Dierk Schaefers Blog

Schweigen sieht nach Vertuschung aus.

Die hannoversche Landeskirche scheint sich am Papst zu orientieren. „Es sei besser, zu diesen Dingen nicht ins Detail zu gehen, kein Wort werde er dazu sagen, der Text spreche für sich selbst, man möge ihn lesen und eigene Schlüsse ziehen, da­nach – vielleicht – werde er sprechen, der Papst.“[1] Die Details aus der Landeskirche gibt es wohl. Sie werden anscheinend in einem „Kommissionsbericht“ genannt, doch der wird zurückgehalten. Warum?

Ist es ein Wunder, wenn ehemalige Heimkinder aufgebracht sind und sich drastisch äußern, wie es Herrn Kronschnabel in seinem Mail tut?

Ich frage mich, wie lange die Kirchen ihren Vorzugsplatz für Negativmeldungen in den Medien noch behalten wollen. Sie geben sich alle Mühe. Umsichtige Führung sieht anders aus.

Hier das Mail, das mir für den Blog freigegeben wurde.

———- Forwarded message ———
From: Mail von E.K. <e.kronschnabel@googlemail.com>
Date: Do., 6. Sep. 2018 um 15:08 Uhr
Subject: Re: Kommissionsbericht
To: <Rainer.Mainusch@evlka.de>

Sehr geehrter Herr Doktor Mainusch,

besten Dank für Ihre Stellungnahme.

Die Opfer haben kein großes Zeitfenster, wie Sie es sich wünschen. Die biologische Uhr arbeitet für die Seite der Täternachfolger, trotzdem sollte die Landeskirche sich um eine zeitnahe Entscheidung und deren UMSETZUNG bemühen. Zeitnahes Arbeiten bewies Ihre Abteilung bei der Gestaltung des menschenverachtenden Fragebogens. Wer Opfern solche Schläge verpasste, hat die Pflicht, zeitnah Rechenschaft in Form des Kommissionsberichtes abzuliefern.

Das Versagen von Diakonie und Landeskirche ist hinreichend bekannt. Zeitraubende Schönfärbereien des Kommissionsberichtes sind  also nicht nötig – und würden die Täternachfolgeseite auch in keinem besseren Licht erscheinen lassen. Das biologische Drängen der Zeit kann ich Ihnen gerne durch 4 Fotos von Grabstellen zwischenzeitlich verstorbener Opfer belegen. Wir Überlebenden freuen uns sehr darüber, dass die Verstor­benen wenigstens noch die Almosen erhielten, die die Landeskirche überwies.

Ist Ihnen überhaupt bewusst, dass keines der Opfer einen „Entschädigungsbetrag“ in der Höhe der Jahres-Pension eines Kirchenrates erhielt? Noch lebende Täter (wir kennen noch solche Drecksäcke) bekommen p.a. schon mehr wie ein Opfer erhielt. Dieser Zynismus ist wahrlich christlich-dummfrech. Befriedigend ist es, dass die Menschen die Konzerne mit dem Kreuz im Logo immer häufiger meiden. „Kirche schafft sich selbst ab“ kann man in Sarrazin’s Sprechweise sagen.

Sie können etwas dagegen tun. Geben Sie den Kommissionsbericht zeitnah heraus.

Mit freundlichen Grüßen

Erich Kronschnabel

Soweit das Mail.

 

Noch ein unverkürztes Mail aus Australien:

Australien: Laienorden schließt Vergleich mit Missbrauchsopfer

utl: Todkranker 74-jähriger Mann erhält Millionenentschädigung von „Christlichen Brüdern“=

Sydney, 16.8.2018 (KAP/KNA) Ein todkrankes Missbrauchsopfer in Australien erhält von den „Christlichen Brüdern“ eine Entschädigungszahlung in Höhe von einer Million australischen Dollar (umgerechnet 640.000 Euro). Der 74-jährige Paul Bradshaw hatte den Laienorden wegen Missbrauchs verklagt, dem er in den 1950er in Einrichtungen der Gemeinschaft ausgesetzt war. Nach dem vor einem Gericht in Westaustralien geschlossenen Vergleich sagte Bradshaw am Donnerstag gegenüber Medien: „Es ging mir nicht ums Geld. Ich wollte Gerechtigkeit.“

Laut Medienberichten beträgt die Lebenserwartung des Mannes noch maximal sechs Monate. Das Geld werde er seiner Familie vererben, sagte Bradshaw. „Ich habe den größten Teil meines Lebens auf der Straße gelebt. Ich möchte nicht, dass sie dasselbe erleiden müssen wie ich.“ Er hoffe, die letzten Monate seines Lebens in Frieden verbringen zu können.

Die Klage war durch eine Gesetzesreform in Westaustralien möglich geworden, durch die Missbrauchsopfer Klagen auch in lange zurückliegenden Fällen einreichen können. Nach den Worten von Bradshaws Anwalt Michael Magazanik könnte das Urteil eine ganze Klageserie gegen die Christlichen Brüder anstoßen. Allein sein Anwaltsbüro vertrete 60 Betroffene, so Magazanik gegenüber australischen Medien.

Die „Christlichen Brüder“ (Congregation of Christian Brothers) spielen eine zentrale Rolle im australischen Missbrauchsskandal. Der Laienorden hat aus Sicht der staatlichen Missbrauchskommission beim Schutz von Kindern „komplett versagt“. Den „Christlichen Brüdern“ sei der sexuelle Missbrauch in ihren Waisenhäusern in Westaustralien seit Jahrzehnten bekannt gewesen, ohne dass sie gegen die „systematischen Misshandlungen“ vorgegangen seien.

(ende) gut/gpu/

Fußnote

[1] CHRISTIAN GEYER, Und sagte kein einziges Wort, FAZ, 5.9.18, S. 9 – Dort auch: »„Das Schweigen der Hirten“ heißt eine ZDF-Dokumentation, die dies beklem­mend nahelegt.«

 

 

 

 

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Auf Kindesmissbrauch kann lebenslänglich stehen – für die Opfer

Posted in Geschichte, heimkinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kindeswohl, Kirche, Kriminalität, Psychologie, Religion, Täter by dierkschaefer on 29. August 2018

Ich bin ja ziemlich abgebrüht nach vielen Gesprächen mit vielen ehemaligen Heimkindern in den vergangenen Jahren. Was einige von ihnen erlebt haben, sprengt vielfach die Vorstel­lungs­kraft. Sie waren für mich oft auch der lebendige Beweis für die Langzeitfolgen der erlebten Heimerziehung. Untersuchungen im Bereich der Hirnphysiologie untermauern den Befund wissenschaftlich. Wie gesagt: Ich bin viel gewohnt.

Doch gestern erreichte mich ein Aufschrei, der mich zunächst einmal sprachlos machte. So etwas kannte ich nur aus Berichten über Kriegsheimkehrer, die nachts wild um sich schlagen und schreiend aufwachen.

Unsere Beschwichtigungsformeln, mit denen wir versuchen auf Distanz zu gehen, funktio­nieren in solchen Fällen nicht. Auch die Opfer können nicht auf Distanz gehen; zu voll sind sie mit der immer noch bedrängenden ängstigenden Vergangenheit, zu erfüllt sind sie mit Hass auf die Täter. Nein, sie wollen und können keinen ruhig-abschätzenden Blick auf ihre Erlebnisse und die dafür verantwortlichen Einrichtungen werfen, sie wollen und können auch nicht erkennen, dass diese Einrichtungen sich verändert haben. Es gibt ja auch eine nahtlose Fortsetzung nicht der Methoden, aber doch der Abwehr gegen die Ansprüche auf Ehrlichkeit in der Zerknirschung und Großzügigkeit in der Kompensation für erlittenes Leid.

Damit das eigentlich nicht Nachvollziehbare auch allen Lesern deutlich wird, habe ich diesen Aufschrei aus dem Kommentarbereich nach vorn geholt.

Es ging um eine Werbebroschüre der Diakonie.[1]img 13520

»Der Titel der Broschüre belegt die Dummheit der Diakonie. Sie wünscht sich die Erinnerung – und ist in ihrer Schafsblödheit nicht in der Lage zu erkennen, dass GENAU DIE ERINNERUNG die Opfer von Kirche und deren Tochtergesellschaften wie Diakonie fern hält!

In der Erinnerung von Kirchenopfer gibt es nur einen schenkenden Gott und der schenkte: Demütigung, Misshandlung, Zwangsarbeit und Prügel. Und ein Teil der Kinder wurde auch noch Missbrauchsopfer. Auf derlei „Geschenke“ hätten die Kinder nur zu gerne verzichtet.

Wer zu den Geknechteten und Vergewaltigten zählt pfeift auf Hoffnung, leidet unter furchtbaren Erinnerungen. Sie kommen nachts, sie reissen dich aus dem Schlaf, sie nehmen dir die Luft, du schreist deine Angst vor der geilen Drecksau mit Titel Diakon heraus – und wenn du Glück hattest, wachst du in den dich haltenden Armen deines Partners auf. Und irgendwann, wenn sie gross genug sind um zu verstehen, fragen auch deine Kinder nicht mehr, warum der Vater/die Mutter nachts manchmal so schreit. Du siehst es in ihren Augen, du siehst das Mitleid, die Zuneigung, die Liebe und auch die Verschrecktheit. Und erlebst, dass sie bei dem Wort Kirche nur Hass zeigen. Du leidest darunter wie ein Hund, weil du erkennst, dass die Täterschweine auch deine Kinder erreichten.

