Dierk Schaefers Blog

Deutschland – Rabenvaterland

Kind zu sein kann schwierig sein, geradezu gefährlich, wie man immer wieder liest.

Kürzlich griff die FAZ das Thema sogar auf der ersten Seite auf: „Im Zweifel für das Kindeswohl“:

Dass das eigene Kind einem pädophilen Sexualstraftäter zum Op­fer fallen könnte, ist eine unerträgli­che Vorstellung. Der elterliche Schutz von Kindern ist ein menschlicher Urinstinkt. Der Breisgauer Missbrauchsfall ist deshalb so erschütternd, weil sich der Beschützerinstinkt der Eltern in sein perverses Gegenteil verkehrt hat: Die Mutter des neunjährigen Jun­gen und ihr Lebensgefährte, den das Kind „Papa“ nannte, haben ihm selbst die schlimmsten Qualen zugefügt und dabei zugeschaut, wie andere Pädokriminelle das Kind gegen Bezahlung se­xuell missbraucht haben. Schutzloser kann ein Kind nicht sein. Es wäre hier Aufgabe des Staates ge­wesen, für das Kind da zu sein. Die Be­hörden und Gerichte hätten den Jun­gen in Sicherheit bringen müssen. Zwar schützt das Grundgesetz die Fa­milie als Einheit, der Staat hat sich zu­rückzuhalten. Kinder von ihren Eltern zu trennen, darf nur das letzte Mittel sein – aber es muss auch das letzte Mit­tel sein, wenn Gefahren für das kör­perliche oder seelische Wohl des Kin­des drohen. [1]

Doch was ist los mit diesem Staat? „Den Staat“ gibt es hier nur in seinen pluralen Verpuppungen:

  • Als Gesamtstaat, der sich weigert, Kindern und ihren Rechten einen Platz explizit im Grundgesetz zu gewähren.
  • Als Bundesrat, der im Interesse der Bundesländer die Kosten für Kinder eng begrenzt sehen will, mit Rücksicht auf
  • die Kommunen. Sie müssen schließlich die Sozialkosten tragen, also auch die Kosten für die Jugendhilfe – und sie sperren sich, soweit es geht.

Bei so zersplitterten Zuständigkeiten ist niemand so recht verantwortlich, und wenn es – leider oft genug – schiefläuft, sucht man nach einem Schuldigen. Im Freiburger Fall ist es die Mutter. Für rechtzeitige professionelle Kooperationen vor Ort (Jugendamt, Jugendhilfe-Einrichtungen, Beratungsstellen, Gericht, Verfahrensbeistände, Rechtsanwälte) ist man zu bequem, man kennt wohl auch die Fachliteratur nicht. Dabei weiß man sehr gut, dass Eltern nicht nur Schicksal sind, sondern oft auch Schicksalsschläge.

Was das für die Kinder bedeutet, kommt nur als Spitze eines Eisbergs ans Tageslicht.Eisberg

Als ich meine Zusammenfassung „Für eine neue Politik in Kinder- und Jugendlichen-Angelegenheiten“[2] verfasste, war mir die starke Position der Sozialkonzerne, aber auch kleinerer Jugendhilfe-Einrichtungen noch nicht klar: Kinder sind in unserem Land gar nicht vernachlässigt, sie sind ein Geschäftsmodell. Das wurde in der Heimkinderdebatte deutlich, trifft aber auch neuere Jugendhilfemodelle[3], an deren Beispiel deutlich wurde, dass die Jugendhilfe-Marktbetreiber nicht wirksam zu kontrollieren sind, weil sie die „Marktordnung“ maßgeblich bestimmt haben.[4] Marktaufsicht? Weitgehend Fehlanzeige.

Das Thema ist hochkompliziert – und die Politik überfordert. Lediglich die Medien greifen strukturelle Missstände auf, wie oben genannt die FAZ, oder heute die Basler Zeitung mit dem Titel „Das grosse Geschäft mit dem Kindswohl“[5]

An die FAZ schrieb ich einen Leserbrief:

Strukturfehler beim Kinderschutz

Wenn „Kindeswohl“ prominent auf der ersten Seite einer seriösen, nicht sensationsgeilen Tageszeitung erscheint, muss es einen gravierenden Grund geben. Es geht nicht um nur einen der vielzuvielen Einzelfälle von Kindesmissbrauch, – misshandlung oder grober Vernachläs­sigung, sondern um strukturelle Fehler, die solche Fälle begünstigen. Der Fall im Breisgau – er ist hier nicht darzustellen – zeigt in besonders eklatanter Weise diese Fehler auf und sie werden von der Autorin auch benannt. Die Gerichte und das zuständige Jugendamt haben mitt­lerweile selbst eine Aufarbeitung an­gekündigt. Das zeigt die Fortschritte in der Fehlerkultur der Justiz, schreibt sie weiter. Ich fürchte, da irrt sie sich. Natürlich mussten die beteiligten Behörden nach diesem grobem Fall so reagieren, aber Zerknirschung oder eine Demutshaltung ist das nicht. Denn die Schuldige steht fest: Die Mutter. In der hatte man sich geradezu kollegial getäuscht.

Ich bin als ehemaliger Tagungsleiter in diesem Themenbereich mit der Materie vertraut. Die Evangelische Akademie Bad Boll hat zusammen mit der Fachhochschule Esslingen ein Curriculum zur Ausbildung von Verfahrensbeiständen, zu Beginn sprach man vom Anwalt des Kindes, entwickelt und trotz vieler Widerstände einige Jahre durchgeführt. Widerstände?

Auf politischer Seite meinte man, eine Ausbildung brauche man dafür nicht. Ehrenamtliche könnten das machen, oder aber Juristen. Die Länder sorgten dafür, dass eine erforderliche Ausbildung nicht ins Gesetz kam. Als die Professionalisierung schließlich nicht mehr aufzuhalten war, setzten sie sich erfolgreich für die pauschalierte Bezahlung der Verfahrensbeistände ein in einer Höhe, zu der professionelle Arbeit nicht zu leisten ist. Damit ist der eine Struktur­fehler benannt: Der Spar-Föderalismus in Kinderschutzbelangen. Ein weites Feld, das hier nicht abgeschritten werden kann.

Der zweite Strukturfehler ist die Bedeutung des Elternrechts. Das ist wirklich hoch zu schätzen, darf aber keine heilige Kuh sein. Eltern sind zwar Schicksal –zuweilen aber Schicksalsschläge. Hier ist das Wächteramt des Staates gefordert. Doch der weigert sich bis heute, Kinderrechte ins Grundgesetz zu schreiben. Die könnten schließlich in Konkurrenz zu den Elternrechten treten.

Der dritte Strukturfehler liegt in der Aus- und Fortbildung der Richter. Siegfried Willutzki, Gründer des Deutschen Familiengerichtstags, hat sich mehrfach auf unseren Tagungen über Kollegen beklagt, die unter Berufung auf ihre Unabhängigkeit Fortbildung verweigern. Familienrichter stehen in der Bedeutung innerhalb des Justizsystems ohnehin nicht an herausragender Stelle. Die Funktion wird zuweilen einem Berufsanfänger aufgedrückt, der froh sein kann, wenn er vom jeweiligen Jugendamtsleiter in die Materie eingeführt wird, denn Familienrecht hatte er an der Universität links liegen lassen. In unseren Kursen zum Anwalt des Kindes fiel allen Beteiligten immer wieder die große Differenz im Denken von Juristen und Sozialpädagogen auf. Da kamen verschiedene Welten zusammen. Einig war man sich, dass ein solcher Kurs nicht nur für angehende Verfahrensbeistände, sondern auch für jeden Familienrichter unabdingbar sein sollte. Doch es geht ja nur um „Familie und das ganze Gedöns“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man für ein großes Konkursverfahren einen Richter bestellt, der von Ökonomie keine Ahnung hat.

Kinderbelange haben in unserem Land keine Priorität, also auch nicht bei Politikern. Erst wenn etwas passiert, merkt man auf. Mehr passiert aber auch nicht.

Deutschland – ein Rabenvaterland.

 

Der im Leserbrief genannte Siegfried Willutzki gab vor wenigen Tagen ein Interview[6]. Doch ich fürchte, auch das Interview eines versierten, renommierten Fachmannes wird die Politiker nicht zu wirklichen Reformen motivieren. Die produzieren lieber ideologisch geprägte Schulversuche (zulasten der Kinder) oder propagieren „Inklusion“, für die sie aber möglichst kein Geld ausgeben wollen (zulasten der Kinder).

Als ich diese Graphik zusammenstellte, standen Misshandlung und Missbrauch noch nicht so im Focus. Doch die Zusammenhänge werden deutlich.

der wert von kindern

Fußnoten

[1] von Helene Bubrowski, FAZ, Dienstag, 23. Januar 2018, S. 1

[2] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/11/fc3bcr-eine-neue-politik.pdf

[3] https://www.shz.de/regionales/schleswig-holstein/politik/friesenhof-skandal-so-wehren-sich-betreiber-gegen-eine-kinderheim-reform-id10039671.html

[4] Die Zahnlosigkeit der Gesetze zum Recht von Schutzbefohlen, 24. Juni 2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

[5] „Das grosse Geschäft mit dem Kindswohl“ Wie private Sozialfirmen mit Steuergeldern und ohne Erfolgskontrolle wirtschaften. Die Zahl der Personen, die im Sozialwesen tätig sind, hat sich seit 1991 verdoppelt. https://bazonline.ch/schweiz/standard/das-grosse-geschaeft-mit-dem-kindswohl/story/27864419

[6] https://www.swr.de/swraktuell/bw/suedbaden/interview-mit-familienrechtler-willutzki-voellig-unangemessen/-/id=1552/did=21064478/nid=1552/1p45kyw/index.html

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#meetoo „Ich möchte doch auch mal“ – Eine Kurzgeschichte

Posted in Gesellschaft, Humor, Kultur, Leben, Moral, Psychologie by dierkschaefer on 13. Januar 2018

Ja, ich bin etwas schüchtern. Darum hat meine Mamma mich auch zu einer Therapeutin geschickt. Die ist eigentlich genau richtig für mich, so mütterlich. Sie soll mein Selbst­vertrauen stärken. Ich habe auch schon Fortschritte gemacht.

Neulich, auf dem Weg zu ihr, fuhr vor mir ein BMW-Cabrio mit einer Stuttgarter Autonum­mer, die mich richtig mutig machte: S-EX 666. Am Steuer eine tolle Blondine. Fast hätte ich WOW! gerufen, hab’s mir aber verkniffen. Bei rot, an der Kreuzung, fuhr ich links neben sie, kurbelte aufgeregt das Beifahrerfenster runter und beugte mich rüber: „Entschuldigung! Sie … Sie haben aber eine interessante Autonummer.“ Sie guckte mich kaum an und gab Gas. Die Ampel war grün, aber ich würgte den Motor ab. Hinter mir Gehupe. Vor Aufregung passierte mir das nochmal. Ich wurde gestikulierend rechts überholt. Mit hochrotem Kopf fuhr ich los und kam schließlich bei meiner Therapeutin an. Stockend erzählte ich ihr die ganze Geschichte. Da setzte sie sich neben mich und legte mir tröstend ihren Arm um.

Ich weiß wirklich nicht, wie es kam. Plötzlich hatte ich ihr die Hand auf den Busen gelegt. „Du Schwein!“, kreischte sie und stieß mich von sich. Nun weiß ich gar nicht mehr weiter.

Domina

 

Den kriege ich schon noch hin. Ich bin D. Oberst, seine Therapeutin, und habe ihm auferlegt, seine Übergriffigkeit öffentlich zu bekennen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Photo: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/5867356878/

1 Weihnachtsfest mit 2 Diakonissen

Marianne wurde »um Mitternacht in einer Straßenbahn geboren. Man brachte sie in das Aachener Klinikum. „Im Taufregister stand, dass ich am 19.03.1950 notgetauft wurde.“« »Kurz nach ihrem ersten Geburtstag wurde sie in ein Waisenhaus und im Januar 1956 ins Johanna-Helenen-Heim der Orthopädischen Anstalten Volmarstein, bei Hagen, verlegt.«

Sie war „immer vom Schicksal gebeutelt,“ sagt ihre Schulfreundin Roswitha; sie hatte salopp gesagt die Arschkarte gezogen, von Beginn an: »Meist stand sie in der Ecke links neben der Schultafel. Stockhiebe waren ihr tägliches Brot. Mittags der Schule entronnen, wurde sie von den frommen Schwestern malträtiert. … Zwangsarbeiten schon mit sieben bis zehn Jahren. Fünfzehn Nachttöpfchen musste sie zusammenschütten und zum Klo tragen. Ihr dabei besudeltes Kleidchen wurde nur alle vierzehn Tage ausgewechselt. Mit elf Jahren säuberte sie eine menstruierende junge Frau. „Jedesmal, wenn ich C. gewaschen und fertig angezogen hatte, spuckte sie mir zum Dank dafür ins Gesicht.“«

Und nun kam wieder einmal Weihnachten. Frohe Erwartungen hatte sie nicht.

