Dierk Schaefers Blog

Sechs Jahre brauchte die EKD, um Herrn Frerk kompetent zu antworten.

Posted in Geschichte, Kirche, News, Recht, Religion, Staat by dierkschaefer on 21. April 2016

Ohne Kirchenkritik kommt dieser Artikel nicht in meinen Blog. Für die Angriffe von Herrn Frerk mussten die Beschäftigten – auch die ehemals in der Kirche Beschäftigten – selber den Kopf hinhalten, wenn sie wegen der „Staatsfinanzierung“ der Kirchen angegangen wurden und mussten reagieren, bis sich nun endlich – nach sechs Jahren – die EKD-Spitze mit der Streitschrift von Herrn Frerk befasst. Zwar sind die Gegenargumente nicht so originell, dass man nicht selber darauf gekommen wäre. Aber so eine gute Gesamtwürdigung der Arbeit von Herrn Frerk wäre doch hilfreich gewesen.

Nach diesem meinem Vorwort nun der Text von Thomas Begrich, Abteilungsleiter Finanzen im Kirchenamt der EKD.

Zahlt der Staat den Kirchen wirklich 19 Milliarden Euro jährlich?

In dem Buch „Violettbuch Kirchenfinanzen“ (erschienen November 2010) stellt der Autor Carsten Frerk die These auf, dass der Staat die Kirchen mit 19 Milliarden Euro finanziert. Und das etwa zusätzlich zu den Milliarden, die die Kirchen selbst jährlich ausgeben (zehn sind es bei der evangelischen Kirche). Carsten Frerk ist kundig und hat viel recherchiert. Geht es aber wirklich um Zahlen in diesem Buch? Eher um deren Deutung. Darum hat der Autor seinem Buch zwei Zitate voran gestellt:

„Religion gilt dem gemeinen Manne als wahr, dem Weisen als falsch und dem Herrschenden als nützlich.“ (Seneca)

„Die hohe reich dotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der unteren Massen.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Damit ist deutlich: das ist eine Streitschrift und kein Sachbuch. Passen diese beiden Zitate aus dem Altertum und dem späten Feudalismus? Stimmen die Zahlen? Wir werden sehen:

Drei Milliarden Euro „Einnahmeverzicht“ aus Steuern schreibt Frerk den Kirchen als Zuwendung zu. Und in der Tat: Der Staat verzichtet auf Einnahmen, weil die Kirchensteuer als Sonderausgabe absetzbar ist. Aber dieses Geld bekommen natürlich nicht die Kirchen, sondern die Bürger. Sie zahlen weniger Steuern, weil sie die Kirchen unterstützen. Genauso wie Spenden für gemeinnützige Organisationen bis 20 Prozent des Gesamtbetrages der Einkünfte steuermindernd geltend gemacht werden können, gilt das auch für die Kirchen­steuer. Der Staat geht dabei davon aus, dass es der Gemeinschaft dient, wenn man die Kirche finanziell unterstützt. Übrigens: Ein Volumen von 20 Prozent der Einkünfte erreicht die gezahlte Kirchensteuer nicht einmal ansatzweise – es sind durchschnittlich rund ein Prozent (maximal drei Prozent).

Als „Ersparnis durch den Kirchensteuereinzug“ werden in dem Buch 1,8 Milliarden Euro für die Kirchen benannt. Ein Betrag, der zum einen spekulativ ist, der aber zum anderen auch gar keine Rolle spielt. Denn die Kirchen vergüten den Kirchensteuereinzug mit zwei bis vier Prozent des Gesamtaufkommens der Kirchensteuer. Der Staat erhält deutlich mehr, als es ihn kostet. Für die Kirchen ist das in der Tat dennoch kostengünstig, aber dies als eine Finanzierung der Kirchen durch den Staat zu bezeichnen ist schon ziemlich kühn!

Steuerbefreiungen von rund 2,3 Milliarden Euro? Es gibt grundsätzlich keine auf kirchliche öffentlich-rechtliche Körperschaften zugeschnittene Besteuerungstatbestände. Ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts oder eine juristische Person des öffentlichen Rechts von einem staatlichen Steuergesetz tatbestandlich erfaßt, treffen sie auch die Rechtsfolgen, im Positiven wie im Negativen. Von diesem Grundsatz gibt es einige wenige Ausnahmen, die u.a. Kirchen oder Religionsgemeinschaften, auch in der Rechtsform der Körperschaft des öffentlichen Rechts, expressiv verbis benennen. Dies sind z.B. Befreiungen von der Grundsteuer, Umsatzsteuer im Rahmen der Jugendhilfe, bei der Erbschaftsteuer zugunsten des Verfügenden. Das angegebene Volumen ist in keiner Weise nachvollziehbar.

Für kirchliche Kindergärten errechnet Frerk einen Beitrag von 3,8 Milliarden Euro an Staatsgeldern. Die evangelische Kirche geht für ihren Bereich übrigens nur von einem knappen Drittel aus, aber wichtiger ist das Prinzip: Die Kirchen erhalten diese Mittel doch nicht, weil sie Kirchen sind, sondern weil sie für die Gesellschaft eine Dienstleistung erbringen, zu der sie obendrein von ihren eigenen Mitteln je nach Bundesland noch knapp 20 Prozent, durchschnittlich 12 Prozent, beisteuern. Das ist recht und billig, sie wollen es ja auch. Täten sie es nicht, müsste es der Staat selbst tun und dann wäre es für ihn viel teurer, weil ja die kirchlichen Eigenanteile wegfielen. In unserem demokratischen Staat des Grundgesetzes gilt das Prinzip, dass der Staat außerhalb seiner engeren Hoheitsbereiche nur dann selbst etwas tun soll, wenn Bürger und gesellschaftliche Organisationen es nicht oder nicht genug im Rahmen der geltenden Gesetze in eigener Verantwortung tun können. Aber er fördert deren Tun finanziell – für seine Bürger. Gefördert werden natürlich nicht nur die Kirchen, sondern viele andere freien Träger, wie etwa die Arbeiterwohlfahrt, das Rote Kreuz und andere freie Träger.