DIE VERBRECHERISCHEN SCHWEINE DER DIAKONIE MACHTEN AUCH MEINE KINDER ZU OPFERN!«

Fußnote

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/08/27/die-erinnerung-soll-ein-bruder-sein-doch-wohl-eher-eine-schwester/

Korntal und die Dummheit

Soeben die Sendung REPORT MAINZ über das Ausbeutungssystem der Brüdergemeinde Korntal angeschaut. Ich seh fast nie fern, weil ich gedruckte Information vorziehe, das geht schneller. Auch jetzt habe ich nichts Neues erfahren – stand alles schon in der Vorankündigung von meinem Blog. Das Fernsehen erreicht mehr Nutzer als mein Blog. Darum habe ich mich wieder einmal gefragt, wie blöd manche Organisationen eigentlich sind, die erst einmal den Kopf in den Sand kopf_in_den_sand_stecken

stecken. Nicht gerade zur besten Sendezeit, aber dennoch wurden hier die Untaten einer scheinbar wohltätigen Gemeinde medienwirksam ausgebreitet. Da hätten die ja eigentlich drauf kommen können und die Flucht nach vorn antreten: Asche aufs Haupt, wir bzw. unsere Vorgänger haben gesündigt. Keine Relativierungen, keine Ausflüchte, keine Ablenkungen, sondern wir kriechen zu Kreuz, – was frommen Leuten nicht so schwer fallen sollte – und wir zahlen, denn es muss und soll weh tun, damit wir wieder glaubwürdig werden. Wir nennen das auch nicht Anerkennungsleistungen, sondern Entschädigungen für von uns verursachte Schäden. Doch der Umgang mit einer fürchterlichen Firmengeschichte will gekonnt sein – man muss aber erst einmal drauf kommen. Die Korntaler sind in illustrer Gesellschaft. Auch die Autoindustrie mit ihren kriminellen Dieselmanipulationen eiert noch rum – und vergrößert den Imageschaden. Macht doch nix? Mr. Profumo hat, soweit ich mich erinnere, nach dem Skanal Sozialarbeit in den untersten sozialen Milieus geleistet – und damit Anstand bewiesen. Beim Korntaler Firmenjubiläum im nächsten Jahr sollten die Korntaler Narrenkappen aufsetzen, wenn nicht aus Einsicht, so doch zur Gaudi. Manche Tragödien sind nur als Komödie erträglich, so oder ähnlich äußerte sich Dürrenmatt. Doch eins ist nun klar. Es gab Zwangsarbeit im Kinderheimsystem. Antje Vollmer hat den Begriff noch vermieden wie der Teufel das Weihwasser. Jetzt dürfen wir, besonders aber die Kinder von damals, gespannt sein, wie die Zwangsarbeit gewertet wird für die Nachzahlung samt Zinsen und Rentenansprüche.

 

Fußnoten.jpg

 

 

 

Kinderrechte sollen ins Grundgesetz

Ja, aber ich glaub’s erst, wenn sie drin sind. Beurteilen kann man sie erst, wenn man sie sich kritisch anschaut: 1. Welche Kinderrechte kommen ins Grundgesetz? 2. Welche Chancen haben ihre Umsetzung in Politik, Justiz und Verwaltung? Es wird also noch dauern.

Als jahrelanger Beobachter der Situation kann ich nur gequält schmunzeln über den Fortschritt, der bekanntlich eine Schnecke ist – und ob’s ein Fortschritt wird, sehen wir erst später.[1]

Nun endlich nimmt sich die Politik auf höherer Ebene (Koalitionsvertrag) des Themas an. Eine Zusammenfassung gab es gestern in der Sendung „Hintergrund“ des Deutschlandfunks. Man lese nach![2]

Ob es zu einer 2/3-Mehrheit im Bundestag reichen wird, halte ich für fraglich, denn – wie üblich – werden die Kinder nicht nach ihren wohlverstandenen Interessen gefragt, sondern die Vertreter der Interessen anderer:

  • Elternverbände
  • Männervereinigungen
  • Frauenvereinigungen
  • Kirchen
  • Parteien
  • Sozial- bzw. Jugendhilfeträger

und am wichtigsten:

  • die Länder und ihre Kommunen

Die Liste ist wohl nicht vollständig, so habe ich z.B. die Rechtsdogmatiker nicht erwähnt.

Wenn einer Personengruppe, die bisher nur im Paket „Familie“ mitgemeint war, eigene Rechte eingeräumt werden sollen, schmälert das die Rechte und den Einfluss anderer – oder deren Finanzen. Diese anderen werden alle Möglichkeiten nutzen, um ihren Besitzstand zu wahren.

Die Eltern und ihre Verbände werden auf das Elternrecht pochen und darauf verweisen, dass für deren Missbrauch der Staat ein Wächteramt habe. Es ist ja auch richtig, dass der Staat nicht ohne Anlass, also willkürlich/ideologisch in die Familien hineinregieren soll. Autoritäre Staaten in Vergangenheit und Gegenwart sind ein abschreckendes Beispiel, die Hilflosigkeit von Kindern in unserem System in bekanntgewordenen Extremfällen allerdings auch. Es wird also darum gehen müssen, Elternrechte gegen die wohlverstandenen Interessen des Kindes abzuwägen und passende Maßnahme durchzusetzen, wobei unbedingt die Meinung der Kinder erfragt werden muss. Richter sind oft dieser Aufgabe nicht gewachsen. Das sollte also eine unabhängige Fachkraft tun, die den Kindern ihre Entscheidungsmög­lich­keiten und auch die Folgen freundlich vor Augen führt. Das bedeutet: qualifizierte Einzelarbeit, die ist teuer. Sind uns die Kinder das wert? Wer soll das bezahlen?

Fragen in Zusammenhang mit Inobhutnahme sind besonders schwierig. Kinder sind zuweilen hinundhergerissen zwischen der Liebe zu ihren Eltern, selbst wenn diese drogenabhängig sind [Parentifizierung] oder sie gar mißhandeln einerseits und andererseits ihren wohlverstandenen Interessen. Hier ist sehr viel Einfühlungsvermögen vonnöten, um den Kindern die Last der Verantwortung und die Schuldgefühle abzunehmen. Zu beachten ist der Zeitfaktor bei einer Unterbringung in einer Pflegefamilie. Oft ist hier eine Bindung entstanden, die stärker ist als manche Vorstellung von Blutsverwandtschaft. Die Vorstellung, dass soziale Elternschaft wichtiger ist als leibliche, ist vielen Menschen fremd. Sie denken nicht daran, dass es Aufgabe jeder Elternschaft ist, eine soziale zu werden.

Kinder bei Trennung und Scheidung sind dann besonders schlecht dran, wenn der Partner­schafts­krieg auf dem Rücken der Kinder ausgefochten wird. Im Hintergrund machen sich Männervereinigungen und Frauenvereinigungen stark. Auch sie folgen zumeist biologischen Denkmustern. Ein Kind gehört zur Mutter/zum Vater oder es hat Anrecht auf beide. Alles ist verheerend für Kinder, wenn die Eltern für das Kind nicht in erster Linie Eltern sein wollen – und es auch können. Zurzeit versuchen – vornehmlich – Männer, die oft unhaltbaren Ent­scheidungen der Familiengerichte auszuhebeln durch ein im Regelfall verpflichtendes Dop­pelresidenzmodell. Ob diese Aufteilung der Kinder von Fall zu Fall von den Kindern gewünscht wird und ob es für sie praktikabel ist, diese Frage interessiert nicht. Es kann und sollte in solchen Fällen immer darum gehen, im Einvernehmen mit den Kindern – möglichst auch mit den Eltern – eine kindgerechte, alltagstaugliche Lösung zu finden, die nach Kindes­bedarf Flexibilität ermöglicht und auf Wunsch des Kindes auch wieder neu verhandelbar ist. Auch hier ist die Beratung und Begleitung von ideologisch unabhängigen Fachpersonal nötig. Mit der psychologisch-pädagogischen Fachkompetenz der Richter wird man wohl auch zukünftig nicht rechnen können.

Die Kirchen und andere Religionsverbände werden das Elternrecht in dem Sinne verteidigen wollen, dass diese das Recht auf religiöse Erziehung bis zur Religionsmündigkeit behalten sollten. Das ist problematischer als es aussieht. Denn es beinhaltet das Recht auf Beschnei­dung minderjähriger Jungen, was eindeutig dem Kinderrecht auf Unversehrtheit entgegen­steht. Von dort ausgehend machen manche Agitatoren auch Front gegen die Kindertaufe; ein Kind solle unbehelligt von jedweder Religion aufwachsen, bis es sich selber entscheiden kann. Das ist völlig lebensfremd.[3]

Die Parteien sind, wie der Rundfunkbeitrag zeigt, unterschiedlicher Meinung.[4] Nach meiner Einschätzung haben alle kein besonderes Interesse an Kindern, sondern nur an ihren Wähler­gruppen. Das ist systembedingt. Sie werden jeden Entwurf für Kinderrechte im GG in ihrem Interesse beeinflussen, verwässern und Hintertürchen aufhalten[5]. Gummiparagraph.jpgAlso brauchen wir nicht nur die Kinderrechte im GG, sondern auch Wahlrecht für Kinder, das zunächst wohl eine Art Familienwahlrecht wäre bis die Kinder eigene politische Vorstellungen haben. Dann, aber erst dann würden die Parteien Familien und Kinder umwerben und ihnen die Aufmerk­samkeit geben, die ihnen gebührt.

Ein schwieriges Kapitel sind die Sozial- bzw. Jugendhilfeträger, denn die Rechte dieser Lobby sind festgezurrt. Ich habe es in einem Beitrag hier im Blog dargestellt.[6]

Am übelsten jedoch ist die Lobby der Länder und ihrer Kommunen, denn die sind – wie die Elternrechte – schon im Grundgesetz verankert und sie wollen nicht zahlen. Darum hinter­treiben sie seit Jahrzehnten alle kostenträchtigen Gesetze, auch die, die für das Kindeswohl förderlich sind. Und sie achten auf ihre Hoheit. Besonders sie also sind der Hauptgegner, wenn es um die Umsetzung von Kinderrechten im Grundgesetz geht.

Das sind die Neben­wirkungen des Föderalismus; wir kennen sie aus verschiedenen Bereichen. Ich nenne nur die Schulpolitik und mag gar nicht weiter darauf eingehen. Auch die Pflegeschlüssel sind von Land zu Land unterschiedlich. Ist doch logisch, dass der Pflegebedarf in Bayern ein anderer ist als in Meck-Pomm.

