Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« III

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

 

 

Drittes Kapitel

Weiter im Kreislauf:

Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern

 

Keine Bange, lieber Leser, ein Mörder bin ich nicht.

 

Im Januar 1955 dann, (welch ein blödsinniges Unterfangen!) machten wir uns zu viert wieder davon.

Die Heimleitung hatte Klein Schulzi wieder mal sauer gemacht. Es war aber auch ein starkes Stück, was die Kollektivwirtschaft mir da angetan hatte. Mein Vater hatte mir zum Geburtstag ein Paket aus dem Westen geschickt. Herrlich duftende Apfelsinen, Schokolade, Marzipan und andere Naschereien drin. – Zwei Orangenfilets, einen Riegel Schokolade und eine dünne Scheibe vom Marzipanbrot und den bereits von der Heimleitung gelesenen Brief bekam ich, als Geburtstagskind, persönlich davon ab. Der Rest wurde fein brüderlich in der Gruppe verteilt.

Mir schwoll der Kamm!
Ich war ganz geharnischter Protest.

Bedanken mochte ich mich dafür nicht gerade, dass man mich davor bewahrt hatte, mir mit all den Leckereien den Magen zu verderben. Mir wurde auch so schon übel bei dem Gedanken, dass ich zusehen musste, wo der Inhalt meines Geburtstagspaketes blieb. Mir schwoll der Kamm! Ich war ganz geharnischter Protest. Schulz, als Rädelsführer bekannt, hatte keine Schwierigkeiten, auch zu dieser Jahreszeit wieder Weggefährten zu finden. Alleine reisen machte aber auch wirklich keinen Spaß. Schon gar nicht wenn der Schnee meterhoch im Erz­gebirge rum liegt. Meine Güte, hatten wir uns da auf eine mühselige Reise begeben. Eine wahre Tortur. Die Straße immer im Auge behaltend wateten wir im Wald durch den hohen Schnee. Von innen her schwitzend, Eiseskälte von außen. Da hatten wir schnell noch ver­kru­stete Schneegewichte mit uns herumzuschleppen. Kamen wir überhaupt vorwärts? Mir schien, je länger wir gegen den nachgiebigen Schnee ankämpften, dass die nächste Bergkuppe immer weiter abrückte. Unten, auf der einzigen Straße, die uns schneller ans Ziel gebracht hätte, suchte man uns natürlich. Sicherlich waren schon sämtliche Anwohner an dieser Strecke wie immer von unserer Flucht unterrichtet. Kein Gedanke daran den Wald zu ver­lassen und den leichteren Weg zu wählen. Bei den wenigen motorisierten Fahrzeugen zu damaliger Zeit waren die Polizeifahrzeuge sehr schnell auszumachen.

Und wir sahen sie. In fast regelmäßigen Abständen patrouillierten sie auf unserem vermeint­lichen Fluchtweg. Den Grund für diese sinnlose Spritvergeudung kannten wir nur zu genau. Der Januar hat es nun mal so an sich, dass er die Nacht sehr schnell über den Tag siegen lässt. Aber auch das bereitete uns keine Schwierigkeiten, die Straße, den Verkehr da unten, zu beob­achten. Die vom Mond beschienene schneebedeckte Landschaft ließ uns jede Bewegung gut erkennen. Jetzt, in der immer kälter werdenden Nacht, fuhr ein Polizeimotorrad Streife. Welch ein blöder Job in dieser Jahreszeit. Dem Fahrer und seinem Sozius ging es kaum besser als uns da oben im Wald.

Wir jedenfalls hatten dann auch so ziemlich die Schnauze voll vom Waldspaziergang. Wir beschlossen, uns auf der festen Straßendecke weiter gen Dipps[1] zu bewegen. Oh, wie gut das tat. Es kam uns vor als hätten wir Bleigewichte abgelegt. Das mochte ja eine gute Trainings­einheit für Kraftsportler sein, aber nicht für vier Jungs, die auf der Flucht waren und sich langsam nach einem Ort sehnten, wo sie nach diesen Anstrengungen ihre müden Häupter hinlegen konnten.

