Dierk Schaefers Blog

Zwei Pfingstbotschaften gehen aneinander vorbei …

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kirche, Kriminalität, Theologie by dierkschaefer on 25. Mai 2015

… just like two ships passing in the night[1].

Beide sind etwa gleich lang.

Die eine kommt „von oben“, die andere aus unberufenem Munde, wie man meinen könnte, von Uwe Werner, einem „Laien“, der weithin unbekannt sein dürfte.

Die andere wird von der Pressestelle der EKD[2] verbreitet. Sie informiert über die Pfingstpredigt des Ratsvorsitzenden der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Professor der Theologie[3].

So etwas steht Herrn Werner nicht zur Verfügung. Er wendet sich auch nicht an die Allgemeinheit, sondern an ausgesuchte Adressaten:

  • Sehr geehrte Damen und Herren
  • sehr geehrter Mitglieder im Lenkungsausschuß
  • sehr geehrter Ombudsmann Prof. Schruth
  • sehr geehrter Bischof Ackermann
  • sehr geehrter Präses der EKD, Herr Bedford-Strohm
  • Liebe ehemalige Heimkinder in Ost und West

Die Pressestelle hingegen nennt keine Adressaten. Sie referiert und die Botschaft klingt wie eine Verlautbarung von oben: »Auf die Bedeutung des Heiligen Geistes für Kirche und Gesellschaft hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, angesichts des bevorstehenden Pfingstfests hingewiesen. Die Trinitätslehre vom dreieinigen Gott als untrennbare Einheit von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist, sei kein „theologisches Glasperlenspiel“, sondern entscheidend für den christlichen Glauben, so Bedford Strohm in einer vorab veröffentlichten Pfingstpredigt. „Es ist der Heilige Geist, durch den Jesus sagen kann, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“«

Ein theologisches Glasperlenspiel ist die Trinität auch für Herrn Werner nicht und kommt zur Sache: »Nach theologischer Ansicht gilt der Heilige Geist als Medium für die Kommunika­tion zwischen Gott und den Menschen. Wurden die Apostel seinerzeit vom Heiligen Geist inspiriert, so wünsche ich Ihnen, und ganz besonders den Vertretern beider grossen Kirchen im Lenkungsausschuß, und allen, welche mit dem Fond Heimerziehung Ost u. West politische Verantwortung tragen, lassen Sie sich neu vom Heiligen Geist inspirieren.«

Sieht das auch der Ratsvorsitzende so? „Als Kirche brauchen wir einen Geist, der Scheuklap­pen wegfegt und eingefahrene Denkschemata durchmischt“.

Seine Sache ist aber eine andere: »„Der Heilige Geist macht uns neu, er bewegt uns und wirbelt uns manchmal ganz schön durcheinander“. Dies gelte auch für die verschiedenen Frömmigkeitsformen in der Kirche, die lange in Schubladen gesteckt worden seien: „Hier ist etwas in Bewegung geraten. Immer mehr Christen merken, dass sie etwas voneinander lernen können.“«

Immer mehr Christen merken, dass sie etwas voneinander lernen können – das könnte den Horizont weiten. »Lassen Sie sich neu vom Heiligen Geist inspirieren.« ist bei Herrn Werner zu lesen. »Lassen Sie zukünftig mehr den Geist der Seelsorge, als den der Finanzen sprechen, wenn Sie Beschlüsse fassen, welche bisher verhehrende Auswirkungen auf tausende ehema­lige Heimkinder in Ost und West nach sich gezogen haben.Die Apostel wurden mit der Fähig­keit ausgestattet, in verschiedenen Sprachen mit den Menschen zu kommunizieren. Dies führte dazu, dass sich tausende der Kirche zugewandt und nicht wie heute, viele sich von der Kirche abgewandt haben. Man verstand die Apostel, weil sie den Menschen aus der Seele gesprochen haben, mit schlichten, klaren und in einfachen Worten.«

Die Worte des Ratsvorsitzenden sind denkbar klar, doch sie haben ein anderes Ziel: »Aber auch in der Gesellschaft habe der Heilige Geist etwas in Bewegung gebracht: So würden Menschen nicht mehr hinnehmen, dass Flüchtlinge beim Versuch nach Europa zu gelangen sterben. „Wir brauchen den Heiligen Geist, damit Weisheit und Liebe in die Herzen der Verantwortlichen überall in Europa, in unser aller Herzen einziehen und wir gangbare Lösungen finden, um das Sterben zu beenden.“

Nun könnte man ein einfaches Fazit ziehen: Herr Werner spricht für seine Gruppe, die der ehemaligen Heimkinder, der Bischof spricht für Andere, für die Flüchtlinge, also honorig.