Fußnoten

[1] Einen Katalog von Defiziten und Forderungen habe ich schon in meiner Tagungsreihe Kinderkram publiziert und später, 2011 in meinen Blog gestellt:Dierk Schäfer, Für eine neue Politik in Kinder- und Jugendlichen-Angelegenheiten https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/10/fc3bcr-eine-neue-politik.pdf

[2] http://www.deutschlandfunk.de/nach-jahrzehntelanger-debatte-kinderrechte-sollen-ins.724.de.html?dram:article_id=416242 Sonntag, 22. April 2018

[3] Dierk Schäfer, Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/04/18/die-zurichtung-des-menschen-auch-ohne-religion/

[4] http://www.deutschlandfunk.de/nach-jahrzehntelanger-debatte-kinderrechte-sollen-ins.724.de.html?dram:article_id=416242

[5] „Also, Herr Referent, der Gummizug ist schon ganz nett, vergessen Sie aber nicht die Verwässerungsanlage und das Hintertürchen.“ Fund: Archiv Dierk Schäfer

[6] Dierk Schäfer, Die Zahnlosigkeit der Gesetze zum Recht von Schutzbefohlen, 24. Juni 2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion.

Unser Kevin soll sich ganz frei entwickeln können. Religion? Lieber nicht. Wir wollen seiner Entscheidung nicht vorgreifen.

Kevin[1] geht ja noch, wie wär’s mit Schnuckelpupine[2] als Name? Namen sind nicht Schall und Rauch. Sie sagen etwas aus über die Namensgeber und wirken wie ein Etikett, ob Kevin will oder auch nicht. Zuweilen sind Vornamen auch ein bewusstes Programm. Wer sein Kind Wolfgang Amadeus nennt, hat es vorprogrammiert.[3] Das ist nicht neu und hier nicht im Detail zu diskutieren. Doch die freie Entwicklung eines Kindes ist oft schon mit der Namensgebung eine Fiktion.

Namen sind Schall und Rauch, sagt Faust im Zusammenhang mit der Gretchenfrage. Darum geht es auch bei der immer wieder zu lesenden Meinung, Kinder sollten frei von religiöser Beeinflussung gehalten werden, sie könnten ja sich später frei entscheiden. Sehr drastisch ausgedrückt in einem Tweed: Kinder sollten überall auf der Welt geschützt werden von Religion, Politikern & Pädophilen[4]. Von der Zuspitzung abgesehen wird religiöse Erziehung für Programmierung[5] gehalten. Sie widerspreche zudem der Religionsfreiheit. Erst wenn ein Kind frei in seiner Entschei­dung sei, könne es sich frei für – oder gegen – eine Religion entscheiden.[6]

Zunächst zu Programmierung und Mind Control. Da gibt es tatsächlich Überschneidungen.

Programmierung erinnert mich an die 70er Jahre, in denen Jugendliche in die Fänge von Jugendreligionen geraten waren und dort mit Gehirnwäsche[7]Metho­den vereinnahmt wurden. Es kam vor, dass Eltern daraufhin ihre Kinder kidnapp­ten und Fachleuten für eine Reprogrammierung übergaben.[8]

Das Bild vom programmierbaren Menschen ist unheimlich. Das wird deutlich, wenn wir an Fälle denken, in denen Kinder nicht nur eng geführt, sondern in eine gesellschaftliche Nische hinein erzogen werden. Außerhalb dieser Nische lauert das Böse schlechthin. Wer sie verlässt, ist ein Verräter, seine Seele der Verdammnis anheim gegeben. So kommen sie oft nur mit enormen psychischem Aufwand heraus und fühlen sich schuldig.[9]

Fundamentalkritiker richten sich nicht nur gegen die gezielte Formierung menschlichen Denkens. In einem grundlegenderen Tweed heißt es: Wenn doch Erwachsene Erwachsene heißen u. nicht Erzogene, können wir dann aufhören, Kinder zu erziehen, u. sie dafür einfach wachsen lassen?[10]

Dahinter stecken romantisch-naturverbundene Vorstellungen. Ein Kind entwickele sich (wie ein Tier?) von allein. Einfach wachsen lassen … nicht einmal pädagogische Anregun­gen und Förderungen sind vorgesehen. Man muss das Kind wohl nur satt und sauber halten. Damit kann man sich nicht einmal auf Rousseau berufen, der immerhin meinte, man müsse ein Kind durch die Notwendigkeit der Dinge erziehen.[11] Zur Notwendigkeit der Dinge zähle ich auch manches, was Kinder nicht mögen und noch nicht verstehen, wie Impfungen, Operationen, den Zahnarzt, aber natürlich nicht Beschneidungen oder Ohrloch­stechen, auch nicht das forcierte Training für sportliche oder musikalische Höchstleistungen.

Zu welchem Ziel erziehen wir Kinder – wenn wir sie denn erziehen wollen?[12] Sie sollen lebensfähig gemacht werden für die Welt, in die sie hineinwachsen. Die hat sich gegenüber früher deutlich verändert. Aber immer sind es wirtschaftliche Aspekte, die über eine erfolgreiche Anpassung entscheiden, früher wie heute. Kevin mag also frei von Religion erzogen werden, dennoch werden ihn seine Eltern fit fürs Leben sehen wollen – und zum Teil merken sie gar nicht, wie sie ihn programmieren. Ein Blick auf die Abbildung zeigt die Veränderungen des Anforderungsprofils:

In den mittelalterlichen, sehr eng gefügten Überlebensgemeinschaften waren die Menschen schicksalsmäßig aufeinander angewiesen. Darum wurden die Partnerschaften in Hinblick auf den Fortbestand der Wirtschaftsgemeinschaft Familie ausgesucht. Auch wenn das Ergebnis emotional nicht befriedigte gab es so gut wie keine Ausweichmöglichkeiten. Wichtiger als alle Gemeinheiten war die Gemeinsamkeit, die das Überleben des Einzelnen garantierte und ihn zugleich zu einem unaustauschbaren Glied in der Kette des Überlebensverbandes machte.

Mit der Auffächerung der Berufspalette, mit den Erkenntnis- und Kenntnisfortschritten kamen Spezialisierung und Verstädterung, Industrialisierung und Anonymität, kam die Auflösung des weitgehend autarken Familienverbandes in die von fremden Abhängigkeiten geprägten Lebensverhältnisse der Eltern-Kind-Gemeinschaften. Dort geschah zwar nichts anderes als früher, nämlich die Reproduktion der überlebensfähigen Arbeitskraft. Doch mit den gewandelten Produktionsverhältnissen hatte sich auch das Familiengefüge verändert. Wenn auch zunächst kaum bezahlbar traten flankierend und entlastend mit zunehmender Bedeutung Institutionen hinzu, die den Rumpffamilien Kranken- und Altersfürsorge und Kindererziehung/-ausbildung abnahmen. Rechtzeitig hatte die Romantik für das Bürgertum an die Stelle der wirtschaftlichen Vernunft die emotionale Beziehung, die Liebe als Fundament von Ehe und Familie gesetzt. Damit wurde die bürgerliche Familie zur Erlebensgemeinschaft. Dieser Entwicklung folgten in unserem Jahrhundert auch die proletarischen Familien, denen mit zunehmender Existenzsicherung und aufkeimendem Wohlstand die Imitation des idolhaft vorausgegangenen Bürgertums gelang.Entwicklung der Moderne.jpg

Spätestens nach der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg mit verstärkt zunehmender beruflicher Spezialisierung und Differenzierung, verbunden mit immer mehr freizeit-orientierter Lebensgestaltung griff die Differenzierung auch auf die Freizeitaktivitäten der Familien über. Damit wurde der Familienzusammenhalt, ohnehin recht instabil auf Emotionalität[13] gegründet, noch labiler. Während man der Überlebensgemeinschaft kaum entfliehen konnte und der traditionsverhafteten und wenig mobilen Kleinfamilie nur selten zu entfliehen gedachte, erfordert nun zuweilen die berufliche Mobilität gerade der auf individuelle Karriere bedachten und individuell freizeitaktiven Familienmitglieder die Lockerung der Lebensgemeinschaft bis zu ihrer Auflösung zu neuen Konstellationen oder dem Single-Dasein, sei es in einer Art Wohnge­mein­schaft mit oder ohne zeitweise weitergehenden Beziehungen oder als Alleinwohnende.

Ein Ethnologe sagte mir, ein solches Entwicklungsergebnis könne nicht funktionieren. Er kenne keine Ethnie, die aus unverbindlich zusammenwohnenden Singles bestände. Für die traditionsgebundenen Gesellschaften dürfte das zutreffen. Doch diese Entwicklung ist nur folgerichtig. Ausgehend von der Entdeckung des Menschen als Person in der Renaissance über die Stellung des Individuums vor Gott in der Reformation hat die westliche Welt die alten Abhängigkeiten der gottgewollten Ständeordnung überwunden, weil die Dynamik aufstrebender Schichten und Persönlichkeiten erfolgreich war. Nach der französischen Revolution hatte sozusagen jeder den Marschallstab im Tornister[15]. Ob das Streben nach großem Erfolg frei macht, ist eine philosophische Frage. Die alten Gesellschaften spiegelten auch dort, wo Gleichheit sein sollte, die Ständeordnung wieder. Man sieht es an den Epitaphen in Klöstern. Die Gründer – und auch die arbeitsfrei gestellten Patres kamen aus dem Adel, die Konversen, die Fratres aus der sozialen Bedeutungslosigkeit, das orare galt für die einen, das laborare für die anderen. In den Klöstern waren die Speisesäle und die Schlafsäle fast apartheidmäßig getrennt. Treiber/Steinert ziehen die Entwicklungslinie von der klösterlichen Erziehung und Zurichtung der Menschen bis hin zu ihrer Verwendung in Fabriken.[16] Doch für alle verlangte die Regel des Ordens … eine strenge Disziplin, der Tagesablauf war genau vorgeschrie­ben, und ein Abweichen von der Regel wurde bestraft. All dies erinnert in einem gewissen Sinne an die Arbeitsvorschriften, die Henry Ford für seine Fließbandarbeiter erließ.[17] Die systematische Zurichtung des Menschen zum Zweck fremdbestimmter Produktion gipfelt nach Treiber/Steinert in der Einrichtung pädagogisch reflektierter Arbeitersiedlungen durch weitsichtige Unternehmer.[18]

Tempi passati. Die heutigen Formen der Zurichtung des Menschen laufen subtiler und ausgefeilter – sie produzieren den heute passenden Menschen, der jedoch mit Geschick, Verstand und Glück die Chance auf kometenhaften Aufstieg hat, sei es als Prominenter im Show-Geschäft, sei es als Start-up-Unternehmer[19], meist keine Zurichtung mit Zwang, sondern freiwillig über Trends und Erfolgsaussichten, die man befolgt, um in oder wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Eine Kirchenmitgliedschaft gehört inzwischen nicht mehr dazu,[20] und Bastelreligionen laufen als persönlicher Spleen unter nice to have und sind zu meiden, wenn schädlich fürs Fortkommen.

