Dierk Schaefers Blog

Korntal und die Vorverurteilung

Ein Beschuldigter ist bis zu seiner gerichtsfesten Verurteilung als unschuldig nicht nur anzusehen, sondern zu behandeln. Das Urteil über Rechtsanwalt Weber ist in Korntal schon gefällt.

Es hat zwar auch noch keinen Prozess über die Missbrauchsvorwürfe gegen Verantwortliche in Korntal gegeben; dank der Verjährungsfristen wird es wohl auch nicht dazu kommen. Dennoch ist ein öffentlicher Druck entstanden, aufgebaut worden, die Vorwürfe zu klären und die Vergangenheit – wie auch immer – aufzuarbeiten.

 

»Eigentlich hätte Weber vor wenigen Tagen offiziell als Aufklärer beauftragt werden sollen. Die Mediatoren, die Brüdergemeinde und Opfervertreter bis zu einer Beauftragung begleiten sollten, stoppten das Verfahren vorerst. Als Grund wurde ein Medienbericht angegeben, demzufolge der Anwalt in eine Korruptionsaffäre verwickelt sein könnte.«[1]

»Weber selbst wies die Berichte zurück: „Es wird nicht gegen mich ermittelt“, sagte der Anwalt, der zuvor auch die Missbrauchsvorwürfe bei den Regensburger Domspatzen aufgearbeitet hatte. … Opfervertreter Detlev Zander erklärte nach den Gesprächen: „Die Wünsche der Opfer werden hier überhaupt nicht mehr berücksichtigt.“ Er selbst hatte den Missbrauch im Sommer 2014 öffentlich gemacht. Der heute 55-Jährige war in den 1960er und 70er Jahren im Heim. Seinen Angaben zufolge werfen inzwischen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er bis 1980er Jahren in den zwei Kinderheimen der Gemeinde sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein. Der Versuch einer Aufarbeitung war Anfang 2016 schon einmal gescheitert. Eine neuer Versuch, die verhärteten Fronten zu überwinden, soll bei einer weiteren Gesprächsrunde am 25. März unternommen werden.«[2]

»Bei seiner Absage übt der Rechtsanwalt scharfe Kritik an den Mediatoren. …Weber begründet seine Entscheidung mit inhaltlichen Differenzen mit der auftraggebenden Brüdergemeinde. Wohl war der Vertrag zwischen ihm und den Pietisten weitgehend ausgehandelt. Doch „eine explizit von mir geforderte Erklärung­, dass die Brüdergemeinde von einem Einflussrecht auf meine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess Abstand nimmt, ist bisher nicht erfolgt. Ein unabhängiges Arbeiten wäre unter diesen Umständen nicht möglich“, sagt Weber. Er greift in seiner Absage zudem die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz scharf an. „Die Einflussnahme der Mediatoren, speziell deren Kommunikationsverhalten in den letzten Tagen, zeugte von fehlendem Respekt, da Inhalte und Entwicklungen über meine Verpflichtung, ohne mich vorab zu informieren, in die Öffentlichkeit getragen wurden.“«[3]

Aufgrund des Berichts über die Verwickelung in den Korruptionsskaldal »verkündete die Mediatorin im Korntaler Missbrauchsskandal – ohne Rücksprache mit den ehemaligen Heimkindern – die Wahl Webers könne nicht stattfinden. Stattdessen solle Weber zunächst die Möglichkeit gegeben werden, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Die Betroffenen erfuhren davon aus der Presse. Weber sagte am Samstag, er habe eine „gebotene Stellungnahme“ zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen abgegeben. „Ich werde nicht verdächtigt, und gegen mich wird auch nicht ermittelt.“ Über die dennoch erfolgte Berichterstattung sagte er: „Für die Motivlage hier wie dort habe ich keine Erklärung.“«[4]

»Vertreter der Opferorganisationen hielten trotz der Meldungen an dem Juristen fest, der auch die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen leitet.Weber fürchtet nach eigenen Worten, dass ein unabhängiges Arbeiten in Korntal nicht möglich wäre. Die Brüdergemeinde habe keine von ihm geforderte Erklärung abgegeben, seine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess nicht zu beeinflussen. Den Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz wirft er „fehlenden Respekt“ vor. Sie hätten Informationen über seine Verpflichtung in die Öffentlichkeit getragen, ohne ihn vorher zu informieren. Ehemalige Korntaler Heimkinder berichteten von sexueller und körperlicher Gewalt sowie Zwangsarbeit in Brüdergemeinde-Einrichtungen insbesondere in den 60er und 70er Jahren. Ein erster Versuch der Aufklärung scheiterte im vergangenen März, nachdem die Betroffenen dem Team um die Landshuter Sozialwissenschaftlerin Mechthild Wolff das Vertrauen entzogen hatten.«[5]

