Dierk Schaefers Blog

Demenz? Die Medikamente dafür wurden an Heimkindern getestet.

Heimkinder dienten als Versuchskaninchen für Nazi-Ärzte und Pharma-Firmen. Die Nazi-Ärzte sind tot, die Pharmafirmen waschen die Hände in Unschuld. Das Franz von Sales-Haus[1] in Essen entlässt den Gärtner, der in Frontal 21 zu Wort kommt.

 

Ob die Handlangerin von Kirche und Staat wußte, warum sie sich am Runden Tisch nur mit den Verbrechen in Kinderheimen befasste und nicht auch mit denen in Behinderteneinrichtungen? Das Thema von Medikamententests tauchte schon am Runden Tisch auf bis hin zu Elektroschock-Therapie am Penis eines Bettnässers. Nun wissen wir mehr. In den Behinderteneinrichtungen und Jugendpsychiatrien scheinen Medikamententests systematisch gewesen zu sein. Hier nur ein paar Auszüge aus dem SPIEGEL-Bericht[2] als Vorbereitung auf den Beitrag von Frontal 21[3]. Wer Phantasie hat, braucht dann keinen Horror-Film mehr.

 

»„Ich habe mehrfach in Dokumenten gefunden, dass Ärzte berichteten: ‚Wir haben das Medikament in Tierversuchen getestet, wir müssen das jetzt am Menschen testen.’ Und da hat man Heimkinder dafür benutzt.“«

»Heimkinder waren bis in die Siebzigerjahre weitgehend rechtlos und daher als Testpersonen den Pharmafirmen und Ärzten hilflos ausgeliefert. Die involvierten Konzerne lehnen auf Anfrage jedoch jede Verantwortung für die damaligen Studien ab. Merck etwa verweist auf die damals andere Gesetzeslage zur Dokumentation von Medikamententests: „Wir können uns nicht für etwas entschuldigen, was nicht in unserer Verantwortung lag. Sollten sich Dritte nicht entsprechend Gesetzeslage verhalten haben, bedauern wir das selbstverständlich.“ Auch die Troponwerke sehen sich nicht in der Verantwortung. Ihnen lägen keine Informationen vor.«

»Die Pharmazeutin Sylvia Wagner hat bisher 50 Studien mit Heimkindern gefunden, die im Auftrag oder in Kooperation mit Arzneimittelfirmen entstanden. Sie sagt, das sei nur die Spitze eines Eisbergs. „Ich habe in keinem einzigen Fall einen Hinweis gefunden, dass die Kinder aufgeklärt wurden oder überhaupt gefragt wurden. Auch die Eltern wurden nicht gefragt.“«

»Innerhalb eines Dreivierteljahrs mussten die Kinder des Kinderheims insgesamt über 37.000 Pillen schlucken, darunter allein 13.000 Tabletten Truxal. Der Test wurde nur deshalb aktenkundig, weil der langjährige Heimarzt den extrem hohen Einsatz von Psychopharmaka ablehnte und unter Protest zurücktrat.«

»Der Versuch fand in Kooperation mit der herstellenden Pharmafirma Merck statt. Der Darmstädter Konzern brachte das Medikament 1963 auf den deutschen Markt, es wird heute als Antidemenzmittel verkauft. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichte Heinze in einer medizinischen Fachzeitschrift – einer der wenigen bisher bekannten Belege für Medikamententests mit Heimkindern.«

»Das Psychopharmakon wird in der Fachinformation nur für Erwachsene empfohlen, damals wurde es aber an Kindern des Heims Neu-Düsselthal erprobt.«

»Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf war bis Anfang der Sechzigerjahre Hans Heinze, ein skrupelloser Arzt mit Nazivergangenheit. Während der NS-Zeit war er Gutachter des Euthanasie-Mordprogramms T4, bezeichnete unzählige Kinder als „lebensunwert“ und schickte sie in den Tod. Nach 1945 konnte er seine Karriere in Wunstorf fortsetzen.«

 

Keiner will die Verantwortung übernehmen – sehen wir einmal von der christlichen Reaktion des Franz-von-Sales Hauses ab.

Wie wär’s mit der Bundesärztekammer? Schließlich waren es Ärzte, die als Erfüllungsgehilfen der Pharma-Unternehmen die Verantwortung trugen – und wohl gut daran verdienten. Ja, ich weiß, die sind tot. Aber könnte neben die Kollektivscham nicht auch eine Kollektivverantwortung treten? Den Kirchen wird sie zugeschrieben und viele der damals in kirchlichen Einrichtungen misshandelten Heimkinder sind ausgetreten. Das ist verständlich. Wie kann man es den staatlichen Einrichtungen, den Ärzten und den Pharmafirmen „heimzahlen“?

Ich fürchte, die sind noch mehr „fein raus“ als die Kirchen.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Sales_Haus

[2] http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamententests-in-deutschland-das-lange-leiden-nach-dem-kinderheim-a-1075196.html

[3] http://www.zdf.de/frontal-21/medikamententests-deutscher-pharmafirmen-in-kinderheimen-42014560.html

Gegen die „Kirchenfürsten“

Posted in Gesellschaft, Kirche, Theologie, Uncategorized by dierkschaefer on 2. Februar 2016

»Die Radikalisierung im Bürgertum macht offenkundig vor den Christen nicht halt.«[1]

Wenn Kirchenleitungen sich deutlich und mit guten christlichen Gründen gegen Pegida positionieren, werden sie angegriffen – aus der ultrarechten Seite des Glaubensspektrum. Diese Leute sind für Pegida und deren Ziele. So wird aus einem politischen Konflikt ein theologischer.

Da meinen manche Traumtänzer, mit der Religion sei es doch heutzutage eigentlich aus. Weit gefehlt. Wie gut, dass es viele Kirchengemeinden mit vielen freiwilligen Helfern für Flüchtlinge in Not gibt. Ihr Tun demaskiert die falschen theologischen Parolen.

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/putin-orban-und-afd-rechte-christen-finden-politische-heimat-14043650.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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Das sogenannte “Entjudungsinstitut” wurde von 13 Landeskirchen getragen.

Posted in Geschichte, Kirche, Theologie by dierkschaefer on 29. Januar 2016

»Bischöfe zählten zu seinen Mitgliedern, Oberkirchenräte, Pfarrer, Theologen, Akademiker. Es gab Tagungen und Seminare. Und eine rege Publikationstätigkeit. Es entstanden ein neuer Katechismus, ein Gesangbuch “Deutsche mit Gott”, schließlich sogar ein “Volkstestament”, das als eine Art fünftes Evangelium das Neue Testament ersetzen sollte. Welche Wirkung diese Schriften in den Gemeinden erzielten, lässt sich heute nur schwer abschätzen. Immerhin erschien das “Volkstestament” in einer Auflage von 200.000 Exemplaren.« http://www.deutschlandfunk.de/die-evangelische-kirche-und-das-dunkle-erbe-des.2540.de.html?dram:article_id=343643

https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/02/25/ein-weitgehend-unbekanntes-kapitel-der-kirchengeschichte/Landeskichliches Entjudungsinstitut

http://www.deutschlandradiokultur.de/john-connelly-juden-vom-feind-zum-bruder-als-die-kirche.1270.de.html?dram:article_id=341966

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Nichts Neues aus dem „heiligen“ Korntal

Posted in heimkinder, Kinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Protestantismus, Recht, Religion by dierkschaefer on 27. Januar 2016

»Es geht um missbrauchte und gedemütigte Heimkinder, die bis heute an ihrer Kindheit in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde leiden. Viele von ihnen sind krank, haben Thera­pien hinter sich und leiden unter den Folgen.«[1]