Jedoch, bis Dipps, wo wir Gartenlauben vorfinden würden, um zu übernachten, war es noch ein Stück Weg. Dresden war noch weit. Für diese Nacht war Dipps unser ersehntes Ziel. Keinen Blick hatten wir für die vom Sturm gebeugten Gipfelfichten, – eine schneebeladene Schar einge­mummter, unheimlicher Gestalten. Wir hatten keinen Sinn für die Farbkompo­sition zwischen Weiß und Schattenblau am Bergkamm. Was scherte uns, was hinter uns lag. Zu sehr waren wir damit beschäftigt vorwärts zu kommen, dabei immer wieder die Hälse ver­drehend, Aus­schau haltend nach dem Scheinwerferkegel des patrouillierenden Motorrades. Grell und weit stach der Lichtfinger des uns suchenden Scheinwerfers in die Nacht, war somit frühzeitig zu erkennen. Ein paar Mal hatten wir uns in oder hinter einer Schneewehe ver­steckt, bis sie vorbei waren. Schlotternd vor Kälte, mit knurrendem Magen, waren wir schon bald nicht mehr gut auf unsere Jäger zu sprechen. Wir wünschten die Bullen – alle Freunde der Polizei werden hier um Entschuldigung gebeten – ganz schlicht zum Teufel. Zunächst aber half uns der Zufall. Am Wegrand stand eine Bauarbeiterbude. In diese einzu­brechen bereitete uns keine Schwierigkeiten. Nur Platz zum Schlafen, wie wir gehofft hatten, bot sie uns nicht. Vollgestopft mit Schubkarren, Hacken und Schaufeln, blieb uns kaum Platz darin aufrecht zu stehen. Dafür fanden wir eine Ölfunzel, die sogar funktionierte. Woran wir uns bis dahin nur gestoßen hatten, sahen wir uns nun bei Licht an. Steppjacken, dreckver­schmierte Hosen hingen, Filzstiefel standen herum. Na, wenigstens etwas. Wir zogen die ohnehin zu großen Klamotten über die unseren. Schön kuschelig warm! Ein Beil, das an der Wand hing, schien mir gerade recht, um später die Gartenlauben leichter öffnen zu können, da es uns ja an Schlüsseln mangelte. Warum ich mir auch noch eine Seilrolle um die Schultern legte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt beim besten Willen nicht erklären. Ich nahm sie einfach mit. So ausgerüstet warteten wir ab bis das Motorrad gerade wieder mal an der Bude vorbeifuhr. Wir erkannten zwei Männer darauf.

Ein Seil über die Straße – in Kopfhöhe

Zwar hatte keiner von uns eine Uhr, wussten aber doch, dass wir nun eine ganze Weile auf der Straße entlang marschieren konnten. Rechtzeitig erkannten wir den sich nähernden Schein­werferkegel des Motorrades. Das zwang uns jedes Mal wieder in den tiefen Schnee. Das zusätzliche Gewicht der Arbeiterklamotten machte die Sache auch nicht zum Vergnügen. Jetzt hatte ich aber wirklich die Schnauze voll von den aufdringlichen Bullen. Ein Gedanke in mir begann Formen anzunehmen. Wurde in die Tat umgesetzt. Meine Kumpane sahen mir zwar verdutzt zu, aber als ich mit meinem Werk fertig war, hatten auch ihre halbgefrorenen Gehirne begriffen. Ich hatte das Seil, eigentlich ohne bestimmte Absicht mitgeschleppt, einfach in etwa 30 Zentimeter Höhe um einen Baumstamm geschlungen, das gleiche an dem Baum auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Um das Seil auch schön straff zu bekommen, steckte ich den Beilstiel in eine Schlaufe und drehte solange daran bis es gespannt war wie die Sehne eines Flitzebogens. Dann aber nichts wie weg. Keuchend, der eisige Wind stach in unseren Lungen, rannten wir los. Dabei immer wieder über die Schulter schauend, wann der Lichtfinger des Scheinwerfers wieder in unsere Richtung zeigen würde. Er zeigte! Penetrant zeichnete er die Kurven nach, die die Straße nahm. Nicht lange! So sicher wie das Amen in der Kirche kam das Licht uns immer näher. Sollte uns aber nicht mehr erreichen. Nie mehr! Nie mehr, so glaube ich jedenfalls, wird einer der beiden Bullen wieder in seinem Leben ein Motorrad bestiegen haben.

