Dierk Schaefers Blog

Demenz? Die Medikamente dafür wurden an Heimkindern getestet.

Heimkinder dienten als Versuchskaninchen für Nazi-Ärzte und Pharma-Firmen. Die Nazi-Ärzte sind tot, die Pharmafirmen waschen die Hände in Unschuld. Das Franz von Sales-Haus[1] in Essen entlässt den Gärtner, der in Frontal 21 zu Wort kommt.

 

Ob die Handlangerin von Kirche und Staat wußte, warum sie sich am Runden Tisch nur mit den Verbrechen in Kinderheimen befasste und nicht auch mit denen in Behinderteneinrichtungen? Das Thema von Medikamententests tauchte schon am Runden Tisch auf bis hin zu Elektroschock-Therapie am Penis eines Bettnässers. Nun wissen wir mehr. In den Behinderteneinrichtungen und Jugendpsychiatrien scheinen Medikamententests systematisch gewesen zu sein. Hier nur ein paar Auszüge aus dem SPIEGEL-Bericht[2] als Vorbereitung auf den Beitrag von Frontal 21[3]. Wer Phantasie hat, braucht dann keinen Horror-Film mehr.

 

»„Ich habe mehrfach in Dokumenten gefunden, dass Ärzte berichteten: ‚Wir haben das Medikament in Tierversuchen getestet, wir müssen das jetzt am Menschen testen.’ Und da hat man Heimkinder dafür benutzt.“«

»Heimkinder waren bis in die Siebzigerjahre weitgehend rechtlos und daher als Testpersonen den Pharmafirmen und Ärzten hilflos ausgeliefert. Die involvierten Konzerne lehnen auf Anfrage jedoch jede Verantwortung für die damaligen Studien ab. Merck etwa verweist auf die damals andere Gesetzeslage zur Dokumentation von Medikamententests: „Wir können uns nicht für etwas entschuldigen, was nicht in unserer Verantwortung lag. Sollten sich Dritte nicht entsprechend Gesetzeslage verhalten haben, bedauern wir das selbstverständlich.“ Auch die Troponwerke sehen sich nicht in der Verantwortung. Ihnen lägen keine Informationen vor.«

»Die Pharmazeutin Sylvia Wagner hat bisher 50 Studien mit Heimkindern gefunden, die im Auftrag oder in Kooperation mit Arzneimittelfirmen entstanden. Sie sagt, das sei nur die Spitze eines Eisbergs. „Ich habe in keinem einzigen Fall einen Hinweis gefunden, dass die Kinder aufgeklärt wurden oder überhaupt gefragt wurden. Auch die Eltern wurden nicht gefragt.“«

»Innerhalb eines Dreivierteljahrs mussten die Kinder des Kinderheims insgesamt über 37.000 Pillen schlucken, darunter allein 13.000 Tabletten Truxal. Der Test wurde nur deshalb aktenkundig, weil der langjährige Heimarzt den extrem hohen Einsatz von Psychopharmaka ablehnte und unter Protest zurücktrat.«

»Der Versuch fand in Kooperation mit der herstellenden Pharmafirma Merck statt. Der Darmstädter Konzern brachte das Medikament 1963 auf den deutschen Markt, es wird heute als Antidemenzmittel verkauft. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichte Heinze in einer medizinischen Fachzeitschrift – einer der wenigen bisher bekannten Belege für Medikamententests mit Heimkindern.«

»Das Psychopharmakon wird in der Fachinformation nur für Erwachsene empfohlen, damals wurde es aber an Kindern des Heims Neu-Düsselthal erprobt.«

»Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf war bis Anfang der Sechzigerjahre Hans Heinze, ein skrupelloser Arzt mit Nazivergangenheit. Während der NS-Zeit war er Gutachter des Euthanasie-Mordprogramms T4, bezeichnete unzählige Kinder als „lebensunwert“ und schickte sie in den Tod. Nach 1945 konnte er seine Karriere in Wunstorf fortsetzen.«

 

Keiner will die Verantwortung übernehmen – sehen wir einmal von der christlichen Reaktion des Franz-von-Sales Hauses ab.