Doch es gibt nichts Neues. »Da verwundert es wenig, dass die Korntaler Verantwortli­chen in der heikelsten Frage, nämlich der nach dem Geld, auch nicht viel weiter sind. Über die Einrichtung eines Fonds wurde schon in der ersten Sitzung der Steuerungsgruppe disku­tiert, nach weiteren Monaten war von einem Durchbruch die Rede. Und heute liest sich die Antwort so: „Wir bedauern sehr, dass wir noch nichts Konkretes vermelden können. Für ehemalige Heimkinder und für uns ist das ein sehr wichtiges Thema. Deshalb wollen wir so bald wie möglich ein Ergebnis präsentieren.“

Während man sich auf der Homepage der Brüdergemeinde über die „inzwischen faire Berichterstattung“ freut, sinkt die Hoffnung vieler ehemaliger Heimkinder auf Gerechtigkeit. „Nicht mehr in diesem Leben“, sagt Theo Kampouridis düster. Er ist nicht das einzige Korn­taler Heimkind, das die Geduld verliert.«

 

Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal gilt als besonders fromm. Bei „fromm“ fällt mir ein Liedvers ein:

und wo die Frommen / dann sollen hinkommen,

wann sie mit Frieden / von hinnen geschieden

aus dieser Erden vergänglichem Schoß.[2]

Wo diese Frommen dereinst mal hinkommen,

dorthin möchte ich keinesfalls kommen.

[1] http://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/252/kein-blumentopf-zu-gewinnen-3404.html

[2] aus dem schönen Lied: Die güldne Sonne / voll Freud und Wonne, http://www.liederdatenbank.de/song/152

Was leistet die Kirche?

Posted in Deutschland, Gesellschaft, Kirche, Wirtschaft by dierkschaefer on 20. Januar 2016

Was leistet die Kirche?

 

Überall fehlt es am Geld, auch in der Kirche. Überall werden Sparprogramme gefahren, manchmal als Reform getarnt, doch es geht ums Sparen, auch in der Kirche. Man besinnt sich auf die „Kernaufgaben“ und stößt ab, was (vermeintlich?) nicht dazu gehört, auch in der Kirche.

Doch anders als in der Wirtschaft lassen sich die Kernaufgaben der Kirche nicht so einvernehmlich definieren und – auch anders als in der Wirtschaft – fehlt doch weitgehend das Wissen, wie die einzelnen Aufgaben wirtschaftlich zu gewichten sind. Dazu kommt das Problem, daß die Leistung der Kirche nicht allein mit wirtschaftlichen Maßstäben gemessen werden kann, schließlich hat die Kirche einen nicht wirtschaftlich orientierten Grundauftrag. Manche lehnen es darum rundweg ab, überhaupt wirtschaftliche Maßstäbe auf kirchliches Handeln anzuwenden. Wer so denkt, sei gewarnt. Vielleicht sollte er oder sie gar nicht erst weiterlesen. Denn hier geht es um die Frage, inwieweit sich die „Investitionen“ der Kirche meßbar lohnen, „sich rechnen“. Aber vielleicht lesen Sie doch weiter: Der Holländer Jaap van Sar, von dessen Untersuchung ich ausgehe, schreibt am Ende seiner Zusammenfassung: Schlußendlich ging es nicht um Arbeitsstunden oder um Geld, sondern um das Engagement der Menschen in ihrem Lebensumfeld. Ihr Einsatz kommt aus dem Herzen. Und so heißt seine Studie auch „Van Harte“ (From our Hearts). Er stellte seine Studie kürzlich in kleinem Kreis in unserer Akademie vor. Ich fand es lohnend, seine Gedanken fortzuführen und dabei die deutschen kirchlichen Verhältnisse zu bedenken, die sich offenbar in einigen wichtigen Punkten von denen in Holland unterscheiden. Doch zunächst sei seine Arbeit[1] in ihren Grundzügen wiedergegeben. Ich folge dabei weitgehend seiner Zusammenfassung.

Ein unorthodoxer Zugang

Van Sar untersucht den „Social-return-on-investement“(SROI). Er greift damit den in den Wirtschaftswissenschaften gebrauchten Begriff des „Return-on-investement“ auf. Dort geht es um Rentierlichkeit: Kommen die investierten Kosten an Geld und Arbeitsleistung wieder rein – und ab wann ist das der Fall? Bei der sozialen Rentierlichkeit geht es um die Frage: Was hat die Gesellschaft von der Arbeit der Kirche?

Die Untersuchung wurde vom „National Office of the Protestant Church in the Netherlands“ veranlaßt. Sie basiert auf 33 Interviews mit professionellen kirchlichen Mitarbeitern in 16 protestantischen Gemeinden von Utrecht zu Beginn des Jahres 2004. Dahinter stand die Frage, welche Kosten der Gesellschaft im Jahr 2003 durch die kirchliche Arbeit in Utrecht erspart wurden. Dazu wurde zunächst ein Verzeichnis über die Sozialarbeit in allen Gemeinden und Stiftungen erstellt. Was wird jeweils getan, wie viele Personen sind beteiligt, mit welchem Stundenaufwand im Jahr? Für jede Aktivität wurde ein Preis angesetzt, der dem der Tätigkeiten der staatlichen Einrichtungen für häusliche Pflege entspricht.

Nach dieser Studie haben die Hauptamtlichen und Freiwilligen der beteiligten Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen in Utrecht einen Leistungsumfang erbracht, für den 258 Vollzeitstellen anzurechnen sind. Da in der Studie nur Tätigkeiten gewertet wurden, die sonst von anderen Einrichtungen der Gesellschaft hätten erbracht werden müssen, geht man nur von 136 Vollzeitstellen aus, die auf das Jahr gerechnet einem Wert in Höhe von 8.250.00 EUR entsprechen. Für diese Leistung hat die Protestantische Kirche in Utrecht deutlich weniger aufgewendet, nämlich 3.700.00 EUR. (Die Anrechnung aller 258 Vollzeitstellen würde fast 16.000.000 EUR ergeben.).

Staatliche Stellen waren durch die Unterstützung ausgewählter Aufgaben und durch ihren Beitrag zur Erhaltung kirchlicher Gebäude finanziell beteiligt. Die Studie belegt, daß der Staat bzw. die Gesellschaft dafür einen ansehnlichen Gegenwert erhielt. Es wurde auch deutlich, daß die Mitglieder der Protestantischen Kirche in Utrecht sich nicht nur in kirchlichen oder kirchennahen Organisationen engagieren, sondern aus ihrem Selbstverständnis heraus auch ehrenamtlich in anderen Zusammenhängen. Würde man dies einberechnen, wäre der gesellschaftliche Wert weit höher anzusetzen, wenn man denn – was weder zwingend noch abwegig ist – dieses allgemein-bürgerschaftliche Engagement auf eine christliche Grundhaltung zurückführen will. Soweit die Studie. Ähnliche Untersuchungen gibt es für Apeldorn und Zürich.

Was und wem nützt eine solche Untersuchung?

Der Denkansatz der Fragestellung erlaubt die Anwendung auf alle Arten von bürgerschaftlichem Engagement, vom Verein für Straffälligenhilfe über die Nachbarschaftshilfe, den Kleintierzüchterverein etc. Überall, wo ehrenamtliche, also unvergütete oder lediglich symbolisch honorierte Leistungen erbracht werden, ist die Leistung prinzipiell bezifferbar und kann im nichtfinanzierten Teil von den Leistungserbringern als „Social Return“ angesehen werden. Ob eine solche Ansicht auch von anderen im Einzelfall geteilt wird, sei dahingestellt. Hier kommt es erst dann zum Schwur, wenn die Leistungserbringer finanzielle Unterstützung einfordern. Ähnliche Überlegungen kennen wir beim Thema Familie: Was leisten Familien speziell mit ihrer Kindererziehung für die Gesellschaft und rechtfertigt diese Leistung öffentliche Unterstützung z.B. steuerlicher Art? Ein weites Feld also. Hier soll es hauptsächlich um die Leistung der Kirchen gehen und die Chance, ihren Sozialnutzen zu beziffern, um ihrer schwindenden Bedeutung in der und für die Öffentlichkeit zu begegnen.

