Dierk Schaefers Blog

Was sind Täterorganisationen?

Posted in Gesellschaft, Kinderheime, Kirche, Kriminalität, Kriminologie, Pädagogik by dierkschaefer on 28. Juli 2015

Kürzlich wurde durch einen Kommentar in diesem Blog der Begriff „Täterorganisation“ problematisiert[1]. Er wird hier im Blog pauschal –auch von mir – bezogen auf Organisationen, in deren Einrichtungen Heimkinder ausgebeutet, misshandelt, zum Teil auch missbraucht wurden. Entgegen der offiziellen Zielsetzung dieser Heime in kirchlicher oder staatlicher Verantwortung wurden viele Heimkinder nicht gut vorbereitet ins Leben entlassen, sondern durch pädagogisch falsches Handeln und vorenthaltene Bildungsmöglichkeiten in ökonomisch unvorteilhafte Berufsfelder geleitet oder gar durch Misshandlungen vielfältiger Art für ihr ganzes Leben traumatisiert und mit all den Auswirkungen im beruflichen wie auch privaten Bereich belastet. Soweit von diesen Organisationen, ihren Rechtsnachfolgern und dem heutigen Personal Beratung und Therapie angeboten werden, wird dies mit dem Hinweis abgelehnt, sie seien ja als Täterorganisation unglaubwürdig. Das betrifft besonders die kirchlichen Organisationen. Soweit es sich um traumatisierte ehemalige Heimkinder handelt, ist die Ablehnung glaubhaft, denn für viele hat alles Kirchliche Trigger-Qualität.

Nun zum Thema. Das Feld dafür ist leider sehr weit und es ist nicht hilfreich, bei den „bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem“ [2]oder anderen kriegerisch-räuberischen Täterorganisationen[3] oder gar Tätervölkern zu beginnen.

Ausgangspunkt seien Tat und Täter in Verbindung mit Organisation.

Mit Tat ist ein Gesetzesverstoß gemeint. Nullum crimen sine legem.[4] Das Gesetz definiert ein Verbrechen, nicht also die Moral oder die Volksmeinung. Ein Täter ist demnach jemand, der gegen ein Gesetz verstößt. Gegen Gesetze wurde zwar verstoßen, wie die inzwischen zahlreichen Untersuchungen zur Heimgeschichte belegen. Angefangen von mangelhaften oder häufig fehlenden gesetzlichen Grundlagen für eine Heimeinweisung bis hin zu den Körperstrafen in den Heimen. Ist das aber den Organisationen als schuldhaft im gesetzlichen Sinne vorzuwerfen? Nicht nur sexueller Missbrauch, auch die Misshandlungen gehörten nicht zu den Richtlinien in den Heimen. Darum haben die eigenverantwortlich handelnden Täter solche Taten nicht in die Heimakten aufgenommen. Den Organisationen ist für diesen Teil der Heimproblematik also nicht beabsichtigte Täterschaft vorzuwerfen[5], aber Täterschaft durch Unterlassen von Heimaufsicht, durch fahrlässigen Einsatz ungelernten Personals und durch aktive Verschleierung bei erkannten Missständen. Schuldig wurden eher die einzelnen Personen. Die sind durch Verjährungsgesetze geschützt. Die Zwangsarbeit galt als pädago­gisch wertvoll und macht die Organisationen nicht zu Täterorganisationen, auch wenn Klagen aus heutiger Sicht berechtigt sind, dass diese Organisationen nachträglich entschädi­gen sollten für das, was sie damals kassiert haben. Fazit: Für die damaligen Erziehungsein­rich­tungen lässt sich der Begriff Täterorganisation nicht pauschal halten.

Mehrfach habe ich darauf hingewiesen, dass man trennen muss zwischen den damaligen Verbrechen an den ehemaligen Heimkindern und dem heutigen Verhalten der betroffenen Organisationen. Das wurde leider in der Regel nicht verstanden. Nachdem die damaligen Verhältnisse nicht mehr geleugnet werden konnten, fiel es den Organisationen nicht sonder­lich schwer, sich für damals zu entschuldigen, dies zum Teil liturgisch korrekt[6]. Helmut Jacob hat dafür das passende Wort vom „Entschuldigungsgestammel“ geprägt. Maßgeblich sind die Taten der Täternachfolger – und damit sind wir am Runden Tisch.