»Im Ringen um die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen bei der evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg) fordern Opfervertreter nun ein Krisengespräch mit Vertretern der Landeskirche Württemberg. „Es ist höchste Zeit für ein Signal an die Missbrauchsopfer, dass sich etwas bewegt“, sagte Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. … Der Anwalt habe „aufgegeben, weil die Brüdergemeinde ihn nicht unabhängig arbeiten lassen will, doch wir kämpfen weiter für Weber“, sagte Zander. Die Brüdergemeinde wies das zurück. …

Nach Angaben des Betroffenen-Netzwerks werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er bis 1980er Jahren in deren zwei Kinderheimen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein. Ob es tatsächlich zu dem geforderten Krisentreffen kommt, war zunächst nicht absehbar.«[6]

 

Man sagt, die Hoffnung sterbe zuletzt. Hier sieht es nach einem langen Würgetod aus.

[1] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.missbrauchsfall-korntal-rechtsanwalt-ulrich-weber-lehnt-zusammenarbeit-ab.ca296589-346e-4655-ad50-778bef7c75e5.html

[2] http://www.swr.de/swraktuell/bw/missbrauchsfaelle-in-korntal-aufklaerung-verzoegert-sich-weiter/-/id=1622/did=18999174/nid=1622/1yhc7ht/

[3] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-bruedergemeinde-ulrich-weber-wirft-in-korntal-hin.d7619177-34c4-4648-a9bf-501d60334fc4.html

[4] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-korntal-die-kuer-webers-scheitert-an-den-pietisten.5ff393ec-2b0d-49d7-8dc6-2848b9d682af.html

[5] http://www.epd.de/landesdienst/landesdienst-s%C3%BCdwest/jurist-weber-nicht-zur-aufkl%C3%A4rung-von-missbrauch-korntal-bereit

[6] http://www.zvw.de/inhalt.korntal-missbrauchsopfer-fordern-krisengespraech-mit-kirchenfuehrung.12d5e93f-d3c8-4a3a-8796-3fc827fee3b9.html

Die geschickt taktierenden und unbeugsamen Brüder von Korntal

Sie kegeln den zur Wahl stehenden Regensburger Rechtsanwalt Weber aus dem Verfahren, wenn nicht doch noch ein Wunder geschieht.

Sollten sie Einsicht entwickeln und Sinn für Fairness, wäre es wohl ein Wunder.

 

Hier die beiden Pressemitteilungen.

pmvork12-02-2017   gerald-kammerlvors-pm213-02-2017

Orthodoxe Prügel, eine Herausforderung für die Ökumene?

Es darf misshandelt werden, alles bleibt in der Familie, soweit das Opfer keine sichtbaren Schäden erleidet oder mehr als einmal im Jahr verprügelt wird. Gewalttaten in der Familie werden in diesem Fall lediglich als Ordnungswidrigkeit behandelt und mit einem Bußgeld von umgerechnet bis zu 470 Euro bestraft. Bislang waren dafür Strafen von bis zu zwei Jahren Gefängnis vorgesehen. … 380 der 450 Duma-Abgeordneten stimmten in Moskau in dritter Lesung für das Gesetz, nur drei Abgeordnete mit Nein. Der Text muss noch den Senat passieren, bevor es von Präsident Wladimir Putin unterzeichnet werden kann. Der hatte bereits seine Zustimmung signalisiert… In der russischen Gesellschaft ist häusliche Gewalt weit verbreitet. Eine aktuelle Umfrage ergab, dass 19 Prozent der befragten Russen der Ansicht sind, dass Gewalt gegen Kinder oder Partner unter gewissen Umständen akzeptabel ist.[1]

Weder schön, noch gut. Das Abstimmungsergebnis lässt tief in die russische Seele blicken und bestätigt die Redensart: Mein Mann liebt mich nicht mehr, er hat mich schon vier Wochen nicht geschlagen.[2]