Ich will im folgenden von einer idealtypischen begrifflichen Trennung von Gesellschaft, Gemeinschaft und der Organisation/Verwaltung der jeweiligen Gemeinschaft ausgehen (ð Schaubild). Die Organisation/Verwaltung der Gesellschaft ist im Schaubild nicht ausgeführt, dies wäre, je nach Ebene, der Staat, die Kommune oder zwischengeschaltete Ebenen.Was leistet die Kirche

Da es um die Leistung einer Gemeinschaft für die Gesellschaft geht, soll die Gesellschaft definiert sein als die Adressaten, die eine bestimmte Gemeinschaft, hier also die Kirche, als Nutznießer ihrer Leistungen ansieht. Dafür mag es sinnvoll sein, in erster Linie auf der kommunalen Ebene zu bleiben, auch wenn die Verknüpfungen von Kommunen mit höheren Verwaltungsebenen ebenso eine Rolle spielen dürften wie die Tatsache, daß die Leistung einer Gemeinschaft in einer Kommune Auswirkungen haben können auf das landesweite Image, insbesondere wenn diese Gemeinschaft über ihre kommunale Ebene hinaus Teil einer landesweit aufgestellten Gemeinschaft ist.

Es ist weiterhin sinnvoll die Gemeinschaft von ihrer Organisation/Verwaltung getrennt wahrzunehmen, auch wenn die Beziehungen sehr eng sind bzw. sein sollten. Gemeindeleben oder gar die ecclesia invisibilis ist etwas anderes als kirchliche Verwaltung. Dies gilt auch für die Gesellschaft und ihre politische/verwaltungsmäßige Repräsentation.

Diese Trennung der Begriffe erlaubt uns, die Austauschbeziehungen zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft darzustellen. Das Schaubild zeigt lediglich die positiv bewerteten Austauschbeziehungen. Dagegen gerechnet werden müßten möglicherweise negative, wenn z.B. kirchliches Handeln (und sei es nur das einzelner Funktionsträger) skandalisiert wird, wie z.B. bei den Mißbrauchsprozessen gegen kirchliche Funktionsträger oder der jetzt aufgekommenen Diskussion um die Art der Heimerziehung in den kirchlichen Heimen der Nachkriegszeit. Schließlich gibt es über manches kirchliche Handeln keine gesellschaftliche übereinstimmende Bewertung. Die „Selbstverständlichkeit“ der Wertschätzung der Kirchen und ihrer Funktion für die Gesellschaft ist nicht mehr vorhanden, auch wenn „selbstverständlich“ Kirchenvertreter oder Theologen in Ethikausschüsse berufen werden. Der auf massiven Protest gestoßene Versuch der Familienministerin von der Leyen, die Werteerziehung von Kindern zunächst nur mit den Kirchen zu planen, dürfte eindringlich vor Augen geführt haben, wie sich das politische Klima für die Kirchen verändert hat.

Noch einmal die Frage: Was und wem nützt eine solche Untersuchung?

Der gedankliche Ansatz der Studie zeigt, daß man einer Gesellschaft vorrechnen kann, was eine Gemeinschaft, in diesem Fall die Kirche, für das Gemeinwesen leistet. Dies kann die gesellschaftliche Wertschätzung erhalten, wiederherstellen oder steigern, je nach den Umständen. Das kann auch dazu führen, daß die Gesellschaft, vertreten durch ihre politischen Institutionen, der Gemeinschaft Aufgaben anvertraut, Mittel zukommen läßt oder sie sonstwie unterstützt, bzw. in knappen Zeiten wenigstens die Unterstützung nicht oder nur maßvoll kürzt, weil sie weiß, was sie verlieren würde. Dabei geht es nicht nur um benennbare materielle Unterstützung, sondern auch um Wertschätzung, die im Ernstnehmen kirchlicher Positionen im gesellschaftlichen Diskurs zum Ausdruck kommt, und damit um den Einfluß der Kirche. Soweit die Außenwirkung.

Nach innen nützt die Studie für ein Ranking: Welche Gemeinschaft/Gemeinde bringt die meiste Leistung für die Gesellschaft, wenn denn dies als wesentliches Ziel der Gemeinschaft angesehen wird; Stichwort: Kirche für andere. Bei der Vorstellung der Studie zeigte van Sar einen Unterschied zwischen den Leistungen der Kirche in Utrecht und Den Haag auf. In Utrecht sei die Kirche eine eher bürgerliche Mittelstandskirche, während die Kirche in Den Haag durch einen hohen Migrantenanteil geprägt sei und die dortigen Gemeinden viel Arbeit für Integration und Selbstfindung leisteten. Das ergebe einen deutlich höheren Wert für die Gesellschaft. In Utrecht sind es nach van Sars Unterlagen umgerechnet pro Kopf der Gemeindemitglieder 330 EUR, in Den Haag 729 EUR. Nun können solche Ergebnisse zu Hochmut führen, können aber auch Ansporn für gesellschaftlich nützliche Gemeindeaktivitäten sein.

Wie kann man den Ansatz der Studie auf deutsche Verhältnisse übertragen?

Nach mündlicher Mitteilung van Sars bietet die holländische Kirche nicht in der Weise marktfähige Leistungen an, wie das die deutschen Kirchen tun, z.B. mit den Kindergärten. Das macht die Vergleichbarkeit schwierig, weil offenbar eine deutliche Anzahl nicht-professio­neller Freiwilliger in die Rechnung eingegangen ist, und das zu Marktpreisen für Professionelle. Die holländischen Kirchen erhalten nach Auskunft van Sars keine Kirchensteuer, sondern erhalten sich hauptsächlich über freiwillige Leistungen finanzieller Art und durch freiwillige Mitarbeit. Die staatliche Unterstützung für kirchliche Leistungen beläuft sich für den Einzugsbereich der Studie auf 124.000 EUR.

Diese Bedingungen dürften zu einer im Vergleich zu Deutschland eher geringen Anzahl professionell Ausgebildeter führen. Bei allem Respekt vor bürgerschaftlichem Engagement könnte dies die Anerkennung der Leistungen durch Außenstehende schmälern.

Die Austauschbeziehungen zwischen Gesellschaft, Kirche und Gemeinschaft der Kirchenmitglieder

Nun ein Blick auf das Schaubild; wie gesagt, eine idealtypische Darstellung. Außerhalb des Kirchengebäudes sieht man die Gesellschaft, im Kirchenschiff die Gemeinschaft der Kirchenmitglieder. Im Turm schließlich die Organisation Kirche, wie sie als „Dachmarke“ von allen wahrgenommen wird, die nicht zwischen der Kirche (meist auch nicht zwischen der evangelischen und der katholischen, und schon gar nicht zwischen den „Landeskirchen“) und ihren in irgendeiner Weise verbandelten Sozialdiensten oder sonstigen „Werken“ unterscheiden. Es gehört zu den Besonderheiten von Kirche, kein Markenbewußtsein entwickelt zu haben, auch keine koordinierte Markenpflege zu betreiben, und nicht wahrzunehmen, daß – insbesondere bei Negativereignissen – sie von der öffentlichen Meinung haftbar gemacht wird, wie wenn sie als geschlossener Konzern mit einheitlichem Branding auftreten würde.