Der Staat bezahle die theologische Ausbildung an den Universitäten? Ja. Er zahlt auch die Ausbildung für die Wirtschaft, für die Verwaltungen, für die Musiker, die Germanisten. Es ist eine staatliche Aufgabe, Bildung zu ermöglichen und zu finanzieren. Warum für die Kirchen nicht? Nur weil der Autor die Wissenschaftlichkeit der theologischen Wissenschaft bestreitet? Kaum ein ausreichender Grund.

Für kirchliche Schulen gebe der Staat 2,3 Milliarden aus. Wir erfassen diese Zahlen nicht, da solche Schulen meist in freier Trägerschaft sind. Aber es sind öffentliche Schulen, nach anerkannten Lehrplänen, jedermann zugänglich. Der Staat fördert nicht die Kirchen, sondern die Schüler. Das ist doch wohl seine Aufgabe? Also ein ähnliches Prinzip wie bei den Kindergärten. Die Kirchen erbringen hier wieder – wie andere freie Träger auch – Leistungen im staatlichen Interesse, für das übrigens je nach Bundesland noch bis 20% weitere Mittel aufzubringen sind.

Nun noch eine letzte Probe dieses Herangehens: 270 Millionen Euro zahle der Staat für die Auslandsarbeit der Kirchen? Natürlich tut er das nicht für die Kirchen. Sondern er fördert die damit bestrittenen Maßnahmen, nämlich Entwicklungshilfe oder Katastrophenhilfe. Es sind die Kirchen, die hier dem Staat helfen, seine internationalen Verpflichtungen zu erfüllen und die natürlich ebenfalls viel dazu beisteuern: allein die evangelische Kirche gut 50 Millionen Euro aus eigenen Mitteln, dazu kommen noch die gut 90 Millionen Euro Spenden von und an „Brot für die Welt“. Übrigens: auch wenn es oft Missionswerke sind, die tätig werden – es gehört zum international anerkannten Kodex, Mission und Hilfe nicht zu vermischen. Wir halten uns daran.

Dies nur als einige Beispiele aus dieser Streitschrift. Also alles falsch? Die Zahlen an sich vielleicht nicht immer – aber die Schlussfolgerungen. Kirche ist Teil dieser Gesellschaft. Sie ist in ihr tätig und für sie und ihre Bürger. Und zumindest die Mehrheit dieser Gesellschaft will das auch so, es nützt ihr und es bringt dem Staat Vorteile, durchaus auch finanzielle. Unsere Gesellschaft lebt vom Tun der Vielen. Subsidiarität wird das genannt. Ein Grund­prinzip der Demokratie. Wer dies nicht will, muss sich fragen lassen, was für eine Demokratie er will.

Um doch noch einmal Goethe zu zitieren:

Man merkt die Absicht und man ist verstimmt. Vielleicht. Aber es gehört zu einer Demokratie, andere Meinungen anzuhören, auch wenn sie mit der Wahrheit recht kreativ umgehen. Das ist erlaubt. Dagegen kann man auch nichts tun. Was also kann man tun? Zu dem stehen, was man selbst tut, selbst zu verantworten hat. Das aber ist geradezu geboten: All unsere Arbeit gut machen. Gott und den Menschen dienen. Das ist Kirche. Und wir finden das nicht falsch.

Thomas Begrich, Abteilungsleiter Finanzen im Kirchenamt der EKD

https://www.ekd.de/kirchenfinanzen/angedacht/frerk.html Donnerstag, 21. April 2016

„Sind Sie Pfarrer?“ – Eine Hölle namens Linde.

Es ging wohl nicht so gut an der Linde. Ehemalige schreiben von der „Fürsorgehölle“ im „Gut an der Linde“. Das war damals. Und heute?

Die „Bergische Diakonie Aprath“ taucht nicht zum ersten Mal in diesem, Blog unrühmlich auf. Mich erreichte ein Offener Brief und ich folge der Bitte, ihn weiterzuleiten.

 

Hier ist er, inhaltlich nicht verändert.

 

Ehemaligengemeinschaft Fürsorgehölle Gut an der Linde

Ansprechpersonen/Sprecher Reiner Gläser, Siegfried Heinen, Axel Weiner, Brian Neuburg, Michael Schierer

Offenere Brief – mit der dringenden Bitte um Weiterleitung

An Bergische Diakonie Aprath

Vorstand  Jörg Hohlweger
Otto-Ohl-Weg 10,
42489 Wülfrath

Betrifft: Umgang mit ehemaligen Heimkindern und Schwerbehinderten

Sehr geehrter Herr Hohlweger,

wovor haben Sie Angst?

Mit Schreiben vom 17.03.2016 haben Sie Ihre Entscheidung vom 09.03.2016 zurück genommen, dass die Bergische Diakonie Aprath (BDA) nur noch über Ihren Anwalt mit uns, den ehemaligen Heimkindern aus der Fürsorgehölle Gut an der Linde (1959 bis 1971), kommuniziert. Mit Schreiben vom 9. 04.2016 (Anlage) wiederum haben Sie genau diese Entscheidung erneut zurückgenommen und das klärende Gespräch am 19.04.2016, zu dem Sie uns eingeladen haben, abgesagt.

Das ist der Gipfel der Ignoranz! Ihre Verhaltensweise ist in Deutschland ein Novum. So verächtlich ist noch kein Vorstand mit ehemaligen Heimkindern umgegangen. Bei Ihnen sogar mit Ehemaligen, die, aufgrund der unmenschlichen Erziehungsmethoden in Ihrer Fürsorgehölle zu Schwerbehinderten geworden sind.

Die  Hinhaltetaktik und die Unwahrheiten die Sie über die Fürsorgehölle und uns verbreiteten, sind unerträglich. Seit Ihrer Amtseinführung 2011 drangsalieren sind uns damit. Das Gebot „Liebe deinen Nächsten“, hat für Sie in Bezug auf uns offensichtlich keine Bedeutung. Unsere Kindheit in der Fürsorgehölle war schon schlimm. Jetzt, Jahrzehnte später, wo einige versuchen ihre Traumatisierungen zu verarbeiten und Licht in das Dunkel ihrer prägenden Kindheit und Jugend in der Fürsorgehölle bringen wollen, bekriegen Sie uns erneut. Sie sind Pfarrer?