Doch so einfach ist es nicht. Herr Werner spricht von denen, die den Heiligen Geist als Ungeist wahrnehmen mussten. Die ehemaligen Heimkinder bekamen in den Einrichtungen der Kirchen ihre Schläge „im Namen des Herrn“[4]. Das ist doch Vergangenheit, die Flüchtlinge ertrinken jetzt. Das stimmt, aber nicht ganz.

Die Vergangenheit lebt fort. Sie wurde wiederbelebt durch den großen Betrug an den ehemaligen Heimkindern am Runden Tisch, orchestriert von den Interessenvertretern von Staat und Kirche. Sie ist Gegenwart in den Menschen, die kirchlich traumatisiert wurden, viele sind unterstützungsbedürftig, nicht zuletzt weil über ihre „Seelen“ auch ihre Erwerbs­biographie eher unselig ausfiel.

So gewinnt man den Eindruck, dass der heilige Pfingstgeist nicht weht, wo er will, sondern da, wo die beiden Kirchen mit ihren Bischöfen und Vorsitzenden ihn wehen lassen wollen.

Pfingsten 2015 – zwei Schiffe begegnen sich bei Nacht. Zur Kollision kommt es nicht. Sie fahren jedes dem eigenen Tag entgegen.

O komm, du Geist der Wahrheit,

und kehre bei uns ein,

verbreite Licht und Klarheit,

verbanne Trug und Schein.

Gieß aus dein heilig Feuer,

rühr Herz und Lippen an,

daß jeglicher Getreuer

den Herrn bekennen kann.[5]

 

Den Text der Pressemitteilung finden Sie unter http://www.ekd.de/presse/pm80_2015_pfingstbotschaft_des_ekd_ratsvorsitzenden.html

den Text von Herrn Werner hier: Pfingstbotschaft uwe werner

[1] Henry Wadsworth Longfellow, Tales of a Wayside Inn, part 3, section 4: „Ships that pass in the night, / and speak each other in passing, / Only a signal shown and a distant voice in the darkness; / So on the ocean of life we pass and speak one another, / Only a look and a voice, then darkness again and a silence”. http://en.wiktionary.org/wiki/ships_that_pass_in_the_night

[2] Evangelische Kirche in Deutschland

[3] »Pfingstbotschaft des EKD-Ratsvorsitzenden – Der Heilige Geist bringt Bewegung« http://www.ekd.de/presse/pm80_2015_pfingstbotschaft_des_ekd_ratsvorsitzenden.html

[4] Die Erziehungseinrichtungen des Staates waren nicht besser. Dort gab es die Schläge im Namen des Rechtsstaats, ansonsten war man – wie die Kirchen – auf die Finanzen bedacht. Dem Staat waren die Kinder egal und die Kirchen wollten sie „zu Jesus Christus“ führen. Ich weiß nicht, was im Endeffekt schlimmer war.

[5] Evangelisches Gesangbuch, Nr. 136. Ein als „ökumenisch“ gekennzeichnetes Lied.

Keine Gnade für Hubertus

Posted in heimkinder, Journalismus, Kirche by dierkschaefer on 19. Mai 2015

Ein Journalist suchte einen skurrilen Möchtegern-Priester und fand eine Tragödie[1]. Er schrieb darüber in „Christ und Welt“ [2].

Dieser Artikel fand unterschiedliche Aufnahme, dazu später. Mich erinnerte er an Hubertus, den „ganz kleinen Bruder Jesu“. Seine Adresse war in meinem Speicher[3] und in meiner Bibel liegt der kleine Zettel als Erinnerung an seine Priesterweihe, ein Zettel mit Bild und umseitigen Text[4], wie ich ihn als katholischen Brauch kenne. Vor meinem geistige Auge standen wieder seine Mails, in denen er mit übergroßer Schrift auf das Schicksal der ehemaligen Heimkinder, auf die Tätigkeit der „ganz kleinen Brüder Jesu“ und ihrer Behindertenbäckerei in der Bischofsstadt Paderborn[5], besonders aber auf sein eigenes Schicksal verwies.