Interessant sind die Austauschbeziehungen zwischen den drei Einheiten. Im Unterschied zur holländischen Studie differenziert das Schaubild nach Leistungen für die Gesellschaft und Leistungen für Kirchen- bzw. Gemeindemitglieder, dazwischen als organisatorisches Bindeglied die Institution(en) der Kirche. [2]

Die Leistungen müssen wir hinsichtlich ihrer Marktfähigkeit unterscheiden.

  1. a) bezahlte Dienstleistungen

Der Kindergarten z.B. oder die Sozialstation sind marktfähig. Für ihre Leistungen wird gezahlt, und wo die Kirche solche Leistungen nicht anbietet, tun das andere Marktteilnehmer – zu vergleichbaren Preisen. Die Preise sind im Außenmarkt der Gesellschaft gleich hoch wie im Binnenmarkt der Gemeinschaft: Nicht-Mitglieder und Mitglieder zahlen denselben Tarif. Teilweise werden diese Leistungen zusätzlich getragen durch Kirchensteuer, Spenden und Mitarbeit aus dem Binnenraum der Gemeinde, oft auch durch Unterstützung durch die öffentliche Hand. Hier sind wir bei allem Nutzen für die Gesellschaft insgesamt im normalen Marktbereich: Dem Aufwand steht ein realer Return-on-Investment gegenüber, und wenn der nicht reicht, wie vielfach in den Kindergärten, müssen die Kunden mehr zahlen oder Kommune und Gemeinde mehr zuschießen, wenn das Dienstangebot aufrecht erhalten werden soll. Sicherlich könnte man auch in diesem Bereich von einem Social-Return sprechen, hat doch die Gesellschaft einen Nutzen davon, vielleicht sogar in sozial besonders erwünschter Weise. Doch das können viele Anbieter, gleich welcher Waren oder Dienstleistungen für sich beanspruchen, so daß wir es beim Return-on-Investment belassen können. Biblisch gesprochen haben die Kirchen für diesen Teil ihrer Dienstleistungen „ihren Lohn schon dahin.“. Sicherlich ist Matthäus 6, 1/2/5/16 nicht so zu interpretieren, daß die Kirchen kein Geld für ihre Dienstleistungen nehmen dürfen. Es geht bei Matthäus um geheuchelte Frömmigkeit, hier um ein klares Marktangebot kommerzialisierter Nächstenliebe, wenn der Begriff hier überhaupt noch paßt.

  1. b) unbezahlte, weitgehend über Kirchensteuer finanzierte Leistungen

Dann gibt es noch Dienstleistungen, die organisationstypisch, aber nicht marktfähig sind, zumindest nicht außenmarktfähig. Nehmen wir als Beispiel den Gottesdienst. Abgesehen von den wenigen Anlässen, bei denen Staat oder Kommune sich für einen Gottesdienst mit besonderer Öffentlichkeitswirkung engagieren, z. B. bei besonders hervorgehobenen Trauergottes­diensten, ist ein Gottesdienst ein Angebot, das fast ausschließlich von Gemeindemitgliedern wahrgenommen wird. „Schön, daß es so etwas gibt!“ sagt sich vielleicht die wohlmeinende nichtkirchliche Gesellschaft, wäre aber nicht bereit, dafür zu zahlen; im Schaubild als nth = nice to have bezeichnet. Auch die Binnenmarktfähigkeit ist offenbar sehr eingeschränkt: Die meisten Kirchenmitglieder nutzen das Gottesdienstangebot nur selten. Sie bezahlen es mehr oder weniger bewußt mit ihrer Kirchensteuer; doch die Frage darf erlaubt sein, ob sie, wenn man ihnen eine Vollkostenrechnung vorlegen und die Möglichkeit geben würde, ihre Steuer zu steuern, ob sie dann das Gottesdienstangebot im bisherigen Umfang mitbezahlen wollen würden. Wenn wir uns das Glockenläuten anschauen, so werden es wohl manche nicht als nice to have einstufen, sondern als störend, auch wenn sie wüßten, daß hier die öffentliche Hand in vielen Fällen mitfinanziert. [3]

Wert und Nutzen kirchlicher Arbeit

Den gesellschaftlichen Nutzen, den Social-Return mancher kirchlicher Dienstleistungen müßte man erst erheben, und das gilt auch für den binnenkirchlich-gemeinschaftlichen Nutzen. So können wir nur von der Annahme ausgehen, daß der gesellschaftliche Nutzen in nicht bemessenem Umfang auch von der Gesellschaft wahrgenommen und mit Wertschätzung (Anerkennung/Ansehen) für die Kirche bezahlt wird, so daß eine gesellschaftliche Diskussion darüber unterbleibt, ob die Zuwendungen des Staates an die Kirchen und eine de facto immer noch zugebilligte Privilegierung toleriert werden können. Auch innerhalb der Gemeinschaft der Kirchensteuerzahler wird der Marktwert der Kirche neben den finanziellen Zuwendungen durch Anerkennung ihrer Leistungen, ja sogar ihres bloßen Daseins honoriert. Auch in diesem Bereich ist, denke ich, die von Matthäus geforderte Bescheidenheit unangebracht, denn in einem kirchensteuerfinanzierten System mit vielfältiger staatlicher Unterstützung ist es wichtig, zeigen zu können, was die Kirche für ihre Steuerpflichtigen tut, und darüber hinaus für die Gesellschaft.

Noch ein kurzer Blick auf den „Wert“ der Leistungen, die in diese Gruppe gehören: Bei den Leistungen, für die am Ausgang gesammelt wird, haben wir eine meßbare Kontrolle. Keine Kirchengemeinde wird kostenfreie Kirchenkonzerte anbieten (für hochrangige wird ohnehin Eintritt erhoben), wenn sie sich auf Dauer nicht weitgehend selber tragen oder aber erkennbar von der Gemeinde geschätzt werden. Doch wie steht es mit den anderen Leistungen? Hierzu müßten per Umfrage weitere Daten erhoben werden, die man realistischerweise an die Bereitschaft von Beiträgen zusätzlich zur Kirchensteuer koppeln müßte mit der fiktiven Fragestellung: Wir können diesen Dienst aus Kostengründen nicht mehr garantieren. Wieviel wären sie bereit, dafür zu zahlen oder zu spenden? Ein solcher Ansatz würde ermöglichen, die kirchlichen Angebote mit den Erwartungen ihrer Mitglieder auch finanziell zu korrelieren. Manche Leistungen dürften sich dabei als „binnenmarktfähig“ herausstellen, d.h. die Mitglieder, die solche Leistungen erwarten, finden ihre Kirchensteuer gut angelegt und wären bereit, dafür sogar zusätzliche Beiträge zu entrichten. Allerdings wäre eine Vollkostenrechnung für die jeweils erfragte Leistung zu präsentieren, damit die befragten Kirchenmitglieder auch erkennen können, vor welchem finanziellen Hintergrund sie ihre Auswahl treffen. [4]

Wo bleibt das Herz?

