Dierk Schaefers Blog

»Wir haben den Kindern immer wieder gesagt, dass wir sie im Namen von Jesus Christus erziehen«

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Justiz, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Theologie by dierkschaefer on 13. Juli 2013

Es ist selten, daß Gewalttäter aus den Kinderheimen frei über ihre Erziehungsmethoden sprechen. Alexander Markus Homes hat eine Nonne interviewt, die bereit war zu sprechen. Der folgende Text ist seinem Buch „Heimerziehung – Lebenshilfe oder Beugehaft? – Gewalt und Lust im Namen Gottes“  entnommen.   Vielen Dank für die Abdruckgenehmigung!

 

„Die konfessionellen Heime sind die schlimmsten Heime für Kinder!“

 

In einem Interview, das ich mit einer Nonne vom „Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi“ geführt habe (die Nonnen dieses Ordens waren auch im Heim St. Vincenzstift, Rüdesheim-Aulhausen, tätig, in dem ich zehn Jahre lang malträtiert wurde), berichtet die fromme Frau ganz offen und ehrlich, wie „im Namen Jesu Christi“ Kinder in einem katholischen Heim, in dem sie arbeitete, körperlich und seelisch gequält, gedemütigt, bestraft wurden. Mit dem Straf– und Unterdrückungsinstrument „Gott“, so die Nonne, wurde den Kindern Gehorsam, Willigkeit, Anpassung und Unterwerfung abverlangt. Sie selbst bekennt sich dazu, Kinder auf das Schwerste misshandelt zu haben.

 

Nonne B.: Ich bin als Einzelkind in einer strengen religiösen Familie aufgewachsen. Mit Gleichaltrigen kam ich eigentlich kaum in Kontakt, da meine Eltern nicht wollten, dass ich mich mit anderen Kindern abgebe. Es war ein behütetes Leben. Als ich erwachsen war, wollten meine Eltern, dass ich Nonne werde; also trat ich in einen Orden ein. Ich selbst dachte damals, dass ich als Nonne jungen Menschen helfen kann.

 

Homes: Sie haben viele Jahre in einem Kinderheim gearbeitet. Wie war diese Zeit?

 

Nonne B.: Ich habe als junge Nonne Heime gesehen, in denen kleine Kinder untergebracht waren, ausgestoßen und alleine gelassen. Ich war damals erschüttert, und ich schwor bei Gott, dass ich diesen Kindern helfen wollte. Sie sollten sich im Heim wohlfühlen, das Heim sollte für sie ein Zuhause sein. Ich wollte ihnen helfen, im Namen Gottes, im Namen der christlichen Nächstenliebe.

Bei meinen Besuchen in katholischen Heimen habe ich Nonnen und weltliche Erzieher erlebt, die eine große Kälte ausstrahlten. Sie machten fast alle irgendwie einen brutalen Eindruck auf mich, der einen in Angst versetzen konnte. Ich sprach damals mit ihnen, bevor ich selbst im Heim arbeitete. Sie redeten alle von Nächstenliebe, aber ich hatte den Eindruck, dass sie davon nur redeten und gerade das Gegenteil von dem praktizierten: Sie schlugen aus nichtigen Anlässen auf kleine Kinder ein oder verhängten Strafen. Sie waren einfach sehr autoritär, und was mir besonders auffiel: Sie waren fast alle nicht in der Lage, Kinder wirklich zu lieben!

Als ich dann selbst im Heim arbeitete, wollte ich nicht dieselben Fehler machen. Ich wollte wohl auch autoritär sein, aber niemals wollte ich den Kindern mit Gewalt begegnen. Doch schon bald hatte ich meinen Vorsatz aufgegeben. Ich verhielt mich den Kindern gegenüber ebenso wie die anderen Nonnen. Auch ich fing an, Kinder zu schlagen, zu bestrafen, sie mit Sanktionen zu belegen. Und ich wusste – wie alle Nonnen und Erzieher auch – , dass die Kinder sich nicht wehren konnten. Sie waren uns, unseren Launen, unserer Macht hilflos ausgeliefert! Wir haben alle bei den Kindern eine große Angst verbreitet. Die Angst beherrschte ihre Seele und ihren kleinen Körper und ihr junges Leben. Ich hatte geglaubt, diese Mittel einsetzen zu dürfen, weil ich mit der ganzen Situation nicht fertig wurde. Wir konnten nicht anders; wir hatten einfach keine anderen Möglichkeiten, ihnen zu helfen, wir hatten ja auch keine pädagogische Ausbildung. Wir dachten, wenn wir die Kinder einer strengen religiösen Erziehung unterwerfen, so wäre das tatsächlich die beste Hilfe, die man ihnen zuteil werden lassen kann. Doch ich muss sagen: Ich war wie alle anderen Nonnen und Erzieher einem großen Irrglauben, ja einen Wahnsinn verfallen. Wir alle glaubten, dass das die beste Erziehung ist. Wir dachten uns nichts dabei, die Kinder streng anzufassen, auch mal zuzuschlagen, sie zu irgend– etwas zu zwingen. Wir haben den Kindern immer wieder gesagt, dass wir sie im Namen von Jesus Christus erziehen und ihnen helfen wollen. Doch in Wirklichkeit haben wir – auch wenn diese Erkenntnis schmerzlich ist! – gegen diese christlichen Grundsätze verstoßen! Wir sind nicht auf die Kinder zugegangen wie Menschen, sondern wir haben sie innerlich irgendwie abgelehnt. Das wurde aus unserer Handlungsweise ganz deutlich.