Wie wär’s mit der Bundesärztekammer? Schließlich waren es Ärzte, die als Erfüllungsgehilfen der Pharma-Unternehmen die Verantwortung trugen – und wohl gut daran verdienten. Ja, ich weiß, die sind tot. Aber könnte neben die Kollektivscham nicht auch eine Kollektivverantwortung treten? Den Kirchen wird sie zugeschrieben und viele der damals in kirchlichen Einrichtungen misshandelten Heimkinder sind ausgetreten. Das ist verständlich. Wie kann man es den staatlichen Einrichtungen, den Ärzten und den Pharmafirmen „heimzahlen“?

Ich fürchte, die sind noch mehr „fein raus“ als die Kirchen.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Sales_Haus

[2] http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamententests-in-deutschland-das-lange-leiden-nach-dem-kinderheim-a-1075196.html

[3] http://www.zdf.de/frontal-21/medikamententests-deutscher-pharmafirmen-in-kinderheimen-42014560.html

8 Antworten

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  1. Helmut Jacob said, on 3. Februar 2016 at 16:16

    Ich weiss von einem Fall im Johanna-Helenen-Heim, in dem Halloperidol an einem Jungen getestet wurde. Das war um 1961. Es sollte gegen die Sprachbehinderung wirken. Dagegen half das Mittel nicht.

    • dierkschaefer said, on 3. Februar 2016 at 17:55

      Da lohnt es sich schon, nachzuschauen: „Haloperidol ist ein hochpotentes Neuroleptikum aus der Gruppe der Butyrophenone und wird unter anderem zur Behandlung akuter und chronischer schizophrener Syndrome und bei akuten psychomotorischen Erregungszuständen eingesetzt. … Von Kriminellen wurde Haloperidol auch als K.-o.-Tropfen eingesetzt.“
      https://de.wikipedia.org/wiki/Haloperidol

      • Helmut Jacob said, on 4. Februar 2016 at 00:51

        Ich erlaube mir noch einen Nachtrag:
        In den 70’er Jahren – ich war als Freizeitmanager und in der Jugendarbeit tätig – erzählten mir mehrere pflegebedürftige Frauen eine Etage unter den Schlafzimmern für Schulkinder, dass auch scheinbar renitente Frauen mit Haloperidol ruhiggestellt wurden. Die Beweise fehlen natürlich – sie sind inzwischen alle gestorben. Darum formuliere ich: … sollen Frauen mit Haloperidol ruhiggestellt worden sein. Ich weiß, lieber Herr Schäfer, dass auch Zeitgeister, die uns alle nicht mögen, bei Ihnen mitlesen und wie Aasgeier auf einen Augenblick warten, mir eine kräftige Klage an die Backe zu heften. Viel Angst habe ich nicht. … bei meinem Alter.

  2. Ralf bart said, on 3. Februar 2016 at 19:57

    Heilpädagogisches Kinderheim Stipsdorf: Ritalin zur ruhigstellung besonders „Auffälliger“. Ja in der Tat ruhig gestellt waren sie, so ruhig das sie nicht mehr wieder zu erkennen waren. Persönlichkeit futsch^^
    Ein Grundschullehrer der heimeigenen Schule erzählte, der angestellte Psychologe des kinderheims experimentierte damit. Heute weis man es: die waren massiv überdosiert.
    Die Diakonie als Betreiber interessiert das nicht, sie meinen mit den 20! % die sie in den Fond einzahlten haben sie ihre Verantwortung voll übernommen.
    Ihr wißt doch selbst wie es wieder laufen wird, wenn überhaupt. Diese Organisationen werden wieder nur das zugeben was unbedingt nötig ist, wieder einen Runden Tisch einrichten, wieder einiges unter den Teppich kehren wollen nebst ihrer Verantwortung die sie sich ja selbst mit ihrer Bibel auferlegt haben, um dann die Opfer wieder billigst abzuspeisen.

    Was lernen wir daraus: Moral und Ethik gibt es selbst bei Christen und der Kirche nicht wenn es um Geld geht und sie moralische Verantwortung übernehmen müssen.

  3. Ralf Bart said, on 3. Februar 2016 at 19:58

    Wir reden hier von 1971!

  4. Wenz said, on 4. Februar 2016 at 09:50

    In den 1960er Jahren wurden die Heimkinder mit Prügel und Züchtigungen „zurechtgeformt“. Danach kamen die Pillen. Die Fachwelt kapituliert weiterhin. Es fehlen Kinderrechte, das Recht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit.


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