Doch abgesehen von den Notwendigkeiten geschieht Erziehung viel subtiler. Die For­mung der Persönlichkeit beginnt bereits während der Schwangerschaft. Das muss hier nicht näher ausgeführt werden; darüber wurde in der letzten Zeit viel publiziert, angefangen vom Speisezettel bis hin zum Musikgeschmack der werdenden Mutter. Einschneidender ist ihr Drogenkonsum. Die Tatsache, dass kaum noch Trisomiekinder geboren, weil sie abgetrieben werden, ist als Negativauswahl und damit Vorläufer des Designer-Babys[21] zu sehen. Da dürfte in absehbarer Zukunft die Auswahl schwierig werden für das Nobelpreis-Komitee und für die Miss-Germany-Wahl, an die Miss-World gar nicht zu denken.

Wie Kinder für die Gesellschaft passend gemacht werden und die Normen verinnerlichen, zeigen Berger/Luckmann an einem banalen Bei­spiel: Wie lernt ein Kind, dass es mit der Suppe nicht kleckern soll? Die primäre Soziali­sation bewirkt im Bewußtsein des Kindes eine pro­gressive Loslösung der Rollen und Ein­stellungen von speziellen Anderen und damit die Hinwendung zu Rollen und Einstellungen überhaupt. Für die Internalisierung von Normen bedeutet zum Beispiel der Über­gang von »Jetzt ist Mami böse auf mich« zu »Mami ist immer böse auf mich, wenn ich meine Suppe verschütte« einen Fortschritt. Wenn weitere signifikante Andere – Vater, Oma, große Schwester und so wei­ter – Mamis Abneigung gegen verschüttete Suppe teilen, wird die Gültigkeit der Norm subjektiv ausgeweitet. Der entscheidende Schritt wird getan, wenn das Kind erkennt, daß jedermann etwas gegen Sup­peverschütten hat. Dann wird die Norm zum »Man verschüttet Suppe nicht« verallgemeinert. »Man« ist dann man selbst als Glied einer All­gemeinheit, die im Prinzip das Ganze einer Gesellschaft umfaßt, soweit diese für das Kind signifikant ist.[22] Dieses Muster gilt allgemein für Sozialisierung, für Anpassung eines Kindes an gesellschaftliche Erfordernisse, Gepflogenheiten und Moden, um akzeptiert zu werden und Erfolg haben zu können. Darum wird Kevin von seiner Mutter auch zur musikalischen Früherziehung chauffiert und zum Vereinssport; zum Ballett wohl nicht, denn er ist ja ein Junge. Eine kindgerechte Einführung in die seit Jahrhunderten christlich geprägte Kultur soll es jedenfalls nicht sein. Auch im Museum, falls das auf dem Plan steht, bekommt Kevin nur oberflächliche Antworten, wenn er nach dem Mann am Kreuz oder nach dem pfeilgespickten Sebastian fragt. Das ist alles dem Aufklärungsgespräch für den Zeitpunkt der Religionsmündigkeit vorbehalten. Ja, ich karikiere. Es ist ja gut, wenn Kevin viel angeboten wird. Wenn ihm dann der Flötenunterricht gar nicht mehr gefällt, wird Kevin abgemeldet.

Wie alle Kinder ahmt Kevin zunächst nach, was die Eltern ihm vorleben, im Guten wie im Schlechten.[23] Das wird erst mit der Pubertät anders – und diese Freiheit sollte im Erziehungsverständnis enthalten sein, was allerdings recht selten sein dürfte, wenn die Eltern Überzeugungstäter sind. Scheinbar liberale Überzeugungstäter finden wir auch im freireligiösen Bereich.[24] Es gibt also viele Möglichkeiten, nicht nur klassisch religiöse.[25]

Selbstverständlich übernehmen unsere Kinder zunächst auch unser Wertesystem und unsere Weltan­schauung, sei sie liberal, sozial, konservativ, fromm, bigott – oder wie auch immer. Sie lernen an unserem Vorbild und wir freuen uns, wenn sie so werden wie wir. Das ist normal; so reproduziert sich Gesellschaft.

Zurück zu Kevin, der nicht mit Religion programmiert werden soll. Religion ist in seiner Familie dennoch wertbehaftet, wohl eher negativ. Kevin wurde nicht getauft, ging nicht in den Religionsunterricht.[26] Religion hat er nur als unverbindlich-weltliche Events im Jahresablauf kennengelernt: Weihnachtsmann, Osterhase, Vatertag. Sein Vater spricht vom Laternenumzug und vom Wintermarkt, aber die Alterskameraden warten auf die Konfirmation mit den tollen Geschenken. Nun kann er selber entscheiden, ob und wie religiös er sein will. Denn Religion ist Entscheidungssache wie der Kleiderkauf. Paßt der Islam zu mir, oder der Buddhismus, vielleicht Hindu oder Stammesreligion, wenn Islam, dann Sunna oder Schia, oder vielleicht doch das Christentum, aber welche Konfession?[27] Bei der unübersichtlichen Auswahl, lassen wir’s vielleicht doch lieber gleich ganz. – Ich vermute Zustimmung bei Kevins Eltern.

Zu dieser Naivität gesellt sich seit einiger Zeit und besonders im Netz, eine Geisteshaltung, die ich nur als gruppenbezogene Menschenfeind­lichkeit auffassen kann.[28] Wurden Pfarrer früher gern als weltfern-fromme Naivlinge hinge­stellt, so begegnet uns im Netzdiskurs zudem eine zunehmende Feindseligkeit, die sich nicht nur auf die Rolle der Kirchen beschränkt, sondern Christentum und Religion allgemein ins Fadenkreuz nimmt. Das ist beim Thema Beschneidung zu beobachten. Wird sie abgelehnt, taucht oft im selben Zusammenhang der Vorwurf auf, auch die Kindertaufe[29] sei ein Akt bevormundender Festlegung eines unmündigen Kindes und eigentlich Machtmissbrauch. Die grundlegenden Unterschiede werden nicht gesehen, Gegenargumente nicht akzeptiert. Es war nicht umsichtig und theologisch[30] auch nicht nötig, dass sich unsere Kirchen­leitungen einhellig[31] für das Recht der Eltern auf Beschneidung ihrer unmündigen Kinder ausgesprochen haben[32]. Man hätte besser für eine liberale religiöse Erziehung der Kinder plädiert mit dem Ziel der informierten Entscheidungsfreiheit. Vielleicht hätten Kevins Eltern das sogar für gut befunden.

Naiv bin ich allerdings gewesen, wenn ich früher bei Taufansprachen das Kind als noch unbeschriebenes Blatt bezeichnete. Es ist schon beschrieben und bestimmt durch Erwartungshaltungen und soziale Chancen.

Hoffentlich macht Kevin was Gutes daraus, mit oder ohne Religion.

[1] Kevin ist kein Name sondern eine Diagnose: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/ungerechte-grundschullehrer-kevin-ist-kein-name-sondern-eine-diagnose-a-649421.html https://de.wikipedia.org/wiki/Kevin#.E2.80.9EKevinismus.E2.80.9C

[2] Julian Dorn, S wie Schnuckelpupine, FAZ, 8.3.2016. Die Geschichte der Namensgebung ergäbe eine Sozialgeschichte für sich.

[3] Als Beispiel aus christlicher Tradition seien hier nur Christian Fürchtegott Gellert und sein Bruder Christlieb Ehregott Gellert genannt.

[4] Der Link führt nur zur Tweetliste einer „Angie R.“ https://twitter.com/Libelle2000R , doch ich verbürge mich für das Zitat.

[5] Programmierung ist Mind Control und niemand sollte dieser Gewalt ausgesetzt werden! #noABA / @_Kinderrechte_ @dierkschaefer @QuerDenkender – so auf Twitter.

[6] Diese culture-free-Einstellung greift um sich und gewinnt z.B. in Stuttgart haushaltsrechtliche Relevanz. Bei den letztjährigen Beratungen zum Doppelhaushalt forderte eine Mehrheit im Stuttgarter Gemeinderat, alle in der Ganztagesschule aktiven Träger müssten sich auf eine weltanschauliche Neutralität verpflichten, also auch die kirchlichen und diakonischen Träger, so Søren Schwesig, Stadtdekan Stuttgart, 03. April 2014: Unsere Kirche in Stuttgart, Impuls für die Kirchenkreissynode http://www.ev-ki-stu.de/fileadmin/mediapool/Ev-ki-stu/2014/Unsere_Kirche_in_Stuttgart_KKS_05042014.pdf

[7] Gehirnwäsche https://de.wikipedia.org/wiki/Gehirnw%C3%A4sche

[8] Ein unterhaltsames Programmierungsbeispiel: https://de.wikipedia.org/wiki/In_den_F%C3%A4ngen_einer_Sekte

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/02/gefangen-in-der-parallelwelt/

[10] Glory Illmore@_machtworte 18. Dez. 2014

[11] Das ist auch eine Maxime der erlebnispädagogischen Arbeit im Rahmen von Jugendhilfemaßnahmen.

Zu Rousseau: https://de.wikipedia.org/wiki/Emile_oder_%C3%BCber_die_Erziehung

[12] Leszek Kolakowski zur grundsätzlichen Spannung zwischen Erziehenden und Heranwachsenden: Hätten nicht die neuen Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition revoltiert, würden wir noch heute in Höhlen leben; wenn die Revolte gegen die ererbte Tradition einmal universell würde, werden wir uns wieder in den Höhlen befinden. https://volltext.merkur-zeitschrift.de/preview/55360372546f88a5268c65ce/mr_1969_12_1085-1092_1085_01.pdf

[13] Helmuth Plessner, Grenzen der Gemeinschaft

[14] aus Dierk Schäfer, Werner Knubben, … in meinen Armen sterben?, Vom Umgang der Polizei mit Trauer und Tod, Hilden 19962

[15] http://universal_lexikon.deacademic.com/226344/Den_Marschallstab_im_Tornister_tragen

[16] Hubert Treiber/Heinz Steinert, Die Fabrikation des zuverlässigen Menschen – Über die Wahlverwandtschaft von Kloster- und Fabrikdisziplin, München 1980, neu: Münster 20051, sehr lesenswert!

