Dierk Schaefers Blog

Da war die FAZ aber mal großzügig

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Menschenrechte, Politik, Psychologie by dierkschaefer on 7. Juli 2012

Unter „Schwer erträglich“ stellt die FAZ heute frei zugänglich den Artikel von Reinhard Müller ins Netz, so daß ich mir nicht die Mühe machen muß, hier mit vielen Zitaten am Rande der ©-Legalität zu jonglieren. Man kann ihn nachlesen unter http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/urteil-gegen-verena-becker-schwer-ertraeglich-11812512.html [Sonnabend, 7. Juli 2012].

Worum geht es?

Thema ist das Urteil gegen Verena Becker im jüngsten RAF-Terroristenprozeß. Diesem Artikel ist aus meiner Sicht nicht zu widersprechen.

Warum kommentiere ich trotzdem?

Zum einen, doch das nur am Rande, zeigt Müller auf, wie schwierig Beweisführungen in größerem historischem Abstand sind. Was wir aus den Nazi-Verbrecher-Prozessen kennen, zeigt sich auch in der vergleichsweise kurzen Zeitdauer zwischen den RAF-Verbrechen und heute. Das hat auch für die Forderung nach Aufhebung der Verjährung bei sexueller Gewalt Bedeutung. Zwar ist die Forderung gut begründet mit dem Verweis auf die lange Verdrängungs- und Beschweigungsdauer der Opfer. Wer dann schließlich mit entsprechendem Zeitabstand Gerechtigkeit fordert, will sie auch haben, denn das gehört zu seinem Heilungsprozeß. Diesen beiden psychologisch gut zu begründenden Motiven stehen die Probleme entgegen, die bei der Beweisführung auftreten. Ohne DNA-Spuren dürfte die nur selten gelingen. Das Verfahren und sein Ergebnis werden dann schwer erträglich sein, insbesondere für das Opfer.

Wichtiger im FAZ-Artikel erscheint mir jedoch die Terrorismus-Thematik. Dem Autor ist nicht vorzuwerfen, daß er das Phänomen des Staatsterrors nicht erwähnt, denn der war hier nicht Thema. Doch wenn ich die Verbrechen an den Heimkindern betrachte, fällt mir auf, daß die Betrachtung von Terrorismus und Terror einer Ergänzung bedarf.

Was Terrorismus ist, wissen wir alle „so in etwa“, auch wenn es keine anerkannte Definition dafür gibt. Terrorismus, das sind Aufsehen erregende gewalttätige Angriffe auf die Legitimität der herrschenden Ordnung. Die Opfer werden gezielt ausgesucht oder sie treffen beliebig. Terrorismus ist eine Art Kriegserklärung und macht und braucht Schlagzeilen, darum fällt er mehr auf, als der Terror.

Terror hingegen kommt von „oben“, ist staatliche Schreckensherrschaft mit Zugriffen und gewalttätigen Angriffen auf Dissidenten der herrschenden Ordnung. Terror macht – im Inland – keine Schlagzeilen, er wirkt durchs Gerücht.

Von aktuellem Staatsterror wird nur dann offen gesprochen, wenn er in anderen Staaten passiert, mit denen man keine wichtigen wirtschaftlichen oder militärstrategischen Beziehungen unterhält.

In Bezug auf die Heimkinderthematik möchte ich zwar nicht von Staatsterror sprechen, doch den Terror-Begriff um den vom Staat tolerierten „Gesellschaftsterror“ erweitern. Lynchjustiz und Pogrome sind historische Beispiele für Gesellschaftsterror.

Auch die Behandlung der Heimkinder war ein solcher Terror. Hier traf alles zu, was auch den Staatsterror ausmacht:

Das Zusammenspiel von Verwaltung und Justiz ermöglichte die rechtswidrige „Verbringung“ von Kindern und Jugendlichen in Terrorlager. Der Grund: Sie entsprachen nicht den Normalvorstellungen der damaligen Bürgerlichkeit. Sie waren unehelich und unangepaßt. Im politischen Bereich würde man von Dissidenten sprechen. Zuweilen lag  die Zwangseinweisung oft nicht an den Merkmalen der Kinder, sondern die Eltern waren „asozial“. Einige davon allerdings echt kindeswohlgefährdend. Die Kinder und Jugendlichen kamen jedoch sämtlich in rechtsfreie Räume, in denen das Personal weitgehend freie hand hatte, seinen persönlichen, aber gesellschaftlich tolerierten Vorstellungen von Recht und Ordnung mit fast unbegrenzten Zwangsmitteln nachzugehen. Dies ist bekannt und muß hier nicht ausgeführt werden.

Auch das letzte Indiz für Staatsterror ist beim Gesellschaftsterror gegeben: Das Gerücht von der Fürchterlichkeit der Heime wirkte. Man konnte die Kinder und Jugendlichen von „Abwegen“ abschrecken: Wenn du nicht artig bist, kommst du ins Heim! Die Gesellschaft als die Summe der Einzelnen wußte von den Heimen immerhin so viel, daß sie wußte, es war besser, nicht nach Details zu fragen, hat aber bereitwillig den Schrecken als Erziehungshilfe eingesetzt.

Das Heimsystem war ein Terrorsystem, auch wenn es sicherlich Heime und Erzieher gegeben hat, bei denen die Kinder eine Chance für einen guten Start ins Leben hatten. Der rechtsfreie Raum, in dem die Kinder und Jugendlichen aufwuchsen, war von seiner Anlage her Terror, der von einer Vielzahl der „Lagerwärter“ brutal genutzt wurde.

Die Behandlung dieses Terrorkapitels in unserem Rechtsstaat ist, wie die Überschrift des FAZ-Artikels: Schwer erträglich.