Plötzlich hauchte der Lichtstrahl sein Leben aus

Plötzlich stach der grässliche Lichtstrahl in den Himmel hinein, verblasste nach oben hin, so als hauche er sein Leben aus.

Keine Bange, lieber Leser, ein Mörder bin ich nicht. Glückliche Umstände bewahrten mich davor. Unglückliche Umstände allerdings ließen den Soziusfahrer über den vor ihm sitzenden Fahrer segeln und ihn ausgerechnet auf den einzigen weit und breit vorhandenen Baum­stumpf am Straßenrand mit dem Schulterblatt draufknallen. Nach acht Monaten Krankenhaus­aufent­halt hatte man ihm auch den letzten Knochensplitter aus der Lunge geholt. Bei dem plötz­li­chen Aufprall bei der relativ geringen Geschwindigkeit des Motorrades auf das straff gespannte Seil, war er fein säuberlich über seinen Kollegen hinweggesegelt. Beim Überflie­gen hatte er allerdings seinen Kollegen beim Absteigen behindert. Mit seinem Aufprallge­wicht hatte er diesen nach unten gedrückt, so dass der Fahrer, als das Motorrad vornüber kippte, mit seinen Handgelenken zwischen Lenkgriffe, Kupplungszug und Bremshebel hän­gen blieb. Beim Überschlagen hatten seine Handgelenke diesem Druck nicht stand­gehalten. Sein Brustkorb hatte ebenfalls einen Klaps vom Tankdeckel erhalten, als das Motorrad auf ihn fiel. Dafür kann ich doch wohl nichts, oder?

Von den beschriebenen Einzelheiten erfuhr ich erst einige Tage später, als man uns wieder einmal eingefangen hatte.

Na ja, die beiden Bullen hatten für diese und weitere Nächte keine Probleme wie wir, wo sie ihren müden Häupter hinlegen sollten. Die Krankenwagen, die sie in ihre kuschelig warmen Betten brachte, haben uns noch vor Dippoldiswalde überholt. Und wir vier? Wir tippelten, zwar nicht mehr gejagt, aber immer schlapper und hungriger in die gleiche Richtung.

Nicht so bequem wie die, denen wir zu dieser Fahrt verholfen hatten, erreichten auch wir noch in dieser eisigen Januarnacht Dipps.

Wir fanden Gartenlauben und unseren wohlverdienten Schlaf.

Wo gibt eine Hausfrau größere Geldbeträge aus?

Leider hatten sich mir zwei Muttersöhnchen angeschlossen. Schon am nächsten Mittag, wir waren auf halbem Wege nach Dresden, wo wir uns in der Markthalle etwas zu Futtern, und eventuell auch ein paar Portemonnaies aus den Einkaufstaschen zu sorgloser Hausfrauen angeln wollten. Da war zweien schon der Magen, bzw. der Mut in die Hosen gerutscht. Die beiden setzten sich von uns ab, liefen zur Polizei und ersuchten um Hungerasyl.

Damit konnten wir ja wohl die Markthallenmasche sausen lassen, die uns sonst auf der Flucht immer so nützlich gewesen war. Wo gibt eine Hausfrau sonst noch größere Geldbeträge aus? Ja, richtig. Beim Fleischer natürlich. Wir beiden Verbliebenen brauchten uns nur in eine War­teschlange einzureihen, um Beute zu machen. Schlangen gab es damals immer, wo es Fleisch gab. Wir brauchten nur darauf zu warten bis eine Frau einen Geldschein auf den Tresen legte, während die Verkäuferin noch den Betrag zusammenrechnete. Wie zufällig stand dann auch einer von uns daneben. Lag der Schein auf dem Tresen, schwupp! Ein schneller Griff, und der Schein hatten den Besitzer gewechselt. Etwas zweckentfremdet zwar, aber auch wir bezweck­ten etwas damit. Nämlich unsere Bäuche zu füllen und mit einer ehrlich erworbenen Fahrkarte weiter nach Leipzig zu fahren, ohne uns vor dem lästigen Schaffner verstecken zu müssen oder uns gar wegen Schwarzfahrens strafbar zu machen.