[17] Jean Gimpel über die Cistercienser, zitiert bei Treiber/Steinert

[18] Ein Pionier dafür war Arnold Staub https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Staub mit seiner Arbeitersiedlung Kuchen. http://www.kuchen.de/media/files/Flyer-Arbeitersiedlung.pdf

Eher skurril und nicht verwirklicht die Pläne der Firma Bahlsen für die TET-Stadt: http://de.wikipedia.org/wiki/TET-Stadt , dazu die 3D-Simulation auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=YLRPBVx3A38

[19] Man vergleiche hierzu die Entwicklung reicher Bürger: Vom Geldadel zum Geburtsadel. https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Adel#Geldadel

[20] So eins der zentralen Ergebnisse der jüngsten Mitgliederuntersuchung der EKD: http://www.ekd.de/EKD-Texte/kmu5_text.html

[21] Die Präimplantationsdiagnose und das Embryo-Screening könnten zu einer regelrechten sexuellen und genetischen Selektion führen (sog. Designer-Babys). Wenn Eltern in die Lage versetzt werden, bestimmte Eigenschaften ihrer künftigen Kinder auszuwählen, dann würden sie dies ausnutzen, um intelligentere, größere und schönere Kinder zu haben. : https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Fukuyama

[22] Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Eine Theorie der Wissens­sozio­logie: Conditio humana, Ergebnisse aus den Wissenschaften vom Menschen, Thure von Uexküll, Ilse Grubrich-Simitis (ed.), Frankfurt 19744, S. 143

[23] Die Peer-Group-Einflüsse, Stichwort Markenklamotten, haben Berger/Luckmann noch nicht im Blick gehabt.

[24] So bei Ulrike von Chossy und Michael Bauer, Erziehen ohne Religion, Argumente und Anregungen für Eltern, Rezension unter www.irp-freiburg.de/html/media/dl.html?v=114378

[25] Laizismus als Lösung vieler Probleme? https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/28/laizismus-als-losung-vieler-probleme/

[26] Die Vernachlässigung des Religiösen wird nicht nur einer weithin veränderten Forschungs­lage, sondern auch den durch Migration und Multikulturalität verän­derten Bedingungen in unseren Klassen­zimmern nicht gerecht. Hier lernen Kin­der und Jugendliche aus weithin entkirchlichten Elternhäusern mit ihren Altersge­nossen aus religiös gebundenen Zuwan­dererfamilien zusammen. Frank-Michael Kuhlemann, Ohne Religionsgeschichte wird es nicht gehen, FAZ-print, 31.12.2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/06/ohne-religionsgeschichte-wird-es-nicht-gehen/

Zugespitzt: Islamisten »übertragen höchst unflexible und rückwärtsgewandte Eigenschaften ihres Glaubens in ein Europa, das immer noch die Narben aus Glaubenskriegen von vor einem halben Jahrtausend trägt. Das ist ein Kampf grundsätzlicher Gegensätze in einer Gegend, deren Bevölkerungszahlen schrumpfen, und viele durch Überlegungen den Glauben an den Glauben verloren haben – und nun werden sie mit der Vitalität, demographisch wie religiös, eines unendlichen Stroms von Einwanderern mit einem unerschütterlichen Glauben an den Glauben konfrontiert.« aus: Harm de Blij, The Power of Place, Oxford University Press, Oxford, New York 2009, S. 69, Übersetzung Dierk Schäfer.

[27] Ich bitte um Entschuldigung, dass ich nicht alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften aufgeführt habe, und gebe zu, dass dies eine Diskriminierung zugunsten der Mainstream-Religionen ist.

[28] https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenbezogene_Menschenfeindlichkeit

[29] https://de.wikipedia.org/wiki/Kindertaufe#Evangelisch

[30] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/07/17/gott-wurde-schon-allerhand-abgewohnt/ , https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/06/28/beschneidung-ist-doch-nur-ein-kleiner-schnitt/

[31] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/06/27/ausgerechnet-die-bischofe-kritisieren-urteil-gegen-beschneidungen/, https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/08/25/beschneidungsdebatte-und-kirchliches-profil/,

[32] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/07/01/beschneidung-und-staatsrason/ Man lese auch die Kommentare.

Die Vergewaltigung eines Kindes durch den Rechtsstaat

Erinnern Sie sich noch an den Vorfall? „Ein achtjähriges Kind wurde gegen seinen lebhaft geäußerten Willen vor den Augen seiner Mitschüler, seiner Lehrerin, vielleicht auch der Schulleitung mit Polizeigewalt auf Anordnung und im Beisein eines Gerichtsvollziehers aus dem Unterricht gezerrt und schreiend in ein Polizeiauto verfrachtet. Der Vergleich mit Nazischergen verbietet sich, denn wir leben in einem Rechtsstaat. Darf der so handeln?“[1]

Diese Frage hatte ich zwei Tage zuvor per Mail an den Lt. Polizeidirektor Mario Schwan gerichtet.  mail ds.jpg

Heute erhielt ich die Antwort per Mail, die ich, wie angekündigt, hier im Blog veröffentliche: mail pol

Meine Einschätzung: Die Frage in meinem Mail war absichtlich allgemein gestellt. „Es lag keinerlei Gefahr im Verzug vor. Ist – ganz allgemein gefragt, und im Blick auf eventuell kommende Einsätze – die Polizei im Zuge der Amtshilfe verpflichtet, erkennbaren Wider­stand (noch dazu eines Kindes) mit körperlicher Gewalt zu brechen? Kann (ich frage nicht: sollte) der Einsatzbeamte sich in solchen Fällen das Remonstrationsrecht berufen?“

In der Antwort verweist der Lt. Polizeidirektor Mario Schwan

  1. auf ein laufendes strafrechtliches Ermittlungsverfahren. (Gegen wen, würde ich gern wissen.) Dessen Details jedoch werden durch eine Antwort auf meine generelle Frage nicht beeinflusst.
  2. nimmt er Bezug auf eine „politische Bearbeitung unter Beteiligung verschiedener Ministerien im Landtag des Landes Sachsen-Anhalt“. Deswegen also keine Stellungnahme zum Fall Helbra. Doch nach dem konkreten Fall Helbra hatte ich nicht gefragt, sondern eine allgemein-berufsethische Frage gestellt, ob sich ein Beamter im Zuge der Amtshilfe bei einem Einsatz auf das Remonstrationsrecht berufen könne, wenn er nur mit körperlicher Gewalt durchgesetzt werden kann, auch wenn keine „Gefahr im Verzug“ besteht und ein Kind erkennbar Widerstand leistet.

Das Remonstrationsrecht wird zur Pflicht, wenn der Beamte an der Rechtmäßigkeit der geforderten Diensthandlung zweifelt. Dann sind mehrere Phasen vorgesehen, sofern die Anweisung weiterhin aufrecht erhalten bleibt.

  1. Die Remonstration gegenüber dem direkten Vorgesetzten/Anweisungsberechtigten,
  2. die Remonstration beim übernächsten Dienstvorgesetzten. Hat der Beamte damit keinen Erfolg, so hat er der Anweisung zu folgen, ist aber persönlich nicht haftbar zu machen. Es sei denn, die Befolgung der Anweisung wäre eine Verletzung der Menschenwürde.

Der Lt. Polizeidirektor Mario Schwan hätte es sich mit seiner Antwort leicht machen können, wenn er geschrieben hätte, selbstverständlich stehe jedem Beamten das Recht auf Remonstra­tion zu, wenn er die Rechtmäßigkeit einer Anweisung bezweifle. Doch es war ihm wohl zu heikel, überhaupt auf das Thema Remonstration einzugehen. Also der bequeme Hinweis auf ein laufendes Verfahren.

Doch nun zum Fall Helbra: Nach den Medienberichten haben die Beamten gezögert, ange­sichts des Widerstandes des Mädchens mit der Aktion fortzufahren. Erst der Gerichts­vollzie­her habe auf Vollzug bestanden. Sollte dies zutreffen, so kann das Zögern der Polizei­beam­ten als hilfloser Versuch einer Remonstration verstanden werden, hilflos, weil sie in der Hek­tik der Situation den Gerichtsvollzieher nicht nur als legalen Auftraggeber, sondern als Dienst­vorgesetzten gesehen hätten. Doch nur ihm gegenüber wäre die Remonstration richtig adressiert gewesen. So bekam der Dienstvorgesetzte[2] nicht die Gelegenheit, den ungeheuren Imageschaden zu erkennen, der durch ein gewaltsames Vorgehen gegen ein Kind, das sich mit all seinen Kräften wehrt, unfehlbar eintreten muss.[3] Der Dienstvorgesetzte hätte erkannt – erkennen müssen – dass ein solches Vorgehen in der öffentlichen Meinung als herzlos ange­sehen werden würde, und dieses auf die Polizei zurückfällt, nicht auf die grauen Eminenzen im Hintergrund, 1. den Gerichtsvollzieher, 2. – nicht vor Ort – den Familienrichter.

Mir ist der Hinweis auf eine „politische Bearbeitung unter Beteiligung verschiedener Ministe­rien im Landtag des Landes Sachsen-Anhalt“ wichtig, denn eine politische Bewertung von Gewaltmaßnahmen gegen Kinder könnte ein Hoffnungsschimmer sein. Für die Polizei­beam­ten und den Gerichtsvollzieher war offenbar nicht erkennbar, dass auch ein Kind Recht auf Beachtung seiner Menschenwürde hat, die nicht verletzt werden darf. Die Forderung, Kinder­rechte ins Grundgesetz aufzunehmen, stößt bei den Gegnern immer auf das Argument, diese seien durch die allgemeine Menschenwürde-Garantie mit abgedeckt. Das Beispiel von Helbra zeigt das Problematische dieser Meinung. Kinderrechte gehören explizit als Menschenwürde-Anspruch ins Grundgesetz.

Damit dürfte auch der Horizont mancher Familienrechtler erheblich geweitet werden.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/03/12/die-vergewaltigung-eines-kindes-und-der-rechtsstaat/

[2] Ich nehme an, er war nicht anwesend.