»R. und ich waren die einzigen Kinder, die nicht nach Hause fahren konnten. Schwester E. kam in unseren Schlafsaal und brachte uns je ein Paket. Ich hatte noch nie ein Paket bekommen. Eine Schulklasse hatte für uns Kinder gesammelt und die Sachen geschickt. So richtig freuen konnte ich mich nicht darüber. Wenn etwas Brauchbares für die Schwestern dabei wäre, würden sie uns ja doch wieder alles abnehmen.

Doch, oh Wunder, Schwester E. verließ den Schlafsaal. Ich fing an, mein Paket ganz vorsichtig auszupacken. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Kinderbücher. Neben den Büchern war etwas Längliches in ein Geschenkpapier eingewickelt. Ich nahm es und packte es ganz vorsichtig aus. Es war eine gebrauchte Puppe. Der Kopf war aus Porzellan. An der Stirn hatte sie einen kleinen Sprung. Außerdem hatte sie einen lustigen Pferdeschwanz. Der Körper war ganz aus Stoff. Sie war ungefähr 35 cm groß. An der Puppe war ein Zettel mit ihrem Namen befestigt. Sie hieß Beate und ich liebte sie sofort.

Um keinen Preis wollte ich die Puppe den Schwestern überlassen. Ich steckte sie unter meine Wolldecke an mein Fußende. R. war mit ihrem Paket so sehr beschäftigt, dass sie es gar nicht mitbekam. Ich tat dann so, als ob ich mich über die anderen Sachen sehr freute. Als Schwester E. zurückkam, packte sie die meisten Sachen wieder in den Karton und verschwand damit. Nicht einmal die schönen Bücher ließ sie mir.

Je näher der Abend kam, um so mehr freute ich mich auf meine Puppe. Als es dann so weit war, nahm ich sie in den Arm und schlief überglücklich mit ihr ein.

Morgens machte ich mein Bett ordentlich und legte die Puppe dann wieder unter die Wolldecke. Damit begann für mich eine kurze, glückliche Zeit im Johanna–Helenen–Heim. Ich freute mich darauf, mir abends die Puppe zu holen und sie dann ganz fest an mich zu drücken. Das ganze ging für eine gewisse Zeit gut.

Plötzlich, eines nachts, wurde der Schlafsaal hell erleuchtet. Beide Schwestern standen an meinem Bett. Sie befahlen mir, mich an mein Fußende zu stellen. Ich schaffte es nicht schnell genug, meine Puppe zu verstecken. Schwester E. schrie mich an und wollte wissen, woher ich die Puppe hätte. Als ich ihr von dem Weihnachtspäckchen erzählte, wurde sie noch wütender. Sie schrie mich an: „Du hast sie gestohlen und außerdem bist du viel zu alt für eine Puppe!!“ Ich war ungefähr 10 Jahre alt.

Sie nahm die Puppe, riss ihr den Kopf ab und schlug ihn so lange auf den Boden, bis er zerbrach. Es dauerte eine Weile, weil der Fußboden aus Holz war. Mit beiden Händen nahm sie die Beine und riss die Puppe in der Mitte durch.«

Selber längst im Ruhestand sollte Marianne „Mimerle“ als Ersatz für „Beate“ bekommen. Auch das stellte sich als eine dramatische Geschichte heraus, doch zum Glück mit gutem Ausgang.[1]

Helmut Jacob hat in seinem Blog über Marianne Behrs berichtet. Er schrieb 2012 einen Nachruf auf Marianne.[2] Es war ihm wichtig, dass die geschundenen Kinder und die Ereignisse nicht vergessen werden. Auf den Home-pages der Nachfolgeorganisationen wird vielfach die schändliche Vergangenheit versteckt oder gar getilgt.[3] Volmarstein ist eine Ausnahme. Dort wurde ein Neubau nach Marianne Behrs benannt und man kann nur hoffen, dass damit auch die Erinnerung an Marianne Behrs und ihr Schicksal in dieser Kinderhölle[4] an das jeweils neue Personal weitergegeben wird.

Nun ist Helmut Jacob vor kurzem selber gestorben[5]. Auch er soll unvergessen bleiben. Ich habe über seine Beisetzung berichtet. In seiner Traueranzeige wurde um Spenden für das „Marianne Behrs Haus der Stiftung Volmarstein gebeten.[6] Jede Spende hält die Erinnerung wach – und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.

Fußnoten

[1] http://helmutjacob.over-blog.de/article-wie-mimerle-zu-marianne-kam-kapitel-1-zerplatzte-traume-119658899.html und http://helmutjacob.over-blog.de/article-wie-mimerle-zu-marianne-kam-kapitel-2-mimerles-weg-zu-marianne-119683281.html

[2] Zitate: http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_MB/erinnerungen_mb.html

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/24/das-geheimnis-der-versoehnung-heisst/ und https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/27/das-geheimnis-der-erloesung-heisst-erinnerung/

[4] Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler, Gewalt in der Körperbehindertenhilfe, Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2010, Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Band 18, Rezension: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/10/18/helmut-jacob-ist-tot-ein-nachruf/

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/11/28/ein-nachruf-waere-angemessen-gewesen-doch-die-groesse-zur-demut-hatten-sie-nicht/

Was tut ein weißer Hase im Internet?

„Es hatte bestimmt alles seine Ordnung“, schreibt Günter Scheidler. Doch das stimmt nicht. Nichts war in Ordnung. Seine Mutter hatte ihn nach seiner Geburt in die Obhut des Staates übergeben, unfähig und unwillig sich seiner anzunehmen. Sein Vater wusste nichts von seiner Geburt und so verbrachte er das erste halbe Jahr seines Lebens an dem Ort, an dem er das Licht der Welt erblickte. Später, im Kinderheim, wenn jedes Wochenende viele Kinder Besuch von Ihren Eltern bekamen, blieb er stets allein und niemand sagte ihm warum. Einmal, zu Weihnachten, bekam er einen Freund. Einen Hasen. Einen kleinen weißen Plüschhasen.Weißer Hase

„Ich war plötzlich nicht mehr allein, dort am Ende der Welt, und wenn mich schon niemand dort besuchen kam, so hatte ich nun endlich jemanden, der mir immer zuhörte.“

Doch im März 1965 kam ein dunkler VW Käfer. „Es war kein Platz im Auto für meinen einzigen Freund, den kleinen weißen Hasen. Als wir an der großen schweren Eingangstür vorbeifuhren, drehte ich mich kurz um und sagte leise: „Keine Angst weißer Hase, ich bin bald wieder da“. Ich wusste nicht, dass ich mein Versprechen nicht halten werde. Das Auto brachte mich auf direktem Weg in die Hölle.“

Wer mit Heimkinderschicksalen vertraut ist, kann kaum noch erschüttert werden. Doch jedesmal läuft es mir eiskalt über den Rücken, wenn ich von eiskalt-sadistischen Erziehern lese und hätte gern ihr Psychogramm. Warum tickt ein Mensch so wie Schwester Elisabeth?

Auf dem Gelände der Anstalt, gab es ein Kriegerdenkmal mit vielen Namen von gefallenen Soldaten. „Es sah aus wie ein Friedhof, für uns war es ein Friedhof. Schwester Elisabeth wusste das. Beim letzten Spaziergang nahm sie mich zur Seite, zeigte auf den großen Stein und sagte zu mir „Und da kommst Du auch hin“. „Im Bewusstsein, dass man zu jeder Zeit willkürliche Bestrafungen erfuhr und dass das Leben eines Kindes hier keinen großen Wert zu haben schien, versuchte ich nicht aufzufallen und heil durch den Tag zu kommen.“

Heimwechsel: In der Kinderpsychiatrie musste ich mich nur vor den Schwestern, Pflegern und Ärzten fürchten. Hier musste ich jeden fürchten. „Du bist also der aus dem Irrenhaus“ sagte sie schließlich. Ich stand wie angewurzelt und wagte es nicht zu antworten. Sie drehte sich zu den sitzenden Kindern und sagte laut: ,Kinder, das ist der neue, von dem ich Euch erzählt habe. Er ist nicht ganz richtig im Kopf und kommt direkt aus dem Irrenhaus. Er wird nicht mit Euch zur Schule gehen, dafür ist er zu dumm, ihm werden hier auch keine Extra­würste gebraten. Schlimm dass so etwas bei uns aufgenommen wird, aber wir werden ihm schon zeigen wie wir hier mit solchen Kindern umgehen.’ Ein Raunen ging durch den Raum. Dann drehte sie sich zu mir und sagte genauso laut: ,Ich bin Schwester Therese. Mit Dir werde ich schon fertig. Jetzt geh und setz´ Dich in die letzte Reihe, wage es ja nicht albern zu sein.’“ Schwester Therese war schlimmer als Schwester Elisabeth. „Wie ein Pfarrer bei der Segnung legte Schwester Therese eine Hand, manchmal auch beide auf den Kopf des oder der Badenden, sprach ein schnelles ,Herr vergib ihm/ihr’ und tauchte dann mit aller Kraft den Kopf des Kindes unter Wasser. Manchmal einmal, manchmal mehrmals.“

Wie schon gesagt: Ich hätte gern ein Psychogramm.

Die ganze Geschichte von Günter Scheidler kann man nun online lesen.

http://guenter-scheidler.de/wp-content/uploads/2017/09/Weisser-Hase-Scheidler-van-Haaken.pdf

Und der weiße Hase? Verwandelt! Er taucht in anderer Farbe, aber weiterhin als wichtiger Freund eines Kindes, wieder auf im Buch von Marie-Aude Murail, Simpel. Eine Rezension dazu unter https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/ . Es ist die zweite der unter diesem Link zu findenden Rezensionen.

Traumatisierende Erinnerungen – Ein Dilemma

Er bürge dafür, sagte Detlev Zander, dass ihm Missbrauchsopfer aus Korntal berichtet haben, ihnen seien Gutscheine als Kompensation für erlittenes Unrecht angeboten worden. Aber Zander ist selber Partei in einer Situation nicht völlig klarer Konfliktlinien, schließlich ist auch die Opferseite gespalten. Von dort kommt auch die Schlussfolgerung: Wenn Zander niemand benennen kann, stimmen seine Vorwürfe nicht.

Dies ist ein altes Dilemma in der Heimkinder – und Missbrauchsdiskussion. Erinnerungen können triggern und Retraumatisierungen auslösen. Das erklärt zum einen das lange Schweigen oft über Jahrzehnte hinweg; das erklärt auch die Zurückhaltung nun, in der allgemeinen Aufarbeitungsphase, seine Erfahrungen offen vorzutragen. Doch mit anonym bleibenden Vorwürfen kann man vieles behaupten, sagen nicht nur die Gegner, die nicht zahlen wollen.

Streng genommen kommt man aus diesem Dilemma nicht heraus. Wer fordert muss erkennbar sein – oder klein beigeben.

Nimmt man es nicht so streng, wäre eine Vertrauensperson eine Hilfe, eine Vertrauensperson, der beide Seiten vertrauen, dass sie nicht falsch spielt, die aber nach beiden Seiten hin ihre Kritikfähigkeit bewahrt. Doch so wie ich das sehe, würde eine solche Person heftig unter Beschuss genommen, wenn sie ihre Kritikfähigkeit fallweise unter Beweis stellt. Doch oft werden Personen, die für diese Aufgabe in Blick genommen oder sogar beauftragt werden, schon vorher „verbrannt“.

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 35 f

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

            die keine Kindheit war

Fünfunddreißigstes Kapitel

Drogen aus Amsterdam

Mein Plan, aus meinem Restkapital noch etwas zu machen, nahm immer festere Formen an. Ich fragte Helga, die ja noch nicht viel in der Welt herumgekommen war, ob sie Lust hätte Amsterdam kennen zu lernen. Sie konnte ja nicht ahnen, was ich dort vorhatte. Zunächst sagte ich ihr, dass mir eine Weiterfahrt bis nach Hannover nicht mehr zuzumuten wäre, nach nur drei Stunden Schlaf in den letzten beiden Nächten.