Die asymmetrische Konstellation wurde oft genug beschrieben und die Verantwortlichen dafür benannt.[7] Es wäre sicherlich überzogen, wenn man die Teilnehmer am Runden Tisch eine „kriminelle Vereinigung“ nennen würde.[8] Doch bisher wurde nicht geprüft, ob es sich um eine kartellrechtswidrige Vereinigung zur Abwehr von Entschädigungsansprüchen gehan­delt hat. Diese schritt zur gemeinschaftlichen Tat … und war erfolgreich[9]. Wie soll man diese Organisationen nennen, wenn man den Begriff Täterorganisation ablehnt? Dann müsste man wohl die Begriffe „scheinheilig“, „heuchlerisch“ und „durchtrieben“ benutzen, was für Organisationen, die sich erklärtermaßen Gott verpflichtet fühlen, nicht weniger ehrenrührig wäre. Sie verfolgen knallhart ihre Interessen, wie man jüngst beim Friesenhof-Skandal sehen konnte[10]. Da unterscheiden sich übrigens die christlich orientierten Organisationen nicht von den anderen, die in einem Verbund, ich kann ihn nur mafiös nennen, jeden Vorteil wahrneh­men.[11] Das ist natürlich nicht kriminell – aber degoutant, um kein schärferes Wort zu gebrauchen. Fazit: Der Begriff Täterorganisationen kann für die Diskussion um das Verhalten der staatlichen und kirchlichen Vertreter am Runden Tisch und der sie entsendenden Organisationen benutzt werden, ist aber nicht alternativlos. Allerdings wäre es recht umständlich von Organisationen zu sprechen, die ihre Machtstellung komplottartig zulasten Schwächerer ausgenutzt und auch noch zur Zustimmung erpresst haben. Für die kirchlich gebundenen Organisationen könnte man auch von Scheinheiligkeitsgesellschaften sprechen.

Bleibt noch die Rolle der ehemaligen Heimkinder am Runden Tisch.[12] Waren sie „Mittäter“? Im besten Fall ließen sie sich einschüchtern, was angesichts der Macht und Kompetenz der tätigen Gegenseite Verständnis herausfordert. Im schlimmeren Fall: Sie haben wieder besseres Wissen mitgemacht. Dies mache ich in personam dem inoffiziellen Leiter der Heimkindervertreter zum Vorwurf[13]. Meine Verfahrensvorschläge[14] lagen seit meiner Anhörung in der zweiten Sitzung des Runden Tisches vor.[15] Doch anstatt zu beantragen, sie dem offiziellen Protokoll hinzufügen, fühlte dieser sich ledig bemüßigt, von mir eine Art Widerruf in persönlicher Sache zu verlangen. Ich hatte geschrieben, „es gab überhaupt keine vertrauensbildenden Signale vom Runden Tisch an die ehemaligen Heimkinder, nur an den Vorstand. Doch dem Vorsitzenden wurde das Vertrauen entzogen und er trat zurück.“[16] Er jedoch bestand darauf, das Vertrauen nicht verloren zu haben. Ich habe den Eindruck, dass ihn nur dieser Punkt meiner Ausführungen interessiert hat. Das ist etwas wenig für jemanden, der es trotz Heimaufenthalt zu akademischen Würden und einer respektablen Stellung gebracht hat.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/07/24/die-rechtsnachfolger-in-den-taeterorganisation-haben-gut-kalkuliert/#comment-7044

[2] http://www.deutschlandfunk.de/hans-wollschlaeger-die-bewaffneten-wallfahrten-geschichte.730.de.html?dram:article_id=102091

[3] https://www.unifr.ch/bkv/kapitel1922-3.htm

[4] https://en.wikipedia.org/wiki/Nullum_crimen,_nulla_poena_sine_praevia_lege_poenali

[5] Die Komplexität des Themas kann man beispielhaft dem Fall „Himmelsthür“ entnehmen: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2015/01/rezension-himmelsthc3bcr.pdf

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

[7] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[8] Man darf zwar ohne juristische Konsequenzen die katholische Kirche eine „Kinderfickersekte“ nennen“. https://www.lawblog.de/index.php/archives/2012/02/11/katholische-kirche-darf-kinderficker-sekte-genannt-werden/ , doch das ist nur im begrenzten Rahmen der Missbrauchsdiskussion dem öffentlichen Frieden nicht abträglich.

[9] Zum Hintergrund noch einmal Vollmer: Anmerkung 7

[10] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

[11] Eine Zeitung schreibt von „AWO, DRK, Diakonie & Co“ http://www.shz.de/schleswig-holstein/politik/friesenhof-skandal-so-wehren-sich-betreiber-gegen-eine-kinderheim-reform-id10039671.html

[12] Die Rolle des Heimkindervereins möchte ich außen vor lassen. Sie hatten einfach aufs falsche Pferd gesetzt in der Hoffnung, es werde sich als Goldesel erweisen.