[3] Der dokumentierende Vater war erkennbar und hat sich verbal eingemischt. Hier hätten alle Warnlampen aufblinken müssen.

Die Vergewaltigung eines Kindes und der Rechtsstaat

Ein achtjähriges Kind wurde gegen seinen lebhaft geäußerten Willen vor den Augen seiner Mitschüler, seiner Lehrerin, vielleicht auch der Schulleitung mit Polizeigewalt auf Anordnung und im Beisein eines Gerichtsvollziehers aus dem Unterricht gezerrt und schreiend in ein Polizeiauto verfrachtet[1]. Der Vergleich mit Nazischergen verbietet sich, denn wir leben in einem Rechtsstaat. Darf der so handeln?

Zunächst einmal: Im Prinzip ja. Es gab einen Rechtstitel und der musste vollzogen werden, wie auch bei den Abschiebungen unserer abgelehnten Asylbewerber, wie bei der Festnahme von Delinquenten, deren Widerstand notfalls gebrochen wird. Auch Angeklagte werden gegebenenfalls gefesselt in den Gerichtssaal gebracht.

Doch wie steht es mit der Verhältnismäßigkeit?

Ich war 15 Jahre als Polizeipfarrer und schon davor mit ethischen Fragen staatlicher Gewalt beschäftigt bis hin zum „Todesschuß“, der als „Rettungsschuß“ bezeichnet ein moralischer Kurzschluss ist.

Es gibt eine Faustregel für Polizeibeamte: Ein Polizeieinsatz darf keine Situation hinterlassen, die polizeiwidriger ist als die Ausgangssituation.

So etwas kommt allerdings vor und wirft immer die Frage auf: War der Einsatz umsichtig vorbereitet und wird er offen und ehrlich nachbereitet? Hinterher ist man immer klüger, sollte man jedenfalls werden.

Zunächst die Abwägung der Rechte: Zur Durchsetzung des Rechtstitels war wohl erst einmal die Abholung aus der väterlichen Wohnung geplant, doch man sagte den Termin ab. Wahr­scheinlich fürchtete man den Widerstand des Vaters. Der war damit vorgewarnt und die Staatsdiener liefen in die Öffentlichkeitsfalle: Der Vater dokumentierte per Kamera. Wäre dieses Video nicht entstanden, dann … Na ja, dann wäre der Vorfall genauso problematisch gewesen, hätte aber nur eine kleine Notiz im Lokalblatt ergeben. Dumm gelaufen? Nein! Denn so wird der Fall ein grundsätzlicher und kann so öffentlich wie er wurde auch öffentlich beleuchtet werden.

Einem Kind ohne eigene Rechte und damit ohne Rechtsvertretung wurde ganz legal Gewalt angetan. Wie ein Schwerverbrecher wurde es abgeführt. Ich nenne es Vergewaltigung. Die Grundlage war eine Gerichtsentscheidung, nach der – um des wie auch immer verstandenen Kindeswohles willen –der Mutter das Aufenthaltbestimmungsrecht über das Kindes zuerkannt wurde, weil der Vater nicht in der Lage sei, dem Kind ein positives Mutterbild zu vermitteln. So etwa verstehe ich den mir nicht vorliegenden Beschluss.

Ich habe als Tagungsleiter an der Evangelischen Akademie Bad Boll die Ausbildung von Anwäl­ten des Kindes, heute heißen sie Verfahrensbeistand, mit konzipiert und geleitet. Mir sind solche Fallkonstellationen vertraut. Sie sind kompliziert in ihren Details. In diesem Fall ist leider nicht bekannt, ob der Vater sich gegen Kontakte zwischen Mutter und Kind, man spricht von „Umgang“, gesperrt und diese hintertrieben hat. Das kommt häufig vor. Meist ist es die Mutter, bei der das Kind lebt und die den Umgang mit ihrem Ex nicht toleriert. Es kann gute Gründe geben, solche Umgänge nicht zu wollen, auch gute Gründe, sie nicht zu dulden. Wie das hier lag, weiß ich nicht. Immerhin lebte das Kind beim Vater, so dass anzunehmen ist, dass von ihm keine Gefahr für das Kind bestand – es sei denn, man meint, ein Kind brauche unbedingt auch im Trennungs­fall den von Fürsorglichkeit und und elterlicher Liebe geprägten Kontakt zu beiden Eltern. Das Leben spielt zuweilen anders. Wie soll nach diesem Vorfall das Mädchen ein positives Mutterbild bekommen? Wie will man die Befriedung des elterlichen Konflikts erreichen? Denn vice versa soll das Kind doch wohl auch mit einem positiven Vaterbild aufwachsen. Hier wurde ein Scherbenhaufen angerichtet.

Der ist aber noch größer:

  1. Was sollen die Mitschüler vom Staat, vertreten durch uniformierte „Freunde und Helfer“ halten, der eine Kameradin dermaßen gewaltsam abführt? Eine Ver-gewalt-igung? Den Gerichtsvollzieher werden die Kinder wohl nicht als Drahtzieher wahrgenommen haben.
  2. Was sollen die Schüler von ihrem Lehrer/ihrer Lehrerin halten, die das Kind nicht geschützt hat, sondern zugesehen, wie man ihm Gewalt angetan hat? Ich habe meine Frau gefragt, sie ist Lehrerin: Wie hättest Du …? Nein sagte sie. Sie hätte nicht geduldet, dass eine Schülerin gegen ihren Willen aus dem Unterricht geholt wird – es sei denn, die Schuldirektion hätte sie genötigt. Die habe ein höherwertiges Hausrecht. Ich nehme an, die Direktion war zugegen, denn die Polizei wird über das Direktorat gegangen sein. Damit wurde in den Augen der Schüler das Ansehen der Schule generell geschädigt, die sie als Büttel der Büttel haben amten lassen. Was wäre wohl passiert, wenn analog zum Kirchenasyl Schule und Schüler ein Schulasyl organisiert hätten?
  3. Die Öffentlichkeit wurde Zeuge dieses Teils staatlicher Gewalt und ist empört. Die Hinter­gründe dieses Falls werden aus Datenschutzgründen verborgen bleiben. Der Vater jedoch wird sich den Mund nicht verbieten lassen. So bleibt allein die öffentliche Vergewaltigung eines Kindes im Gedächtnis.
  4. So haben letztlich auch der Staat und seine Rechtsorgane Schaden genommen.

Ein Scherbenhaufen als Ergebnis eines Polizeieinsatzes. Man hätte ja, da keine Dringlichkeit bestand, nach Erfragung des Kindeswillens wieder abziehen können, auch wenn der Gerichtsvollzieher protestiert hätte. Hier ist eine möglichst öffentliche und offene Fallaufarbeitung vonnöten.

Viel wichtiger ist die Wiederherstellung des kindlichen Vertrauens, das schon durch die Trennung der Eltern hinreichend erschüttert sein dürfte, das aber nach diesem Vorfall und der erzwungenen Zuweisung an die unmütter­liche Mutter total zerrüttet sein dürfte. Die Verge­wal­ti­gung hat rechtsstaatlich triumphiert. Schlimmer konnte nicht ausgehen. Trauer muss Justitia tragen.jpg

[2]

Wenn schon das individuelle Desaster kaum zu heilen scheint: Was ist zu tun, damit solche Fälle, die ja alltäglich sind, wenn auch nicht immer so spektakulär, möglichst vermieden werden?

Kinder brauchen einen Platz als eigenständige Rechtspersonen im Grundgesetz. Die Eltern­verbände werden aufschreien. Denn das wäre ein Recht im Einzelfall auch gegen die Eltern. Ob allerdings die Kinderrechte bei externen Personen und Institutionen immer in besseren Hän­den liegen, wage ich zu bezweifeln angesichts der fehlenden Ausbildung und der notorischen Überbelastung von Familien­richtern in Kindesangelegenheiten, die eben nicht allein juristisch zu behandeln sind. Auch Ver­fahrensbei­stände haben zuweilen nicht das Kind im Kopf, sondern ihre eigenen Vor­stellun­gen, wohin ein Kind gehört und wie es notfalls genötigt oder gar gezwungen werden sollte.

Auf dem Schlachtfeld partnerschaftlicher Auseinandersetzungen werden die Kinder leicht zu Opfern der „elterlichen Liebe“. Bei Scheidungen könnte, könnte ein Richter ja noch daran denken, wie der Scheidungskrieg zugunsten der Kinder eingehegt werden müsste. Diese primäre Schutzmöglichkeit fällt bei eingetragenen Partnerschaften oder gar beim ungeregelten Zusammenleben weg.

„Wenn Elefanten streiten, leidet das Gras.“

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/03/10/oeffentliche-kindesentfuehrung/

[2] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8577129580/

Öffentliche Kindesentführung

Wie ein Stück Vieh wurde eine Achtjährige in Helbra von der Polizei aus ihrer Schule abgeholt und gegen ihren verbalen und körperlichen Widerstand in ein Polizeiauto verfrachtet um sie der Mutter zuzuführen. Die war dabei nicht anwesend, dafür aber der Vater, der den Vorgang per Videoaufnahme dokumentierte[1], was ihm nun zum Vorwurf gemacht wird.

Ohne Aktenkenntnis lässt sich über den familiären Hintergrund dieses Kampfes um den Besitz des Kindes nichts sagen. Offenbar lag ein Gerichtsbeschluss vor, dass das Kind zu seiner Mutter sollte. Entsprechend war ein Gerichtsvollzieher vor Ort, der – nach Medienangaben auf Vollzug drängte.Kreidekreis [2].

So kam es zum einem völlig unangemessenen Polizeieinsatz, der nicht nur das Kind bis zur Traumatisierung belastet haben dürfte, sondern auch – wieder nach Medienberichten – bei den Augenzeugen und den Bewohnern in Helbra Fassungslosigkeit hinterließ.

Ich habe mich wegen dieses Einsatzes an den Lt. Polizeidirektor Herrn Mario Schwan gewandt und ihn gefragt, ob in solchen Fällen das Recht auf Remonstration[3] besteht.

Hier mein Mail: helbra

Zwar sind solche Fälle selten, doch ich kenne mindestens einen weiteren. Wie auch immer der rechtliche Hintergrund, und erst der familiäre beschaffen sein mag: Hier lag nach meiner Einschätzung ein Verstoß gegen Menschen- und Kinderrechte vor. Es wird Zeit, dass die Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden.