Eingangs ihrer Absage echauffieren Sie sich darüber, dass unser ehemaliger Heimkamerad Reiner Gläser Ihnen eine Zahlungsaufforderung in sechsstelliger Höhe geschickt hat. Sie wissen, dass an der Ruhruniversität Bochum ein neuropsychologisches Gutachten, Link: http://amd.co.at/anti/moitzfeld/Gutachten/G/Gutachten_G.pdf  zur Frage der Schädigungsfolgen früherer Heimunterbringung in der BDA für Reiner Gläser erstellt wurde. Der Grad der Schädigung (GDS) = Grad der Behinderung (GDB) ist 70%. Reiner Gläser ist also als schwerbehindert eingestuft worden. Die Contergan Opfer der Firma Grünenthal erhalten bei einem Schädigungsgrad von 70% eine Rente von 5.069 Euro monatlich. Die Opfer aus Ihrer unmenschlich betriebenen Fürsorgehölle erhalten nichts von Ihnen.

Auch wenn die Schädigungen durch Contergan und die BDA Erziehungsmethoden kaum vergleichbar sind, am Ende bleibt ein ein Grad der Behinderung, der nicht zu differenzieren ist. Ihre Behauptung in dem Zusammenhang, so war es der Presse zu entnehmen, wir hätten Entschädigungen vom Fonds Heimerziehung erhalten, sind unzutreffend. Die Leistungen des Fonds sind keine Entschädigungen sondern nur kleine Anerkennungsleistungen, zum Großteil für Fernseher, Computer, Möbel etc.. Auch die Leistungen der kirchlichen Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung sind keine Entschädigungen, sondern Anerkennungsleistungen für das Leid aufgrund sexualisierter Gewalt bzw. Missbrauch durch Bedienstete der BDA. Diese Leistungen sind zwar besser als nichts, aber kein Freikauf von der Schuld und Verantwortung der BDA. Die Zeit kann auch Schuld und Verantwortung nicht tilgen!

Man muss Ihnen die Frage stellen, was Ihnen die körperliche Unversehrtheit Ihrer Schutzbefohlenen oder ehemaligen Schutzbefohlenen Wert ist. Offensichtlich nichts. Mit der Entlassung aus der Fürsorgehölle waren wir abgeschrieben. Die Gehirnwäsche und Einschüchterung hatten zur Folge, dass es Jahrzehnte gedauert hat, bis wir gewagt haben die Misshandlungen öffentlich zu machen und Wiedergutmachung zu fordern. Sie nehmen das zum Anlass für Machtdemonstrationen und bekriegen uns, anstatt vernünftig zu kooperieren.

Mit der Absage des Gespräches und der erneuten Drohung mit Ihrem Rechtsanwalt haben Sie alle christlichen, diakonischen und moralischen Werte über Bord geworfen. Das Leitmotiv des Gefängnispfarrers Karl Heinersdorf, des Gründers der BDA „niemand und nichts aufgeben“ hat für Sie offensichtlich keinen Wert. Uns, die ehemaligen Heimkinder, haben Sie aufgegeben. Ihr Schreiben mit der Absage haben Sie sogar anmaßend in der „wir“ Form verfasst. Damit haben Sie mitgeteilt, dass nicht nur Sie selber, sondern alle BDA Mitarbeiter uns aufgegeben haben. Sie wollen nur noch über Ihren Anwalt mit uns kommunizieren. Das Recht, so für die gesamte BDA zu sprechen, haben Sie nicht. Sprechen Sie Ihre abstrusen Beschuldigungen und den Kommunikationsabbruch für sich aus, nicht für alle BDA Mitarbeiter. Das sind größtenteils anständige Menschen.

Dass die Gründe, die Sie für den Kommunikationsabbruch anführen, vorgeschoben sind, ist leicht ersichtlich. Ein Grund soll der Umstand sein, dass wir, fünf ehemalige Heimkinder, mit vier Begleitpersonen kommen wollten. Zwei davon Anwälte, die beiden anderen Wissenschaftler, die sich mit den Folgen der Heimerziehung beschäftigt haben.

Herr Professor Dr. rer. nat. Burkhard Wiebel von der Ruhruniversität, der bereit war zu kommen und sein Team haben im Rahmen einer Forschungsarbeit, alle Ehemaligen, die zu dem Treffen kommen wollten, aufwendig untersucht und neuropsychologische Gutachten zur Frage der Schädigungsfolgen früherer Heimunterbringung in der BDA erstellt. Der Grad der Schädigung (GDS), also Grad der Behinderung (GDB), aus der unmenschlichen Heimerziehung in der BDA wurde bei allen mit 70% bis 100% festgestellt. Die Gutachten belegen, dass Behauptungen der BDA Vorsitzenden, uns sei kein Schaden erwachsen, unwahr sind. Zudem wurden vom Fonds Heimerziehung der Bundesrepublik Deutschland und der kirchlich- diakonischen Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung (FUVSS), reihenweise Missbrauchs- und Misshandlungsopfer der BDA anerkannt. Ihre in der Presse nachzulesenden Behauptungen, es habe keine systematischen Misshandlungen gegeben, sind ebenfalls unwahr.

Frau Dr. Silvia Wagner, Pharmazeutin, die bereit war zu kommen und ihr Team beschäftigen sich an der Universität Düsseldorf mit den Schäden durch Medikamentenversuche und Verabreichungen, insbesondere von Psychopharmaka und Neuroleptika an Heimkindern. Nachweislich wurden in der BDA Fürsorgehölle in abartiger Weise Heimkinder mit Psychopillen traktiert. Das war eine Form der vielfältigen Misshandlungen, vermutlich wollen Sie das auch nicht hören.

