Dierk Schaefers Blog

Kirchenzucht in den 80er Jahren – jedenfalls in Württemberg

Posted in Firmenethik, Geschichte, Kirche, Moral by dierkschaefer on 21. Februar 2016

Ein Anhalter stand an der Straße, Alter und Kleidung untypisch. Ich nehme ihn mit. Ein Kollege, wie sich schnell herausstellt. Der Unglücksrabe hatte – wenige Wochen vor dem Fall der Mauer – seine Gemeinde in Sachsen verlassen und hauste nun mit Frau und zwei Töchtern in einer dörflichen Notunterkunft im schwäbischen Oberland: Ein Zimmer, Stockbetten, Privatheit notdürftig mit abgehängten Wolldecken hergestellt. Dem Mann mußte geholfen werden. Zufällig hatte ich gerade eine ganztägige Stelle in meinem Pfarramt zu vergeben. Warum nicht ein Sekretär anstelle der üblichen Sekretärin? Er schrieb die Bewerbung und ich reichte sie mit unterstützender Begründung beim Oberkirchenrat ein: Zwei Jahre Sekretär und zugleich die Möglichkeit, sich die Qualitäten des Mannes anzuschauen – danach dann vielleicht ein besser angemessener Dienstauftrag. Doch daraus wurde nix – die Ablehnung kam ohne Begründung.

Auf Nachfrage bei der EKD erfuhr ich: Es sei üblich, DDR-Kollegen, die ohne politische Not ihre Gemeinde im Stich gelassen hätten, nicht gleich wieder in den Gemeindedienst zu nehmen. Es sei auch üblich, ihnen beruflich weiterzuhelfen, z.B. als Religionslehrer.

Aber nicht bei uns.

Er fand dann Anstellung (oder Job?) bei einer Versicherung. Die wird ihn wohl wieder zurückgeschickt haben, denn der Kollege sprach sächsisch und in diesen Goldgräberzeiten gab es im Osten viele Policen zu verkaufen.

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2 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 21. Februar 2016 at 11:26

    Was die EKD betrifft:
    Das Erlebnis mit Ihrem vor der Wende geflüchteten Kollegen erinnert mich an die viiieeel großzügigere Haltung der Landeskirche Hannovers in den 60er Jahren.

    Damals warf die Landeskirche zu Oldenburg einen etwas zu kinderfreundlichen Vikar hinaus, weil er Kindern
    gegenüber „übergriffig“ geworden war. Die Landeskirche Hannovers stellte den Schmierlappen ein und beförderte ihn – wegen erbrachtem Nachweis der Kompetenz in Sachen Kinderpoppen? – sofort zum PASTOR!
    Belegt wurde dieser skandalöse Vorgang durch die „Unabhängige Kommission“ zur Aufarbeitung kirchlichen
    Unrechts (sprich Kinderpoppen durch einen Kinderpopen) im Bereich der Landeskirche Hannovers.
    .
    Das konnte wohl kaum ohne Mitwirkung der EKD geschehen sein, oder?

    So wandeln sich die Zeiten und Ansichten – und Spätzleschaber sind eben auch nicht gottesfürchtiger als unsere Grünkohl essenden Niedersachsen.

    Während meiner Abarbeitung der „Entschädigungsanträge“ an die Landeskirche Hannovers sagte ein Opfer seine Definition des Kürzels EKD: EisKalte Drecksäcke…

    Aus Höflichkeit widersprach ich dem Mann nicht…..auch heute noch nicht.

    • dierkschaefer said, on 21. Februar 2016 at 12:23

      das muss nicht über die ekd gelaufen sein. es gab ein ungeschriebenes agreement unter manchen landeskirchen: nimmst du meinen geschiedenen, nehme ich deinen. scheidung war ja einmal der größte fehler, den ein pfarrer im laufe seines hiesigen daseins machen konnte. dabei interessierte, wie ich aus einem fall weiß, nicht die scheidung als solche, sondern welches aufsehen sie erregt hatte oder erregen konnte. hier schließt sich der kreis zur institutions-förderlichen(???) vertuschung von sexualdelikten.


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