Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVIII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Achtundzwanzigstes Kapitel

Chef kann ich auch

„Da wäre aber noch etwas was ich Ihnen vorher noch sagen muss!“ Ich überwand meine Angst, mit der Wahrheit herauszurücken. Neugierig schaute er mich an. Wer A sagt, muss auch B sagen können. „Ich bin erst vor sechs Monaten aus dem Zuchthaus Celle, nach 25 Monaten Haft entlas­sen worden!“ So, nun war es heraus! Eigentlich war ich ja nie ein ängstlicher Typ. Als aber mein neuer Chef so plötzlich von seinem Stuhl aufstand, an mir vorbei zur Türe ging, erwartete ich zumindest, dass er mir abrupt die Türe zeigen würde, wenn nicht gar auf mich einschlagen. Hätte ich doch dafür sogar Verständnis gehabt. Wie konnte sich ein Ex-Zuchthäusler erdreisten, in so einem renommierten Gasthaus nach Arbeit nachzusuchen. Weil die Türe hinter ihm aber zuklappte, glaubte ich eher, dass er sich nur Verstärkung holen wollte, um mich aus seinem Büro hinaus zu befördern. Schließlich war er nicht mehr der Jüngste, ich dagegen im besten Alter, dazu noch ein Verbrecher. Ich spielte schon mit dem Gedanken mich wie ein geprügelter Hund davon­zuschleichen, als auch schon die Bürotüre hinter mir geöffnet wurde. Unheil erwartend zog ich den Kopf ein. Erst als die teppichgedämpften Schritte neben mir an dem breiten, antiken Schreibtisch halt machten, ohne dass weitere Personen den Raum betraten, wagte ich meinen Kopf zu drehen. Vor bzw. neben mir, stand mein zukünftiger Arbeitgeber. Er setzte ein lederbezogenes Tablett mit Goldintarsienarbeit auf dem Schreibtisch ab.

Auf dem Tablett stand eine Flasche Cognac vom Feinsten. Einer mit fünf Sternen, versteht sich. Daneben zwei echte Cognacgläser. Ich meine damit diese überdimensionalen Gläser, wo sich das Aroma des Cognacs so richtig ausbreiten konnte, dabei kaum den Boden des Glases ausfüllend. Ich verspreche es allen, insbesondere denjenigen, die noch nie das Vergnügen hatten, an solch einem Tropfen zu schnüffeln, dass sie dieses einmalige Bukett nie wieder vergessen werden. Aus eben dieser Flasche goss er uns höchstpersönlich gerade soviel ein, wie es den Anstand nicht verletzte. Herr W. setzte sich sein Glas mitnehmend auf seinen Chefsessel, prostete mir zu und verlangte: „Na, dann erzählen Sie mal, Herr Schulz!“ Wie nahe er der Wahrheit war, als er noch scherzhaft hinzufügte: „Wen haben Sie denn umgebracht?“

Eingedenk dessen, dass ich meinem neuen Arbeitgeber gleich im vornhinein reinen Wein ein­schenken wollte, hatte ich in meiner Zeugnismappe auch die Urteilsbegründung von meiner Verurteilung mitgebracht. „Lesen Sie selbst!“ Damit reichte ich ihm die Drucksache des Gerichts hinüber. Und tatsächlich nahm er sich die Zeit das Urteil zu lesen. Nur hin und wieder schaute er forschend über seinen Brillenrand zu mir herüber. Er zeigte keinerlei Gemütsregungen beim Lesen. Nur einmal schob er sein Cognacglas näher zu mir, sagte: „Schenken Sie uns noch einen ein!“ Gleichzeitig mit dem Herüberschieben des gelesenen Dokuments nahm er seine Lesebrille ab, schaute mich erstaunt an und bemerkte erstaunt: „Dafür sind Sie verurteilt worden? Und ich dachte immer Notwehr wäre erlaubt!“ Abgesehen von dem Verständnis welches er mir entgegenbrachte, bestand er trotzdem auf einer 14tägige Probezeit. Was ich nur Recht und Billig fand. Mit anderen Worten ich war eingestellt.

Nur wer in Selbstmitleid versinkt, versinkt auch im Alkoholsumpf.