 

Homes: Wie sah diese religiöse Pädagogik im Einzelnen aus?

 

Nonne B.: Das Heim, in dem ich arbeitete, war ein katholisches Heim. Gott war das Fundament der Erziehung! Die Gespräche mit den Kindern, unser Handeln und Auftreten war immer vom christlichen Glauben bestimmt. Durch die Drohung mit Gott hatten wir die Kinder un ter Kontrolle, auch ihre Gedanken und Gefühle. Ist das nicht das Ziel jeder konfessionellen Erziehung, jedes konfessionellen Heims?

 

Homes: Sie berichten, dass Sie die Kinder geschlagen und bestraft haben. Nennen Sie doch bitte einmal Beispiele.

 

Nonne B.: Ich träume heute noch von diesen Heimkindern. Aber es sind keine schönen Träume, keine schönen Erlebnisse, die da wach werden. Erst vor kurzem hatte ich wieder einen dieser Träume: Ich sah wieder, wie ich einen etwa sieben Jahre alten Jungen bei der Selbstbefriedigung erwischte. Ich war außer mir und stellte ihn zur Rede. Doch das Kind begriff nichts. Meine Wut wurde immer größer, und ich zog ihn an den Haaren in den Duschraum. Dort habe ich kaltes Wasser in eine Wanne einlaufen lassen und den Jungen mit Gewalt dort hineingezerrt und ihn viele Male untergetaucht. Ich sah – wie damals in der Wirklichkeit –, wie er sich zu wehren versuchte; ich hörte ihn wieder schreien. Es kostete eine ganze Menge Kraft, diesen kleinen, zierlichen Körper wieder und wieder unterzutauchen. Ich merkte, wie die Kraft des Jungen nachließ. Sein Gesicht lief blau an, und dennoch machte ich weiter. Der Junge bekam kaum noch Luft, als ich endlich von ihm abließ.

Ich erinnere mich an einen anderen Traum, der ebenfalls ein wirkliches Erlebnis in Form von schrecklichen Bildern für mich lebendig werden ließ. Ein Kind schrie, weil es von einem anderen Kind geschlagen wurde. Ich konnte diese Schreie nicht mehr ertragen, brüllte es an. Doch das Kind schrie weiter. Ich fasste ihn am Kopf und schlug ihn mehrmals gegen die Wand. Auf einmal hatte ich Blut an den Händen, und ich erschrak. Ich sah das Kind an. Das Kind zitterte am ganzen Körper und lief davon.

Es sind schreckliche Szenen, ich weiß! Doch was hilft das denn heute noch den Betroffenen – nichts!

 

Homes: Sie sagen, dass Sie sich nicht anders zu helfen wussten. Das verstehe ich nicht ganz.

 

Nonne B.: Wir waren alle, die Nonnen und die Erzieher, nicht pädagogisch ausgebildet. Damals gab es das ja nicht. Wir gingen in die Heime, ohne wirklich genau zu wissen, was auf uns zukommt. Wir wussten nicht, dass wir besser fahren, wenn in der Erziehung auf autoritäres Verhalten weitgehend verzichtet wird. Wir hatten uns eigentlich nie Gedanken darüber gemacht, wie die Kinder darauf reagieren. Ich habe nicht begriffen oder damals nicht begreifen wollen, dass das Kind möglicherweise innerlich geschrien und gelitten hat. Dieses Nachdenken hilft natürlich den Betroffenen nicht mehr, das ist geschehen. Wir haben viele Fehler gemacht. Es war für die Kinder teilweise eine furchtbare, grauenhafte Zeit; es war ein großes Verbrechen ihnen und Gott gegenüber.