Nun sollte die Tatsache, daß die Kirchen in Deutschland ihre Leistungen teilweise zum Marktwert bezahlt bekommen, teilweise durch Kirchensteuermittel finanzieren, nicht überdecken, daß sich viele Menschen in den Kirchen ohne Entgelt durch Spenden und Arbeitseinsatz engagieren und oft nicht einmal Kostenersatz verlangen. Sie sehen – wie die Goldmarie im Märchen – was zu tun nötig ist und tun es ohne Hintergedanken auf irdische oder himmlische Belohnung. Wie mögen sie reagieren, wenn die Kirche der Gesellschaft vorrechnet, was ihre Arbeit in Geld umgerechnet wert ist? Diese Frage stellt sich generell beim freiwilligen Engagement. Es geschieht selten für die Institution, sondern für die Menschen. In den Kirchen mag das noch teilweise anders sein. Doch sollten die Institutionen und auch die Kirchen sich wohl besser mit ihrer Rolle als Vermittler bescheiden und deutlich machen, wer ihre Dienstleistungen durch Mitarbeit und Geld erbringt: Es ist nicht „die Kirche“, es sind ihre engagierten Mitglieder, und sie tun es „van Harte“. Das sollte man herausstellen, und es sollte anerkannt werden, auch in nackten Zahlen.

[1] Jaap van der Sar, Van Harte, Utrecht 2004, Publication of the translation: Utrecht, 2006, Translation: Jaap van der Sar, Editing translation: Timo McGregor, Publisher: Stichting Oikos, Postbus 19170, NL – 3501 DD Utrecht, Tel + 31 (0)30 2361 500, www.stichtingoikos.nl

[2] Idealtypische Darstellungen wirken angesichts einer komplexen Realität immer etwas steril. So bleibt bei einer solchen Darstellung unberücksichtigt, daß immer noch rund 2/3 unserer Gesellschaft einer der beiden großen Kirchen angehören, sich also die Teilmengen der Gemeinschaft der Kirchenmitglieder und der Gesellschaft stark überschneiden. Dennoch fördert solch ein Versuch die begriffliche Klarheit.

Im Einzugsbereich der holländischen Studie sind übrigens lediglich rund 9% Mitglied der Protestantischen Kirche, so daß die Gegenüberstellung von Kirche und Gesellschaft eher einleuchtet.

[3] Die hier aufgeführten Beispiele sind sehr plakativ und die Klassifizierung nice to have ist sicherlich etwas salopp. Van Sar beschreibt in seiner Studie den gesellschaftlichen Nutzen der Kirche durchaus differenziert. Dies können auch die Kirchen in Deutschland für sich in Anspruch nehmen. Doch stellt sich mancher angesichts allseitigen Kostendrucks verschärft die Frage, was den realen „Mehrwert“ ausmacht, den er für sein Geld bekommt. Damit sind nicht alle, aber einige nice-to-have-Dinge gestrichen. Sie müssen jedoch besonders nice sein, wenn man dafür Geld ausgeben will. Hier wäre eine Diskussion über die diversen Marktnischen diverser Anbieter zu eröffnen und die besondere Marktposition der Kirchen und ihrer Leistungen zu beleuchten, was dieser Artikel nicht leisten kann, aber eine Anregung dazu geben will.

[4] Dies ist eine vereinfachte Darstellung. Ein brauchbares Interview müßte tiefer schürfen. Um die Befragten entscheidungsfähig zu machen, müßte man neben die Kosten einer Dienstleistung auch ihren Nutzen stellen und nicht nur nach der Bereitschaft zusätzlicher finanzieller Beiträge fragen, sondern auch, ob man seine Kirchensteuer für die erfragte Dienstleistung gut verwendet sieht. Nicht überall dürfte der Nutzen so leicht einsehbar sein, wie bei der Telefonseelsorge, die gewiß die meisten mitfinanzieren wollen, auch wenn sie sie wohl nie zu nutzen gedenken. Auch müßte man den hier gemachten Unterschied zwischen „Außenmarkt“ und „Binnenmarkt“ verdeutlichen. Der Wert eines Kirchenchores dürfte in den meisten Fällen für den Außenmarkt gering sein und darf nicht unter diesem Aspekt bewertet werden. Wenn man jedoch den Nutzen für die Gemeinde vor Augen führt, wird manches Gemeindemitglied die dafür aufgewandten Kosten billigen, obwohl es nicht beabsichtigt, den Chor im Gottesdienst zu erleben.

Allerdings müßte man den Befragten eine begrenzte virtuelle Geldmenge vorgeben, damit die tatsächliche Begrenztheit der Mittel deutlich wird. Sonst „bestellen“ sie nach dem Motto nice-to-have alles, was sie ganz nett finden – und lassen die Kirche nicht nur über ihre Verhältnisse leben, sondern auch völlig am Markt vorbei.

Für mich waren diese Erfahrungen ein Beispiel dafür, wie Kirche nicht sein sollte.

Posted in Kinder, Kinderrechte, Kindeswohl, Kirche, kirchen, Pädagogik, Uncategorized by dierkschaefer on 19. Januar 2016

»Frage: Bei Missbrauch steht meistens die katholische Kirche im Fokus. Sie wurden im evangelischen Windsbacher Knabenchor drangsaliert.

Andreas Ebert: Gegen die Vorkommnisse in Regensburg war das in Windsbach vergleichs­weise harmlos. Dort ist mir kein Fall sexuellen Missbrauchs bekannt. Doch es gab auch bei uns ein System der Gewalt. Delinquenten wurden vom Internatsleiter übers Knie gelegt und mit der Peitsche behandelt. Sein Nachfolger hat im Jähzorn brutal zugeschlagen. Unser Chor­leiter wandte selten körperliche Gewalt an. Das lief vor allem auf der psychischen Ebene ab. Für ihn waren wir “Stimmmaterial”. Wenn wir versagten, wurden wir erniedrigt.

Frage: Sie wurden geschlagen?

Ebert: Ich habe im Gegensatz zu anderen von einem Lehrer höchstens mal eine Ohrfeige gekriegt. Die körperliche Gewalt war unter den Schülern wesentlich schlimmer – und sie wurde von oben geduldet und durchgegeben. Es war ein perfides System. Die 15-Jährigen wurden zu Gruppenleitern in den großen Schlafsälen und hatten sechs bis sieben Jüngere unter sich. Wenn einer geschwätzt hat, musste er antreten, die Hände an die Hosennaht, Augen zu, bis zehn zählen. Ob er eine geklebt bekam oder nicht, war reine Willkür. Da hat man sich nicht beschwert.

Frage: Sie sind trotz Missbrauchsgeschichte Pfarrer geworden.«

http://www.zeit.de/2016/03/missbrauch-windsbacher-knabenchor-kirche-verzeihen/komplettansicht

»Hass ist eine menschliche Emotion scharfer und anhaltender Antipathie.«

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kirche, Kriminalität, Leben, Moral, Psychologie, Täter, Theologie, Uncategorized by dierkschaefer on 14. Januar 2016

»Ausgehend von der Fähigkeit zu intensiven negativen Gefühlen wird der Begriff auch im übertragenen Sinne verwendet und steht allgemein für die stärkste Form der Abwendung, Verachtung und Abneigung. Die Motive des Hassenden können teils unbewusst sein, lassen sich in der Regel jedoch bewusst machen.

Hass entsteht, wenn tiefe und lang andauernde Verletzungen nicht abgewehrt und/oder bestraft werden können. Hass ist somit eine Kombination aus Vernunft und Gefühl. Die Vernunft ruft nach dem Ende der Verletzung und nach einer Bestrafung des Quälenden. Laut Meyers Kleines Lexikon Psychologie ist das Gefühl des Hasses oft mit dem Wunsch verbunden, den Gehassten zu vernichten. Das Gefühl des Hassenden ist das des Ausgeliefertseins, der Gefangenschaft, der Wehrlosigkeit.«[1]

Auf meinen Blog-Beitrag zu den reißenden Wölfen[2] gab es Kommentare, auf die einzugehen ist. Es geht um Hass. Ich hatte geschrieben, dass Opfer ein Recht haben, ihre Peiniger zu hassen. Sie müssen sich nicht dem gesellschaftlichen Druck beugen, die vergangenen Erlebnisse „doch nun endlich“ ruhen zu lassen, oder gar zu vergeben.