Helga, die, bis sie mich kennen gelernt hatte, eine unbescholtene Bürgerin unseres Landes war, abgesehen davon, dass sie bei einem Unfall einen Menschen totgefahren hatte, was ja als Kavaliersdelikt gilt und gerade mal mit einer Bewährungsstrafe geahndet wird, war auch nicht gerade erbaut davon, dass die bis dato sprudelnde Geldquelle nun versiegt war. Sie hatte nicht nur Gefallen daran gefunden, mich auf meinen Reisen nach London begleiten zu dürfen. Nein, sie hatte mich auch hin und wieder auf meinen Zigarettentouren begleitet, hatte neben mir an einem Spielautomaten gesessen, wenn ich diesen mit unseren aus London mitgebrachten Münzen fütterte. Als es hieß, wir machen Rast in Amsterdam, vermutete sie schon ganz richtig, dass ich damit einen Plan verband, den ich inzwischen ausgeheckt hatte. In völliger Unkenntnis der Stadt dauerte es eine Weile, bis wir eine Pension gefunden hatten. Ganz im Gegensatz zu London fanden wir dann doch ein piksauberes Zimmer. Nur die verfluchten Mücken, die sich in dieser Wasserstadt wohl fühlten und die sich von irgendetwas ernähren mussten, machten uns ganz schön zu schaffen. Nachdem wir uns nach der langen Reise eine Dusche gegönnt hatten, mussten wir auch mal wieder etwas essen. Eine Pension mitten in der City gefunden hatten wir es dann auch nicht weit bis in das pulsierende Leben dieser Weltstadt. Restaurants aller Couleur luden zum Eintreten ein. Wir bevorzugten, wie die meisten anderen Touristen auch, an diesem schönen Sommerabend einen Terrassentisch. Bei einem T-Bone Steak, baked potatoes, Salat und einem Glas Rotwein ver­klickerte ich ihr, wie ich mir gedacht hatte mein Restkapital mindestens zu verdoppeln.

Von Drogenhandel keine Ahnung, aber lernfähig

Jeder der mal eine Zeitung gelesen hatte oder gar einen Fernseher besaß, wußte was Cannabis ist. Oder soll ich sagen Haschisch? Dass damit in Deutschland gute Geschäfte zu machen waren, wusste ich ja von den deswegen bereits Verurteilten, mit denen ich eingesessen war. Auch hatte ich von dem Preisunterschied zwischen Holland und Deutschland gehört. Bloß, wie man an das Zeugs hier in Amsterdam heran kam, dabei hatte ich nicht hingehört, wenn darüber gesprochen wurde. Die vormals weiße Tapete unseres Pensionszimmers sah am nächsten Morgen ziemlich rotgefleckt aus. So manche Mücke hatte ihre Blutgier mit dem Leben bezahlen müssen. Am Frühstückstisch ver­suchte ich unsere Wirtin dahingehend auszuhorchen, wo denn hier in Amsterdam der Treffpunkt der Drogentouristen sei. Wir würden im Auftrag eines befreundeten Ehepaares deren Tochter suchen, die sich vermutlich hier rumtreiben würde. Selbst in Deutschland hatte man schon des Öfteren diesen Treffpunkt im Fernsehen erwähnt oder gar gezeigt. Nur unsere Wirtin stellte sich doof. Konnte, wollte keine Auskunft darüber geben. So kaufte ich mir dann einen Stadtplan und nahm mir vor, von der Pension her immer größere Kreise zu ziehen. Irgendwann mussten wir dann ja auf die Szene stoßen. Fein säuberlich markierte ich die bereits begangenen Straßen und Plätze mit einem Kugelschreiber. Ich weiß nicht mehr die wievielte Grachtenbrücke wir überquert hatten, da fielen mir zwei in Öl gemalte Bilder ins Auge. Diese Bilder angebracht rechts und links neben einer Eingangstüre. Darüber stand in großen Lettern „Coffee-Shop!“. Den Begriff Coffee-Shop hatte ich auch schon mehrfach gehört. Und die beiden „Ölgemälde“ ließen keinen Zweifel darüber aufkommen, was es darin zu kaufen gab. Das linke Bild zeigte einen Mann, der mit breitem Grin­sen eine unverkennbare „Tüte“ rauchte. Auf dem rechten Bild war dargestellt, wie dem Kerl, mit Augen so groß wie Wagenräder, der Kopf platzte. Darüber nur drei große Buchstaben- „WUM!“ Das sagte doch wohl alles! Vor dem Coffee-Shop, auf dem Bürgersteig, standen zwei weiße Plastiktische mit jeweils vier ebensolchen Gartenstühlen. Darauf steuerte ich dann zu, bat Helga draußen Platz zu nehmen, während ich hineinging und um zwei Tassen Kaffee bat. Die junge, weibliche Bedienung hinter dem Tresen schaute kurz von ihrem Dreigroschenheft auf, sagte Jo. Nachdem ich nun draußen darauf wartete, dass uns der Kaffee gebracht würde, steckte ich mir schon die zweite Zigarette an, ohne dass sich etwas tat. Als ich diese Zigarette aufgeraucht hatte, begab ich mich wieder ins Innere des Coffee-Shops. Ich konnte weder erkennen, dass die Kaffeemaschine im Hintergrund in Betrieb war, noch dass die Bedienung ihren Lesestoff beiseite gelegt hatte. Verwundert fragte ich das Mädchen, ob sie denn meine Bestellung nicht verstanden hätte. Als Gegenfrage kam, ob ich denn was kaufen wolle. Ich begriff, dass ich gar nicht lange um den heißen Brei herumreden musste. Zu Trinken bekam man hier erst etwas, wenn man eine Bestellung in Form von Cannabis tätigte. Na, wenn das so war! Während die Bedienung mir diese Frage gestellt hatte, legte sie mir auch schon ein riesiges Album auf den Tresen. Dieses aufschla­gend sah ich, feinsäuberlich in kleine durchsichtige Plastiktüten eingeschweißt die verschiedensten Haschsorten. Jede Sorte beinhaltete jeweils zwei Gramm. Ein daran befestigter Zettel besagte, welche Sorte sich darin befand und was es kosten sollte. Ja, was war das denn? So einfach ging das hier in Holland ab? Dass Cannabis in Holland ganz legal zu erwerben gab, wusste ich ja aus vielen Fernsehberichten, aber so offiziell? Über den Preis, der auf den Tüten angebracht war, war ich dann doch etwas verwundert. Hatte man im Knast nicht erwähnt, dass das Zeugs in Holland viel billiger als in Deutschland auf dem schwarzen Markt gehandelt wurde? Da sagte das Fräulein auch schon in sehr gutem Deutsch, dass, würde ich vier Päckchen kaufen, ein fünftes gratis dazu bekäme. Alles schön und gut, aber lohnte sich bei der Preisspanne überhaupt das Risiko, es nach Deutschland zu schmuggeln? Wenn man schon bei vier Portionen eine dazu gab, fragte ich mich, könnte es doch noch größeren Rabatt geben bei der Abnahme einer größeren Menge. Diesen Gedanken sprach ich dann auch aus. Ich wollte, musste ja ohnehin eine größere Menge mit nach Deutschland nehmen, sollte es sich für mich lohnen. Interessiert fragte mich das Mädchen auch gleich, an welche Menge ich denn gedacht hätte. „Hundert Gramm?“ Ich schüttelte den Kopf und meinte, dass ich mehrere Freunde in Deutschland hätte, die daran interessiert seien. „Zweihundert?“ Eingedenk meiner noch gut 5000 Mark in der Tasche sollte es schon etwas mehr sein. Daraufhin sagte sie mir, dass sie zu Hause noch 270 Gramm liegen hätte. Sie machte mir dafür sogar einen Sonderpreis. Das hörte sich schon ganz gut an. Doch auch damit wollte ich mich nicht zufrieden geben. Dem Mädchen ging fast die Luft aus, als ich ihr die Größenordnung angab, an die ich eigentlich gedacht hatte. Ja, wenn das so sei, dann müsse sie ihren Chef anrufen, nur der könne mit solchen Mengen aufwarten. Sie telefonierte mit ihrem Chef. Es könne aber bis zu einer Stunde dauern, bis er kommen würde, wurde mir übermittelt. „Ok“. Wenn wir nun unseren Kaffee bekommen könnten, würden wir warten. Sofort begann sie frischen Kaffee zu mahlen und versprach ihn nach draußen zu bringen. Dann dauerte es aber doch fast zwei Stunden bis der Chef kam. Wir tranken Unmengen von frisch gepresstem Orangensaft und ließen uns vertrösten.

Im Endeffekt hatte sich das Warten gelohnt. Was ich Laie damals noch nicht wusste, hatte der Chef eine der besten Sorten mitgebracht. Genau 1020 Gramm. Dafür wollte er läppische 4000 Gulden haben. Ich Idiot fragte ihn, ob er auch DM nehmen würde. Natürlich! Hocherfreut nahm er das Geld in DM Scheinen an. Warum ich Idiot? Nun, hätte ich das Geld gleich um die Ecke in einer der vielen Wechselstuben in Gulden eingetauscht, hätte ich sage und schreibe 400 Mark gespart.

Natürlich wußte ich, dass der schwierigste Teil der Reise noch vor mir liegen würde. Die Grenz­kon­trolle beim Zoll. Ich war ja oft genug über die Jahre hinweg über den gleichen Grenzabschnitt gefahren, kannte schon so gut wie alle Beamten dort.

Pernod hält Hunde fern

Kleine Verzögerungen hatte es immer wieder mal gegeben, wobei ich so einiges beobachten konnte. So sah ich denn auch manchmal, wie Hunde durch verdächtig erscheinende Autos getrieben wurden. Ich rechnete nicht unbedingt mit einer gründlichen Filzerei von Seiten der Grenzbeamten vom Zoll. Aber dann gab es ohnehin kein Versteck, das unentdeckt blieb. Die Hunde machten mir daher schon eher Sorgen. Hatte ich nicht schon während meiner Seefahrtszeit einiges gelernt? Noch nie hatte ich meinen Kofferraum öffnen müssen bei meinen Reisen nach London. Zumindest nicht an der Deutsch-Holländischen Grenze. In Dover dagegen war bei der Einreise fast immer eine Kontrolle erfolgt. Der Hunde wegen kaufte ich eben eine Flasche Pernod, verschüttete davon die Hälfte im Kofferraum meines Autos. Diesen Geruch, dass wusste ich, mögen die Hunde gar nicht. Sollte also zufällig ein Hund in die Nähe meines Wagens kommen, würde er ganz bestimmt nicht anschlagen. Bevor man in Dover oder auch anderen Häfen auf die Fähre rauffahren kann, wird man in eine bestimmte Spur eingewiesen, nachdem man sein Ticket vorgewiesen hat und bekommt einen Aufkleber an die Windschutzscheibe geklebt. Diesen Auf­kleber beließ ich auch immer an der Windschutzscheibe, damit man an der Grenze gleich erkennen konnte, woher ich kam. Dadurch wurde das Risiko schon etwas gemindert, überhaupt kontrolliert zu werden. Außerdem ließ ich schön sichtbar mein Fährticket auf dem Armaturenbrett liegen worauf das P&O Label prangte. Die ebenso unübersehbaren Duty Free Einkaufstüten mit dem gleichen Label auf den Rücksitzen sollten auch zeigen, dass ich direkt aus England käme. Im Übrigen, wer vermutete schon, dass ein Paar um die 50 herum sich mit dem Schmuggel von Cannabis abgab? So verlief denn auch unsere Weiterreise nach Hannover ohne jedwedes Hindernis.

In Hannover hätte ich gut und gerne aus den 4000 DM Wareneinsatz meine 20 000 machen können, wäre ich denn das Risiko eingegangen, das Zeugs Grammweise an Straßenhändler zu verkaufen. Das wären dann zu viele Mitwisser gewesen. Immer wieder kam es doch vor, dass so ein kleiner Kiffer von den Bullen hopsgenommen wurde, der wiederum verpfiff natürlich seine Bezugsperson, um die eigene Haut zu retten. Dadurch dass ich meine Ware nicht unter hundert Gramm weg gab, minimierte ich das Risiko erheblich. Statt 500% beließ ich es deshalb lieber bei einem Verdienst von 100% und wähnte mich auf der sicheren Seite.

Das Ganze musste ja über kurz oder lang in die Hose gehen.

Nicht erst seit meinem Zigarettenhandel war ich im hiesigen Rotlichtviertel bekannt. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte! Ich wollte nur erwähnen, dass ich dort genügend Bekannte hatte, die mir meine, dazu noch preiswerte Ware aus den Händen rissen. Ich hätte schon drei Tage später wieder nach Amsterdam fahren können, um für Nachschub zu sorgen. Hätte ich allerdings gewusst, welches Gesockse sich unter den Junkies befand, ich wäre diese vorübergehende Dro­gen­karriere nie eingegangen. Weil ich aber viel zu wenig Hintergrundwissen über dieses Metier hatte, musste das Ganze ja über kurz oder lang in die Hose gehen.