Ist es unter diesen Umständen erstaunlich, dass auch die Russische Orthodoxe Kirche zu den Lobbyisten des Gesetzes gehört?[3] Sie betrachtet die körperliche Züchtigung als einen traditionellen Vorzug russischer Kindererziehung. Die gleiche Auffassung vertritt die konservative Volksfront „Allrussischer Elternwiderstand“, die obendrein davor warnt, leichte körperliche Bestrafungen, die für Kinder oft nützlich und vollkommen unschädlich seien, mit elterlicher Grausamkeit zu verwechseln. Tatjana Borowikowa, die tiefgläubige Leiterin von „Viele Kinder, das ist gut!“ (einer Vereinigung kinderreicher Familien), bezeichnet es gar als elterliche Liebesbezeugung, ein Kind zu verdreschen, wenn es etwas geklaut oder pornographische Videofilme geschaut hat. [4]

 

Die Russische Orthodoxe Kirche ist Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen[5], wenn auch die Orthodoxen Kirchen eine gewisse Distanz halten.[6] Es geht dabei nicht nur um den „westlichen Lebensstil“, sondern um Menschenrechte.

Damit hat die Russische Orthodoxe Kirche grundlegende Probleme. Sie distanziert sich in ihren ökumenischen Kontakten von anderen Kirchen, deren Amtsträger nicht im Einklang mit russisch-orthodoxen Vorstellungen über die Rollen von Männern und Frauen leben.[7]

In der „Russische[n] Erklärung der Menschenrechte“ werden diese an zusätzliche Grundlagen gebunden. Dort heißt es: „Die Rechte und Freiheiten des Menschen können nicht getrennt werden von Verantwortlichkeit und Zurechenbarkeit. Bei der Verfolgung seiner Interessen ist das Individuum angehalten, dies in Korrelation mit den Interessen seiner Nachbarn, seiner Familie, seiner Gemeinde, seiner Nation und der Menschheit zu tun. Und weiter: …….Es ist gefährlich „Rechte“ zu „erfinden“, die ein Verhalten legalisieren, das von der traditionellen Moral und allen historischen Religionen mißbilligt wird. [8]

Die traditionelle Moral kann vieles umfassen, würde notfalls auch die Blutrache legitimieren. Im Ansatz unterscheidet sich die Russische Erklärung der Menschenrechte nicht von der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam.[9] Hier wie dort stehen die Menschenrechte unter Vorbehalt, im Islam ist es die Geltung der Scharia; z.B. „Artikel 7 definiert Rechte zwischen Kindern und ihren Eltern. Eltern steht das Recht auf die Wahl der Erziehung ihrer Kinder nur in dem Umfang zu, wie diese mit den „ethischen Werten und Grundsätzen der Scharia übereinstimmt“. [10]

Die Russische Orthodoxe Kirche meint einen feinen Unterschied machen zu können zwischen Menschenrechten und Menschlichkeit.[11] Dabei will sie ein „besonderes Augenmerk legen auf das Schützen der Rechte von Kindern.“ Ein Hohn angesichts der Zustimmung zur Gewalt in der Familie.

Es wird in Russland also weiter misshandelte Kinder geben, misshandelte Frauen und eheliche Vergewaltigungen, so lange es keine bleibenden Schäden gibt.

 

Sollte der Ökumenische Rat der Kirchen der russischen Orthodoxie nicht deutlich entgegen­treten, auch auf die „Gefahr“ hin, dass die ihre Mitgliedschaft aufgibt? Menschenrechte sind unteilbar und auch nicht ökumenisch zu verwässern.

Meine Meinung: Schmeißt sie raus.

Fußnoten

[1] http://www.deutschlandfunk.de/russland-schlaege-zu-hause-nur-noch-eine-ordnungswidrigkeit.1818.de.html?dram:article_id=377480

[2] In Russland werden jedes Jahr 12.000 Frauen von ihrem Partner oder Verwandten getötet, 36.000 werden täglich verprügelt. Die meisten von ihnen reden allenfalls mit Freunden darüber. Nur wenige gehen zur Polizei. Die meisten fürchten, das mache die Lage nur schlimmer. Eine Frau aus dem zentralrussischen Orjol, die im vergangenen November die Polizei anrief, weil ihr Exfreund sie bedrohte, bekam zu hören, man werde nur kommen, wenn sie umgebracht würde – was dann auch geschah. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/soll-haeusliche-gewalt-strafbar-sein-russland-diskutiert-14826380.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