[13] … und weiß, dass ich damit auf heftigen Widerspruch stoßen werde, denn ich bin kein Heimkind und habe Heimkinder darum nicht anzugreifen.

[14] Wer beurteilen will, ob sie brauchbar waren, lese nach: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/verfahrensvorschlage-rt.pdf

[15] https://dierkschaefer.wordpress.com/2009/04/05/anhorung-runder-tisch-2-april-2009/

[16] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/runder-tisch-bericht-ds.pdf

Die Rechtsnachfolger in den Täterorganisationen haben gut kalkuliert.

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Staat by dierkschaefer on 24. Juli 2015

Die Dead-line für Zahlungen aus den Heimkinderfonds hat funktioniert. Viele haben die Frist verpasst[1]. Über das Warum und Wieso gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Aber die Täterorganisationen aus Staat und Kirche haben das, was sie ohnehin wollten: sie haben gespart. Für einen Skandal halten das ohnehin nur die negativ Betroffenen.

Natürlich ist es auch ein Skandal, dass selbst Qualitätszeitungen wie die Süddeutsche immer noch von „Entschädigungen“ schreiben. Denn das sollen die Zahlungen aus „gutem“ Grund nicht sein. Es handelt sich um freiwillig und auf Antrag gewährte Erleichterungen in heimbedingt schwierigen Lebenslagen. Wären es Entschädigungen gäbe es einen Anspruch. Und den soll und darf es nicht geben. So geraten selbst Rentenersatzleistungen und Therapiekosten zu freiwillig gewährten Leistungen der Täterorganisationen. Dabei wären solche Leistungen nicht einmal Entschädigungen, sondern selbstverständliche Pflicht und Schuldigkeit. Die ehemaligen Heimkinder wurden in eine Bittstellerposition gedrängt.

„Wir sind Bettler. Das ist wahr.“[2] Doch so hatte Luther das auf seinem Sterbebett wohl nicht gemeint. Der Kollege, der mit der Sammelbüchse „bettelnd“ unterwegs war, schreibt: „Die, die etwas gegeben haben, die gingen gewöhnlich froh weiter. Die sich verweigerten, waren nachher nicht glücklicher, sondern griesgrämig.“[3] Wenn ich mir die betrügerischen Machenschaften von Kirchen und Staat anschaue, um die Kosten für die Versündigungen ihrer Vorgänger gering zu halten, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass sie in gutem Sinne froh waren, sondern eher griesgrämig, weil sie überhaupt etwas zahlen mussten. Sie haben die Sünden der Väter taktisch fortgesetzt. Mögen sie an ihrem Erfolg verrecken.

[1] http://www.sz-online.de/sachsen/hunderte-ex-heimkinder-ohne-entschaedigung-3156994.html Freitag, 24. Juli 2015

[2] http://www.update-seele.de/fr/impuls-der-woche/impulse-april/wir-sind-bettler-das-ist-wahr/

[3] http://www.update-seele.de/fr/impuls-der-woche/impulse-april/wir-sind-bettler-das-ist-wahr/

Nein, sie schämen sich nicht

Posted in Kinder, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 3. Juli 2015

Die Deutsche Bischofskonferenz hält sich in einem Missbrauchsfall zugute, »dass man die Eltern der betroffenen Kinder aufgefordert habe, einen Antrag auf Leidanerkenntnis zu stellen, obwohl das Verfahren in Südafrika eingestellt worden sei.«[1] Von Schuld oder wenigstens Verantwortung keine Rede.

Sie haben nichts hinzugelernt, sonst würden sie immerhin so tun, als ob sie sich schämen.

[1] http://www.publik-forum.de/Religion-Kirchen/missbrauch-hat-die-kirche-gelernt

Einsatz für #Kinderrechte: Bundesverdienstkreuz an Wensierski, Kappeler und Bringmann-Henselder für ihre Arbeiten um die Probleme der ehemaligen Heimkinder.

Posted in Deutschland, heimkinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kirche, Politik by dierkschaefer on 28. Juni 2015

Was ist davon zu halten?