Irgendeiner meiner Großabnehmer musste dann doch wohl im Vertrauen mich als Lieferanten genannt haben oder war es der Ossi, der Ware auf Kommission bekommen hatte, dann aber nicht zahlen wollte/konnte? Mein Bodygard hatte ihm nach mehrfacher Zahlungsaufforderung kurzer­hand das Nasenbein zertrümmert. Ein weiterer kam in Frage, der der Polizei einen Tipp gegeben haben könnte. Auch der hatte sich mein Vertrauen erschlichen, sich ein paar Mal als kreditwürdig erwiesen. Hätte ich doch erkannt, dass er im Grunde genommen heroinabhängig war, sich durch den Verkauf von meinem Dope lediglich seine Abhängigkeit finanzierte. Solchen Süchtigen kann man nur von heute bis gestern über den Weg trauen. Meine Gutgläubigkeit und meine Devise, leben und leben lassen, sollte mich dann auch nach wenigen Monaten schon wieder hinter schwedische Gardinen verschwinden lassen. Diesmal aber gleich für elf Jahre und acht Monate. Nein, natürlich nicht wegen der 1200 Gramm Haschisch, die man in meinem Besitz fand, als die SOKO mich am 6. Dezember 1990 fest nahm. In der Folgezeit im Kittchen erst sollte ich die Charaktere von Heroinabhängigen kennenlernen. Nur, da war das Kind schon längst in den Brunnen gefallen oder anders gesagt, ich war im Bau gelandet.

Dem Kerl ging der Arsch auf Grundeis.

Es gab da einige Aspiranten, die sich verkrümelten, nachdem sie mich abgezogen hatten. Einen davon sah ich rein zufällig auf der Straße. Ich ließ mein Auto mitten im Kreisverkehr bei einge­schalteter Warnblinkanlage stehen, verfolgte den Typ. In einer Seitenstraße hatte ich ihn endlich eingeholt. Ich schleuderte den Kerl gegen ein Auto, hielt ihm drohend die Spitze meines Auto­schlüssels an den Hals und fragte ihn, wie er sich die ausstehende Zahlung vorstelle. Dem Kerl ging der Arsch auf Grundeis. Glaubte er doch ein Messer an seinem Hals zu spüren. Als ich ihn dann wieder los ließ, fasste er sich immer wieder an den Hals, dort wo er die kalte Spitze des vermeintlichen Messer gespürt hatte, besah sich seine Finger um zu sehen, ob sich Blut daran befand. In seiner Not versprach er mir das Blaue vom Himmel, nur um aus meiner Nähe zu entkommen. Natürlich sah ich ihn nie wieder! Auch er könnte der Tippgeber gewesen sein. Dabei hatten doch meine Abnehmer einen bei weitem größeren Verdienst an jedem Gramm. Zahlten sie bei mir 8 Mark für das Gramm, verhöckerten sie es grammweise für 20 Mark auf der Straße oder in Discos. Wenn es denn mal immer auch 1 ganzes Gramm gewesen wäre. Durch Verbindungs­leute ließ ich hin und wieder mal von meinen Abnehmern etwas aufkaufen. Selten mal, dass das angebliche Gramm mehr als 0,7-0,8 Gramm auf die Feinwaage brachte. Den einzigen Trost, den ich habe ist, dass die meisten dieser Junkies sich inzwischen mit dem Heroingift totgespritzt haben.

Ich habe nie gelernt, so richtig Nein zu sagen. Oftmals bin ich auch im Knast abgezogen worden. Die Typen verkaufen, wenn es sein muss, Frau und Kinder, Eltern und Großeltern, nur um an das Gift zu kommen. Die erzählen einem herzzerreißende Geschichten, wo man einfach Mitleid bekom­men muss. Erst immer hinterher musste ich feststellen, dass wieder einmal meine Gut­gläubigkeit ausgenutzt worden war. Anstatt Rückzahlung der Schulden bekam ich Schläge angeboten. Außer dass ich die Zigaretten- und Spielautomaten überlistete, sie damit betrog, liegt es mir überhaupt nicht, einen anderen Menschen aus Fleisch und Blut zu betrügen. Deshalb konnte ich auch nie glauben, dass andere Menschen dazu fähig sind. Jedesmal, wenn mir so eine Abzocke bevorstand, sagte ich mir, dass ich denjenigen beleidigen würde, der mir seine Geschichte erzählte und etwas von mir haben wollte. Irgendwann musste ich doch auf einen Mithäftling stoßen, der noch etwas Ehre im Leib hatte und nicht von vornherein an Betrug dachte. Inzwischen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Heroinsüchtige vollkommen ohne Gewissen durchs Leben gehen. Die Sucht hat ihnen eine Hornhaut über das Gewissen wachsen lassen.

Nachdem ich einen kleinen Abstecher in meine Zeit als Drogendealer gemacht habe, will ich nun zu dem Punkt kommen, der mir im eigentlich vernünftigen Alter einen Aufenthalt von 10 Jahren und 15 Tagen Knast an einem Stück einbrachte. Doch dazu muss ich nun doch wieder ein wenig zurückgreifen in die Drogenszene. Ein Möchtegern Zuhälter, namens Harry, war ein konstanter Abnehmer meiner SteintorHollandware. Der war am Steintor[1] bekannt, wie ein bunter Hund. Er brauchte seine Ware garnicht erst wie Sauerbier irgendjemandem anbieten. Er machte lediglich seinen Rundgang durch das JIM[2] Rotlichtmilieu. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass er immer gute Ware mit einem ordentlichen THC[3] Gehalt verkaufte. Da ich immer von dem gleichen Händ­ler in Amsterdam meine Ware bezog und das auch gleich kiloweise, bekam ich auch immer die beste Sorte von ihm. Harry verdiente auf diese Weise bis zu 1200 Mark in einer Nacht. Er hatte nur einen Fehler. Er, der er von seinen 40 Lebensjahren die Hälfte davon im Gefängnis verbracht hatte, hatte einen großen Nachholbedarf, was das Leben betraf. Bei einem täglichen Verdienst von Tausend Mark war er spielend in der Lage, zweitausend auszugeben. In diversen Bars und Kneipen im Rotlichtviertel war er sogar kreditwürdig. Jedenfalls konnte er überhaupt nicht mit Geld umgehen. Anstelle dass er sich eine normale Wohnung anmietete, zahlte er lieber mitten im Revier für ein kleines Zimmer in einem Stundenhotel jeden Tag 80 Mark. Für die 2400 Mark Monatsmiete in solch einem Kabuff hätte er sich locker eine schicke Villa mieten können. Aber nein, er fühlte sich gerade hier, zwischen all den Nutten und Ganoven so richtig wohl. Fast jeden Abend brachte ich ihm Nachschub, wobei auch er mir manchmal den Kaufpreis schuldig blieb. Im Laufe der Zeit wuchs sein Schuldenberg bei mir an. Einmal, weil ich ihm eigentlich keinen weiteren Kredit einräumen wollte, legte er mir eine Achtmillimeter dicke Panzerkette mit einem echten Goldeagle als Anhänger hin. Er wollte dafür 50 Gramm haben. Allerdings wollte er diese in den nächsten Tagen wieder einlösen. Dass dieses heiße Ware war, ahnte ich wohl. Wie heiß diese Kette allerdings war nicht.

 

 

Sechsunddreißigstes Kapitel

Die dümmste Aktion meines Lebens

Als ich ein paar Tage später die Zeitung aufschlug, hätte ich beinahe mein Frühstück wieder aus­gekotzt. Ein Bild zeigte einen Mann mit blutüberströmten Gesicht. Man hatte ihm beinahe den Schädel eingeschlagen. Passiert war das vor einer Rotlichtbar. Weil Harry wieder einmal kein Geld hatte, hatte er mir die Kette zur freien Verfügung überlassen. Was sollte ich alter, mickriger Kerl mit solch einer Protzkette anfangen? Ich bot diese bei einem Goldhändler zum Kauf an. Abgesehen davon, dass ich von der Händlerin ganz schön mit dem Preis übers Ohr gehauen worden war, gab sie später vor Gericht auch noch an, das teure Stück eingeschmolzen zu haben. Somit hatte sie einen Verdienst von über 4000 Mark in Sicherheit gebracht. Normalerweise hätte sie die Hehler­ware an den Besitzer zurückgeben müssen. Dadurch aber, dass sie der Polizei, nachdem sie von diesem Raubüberfall aus der Zeitung erfahren hatte, den Hinweis auf mich gab, hatte sie sich gleichzeitig Pluspunkte bei der Polizei geholt. Schließlich führte sie ein seriöses Unternehmen und hatte sich von mir den Ausweis zeigen lassen. Der dicke Reibach blieb bei ihr, und an mir der Polizei zu erklären, wie ich an die teure Kette gekommen sei. Laut Aussage des Geschädigten kam ich persönlich für den Überfall überhaupt nicht in Frage. War er doch von zwei richtigen Kerlen, nicht unter 190, zusammengeschlagen und beraubt worden. Ich hatte die besagte Kette natürlich zwar im Rotlichtviertel beim Billardspielen in der Ritze einer Polsterbank gefunden. Da ich meinen Fund aber nicht dem Wirt abgegeben hatte, bekam ich eine geringfügige Strafe wegen Fund­un­terschlagung. Wobei der Staatsanwalt es lieber gesehen hätte, ich wäre wegen Diebstahls ver­urteilt worden, denn dann hätte er mich ins Gefängnis stecken können, da ich ja wegen Dieb­stahls bereits vorbestraft war. Warum ich den Fund der Kette nicht angezeigt hatte, begründete ich damit, dass ich als armer Arbeitslosenhilfeempfänger der Versuchung einfach nicht hätte widerstehen können, daraus Kapital zu schlagen. Als ich dem Gericht auch noch die Summe nannte, die ich bei der Händlerin erhalten hatte, bekam diese eine gewisse Röte ins Gesicht und der anwesende Geschädigte bekam einen Wutanfall. Die Kette hatte einen tatsächlichen Wert von mehr als 5000 Mark. Dass sie diese eingeschmolzen haben wollte, konnte er nicht glauben. Ich auch nicht! Aber beweise einer das Gegenteil.

Ob Harry selbst an dem Raubüberfall beteiligt war, möchten Sie wissen? Kann ich nicht sagen. Jedenfalls war er keine 1,90m groß. Er war mal gerade 1,86m! Bin ich jetzt zu weit von meiner Geschichte abgewichen? Nein! Ich wollte mit diesem Zwischenbericht nur darstellen wie Harry immer in Geldnöten war. Eines Abends, ich war ohne Auto in der Stadt, setzte ich mich in einer Kneipe mit Harry zusammen und trank mit ihm ein paar Bier. Er übermittelte mir Grüße von ein paar Kiezgrößen, in deren Achtung ich gestiegen war, weil ich mich wegen der Kette vor Gericht so wacker geschlagen, aber niemanden verraten hätte.

Am Ende hatte ich mich auf die dümmste Aktion meines Lebens eingelassen.

Wenige Stunden und ein paar Glas Bier später wurde Harry schon zutraulicher mir gegenüber. Er erzählte mir im Vertrauen, dass er wisse, wo sich derzeit der Staatsfeind Nr. 1, na ja zumindest von Niedersachsen, aufhalte. Dem war näm­lich die Flucht mit Waffengewalt aus dem Gefängnis gelungen. Seine Frau, eine Polizisten­tochter aus Hannover, hatte die Waffe beim Besuch in der JVA Lingen reingeschmuggelt. Nun sei Bruno Reckert[4] schon seit Wochen auf der Flucht und ernähre sich von diversen Raubüberfällen auf Supermärkte und Banken. Es sprach so etwas wie Bewun­derung aus seinen Worten, als er mir dies schilderte. Ja, er brüstete sich damit, mit eben jenem Bruno Reckert, der als Boss der berüchtigten Golfbande[5] in die Schlagzeilen, aber auch in den Knast gekommen war, mit diesem zusammen gesessen hätte, wobei sie gute Freunde geworden waren. Am Ende jener nächtlichen Biersession hatte ich mich auf die dümmste Aktion meines Lebens eingelassen.

Für Harry war klar, seinen nächsten Coup im Osten zu starten.