[3] s. Anmerkung 1

[4] s. Anmerkung 1

[5] Der Ökumenische Rat der Kirchen / ÖRK (auch Weltkirchenrat; englisch World Council of Churches, WCC) wurde am 23. August 1948 in Amsterdam gegründet[1] und gilt seitdem als zentrales Organ der ökumenischen Bewegung. Er ist ein weltweiter Zusammenschluss von 348 Mitgliedskirchen (Stand: 2016) in mehr als 120 Ländern auf allen Kontinenten. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kumenischer_Rat_der_Kirchen,

[6] Die Orthodoxen Kirchen haben den ÖRK u.a. wegen der von ihnen empfundenen Dominanz von liberal-protestantischen Themen wie Frauenordination und positive Bewertung der Homosexualität in den letzten Jahren mehrmals scharf kritisiert, haben sich aber zunächst zur Fortführung ihrer Mitgliedschaft entschieden. s. Anmerkung 4

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Orthodoxe_Kirche#Im_neuen_Russland

[8] beschlossen beim X. Weltkonzil des Russischen Volkes in der Christus-Erlöser-Kathedrale zu Moskau vom 4. bis 6. April 2006, https://antifo.wordpress.com/2009/03/14/russische-erklarung-der-menschenrechte/

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Kairoer_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte_im_Islam

[10] s. Anmerkung 9.

[11] Die Verwendung von Doppelstandards im Bereich der Menschenrechte weisen wir zurück … Wir sind bereit zur Kooperation mit dem Staat und allen wohlmeinenden Einrichtungen, um die Rechte der Menschlichkeit zu schützen.

Willkommen, Arbeit macht frei!

Das KZ von Bethel mit Anstaltsgottesdienst hieß Freistatt. Noch 23 Tage können Sie in der arte-Mediathek die bigotte Vergangenheit von Bethel nacherleben: http://www.arte.tv/guide/de/048779-000-A/freistatt .[1] Ziehen Sie mit den Moorsoldaten und ihren Spaten ins Moor und erleben Sie mit den geschundenen Zöglingen einen zu Herzen gehenden Weihnachtsgottesdienst: o du fröhliche!

Heute ist Bethel natürlich ganz anders. Bethel im Norden nennt es sich nun und »hat starke Wurzeln. Die Diakonie Freistatt und der Birkenhof können sich jeweils auf eine über 100 Jahre alte Geschichte stützen. Wir in Bethel im Norden setzen auf diese festen Wurzeln auf und entwickeln eine gemeinsame christliche Identität, um ein starker Partner zu sein, der die Herausforderungen der Zukunft annimmt.«[2]  Das ist doch ein Angebot.

Über Bethel heute lesen wir heute in der FAZ unter der Überschrift Ausgerechnet in Bethel »„Für Menschen da sein“, so lautet das Motto der Stiftung, von der viele sagen, sie habe mit ihrem Tak­tieren auf dem Rücken der Menschen ihren Haus­halt sanieren wollen. „Von denen kann man in Sachen kaltblütigem Verhandlungsgeschick noch was lernen“, sagt ein an der Sache nicht be­teiligter Beamter im Düsseldorfer Schulministerium.« [3]

Zur Vergangenheit von Bethel sei empfohlen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/05/10/jetzt-wissen-wir-wer-schuld-ist-allein-der-bose-staat/

Eine sehr differenzierte, geradezu decouvrierende  Würdigung der Forschungsergebnisse zu Freistatt finden Sie hier: freistatt_kappeler

Fußnoten

[1] Film – 98 Min. – 58802 Aufrufe.

[2] http://www.bethel-im-norden.de/ueber-uns.html

[3] FAZ, Donnerstag, 26. Januar 2017, S. 6

Das Reden von Gott in Zeiten des Internet.

»Redet man seit dem Internet anders über Gott als vorher?« fragte Antje Schrupp kürzlich über Twitter.

Die Frage ist so ungezielt wie komplex.

Wer ist man, der sich im Internet äußert, und wo im Internet?

Wer hat sich vor den Zeiten des Internet wo und wie über Gott geäußert?

Schließlich: Ist es mit der Beschränkung auf „Gott“ getan? Muss die Frage nicht ausgeweitet werden auf: Christentum und Religion überhaupt, spezifiziert nach den Themenbereichen „Kirche“, „Kirche und Staat“, „Religion und Gewalt“, „Islam“, „Säkularisierung“? Kurz: Allah hat viele Namen, Gott hat viele Facetten, Anhänger und Gegner, und viele Gleichgültige.