Nehmen Sie die Tatsachen endlich zur Kenntnis und hören Sie auf, alles abzustreiten und uns öffentlich als Lügner darzustellen.  Die unmenschliche und abartige BDA Heimerziehung hatte zur Folge, dass aus gesunden Kindern Schwerbehinderte wurden. Es besteht kein Zweifel daran, dass auch die Versorgungsämter den Grad der Behinderung erforderlichenfalls bestätigen, wie Professor Wiebel und sein Team ihn festgestellt haben. Professor Wiebel ist auf dem Gebiet eine in Fachkreisen und öffentlichen Institutionen anerkannte Kapazität. Offensichtlich wollen Sie seine Forschungsergebnisse, die belegen, dass in der BDA Schwerbehinderte produziert wurden, nicht hören.

Sich selber räumen Sie in der Einladung das Recht ein, ihren Rechtsanwalt und ihre Kommunikatonsfachfrau mitzubringen, uns sprechen Sie Vergleichbares ab. Offensichtlich hatten Sie vor, uns in dem Gespräch einzulullen und mit den Missbrauchszahlen abzuspeisen, die Sie uns jetzt genannt haben. Der wahre Grund ist, unserer Meinung, dass diese Absicht, durch die Personen die wir hinzuziehen wollten, Ihnen nicht realisierbar erscheint.

Tatsache ist, bevor wir als Kinder in die Fürsorgehölle deportiert wurden, waren wir gesund. Das Heim war ausdrücklich ausgerichtet auf gesunde Jungen mit normaler Intelligenz. Nur mit solchen funktionierte das abartige Marktkonzept. Große Gruppen, unausgebildeter Erzieher, Zöglinge als unbezahlte Hilfserzieher, Zwangsarbeit usw.. Behinderte oder Geisteskranke, hätten nicht gepasst. Behinderte oder Geisteskranke erfordern bekanntlich mehr kostenintensive Betreuung und sind bei  Zwangsarbeiten schlecht verwertbar.

Der Zweite Grund ihrer Absage ist, dass ehemalige Heimkinder es doch tatsächlich gewagt haben, Sie um Auskunft gemäß § 34 BDSG, also Auskunft über die bei Ihnen gespeicherten Daten, zu bitten. Einer hat sich sogar, weil Sie die Bitte um Bestätigung des Eingangs ignoriert haben und die Abfrage nicht beantwortet haben, mit einer Beschwerde an den Landesdatenschutzbeauftragten gewandt. Sie schreiben, das stände im Widerspruch zu unserer Mitteilung, dass wir kein Interesse an juristischen Schritten hatten. Diese Verfälschung der Tatsachen ist nicht nachvollziehbar. Datenabfragen gem. § 34 BDSG und Beschwerden sind ein in Deutschland zig-tausendfach praktiziertes Recht und kein juristischer Schritt, zumal weder die Abfragen noch die Beschwerde über Juristen lief. Sie schreiben, dass Sie davon ausgegangen sind uns die Informationen im Rahmen des Gesprächstermins zu geben. Wir sind keine Hellseher, Sie haben uns nicht informiert. Wir mussten davon ausgehen, dass Sie auch diese Auskunft, wie viele andere davor, verweigern. Datenabfragen müssen auch schriftlich beantwortet werden, dazu kommen wir nicht nach Wülfrath Das als Grund für die Absage und den Kommunikationsabbruch zu nennen, ist auch abwegig.  Dass dieses ebenfalls vorgeschoben ist, ist auch leicht erkennbar.

Ein Schritt in die richtige Richtung war nach monatelangem Abwiegeln Ihre Mitteilung, dass von der Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung bisher 24 als Opfer sexualisierter Gewalt bzw des Missbrauchs durch BDA Mitarbeiter anerkannt wurden. Ihre Einlassung,  Sie seien nicht verpflichtet uns die Zahlen zu nennen, sehen wir aber anders. Unseres Erachtens sind Sie nicht nur verpflichtet uns die Zahlen zu nennen, schließlich haben wir ein Recht auf das Wissen um unsere Vergangenheit , sondern auch verpflichtet, diese öffentlich zu machen.

Wir stehen mit ca. 30 Ehemaligen in Kontakt, die  wir auf die Möglichkeit der Anerkennung hingewiesen haben. Von diesen wurden mehr als zwei Drittel als Missbrauchsopfer anerkannt. Hochgerechnet bedeutet das, dass über die Jahre in der Fürsorgehölle Gut an der Linde und dem Nachbarheim mehrere Hundert oder sogar Tausend missbraucht wurden. Es war so, dass fast jeder sexualisierte Gewalt durch BDA Mitarbeiter erfahren hat.  Das ist keine Kleinigkeit die Sie verschweigen dürfen. Das was viele Ehemalige über Missbrauch berichtet haben und die Anzahl der anerkannten Opfer belegen, dass die BDA ein Paradies für Kinderschänder war. Aufgrund des Umgangs mit dem Problem ist es heute noch immer so.

Jeder von uns hat es tagtäglich selber erlebt, oder bei Heimkameraden mitbekommen. Sexualisierte Gewalt und Missbrauch, war genau so Teil des Systems, wie Prügel, Isolierzimmer, Zwangsarbeit, Essenszwang, Erbrochenes essen müssen, eiskalte Duschen wegen Bettnässen, Zwang in urintriefender Bettwäsche zu schlafen, militärische Drillmethoden, Zwangsmedikation, Ausgangssperren usw.

Gut an der Linde war die Hölle auf Erden. In Publikationen behauptet der BDA Vorstand, dass nur ein Missbrauchsfall bekannt sei. Das ist nachweislich unzutreffend.

Tatsache ist, dass von den Ehemaligen die wir kennen fast alle vom Fonds Heimerziehung und der kirchlichen- bzw diakonischen Fachstelle als Missbrauchs- oder Misshandlungsopfer anerkannt wurden. Tatsache ist, dass bei vielen eine Schwerbehinderung festgestellt wurde, die aus dem Heimaufenthalt resultiert. Tatsache ist, dass Behauptungen vom BDA Vorstand, es sei kein Schaden feststellbar, unzutreffend sind.

Unser dringendstes Anliegen, mit Verantwortlichen der BDA darüber zu sprechen, wie man mit der verursachten Schädigung und einem möglichen Schadensausgleich umzugehen gedenkt, ist aufgrund Ihres verantwortungslosen Kommunikationsabbruchs jetzt nicht mehr möglich.