Die Begründung, man habe nur seine Pflicht getan, weckt fürchterliche Erinnerungen an Deutschlands Vergangenheit.

Fußnoten

[1] Aus der Fülle ähnlich lautender Medienberichte sei nur https://www.mz-web.de/landkreis-mansfeld-suedharz/familien-drama-in-helbra-maedchen-schreit-und-wehrt-sich–minister-kritisiert-einsatz-29838660 genannt. Hier ist auch das Video zu sehen.

[2] Illustration aus: https://www.deutscher-verein.de/de/presse-2014-damit-der-urlaub-die-schoenste-zeit-des-jahres-bleibt-kindesentfuehrungen-durch-beratung-und-information-bestmoeglich-verhindern-1227,68,1000.html

[3] https://www.dbb.de/lexikon/themenartikel/r/remonstrationspflicht.html

Ehe kaputt – und die Kinder?

Posted in Gesellschaft, Justiz, Kinder, Kindeswohl, Kultur, Leben, Psychologie, Recht, Soziologie, Staat by dierkschaefer on 7. März 2018

Die werden oft zwecks Konfliktfortsetzung mit anderen Mitteln zwischen den streitenden Ex-Partnern missbraucht.

Trennungskinder haben es ohnehin nicht gut, soweit die Trennung ihrer Eltern für sie keine Lösung darstellt, was zuweilen der Fall ist.

Abgesehen davon gibt es zwei grundsätzliche Szenarien:

  1. Die konfliktfrei gehaltene Fortsetzung elterlicher Verantwortung

Die Ex-Partner handeln ohne Haß und Resentiments Lösungen für ihre Kinder aus, die im Sinne der Kinder sind. Dazu gehören Entscheidungen über den Lebensort des Kindes und eine Regelung der Kontakte mit dem Elternteil, bei dem das Kind nicht lebt. Umgangsregelung nennt man das. Damit sie gelingt, müssen die Eltern in der Lage sein, ohne Groll Termine zu ermöglichen, müssen Terminverschiebungen gemeinsam organisieren, kurz: im Interesse des Kindes flexibel sein. Es darf dabei aber kein Misstrauen aufkommen. Als Grundlage der Vereinbarung muss gelten: Keine Instrumentalisierung des Kindes für einen fortgesetzten Partnerstreit. Beide Elternteile müssen nicht nur die psychische Belastung der Kinder durch die Trennung sehen, sondern auch, dass „logistische“ Probleme das Leben der Kinder erschweren. Welches Kind, mehr noch, welcher Jugendliche will schon immer stur nach Plan alle zwei Wochen den Vater/die Mutter besuchen müssen, wenn etwas anderes auf seinem Plan steht, eine Verabredung mit Freunden, eine Geburtstagseinladung u.a.m.? Mit gutem Willen aller Beteiligten kommen keine Irritationen auf. Termine werden unproblematisch verschoben, aber auch mal ausgelassen.

Nun wird als Normalmodell die Doppelresidenz der Kinder propagiert. Dabei sollen die Kinder mit mehr oder weniger gleichen Zeitanteilen mal bei dem Einen mal bei der Anderen wohnen.

Es ist schwer, sich keine Feinde zu machen, wenn man auf Begleitprobleme hinweist. Ich habe den Eindruck, dass das Wechselmodell als Hebel von „entsorgten Eltern“ benutzt wird, um einen unproblematischen, weil gesetzlich allgemein vorgegebenen Zugang zu ihren Kindern zu bekom­men. Dazu passt, dass Hinweise auf wertfreie logistische Probleme, wie sie fallweise vorkommen, nicht reagiert wird. So ist das Wechsel- oder Doppelresidenzmodell leichter zu leben, wenn die Ex-Partner am selben Ort leben, wenn beide ein Kinderzimmer bieten können, wenn die Schule für beide Residenzen dieselbe bleibt – und damit auch der Freundeskreis, und wenn beide ihren Beruf mit der Aufgabe der Kindererziehung in Einklang bringen können. Eine Scheidung hinterlässt jedoch oft eine alleinerziehende Mutter, die Zeit hat, solange sie von den Unterhaltszahlungen für ihr Kind und von Sozialhilfe leben kann, und einen Vater, dessen Finanzen durch die Unterhaltszahlung so strapaziert sind, dass er sich nach dem Auszug nur noch eine kleine Wohnung leisten kann. Das hindert die Verfechter aber nicht daran, sich ein vom Gericht verordnetes Wechselmodell zu wünschen. Gar nicht zu denken an möglicherweise erforderliche Zwangsmaßnahmen gegen eine „renitente“ Mutter.

Eine Prüfung des Kindeswohls im Einzelfall wird auch nicht angestrebt. Die ist allerdings im Umgangsmodell vorgesehen, auch wenn sie oft nicht beachtet wird. Die Verfechter dieses Modells beklagen wohl nicht ganz unbegründet die Frauendominanz in den mit Umgangs­proble­men befassten Berufsgruppen und unterstellen eine Frauensolidarität, die es den Kindern verwehrt, den ausgegrenzten Vater (meist sind es die Väter) als liebevollen und um das Wohl seines Kindes besorgten Vaters zu erleben. In meiner beruflichen Praxis habe ich eine Vielzahl solcher Fallkonstellationen kennengelernt, aber auch gelernt, wie wichtig es ist, gerade in diesem emotional hochbelasteten Bereich alle Beteiligten zu hören, bevor man urteilt. Und damit bin ich beim zweiten Szenario.

  1. Die Fortsetzung des Partnerschaftsstreits der Ex-Partner auf dem Rücken ihrer Kinder.

Da geht es um nicht verarbeitete Kränkungen, ums Recht-haben-wollen, um den „Besitz“ der Kinder, auch um finanzielle Fragen, bei denen sich entsorgte Väter zum Zahlvater ohne Rechte degradiert sehen und ihrerseits alle Hebel in Bewegung setzen, um Kontakt zu ihrem Kind zu bekommen. Die Irrationalität der Erwachsenen wird deutlich, wenn man sich anschaut, wie viele Eltern froh wären, wenn sie auch mal „kinderfrei“ haben könnten und sich jemand anders gut um die Kinder kümmert. Solche Gedanken sind diesen Ex-Partnern fremd.

Wir haben an der Evangelischen Akademie Bad Boll in meiner „Tagungsreihe Kinderkram“ nicht nur in vielen Tagungen das Thema Kindeswohl mit vielen Fachleuten behandelt, sondern mit diesen Fachleuten auch die Fort- und Weiterbildung für den Anwalt des Kindes konzipiert und angeboten. Der „Anwalt“ als männlicher Begriff konnte natürlich in einem Umfeld nicht überleben, in dem ohne sprachliches Problembewusstsein oder Feingefühl von „Vormünderin“ gesprochen wird. So wurde aus dem Anwalt des Kindes erst der Verfahrenspfleger, dann der Verfahrensbeistand. Irgendwann mutiert der auch noch zur Beiständerin – doch das nur nebenbei.

Weil Verfahrensbeistände nur in strittigen Verfahren eingesetzt werden, wenn überhaupt, lag unser Augenmerk auf solchen Verfahren und ihren Folgen.

Ausgangspunkt war eine Reflexion über Partnerschaften, die Gründe für ihr Scheitern und das Erleben von Kindern. Hier dieser Teil des Skripts. (Die Zahlen auf schwarzem Grund im Text sind Verweise auf die benutzten Folien.) trennung und scheidung 1

Der Blick auf die „Value of Children“-Forschung (VOC) sollte manches Verhalten der zerstrittenen Partner erklären helfen. trennung und scheidung 2

Und schließlich das Hauptdilemma: PAS, das parental alienation syndrom. trennung und scheidung 3 Dabei wird nicht immer das Kind bewusst-absichtlich zum Verbündeten konditioniert und damit dem anderen Elternteil entfremdet. Das kann auch ganz unterschwellig gehen. Eine „Notdyade“ nämlich, aus der Not geboren; und wer stört, ist (meist) der Vater, der durch seine Interventionen das Feindbild auch noch bestätigt. Mir sagte ein Vater nach einem Jahr: „Jetzt habe ich Zugang zu meinem Kind. Ich habe auf sämtliche Rechtsmittel verzichtet. Nun hat meine Ex keine Angst mehr.“

Auch das familiäre Netz für Krisensituationen funktioniert nur bedingt, denn es sortiert sich sehr schnell in meine-Verwandtschaft/deine-Verwandtschaft, meine-Freunde/deine Freunde. Und wenn ein Außenstehender, Jugendamt, Verfahrensbeistand, Gutachter o.ä. die eigene Sicht stört, dann wird er ohne Ansehen der Argumente der Gegenseite zugeschlagen. Mir schickte einmal die neue Partnerin des Vaters das psychologische Gutachten per Fax. Sie hätte gern ein Kind gehabt und wollte auf das vorhandene zurückgreifen. Meterlang quoll das Thermopapier aus dem Faxgerät. Ich las und sah: Der Gutachter hatte Recht. Das sah die Frau anders und ich wurde zum Gegner.

Trennungskinder haben es schwer, fallweise unerträglich schwer. Ich bezweifele, dass die Doppelresidenz als Normallösung die Probleme höchst strittiger Fälle lösen kann. Uneinsichtige Eltern kann man weder zwangsberaten noch zwangstherapieren, allenfalls zwangsinformieren. Sie nehmen sich selbst zu wichtig – das kann schon Grund für die Trennung gewesen sein, bei der sie ihre Verantwortung für die Kinder nicht wahrgenommen haben. Damit meine ich keine Fälle von Misshandlung oder Missbrauch.

Eine neue Studie der Bremer Universität wurde gerade angekündigt. Der Titel und das Interview mit dem Leiter der Studie erwecken Hoffnungen:

Stefan Rücker, Wie erleben Kinder Trennungen?http://www.radiobremen.de/bremenzwei/sendungen/zwei-nach-eins/ruecker100-popup.html

Wie Eltern Trennungen erleben ist für sie durchaus wichtig, aber ihre eigene Angelegenheit, schließlich tragen sie oder einer von ihnen die Verantwortung für die Trennung. Wichtiger ist, wie Kinder die Trennung ihrer Eltern erleben und dass daraus die für die Kinder besten Rückschlüsse gezogen werden.