Zum Teil lag dies natürlich daran, dass ich nicht gerade viel Alkohol vertragen konnte, aber auch an meinem Frust, den ich dem Staat gegenüber mit mir herumschleppte. Hatte man mich schon mit 46 Jahren quasi aus der Kartei der zu vermittelnen Arbeitskräfte ausgesondert, nachdem mein Sohn in dem Alter war, wo ich ohne weiteres wieder ins Berufsleben hätte einsteigen können, so bekam ich nach der Haftentlassung 1988 überhaupt keine Angebote mehr. Deshalb ja auch die Wiederaufnahme meiner Londonreisen. Nachdem dieses Geschäft geplatzt war, hatte ich mich zwangsläufig auf den Haschischhandel verlegt. Doch ehrlich gesagt: dieser Handel behagte mir überhaupt nicht, war ja auch mit viel höherem Risiko behaftet. Ich konnte mir ja schlecht auf die Stirn tätowieren lassen: „So jetzt zeige ich es euch allen mal, wozu ein 50-jähriger noch in der Lage ist!“ Es diente nur zur Stärkung meines Selbstbewusstseins, als ich mich in jener Nacht von Harry als Fahrer für einen Bankraub anheuern ließ. Wie naiv ich war, in Harry einen ganz harten, großen Gangster zu sehen, hatte er doch schon 20 Jahre von seinen 40 Lenzen im Bau verbracht, sollte sich erst viel später herausstellen. Er imponierte mir damit, dass er mir einen Zeitungsartikel zeigte, wo ein erst kürzlich stattgefundener Bankraub in der City von Hannover geschildert wurde. Diesen Raub hatte er mit einem Kumpel begangen, war in der nahe gelegenen U-Bahn Station unter­getaucht. Die Fahndung verlief erfolglos. Inzwischen dürfte auch diese Tat verjährt und die Akten darüber geschlossen worden sein. Bei seinem Lebenswandel hatte er keine Probleme damit, die Beute ziemlich schnell zu verprassen. Ein erneuter Beutezug war fällig. Für seinen nächsten Raubzug hatte er sich den Osten der Republik ausgedacht. Dort war gerade erst die Westmark eingeführt worden. Aus Medienberichten wusste er auch, dass in den neuen Bundesländern die Banken längst noch nicht den Sicherheitsstandard hatten, wie im Westen. Deshalb war für Harry klar, seinen nächsten Coup im Osten zu starten.

Dazu war allerdings ein Auto nötig. Er selbst hatte natürlich weder Auto noch Führerschein, Harry fand, dass ich kaltschnäuzig genug wäre, das Fluchtfahrzeug zu steuern. Damit schmierte er mir Honig ums Maul. Ich wurde wieder mal gebraucht. Mein Talent als guter Autofahrer hatte sich durch eine frühere Aktion im Rotlichtmilieu herumgesprochen. Hatte ich doch ein mich verfolgen­des Auto vollbesetzt mit Zuhältern, die mir ans Leder wollten, trickreich abgehängt. Andere Geschichte!

Erst am nächsten Tag kam mir so richtig zum Bewusstsein, worauf ich mich da eingelassen hatte. Mein Ehrenkodex, ein einmal gegebenes Versprechen niemals zu brechen, aber ließ es nicht zu, dass ich den Schwanz einzog.

Es war abgemacht, dass ich nur als Fahrer fungieren sollte. In die Bank selbst wollte er mit einem anderen Kumpel gehen, um Geld abzuheben, wie er es nannte. Ein paar Tage später rief er mich an, dass er mir seinen Kumpel vorstellen wolle. Ich bereitete ein extra schickes Menu vor, um eine gemütliche Atmosphäre bei unserem „Geschäftsgespräch“ zu haben. Helga war zur Spätschicht außer Haus. Schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass ich mit diesem, seinem Kumpel, auf gar keinen Fall solch einen Coup durchziehen würde. In letzter Zeit hatte ich ja genügend Gelegenheit gehabt, die Drogenszene kennen zu lernen. Ich erkannte sehr schnell, dass der Typ, den er da angeschleppt hatte, der Fraktion der Heroinabhängigen angehörte. Harry machte auch gar nicht erst den Versuch mich umzustimmen, als ich ihm geradeheraus sagte, dass der Kerl für mich nicht in Frage käme.

Wie ich später erfuhr, saß ich inmitten von Hunderten von Jahren Knast!

Den nächsten Kandidaten lernte ich dann schon an einem neutralen Ort kennen. Was heißt schon neutral? Es war eine Kneipe, die in Hannover auch als Drogenumschlagplatz bekannt war. Der Kneipenbesitzer war ein Türke und wir vier waren die einzigen Deutschen unter etwa 15 Gästen. Ja, wir waren zu viert. Denn unser dritter Mann hatte seine Braut mitgebracht. Wie ich sehr schnell feststellen konnte, war das Pärchen clean. Na, zumindest nicht von der Nadel abhängig. Etwas abseits von den übrigen Gästen saßen wir auf einer kleinen Empore und unterhielten uns, während wir unsere Pfeile auf eine Dartscheibe warfen. Den uns beobachtenden Gästen, ausschließlich türkische Männer, lief der Sabber über die Lefzen, während sie jede Bewegung der zu uns gehö­renden naturblonden und außerordentlich hübschen Frau mit ihren Augen fickten. Die Frau könnte einem billigen Dreigroschenheft entsprungen sein. Sogar eine Von war sie. Aber daran ver­schwen­deten wir bei unserem Gespräch natürlich keinen Gedanken. Wolfgang, der an diesem Abend noch nicht ahnte, dass dies sein letztes Dartspiel in diesem Leben war, machte bei mir jedenfalls den besten Eindruck. Er hatte so gar nichts knackihaftes an sich, obwohl auch er mit seinen 39 Jahren 20 davon ohne größere Unterbrechung, im Knast verbracht hatte. Er war mit 19 erstmals eingeflogen, hatte Lockerungen, sprich Ausgänge zur Entlassungsvorbereitung bekommen und prompt ein neues Ding gedreht. So ging das ein paar Mal, bis er in das Hochsicherheitsge­fäng­nis nach Celle kam. Dort gab es dann keine Ausgänge oder gar vorzeitige Entlassung. Jetzt befand er sich seit knapp vier Monaten endlich auf freiem Fuß. Hatte natürlich einen enormen Nachhol­be­darf, was das verpasste Leben anging. Dieser Nachholbedarf kostete allerdings Geld. Harry und Wolfgang hatten viele Jahre gemeinsam in der JVA Celle verbracht, sich dort angefreundet. An diesem Abend schien mir, Wolfgang sei einem Modekatalog entsprungen. Sauber rasiert und in Schlips und Kragen lernte ich ihn kennen. Auch hatte er keine Einstichstellen an seinen Armen. Davon hatte ich mich vergewissert. Abgesehen davon, dass Wolfgang ein wirklich gut aussehender Mann mit ausgeprägtem sportlichen Körper durch intensives Krafttraining, wie es viele Spitzbuben zum Zeitvertreib im Knast betreiben, stand besagte Freifrau von … auf zwielichtige Typen, wie ihr ja später auch von der Staatsanwaltschaft bescheinigt wurde.

Nachdem wir uns ausgiebig berochen hatten, hatte Harry noch eine Überraschung an diesem Abend für mich parat. Bis auf den Termin hatten wir soweit alles geklärt. Dann meinte Harry, dass unser Vertrag einen würdigeren Rahmen verdient hätte. Im Taxi fuhren wir zu einem renommierten Italiener, wo wir unseren Hunger stillen wollten, wie Harry meinte. Dieser Schlawiner jagte mir in dieser Nacht noch einen ganz schönen Schrecken ein. Bei dem Italiener „trafen wir rein zufällig“ einen alten Bekannten von beiden. Harry wie auch Wolfgang kannten zumindest einen von den bereits anwesenden Gästen. Kurzerhand wurde ein weiterer Tisch herangeschoben und wie ich später erfuhr, saß ich inmitten von hunderten von Jahren Knast!

Ich ließ mir zunächst einmal meine Piccata Milanese und den Roséwein schmecken. Sambuco[6] wurde gleich flaschenweise von seinem Bekannten bestellt. Damit hielt ich mich aber zurück. Allzu schnell wurde mir schlecht, wenn ich Hochprozentiges trank. Ich wollte das leckere Essen ja nicht gleich wieder auskotzen. Harry allerdings ließ sich gerne immer wieder nachschenken. Für eine Weile zog er sich mit dem Bekannten an einen Nebentisch zurück, tuschelte mit ihm geheimnisvoll, wobei man oft zu mir herüber schaute.

Zu fortgeschrittener Stunde hatte sich das Lokal bis auf unsere Runde geleert. Harrys Bekannter hatte dem Alkohol ganz ordentlich zugesprochen. Nun fand er, dass er seiner Lebensfreude irgend­wie Ausdruck verschaffen müsse. Er stieg auf den Tisch und begann darauf zu tanzen. Na ja, das war nichts Besonderes für mich. Hatte ich doch während meiner Kellnerzeit genügend Partys erlebt, wo ausgelassene Gäste auf den Tischen tanzten. Aber als Harry mich dann ins Vertrauen zog, mir ganz stolz erzählte, dass der Tänzer der meistgesuchte Verbrecher Bruno Reckert sei, da wurde mir doch ganz anders zumute. Fuhren doch ständig Polizeiautos an diesem Lokal vorbei in Richtung der Polizeizentrale am Welfenbunker.[7] Die gesamte Vorderfront des Restaurants bestand aus Glas. Musste sich da nicht irgendwann ein vorbeifahrender Polizist darüber wundern, dass in diesem Nobelrestaurant ein Mann auf der weißen Tischdecke tanzte? Ich hatte nun wirklich keine Lust, mit neugierigen Polizisten zusammenzutreffen. Immerhin hatte ich auch noch 100 Gramm Haschisch bei mir, die ich noch ausliefern wollte. So zog ich dann lieber vor, das Weite zu suchen. Übrigens an diesem Abend hatte Wolfgang, der Bruno Reckert ja ebenfalls aus gemeinsamer Knast­zeit kannte, wie auch Harry, einen Magnum Revolver für den anstehenden Bankraub ausgeliehen. Das erfuhr ich allerdings erst Tage später.

1992, als ich begann darüber nachzudenken, wie ich in diese Bedroullie geraten war, saß ich bereits in der JVA Cottbus in U-Haft.

Wie konnte ich in diesen verpfuschten Lebensverlauf hineingeraten?

Bis zu vier Mal in der Woche wurden Harry und ich mit einem Gefangenentransporter nach Frank­furt/Oder gekarrt, um an unserer Verhandlung wegen des Bankraubs teilzunehmen. 25 Verhand­lungstage, verteilt auf fünf Monate, benötigte das Gericht, um ein Urteil zu fällen. Das dürfte in die Kategorie Seltenheitswert fallen. Wann gibt es das schon, dass ein mickriger Bankraub ein Gericht so lange beschäftigt? Selbst Mordfälle gehen meist schneller über die Gerichtsbühne. Während ich nun auf die sporadischen Gerichtstermine wartend in meiner maroden Gefängniszelle saß, began­nen Depressionen von mir Besitz zu ergreifen, hatte ich immerhin noch soviel Durchblick, dass ich dagegen ankämpfen müsse. Immer wieder fragte ich mich, wie ich in diesen verpfuschten Lebensverlauf hineingeraten konnte.

Die in der JVA tätigen Beamten waren allesamt, bis auf den Anstaltsleiter aus NRW, aus DDR Zeiten übernommen. Denen war ich haushoch überlegen mit meiner Kenntnis vom Strafvollzugsgesetz. Alle Beamten zitterten noch um ihre Jobs. Die Überprüfung ihrer Stasi Vergangenheit war noch in vollem Gange. Wenn überhaupt, kannten die Beamten als Fremdsprache gerade mal etwas Russisch.

So langsam aber füllten sich die östlichen Gefängnisse mit Multi-Kulti Gefangenen. So konnte ich mich des Öfteren bei den Beamten als Dolmetscher nützlich machen. Als Gegenleistung liehen sie mir die vorsintflutliche Schreibmaschine aus dem Vernehmungszimmer aus und gaben mir auch das nötige Schreibpapier dazu. So konnte ich damit beginnen mein Leben aufzuarbeiten. Nicht dass ich etwa den Leser um Verständnis oder gar Mitleid für meine Verbrecherlaufbahn gewinnen möchte. Oder doch ein wenig Verständnis? Jede Ursache hat eine Wirkung; oder wie heißt das Sprichwort? Nachdem der Prozess fünf Monate gedauert hatte, etwa 80 Zeugen ihre Aussagen gemacht hatten, fand das Gericht ein „gerechtes“ Urteil.

Ich war mit meinen Lebenserinnerungen gerade mal auf Seite 111 angekommen. Dann gilbten die Blätter 13 Jahre vor sich hin. Erst dann, als wieder Depressionen mein Leben bestimmten, wurde ich dazu ermuntert, doch weiter an meinem „Buch“ zu arbeiten.