Wer Antje Schrupps Frage wissenschaftlich seriös beantworten will, sollte Geld für ein umfangreiches Forschungsprojekt beantragen. Säße ich im Bewilligungsgremium, würde ich ablehnen, so wie ich auch jeden Promovenden bedauern würde, der sich an dieser Frage nur verheben kann, auch Promovendinnen stemmen das nicht. Das Internet ist schließlich ein globaler Stammtisch, besser: viele Stammtische, auf die dann jeweils ein Themenschild gesetzt wird – und jeder, der will oder zu müssen meint, setzt sich dazu.

Antje Schrupp ist arbeitet journalistisch. Darum will ich auch eher journalistisch mit der Wiedergabe meines persönlichen Eindrucks antworten, aber inhaltliche Festlegungen zu Gott & Co. vermeiden.

Doch zunächst die Einschränkungen. Ich überblicke das Internet nicht, wer kann das schon. Meine Erfahrungen beschränken sich auf

  • aktuelle Meldungen einiger Online-Magazine,
  • Twitter, dazu gehört auch das „EvPfarrer’s Daily“ des Kollegen Ebel. »Diese Online-„Zeitung“ versammelt hauptsächlich Beiträge, die evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer auf Twitter verbreitet oder in ihren Blogs veröffentlicht haben. Ergänzend fließen Meldungen von Einrichtungen der verfassten Kirche mit ein.« Dort wird natürlich besonders viel über Gott und die Welt getwittert. Diese Tweed-Sammlung ist aber geeignet, den Blick auf die Bedeutung Gottes im Internet quantitativ zu verzerren.
  • Foren meide ich meist, weil dort zu oft völlig undifferenziert und uninformiert nur „Meine Meinung, deine Deinung“ ausgetauscht wird, mit neckischen Nicknames und ohne Rücksicht auf Argumente.
  • Schließlich bekomme ich in meinem Blog Kommentare, in denen ehemalige Heim­kinder sich über Gott, Christentum und Religion äußern – so wie das halt in Foren üblich ist, hier aber hasserfüllt. Doch diese Klientel hat Grund dazu, wurden sie doch in kirchlichen Einrichtungen am Leben geschädigt und zuschlechterletzt von der Pfarrerin Antje Vollmer über den Runden Tisch gezogen.

Nun meine Antwort auf die Frage.

Sicherlich wird im Internet anders über Gott geredet, als zuvor anderswo. Wer hat früher öffentlich über Gott geredet? Lassen wir die Religionswissenschaftler außen vor. Es waren im weitesten Sinne Kirchenleute, Theologen, aber auch Menschen mit engen Bindungen an Christentum und Kirche.

Es gab auch schon immer Kirchenkritiker, die nicht nur im kleinen Kreis, sondern auch mit Öffentlichkeitswirkung über Gott redeten und schrieben, z.B. Herr Deschner mit seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“.

Zu nennen ist auch die Indienstnahme Gottes zur Sicherung der Sterbebereitschaft von Soldaten und Opferbereitschaft der Bevölkerung in vielen Kriegen von allen Kriegsteilnehmern – bis hin zum Gefallenendenkmal.

Sicherlich wurde auch an manchem Stammtisch, wenn nicht über Gott, so doch über den jeweiligen Herrn Pfarrer geredet, insbesondere, wenn der Anlass dazu bot.

Die Säkularisierung hat manchen naiven Glaubensinhalten den Garaus gemacht. Die Köpfe wurden frei für religionskritische Ansichten.

Nun, in Zeiten des Internet, nutzen viele – meist anlassbezogen – die Möglichkeit, ihre Mei­nung zu Kirche und Gott zu publizieren.

Die Anlässe liegen im eigenen, realen Erfahrungsraum, sind vielfach aber auch durch Mel­dun­gen im Netz angeregt. Zum jeweiligen Anlass/Thema gibt es Echoräume von vielen Gleichge­sinnten und wenigen Vertretern abweichender Meinungen, doch die haben so gut wie keine Chance, die Stimmung umzudrehen.