Natürlich wurde ich in der ersten Zeit ganz besonders unter die Lupe genommen. Die Arbeitsweise der bereits langjährig in seinem Betrieb arbeitenden kannte er ja bereits. Ich war es von meinen Anfängen in diesem Beruf gewohnt mit der auch in diesem Restaurant verkehrenden Prominenz umzugehen. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich dort bis zu meiner Rente arbeiten können. Doch wieder einmal machte die Justiz mir einen Strich durch die Rechnung. Oder auch meine unbeherrschte Wut über die Aussage, der beiden Bäckersöhne, denen ich im folgenden Frühjahr beim Frühlingsfest begegnete. Obwohl ich einen festen Arbeitsplatz und einen Wohnsitz hatte, alles Kriterien die eigentlich eine U-Haft überflüssig machen, wurde ich dennoch gleich in den Bau gesteckt. Mit der Reststrafe aus meiner Bewährungszeit von 11 Monaten verbrachte ich wieder 18 Monate hinter schwedischen Gardinen. 1972 stand ich dann wieder mit Nix auf der Straße. Nur wer in Selbstmitleid versinkt und das tun nicht wenige der Ex Knackis, versinkt auch im Alkoholsumpf. Der Abstieg zum Penner ist vorprogrammiert. Für solch eine Karriere war ich mir zu schade. Ich war, blieb ein stolzer und dickköpfiger Ostpreuße. Hatte ich doch bereits schon viel schwierigere Lebenslagen gemeistert.

Meine Perle hatte sich längst einen neuen Stecher zugelegt. Im Kröpke Cafe genoss ich meine neu­gewonnene Freiheit bei einer Tasse Kaffee und Cognac. Und wie es der Zufall wollte kam eine ehemalige Kollegin herein. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass sie schon längst ein Auge auf mich geworfen hatte. Ich glaubte sie zu schocken, als ich ihr unumwunden, als sie mich gefragt hatte, wo ich den solange gewesen wäre, die Wahrheit über mein zwischenzeitliches Studium der Knastologie und Gitterkunde berichtete. Verstehe einer die Frauen! Von wegen geschockt! Sie troff vor lauter Mitleid. Ich brauchte dann nicht nur nicht meine Zeche zahlen. Sie sorgte anschließend auch sehr hingebungsvoll dafür, dass mein Hormonhaushalt wieder in Ordnung kam. Von einem Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte ich bis dato noch nie etwas gehört. So verdiente ich mir mein Geld, wie schon zu TBC Zeiten, als Kaschemmenkellner im Rotlichtmilieu. Schwarz natürlich.

Ich meldete mich in einer Fahrschule an, begann auch gleich mit den Fahrstunden. Schon nach vier Wochen war ich reif dafür, die Prüfung abzulegen. Doch unser rechtstaatliches System hatte etwas dagegen, dass ein Vorbestrafter den Führerschein erwarb.

auf Grund meiner Vorstrafen nicht geeignet ein KFZ zu führen

Einen Tag vor meiner Prüfung flatterte wieder einmal ein blauer Brief ein. In der Zeit, wo ich beim DRK meinen Erste-Hilfe-Kurs-Schein gemacht und jede Menge Fahrstunden absolviert hatte, meine Theoriestunden besuchte, durchliefen meine Papiere alle Instanzen. Laut Führungszeugnis, so stand es in dem Schreiben, wäre ich auf Grund meiner Vorstrafen nicht geeignet ein KFZ zu führen. Basta! Abgesehen von den Unkosten die ich bereits gehabt hatte, regte mich ganz besonders der Zusatz im besagten Schreiben auf: Für den Ablehnungsbescheid, verlangte die Behörde, solle ich auch noch 40 Mark blechen. Fragen Sie mich bitte nicht, ob ich deswegen sauer war! Es gab da aber noch einen ganz anderen Aspekt. Meine neue Freundin, eine der ersten weiblichen ausgebildeten Kellnerinnen hatte schon viel mehr Erfahrung im Beruf gesammelt. Zum einen war sie zwei Jahre älter als ich, zum anderen fehlten ihr ja auch nicht meine verlorenen Knastjahre. In den letzten Jahren war sie eigentlich immer nur in den Wintermonaten in Hannover, um in der Nähe ihrer Familie zu sein und, weil sie nicht viel davon hielt, in der kalten Saison irgendwo im Schnee zu arbeiten. Aber in der Sommersaison, so erklärte sie mir, wäre ordentlich Kohle zu machen. So hatten wir längst beschlossen und natürlich auch bereits einen Arbeitsvertrag weiter südlich von Hannover unterschrieben. Genauer gesagt im schönen Spessart. Nur, um dort zu arbeiten brauchte man unbedingt einen fahrbaren Untersatz. Genau dort, wo man den Film „Das Wirtshaus im Spessart“[1] gedreht hatte, befand sich unser Arbeitsplatz. Vier Kilometer davon entfernt aber hatten wir uns eine Unterkunft ausgeguckt. Rohrbrunn war die nächste Ortschaft. Ansonsten gab es außer der Raststätte, wo wir arbeiten wollten, und viel Wald dazwischen keine andere Möglichkeit. Höchstens noch in Mespelbrunn, wo der andere Film mit Liselotte Pulver gedreht wurde. „Das Spukschloss im Spessart“[2].