Leipzig war nach jeder Flucht mein Anlaufpunkt. Das aber wussten inzwischen auch schon längst die Vopos. Es bedurfte schon viel Geschicklichkeit um denen nicht so schnell in die Arme zu laufen. Meine Mutter hatte schon mit 35 Jahren grauweiße Haare. Ob ich wohl dazu beigetragen hatte? Sie behauptete es jedenfalls. Es war aber auch ein Kreuz mit mir, mich als Sohn zu haben. Ich konnte, wollte einfach nicht auf meine Mutter hören. Lausebengel der ich war! (Hoffentlich liest keiner meiner Söhne je dieses Buch. Aus verschiedenen Gründen allerdings. Wie des Weiteren noch zu lesen sein wird).[2]

Wo war ich mit meiner Erzählung stehen geblieben? Ach ja. In Leipzig. Meine Mutter. Mutter, geliebteste aller Mütter. Mag der geneigte Leser die vorgenannten Worte auch nicht so recht glauben wollen; ich wiederhole: Geliebteste aller Mütter! Ich habe dir unendlich viel Leid zugefügt. Aber nur du weißt auch, dass ich dich wirklich von Herzen geliebt habe. Im Rückblick mit dem Kopf eines erwachsenen Mannes, mit dem Wissen aller Zusammenhänge des gemeinsamen Zusammenlebens, der vielen Entbehrungen in Kriegs- und Nachkriegs­zei­ten hast du es einfach verdient einen würdigen Nachruf von deinem einzig verbliebenen Sohn zu bekommen. Wenn es denn den Himmel gibt, dann werde ich dich dort in der unend­lichen Zeit, die unsere Seelen dort verbleiben werden, suchen und dich um Verzeihung bitten. Dass wir in den Himmel kommen steht außer Frage. Haben wir doch die Hölle schon auf Erden erlebt. Du hast mich viel zu früh verlassen, während mein Erzeuger sich aus der Verant­wor­tung gezogen und dich auch noch um 16 Jahre überlebt hat. Welch eine Ungerechtigkeit. Warum ich dies als Ungerechtigkeit betrachte? Nun, die weiterführende Geschichte meines Lebens wird dies aufzeigen.

Mit Peter H.,[3] hielt ich mich einige Tage in Leipzig auf. Zu Muttern konnte ich schlecht. Dort tauchte die Polente regelmäßig als erstes auf, informierte Hauswart und Nachbarn über meine erneute Flucht. Kontakt hatte ich, aber kein Unterkommen mehr bei ihr. Des Nachts schliefen wir in Gartenlauben. Wo sonst? Zu dieser Jahreszeit vollkommen ungestört vor erbosten Laubenpiepern, – wie wir glaubten. Tagsüber hielt ich mich in der Nähe des UNIVERMAG[4] auf, dem einzigen Kaufhaus in Leipzig, zu dem nur die russischen Besatzer Zugang hatten. Ich machte da wohl eine rühmliche Ausnahme. Aber auch davon an anderer Stelle mehr. Um an Bargeld zu kommen brauchte ich mich nur meiner fast perfekten russischen Sprachkennt­nisse zu bedienen. Doch bevor wir etwas richtig erreicht hatten, wurden wir ausgerechnet dort erwischt, wo wir uns am sichersten gefühlt hatten. In einer Gartenlaube!