Wir glauben zwar nicht, dass Sie die Bereitschaft dazu haben, trotzdem ist es Ihnen nochmals anzuraten den Umgang mit uns zu ändern. In der Anlaufstelle des Heimkinderfonds im Landschaftsverband Rheinland, ist man aufgrund der vielen Berichte ehemaliger Heimkinder aus Gut an der Linde und dem Nachbarheim der BDA zu der Überzeugung gekommen, dass die Heime die schlimmsten waren. Jetzt, Jahrzehnte später, müssen wir feststellen, dass auch der Umgang der BDA Verantwortlichen, also Ihrer, mit uns Ehemaligen das schlimmste ist, was man sich aus der Richtung der Heimträger vorstellen kann.

Weil Sie uns neuerdings wieder mit Ihrem Rechtsanwalt drohen, stellen wir vorsichtshalber fest, dass dieses Schreiben zwar nach bestem Wissen und Gewissen erstellt wurde, aber keinen Anspruch auf Richtigkeit in allen Details erhebt – wir sind keine Juristen.

Wie Sie mit Mitmenschen umgehen, die als Kinder in der BDA die Hölle erlebt haben, ist unglaublich. Nach wie vor missachten Sie die Empfehlungen des runden Tisches Heimerziehung und helfen uns, bis auf kleine Alibi Aktionen, nicht.

Wenn Sie uns nicht helfen, müssen wir eben andere um Hilfe bitten.

So verächtlich wie Sie mit ehemaligen Heimkindern und Behinderten umgehen, macht das sonst kein Verantwortlicher.

Mit freundlichen Grüßen, für unsere Ehemaligengemeinschaft

Siegfried Heinen
Reiner Gläser
Michael Schierer
Axel Weiner
Brian Neuburg

 

 

Kapitulation vor den Auswüchsen eines drastischen moralischen Verfalls

Posted in Kirche by dierkschaefer on 2. April 2016

»… sehr konkret, Benedikt selbst mag im internen Ämterschacher hier den Kürzeren gezogen haben, ein glorreicher Vertreter der Kirche wird er dadurch nicht; intellektuelle Arroganz, rigide Dogmatik und die unter seiner Verantwortung praktizierte hartnäckige Vertuschung tausendfachen sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche sind mit dem ausmanövrierten Pontifikat verbunden. In Summa, Benedikt scheiterte wohl an einer innerkirchlichen Lobby und nicht zuletzt an der „Wühlarbeit“ machtbewusster Gegner, sogenannter „Modernisten“, er kapitulierte jedoch auch vor den Auswüchsen eines drastischen moralischen Verfalls, den er selbst mit begünstigt hatte.«

http://www.heise.de/tp/artikel/47/47841/1.html

„Geistliche Aufarbeitung“?

Die Aufarbeitung von physischer und psychischer Gewalt in den Kinderheimen der evangelischen Brüdergemeinde Korntal in den 1940er Jahren bis in die 70er Jahre steht wieder am Anfang. Aber die ehemaligen Heimkinder lassen sich nicht beirren, sie halten an der Aufarbeitung der Vorfälle in den Kinderheimen fest, auch wenn das Projekt zunächst gescheitert ist.

»Die Betroffenen hatten nicht nur die historische Aufarbeitung gefordert, sondern etwa auch die Pietisten zu einer geistlichen Aufarbeitung gedrängt. Diese stimmten zu – ehe dann diese Woche in weiten Teilen die Rolle rückwärts folgte. Erst warfen Wolff und ihr wissenschaft­liches Team hin, dann erklärte die Brüdergemeinde die Aufarbeitung für gescheitert. Schuld seien allein die Betroffenen, stellten die Pietisten ihre Sicht der Dinge dar.«[1]

 

Zum ersten Mal lese ich von einer „geistlichen Aufarbeitung“. Ist damit eine theologische Aufarbeitung gemeint? Die vermisse und fordere ich schon lange. Was ist das, was soll das bringen?

All die Misshandlungen, die Demütigungen, die Ausbeutung, soweit sie in kirchlichen Einrichtungen geschahen, müssen sich am theologischen Konzept dieser Einrichtungen messen lassen. Nun mag der Begriff Konzept zu hoch gegriffen sein. Die Einrichtungen wurden betrieben aufgrund von und mit christlichen Überzeugungen. Als Beispiel sei die Inschrift über der Eingangstür zum evangelischen Frauenheim Himmelsthür genannt: Wer aus- und eingeht durch die Tür / Der soll bedenken für und für / Dass unser Heiland Jesus Christ / Die rechte Tür zum Himmel ist. [2]

Nach theologischen Gründen für Missbrauch muss man nicht fragen. Die gibt es nur für Schwarze Messen. Davon ist mir jedoch aus christlichen Einrichtungen nichts bekannt. Eine Integration solcher Messen in christliche Theologie wäre auch unmöglich.

Aber die Themen Demütigung, „Arbeitstherapie“, pädagogische Härte und ständige Überwachung hatten einen theologischen Hintergrund.

Wie bei den islamistischen Selbstmordattentätern ist das jenseitige Leben das ausschlaggebende, ist bedeutender als das irdische Leben, immerhin dauert es eine Ewigkeit. Das Ziel rechtfertigt jeden Einsatz. Die Kinder, zumal wenn sie „Kinder der Sünde“ waren, mussten hier auf Erden notfalls gewaltsam für das ewige Leben zugerichtet und mussten gedemütigt werden, um Demut zu lernen.

Wer dieses „gottgefällige“ Werk an den Kindern tat, vergrößerte auch seine himmlischen Chancen, wenn auch im Widerspruch zur reformatorischen Rechtfertigungslehre. Mindestens ebenso wichtig erscheint mir, dass die Gründer und Betreiber solcher Einrichtungen ihr bürgerliches Ansehen durch „selbstlose“ Liebestätigkeit an den Kindern vermehrten, die am Rand der Gesellschaft standen und für die sich niemand sonst einsetzte. Doch narzisstisches Ego wird durch keine Theologie gerechtfertigt.