  1. Wieso „die Probleme der ehemaligen Heimkinder“? Da ist der Fokus falsch gewählt. Es sind und bleiben die Probleme von Staat und Kirchen, die ihren Schutzbefohlenen Probleme bereitet haben, lebenslange Probleme. Nun sollen also die Opfer das Problem sein? Du Opfer, du! – Auch wenn es nicht so gemeint ist: Sprache ist verräterisch.
  2. Die Ordensausschüttung dürfte einen Schlusspunkt setzen. Orden sind Symbolpolitik und die säkulare Form von Seligsprechungen. Das haben die Kirchen mit ihrem Betroffenheitsgestammel und manchen liturgischen Übungen schneller hingekriegt. Die hinkende Trennung von Kirche und Staat[1] zeigt diesmal den Staat als Hinterherhinkenden. Doch diesem Gipfelergebnis für das Dreigestirn dürfte allenfalls noch eine Art Kehraus folgen: Die Entsorgung der Altlasten, lästige Stapel von Anträgen in den Anlaufstellen, vielleicht gibt es auch noch ein Toten-Bett-Hupferl für die ehemaligen Heimkinder in psychiatrischen Einrichtungen, damit sie es unter ihre Zunge legen können als Obulus für Charon[2].
  3. Genug gemäkelt: Der Orden wird immerhin tatsächlich verdienten Personen verliehen. Sie heben durch ihre Vorbildlichkeit beträchtlich das Durchschnitts-Niveau der Bundeskreuzler[3].

Der Altenpflegerin Brigitte Heinisch wurde das Bundesverdienstkreuz verwehrt.[4] Sie hätte es verdient gehabt. Doch sie sagte mir, sie hätte es nicht angenommen.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Trennung_zwischen_Religion_und_Staat

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Charon

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fes_Bundesverdienstkreuz_%28Tatsachenroman%29

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/07/31/wurdiges-sterben/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/12/31/2243/

Neues von Mixa

Posted in Kirche by dierkschaefer on 29. Mai 2015

Er wird Referent in einem Kloster, das trotz Burn-out nicht so gut läuft.

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/dachau/altomuenster-die-rueckkehr-des-polarisierers-1.2498433

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Die wissen, was wichtig ist und wie man Ballastexistenzen loswird.

Posted in Kirche by dierkschaefer on 29. Mai 2015

»Das evangelisch-freikirchliche Berliner Diakoniewerk Bethel hat drei Diakonissen ausgeschlossen, weil sie sich teils aus gesundheitlichen Gründen nicht an die Regeln der Gemeinschaft halten. Einer 51-jährigen Diakonisse sei gekündigt worden, weil sie rund um die Uhr medizinisch betreut werden müsse, deshalb ihre Tracht nicht mehr trage und nicht mehr am Gemeinschaftsleben der Diakonissen teilnehmen könne, berichtet der Berliner “Tagesspiegel” (Donnerstagsausgabe). Eine 85-Jährige sei ausgeschlossen worden, weil sie ihre Schwester in Süddeutschland gepflegt hat, eine 79-Jährige, weil sie sich in Nepal für Arme engagiert und nicht nach Berlin zurückkommen will.«

http://www.epd.de/zentralredaktion/epd-zentralredaktion/freikirchliches-diakoniewerk-schlie%C3%9Ft-diakonissen-aus Freitag, 29. Mai 2015

Zwei Pfingstbotschaften gehen aneinander vorbei …

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kirche, Kriminalität, Theologie by dierkschaefer on 25. Mai 2015

… just like two ships passing in the night[1].

Beide sind etwa gleich lang.

Die eine kommt „von oben“, die andere aus unberufenem Munde, wie man meinen könnte, von Uwe Werner, einem „Laien“, der weithin unbekannt sein dürfte.

Die andere wird von der Pressestelle der EKD[2] verbreitet. Sie informiert über die Pfingstpredigt des Ratsvorsitzenden der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Professor der Theologie[3].

So etwas steht Herrn Werner nicht zur Verfügung. Er wendet sich auch nicht an die Allgemeinheit, sondern an ausgesuchte Adressaten:

  • Sehr geehrte Damen und Herren
  • sehr geehrter Mitglieder im Lenkungsausschuß
  • sehr geehrter Ombudsmann Prof. Schruth
  • sehr geehrter Bischof Ackermann
  • sehr geehrter Präses der EKD, Herr Bedford-Strohm
  • Liebe ehemalige Heimkinder in Ost und West

Die Pressestelle hingegen nennt keine Adressaten. Sie referiert und die Botschaft klingt wie eine Verlautbarung von oben: »Auf die Bedeutung des Heiligen Geistes für Kirche und Gesellschaft hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, angesichts des bevorstehenden Pfingstfests hingewiesen. Die Trinitätslehre vom dreieinigen Gott als untrennbare Einheit von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist, sei kein „theologisches Glasperlenspiel“, sondern entscheidend für den christlichen Glauben, so Bedford Strohm in einer vorab veröffentlichten Pfingstpredigt. „Es ist der Heilige Geist, durch den Jesus sagen kann, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“«