Frau Tkocz fragt sich, »wann Hass aufhört, ob er tatsächlich aufhört, wenn seitens Tätern die Verbrechen anerkannt werden, eine finanzielle Entschädigung zur Zufriedenheit der Opfer gezahlt wird.« Hass kann sehr beständig und dauerhaft sein. Niemand hat ein Recht, dem Opfer den Hass auszureden oder zu verbieten. Er ist auch nicht abkaufbar.

Aber: Hass macht blind. Und er vergiftet das Leben,[3] auch wenn er zutiefst befriedigen mag.

Vom Hass sollte man die rücksichtslose Einforderung von Entschädigungen unterscheiden. Herr Kronschnabel hat das erfolgreich getan. Sein Hass, in diesem Fall eher seine grenzenlose Verachtung seiner Verhandlungspartner hat sie gefügig gemacht. Warum? Nun, sie waren von diesem Ton und dieser Härte überrumpelt. Erlaubte Aggression geht bei Kirchens von hinten durch die Brust ins Auge[4], nie direkt, das ist verpönt, wir sind ja alle Brüder, neuerdings Geschwister. Wer auftritt, wie Herr Kronschnabel, schafft eine peinliche Situation, insbesondere wenn er in der Sache recht hat. Die Peinlichkeit beendet man, indem man zahlt. Herrn Kronschnabel ist nichts peinlich und es ist ihm gleichgültig, was seine Gesprächspartner von ihm denken. Der Erfolg gibt ihm Recht – und die Rechtsnachfolger der Kinderschinder haben es nicht anders verdient, denn sie wollen sich um die Folgekosten drücken und waren am großen Betrug am Runden Tisch maßgeblich beteiligt. Diese Verhandlungsmethode mag hass-motiviert sein, ich nenne sie eher psychologische Kriegführung. Den bad-cop muss man spielen können.

Bei Herrn Kronschnabel handelt es sich um Hass, und er hat ein Recht darauf.

Dennoch darf ich darauf hinweisen, dass Hass blind macht, auch ihn. Er schreibt selber:

»Mag Hass den Blick für Vieles versperren« und gibt den Beleg:

Der einzelne Gläubige gehe ihn zwar nichts an, der sei nicht sein Feind, »aber er hat mein Mitleid«, also seine Verachtung. Warum? »Denn er ist zu schwach, um ohne diese Märchenfigur Gott zu leben.« Neben die Verachtung tritt die Blindheit.

Er weiß nichts von Märchen. Märchen sind zu Geschichten geronnene Volksweisheit, oft über menschliche Grundbedingungen. Man nehme als Beispiel nur Dornröschen[5]. Es gibt auch fürchterliche Märchen, die Vorurteile transportieren[6], richtige Hackepetergeschichten[7] oder auch pädagogische Märchen[8]. »Märchenbücher sind oft amüsant zu lesen«, schreibt Herr Kronschnabel. Wenn ich ihn nicht falsch interpretiere, hält er sie für überflüssig, wenigstens nicht ernstzunehmen. Da liegt er falsch.

Gott ist für ihn eine Märchenfigur. Auch da liegt er falsch. Gott kommt zwar auch in den Märchen vor und die „sozialistischen“ Staaten hielten es für wichtig, ihn aus den Märchen zu verbannen. Doch Gott ist größer, auch wenn er, so wie er in der Bibel dargestellt wird, problematisch ist. Herr Kronschnabel sieht nicht, dass es in der Bibel eine Reihe von Gottesvorstellungen gibt.[9] Für ihn ist Gott nicht greifbar – und genau das gehört zur „Natur“ Gottes. Gott ist nicht nur eine über Jahrhunderte entwickelte theologische Konstruktion, sondern sie bewirkt auch etwas, kann „Berge versetzen“. Falsch verstanden bewirkt sie auch die Demütigung von Kindern und erwachsenen Menschen, wird zur Ausbeutung benutzt, und zum Betrug. Das muss man den ehemaligen Heimkindern nicht erst sagen. Es geht hier und darf es nicht gehen, um eine Aufrechnung von guten und bösen Auswirkungen. Doch wenn Herr Kronschnabel schreibt: »Ich nenne Ihnen auch die Gründe für meinen Hass auf die Firma Kirche[10]: Es änderte sich seit 2 Jahrtausenden NICHTS, in deren Läden wird weiterhin lustig geschändet und geprügelt«, dann entwirft er ein Zerrbild, weil ihn der Hass blind gemacht hat. Was er schreibt, stimmt nicht, nicht in dieser Pauschalität. Fast allen meiner Kollegen wird damit Unrecht getan, auch wenn das Thema der ehemaligen Heimkinder in kirchlichen Einrichtungen und besonders des sexuellen Missbrauchs unbequem ist. Davon könnte auch ich ein Lied singen.

Im Buch, das ich rezensieren will, fand ich mich wieder:

»Wer aus der oft vorhandenen Ausgrenzung der Opfer und der vermeintlichen Gleich­gül­tigkeit ihnen gegenüber ausschert und sich an ihrer Seite positioniert, riskiert die Ausgrenzung aus seiner Gruppe. Die Gruppe ist sich einig darin, dass Gleichgültigkeit oder aggressive Abwehr gegenüber den Opfern ein angemessener Umgang mit ihnen ist. Die Ausgrenzung der Seelsorger/innen kann offen ausgesprochen werden als ver­ächtliche Äußerung über „die“ Opfer. Häufiger wird sie sich in einer unausgespro­chen abwehrenden Atmosphäre äußern: Niemand unter den Kolleg/innen fragt nach, wie sich die Arbeit mit Missbrauchsopfern gestaltet; niemand will von den Belastun­gen, aber auch der tiefen Freude in der seelsorglichen Begleitung von Missbrauchsop­fern hören. Dieser Arbeitsbereich wird aus dem Gespräch einfach ausgeklammert.«

Na und?, kann ich da nur sagen. Damit kann ich leben.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Hass

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/07/in-wirklichkeit-aber-sind-sie-reissende-woelfe/

[3] http://www.lebenshilfe-abc.de/hass.html

[4] http://universal_lexikon.deacademic.com/316646/Von_hinten_durch_die_Brust_%28ins_Auge%29

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Dornr%C3%B6schen#Interpretation

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Jude_im_Dorn

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Fitchers_Vogel

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_alte_Gro%C3%9Fvater_und_der_Enkel                Das Märchen ist so oberflächlich, dass es keiner Interpretation bedarf.

[9] Das wird er nicht wissen können, denn darauf wird in der Kirche kaum hingewiesen.

[10] Wie steht es mit dem Hass auf die staatlichen Einrichtungen und deren Rechtsnachfolgern?

In Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe

Wer auch nur einmal mit Herrn Focke gesprochen hat, der weiß, dass Kirchenleute mit ihm überfordert sind, unabhängig davon, dass die Kirche, also ihre Funktionäre schon mit der Vergangenheit von Herrn Focke und vieler anderer ehemaliger Heimkinder ihre Probleme haben. Doch all diese Probleme sind sozusagen hausgemacht. In diesen Fällen „heimgemacht“: in Heim-Einrichtungen, die wohl kirchlich waren, aber nicht christlich.

Herr Focke sagt: „Ich bin nicht kriminell, die Kirche hat mich zum Verbrecher gemacht.“[1] Ihm fehlt die Demutshaltung, die wir auf manchen Darstellungen des Bettlers zu Füßen des Rosses von St. Martin sehen: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/13191981175/ . Man hat sich zwar die hochmütig-stolze Pose mancher St. Martinsdarstellungen abgewöhnt https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8239345614/ . Bischof Ackermann hat sich sogar auf den Boden geworfen und stellvertretend die Sünde der Kirche bekannt. Doch das blieb alles im rituellen Rahmen. Herr Focke fällt aus dem Rahmen, er ist ausfallend – und er hat das Recht dazu. Herr Focke ist die Frucht kirchlicher Erziehung.