Themen sind Kirche und Staat, besonders die Kirchensteuer, die „Macht“ der Kirchen, kirchliche Verfehlungen (z.B. Misshandlungen und Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen, Geldverschwendung à la Limburg u.a.m.). Da trifft es dann nicht nur die Einzelpersonen oder die Kirche, sondern Gott bekommt auch noch sein Teil ab, wie die Religion überhaupt. War sie nicht immer schon gewalttätig? Dann kommt der pauschale Verweis auf „Religionskriege“ oder etwas aktueller auf den Islam.

So und in dieser Häufigkeit wurde früher wohl nicht über diese Themen publiziert, wenn man von ideologischen Kriegen gegen die Religion absieht, wie sie von den Nazis geschürt wur­den oder auch vom real existierenden Sozialismus. Allerdings gab es nicht nur den „Pfaffen­spiegel“. Die erotischen Fehltritte des Klerus waren schon immer ein literarischer Topos, geradezu ein Schmankerl, wenn auch eher als eine Art Untergrundliteratur, wohin sexuelle Dinge früher ganz generell gehört haben.

Hin und wieder taucht in Eigenberichten im Netz auch das Problem der Theodizee auf, das schon manche Menschen aus der Glaubensbahn geworfen hat.

Dann sind noch die Theologen selbst zu nennen, die das Netz missionarisch nutzen oder ihre mehr oder weniger vom theologischen Mainstream abweichenden Meinungen publizieren. Sie sind letztlich auch „Bekenner“, wie sie mit anderem Vorzeichen in manchen Foren als Ver­fech­ter des „wahren“ Glaubens zu finden sind: Bibelfundis.

Nur hinzuweisen ist auf die Präsenz islamischer/islamistischer Internet-Nutzer, die auf ihre Art über Allah schreiben. Doch da fehlt mir jede Beurteilungsgrundlage, wäre aber wichtig, um Herausforderungen zu begegnen.

Gott und Religion werden wohl weiterhin bedeutsame Themen sein. Der Islam rettet zurzeit nicht nur den christlichen Religionsunterricht vor dem missionierenden Atheismus, sondern stellt unserer Gesellschaft religiöse Fragen, die sie nicht hören will, denen sie aber nicht mit atheistischer Contra-Haltung oder denkfauler Gelassenheit begegnen sollte. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/06/ohne-religionsgeschichte-wird-es-nicht-gehen/

zu Korntal: »Wir möchten keine weiteren Bekundungen der „ehrlichen“ und „wahrhaftigen“ Anteilnahme …

… durch den Vorsteher Andersen, für die vielfachen schändlichen Verfehlungen und Misshandlungen in den Einrichtungen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal, an den vom Staat in Obhut gegebenen Kindern. Wir fordern zum x-ten Mal endlich alle Vorkommnisse von unabhängigen Personen aufklären zu lassen.«

http://heimopfer-korntal.de/

 

Kommentar überflüssig.

Betr. Brüdergemeinde Korntal, Pressemitteilung

Pressemitteilung des Netzwerk Betroffenen Forum e.V.

Von Betroffenen für Betroffene – Kongress „MitSprache“  tagte vom 18.11.2016 – 19.11.21016 mit internationaler Beteiligung in Berlin. Der Pressesprecher des Netzwerks BetroffenenForum e.v. stellt Aufarbeitungskonzept vor.

Plattling, 21.11.2016 Der Betroffenenrat um  den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Rörig hatte zum Kongress MitSprache in  Berlin eingeladen. Anlässlich des 2.Europäischen Tages zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch, wurde von sexualisierter Gewalt Betroffenen und Unterstützer/innen, unter dem Arbeitstitel „MitSprache“ eine Bühne geboten, sich gegenseitig zu ermutigen, politisch zu vernetzen und gemeinsam Aufsehen zu erregen.

Betroffene im Missbrauchs,- und Misshandlungsskandal der E.v. Brüdergemeinde Korntal (Stuttgart) nahmen teil an diversen Podiumsdiskussionen und Workshops, in denen vielfältige Themen fachlich diskutiert und weiterentwickelt wurden. Diesen Rahmen nutzte der Sprecher des Netzwerk  BetroffenenForums e.V. Zander um das mühevoll mit Leidensgenossen/innen und dem Verein BetroffenenForum e.V. erarbeitete Aufarbeitungskonzept zur Aufklärung der Missbrauchsfälle in der E.v. Brüdergemeinde Korntal, vorzustellen und erhält dafür große Zustimmung. Das fachkundige Publikum und höchste politische Kreise um den unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Rörig beschreiben das Konzept als richtungsweisend und zielführend und loben dieses Konzept und die sich daraus entwickelnden weiteren Schritte der Aufklärung genauso, wie die ungebremste Tatkraft und den ungebrochenen Willen zur Aufklärung der Handelnden des Netzwerk BeroffenenForums e.V. um den Frontmann Zander.