Ein theologisches Glasperlenspiel ist die Trinität auch für Herrn Werner nicht und kommt zur Sache: »Nach theologischer Ansicht gilt der Heilige Geist als Medium für die Kommunika­tion zwischen Gott und den Menschen. Wurden die Apostel seinerzeit vom Heiligen Geist inspiriert, so wünsche ich Ihnen, und ganz besonders den Vertretern beider grossen Kirchen im Lenkungsausschuß, und allen, welche mit dem Fond Heimerziehung Ost u. West politische Verantwortung tragen, lassen Sie sich neu vom Heiligen Geist inspirieren.«

Sieht das auch der Ratsvorsitzende so? „Als Kirche brauchen wir einen Geist, der Scheuklap­pen wegfegt und eingefahrene Denkschemata durchmischt“.

Seine Sache ist aber eine andere: »„Der Heilige Geist macht uns neu, er bewegt uns und wirbelt uns manchmal ganz schön durcheinander“. Dies gelte auch für die verschiedenen Frömmigkeitsformen in der Kirche, die lange in Schubladen gesteckt worden seien: „Hier ist etwas in Bewegung geraten. Immer mehr Christen merken, dass sie etwas voneinander lernen können.“«

Immer mehr Christen merken, dass sie etwas voneinander lernen können – das könnte den Horizont weiten. »Lassen Sie sich neu vom Heiligen Geist inspirieren.« ist bei Herrn Werner zu lesen. »Lassen Sie zukünftig mehr den Geist der Seelsorge, als den der Finanzen sprechen, wenn Sie Beschlüsse fassen, welche bisher verhehrende Auswirkungen auf tausende ehema­lige Heimkinder in Ost und West nach sich gezogen haben.Die Apostel wurden mit der Fähig­keit ausgestattet, in verschiedenen Sprachen mit den Menschen zu kommunizieren. Dies führte dazu, dass sich tausende der Kirche zugewandt und nicht wie heute, viele sich von der Kirche abgewandt haben. Man verstand die Apostel, weil sie den Menschen aus der Seele gesprochen haben, mit schlichten, klaren und in einfachen Worten.«

Die Worte des Ratsvorsitzenden sind denkbar klar, doch sie haben ein anderes Ziel: »Aber auch in der Gesellschaft habe der Heilige Geist etwas in Bewegung gebracht: So würden Menschen nicht mehr hinnehmen, dass Flüchtlinge beim Versuch nach Europa zu gelangen sterben. „Wir brauchen den Heiligen Geist, damit Weisheit und Liebe in die Herzen der Verantwortlichen überall in Europa, in unser aller Herzen einziehen und wir gangbare Lösungen finden, um das Sterben zu beenden.“

Nun könnte man ein einfaches Fazit ziehen: Herr Werner spricht für seine Gruppe, die der ehemaligen Heimkinder, der Bischof spricht für Andere, für die Flüchtlinge, also honorig.

Doch so einfach ist es nicht. Herr Werner spricht von denen, die den Heiligen Geist als Ungeist wahrnehmen mussten. Die ehemaligen Heimkinder bekamen in den Einrichtungen der Kirchen ihre Schläge „im Namen des Herrn“[4]. Das ist doch Vergangenheit, die Flüchtlinge ertrinken jetzt. Das stimmt, aber nicht ganz.

Die Vergangenheit lebt fort. Sie wurde wiederbelebt durch den großen Betrug an den ehemaligen Heimkindern am Runden Tisch, orchestriert von den Interessenvertretern von Staat und Kirche. Sie ist Gegenwart in den Menschen, die kirchlich traumatisiert wurden, viele sind unterstützungsbedürftig, nicht zuletzt weil über ihre „Seelen“ auch ihre Erwerbs­biographie eher unselig ausfiel.

So gewinnt man den Eindruck, dass der heilige Pfingstgeist nicht weht, wo er will, sondern da, wo die beiden Kirchen mit ihren Bischöfen und Vorsitzenden ihn wehen lassen wollen.

Pfingsten 2015 – zwei Schiffe begegnen sich bei Nacht. Zur Kollision kommt es nicht. Sie fahren jedes dem eigenen Tag entgegen.