Über Früchte lesen wir in der Bergpredigt: Matthäus 7, 15-23

15 Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie (harmlose) Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe. 16 An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Erntet man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? 17 Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte. 18 Ein guter Baum kann keine schlechten Früchte hervorbringen und ein schlechter Baum keine guten. 19 Jeder Baum, der keine guten Früchte hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. 20 An ihren Früchten also werdet ihr sie erkennen. 21 Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. 22 Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? 23 Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes!

 

[1] http://www.volksfreund.de/nachrichten/region/wittlich/aktuell/Heute-in-der-Wittlicher-Zeitung-Herr-Focke-und-die-dunkle-Seite-der-Kirche-Ex-Heimkind-berichtet-von-Gewalt-Vergewaltigung-und-Ausbeutung;art8137,4407166

 

Für die Justiz ist es frustrierend, wenn Einigungen außerhalb des Rechts getroffen werden.

Posted in Gesellschaft, Justiz, Kirche, Religion, Uncategorized by dierkschaefer on 1. Dezember 2015

Wer „Die Richter Gottes – Die geheimen Prozesse der Kirche“[1] gesehen hat, muss diese Einschätzung, nur frustrierend, für pure Untertreibung halten.[2] Der Umgang der – in diesem Fall – katholischen Kirche ist empörend. Sie entzieht wie dokumentiert einen Straftäter der Justiz des Staates. Ein vielfacher Missbraucher kommt glimpflich davon.

„Ehrengerichte“ und Schiedsgerichtsbarkeit gibt es auch in anderen Branchen und Bereichen. Für Beamte ist fallweise ein Disziplinarverfahren mit Konsequenzen verbunden, die gravierender sind als das Urteil im vorausgegangenen Gerichtsprozess.

Man muss also genauer hinschauen. »Es gebe keine Gründe von Verfassungsrang, die ein „globales Verbot“ von religiöser Schiedsgerichtsbarkeit rechtfertigten. Vielmehr sei im Einzelfall darzulegen, dass tatsächlich Strafgesetze verletzt oder Grundrechte negiert würden. Oder es müsse nachgewiesen werden, dass Betroffene sich nicht wirklich freiwillig einem geistlichen Gericht unterworfen hätten.«[3]

 

Bleiben wir zunächst beim ersten Teil der Aussage. Kirchliche Gerichtsbarkeit ist grundgesetzlich pauschal verankert: Art. 137, (3) Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb. Sie verleiht ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde. Da steht nichts von der Mitwirkungspflicht bei staatlich erforderlicher Strafverfolgung. Missbrauch ist allerdings ein „Offizialdelikt“[4]. Bewegen sich die „Richter Gottes“ in diesem Fall noch innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes? Eine Anzeigepflicht gibt es für solche Fälle nicht.[5] Allerdings sollte eine Körperschaft öffentlichen Rechts sich nicht der Strafvereitelung[6] schuldig machen. Hier sind Konsequenzen erforderlich. Doch wo bleibt der Ankläger?

 

Der fehlt auch beim Thema der Freiwilligkeit, sich einem kirchlichen Gerichtsverfahren zu stellen. Der Fernsehbeitrag über die Richter Gottes arbeitet mit zwei gegensätzlichen Fallgruppen. Einerseits das Vertuschungsverfahren zum Schutz des Ansehens der Kirche, der auch ein Schutz des Täters ist. Andererseits werden die Verfahren gezeigt, denen sich kirchlich Bedienstete unterwerfen. Sie leben im Konkubinat, einer kirchlich nicht anerkannten Ehe. Dies führt zur Kündigung, es sei denn, die erste erste Ehe wird „annulliert“, für nicht stattgefunden erklärt. Dafür gibt es ein umfangreiches Verfahren vor dem Kirchengericht, bei dem die Antragsteller sich auch hochnotpeinlichen Fragen stellen müssen, Fragen auch, die bei einem weltlichen Gericht nicht zugelassen wären. Gewiss, sie selber haben das Verfahren beantragt. Doch war das freiwillig? Ihr Job hängt davon ab. Der Job ist häufig einer, in dem die Kirche am Markt übergroß vertreten ist, also Marktmacht hat. Finanziert werden diese Jobs allerdings überwiegend mit öffentlichen Geldern, dazu zähle ich auch Gelder von Krankenversicherungen.

Mir fehlt in beiden Fällen der öffentliche Aufschrei vonseiten der im Staat Verantwortlichen, und die Konsequenzen, die zu ziehen sind, wenn man Parallelwelten wenigstens rechtlich in die Welt unseres Grundgesetzes einbinden will.

An anderer, vergleichbarer Stelle haben wir einen solchen Aufschrei. Da geht es um die Parallelwelt islamischen Rechts. Es geht um „Friedensrichter“ auch „Scharia-Richter“ genannt. »Für die Justiz ist es frustrierend, wenn Einigungen außerhalb des Rechts getroffen werden. …islamische Paralleljustiz [gefährde] unseren Rechtsstaat«[7]. »In den meisten deutschen Großstädten seien einzelne Stadtviertel „dem Rechts- und Gewaltmonopol des Staates schon abhanden gekommen“«[8] heißt es in Blick auf die Vermittler nach muslimischem Recht.

Ja, da werden Täter der Strafjustiz entzogen[9], was ja auch nicht haltbar sein sollte. Ohne dieser Paralleljustiz das Wort reden zu wollen: In unserem Rechtssystem spielt das Opfer einer Straftat nur die Rolle des Zeugen. Es wird vom Gericht gebraucht und benutzt, um den Strafanspruch des Staates durchzusetzen. Es mag sein, dass ein Urteil das Rechtsempfinden auch des Opfers befriedet, vielleicht sogar Rachegedanken befriedigt. Doch ansonsten geht es leer aus: Täter im Knast, Opfer allein auf sich gestellt.

Das sieht bei den Friedensrichtern anders aus: »dann kommt es dazu, dass in der Regel eine Kompensation bezahlt wird, zwischen Zehn- bis Vierzigtausend Euro, je nach Schwere der Verletzung – da gibt es richtige Taxen in diesem Markt. Und dann ist die Geschäftsgrundlage aller dieser Schlichtungen, dass das Opfer seine Aussagen im weiteren Verlauf des Prozesses, insbesondere in der Hauptverhandlung, entweder nicht wiederholt, sich nicht erinnern kann, oder aber Verletzungen bagatellisiert.«[10]

 

Wer Paralleljustiz beseitigen will, sollte auch den Opfern geben, was ihnen zusteht. Die muslimische Justiz scheint mir in diesem Punkt menschlicher als die der katholischen Kirche.