Fußnoten

[1] Platz in Hannover. Kurzbezeichnung für das Steintorviertel, der Rotlichtbezirk in Hannover, ein Rechteck, gebildet aus Reuter-, Goethe-, Reitwallstraße sowie Am Marstall. Karte: https://www.google.de/maps/place/Hannover+Steintor/@52.3751837,9.7321234,17z/data=!4m5!3m4!1s0x47b074bb32d9e8df:0x3303e3185652e5a6!8m2!3d52.376772!4d9.732912

[2] Gemeint sein dürfte das Restaurant Jim Block in Hannover https://www.jim-block.de/restaurant-hannover.html

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Tetrahydrocannabinol

[4] Bruno Reckert war ein hochkarätiger Krimineller. Neben seine vielen Straftaten und erfolgreichen Fluchten wurde er besonders durch die Flucht mit Geiselnahme aus der Celler JVA bekannt. Ein paar Links: Polizei Djangos und Kamikazes, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13490936.html

Geiseln – Ungeheurer Dusel, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492397.html

Geiselgangster gibt Raubüberfälle zu https://www.neues-deutschland.de/artikel/330514.geiselgangster-gibt-raubueberfaelle-zu.html

Flucht aus der JVA Celle, https://de.wikipedia.org/wiki/Dirk_Dettmar

[5] Auch als GTI-Bande bekannt.

[6] Gemeint sein dürfte Sambuca, ein in der Regel farbloser, klarer Likör mit 38 bis 42 Volumenprozent Alkohol. Er wird mit Anis, Sternanis, Süßholz und anderen Gewürzen aromatisiert. https://de.wikipedia.org/wiki/Sambuca

[7] Welfenbunker, am Welfenplatz, ein Luftschutzbunker aus dem 2. Weltkrieg

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Wenn Inklusion bloß Illusion wäre, …

… aber sie ist politischer Betrug. Hansgünter Jung berichtet heute vom Praxisschock[1]. Der war allerdings abzusehen und wurde vielfach vorausgesagt, nicht nur hier im Blog.[2]

Jung schreibt: »Die inklusive Schule war lange Zeit ein Selbstläufer. Ihre Prot­agonisten brauchten nur das Wort „UN-Behindertenrechtskonvention“ auszusprechen – und unbequeme Fragen zu Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit dieses bildungspoliti­schen Großprojekts wurden gar nicht erst gestellt. Gesinnungsethische Beflissen­heit ersetzte juristische Hermeneutik. Doch jetzt bahnt sich im öffentlichen Diskurs eine Wende an. Sie beruht auf ei­nem Praxis­schock, der gleich von zwei Sei­ten kommt. Die Eltern der behinderten Kinder erleben, wie eine Förderschule nach der anderen aufgelöst wird. Gleich­zeitig hat sich der Blick der Öffent­lichkeit dafür geschärft, wie schwierig Inklusion in den meisten Fällen ist: schließlich gilt es den Lernbehinderten, geistig Behinder­ten und Verhaltensauffälligen gerecht zu werden. Die Sensibilisierung hat etwas da­mit zu tun, dass die Lehrkräfte der Regel­schulen neuerdings vor eine weitere Auf­gabe gestellt sind. Sie müssen jetzt auch noch zahlreiche Flüchtlings- und Migran­tenkinder ohne Deutschkenntnisse unter­richten und erziehen. Jetzt hört man den überforderten Lehrkräften endlich zu, wenn sie fragen: „Was sollen wir eigent­lich noch alles leisten?“«

Mich wundert diese Entwicklung nicht, höre ich doch ähnliches aus dem Schulbereich von meinen Bekannten.

 

Fußnoten

[1] Hansgünter Lang, Inklusion vor der Wende, Lange Zeit waren die kritischen Stimmen zur Integration behinderter Schüler kaum zu hören, nun stellt sich der Praxisschock ein. Zitate aus diesem Artikel. FAZ-Print, Donnerstag, 18. Mai 2017. Wird wohl nicht digital erhältlich sein. Ich habe den Artikel gescannt und schicke ihn gern auf Mailanforderung zur privaten Verwendung.

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/04/03/die-illusion-der-inklusion/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/06/12/die-faz-geizt-mal-wieder-mit-ihren-print-artikeln-und-stellt-sie-nicht-ins-netz/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/07/kinderrechte-inklusion-macht-kinder-zu-verlierern/

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

 

 

Vierundzwanzigstes Kapitel

Von einer Knechtschaft zur nächsten.

Ich also schnurstracks zu dem nur wenige Kilometer entfernten Ort, wo meine Mutter wohnte, um mich als Bäckerlehrling zu bewerben. Meine Güte, roch das gut in der Back­stube, wo mich mein zukünftiger Lehrherr hinführte, um mir meinen eventuellen Arbeits­platz zu zeigen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht zwischen dem Schweinestall- und Kuh­stallgeruch, den ich bisher eingeatmet hatte. Hinzu kam noch, dass ich 80 Mark im Monat erhalten sollte. Hatte ich mich schon von der ersten zur zweiten Stelle um 100% verbessert, so sollte es nochmal um 100% getoppt werden. Eine Schlafkammer unter dem Dach-juchhe war ich ja schon längst gewohnt. Ich fand nichts dabei, auch hier wieder so unter­gebracht zu werden. Ich hatte zwar in der Bild-Zeitung gelesen „Lehrling gesucht – Einhei­rat geboten“, dass also Lehrlinge damals sehr gesuchte Menschen waren, hatte aber noch nicht den Weitblick. Deshalb griff ich mit beiden Händen bei diesem Angebot sofort zu. Ich konnte meine Mutter wieder entlasten und mir eine Perspektive schaffen. Mich störte es gar nicht, dass ich auf meinem Bett liegend durch die Ritzen der Dachpfannen das Profil der schon längst ausgefahrenen Fahrwerke der zur Landung ansetzenden Flugzeuge auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen genau erkennen konnte. Ich fand dies eher als span­nend. Die Geräusche? Na ja, daran gewöhnt man sich genauso wie an den Gestank eines Bauernhofes.

Morgens um halb sechs – kaum früher als beim Bauern – wurde ich höflich von einem der beiden Söhne meines Lehrherrn geweckt. Meist hatte ich dann noch ein paar Minuten Zeit bevor die ersten fertigen Brötchen aus dem Backofen gezogen wurden. Derweil wurde ich angewiesen, die im heißen Fett schwimmenden Krapfen, auch Berliner genannt, umzudre­hen, wenn dann von beiden Seiten fertig auf eine Kanüle zu stecken, einen Hebel herunter zu ziehen, womit die Berliner mit Marmelade gefüllt wurden. Die fertigen Brötchen wurden dann von einem der beiden noch schulpflichtigen Söhne und mir in diverse Tüten gefüllt. Darauf stand dann etwa Müller, Meier, Schmidt oder sonst ein Name. Diese Tüten wie­derum wurden schön der Reihe nach in einen weißen Leinenbeutel gelegt. Die beiden Lei­nen­beutel wurden mir rechts und links an den Fahrradlenker gehängt. Und los ging’s. Ich lernte zunächst die Strecke und die dazugehörigen Häuser und Namen kennen, an deren Türen wir dann in die dort hängenden Beutel jeweils die abonnierten Brötchen legten. Nach etwa einer Woche kannte ich alle Namen meiner Brötchentour auswendig, und die Söhne konnten eine Stunde länger schlafen. Ich dagegen wurde mit einer eigens für mich installierten Klingel zum Dienstantritt geweckt. Nach der privaten Brötchentour war Früh­stück angesagt. Gleich danach wurde mir ans Fahrrad ein geschlossener zweirädriger Anhänger angekuppelt. Mit dem vollgepackten Anhänger belieferte ich einige Tante-Emma-Läden mit frischen Brötchen. Zweites Frühstück! Derweil waren auch schon Brote gebacken. Mein Anhänger wurde wieder vollgepackt und ich brachte diese auch zu den Vertragshändlern. Und danach gab es schon wieder einen Anhänger voll Brote. Diesmal war jedes einzelne Brot mit Seidenpapier umhüllt, auf dem der jeweilige Name des Empfän­gers stand. In weitem Umkreis fuhr ich die Brote spazieren und lief Trepp auf Trepp ab, um den Privatkunden ihre Bestellungen direkt zu liefern. Manche davon bezahlten in bar, andere beglichen ihre Rechnung im Laden. Die Barzahler waren mir am liebsten. Fiel doch dabei in den meisten Fallen ein Trinkgeld für mich ab.

Natürlich wusste mein Meister nichts davon.

Diese Tätigkeit gefiel mir weitaus besser als die Schinderei beim Bauern. Zumal ich auch in der Regel schon gegen 16 Uhr mit meiner Arbeit fertig war und nicht erst bei Sonnen­unter­gang. Zu dem Trinkgeld hatte ich schnell heraus, wie ich mir noch einen zusätzlichen Nebenverdienst verschaffen konnte. Hin und wieder kam es vor, dass mich Leute im Haus ansprachen, wo ich gerade Brot auslieferte, ob ich nicht zufällig ein Brot zuviel dabei hätte. So könne man sich den weiten Weg zum Bäcker sparen. Schon bald hatte ich mir so einen persönlichen Kundenkreis erschlossen. Natürlich wusste mein Meister nichts davon. Zwei, drei Brote mehr in den Anhänger gepackt und mein Monatsverdienst verdoppelte sich schon. Nach der Haushalts-Brot-Tour war Mittagessen im Familienkreis angesagt. Blie­ben nur noch die inzwischen gebackenen Kuchen rechtzeitig zur Kaffeezeit zu den Kleinhändlern zu bringen, und dann war auch schon fast Feierabend. Gegen 14 Uhr hatten Meister, Geselle und die anderen Lehrlinge ihre Arbeit in der Backstube beendet. Na ja, die waren ja auch schon in der Nacht gegen 2 Uhr aufgestanden. Mir blieb es überlassen, die Kuchenbleche, diverse Maschinen, die es damals schon gab, und die Backstube selbst zu reinigen. Meist blieb mir noch Zeit, die vorgefertigte Rohmasse per Hand zu Streuseln zu verarbeiten. Als ich mal versuchte vor meinem Meister zu verbergen, dass ich an den süßen Sachen naschte, grinste dieser nur und meinte, dass ich mir nur keinen Zwang antun solle. Irgendwann hätte auch ich mich daran sattgefressen.

So weit, so gut. Als ich in der Berufsschule so von Gleichaltrigen erfuhr, was sie schon alles gelernt hatten, fragte ich mich, später auch meinen Meister, warum ich immer nur als Laufbursche arbeiten musste, anstatt in der Backstube etwas von der eigentlichen Materie zu lernen. Da wurde dieser ziemlich böse. Er meinte, dass sich vorläufig an meinem Status nichts ändern würde. Schließlich verdiene ich ja gutes Geld bei ihm und einen anderen hätte er nicht, der meine Arbeit verrichten könne. Jeder Hilfsschüler könne meine Arbeit über­nehmen, sagte ich ihm daraufhin. In der Folgezeit herrschte beim ersten und zweiten Früh­stück und am gemeinsamen Mittagstisch eisiges Schweigen. Ich fand diesen Zustand als unerträglich. Ich beschwerte mich in der Berufsschule und beim AA. Man riet mir zum Arbeitsgericht zu gehen. Da ich nun aber schon die Dreimonatsfrist überschritten hatte, wo man ein Lehrverhältnis ohne Angabe von Gründen auflösen konnte und ich mich eben an das Arbeitsgericht gewand hatte, zeigte mein „Lehrherr“ seine bösartige Seite.

Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register.

Ich bekam eine Einladung, mich an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Stunde bei der Kripo einzufinden. Dort wurde mir dann eröffnet, dass eine Anzeige wegen Diebstahls gegen mich vorliege. Mein Arbeitgeber hatte angegeben, dass ihm an dem und dem Tag Geld aus der Wech­selkasse im Laden abhanden gekommen sei. Im Laufe der Zeit, wo noch alles zwischen uns in Ord­nung war, hatte ich natürlich auf Nachfrage nach meinem Woher meine Vor-Lebensge­schichte erzählt. Na und? War es daher nicht naheliegend, dass ein Bengel, der Jahre in einem Heim für Schwererziehbare zugebracht hatte, auch einen Diebstahl beging? Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register. Die erste war zustande gekommen, als ich im Dunkeln mit dem Fahrrad fahrend von der Polizei angehalten wurde. Weil ich mit einer defekten Hand­bremse und fehlendem Rücklicht unterwegs war, bekam ich eine Stunde Verkehrsunterricht bei einem Richter, 10 Mark Geldstrafe UND einen Wochenendarrest aufgebrummt. Diesmal waren es schon vier Wochenendarreste. Bei meinem Verkehrsunterricht stand ich nicht alleine vor dem gestrengen Richter. Vier weitere arme Tröpfe standen neben mir. Zwei Mädchen und zwei Jungs. Bei den Mädchen hatte die eine ihre Freundin auf dem Gepäckträger mitfahren lassen. Und der eine Junge hatte seinen Freund auf der Fahrradstange mitgenommen. Wir alle erhielten die glei­che Strafe. Soll ich Ihnen mal was sagen? Bei dem heutigen Strafvollzug, hätte ich lieber vier Wochen an meine letzte zehnjährige Haftstrafe drangehängt, als auch nur einen Wochenendarrest abzubüßen, wie es damals praktiziert wurde.

