Eine Reiserückerinnerung inform fiktiver Gesprächs- und Gedankenfetzen fetzt nicht. Es bleibt der Eindruck eines Anti-Lebens, eines ausschweifenden – das ist nicht moralisch gemeint – eines in die Welt und in eine Erlebniswelt ausschweifenden Lebens aus der Enge provinzieller religiöser und politischer Duckmäuserei. Der Erzähler dokumentiert gelassen-trotzig seinen Protest gegen seine Herkunft. Soll er es doch tun und sein Leben genießen. Was kümmert es den Leser?

Doch der Erzähler gleicht der alten Dame aus Salvador. Die ist auch auf Distanz gegangen und der Leser fragt sich, ob sie von ihrem Glück in Cap Ferrat wirklich so voll überzeugt ist.

 

Dies alles unter Vorbehalt. Ich habe nur die erste Hälfte gelesen.

 

Das Buch werden wir dann wohl doch dem Frieder schenken.

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