Detlev Zander Vereinssprecher: „ Der Schutz von Kindern und Jugendlicher ist elementar. Zugleich müssen die Belange all derer, die in der Vergangenheit von Staat und Gesellschaft nicht geschützt wurden, endlich Beachtung finden. Es braucht funktionierende begleitende Hilfesysteme, denn Betroffene sexualisierter Gewalt haben nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft.“

In zahlreichen Gesprächen und Erfahrungsaustausch mit  bundesweiten  agierende und anerkannten Fachleuten konnte auf diesem Kongress, auf den Missbrauchs,-und Misshandlungsskandal in der E.v. Brüdergemeinde Korntal (bei Stuttgart) aufmerksam gemacht werden und gleichzeitig ein Feedback zum Aufklärungskonzept des Netzwerk BetroffenenForums e.V.  eingeholt werden. Gespräche mit überregionalen Vertretern sämtlicher Medien waren zu dem für die Erweiterung des Netzwerkes von herausragender Bedeutung und zeigten eindrucksvoll das bundesweite Interesse und die große Anteilnahme am Schicksal der Betroffenen. Die große Wertschätzung, der Respekt und die Anerkennung der Leistung der Handelnden des Netzwerk BetroffenenForums e.V. um Zander wurde ebenso deutlich wie der Zuspruch den eingeschlagenen Weg trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse weiterzuverfolgen.

Für den Verein Netzwerk BetroffenenForum e.V. dem sich zahlreiche Betroffene im Misshandlungs-und Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal angeschlossen haben, steht längst fest: „Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist kein individuelles Schicksal. Kindesmissbrauch ist weltweit ein Bestandteil gesellschaftlicher Strukturen. Kindesmissbrauch betrifft alle sozialen Umfelder, Familie genauso wie, Bildungseinrichtungen, Jugendhilfeeinrichtungen und religiöse Gemeinschaften. Die Dunkelziffer von Missbrauch in all seinen Varianten ist seit Jahren unverändert hoch. Diese Tatsache muss gesellschaftlich und vor allem auch politisch endlich anerkannt werden und zur Grundlage weiteren gemeinsamen Handelns werden.“

www.heimopfer-korntal.de

Ansprechpartner:

Detlev Zander

dzander@aufarbeitung-korntal.de

Fon: 0172 / 47 14 240

 

 

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären.“

Muss[1]? Sie tuts.

Die Vergehen und Verbrechen an den ehemaligen Heimkindern sind in diesem Blog übergenug beschrieben worden. Sie sind auch wissenschaftlich belegt. Schlimm genug.

Im Sinne des Schillerzitats waren sie der Auftakt zu weiterem Bösen,

  1. Verleugnung,
  2. Drohung,
  3. Vertuschung,
  4. Relativierung,

und mündeten darin, die Opfer von damals über den Runden Tisch zu ziehen zur Schonung der Kassen von Staat (Bundesländer), Kirchen und ausbeuterischen Firmen.

Zu diesem zweiten Akt des Bösen gehörte auch die Ausgrenzung der ehemaligen Heimkinder aus Behinderteneinrichtung und Psychiatrien.

Das betrügerische Ergebnis des Runden Tisches Heimerziehung wird nun getoppt mit einer Lösung für die Menschen mit Behinderung[2], die

  1. lange auf sich warten ließ,
  2. deren Organisierung noch nicht geklärt ist, auch ist
  3. noch nicht klar, in welcher Höhe es zu Zahlungen kommen wird; die
  4. voller Kautelen steckt, um Zahlungen zu verhindern/einzuschränken und die ohnehin schon im Planungsstadium
  5. eine deutliche Benachteiligung der Betroffenen darstellt, gemessen an den ohnehin betrugswürdigen Zahlungen an ehemalige Heimkinder aus den Erziehungsanstalten.

Muss ich noch den langen Zeitraum nennen seit dem Runden Tisch der „Moderatorin“[3] Antje Vollmer? Jedenfalls dürften eine Reihe von Betroffenen in diesem Zeitraum gestorben sein, kostensparend. Auf die Kosten achten die üblichen Verdächtigen und sie haben Erfolg.