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Aus dem Brief einer jungen Frau (Originaltext): „also ehrlich, mit meinen eltern zu reden war relativ einfach: von dienstag bis freitag war das leben schön, am samstag und sonntag mußte ich schlecht über meine mutter reden, von sonntag abend bis montag schlecht über meinen vater, dann waren alle zufriedengestellt. es war eine frage der dosierung: erzähl ich zu wenig, sind sie nicht zufrieden, erzähl ich zu viel, dann streiten sie unter der woche miteinander.

ob mir das damals so bewußt war?“

Deutschland – Rabenvaterland

Kind zu sein kann schwierig sein, geradezu gefährlich, wie man immer wieder liest.

Kürzlich griff die FAZ das Thema sogar auf der ersten Seite auf: „Im Zweifel für das Kindeswohl“:

Dass das eigene Kind einem pädophilen Sexualstraftäter zum Op­fer fallen könnte, ist eine unerträgli­che Vorstellung. Der elterliche Schutz von Kindern ist ein menschlicher Urinstinkt. Der Breisgauer Missbrauchsfall ist deshalb so erschütternd, weil sich der Beschützerinstinkt der Eltern in sein perverses Gegenteil verkehrt hat: Die Mutter des neunjährigen Jun­gen und ihr Lebensgefährte, den das Kind „Papa“ nannte, haben ihm selbst die schlimmsten Qualen zugefügt und dabei zugeschaut, wie andere Pädokriminelle das Kind gegen Bezahlung se­xuell missbraucht haben. Schutzloser kann ein Kind nicht sein. Es wäre hier Aufgabe des Staates ge­wesen, für das Kind da zu sein. Die Be­hörden und Gerichte hätten den Jun­gen in Sicherheit bringen müssen. Zwar schützt das Grundgesetz die Fa­milie als Einheit, der Staat hat sich zu­rückzuhalten. Kinder von ihren Eltern zu trennen, darf nur das letzte Mittel sein – aber es muss auch das letzte Mit­tel sein, wenn Gefahren für das kör­perliche oder seelische Wohl des Kin­des drohen. [1]

Doch was ist los mit diesem Staat? „Den Staat“ gibt es hier nur in seinen pluralen Verpuppungen:

  • Als Gesamtstaat, der sich weigert, Kindern und ihren Rechten einen Platz explizit im Grundgesetz zu gewähren.
  • Als Bundesrat, der im Interesse der Bundesländer die Kosten für Kinder eng begrenzt sehen will, mit Rücksicht auf
  • die Kommunen. Sie müssen schließlich die Sozialkosten tragen, also auch die Kosten für die Jugendhilfe – und sie sperren sich, soweit es geht.

Bei so zersplitterten Zuständigkeiten ist niemand so recht verantwortlich, und wenn es – leider oft genug – schiefläuft, sucht man nach einem Schuldigen. Im Freiburger Fall ist es die Mutter. Für rechtzeitige professionelle Kooperationen vor Ort (Jugendamt, Jugendhilfe-Einrichtungen, Beratungsstellen, Gericht, Verfahrensbeistände, Rechtsanwälte) ist man zu bequem, man kennt wohl auch die Fachliteratur nicht. Dabei weiß man sehr gut, dass Eltern nicht nur Schicksal sind, sondern oft auch Schicksalsschläge.

Was das für die Kinder bedeutet, kommt nur als Spitze eines Eisbergs ans Tageslicht.Eisberg

Als ich meine Zusammenfassung „Für eine neue Politik in Kinder- und Jugendlichen-Angelegenheiten“[2] verfasste, war mir die starke Position der Sozialkonzerne, aber auch kleinerer Jugendhilfe-Einrichtungen noch nicht klar: Kinder sind in unserem Land gar nicht vernachlässigt, sie sind ein Geschäftsmodell. Das wurde in der Heimkinderdebatte deutlich, trifft aber auch neuere Jugendhilfemodelle[3], an deren Beispiel deutlich wurde, dass die Jugendhilfe-Marktbetreiber nicht wirksam zu kontrollieren sind, weil sie die „Marktordnung“ maßgeblich bestimmt haben.[4] Marktaufsicht? Weitgehend Fehlanzeige.

Das Thema ist hochkompliziert – und die Politik überfordert. Lediglich die Medien greifen strukturelle Missstände auf, wie oben genannt die FAZ, oder heute die Basler Zeitung mit dem Titel „Das grosse Geschäft mit dem Kindswohl“[5]

An die FAZ schrieb ich einen Leserbrief:

Strukturfehler beim Kinderschutz

Wenn „Kindeswohl“ prominent auf der ersten Seite einer seriösen, nicht sensationsgeilen Tageszeitung erscheint, muss es einen gravierenden Grund geben. Es geht nicht um nur einen der vielzuvielen Einzelfälle von Kindesmissbrauch, – misshandlung oder grober Vernachläs­sigung, sondern um strukturelle Fehler, die solche Fälle begünstigen. Der Fall im Breisgau – er ist hier nicht darzustellen – zeigt in besonders eklatanter Weise diese Fehler auf und sie werden von der Autorin auch benannt. Die Gerichte und das zuständige Jugendamt haben mitt­lerweile selbst eine Aufarbeitung an­gekündigt. Das zeigt die Fortschritte in der Fehlerkultur der Justiz, schreibt sie weiter. Ich fürchte, da irrt sie sich. Natürlich mussten die beteiligten Behörden nach diesem grobem Fall so reagieren, aber Zerknirschung oder eine Demutshaltung ist das nicht. Denn die Schuldige steht fest: Die Mutter. In der hatte man sich geradezu kollegial getäuscht.

Ich bin als ehemaliger Tagungsleiter in diesem Themenbereich mit der Materie vertraut. Die Evangelische Akademie Bad Boll hat zusammen mit der Fachhochschule Esslingen ein Curriculum zur Ausbildung von Verfahrensbeiständen, zu Beginn sprach man vom Anwalt des Kindes, entwickelt und trotz vieler Widerstände einige Jahre durchgeführt. Widerstände?

Auf politischer Seite meinte man, eine Ausbildung brauche man dafür nicht. Ehrenamtliche könnten das machen, oder aber Juristen. Die Länder sorgten dafür, dass eine erforderliche Ausbildung nicht ins Gesetz kam. Als die Professionalisierung schließlich nicht mehr aufzuhalten war, setzten sie sich erfolgreich für die pauschalierte Bezahlung der Verfahrensbeistände ein in einer Höhe, zu der professionelle Arbeit nicht zu leisten ist. Damit ist der eine Struktur­fehler benannt: Der Spar-Föderalismus in Kinderschutzbelangen. Ein weites Feld, das hier nicht abgeschritten werden kann.

Der zweite Strukturfehler ist die Bedeutung des Elternrechts. Das ist wirklich hoch zu schätzen, darf aber keine heilige Kuh sein. Eltern sind zwar Schicksal –zuweilen aber Schicksalsschläge. Hier ist das Wächteramt des Staates gefordert. Doch der weigert sich bis heute, Kinderrechte ins Grundgesetz zu schreiben. Die könnten schließlich in Konkurrenz zu den Elternrechten treten.

Der dritte Strukturfehler liegt in der Aus- und Fortbildung der Richter. Siegfried Willutzki, Gründer des Deutschen Familiengerichtstags, hat sich mehrfach auf unseren Tagungen über Kollegen beklagt, die unter Berufung auf ihre Unabhängigkeit Fortbildung verweigern. Familienrichter stehen in der Bedeutung innerhalb des Justizsystems ohnehin nicht an herausragender Stelle. Die Funktion wird zuweilen einem Berufsanfänger aufgedrückt, der froh sein kann, wenn er vom jeweiligen Jugendamtsleiter in die Materie eingeführt wird, denn Familienrecht hatte er an der Universität links liegen lassen. In unseren Kursen zum Anwalt des Kindes fiel allen Beteiligten immer wieder die große Differenz im Denken von Juristen und Sozialpädagogen auf. Da kamen verschiedene Welten zusammen. Einig war man sich, dass ein solcher Kurs nicht nur für angehende Verfahrensbeistände, sondern auch für jeden Familienrichter unabdingbar sein sollte. Doch es geht ja nur um „Familie und das ganze Gedöns“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man für ein großes Konkursverfahren einen Richter bestellt, der von Ökonomie keine Ahnung hat.

Kinderbelange haben in unserem Land keine Priorität, also auch nicht bei Politikern. Erst wenn etwas passiert, merkt man auf. Mehr passiert aber auch nicht.

Deutschland – ein Rabenvaterland.

 

Der im Leserbrief genannte Siegfried Willutzki gab vor wenigen Tagen ein Interview[6]. Doch ich fürchte, auch das Interview eines versierten, renommierten Fachmannes wird die Politiker nicht zu wirklichen Reformen motivieren. Die produzieren lieber ideologisch geprägte Schulversuche (zulasten der Kinder) oder propagieren „Inklusion“, für die sie aber möglichst kein Geld ausgeben wollen (zulasten der Kinder).

Als ich diese Graphik zusammenstellte, standen Misshandlung und Missbrauch noch nicht so im Focus. Doch die Zusammenhänge werden deutlich.

der wert von kindern

Fußnoten

[1] von Helene Bubrowski, FAZ, Dienstag, 23. Januar 2018, S. 1

[2] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/11/fc3bcr-eine-neue-politik.pdf

[3] https://www.shz.de/regionales/schleswig-holstein/politik/friesenhof-skandal-so-wehren-sich-betreiber-gegen-eine-kinderheim-reform-id10039671.html

[4] Die Zahnlosigkeit der Gesetze zum Recht von Schutzbefohlen, 24. Juni 2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

[5] „Das grosse Geschäft mit dem Kindswohl“ Wie private Sozialfirmen mit Steuergeldern und ohne Erfolgskontrolle wirtschaften. Die Zahl der Personen, die im Sozialwesen tätig sind, hat sich seit 1991 verdoppelt. https://bazonline.ch/schweiz/standard/das-grosse-geschaeft-mit-dem-kindswohl/story/27864419

[6] https://www.swr.de/swraktuell/bw/suedbaden/interview-mit-familienrechtler-willutzki-voellig-unangemessen/-/id=1552/did=21064478/nid=1552/1p45kyw/index.html