Ein Kind sagte einmal zu mir: „Der liebe Gott wird Sie für alles, was Sie uns angetan haben, bestrafen.“ Damals ballte ich meine Hand zu einer Faust zusammen und schlug dem Kind ins Gesicht. Heute weiß ich, was das Kind mir mitteilen wollte.

 

Homes: Sie sagen, dass Sie damals nicht begriffen haben, was es für ein Kind heißt, ständig unter Angst aufwachsen zu müssen. Wissen Sie heute wirklich, was es für ein Kind heißt, nicht geliebt, sondern gehasst zu werden?

 

Nonne B.: Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich weiß, was es für ein Kind bedeutet, überhaupt in einem Heim leben zu müssen und dann noch unter solchen schlimmen Bedingungen. Ich kann es, wenn überhaupt, nur erahnen. Dass wir die Kinder zu keinem Zeitpunkt geliebt, sondern gehasst haben, stimmt so nicht ganz. Ich habe versucht, in christlicher Nächstenliebe zu handeln. Ich kann mir nichts anderes vorwerfen als das, überhaupt in einem Heim gearbeitet zu haben. Vielleicht war das aber keine Liebe, sondern nur Hass. Und wenn mir heute Kinder von damals in meinen Träumen begegnen, weiß ich: Sie müssen sehr viel unter unserer Gewalt gelitten haben!

 

Homes: Wissen Sie, was aus diesen Kindern geworden ist?

 

Nonne B.: Ich weiß heute nur von ein paar wenigen, wo sie leben. Ich glaube, vier sitzen im Gefängnis, drei sind in einer Nervenheilanstalt, drei sind heute Mönche, und von vieren weiß ich, dass sie arbeiten.

Ich bin mir heute sicher: Die konfessionellen Heime sind die schlimmsten Heime für Kinder!

 

 

Das Interview ist erschienen in meinem Buch: „Heimerziehung – Lebenshilfe oder Beugehaft? – Gewalt und Lust im Namen Gottes“ (Verlag Books on Demand). Eine Weiterverbreitung des Interviews ist nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Autors gestattet. Und nach Genehmigungserteilung nur mit Quellenangabe (Autor, Titel, Verlag).

© Alle Rechte vorbehalten

Homes, Alexander Markus

 

 

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3 Antworten

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  1. Heidi Dettinger said, on 14. Juli 2013 at 18:59

    Wenn diese Nonne sagt, sie habe nicht wirklich gewusst, was sie tat, sie (und die anderen) hatten keine pädagogische Ausbildung, ist das wohl als Schutzbehauptung zu werten.

    Denn im gleichen Atemzug sagt sie, dass sie gesehen habe, wie diese Kinder litten, welche schrecklichen Ängste sie ausstehen mussten!

    Wer kleine Kinder solange in eine Wanne mit eiskaltem Wasser taucht, bis das Gesichtchen blau anläuft, wer einem Kind den Kopf mit derart brachialer Gewalt an die Wand knallt, dass das Blut läuft und wer einem Kind die geballte Faust mitten ins Gesicht haut, der weiß ganz genau, was er oder sie tut! Spätestens, wenn das Gesicht blau, das Blut über die Hände läuft, die Faust ins Gesicht kracht.

    Da mit der fehlenden pädagogischen Bildung zu argumentieren ist mehr als schäbig: es ist dreckig. Denn mit diesem Argument hätten Millionen von Müttern ihre Kinder fast zu Tode prügeln müssen…

  2. Hildegard Neumeyer said, on 15. Juli 2013 at 17:38

    Da stimme ich Frau Heidi Dettinger voll zu. Nach zu lesen Als wären wir zur Strafe hier

  3. Alexander Markus Homes said, on 15. Juli 2013 at 23:03

    In Heimen in Westdeutschland wüteten – soll heißen: missionierten – die Nonnen des Ordens der Armen Dienstmägde Jesu Christi. Sie haben Tausendfach unendlich viel Leid über Menschen ausgeschüttet. Sie haben im Namen und Auftrag Gottes Kinder misshandelt, gequält, malträtiert, erniedrigt, gedemütigt. Viele Heimkinder wurden von den Dienerinnen Gottes auch unter Anwendung von Gewalt sexuell missbraucht!
    Diese Nonnen gehören, wie sehr viele Nonnen anderer Orden, vor den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte.


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