Ja, der Mann suchte Anerkennung, lief aber gegen Wände. Als das Fenster der Bäckerei mit Nazi-Parolen besprüht wurde, beeilten sich die kleinen Brüder, diesen Schandfleck umgehend wegzuputzen. „Falsch“, schrieb ich ihm, er hätte die Presse und die Polizei holen sollen.

Dann kam eines Tages ungelenk-herzig adressiert an „den Pfarrer der Heimkinder“ der Zettel, der immer noch in meiner Bibel liegt. Ich wunderte mich etwas über die Formulierung. Die Priesterweihe fand in einer „katholischen“ Kirche statt. Ja, wo denn sonst, dachte ich, wozu die spezielle Erwähnung?

Seine Mails in Sachen Heimkinder versiegten seitdem, einmal noch ein Mail, das ihn bei einer priesterlichen Handlung zeigte. Ich antwortete in Nichterkennung dessen, was ich nun weiß, es sei schade, dass sein Engagement mit seiner Priesterernennung bereits ans Ziel gekommen sei.

Der Artikel nun ließ mich recherchieren. Die Webseite der Pader-Bäckerei[6] gibt unter „downloads“ die Auskunft: »Die Räumlichkeiten der Behinderten–Bäckerei in der Kasseler Straße 29 werden nun nach dem 24.12.2009 nicht mehr für Sie als unsere Produktionsstätte sein. … weil uns durch das Generalvikariat von Paderborn und der Stadt Paderborn als Bürgermeister die Schwierigkeiten nicht versagt blieben. Durch Teuflisches Zungengerede der Genannten, kamen wir zur Entscheidung daß eine neue Wirkungsstätte gesucht werden muß, die unsere Arbeit gelingen lässt.« Das war noch vor der Priesterweihe. Und dann der Verweis auf die Facebook-Seite von Bruder Hubertus[7].

Davon ist im Artikel auch die Rede. Bruder Hubertus stellt viele Bilder dort ein, von sich, möglichst mit möglichst bedeutenden Personen. Ja, der Mann braucht Anerkennung. Wer sich mit seinem Schicksal vertraut macht, hat Verständnis dafür. Der Artikel in Christ und Welt vermittelt das auch sehr feinfühlig und journalistisch gekonnt. Meine einzige Frage an den Journalisten wäre, ob er bedacht hat, wie Hubertus es aufnimmt, wenn er liest, dass er – nein, nicht skurril ist, aber eine menschliche Tragödie darstellt, immer wieder gegen die Wand der Amtskirche läuft und auch seine „Bewunderer“ in Facebook ihn nicht ernstnehmen? Doch Hubert Groppe hat ja seine Abwehrmechanismen. Er zählt zu denen reinen Herzens und ich wünsche ihm, dass er es behält.

In einer Netzzeitung evangelischer Pfarrer wurde der Artikel verlinkt mit dem Kommentar:

Keine Gnade für Schwurbeltexte[8]

Ich antwortete dem Kollegen: äh? ist ein sehr guter artikel, hubertus ist ein armer kerl. kenne seine geschichte.

Rückantwort: je tragischer der Fall, desto unprätentiöser sollte der Text sein. Gibt Journalisten, die sehen das offenbar anders.

Ich: sehe ich auch anders: ein sehr sensibler artikel. bin aber kein journalist, sondern nur pfarrer.

Er: auch unter Pfarrern (oder gerade da?) sollen die Geschmäcker sehr unterschiedlich sein ;)

Er, er twittert unter knuuut und bietet „Pastorenstückchen“ an.

Ich werde neugierig. Seine Selbstbeschreibung bei Twitter: »Bald in der Anstalt. Keine Katze. http://pastorenstueckchen.de « Er tritt also ganz unprätentiös auf, ohne Titel, sogar ohne Nachnamen, will also wohl mit Knut angesprochen werden, aber knuuut ist mir zu sehr an Knuuutschen dran, das ist mein Ding nicht und auch sein Photo … na ja, Schwamm drüber. Erst seine Pastorenstückchen[9] brachten ihn mir ein Stückchen näher: Ich fand seine Telefonnummer und per Rückwärtssuche auch seine Gemeinde.

Nein, knutschen werde ich ihn gewiss nicht, nicht einmal „Du“ sagen. Doch dieser Amtsbruder könnte etwas lernen von den ganz kleinen Brüdern Jesu, denen mit dem reinen Herzen, und von Journalisten mit der Sensibilität, wie sie ein Pfarrer aufbringen sollte, ganz unverschwurbelt.