 

 

[1] http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Die-Story-im-Ersten-Richter-Gottes-Die/Das-Erste/Video?documentId=31942350&bcastId=799280

[2] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-05/friedensrichter-islam-justiz/komplettansicht

[3] https://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2012/okt/PM_Muslimische_Friedensrichter_lassen_sich_nicht_verbieten.html

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Offizialdelikt_%28Deutschland%29

[5] Anzeigepflicht bezeichnet … die Pflicht zur Anzeige von bestimmten Verbrechen …. Nach § 138 StGB kann bestraft werden, wer von dem Vorhaben oder der Ausführung von Landesverrat, Mord, Totschlag, Raub und Menschenraub oder eines gemeingefährlichen Verbrechens glaubhaft Kenntnis hat und dies nicht anzeigt. Diese Kenntnis muss zu einer Zeit erfolgt sein, in der die Verhütung des Verbrechens möglich ist. https://de.wikipedia.org/wiki/Anzeigepflicht

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Strafvereitelung

[7] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-05/friedensrichter-islam-justiz/komplettansicht

[8] http://www.fnp.de/rhein-main/Muslimische-Friedensrichter-unterlaufen-Hessens-Justiz;art801,828049

[9] http://www.deutschlandfunk.de/muslimische-friedensrichter-zwischen-scharia-und-deutschem.1310.de.html?dram:article_id=194485

[10] http://www.deutschlandfunk.de/muslimische-friedensrichter-zwischen-scharia-und-deutschem.1310.de.html?dram:article_id=194485

Betreuungsrecht hebelt Eheversprechen aus

Posted in BRD, Ethik, Kirche, Recht, Staat, Theologie by dierkschaefer on 10. November 2015

„In Freud und Leid – bis dass der Tod uns scheidet“? Pustekuchen. Das Betreuungsgericht nimmt uns die Verantwortung ab.

Das Seniorenmagazin stellt einen Fall vor.[1]

Ein 85-jähriger Pensionär erlitt »an einem Wo­chenende einen Schlagan­fall. Ganz selbst­verständ­lich begehrte die Ehefrau vom behandelnden Arzt Auskunft über die Folge der Erkrankung. Sie bat den Arzt, den Willen ihres Mannes, keinen operativen Eingriff vorzunehmen, zu respektieren.

Da sie weder eine Patien­tenverfügung noch eine Vorsorgevollmacht vorwei­sen konnte, erteilte der Arzt ihr weder Auskunft noch entsprach er dem Wunsch nach Unterlassen ärztlicher Eingriffe. Er ver­langte die Vorlage einer Entscheidung des Betreu­ungsgerichtes. Das Betreu­ungsgericht aber lehnte die 83-jährige Ehefrau als Betreuerin mit der Begrün­dung ab, sie sei wegen ih­res hohen Alters „ungeeig­net“ für die Übernahme dieser Aufgabe. Es setzte stattdessen einen Behör­den- beziehungsweise Be­rufsbetreuer ein. Eine Ent­scheidung, die für die Ehe­frau nach fast 60-jähriger Ehe und für ihre Familie unfassbar war. Die Folge war eine über Monate an­dauernde rechtliche wie verbale Auseinanderset­zung mit Gericht und Be­treuer.

Die Ehefrau war davon ausgegangen, dass die nach Art. 6 Grundgesetz unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung stehende Ehe und Familie die gegenseiti­ge Fürsorge ausdrücklich umfasse. In der Auseinan­dersetzung mit dem Ge­richt berief sie sich auf § 1353 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB), wo­nach Eheleute einander zur ehelichen Lebensgemein­schaft verpflichtet sind; sie tragen füreinander Verant­wortung.«

Der Autor zieht das Fazit, dass der Normalfall offenbar nicht das Vertrauen auf die Ange­hörigen ist , sondern das Misstrauen. Liege keine entsprechende Vollmacht vor, werde das seinen Grund haben, nämlich dann – so die Unterstellung – sei das ein Misstrauensbeleg.

Fazit der betroffenen Frau nach der monate­langen Auseinanderset­zung: »„Man hat mit dem Betreuungsrecht die ,Ent­mündigung der Betroffe­nen’ nach altem Recht be­seitigt, gleichzeitig aber die Angehörigen entmün­digt“. Sie vertritt die Auf­fassung: „Fehlt eine schriftliche Willenserklä­rung, könne unterstellt werden, dass es der vor­rangige Wille des Ehepart­ners beziehungsweise der Kinder ist, dass eine Be­treuung durch die engsten Familienmitglieder ausge­übt wird“.«

Das Seniorenmagazin schlussfolgert: »Das geltende Recht schließt eine automatische gesetzliche Vertretung, ei­ne Handlungsvollmacht zwischen Ehepartnern oder mit Kindern aus. Nach Bekundung vieler unserer Mitglieder ist der Grund­satz: „Ohne Vollmacht kei­ne Vertretung“ eine Fehlinterpretation der Grund­rechtslage. Der Umkehr­schluss sollte gelten: Nur eine Vollmacht ändert den Automatismus. Es ist zu fordern, dass im Fall der Geschäftsunfähig­keit beziehungsweise der Unfähigkeit, seinen Willen frei zu äußern beziehungs­weise danach zu handeln, der noch handlungsfähige Ehepartner beziehungs­weise die Kinder durch das Eheversprechen oder infol­ge der Blutsverwandt­schaft automatisch eine rechtsgültige Vertretungsbefugnis erhalten. Nur im Falle einer abweichenden Willenserklärung sollte diese Erklärung Vorrang haben.«

Diese aufgezeigte Rechtslage betrifft nicht nur die kirchliche Eheschließung[2] mit ihrer besonders deutlichen Verantwortungsformel für Ehepaare, sondern auch alle Ehen[3] und darüber hinaus auch die eingetragenen Partnerschaften. Denn all diesen Verbindungen werden staatlicherseits Vorteile eingeräumt mit der berechtigten Vermutung, dass durch die Verant­wor­tungsübernahme dem Staat auch Vorteile erwachsen.

Doch wie es aussieht, ist dabei wohl nur an die finanzielle Mithaftung gedacht.

Unsere Kirchenleitungen sollten schon aus dem Interesse an theologisch begründeter Sozialverantwortung hier Einspruch erheben.

Allerding vertraue ich unseren Kirchenleitungen nicht mehr als den staatlichen Organen. Insofern wird wohl jeder selber tätig werden müssen um die staatlich gewollte Auseinander­dividierung anerkannter Lebensgemeinschaften und damit die Individualisierung ihrer Mit­glieder zu unterlaufen: Man gebe seinen Lieben[4] die Vertretungsvollmacht. Das gilt für alle Lebensalter, denn man kann schon sehr früh durch Unfall oder Krankheit zum Pflegefall werden.

Wer dann nicht durch einen Bürokraten kostenpflichtig vertreten werden will, der beuge vor.

[1] Zitate aus: Dieter Berberich, „Das Anliegen: Die Bedürfnisse aller Betroffenen berücksichtigen – Seniorenverband fordert Änderung im Betreuungsrecht“, in: Seniorenmagazin öffentlicher Dienst Baden-Württemberg, November 2015, S. 4-6

[2] Etwas weltfremd idealisiert, doch theologisch korrekt arbeitet Eberhard Schockenhoff, Professor für Moraltheologie, das grundlegende Füreinander von Lebensgemeinschaften heraus, und schließt dabei alle Lebensgemeinschaften ein, auch homosexuelle, die sich diesem Ideal verpflichtet sehen. Das wird ihm seine Kirche, die katholische, sicherlich übelnehmen.   http://www.thpq.at/2015/quartal_04/339-346%20Schockenhoff%20%28ThPQ%204_2015%29s.pdf

[3] In den säkularen Trauungsansprachen von Standesbeamten wird, wie ich gerade kürzlich wieder Zeuge war, auch darauf abgehoben, dass die Eheleute einander zur ehelichen Lebensgemein­schaft verpflichtet sind und füreinander Verant­wortung tragen.

[4] Wohl jeder kennt Fälle, in denen „die Lieben“ sich nicht als solche erwiesen haben. Erbengemeinschaften sind häufig ein Beispiel für Individual-Egoismus. Doch man achtet dabei – wie auch sonst – auf die negativen Fälle, denn nur die schlechte Nachricht ist eine Nachricht. Das große „normale“ Feld verantwortlichen Verhaltens ist nicht der Rede wert.

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