Irgend so einer blöden Göre war es eingefallen, das es im letzten Herbst eine vergammelte Puppe in der Laube hatte liegen lassen. Diese wollte sie nun aus der Laube holen, hatte uns darin schlafend vorgefunden. Ein ganzes Straßenkollektiv hatte sich dann zusammengefun­den, um die Laubenfrevler zu fangen. Wer denkt auch schon ans Weglaufen, wenn er aus dem besten Schlaf gerissen wird. Zumal die zusammengerottete Nachbarschaft nicht mit leeren Händen gekommen war. Wir waren uns nicht ganz sicher, wie viele Holzlatten-Knüppel­schläge wir abbekommen und überleben würden. Der Klügere gibt nach. Decken und Kissen aus 15 verschiedenen Lauben hatten uns in der in der Laube mollige Wärme gegeben. Hier draußen in der Kälte machte uns der Krach der aufgebrachten Gartenbesitzer vollends wach. Was wir uns aber auch alles von den Leuten anhören mussten. Über die bösen Buben, die immer wieder ihre schön hergerichteten Lauben demolierten. Dabei waren wir schon lange nicht mehr hier gewesen. Seit dem letzten Sommer schon nicht mehr, und da auch nur in 22 Gartenhäuschen, bis wir das nötigste zusammengefunden hatten, damit jeder ordentlich schlafen konnte. Die Leute konnten sich vielleicht anstellen. Endlich konnten sie uns der Polizei übergeben. Wir würden schon sehen, wo uns das hinbrächte. In ein Heim gehörten solche Strolche. Eins für Schwererziehbare! Ja, gehörten diese Früchtchen hin, wenn die Eltern nicht auf sie aufpassen könnten.

Kam es nicht in eure Köpfe, dass wir vielleicht Kriegsopferkinder waren?

Zucht und Ordnung gehörte ihnen eingebleut. Bei Adolf hätte es so etwas nicht gegeben. Der Krieg hätte die ganze Weltordnung auf den Kopf gestellt. Wie Recht sie doch hatten!

Diese Empörung der Erwachsenen, die um uns herumstanden, auf das Eintreffen der Polizei warteten. Sicher waren viele darunter, die selbst Kinder hatten, kaum mit ihnen fertig wurden, gar nicht deren Probleme kannten. Es baut so schön das eigene Ego auf, vor den Nachbarn seine Empörung kundzutun, sich das Mäntelchen des Biedermannes umzuhängen. Ablenken von eigenen Erziehungsproblemen.

Ihr Erwachsenen, die ihr um uns herumstandet, eure Schnaps und Bierfahnen vom vergange­nen Abend, ihr ekeltet mich an. Ihr hattet zwei Sündenböcke umkreist, Abbildungen eurer eigenen Kinder, an denen ihr euren Missmut, euren Frust, laut herauslassen konntet. Würdet ihr eure eigenen Kinder derart beschimpfen bei einem Vergehen, sie würden wahrscheinlich auch weglaufen. Wären auf den gleichen Weg gekommen wie ich und Peter H.. Der Kreislauf: Heim-versaut werden-weglaufen-Lage verschlimmern hätte begonnen. Ach, ihr lieben erwachsenen Arschlöcher, hätte ich euch doch einen Spiegel vor eure verdutzten Gesich­ter halten können, als die Polizei endlich eintraf und wir denen unsere Herkunft erklär­ten und die Gründe für unsere Laubenübernachtung. Die geifernde Wut, die ihr auf uns nie­der­prasseln ließt. „Aus dem Heim sind sie ausgerissen. Kein Wunder, das sie so ruhig geblie­ben sind, als wir ihnen prophezeiten, dass genau dies mit ihnen geschehen würde,“ geiferten die Erwachsenen voller Empörung.