[1] Raoul Löbbert suchte einen skurrilen Möchtegern-Priester und fand eine Tragödie: http://www.christundwelt.de/detail/artikel/mann-fuers-grosse/

[2] http://www.christundwelt.de/detail/artikel/keine-gnade-fuer-hubertus/ . Der Artikel erschien auch in der ZEIT http://www.zeit.de/2015/20/priester-katholische-kirche-hubertus-groppe/komplettansicht

[3] bruderhubertus@christus-web.de

[4] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/17817661325/in/dateposted-public/

[5] http://hubertus.weebly.com/behinderten-baumlckerei.html

[6] http://www.missionszentrale.org/

[7] https://de-de.facebook.com/diekleinenbruederjesus

[8] http://www.zeit.de/2015/20/priester-katholische-kirche-hubertus-groppe …0 Retweets 1 Favorit

[9] http://pastorenstueckchen.de/ueber/

Verdrängung der Aktualität: Gedenkrituale lenken nur ab

Posted in Ethik, Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Nazivergangenheit by dierkschaefer on 14. Mai 2015

Am besten, man gedenkt längst vergangener Untaten, begangen von Leuten, die nicht mehr unter uns weilen, von denen wir uns bequem distanzieren können und deren Opfer auch schon längst tot sind. Das ist ja auch schon eine Leistung. Andere Länder schaffen nicht einmal das.

Nachdem wir die Täter lange geschützt haben bis die meisten von ihnen ausgestorben waren, arbeiten wir unsere Vergangenheit auf: Historikergutachten, Denkmale, Gedenktage, Gedenkveranstaltungen. Denk mal, wie anständig wir geworden sind, geradezu Nobel-Preis-würdig!

Ein Beispiel:

»Unter dem Titel „Erinnerung wach halten – Zukunft bauen“ laden neun Organisationen in Zusammenarbeit mit der Stadt Mönchengladbach dazu ein, am Montag, 18. Mai, ab 11.30 Uhr, in einem Zelt auf dem Alten Markt der Bürger zu gedenken, die zur Zeit des National-Sozialismus wegen ihrer Behinderung ermordet wurden.«[1]

Das ist doch sehr anständig und trifft mal wieder die bösen Nazis, die Behinderte ermordet haben; Menschen mit Behinderung, das macht man doch nicht.

 

Lassen Sie uns weiter denken:

In bundesdeutsche Behinderteneinrichtungen und Kinderpsychiatrien wurden Kinder eingewiesen. Die einen waren behindert, andere nicht. Die Plätze standen bereit, die kosteten Geld und durften nicht leer stehen. Oft war auch das alte Nazi-Personal noch vorhanden, zumindest ihr Geist.

In diesen Heimen wurden die Kinder und Jugendlichen – inzwischen anerkanntermaßen – nicht so behandelt, wie es für ihr weiteres Leben hilfreich gewesen wäre. Wer noch nicht behindert war, wurde es dort, und wer es schon war, wurde zusätzlich fürs Leben behindert. Das alles wissen wir mittlerweile.

Dann gab es den Runden Tisch/Heimkinder unter der betrügerischen Leitung von Frau Vollmer. Er brachte recht magere Ergebnisse für die Heimkinder, doch selbst davon waren ehemalige Heimkinder mit Behinderung ausgeschlossen – bis heute. Die Bundesländer knobeln noch daran herum, wie ein Fonds gestaltet werden könnte, sollte. Das kostet Zeit, die Geld spart, denn mittlerweile sterben die Opfer einfach weg. Die können noch nicht einmal – wie neuerdings die „normalen“ ehemaligen Heimkinder Geld für ihre Beerdigung reklamieren[2].

 

Zurück zu Möchengladbach. Wer gedenkt dort der Menschen mit Behinderung aus Nazizeiten?

»Der Kooperation der Veranstalter gehören an: City Kirche, das Z – Menschen im Zentrum, Der Paritätische, die evangelische Stiftung Hephata, das Gymnasium Odenkirchen, der Verein Leben mit Usher-Syndrom, Pro Retina (Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegeneration), der Sozialverband VdK Kreisverband Mönchengladbach, die Stadt Mönchengladbach, Sozialdezernat und die Vinzentinerinnen (Josefshaus Hardt).«

Sieh an, sieh an: Da tauchen auch die üblichen Verdächtigen auf: die evangelische Stiftung Hephata und die Vinzentinerinnen (Josefshaus Hardt).