18 Monate Haft

Etwa 16 Jahre später verschaffte ich mir Genugtuung für diese zu unrecht erhaltenen vier Wochen­endarreste. Mit meiner Freundin über das Frühlingsfestgelände in Hannover schlendernd erkannten mich am Lüttje Lage[1] Stand die beiden Söhne meines ehemaligen Bäckermeisters wieder. Ich wurde eingeladen einen mitzutrinken. Bei der einen Runde blieb es dann auch nicht. Mit steigen­dem Alkoholspiegel wurden die beiden immer redseliger bei der Aufarbeitung unserer gemein­samen Zeit. So wurde ich dann auch noch ausgelacht dafür, dass ich im Knast gelandet war. Schließ­lich hatte ihr Vater den Falschen verdächtigt, die 20 Mark aus der Wechselkasse gestohlen zu haben. Weil ihr Vater immer so geizig gewesen sei beim Taschengeld, sie aber doch schon sehr früh hätten mitarbeiten müssen, hätten sie sich dafür aus der Wechselkasse bedient und just zu eben diesem jährlich stattfindenden Frühlingsfest getragen. Die beiden besoffenen Typen merkten gar nicht, was sie damit anstellten. Mir blieb die Luft weg vor lauter Empörung darüber, wie lässig die beiden über die Sache sprachen. Vor Wut kochend krallten sich meine Hände in ihre pracht­vollen Haarschöpfe und knallten deren Köpfe mit ziemlicher Wucht zusammen. Dafür handelte ich mir einen weiteren Eintrag in das Bundeszentralregister nebst 18 Monaten Haft ein.

Keiner kann mir nachsagen, ich wäre nicht gewillt gewesen, mich an das kapitalistische System anzupassen. Ich hatte für wenig Geld bei Wind und Wetter beim Bauern geschuftet, ebenso hatte ich mich mit Fahrrad nebst Anhänger bei jedem Wetter über Kopfsteinpflaster und unbefestigte Rad- und Feldwege gequält, um meinem Meister sein Vermögen zu vermehren. Und? Was war der Dank? So langsam wurde ich erwachsen, begann darüber nachzudenken, wie ungerecht auf der Welt die Macht und das Geld verteilt waren. Natürlich bildete ich mich vorwiegend durch die BILD…..!

Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding.

Ich war gehalten, mich wieder so schnell als möglich um einen neuen Broterwerb zu kümmern. Mit 15 war ich manns genug, mich selbst zu versorgen. Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding. Sie hatte lange genug dafür gesorgt, dass ich meine Windeln vollscheißen konnte und uns Kinder durch die Kriegszeit geschleppt, uns die schwere Zeit danach auch irgendwie am Kacken gehalten. Jetzt wollte ich ihr zeigen, dass sie mir wenigstens ihren Fleiß vererbt hatte.

Bei meinen Stadtausflügen war mir mal ein Schild in der Brüderstraße aufgefallen. Darauf stand, dass die NVG (Niedersächsische Verfrachtungsgesellschaft) Schiffsjungen suchte. Schiffsjungen? Hatte ich nicht mal darüber gelesen, dass die Besatzung eines Schiffes immer auch an Bord schlief? Nach vier Tagen, ich hatte in Parks geschlafen, fiel mir dieses Schild wieder ein. Eine halbe Stunde später, nachdem ich mich dort vorgestellt hatte, hatte ich auch schon wieder einen Lehrvertrag unterschrieben. Der Schiffskapitän war froh, seine Reise mit einer vorgeschriebenen Mannschafts­stärke fortsetzen zu können. Im Bugraum, gleich neben dem Ankerkasten, gab es eine kleine Kajüte, die ich mir mit dem Matrosen teilen musste.

Auch mein neuer Job auf dem Schleppkahn war mit Knochenarbeit und wenig Schlaf verbunden. Es gab weder Samstag noch Sonntag. Wenn des Nachts zufällig ein Kran frei und unser Schiff gerade dran war, dann mussten wir eben auch des Nachts ran. Zumindest wurden die Über­stun­den ganz gut bezahlt. Einschließlich Nacht- und Sonntagszuschläge. Während der Kapitän am Heck des Schiffes eine fast schon als luxuriös zu bezeichnende Wohnung und seine mitreisende Frau besaß, mussten wir uns da vorne im Schiff selbst versorgen. Ob nun auf dem Mittellandkanal, wo meine Reise begann, Rhein und Weser oder Elbe, überall wurden wir von schwimmenden Kauf­manns­läden versorgt. Unsere Hauptmahlzeiten bestanden in der Regel aus Bratkartoffeln mit Speck und Eiern, Erbsen- oder Linsensuppen aus der Dose oder auch einfach nur aus Puddingsuppen aus der Tüte.

Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen.

Der Matrose, eigentlich auch nur Lehrling im dritten Jahr, zeigte mir wo es lang geht. Als ich ein­mal in einer Schleuse das Drahttau nicht ordnungsgemäß nachführte, welches oben an einem Poller befestigt war und unten am Kahn ebenfalls um einen Poller lief, hatte ich noch nicht das richtige Gefühl entwickelt. Und so riss das Tau mit einem Knall, und der Kahn kam ganz schön ins schaukeln. Mit viel Glück entging ich meiner Enthauptung durch das durch die Luft schwirrende Metalltau. Beinahe hätte ich mir in die Hose gemacht. Als Lehrling darf man doch schon mal einen Fehler machen, oder? Pustekuchen! Mit Gebrüll kam der Möchtegern-Matrose vom hinteren Ende des Kahnes, wo er die gleiche Funktion wie ich vorne verübte, die ganzen 60 Meter angeschossen und knallte mir eine, dass mir Hören und Sehen verging. Etwa eine Stunde später legte der Schlepp­verband von insgesamt fünf Kähnen zur Nachtruhe an einer der dafür vorgesehenen Uferböschung an. Mit immer noch brummendem Schädel von dem hefti­gen Schlag meines Vorgesetzten stieg ich die steile, schmale Treppe zu unserer Unterkunft hinab. Nach Ansicht des älteren nicht flott genug. Er hatte es etwas eiliger als ich. Er trat mir ein­fach auf den ohnehin immer noch schmerzenden Kopf. Das trug natürlich nicht gerade dazu bei, mir Sympathien für ihn aufkommen zu lassen. Zumal er mich schon einige Male, wenn er mich mal bei einem Landgang mitgenommen hatte, um mich mit den jeweiligen Lokalitäten der Stadt bekannt zu machen, mich regelmäßig die Zeche zahlen zu lassen. Dabei verdiente er schon weitaus mehr als ich im ersten Lehrjahr. Er machte sich bei mir auch nicht gerade beliebter, indem er sich gerne an meinen Vorräten vergriff. Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen. In Duisburg/Ruhrort schlug er dem Fass den Boden aus. Schmiss er mich doch mitten in der Nacht aus unserer gemeinsamen Kajüte raus, weil er mit einer aufgegabelten Tussi alleine sein wollte. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass er bedeutend besser ernährt war. Kurz, – er war ein Kerl wie ein Baum.

Platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein.

Seine Größe nutzte ihm allerdings nicht viel. In der kalten Novembernacht in Duisburg draußen auf dem Vordeck hatte ich Rache geschworen. Bei den BASF-Werken bei Leverkusen hatte unser Kahn irgend so eine Chemikalie gelöscht. Der ganze Kahn war von dem Feinstaub grau überzogen. Unsere Aufgabe war es nun, das ganze Schiff mit einem Wasserschlauch abzuspritzen. Ich auf der einen Seite, er auf der anderen. Ich schwöre, es geschah völlig unabsichtlich, dass mein Vormann dabei einen Wasserstrahl von mir abbekam. Doch dieser cholerische Typ sah darin einen gewoll­ten Angriff meinerseits. Mit einem mir bestens bekannten Wutgebrüll rannte er auf der 40 Zentime­ter breiten Gangway um den Kahn auf mich zu. Was das bedeutete konnte ich mir denken. Rund um das Schiff waren an den Seiten in regelmäßigen Abständen lange Staken angebracht. Diese dienten dazu, den Kahn von einer Kaimauer abzuschieben oder aber, wenn man sich zu früh von dem Motorschlepper abgeseilt hatte und der Schwung nicht mehr ausreichte dort anzukommen, wo es vorgesehen war, dann half man eben mit kräftigem Schieben mit den etwa vier Meter langen Staken nach. Man konnte sich auch näher an einen Ort heranziehen. Am Ende befanden sich näm­lich eiserne Haken und Spitzen. So eine Stange nahm ich nun zur Hand, weil ich einfach keine Lust darauf hatte, mir eine erneute Kopfdröhnung von dem Kerl verpassen zu lassen. In seiner Rage merkte der Typ viel zu spät, was ich da in der Hand hatte. Jedenfalls war es nicht mehr der Wasser­schlauch. Auf der eisernen Gangway mit nassen Gummistiefeln zu bremsen war einfach unmög­lich. Er rannte direkt in meine „Hellebarde!“ Und, platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein. Allerdings war das Rheinwasser kein Wein. Vielmehr um diese Jahreszeit auch noch ziemlich kalt. Sein Overall, darüber eine Kunstfell gefütterte warme Jacke und die Gummistiefel erleichter­ten nicht gerade seine Schwimmbemühungen. Noch bevor er ins Wasser klatschte, hatte ich auch schon mein Gehirn wieder eingeschaltet. Ich rannte nach Achtern, löste das Beiboot und wriggte (wriggen bedeutet mit nur einem Ruder das Boot vorwärts zu bewegen) hinter meinen Arbeits­kolle­gen hinterher. Hinterher deshalb, weil die Strömung ihn abtrieb. Beinahe wäre auch ich noch in den Rhein gestürzt. Bei dem Versuch den mit Wasser vollgesogenen Kerl aus dem Rhein ins Boot zu ziehen, drohte das leichte Boot zu kentern. Endlich wieder an Bord hatte er ganz was anderes zu tun als mich zu verprügeln. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die ihre Lippen so schön blau geschminkt hätte, wie die von meinem Matrosen.

 

Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

 

Während dieses Vorfalls war unser Schipper natürlich nicht anwesend. Er war gerade in der Hafen­meisterei, um irgendwelche Frachtpapiere zu erledigen. Dennoch hatte er unterwegs schon von dem Vorfall gehört. Irgendwelche Gaffer hatten ihm schon alles brühwarm erzählt. Da ich als fast blutiger Anfänger leichter zu ersetzen war als ein schon fast vollwertiger Matrose, hatte natür­lich ich die Schuld und die Konsequenzen zu ziehen. War ja klar, dass zwischen uns keine Liebe mehr ent­stehen würde. Meine Fahrkarte nach Hannover musste ich natürlich von meinem Ersparten selbst kaufen. Das Büro in Hannover, wo ich meine Papiere und meinen Restlohn abholen sollte, hatte längst die Polizei eingeschaltet. Anstelle von Lohn und Papiere bekam ich 21 Monate Jugendknast aufgebrummt. Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

Im Knast durfte ich dann in meiner Zelle Bindfäden in Preisschilder von C & A für 50 Pfennige am Tag einfädeln. In dem Alter hatte mich die Nikotinsucht noch nicht gepackt und an Bohnenkaffee hatte ich mich auch noch nicht gewöhnt. So hatte ich mir dann am Ende meiner Haftzeit 87 Mark zusammengespart. Eine Bücherei wie im heutigen Knastalltag gab es damals noch nicht. Es war gar nicht daran zu denken, in die Bibliothek zu gehen und sich Bücher auszusuchen. Man bekam einmal in der Woche Bücher vor die Türe gelegt. So round about 800 Seiten. Egal, ich verschlang alles was kam.