O komm, du Geist der Wahrheit,

und kehre bei uns ein,

verbreite Licht und Klarheit,

verbanne Trug und Schein.

Gieß aus dein heilig Feuer,

rühr Herz und Lippen an,

daß jeglicher Getreuer

den Herrn bekennen kann.[5]

 

Den Text der Pressemitteilung finden Sie unter http://www.ekd.de/presse/pm80_2015_pfingstbotschaft_des_ekd_ratsvorsitzenden.html

den Text von Herrn Werner hier: Pfingstbotschaft uwe werner

[1] Henry Wadsworth Longfellow, Tales of a Wayside Inn, part 3, section 4: „Ships that pass in the night, / and speak each other in passing, / Only a signal shown and a distant voice in the darkness; / So on the ocean of life we pass and speak one another, / Only a look and a voice, then darkness again and a silence”. http://en.wiktionary.org/wiki/ships_that_pass_in_the_night

[2] Evangelische Kirche in Deutschland

[3] »Pfingstbotschaft des EKD-Ratsvorsitzenden – Der Heilige Geist bringt Bewegung« http://www.ekd.de/presse/pm80_2015_pfingstbotschaft_des_ekd_ratsvorsitzenden.html

[4] Die Erziehungseinrichtungen des Staates waren nicht besser. Dort gab es die Schläge im Namen des Rechtsstaats, ansonsten war man – wie die Kirchen – auf die Finanzen bedacht. Dem Staat waren die Kinder egal und die Kirchen wollten sie „zu Jesus Christus“ führen. Ich weiß nicht, was im Endeffekt schlimmer war.

[5] Evangelisches Gesangbuch, Nr. 136. Ein als „ökumenisch“ gekennzeichnetes Lied.

Keine Gnade für Hubertus

Posted in heimkinder, Journalismus, Kirche by dierkschaefer on 19. Mai 2015

Ein Journalist suchte einen skurrilen Möchtegern-Priester und fand eine Tragödie[1]. Er schrieb darüber in „Christ und Welt“ [2].

Dieser Artikel fand unterschiedliche Aufnahme, dazu später. Mich erinnerte er an Hubertus, den „ganz kleinen Bruder Jesu“. Seine Adresse war in meinem Speicher[3] und in meiner Bibel liegt der kleine Zettel als Erinnerung an seine Priesterweihe, ein Zettel mit Bild und umseitigen Text[4], wie ich ihn als katholischen Brauch kenne. Vor meinem geistige Auge standen wieder seine Mails, in denen er mit übergroßer Schrift auf das Schicksal der ehemaligen Heimkinder, auf die Tätigkeit der „ganz kleinen Brüder Jesu“ und ihrer Behindertenbäckerei in der Bischofsstadt Paderborn[5], besonders aber auf sein eigenes Schicksal verwies.

Ja, der Mann suchte Anerkennung, lief aber gegen Wände. Als das Fenster der Bäckerei mit Nazi-Parolen besprüht wurde, beeilten sich die kleinen Brüder, diesen Schandfleck umgehend wegzuputzen. „Falsch“, schrieb ich ihm, er hätte die Presse und die Polizei holen sollen.

Dann kam eines Tages ungelenk-herzig adressiert an „den Pfarrer der Heimkinder“ der Zettel, der immer noch in meiner Bibel liegt. Ich wunderte mich etwas über die Formulierung. Die Priesterweihe fand in einer „katholischen“ Kirche statt. Ja, wo denn sonst, dachte ich, wozu die spezielle Erwähnung?

Seine Mails in Sachen Heimkinder versiegten seitdem, einmal noch ein Mail, das ihn bei einer priesterlichen Handlung zeigte. Ich antwortete in Nichterkennung dessen, was ich nun weiß, es sei schade, dass sein Engagement mit seiner Priesterernennung bereits ans Ziel gekommen sei.

Der Artikel nun ließ mich recherchieren. Die Webseite der Pader-Bäckerei[6] gibt unter „downloads“ die Auskunft: »Die Räumlichkeiten der Behinderten–Bäckerei in der Kasseler Straße 29 werden nun nach dem 24.12.2009 nicht mehr für Sie als unsere Produktionsstätte sein. … weil uns durch das Generalvikariat von Paderborn und der Stadt Paderborn als Bürgermeister die Schwierigkeiten nicht versagt blieben. Durch Teuflisches Zungengerede der Genannten, kamen wir zur Entscheidung daß eine neue Wirkungsstätte gesucht werden muß, die unsere Arbeit gelingen lässt.« Das war noch vor der Priesterweihe. Und dann der Verweis auf die Facebook-Seite von Bruder Hubertus[7].