Zurecht schreibt Uve Werner, „wütend über so viel Scheinheiligkeit“:

»Nach dem 2. Weltkrieg, fand in fast allen Heimen, Anstalten und Einrichtungen, das schlimmste deutsche Nachkriegsverbrechen statt, auch in Mönchengladbach«. Hephata ist dafür berüchtigt wie auch die Vinzentinerinnen.

Na ja, daran denken wir später einmal, mit einer Gedenkveranstaltung, wenn Gras über den Gräbern gewachsen ist.

[1] http://www.rp-online.de/nrw/staedte/moenchengladbach/gedenken-an-behinderte-die-von-den-nazis-getoetet-wurden-aid-1.5086121

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/13/theologischerseits-nur-zu-begrusen-die-burokratie-erinnert-ausdrucklich-den-tod-zu-bedenken-gegen-unterschrift/

Soziale Arbeit – (k)ein Ort der Menschenrechte: Stand der Aufarbeitung und Formen der Vermittlung

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kirche, Menschenrechte, Pädagogik by dierkschaefer on 27. April 2015

»Vom 6. bis 8. Mai 2015 findet die Fachtagung „Soziale Arbeit – (k)ein Ort der Menschenrechte. Stand der Aufarbeitung und Formen der Vermittlung“ an den beiden Veranstaltungsorten Katholischen Stiftungsfachhochschule München Abteilung Benediktbeuern und Herzogsägmühle (in Peiting-Herzogsägmühle) statt. Die dreitägige Fachtagung ist eine Kooperationsveranstaltung der KSFH in Benediktbeuern, der Heimatpflege des Bezirks Oberbayern und des Vereins Dorfentwicklung und Landespflege Herzogsägmühle e.V.«

Martin Mitchell/Australien hat den Link zur Fachtagung gefunden: http://www.ksfh.de/node/1794

Seinen Gott unter Kontrolle bringen – Ja, geht denn das?

Posted in Kirche, Menschenrechte, Theologie by dierkschaefer on 27. April 2015

»Der Journalist und langjährige Nord­afrika-Korrespondent der ARD Samuel Schirmbeck formulierte es überspitzt so: „Der Islam hat es, anders als das Christentum, nicht geschafft, seinen Gott unter Kontrolle zu bringen.“ Er meinte damit eine theologische Weiter­entwicklung des Islams, die versucht, den Glauben so weit wie möglich in Ein­klang zu bringen mit den humanisti­schen Werten der Aufklärung in Euro­pa. Stattdessen befinde sich die islami­sche Theologie in einer tiefen Krise.«[1]

Die Formulierung ist interessant. Es stimmt ja auch, Religion und Gewalt hängen – wie auch immer – zusammen. . »„Alle soge­nannten heiligen Schriften haben starke Gewalt­abschnitte, nicht nur der Is­lam.“«[2] Diese „Gewalt­abschnitte“ wurden durch die Theologie gebändigt, unter Kontrolle gebracht, aber auch Gott?

Wer ist Gott, dass man ihn unter Kontrolle bringen könnte? Und selbst wenn, stimmt die Aussage? Sicherlich hat die Theologie einiges dazu beigetragen, dass die Bibel als eine der „soge­nannten heiligen Schriften“ zu einem anderen, einem sanfteren Gottesbild beigetragen hat. Doch Theologie und Kirche sind zweierlei. Die Kirchen haben lange gebraucht, um die theologischen Erkenntnisse in ihr Selbstverständnis aufzunehmen. Der „Einklang mit den humanisti­schen Werten der Aufklärung in Euro­pa“ wurde erst sehr spät hergestellt. Noch während des Ersten Weltkriegs gab es nicht nur Kriegspredigten, die nichts mit der Aufklärung und den Menschenrechten zu tun hatten, sondern die Kirchen haben sich auch mitschuldig gemacht am Genozid der Armenier durch die Türkische Regierung.[3] Es waren einzelne Christen, die sich nicht von der Kontrolle Gottes durch die Kirchenleitungen irritieren ließen.[4]

Wer ist Gott, dass man ihn unter Kontrolle bringen könnte? Wir sehen zurzeit die Gotteseiferer unter den Islamisten, die im Namen ihres Gottes Grausamkeiten begehen, wie sie auch bei uns noch nicht so lange her sind. Wir denken aber auch an die wahren Märtyrer, die „ihrem Gott“ gehorsam waren und andere Menschen vor Unrecht und Vernichtung zu retten versuchten. Unser „alter ego“ im Himmel ist so, wie wir sind, aber auch wie wir gerne wären. Doch da dieser Gott unsere Züge trägt, muss er in Schach gehalten werden können. Da er auch unsere guten Wünsche, das, was wir Humanität nennen, verkörpert, dürfen wir ihn nicht lähmen.