Mich als Pfarrer (i.R.) und Theologen schmerzt, dass wieder einmal die Kirchen mit dabei sind. Dabei ist noch nicht einmal in allen Erziehungseinrichtungen anerkannt, dass sie für die ihnen anvertrauten Kinder nicht nur in Einzelfällen eine „Erziehungshölle“ darstellten.[4]

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären.“

Muss? Diese hats getan.

Winkt den aktuellen Tätern die Hoffnung auf den Tod der Opfer? Da täuschen sie sich. Denn wenn über eine böse Sache endlich Gras gewachsen ist, kommt bestimmt ein alter Esel, der es wieder runterfrisst. Das Internet hilft ihm dabei. [5]

Und die Betroffenen? Viele sind aus der Kirche ausgetreten[6]. Sie wissen warum und erzählen ihre Geschichte ihren Kindern und Kindeskindern, weil sie sich nicht auf das Jüngste Gericht verlassen wollen.[7]

Fußnoten

[1] Schilller, Wallenstein http://gutenberg.spiegel.de/buch/wallenstein-3306/9

[2] http://jacobsmeinung.over-blog.com/2016/11/behinderte-ehemalige-heimkinder-werden-auch-sie-betrogen.html?utm_source=_ob_share&utm_medium=_ob_twitter&utm_campaign=_ob_sharebar

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[4] Auch hier eine kirchlich Einrichtung. Man lese den aktuellen offenen Brief der Betroffenen: http://jacobsmeinung.over-blog.com/2016/04/offener-brief-der-heim-opfergruppe-gut-an-der-linde.html

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/09/09/wenn-die-ohrenzeugen-der-augenzeugen-verstummt-sind-beginnt-die-geschichtsschreibung/

[6] Aus dem Staat und den Bundesländern können sie halt nicht austreten, doch sie haben zu schätzen gelernt, was sie diesem Staat wert sind.

[7] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

Es geht nicht um das Ob von Medikamentenversuchen an Kindern und Jugendlichen, denn daran besteht kein Zweifel. Es geht um das Ausmaß – und das soll verheerend sein.

Sich darüber empören? Wer hat noch die Kraft dazu?

Also listen wir ganz nüchtern auf: Berichte von ehemaligen Heimkindern über verabreichte Medikamente zur Ruhigstellung gab es schon lange, auch zu Zeiten des Runden Tisches unter der betrügerischen Moderation von Frau Vollmer. Doch der ging es eher um den Schutz der Kassen von Staat, Kirchen und Auftraggebern für Kinderarbeit. Sie hätte ja einen Forschungsauftrag geben können, um auch diese Hintergründe zu erhellen. Gibt es nun eine neue Runde für den Runden Tisch? Keine Angst, hier gibt niemand eine Runde aus. Man gibt sich „beschämt“[1] und entschuldigt sich[2] – ja, wie üblich, reinigt man sich selbst von Schuld. Das wars aber noch nicht ganz, denn man bietet großzügig Hilfe an – und lässt die eigene Geldbörse zu: „Wir wollen allen Bewohnern der ehemaligen Rotenburger Anstalten helfen, ihre berechtigten Ansprüche bei der Stiftung Anerkennung und Hilfe geltend zu machen.“ Auch solche billigen Zusagen sind den Lesern dieses Blogs bekannt.

Sich darüber empören? Wer hat noch die Kraft dazu? Es ist nur die nächste Runde in einem Spiel mit gezinkten Karten.

[1] Alle Zitate aus: http://www.rotenburger-rundschau.de/lokales/rotenburg-wuemme/rotenburger-werke-arbeiten-duestere-seite-der-geschichte-auf-von-dennis-bartz-113730.html

Es gibt noch einen Link zum Vorfall, doch der ist kostenpflichtig: http://www.abendblatt.de/region/niedersachsen/article205793077/Wurden-Medikamente-an-Bremer-Heimkindern-getestet.html Das Geld kann man sich sparen, gibt ja ohnehin nichts Neues.

[2] „Der christliche Anspruch und die Wirklichkeit klafften damals weit auseinander. Ich entschuldige mich bei allen Bewohnern für das Leid und das Unrecht, das ihnen angetan wurde.“

Arme Braunschweiger Pfarrerschaft. So bearbeitet man kirchliche Konflikte:

Posted in Firmenethik, Kirche, Recht, Uncategorized by dierkschaefer on 30. August 2016