Es bleibt also das „Ewige Leben“, das theologisch zu überdenken ist: seine Implementierung in den Köpfen und seine Rolle für die Rechtfertigung diverser Misshandlungen, die nicht nur konträr zu den damals noch recht neuen Menschenrechten standen, sondern auch nichts zu tun hatten mit dem Bild von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und nichts mit dem Jesuswort bei Matthäus 18,6 + 10: Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft werde im Meer, da es am tiefsten ist. Sehet zu, daß ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit in das Angesicht meines Vaters im Himmel.

Schließlich die uneingestandene theologische Hilflosigkeit, wenn – gar nicht so untypisch – der Pfarrer einer Einrichtung auf die Frage: Warum bin ich behindert?Weil Gott Dich prüfen will antwortet. Damit ist das Thema Leiden anzusprechen. Zumindest im Traditionsgut wird es immer noch in Anlehnung an das Leiden Jesu wertgeachtet.[3]

 

Abgesehen von der Denk- und Hoffnungsfigur des ewigen Lebens sind die damaligen Anschauungen auch theologisch überholt. Was fehlt ist die eingestandene Verknüpfung von damaliger Theologie und menschenrechtswidrigem Verhalten.[4] Mit dem Versuch, die Institution Kirche zu schützen schützt man auch die Gründerväter und ihre Theologie. Auch an evangelische Heiligenlegenden darf nicht gerührt werden.

Eine „geistliche Aufarbeitung“ tut not.

Was kann sie bewirken? Ehrlichkeit und Vertrauen.

[1] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.missbrauchsskandal-in-korntal-das-spiel-mit-der-macht-page1.c42b94da-9d0c-4ba7-b126-60e77afe1442.html

[2] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2015/01/rezension-himmelsthc3bcr.pdf

[3] Aus dem Adventslied: Es kommt ein Schiff geladen die Strophen 5 und 6:

5 Und wer dies Kind mit Freuden / umfangen, küssen will, / muß vorher mit ihm leiden / groß Pein und Marter viel, – 6 danach mit ihm auch sterben / und geistlich auferstehn, / das ewig Leben erben, / wie an ihm ist geschehn.

[4] Ich sehe auch nicht, dass die Universitätstheologie diese Thematik aufgreift, mag mich aber irren.

Ist der EKD-Vorsitzende reingefallen?

Posted in Deutschland, Gesellschaft, Kirche, Politik, Protestantismus, Religion, Staat, Theologie by dierkschaefer on 15. März 2016

Unter dem Titel »Flüchtlingskrise: „Christliche Kultur verschwindet? Wie kleingläubig ist das denn?“« finden wir ein Interview mit Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von Reinhard Bingener.[1]

Seine Eröffnungsfrage: »Jesus hat mit fünf Broten und zwei Fischen fünftausend Männer satt gekriegt. In Deutschland gibt es deutlich mehr Flüchtlinge. Bekommt das der deutsche auch hin?« Es wäre dämlich gewesen, auf den Anknüpfungspunkt einzugehen, auf die Erzählung vom Wunder der Speisung der fünftausend. Bedford-Strohm wählt als Vergleichsgeschichte die vom barmherzigen Samariter. Denn Wunder vollbringen kann weder der Ratsvorsitzende der EKD, noch die EKD, der Staat auch nicht, auch nicht die vielen ehrenamtlichen Helfer, die ja nicht nur aus den Reihen der Kirchenmitglieder kommen.

Bedford-Strohm gibt politische Antworten in christlicher Verantwortung, auch zum Thema Überfremdung. „Wie kleingläubig ist das denn? hat er gesagt.

Bingeners Frage war: »Viele Menschen befürchten eine Veränderung Europas. Darf man die Einwanderung von Millionen Muslimen falsch finden, oder ist das unchristlich?«

Bedford-Strohm: »Trauen wir unserem eigenen Glauben so wenig zu, dass wir befürchten müssen, bei fünfzig Millionen Christen könnte durch ein, zwei oder drei Millionen mehr Muslime in Deutschland die christliche Kultur verschwinden? Wie kleingläubig ist das denn?!«

Die Antwort galt den Ängstlichen, die sich von der AfD Schutz versprechen lassen.

»Wir schaffen das!«. Für große Aufgaben braucht man einen großen Glauben, und die Bereitschaft, dafür einiges zu tun und auch andere Menschen dafür zu mobilisieren.

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/interview-mit-heinrich-bedford-strohm-ekd-zur-fluechtlingspolitik-13975392.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Verschwiegene Taten – Nur noch heute verfügbar

Posted in Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Uncategorized by dierkschaefer on 6. März 2016

Kirche – »Ihre jahrelange Duldung und Deckung des Missbrauchs …

Posted in Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Kriminologie, Medien, Moral by dierkschaefer on 24. Februar 2016

Kirche – »Ihre jahrelange Duldung und Deckung des Missbrauchs …

… ist nichts anderes als ein Moralversagen unfassbaren Ausmaßes. Wie der Film im Abspann ergänzt, waren die Ermittlungen des Boston Globe der Impuls zu weiteren, quasi weltweiten Recherchen und Enthüllungen, die nach und nach den systematischen Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche in zahlreichen Ländern der Erde aufdeckten, auch in Deutschland.«

https://www.freitag.de/autoren/hest/das-team-ist-der-star

Kirchenzucht in den 80er Jahren – jedenfalls in Württemberg

Posted in Firmenethik, Geschichte, Kirche, Moral by dierkschaefer on 21. Februar 2016

Ein Anhalter stand an der Straße, Alter und Kleidung untypisch. Ich nehme ihn mit. Ein Kollege, wie sich schnell herausstellt. Der Unglücksrabe hatte – wenige Wochen vor dem Fall der Mauer – seine Gemeinde in Sachsen verlassen und hauste nun mit Frau und zwei Töchtern in einer dörflichen Notunterkunft im schwäbischen Oberland: Ein Zimmer, Stockbetten, Privatheit notdürftig mit abgehängten Wolldecken hergestellt. Dem Mann mußte geholfen werden. Zufällig hatte ich gerade eine ganztägige Stelle in meinem Pfarramt zu vergeben. Warum nicht ein Sekretär anstelle der üblichen Sekretärin? Er schrieb die Bewerbung und ich reichte sie mit unterstützender Begründung beim Oberkirchenrat ein: Zwei Jahre Sekretär und zugleich die Möglichkeit, sich die Qualitäten des Mannes anzuschauen – danach dann vielleicht ein besser angemessener Dienstauftrag. Doch daraus wurde nix – die Ablehnung kam ohne Begründung.