Der Ring aus der Ringparabel solle die Eigenschaft haben, seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu machen, wenn der Besitzer ihn „in dieser Zuversicht“ trägt.[5] Damit ist kein everybody’s darling gemeint, sondern auch Widerstand gegen das Unrecht, gerade wenn Unrecht mehrheitsfähig wird. Die Eidesformel So wahr mir Gott helfe meint einen Gott, der sich nicht der Kontrolle von Diktatoren unterwirft, auch nicht der ihrer Helfershelfer in religiösen Institutionen.

[1] JULIAN TRAUTHIG, Seinen Gott muss man in Schach halten können, Das Heilige und die Gewalt: Die Frankfurter Römerberggespräche fragen nach der Rolle des Islams, aus: FAZ Montag, 27. April 2015

[2] s. Anmerkung 1

[3] »Noch bedeutsamer war das Verhalten der evangelischen Kirche. Ihre Hilfswerke in der Türkei taten alles, um das Leid der Armenier zu mildern. Und sie berichteten sehr genau über den Völkermord, wie auch Lepsius in Geheimtreffen seine evangelischen Brüder sehr genau informiert hatte. Aber was taten die obersten deutschen Protestanten? Nichts.« http://www.wolfgang-gust.net/armenocide/gusthome.nsf/d3cb8075f11223b4c12572ef004f2e81/bb415519c63cfd8ec12575a5006f39ae!OpenDocument auch: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/04/25/das-christliche-deutschland-gab-es-schon-1896-nicht-mehr/

[4] »Wäre nur von jeder zehnten Kanzel die Botschaft von Lepsius in kurzen aber eindringlichen Worten verkündet worden, dann wäre die wichtigste politische Kraft in Deutschland, die westliche Werte akzeptiert hatte, die Sozialdemokraten, alarmiert worden – und damit sehr viele Deutsche. Nicht die böse preußische Zensur verhinderte also die Verbreitung der Wahrheit über den Genozid noch während des Krieges, sondern die gute protestantische Kirche. „Jedes deutsche Pfarramt müßte im Besitz meines Berichtes sein“, schrieb Lepsius selbst dazu, „wenn die Superintendenten und Vertrauensmänner, denen die Pakete zugingen, ihre Schuldigkeit getan hätten.“« http://www.wolfgang-gust.net/armenocide/gusthome.nsf/d3cb8075f11223b4c12572ef004f2e81/bb415519c63cfd8ec12575a5006f39ae!OpenDocument

[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Nathan_der_Weise

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Die Toleranz der Religionsgemeinschaften

Posted in Gesellschaft, Kirche by dierkschaefer on 27. April 2015

Das neueste Rundmail der Giordano-Bruno-Stiftung[1] beschäftigt sich mit der Platzverteilung im Fernsehrat.

»Die EMNID-Umfrage war von der Forschungsgruppe Weltanschauung in Deutschland (fowid) im Auftrag der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) initiiert worden. Deren Vorstandssprecher, der deutsche Philosoph und Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon, hatte bereits vor einem Monat die “inakzeptable Ausgrenzung konfessionsfreier Bürgerinnen und Bürger” im Rahmen des neuen ZDF-Staatsvertrags scharf kritisiert.“«

Ein Resümee der Untersuchung: »Der Neuentwurf des ZDF-Staatsvertrags steht damit in einem deutlichen Widerspruch zur Mehrheitsmeinung der Bürgerinnen und Bürger, erläutert Carsten Frerk, Leiter der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid)«

Für „bemerkenswert“ hält es Frerk, »dass auch innerhalb der Religionsgemeinschaften Mehrheiten für einen Sitz der Konfessionsfreien im Fernsehrat eintreten. 51 Prozent der Katholiken, 63 Prozent der Protestanten, 66 Prozent der Muslime und sogar 73 Prozent der Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften votieren für eine Interessenvertretung religionsfreier Menschen im ZDF-Fernsehrat. Offenbar ist das Gespür dafür, dass es ungerecht wäre, das konfessionsfreie Drittel der deutschen Bevölkerung bei dieser Frage auszugrenzen, bei den Gläubigen an der Basis sehr viel stärker verankert als bei den Funktionären an der Spitze der politischen und religiösen Institutionen.”«