PS: Wer mehr über Terror und Terrorismus wissen will: Ich habe eine abschreckend lange und dennoch nicht vollständige Literaturliste anzubieten.

6 Antworten

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  1. E.Kronschnabel said, on 7. Juli 2012 at 12:14

    Ihre Definition von Terror teile ich.

    Das tun Andere aber noch lange nicht. Vor ein paar Wochen forderte ich den zweiten Vorsitzenden des
    Lenkungsausschusses des Fonds Heimerziehung schriftlich dazu auf, den Terror gegen die ehemaligen
    Heimkinder einzustellen.Als gezieltes Terrorinstrument bezeichnete ich Georg Gorrissen gegenüber die
    erneute Vergewaltigung der Ex-Heimkinder durch die Bestimmung der Länder und Kommunen, die Täter-
    nachfolger Jugendämter als Anlaufstellen gewählt zu haben.

    Möglich war das nur dadurch, dass die Marionetten am RTH es abnickten, als die Ländervertreter sich die
    freie Wahl bei der Festlegung der Trägerschaft für die Anlaufstellen ausbedungen haben.

    Diese „Brüder“ und „Schwestern“ sehen ihre Perfidie gegenüber den Ex-Heimkindern natürlich selbst als
    Terrorinstrument, sie dürfen es nur nicht sagen. WEM DAS NÜTZT wissen wir alle.

    Georg Gorrissen antwortete natürlich nicht auf meine Forderung. Der muss ja das Maul halten, er ist ja
    schliesslich Konzessionär der Betrugsfirma Fonds Heimerziehung, Gorrissen betreibt die Anlaufstelle für
    Schleswig Holstein und kassiert also richtig gut ab.

    Der Aktentaschenträger der Diakonie-Schwester Loheide lehnte sich weit aus dem Fenster, als ich seiner
    Firma (ohne Haftung…) Terror vorhielt. Mein Ton gefalle ihm nicht, ich müsse mich nicht wundern, wenn er mir nicht mehr antworte. Ich erklärte ihm, dass ich meinen Ton auf genau die Töne abgestellt hätte, die
    seine Diakonie-Kumpel mit Titel Diakon uns Kindern gegenüber NUR benutzten. Solche Typen empfinden
    weder Scham noch Schuld.

    Terror war die Waffe der Kinderquäler in den Kinder-KZ’s der Diakoniebude
    Stephansstift – und in vielen anderen Heimen auch. Jetzt warte ich darauf, dass einer aus der Nachfolgertruppe zum Staatsanwalt geht und mich wegen Beleidigung anzeigt. NA; DAS WÄRE MAL EIN
    FEST FÜR MEINES VATERS SOHN…..Endlich hätte man die Strolchfirma in der Öffentlichkeit.

  2. siegfried salomon said, on 7. Juli 2012 at 17:04

    E.Kronschnabel ..
    vielen Dank für ihre schonungslose Wortwahl…soviel wahres steckt in ihren worten..
    grad was die eheleute gorrissen betrift…
    die helfen nur wenn was eigenes dabei rausspringt..
    sollen mich auch vor gericht zerren..freu mich genau so..
    kämpfen sie weiter und lassen sie sich nicht übern mund fahren..

    • E.Kronschnabel said, on 7. Juli 2012 at 21:23

      @siegfried salomon

      Ich möchte hier etwas relativieren. Georg Gorrissen war maßgeblich mit daran beteiligt, dass die von mir eingeforderte Fahrtkostenpauschale in Höhe von EUR 250,00 festgeschrieben wurde. Im Lenkungsausschuss
      gab es Personen, die es billiger haben wollten.

      Gorrissen ist Teil der Gegnerschaft der ehemaligen Heimkinder, aber ich schätze ihn so ein, dass er keine
      persönlichen Aversionen ausspielt.

      Kämpfen ja, unfähr kämpfen NEIN. Ich schreibe, wie mir das Maul gewachsen ist, aber ich diskreditiere einen
      Mann wie Georg Gorrissen nicht persönlich. Dafür gab er mir nie einen Anlass. Er ist Konzessionär der Firma
      Fonds Heimerziehung, als solchen greife ich ihn auch schonungslos an. Privat achte ich den Mann wie jeden anderen Menschen auch.

  3. Roswitha Schnabel said, on 7. Juli 2012 at 20:32

    Großartig geschrieben E. Kronschnabel und vielen Dank.

  4. siegfried salomon said, on 8. Juli 2012 at 08:49

    Enthalten meine Worte Beleidigungen?!achten werd ich Menschen die es sich Verdienen und nicht aufgrund ihrer Reputation…was man davon halten kann sieht man ja an einigen…
    ..und wer Menschen wissentlich in´s soziale abseits stellt von dem kann ich einfach keine gute Meinung haben!!

    • E.Kronschnabel said, on 9. Juli 2012 at 10:53

      @siegfried salomon

      Ich habe den Eindruck, dass wir uns falsch verstanden. Meine Relativierung bezieht sich ausschliesslich auf
      MEINE Worte zu Gorrissen. Es gibt Zwänge, denen unterliegt nicht nur ein Gorrissen, sondern auch Sie und ich. Und das wollte ich klarstellen.

      Und was den Begriff Achtung angeht: Ich bin absoluter Gegener der FIRMEN Kirche. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich einzelne Gläubige oder Pastoren missachte. Dieses Beispiel steht für alle Konstellationen.

      Ihre Meinung ist davon nicht betroffen, die will zumindest ich Ihnen nicht nehmen. Ich muss sie aber auch nicht
      teilen.


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