Auf Nachfrage bei der EKD erfuhr ich: Es sei üblich, DDR-Kollegen, die ohne politische Not ihre Gemeinde im Stich gelassen hätten, nicht gleich wieder in den Gemeindedienst zu nehmen. Es sei auch üblich, ihnen beruflich weiterzuhelfen, z.B. als Religionslehrer.

Aber nicht bei uns.

Er fand dann Anstellung (oder Job?) bei einer Versicherung. Die wird ihn wohl wieder zurückgeschickt haben, denn der Kollege sprach sächsisch und in diesen Goldgräberzeiten gab es im Osten viele Policen zu verkaufen.

Kirchenzucht in den 60er Jahren

Posted in Geschichte, Kirche, Theologie by dierkschaefer on 21. Februar 2016

Ein Hamburger Hauptpastor hatte seinen naiven Glauben verloren, wurde entlassen und reiste nun, Ende der 60er Jahre, durch Deutschlands Universitäten, um seinen Verlust und den Grund dafür kundzutun. Der Hörsaal war voll. Direkt vor mir in der Reihe zwei renommierte Theologieprofessoren. Sie tauschten sich hörbar aus über die Naivität des gewesenen Hauptpastors. Die wissenschaftlichen Ergebnisse der beiden hatten durchaus auch etwas mit dem „Glaubensverlust“ des nun ehemaligen Pastors zu tun. Ihre Sarkasmen erregten meinen Abscheu. Heute wäre ich nachsichtiger mit ihnen, aber nur etwas. Doch immerhin hatten sie einen eleganteren Weg gefunden für die Überwindung ihres naiven Kinderglaubens.

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtete am HAZ 20. März 1979

 

„Kirchenrebell“ Paul Schulz darf nicht länger Pfarrer bleiben

Nach mehrjährigem Lehrbeanstandungsverfahren verliert der ehemalige Pastor von St. Jacobi in Hamburg alle seine Kirchenämter

Hannover (epd/dpa/idea) Der seit Okto­ber 1976 beurlaubte Ham­burger Pastor Paul Schulz darf nicht länger Pfarrer blei­ben. Zu dieser Entscheidung, die am Mon­tag in Hannover bekanntgegeben wurde, kam das siebenköpfige Spruchkolle­gium der Verei­nigten Evangelisch-Lutheri­schen Kirche Deutschlands (VELKD) unter Vor­sitz des hannoverschen Landesbischofs Eduard Lohse. Das Urteil wurde gefällt auf Grund der münd­lichen Verhandlungen in dem mehrjährigen Lehrbeanstandungsver­fahren gegen den Theologie­logen. Mit der Zustel­lung des Spruchs an Paul Schulz am Montag ist das Verfahren abgeschlossen.

Der von Lohse im lutherischen Kirchen­amt bekanntgegebene Spruch lautet: „Pa­stor Dr. theol. Paul Schulz ist öffentlich durch Wort und Schrift in der Darbietung der christ-lichen Lehre in entscheidenden Punkten in Wider­spruch zum Bekenntnis der evangelisch-luthe­rischen Kirche getre­ten und hält daran beharr­lich fest. Er ist mithin nicht mehr fähig, eine amtliche Tätigkeit im kirchlichen Dienst auszu­üben.“

Dies bedeutet nach dem Pfarrergesetz der VELKD den Verlust aller Rechte aus der Ordi­nation. Schulz verliert danach das Recht zur Wortverkündigung und zur Sakramentsver­waltung, zum Führen der Amtsbezeichnung und zum Tragen des Talars. Auch aller besol­dungs- und versor­gungsrechtlichen Ansprüche geht Schulz verlustig, doch kann dem ehema­ligen Pastor ein widerruflicher Unterhaltszu­schuß in Höhe des bisher erdienten Ruhe­gehalts — rund 2130 DM – gezahlt wer­den, betonte ein Sprecher der VELKD. Er deutete an, daß die nordelbische Kirchen­lei­tung von dieser Möglichkeit Gebrauch machen werde.

Paul Schulz war seit 1970 Pastor an der Haupt­kirche St. Jacobi in Hamburg. Er wurde nach einer umstrittenen Predigt­reihe, in der er u. a. zentrale christliche Begriffe wie Gott und Auferstehung sowie die Verbindlichkeit der Bibel in Frage gestellt hatte, 1975 zunächst beurlaubt und im Jahr darauf vom Dienst sus­pendiert. Gleichzeitig wurde ein sogenanntes Lehr­zuchtverfahren gegen ihn eröffnet.

Bei seiner Entscheidung berief sich das Spruchkollegium u. a. auf die Auffassun­gen von Schulz zur Gotteslehre. Das Reden von Gott als Person komme für Schulz aus einem völlig überholten Denkmodell. Auch mit der Lehre von Jesus trete Schulz in entschei-den­den Widerspruch zu Schrift und Bekenntnis. Denn Jesus habe für ihn nicht die Bedeu­tung als Erlöser, wie sie alle Schriften des Neuen Testa­ments und die reforma-torischen Schriften als den zentra­len Inhalt des Evangeliums heraus­stellten.

Das Spruchkollegium kritisierte auch die Auf­fassungen von Schulz zur Frage einer Hoffnung über den Tod hinaus und zur Auf­fassung von Kirche und ihrer Bekennt­nisse. Im Gegensatz zu seinem bei der Ordi­nation abge­legten Gelübde propagiere Schulz eine Lehre, in der es den Willen Got­tes nicht gebe, Chri­stus keine Bedeu­tung habe und Schrift und Bekenntnis histo­ri­sche, aber nicht aktuelle Größen seien.