Es wäre schön, wenn Herr Frerk ein Grundmuster heutigen christlichen Denkens nicht für bemerkenswert halten würde, sondern für normal. Wir sind – wenn auch nicht ganz aus eigenem Antrieb – tolerant gegenüber Andersdenkenden geworden. „Bitte sehr, nehmen Sie Platz, Herr Frerk!“

[1] presse@giordano-bruno-stiftung.de

Nur die eigenen Schmerzen schmerzen.

Posted in heimkinder, Kirche by dierkschaefer on 22. April 2015
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Eine kluge Analyse der Situation der Kirche, nicht nur in der Schweiz

Posted in Gesellschaft, Kirche by dierkschaefer on 22. April 2015

»Kirchenleute sind Häuptlinge ohne Indianer. … Ich glaube, dass die evangelische Volkskirche kaputtgeht.«[1]

[1] http://www.derbund.ch/schweiz/standard/Die-evangelische-Volkskirche-geht-kaputt/story/16456425

Pornos gedreht – fristlos gekündigt

Posted in Kirche by dierkschaefer on 22. April 2015

»Die Kammer sah in dem privaten Verhalten der Klägerin eine „schwerwiegende sittliche Verfehlung“, die den Wertvorstellungen der evangelischen Kirche und der Diakonie „im Rahmen ihrer Sozialethik widerspricht“.«[1]

Und jetzt dürfen wir alle gespannt sein, wie die Kirche mit dienstlichem Verhalten ihrer Beschäftigten umgeht, das den Wertvorstellungen der evangelischen Kirche und der Diakonie „im Rahmen ihrer Sozialethik“ widerspricht.

[1] http://www.welt.de/print/welt_kompakt/print_politik/article139897568/Kuendigung-wegen-Porno-Dreh-rechtens.html

Dat Wettlopen twüschen den Swinegel un den Hasen up de lüttje Heide bi Buxtehude, aufgeführt als kirchliches Bubenstück zwischen Freiburg und Münster

Posted in Kirche, Kriminalität, Kriminologie by dierkschaefer on 22. April 2015

»Als junges Mädchen wurde sie jahrelang missbraucht. 2014 entschloss sie sich, für die Anerkennung ihres Leids zu kämpfen – und fühlt sich heute mehr denn je von der Kirche allein gelassen.«[1]

Alleingelassen ist stark untertrieben. Hier handelt es sich um ein kirchliches Bubenstück, das als Vorlage nur das Wettrennen zwischen Hase und Igel haben kann[2]. Ein Opfer wird auf einen Parcour geschickt, der mit Sicherheit Retraumatisierung auslösen muss. Immer wieder taucht eine neue Person im kirchlichen Gewand auf und sagt: „Ik bün allhier!“, wie de Swienigel im Märchen. Als juristischen Swienigel bringt das Bistum Münster Norbert Große Hündfeld[3] ins Spiel.

In dieser Geschichte, die leider kein Märchen ist, bleibt nicht nur das Opfer auf der Strecke, sondern der Rest von Glaubwürdigkeit einer Institution, der viele Menschen vertraut haben.

Google hat mich daran erinnert, dass ich solch ein Spiel schon einmal erwähnt habe[4]. Da war es ein evangelisches Bubenstück. Solche Hütchenspieler gibt es in vielerlei Gewand. Die Bezeichnung “Missbrauchsbeauftragter” gewinnt eine doppelte Bedeutung: Da werden Personen mit erneutem, diesmal “nur” bürokratischem Missbrauch beauftragt. Missbraucher auch sie.

[1] http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/ich-bin-von-einem-geistlichen-missbraucht-worden

[2] http://fabuloes.blogspot.nl/2010/02/de-swienegel-als-wettrenner.html

[3] So jemandem erzählt man bestimmt gern zum xten Mal seine Missbrauchserlebnisse: http://kirchensite.de/aktuelles/bistum-aktuell/bistum-aktuell-news/datum/2011/06/08/norbert-grosse-huendfeld-neuer-missbrauchsbeauftragter/

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/11/12/der-elefant-unter-den-landeskirchen/

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