Ja, was hatten die denn von uns erwartet? Der selbstgewählte Verzicht aufs Denken brachte ihre Dummheit klar zum Ausdruck. Hatte sich überhaupt einer Gedanken darüber gemacht, warum wir in einem Heim gelandet waren? Kam es nicht in eure Köpfe, dass wir vielleicht Kriegsopferkinder waren?, denen –ohne Eltern – das Heim zur zweiten Heimat geworden war, wie vielen zu der Zeit. Das richtige Alter dazu hatten wir doch. Und, glaubten sie dann etwa auch noch, dass so ein Heimleben das Gelbe vom Ei wäre? Mutterersatz? Vaterersatz? Peter z.B. hatte beide Elternteile im Krieg verloren. War in einem Waisenhaus gelandet. War ein verstörtes Kind, welches sich dort nicht so recht unterordnen konnte. Hatte es somit geschafft, in einem Heim für Schwererziehbare untergebracht zu werden. Armleuchter die ihr wart, ihr dachtet gar nicht. Ihr wünschtet uns nur eine ordentliche Tracht Prügel. Die bekamen wir sowieso nach jedem gescheitertem Fluchtversuch; viel grausamer als ihr sie uns hättet verpassen können. Ihr erwachsenen Banausen. IHR hattet doch zum größten Teil – zumindest vor wenigen Jahren noch – „Heil Hitler“ geschrieen, und JA gebrüllt als euch die Frage gestellt wurde: „Wollt ihr den Totalen Krieg?“

 

PDF-Fassung 03-weiter-im-kreislauf

Fußnoten

[1] Dippoldiswalde

[2] Gestrichen: Monika, dir meiner ersten großen Liebe, der ich am liebsten dieses Buch gewidmet hätte, hätte es da nicht eine andere weibliche Person, meine Mutter, in meinem Leben gegeben, die es noch weitaus mehr verdient hat. Weil es die reinsten Gefühle waren, die ich für dich, außer zu meinen Söhnen, empfunden habe. Dir werde ich empfehlen müssen, dieses Buch besser nicht weiter zu lesen. Zuviel könnte von meinem Nimbus bei dir zerstört werden, sofern ich mir nicht nur eingebildet habe, dass ein hauchdünnes Band zwischen uns je bestanden hat.

[3] Mit Peter H., dessen vollen Namen ich hier schlecht nennen kann, weil er immer noch in einer norddeutschen Großstadt lebt und es mir verübeln könnte.

[4] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fotothek_df_roe-neg_0000131_002_Stra%C3%9Fenzug_mit_Warenhaus_%22Univermag%22.jpg

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1

Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen oder Du sollst wissen, lieber Leser:

Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2

In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3

Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

PDF-Fassung 03-weiter-im-kreislauf

 

Wie geht es weiter?

Kapitel 4

17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

 

2 Antworten

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  1. Werner Boesen said, on 1. Oktober 2016 at 10:43

    Weglaufen bedeutet nicht immer Verschlimmern der Lage. Mein jüngerer Bruder lief weg und kam in ein Kinderheim, wo nicht geprügelt wurde. Nur konnte er mir das nicht mitteilen. Ich ersparte mir das Weglaufen, dennoch kamen wir beide nach langjährigen Heimaufenthalten zunächst zu gleichen, danach zu verschiedenen Pflegeeltern.
    „Wenn ein begabtes Kind Jahre und Jahre, eine ganze Jugend lang, vergewaltigt, geschlagen, verschüchtert, verschachert, verängstigt worden ist, wenn dann ein edler Retter kommt und dieses Kind plötzlich befreit, so darf er von dem Kinde nicht erwarten, es werde nun vor allem den heißen Wunsch äußern, Amtsrichter zu werden oder sich sonst nützlich zu machen. Vielleicht zündet es auch zuerst ein Haus an oder macht andere Streiche“ (Zitat Hermann Hesse, Literaturnobelpreisträger 1946).
    Ein Richter, der diese Gefahr nur wittert, wird sein Strafmaß kaum reduzieren.
    Die Vergangenheit läßt sich nicht ändern, doch wir können versuchen die Zukunft zu gestalten. In diesem Sinne danke für deinen Beitrag. Ich träume weiter von Kinderrechten im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Andere Länder wie die Niederlande und Norwegen haben es bereits geschafft. Deutschland bleibt hier Entwicklungsland und ich spiele Entwicklungshelfer.


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