Davon ist im Artikel auch die Rede. Bruder Hubertus stellt viele Bilder dort ein, von sich, möglichst mit möglichst bedeutenden Personen. Ja, der Mann braucht Anerkennung. Wer sich mit seinem Schicksal vertraut macht, hat Verständnis dafür. Der Artikel in Christ und Welt vermittelt das auch sehr feinfühlig und journalistisch gekonnt. Meine einzige Frage an den Journalisten wäre, ob er bedacht hat, wie Hubertus es aufnimmt, wenn er liest, dass er – nein, nicht skurril ist, aber eine menschliche Tragödie darstellt, immer wieder gegen die Wand der Amtskirche läuft und auch seine „Bewunderer“ in Facebook ihn nicht ernstnehmen? Doch Hubert Groppe hat ja seine Abwehrmechanismen. Er zählt zu denen reinen Herzens und ich wünsche ihm, dass er es behält.

In einer Netzzeitung evangelischer Pfarrer wurde der Artikel verlinkt mit dem Kommentar:

Keine Gnade für Schwurbeltexte[8]

Ich antwortete dem Kollegen: äh? ist ein sehr guter artikel, hubertus ist ein armer kerl. kenne seine geschichte.

Rückantwort: je tragischer der Fall, desto unprätentiöser sollte der Text sein. Gibt Journalisten, die sehen das offenbar anders.

Ich: sehe ich auch anders: ein sehr sensibler artikel. bin aber kein journalist, sondern nur pfarrer.

Er: auch unter Pfarrern (oder gerade da?) sollen die Geschmäcker sehr unterschiedlich sein ;)

Er, er twittert unter knuuut und bietet „Pastorenstückchen“ an.

Ich werde neugierig. Seine Selbstbeschreibung bei Twitter: »Bald in der Anstalt. Keine Katze. http://pastorenstueckchen.de « Er tritt also ganz unprätentiös auf, ohne Titel, sogar ohne Nachnamen, will also wohl mit Knut angesprochen werden, aber knuuut ist mir zu sehr an Knuuutschen dran, das ist mein Ding nicht und auch sein Photo … na ja, Schwamm drüber. Erst seine Pastorenstückchen[9] brachten ihn mir ein Stückchen näher: Ich fand seine Telefonnummer und per Rückwärtssuche auch seine Gemeinde.

Nein, knutschen werde ich ihn gewiss nicht, nicht einmal „Du“ sagen. Doch dieser Amtsbruder könnte etwas lernen von den ganz kleinen Brüdern Jesu, denen mit dem reinen Herzen, und von Journalisten mit der Sensibilität, wie sie ein Pfarrer aufbringen sollte, ganz unverschwurbelt.

[1] Raoul Löbbert suchte einen skurrilen Möchtegern-Priester und fand eine Tragödie: http://www.christundwelt.de/detail/artikel/mann-fuers-grosse/

[2] http://www.christundwelt.de/detail/artikel/keine-gnade-fuer-hubertus/ . Der Artikel erschien auch in der ZEIT http://www.zeit.de/2015/20/priester-katholische-kirche-hubertus-groppe/komplettansicht

[3] bruderhubertus@christus-web.de

[4] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/17817661325/in/dateposted-public/

[5] http://hubertus.weebly.com/behinderten-baumlckerei.html

[6] http://www.missionszentrale.org/

[7] https://de-de.facebook.com/diekleinenbruederjesus

[8] http://www.zeit.de/2015/20/priester-katholische-kirche-hubertus-groppe …0 Retweets 1 Favorit

[9] http://pastorenstueckchen.de/ueber/

Verdrängung der Aktualität: Gedenkrituale lenken nur ab

Posted in Ethik, Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Nazivergangenheit by dierkschaefer on 14. Mai 2015

Am besten, man gedenkt längst vergangener Untaten, begangen von Leuten, die nicht mehr unter uns weilen, von denen wir uns bequem distanzieren können und deren Opfer auch schon längst tot sind. Das ist ja auch schon eine Leistung. Andere Länder schaffen nicht einmal das.

Nachdem wir die Täter lange geschützt haben bis die meisten von ihnen ausgestorben waren, arbeiten wir unsere Vergangenheit auf: Historikergutachten, Denkmale, Gedenktage, Gedenkveranstaltungen. Denk mal, wie anständig wir geworden sind, geradezu Nobel-Preis-würdig!

