Dierk Schaefers Blog

Noch einmal: Lieber Herr Jacob!

Posted in Gesellschaft, Kirche, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 26. Juni 2013

Lieber Herr Jacob,

 

Recht haben Sie, wenn Sie schreiben: Aber hat die Kirche nicht die Aufgabe, ihre Botschaft für alle Verständlich zu übermitteln? Ein Pfarrer muss für alle Menschen verständlich sein.

Für die Predigt gilt das auf jeden Fall, denn sie soll und will die ganze Gemeinde erreichen. Das ist aber etwas, was in der Ausbildung zum Pfarrer zu kurz kommt. Schon mit dem Wechsel aufs Gymnasium wird man der Sprachwelt der „einfachen Leute“ entfremdet. Das Studium verstärkt die Entfremdung und bewirkt in vielen Fällen zudem eine Entfremdung von der Glaubenswelt der „einfachen Gläubigen“. Wir werden eher zu Universitätstheologen ausgebildet, denn zu Pfarrern. Das kann das praxisorientierte Vikariat nur bedingt beheben.

Luther trug wohl zeitlebens den damals üblichen Talar der Universitätslehrer, Vorbild des Pfarrertalars. Und so haben ganze Generationen von Pfarrern ihre steile Theologie Sonntag für Sonntag „Bauernköpfen“ gepredigt. Nicht umsonst gab es „Kirchenwecker“. Die „Frau Pfarrer“ besorgte die Woche über die praktische Seelsorge, während der Herr Pfarrer über seinen Büchern saß. Nun, das ist etwas klischeehaft dargestellt. Schließlich mußten die Pfarrer früherer Zeiten auch nebenbei ihre eigene Wirtschaft betreiben (Acker und Vieh) und waren dadurch der Lebenswelt ihrer Bauern wenigstens zeichenhaft verbunden.

Was für die Predigt gilt, muß nicht für kirchliche Verlautbarungen, wie z.B. Denkschriften gelten. Die dürfen und müssen differenzierter ausfallen als eine Predigt, was nicht heißt, daß Predigten nicht differenzieren sollen, allerdings auf einem anderen Niveau. Belustigend für mich ist allerdings, wie die Zeit manches Differenzierte einebnet. Ich quäle mich gerade durch Max Webers Protestantische Ethik und bin erstaunt bis überfordert zu sehen, welches theologische Filigran unsere Vorväter entfaltet haben. Das hatte zwar nachhaltige Auswirkungen, doch für das Gedankengebäude interessiert sich wohl kaum noch jemand. Webers These von der Verbindung des Calvinismus mit dem Kapitalismus wird zwar immer noch zitiert, doch ich möchte wetten, daß nur sehr selten die Lektüre des Originals dahinter steht.

Da sind wir wieder bei der Frage der Vermittlung komplizierter Erkenntnisse, fast hätte ich Kommunikationsprozeß geschrieben. Die Erkenntnisse müssen verständlich gemacht werden. In der heutigen Medienwelt geschieht das, indem man hauptsächlich das herausgreift, was Neuigkeitswert hat und darum zur Diskussion anreizt, besser noch, Widerspruch hervorruft, der wiederum auf Widerspruch stößt. Dabei sind nicht die Inhalte interessant, sondern die „Klickraten“: Wie viele Personen hat man aus der Reserve gelockt?

So geht es auch mit der neuen Denkschrift. Zwar werden sie nur wenige gelesen haben, doch die zusammenfassenden Thesen waren ausreichend für heftige Kontroversen, so daß der Ratsvorsitzende der EKD schon in Deckung geht. War ja nur ein Diskussionsanreiz.

Ich finde diesen Vorgang spannend und werde ihn vielleicht als Ausgangspunkt für einen Beitrag machen: Vom Elend des Protestantismus soll er heißen. Das Elend zu beschreiben, würde meine Fähigkeiten übersteigen – und auch mit Eingrenzung ist die Aufgabe groß genug, und ich hoffe, daß ich Zeit dafür finde.

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