Meine Mutter hatte inzwischen Willy geheiratet, war in eine etwas größere Gartenlaube gezogen, wo die beiden fleißig daran bastelten, daraus ein Wohnhaus zu machen. Eine kleine Kammer, wo ich schlafen konnte, hatte meine Mutter für mich nach meiner Entlassung parat. Die brauchte ich aber nicht sehr lange. Ich bemühte mich schnell wieder um Arbeit. Und die bekam ich von einem ganz lieben Angestellten vom Arbeitsamt. Ich lernte nunmehr einen Beruf, der direkt auf mich zuge­schnitten schien. Zunächst ging es ja immer noch darum das ich bei meiner Arbeitsstelle eine Unter­kunft bekam. Was lag diesmal näher als mich als Kellnerlehrling zu bewerben? Da ich zu damaligen Begriffen nicht gerade den Eindruck eines Bauernlümmels machte wurde ich auch ange­nommen.

In dem heute immer noch erzkonservativen Hotel[2] lernte ich alles von der Pieke auf, was einen guten Kellner ausmacht. Filieren, Tranchieren übers Flambieren am Tisch, bis hin vieles über Wein­kunde. Uns wurde untersagt, vor dem Gast zu lächeln, weil der (Neureiche-)Gast sich ausgelacht fühlen könnte. Anstatt in schweren Klamotten und nach Stall riechenden Gummistiefeln herum zu laufen, trug ich eine vom Hotel gestellte Livree. Ich lernte Umgangsformen der gehobenen Gesell­schaft und auch sehr viel Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Showbusiness kennen. Weil ich aber mitten im Lehrjahr eingestiegen war, hätte ich eigentlich dreieinhalb Jahre lernen müssen. Mein zuständiger Lehrlingsausbilder aber meinte, dass ich schon nach zweieinhalb Jahren das Zeug dazu hätte, die Prüfung zu bestehen. Er meldete mich demnach auch zur Prüfung an. Und ich ent­täuschte ihn nicht. Mit einer Durchschnittsnote von 2,2 bestand ich meine Prüfung so, wie schon früher mein Versetzungszeugnis in die 8. Klasse in der Heimschule in Dönschten aussah. Abgeschlossen habe ich meine Lehre in Hamburg, da unser Betrieb trotz aller Konservativität schon ganz modern eingestellt war. Jeder Kochlehrling musste einige Monate im Service arbeiten, dafür ging jeder Kellnerlehrling die gleiche Zeit in die Küche, um dem Gast besser erklären zu können, wie z.B. eine bestimmte Soße zubereitet sei. Hinzu kam dann als krönender Abschluss, dass das Hotel in Hannover für drei Monate Lehrlinge mit einem ebenso renommierten Hotel in Hamburg austauschte.

Dort lernte mich auch mein zukünftiger Chef kennen. Vom Fleck weg engagierte mich der Besitzer des Landungsbrücken Cafes nach Beendigung meiner Lehre. Als Gast in dem Hause, wo ich arbei­tete, hatte er mich bei der Betreuung meiner Gäste beobachtet und Gefallen an mir gefunden. Er besorgte mir eine Wohnung. Besser gesagt war es eine Art WG. Ein schwuler ehemaliger Ballett­meister vermietete einzelne Zimmer an ausschließlich junge Burschen. In den beiden Zimmern stan­den jeweils zwei doppelstöckige Betten. Von der Sternschanzenstraße bis zu den Landungs­brücken konnte ich den Weg zu meiner Arbeit bequem zu Fuß gehen. Doch als mir die Annä­he­rungs­versuche meines Vermieters zu bunt wurden, suchte ich mir eine andere Bleibe. Die bekam ich dann auch von einem unserer Stammgäste in Groß Flottbeck angeboten. Zwar hatte ich dadurch einen weiteren Weg, war aber in der möblierten Kellerwohnung endlich mal nicht nur not­dürftig untergebracht. Hatte ich mich nun schon seit drei Jahren vorbildlich in der Gesellschaft integriert, ohne besondere Vorkommnisse, und konnte meiner Mutter beim Ausbau ihrer Garten­laube zum Wohnhaus auch noch finanziell unter die Arme greifen, machte die Musterung alle meine Zukunftspläne zunichte.

„Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“

Nach den üblichen Körperchecks stand ich vor der eigentlichen Prüfungskommission. Alle ausschließlich altgediente Berufsoffiziere. Der Obermacker in der Mitte sitzend schob sich ein Monokel vors Auge. „Hm, äh, Tauglichkeitsgrad 1!“ In meiner Akte blätternd weiter: „Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“ Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass ich am gleichen Tag Geburtstag hatte wie der letzte Deutsche Kaiser. Seine Vorliebe für die Marine sollte mich demnach dazu verpflichten, dort meine 18 Monate abzudienen? Konnte ja wohl eh nichts daran ändern. Also verschlug es mich auf die Insel Sylt. Kaum war die Grundausbildung been­det, ich auch schon zum Gefreiten befördert, las ich am Schwarzen Brett, dass man Freiwillige, allerdings mit der nötigen Qualifikation für die Fallschirmjäger in Fürstenfeldbruck suche. Ich ließ mich erneut checken. Und siehe da, man fand mich für geeignet. Der Sold war etwas höher. Hinzu kam noch eine kleine Gefahrenzulage für jeden Absprung. Der Haken an der Sache war aller­dings, dass ich mich, wollte ich zu dieser Eliteeinheit, für 4 Jahre verpflichten musste. Und ich lebensunerfahrener Bursche von gerade mal 19 Jahren unterschrieb. Nachdenklich über das, was ich mir hiermit eingebrockt hatte, wurde ich erst, als ich im Urlaub ehe­malige Arbeitskollegen traf, die es irgendwie geschafft hatten, sich vor der Wehrpflicht zu drücken. Im Tanzcafe bestellten die großkotzig Roten Krimsekt, während ich unter dem Tisch meine paar Kröten zählte, ob es wohl noch für eine Cola reichen würde. Ich begann zu begreifen, was ich mir da selbst eingebrockt hatte. Aussteigen aus dem Vertrag war nicht drin. Es gab eigentlich nur eine Möglichkeit: Untauglich fürs Fallschirmspringen zu werden. So nahm ich mir dann fest vor, bei einem meiner nächsten Absprünge ein Bein zu brechen. Vom Wollen bis zur Ausführung, da liegen Welten dazwischen. Zwar hatte ich mir schon beim Schifahren mal ein Bein gebrochen, hatte es zunächst gar nicht so recht registriert. Bis ich aufstehen wollte und der Schmerz bis ins Gehirn hochschoss.

„Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“

Bevor es überhaupt zum ersten Absprung kam hatte man alles gelernt, was zu vermeiden war, so dass man es im Schlaf hersagen konnte. Vor dem ersten Absprung träumte ich sogar die Hand­griffe und Handlungen, die mich sicher wieder auf den Boden brachten. Inzwischen hatte ich schon über 30 Absprünge ohne jedwede Komplikation absolviert. Immer wenn ich es mir bewusst vor­nahm, heute passierts, nahm doch die bereits vorhandene Routine Besitz von meinen Bewegungen. Schließlich war ich dann doch zu feige, meine Gedanken in die Tat umzusetzen. Irgendwie aber hatte sich der Gedanke an sich irgendwo im Hinterstübchen festgesetzt. Ich hatte den Gedanken schon längst ad acta gelegt, als es dann doch wie von selbst passierte. Während der ganzen Zeit der Luftfahrt hatte ich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet. Doch als ich mich wie gewohnt nach vorne werfen wollte, um mit meinen Unterarmen die Seile runterdrücken wollte, um das Aufblähen des Fallschirms zu verhindern, wehte an diesem Tag auch noch ein Lüftchen von etwa 3; ich konnte mich nicht wie gewohnt mit den Füßen abstoßen. Dafür verspürte ich den gleichen Schmerz unter der Schädeldecke wie schon bei meinem Schiunfall.

Die im weiten Umkreis verteilten fernglasbewaffneten Beobachter hatten sofort erkannt, was mit mir los war. In einer Staubwolke eingehüllt kam ein Jeep neben mir zum Stehen. „Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“ kommentierte der Offizier, der kurz meine Beine abgetastet hatte. Ein Bein alleine hätte ja auch schon gereicht. Aber nein, Schulz musste sich gleich beide Beine brechen.

Meinen Wehrpass mit dem neuen Vermerk, dass ich nur noch zur Ersatzreserve 2 gehörte, bekam ich dann noch am Krankenbett ausgehändigt. Nicht alleine dass ich mit dem doppelten Beinbruch untauglich geworden war, im Notfall mein Vater(?)land zu verteidigen, sondern die im Kranken­haus durchgeführte Röntgenuntersuchung meiner Lunge. Was wusste ich schon davon, was die drei Buchstaben TBC zu bedeuten hatten? Bisher unentdeckt hatte ich mit die „Motten“ mit herumge­schleppt, die inzwischen schon drei Kavernen in meine Lunge gefressen hatten.

Von wegen nach einer paar Wochen wieder ins Berufsleben einsteigen.

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Fußnoten

[1] Eine Lüttje Lage ist ein im Raum Hannover verbreitetes Mischgetränk aus dem speziellen obergärigen Lüttje-Lagen-Schankbier und Kornbrand. Eng verbunden mit der Lüttje Lage ist eine spezielle traditionelle Trinkweise. https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCttje_Lage

[2] Nach mündlicher Mitteilung von Dieter Schulz handelte es sich um das beste Hotel Hannovers: Kastens Hotel in der Luisenstraße https://www.kastens-luisenhof.de/

An wehrlosen Heimkindern kann man ungestraft auslassen, was man an Juden oder Andersdenkenden nicht mehr auslassen kann.

Frechheit siegt. Wäre in diesem Fall zu wünschen, wenn es überhaupt Frechheit ist.

Schon erstaunlich, der Griff ins Polemikfach, zu dem sich der Autor Christian Geyer verstie­gen hat. „Kinder haben im Grundgesetz nichts zu suchen“, meint er und spricht von „Frechheit“[1]. Ich will ihm darin nicht folgen, auch wenn ich es höchst befremdlich finde, wie er die Realität ausblendet, die sich nicht die sich nicht puristisch an der Rechtsdogmatik misst. Selbstverständlich haben zunächst die Eltern „das natürliche Recht und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ auf Pflege und Erziehung – und ich will hier nicht den Rückgriff der Eltern des Grundgesetzes auf das Naturrecht problematisieren. Aber wir erfahren doch fast täglich, dass es Eltern gibt, die dieses Recht und seine Verpflichtung nicht verstehen, es gar missbrauchen zu Vielerlei oder es missachten – bis hin zum Totschlag. Und selbst unterhalb dieser Schwelle gibt es laut Marie von Ebner-Eschenbach „leider nicht viele Eltern, deren Umgang für die Kinder ein Segen ist.“ Immerhin reicht das Elternrecht nach parlamenta­rischem Beschluss bis zur einschneidenden Körperverletzung durch Beschneidung. Da hilft nicht einmal das Wächteramt des Staates.

Wie wichtig der Grundrechtsschutz von Kindern ist, erleben Scheidungskinder besonders häufig. Familienrichter haben keine Ausbildung in Entwicklungspsychologie, manche halten, wie der frühere Präsident des Familiengerichtstages Siegfried Willutzki immer wieder betonte, Fortbildung für einen Eingriff in ihre richterliche Freiheit. Und dank der Unbeirrbarkeit von Bundesländern, in Kindesangelegenheiten zu sparen, sind ja nur Kinder, verzichtet man auf die professionelle Befähigung von Verfahrenspflegern, auch Anwalt des Kindes genannt.

Kinderrechte im GG können aber nicht nur ein besserer Schutz vor verantwortungslosen Eltern sein, sie wären auch ein Schutz vor manchen Jugendamtseingriffen, die, wie wir auch immer wieder erfahren, Kinder nicht ausreichend schützen, die keine Fachaufsicht fürchten müssen und zuweilen fiskalischer Enge die Priorität einräumen.

Kinderrechte im GG würden nicht per se den Kindern einen geschützen Raum öffnen. Doch hier muss die Sachdiskussion beginnen, wenn sie samt Wahlrecht ins Grundgesetz gekommen sind.

Auch ein voreiliger Anwalt des Kindes kann Schaden anrichten, ebenso wie die ideologische Befangenheit auf Seiten unbelehrbarer Eltern. Auch haben manche der Befürworter solcher Rechte ein politisches Nebenkalkül. Aber ist es wirklich eine Frechheit, sich den realen Nöten von Kindern zuzuwenden, auch wenn die Wege aus der formal-juristischen Korrektheit hinausführen?

Herrn Geyer kann ich aus meiner Beschäftigung mit dem Thema viel Material anbieten.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kinderrecht-im-grundgesetz-eine-frechheit-14957358.html