Ein Beispiel:

»Unter dem Titel „Erinnerung wach halten – Zukunft bauen“ laden neun Organisationen in Zusammenarbeit mit der Stadt Mönchengladbach dazu ein, am Montag, 18. Mai, ab 11.30 Uhr, in einem Zelt auf dem Alten Markt der Bürger zu gedenken, die zur Zeit des National-Sozialismus wegen ihrer Behinderung ermordet wurden.«[1]

Das ist doch sehr anständig und trifft mal wieder die bösen Nazis, die Behinderte ermordet haben; Menschen mit Behinderung, das macht man doch nicht.

 

Lassen Sie uns weiter denken:

In bundesdeutsche Behinderteneinrichtungen und Kinderpsychiatrien wurden Kinder eingewiesen. Die einen waren behindert, andere nicht. Die Plätze standen bereit, die kosteten Geld und durften nicht leer stehen. Oft war auch das alte Nazi-Personal noch vorhanden, zumindest ihr Geist.

In diesen Heimen wurden die Kinder und Jugendlichen – inzwischen anerkanntermaßen – nicht so behandelt, wie es für ihr weiteres Leben hilfreich gewesen wäre. Wer noch nicht behindert war, wurde es dort, und wer es schon war, wurde zusätzlich fürs Leben behindert. Das alles wissen wir mittlerweile.

Dann gab es den Runden Tisch/Heimkinder unter der betrügerischen Leitung von Frau Vollmer. Er brachte recht magere Ergebnisse für die Heimkinder, doch selbst davon waren ehemalige Heimkinder mit Behinderung ausgeschlossen – bis heute. Die Bundesländer knobeln noch daran herum, wie ein Fonds gestaltet werden könnte, sollte. Das kostet Zeit, die Geld spart, denn mittlerweile sterben die Opfer einfach weg. Die können noch nicht einmal – wie neuerdings die „normalen“ ehemaligen Heimkinder Geld für ihre Beerdigung reklamieren[2].

 

Zurück zu Möchengladbach. Wer gedenkt dort der Menschen mit Behinderung aus Nazizeiten?

»Der Kooperation der Veranstalter gehören an: City Kirche, das Z – Menschen im Zentrum, Der Paritätische, die evangelische Stiftung Hephata, das Gymnasium Odenkirchen, der Verein Leben mit Usher-Syndrom, Pro Retina (Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegeneration), der Sozialverband VdK Kreisverband Mönchengladbach, die Stadt Mönchengladbach, Sozialdezernat und die Vinzentinerinnen (Josefshaus Hardt).«

Sieh an, sieh an: Da tauchen auch die üblichen Verdächtigen auf: die evangelische Stiftung Hephata und die Vinzentinerinnen (Josefshaus Hardt).

Zurecht schreibt Uve Werner, „wütend über so viel Scheinheiligkeit“:

»Nach dem 2. Weltkrieg, fand in fast allen Heimen, Anstalten und Einrichtungen, das schlimmste deutsche Nachkriegsverbrechen statt, auch in Mönchengladbach«. Hephata ist dafür berüchtigt wie auch die Vinzentinerinnen.

Na ja, daran denken wir später einmal, mit einer Gedenkveranstaltung, wenn Gras über den Gräbern gewachsen ist.

[1] http://www.rp-online.de/nrw/staedte/moenchengladbach/gedenken-an-behinderte-die-von-den-nazis-getoetet-wurden-aid-1.5086121

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/13/theologischerseits-nur-zu-begrusen-die-burokratie-erinnert-ausdrucklich-den-tod-zu-bedenken-gegen-unterschrift/

Soziale Arbeit – (k)ein Ort der Menschenrechte: Stand der Aufarbeitung und Formen der Vermittlung

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kirche, Menschenrechte, Pädagogik by dierkschaefer on 27. April 2015

»Vom 6. bis 8. Mai 2015 findet die Fachtagung „Soziale Arbeit – (k)ein Ort der Menschenrechte. Stand der Aufarbeitung und Formen der Vermittlung“ an den beiden Veranstaltungsorten Katholischen Stiftungsfachhochschule München Abteilung Benediktbeuern und Herzogsägmühle (in Peiting-Herzogsägmühle) statt. Die dreitägige Fachtagung ist eine Kooperationsveranstaltung der KSFH in Benediktbeuern, der Heimatpflege des Bezirks Oberbayern und des Vereins Dorfentwicklung und Landespflege Herzogsägmühle e.V.«

Martin Mitchell/Australien hat den Link zur Fachtagung gefunden: http://www.ksfh.de/node/1794

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