Dierk Schaefers Blog

Wiedergutmachung mit Bordmitteln

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 27. September 2009

Wiedergutmachung mit Bordmitteln

Mit Kopfschütteln lese ich den Pressebericht des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (http://www.domradio.de/bischofskonferenz/artikel_57118.html, gesehen am 25. September 2009).

Dort heißt es u.a.:

Um den Betroffenen noch besser bei der Aufarbeitung und Verarbeitung ihrer Biographie zu helfen, denken wir an einen weiteren Ausbau des Engagements der katholischen Kirche. Das Angebot seelsorgerischer und psychotherapeutischer Hilfen soll stärker in den Mittelpunkt gestellt werden….

Betroffene könnten bei Bedarf Kontakte zu den jeweiligen Trägern der Einrichtungen bzw. ihren heutigen Rechtsnachfolgern erhalten. Uns liegt diese Idee auch deshalb am Herzen, weil dies eine gute Möglichkeit wäre, in persönlichen Gesprächen mit Betroffenen die Vergangenheit und die tatsächlichen Geschehnisse kennen zu lernen und so eine gemeinsame Aufarbeitung zu erreichen.

Ich frage mich, ob die Deutsche Bischofskonferenz unter ihrem Vorsitzenden [Erzbischof Zollitzsch] in diesem Teil des Presseberichts vom Kostendenken geleitet war, oder ist es bloße Naivität? Jedem seelsorgerlich tätigen Menschen müßte klar sein, daß eine Organisation, die Traumata zu verantworten hat, nur bei wenigen Traumatisierten auf Verständnis stoßen kann, wenn eben diese Organisation therapeutische/seelsorgerliche Hilfestellung anbietet. Bei wohl den meisten dürfte das dafür erforderliche Vertrauen fehlen, ein Vertrauen, das sich nicht einfordern läßt. Zwar haben die Personen gewechselt und auch kirchlich geführte Heime inzwischen in der Regel ein pädagogisch vertretbares Konzept. Doch wer mit dieser vielfach belegten Vergangenheit belastet Hilfe anbietet, wird, wenn er ernst genommen werden will, neben einer Entschädigung die Finanzierung von frei gewählten Therapeuten zusagen müssen. Erst dann ist vorstellbar, daß einige ehemalige Heimkinder sich auch relativ frei entscheiden könnten, in eine der kirchlich getragenen Beratungsstellen und Therapieeinrichtungen zu gehen. Das Angebot in der Presseerklärung (auch auf evangelischer Seite gibt es ähnliche Zumutungen) ist unseriös.

Dies wird auch im weiteren Text der Erklärung deutlich:

Wir setzen uns mit der Vergangenheit auseinander und wollen herausfinden, wie groß das Unrecht tatsächlich ist, das geschehen ist.

Es ist zwar nur ansatzweise vergleichbar. Die Judenvernichtung war ein Vernichtungsprogramm. Dies kann man den Heimen auch bei üblem Willen nicht nachsagen. Aber sie hatten eine gesellschaftlich geduldete Exklusionsfunktion, wenn auch diese wohl kein „Programm“ war. Doch wenn kirchliche Stellen (wie auch der Runde Tisch) immer noch meinen, sie müßten herausfinden, wie groß das Unrecht tatsächlich ist, das geschehen ist, dann entspricht das der unsäglichen Diskussion, ob es tatsächlich 6 Millionen Juden waren oder vielleicht doch „nur“ 4 oder 5.

Es liegen wahrlich genügend und glaubwürdige Zeugnisse von massiven Menschenrechtsverletzungen in den Heimen (kirchlich wie staatlich) vor, so daß die Nachfolger der damals Verantwortlichen mehr leisten können als Wiedergutmachung mit Bordmitteln.

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