Lohse erklärte, die kirchlichen Gremien hät­ten ein Höchstmaß an Geduld bewiesen, um außerhalb eines Feststellungsver­fah­rens eine Einigung zu erzielen. Die Kirche habe keinesfalls die Absicht, die Freiheit des theologischen Denkens einzuschrän­ken. Man wolle nicht „mit der Meßlatte durch die Gegend gehen und die Recht­gläubigkeit der einzelnen Pastoren messen“.

Die verfassungsrechtlichen Bedenken, die der Rechtsbeistand von Schulz gegen das Verfahren geltend gemacht hatte, wur­den von dem Spruchkollegium zurückge­wie­sen. Eine Revisionsmöglichkeit besteht nach Angaben Lohses nicht. Denkbar sei aber, daß ein Weg zum Bundesverfas­sungs­gericht gesucht werde.

Die theologisch konservativen Protestan­ten haben das Urteil im Fall Schulz begrüßt. Die evangelische Kirche solle sich in ähnlicher Weise von anderen „Irrleh­rern“ trennen, erklärte der Vorsitzende der Kon­ferenz Beken­nender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutsch­lands, Su­perintendent George (Berlin).

Demenz? Die Medikamente dafür wurden an Heimkindern getestet.

Heimkinder dienten als Versuchskaninchen für Nazi-Ärzte und Pharma-Firmen. Die Nazi-Ärzte sind tot, die Pharmafirmen waschen die Hände in Unschuld. Das Franz von Sales-Haus[1] in Essen entlässt den Gärtner, der in Frontal 21 zu Wort kommt.

 

Ob die Handlangerin von Kirche und Staat wußte, warum sie sich am Runden Tisch nur mit den Verbrechen in Kinderheimen befasste und nicht auch mit denen in Behinderteneinrichtungen? Das Thema von Medikamententests tauchte schon am Runden Tisch auf bis hin zu Elektroschock-Therapie am Penis eines Bettnässers. Nun wissen wir mehr. In den Behinderteneinrichtungen und Jugendpsychiatrien scheinen Medikamententests systematisch gewesen zu sein. Hier nur ein paar Auszüge aus dem SPIEGEL-Bericht[2] als Vorbereitung auf den Beitrag von Frontal 21[3]. Wer Phantasie hat, braucht dann keinen Horror-Film mehr.

 

»„Ich habe mehrfach in Dokumenten gefunden, dass Ärzte berichteten: ‚Wir haben das Medikament in Tierversuchen getestet, wir müssen das jetzt am Menschen testen.’ Und da hat man Heimkinder dafür benutzt.“«

»Heimkinder waren bis in die Siebzigerjahre weitgehend rechtlos und daher als Testpersonen den Pharmafirmen und Ärzten hilflos ausgeliefert. Die involvierten Konzerne lehnen auf Anfrage jedoch jede Verantwortung für die damaligen Studien ab. Merck etwa verweist auf die damals andere Gesetzeslage zur Dokumentation von Medikamententests: „Wir können uns nicht für etwas entschuldigen, was nicht in unserer Verantwortung lag. Sollten sich Dritte nicht entsprechend Gesetzeslage verhalten haben, bedauern wir das selbstverständlich.“ Auch die Troponwerke sehen sich nicht in der Verantwortung. Ihnen lägen keine Informationen vor.«

»Die Pharmazeutin Sylvia Wagner hat bisher 50 Studien mit Heimkindern gefunden, die im Auftrag oder in Kooperation mit Arzneimittelfirmen entstanden. Sie sagt, das sei nur die Spitze eines Eisbergs. „Ich habe in keinem einzigen Fall einen Hinweis gefunden, dass die Kinder aufgeklärt wurden oder überhaupt gefragt wurden. Auch die Eltern wurden nicht gefragt.“«

»Innerhalb eines Dreivierteljahrs mussten die Kinder des Kinderheims insgesamt über 37.000 Pillen schlucken, darunter allein 13.000 Tabletten Truxal. Der Test wurde nur deshalb aktenkundig, weil der langjährige Heimarzt den extrem hohen Einsatz von Psychopharmaka ablehnte und unter Protest zurücktrat.«

»Der Versuch fand in Kooperation mit der herstellenden Pharmafirma Merck statt. Der Darmstädter Konzern brachte das Medikament 1963 auf den deutschen Markt, es wird heute als Antidemenzmittel verkauft. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichte Heinze in einer medizinischen Fachzeitschrift – einer der wenigen bisher bekannten Belege für Medikamententests mit Heimkindern.«

»Das Psychopharmakon wird in der Fachinformation nur für Erwachsene empfohlen, damals wurde es aber an Kindern des Heims Neu-Düsselthal erprobt.«

»Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf war bis Anfang der Sechzigerjahre Hans Heinze, ein skrupelloser Arzt mit Nazivergangenheit. Während der NS-Zeit war er Gutachter des Euthanasie-Mordprogramms T4, bezeichnete unzählige Kinder als „lebensunwert“ und schickte sie in den Tod. Nach 1945 konnte er seine Karriere in Wunstorf fortsetzen.«

 

Keiner will die Verantwortung übernehmen – sehen wir einmal von der christlichen Reaktion des Franz-von-Sales Hauses ab.

Wie wär’s mit der Bundesärztekammer? Schließlich waren es Ärzte, die als Erfüllungsgehilfen der Pharma-Unternehmen die Verantwortung trugen – und wohl gut daran verdienten. Ja, ich weiß, die sind tot. Aber könnte neben die Kollektivscham nicht auch eine Kollektivverantwortung treten? Den Kirchen wird sie zugeschrieben und viele der damals in kirchlichen Einrichtungen misshandelten Heimkinder sind ausgetreten. Das ist verständlich. Wie kann man es den staatlichen Einrichtungen, den Ärzten und den Pharmafirmen „heimzahlen“?

Ich fürchte, die sind noch mehr „fein raus“ als die Kirchen.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Sales_Haus

[2] http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamententests-in-deutschland-das-lange-leiden-nach-dem-kinderheim-a-1075196.html

[3] http://www.zdf.de/frontal-21/medikamententests-deutscher-pharmafirmen-in-kinderheimen-42014560.html

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 217 Followern an