Die RAF war schuld, dass mein führerscheinloses Fahren aufflog.

Aber das war noch weiter entfernt. Ich war mir ganz sicher die Führerscheinprüfung zu bestehen, hatte schon mal ein niedliches, kleines Auto, einen NSU Prinz als Gebrauchtwagen gekauft. Weil damals noch keine Nacht-, noch Autobahnfahrten im Programm standen, so übte ich dies schon mal ganz nebenbei. Einen Führerschein gab es also nicht; der Arbeitsvertrag unterschrieben, das Zimmer angemietet und ein Auto stand auch schon vor der Türe. Was also anderes tun als den Job annehmen? Ob nun mit oder ohne Führerschein. In der Folgezeit durchquerte ich damit ganz Deutschland. Von der Insel Norderney bis an den Tegernsee. Ein Tagesausflug nach Österreich war auch drin. Das ganze ging 26 Monate lang gut. Vom kleinen Prinz über VW und Ford Capri steigerte ich mich bis hin zum dicken fetten Mercedes. Die RAF war daran schuld, dass mein führerscheinloses Fahren aufflog. Nicht doch! Nein! Ich war kein RAF Terrorist! Es wurden nur die Verkehrskontrollen verstärkt. Vor allem kontrollierten die lieben Polizisten (grrrr!) mit Vorliebe die etwas größeren Autos, die von den RAF Gruppen bevorzugt gefahren wurden. Bei solch einer Kontrolle geriet ich ins Netz. Ende mit lustig. Außer dass man mir eine Strafe in Höhe von 1116 Mark aufbrummte, verhängte man dazu noch eine zweijährige Führerscheinsperre. Das war doch schon mal ein Lichtblick. War das erste Versagen eines Führerscheins ohne Zeitlimit verfasst, so konnte ich mich doch nun darauf einrichten, dass ich nach Ablauf von zwei Jahren doch noch zum begehrten Lappen kam. Bis das aber soweit war, gab es zwar noch erwähnenswerte Ereignisse, die Sie aber nicht alle wissen müssen. Pünktlich nach Ablauf von zwei Jahren meldete ich mich bei der zuständigen Behörde, um zu erfragen, ob ich denn nun endlich den Führerschein machen dürfe. Klar, wurde ich beschieden, wenn Sie den Psychologischen Eignungstest bestehen? Was war das denn? Ich erfuhr, dass man dieses auch gerne mit dem Idiotentest umschrieb. Was blieb mir anderes übrig? Wieder die vorge­schriebenen Fahrstunden. Theorie pauken. Bei der Prüfung selbst hatte der Prüfer schon nach 18 Minuten erkannt, dass ich zum Führen eines Pkws geeignet war. Wir fuhren zurück zur Fahrschule, wo an diesem Morgen alles mit der theoretischen Prüfung begonnen hatte und ging von da aus gleich um die Ecke zu meinem Mercedes! Was denn? Ich brauchte das Auto um zu meiner sieben Kilometer entfernten Arbeitsstelle zu kommen. Vormittags wäre es ja noch gegangen, mit dem Bus dorthin zu kommen, nachdem ich etwa zwei Kilometer bis zur Bushaltestelle zu Fuß zurückgelegt hätte. Aber nachts, wenn ich Feierabend hatte, fuhr gar kein Bus mehr! Ich nehme doch stark an, dass dieser Straftatbestand auch unter eine Verjährungsfrist fällt. Wenn nicht, auch egal. Ich kann mir mit meinen 451 EUR Rente ohnehin kein Auto mehr leisten. [3]

„Entweder du nimmst den Jungen oder ich stecke ihn ins Heim!“

In welchem Desaster der erste Versuch eine Familie aufzubauen geendet ist, haben Sie ja bereits gelesen. Ich möchte hier nicht auch noch in Erinnerungen schwelgen, was mir die Zweite einge­bracht hat. Nur soviel: das verflixte siebte Jahr! Hatte ich es schon wieder geschafft, durch meiner Hände Arbeit ganz weit nach vorne zu kommen, so fühlte sich meine um 16 Jahre jüngere Frau vernachlässigt. Sie trieb es doch tatsächlich im Nebenzimmer. Die erste und einzige Ohrfeige, die ich jemals einer Frau verpasst habe – und ich zog aus. Kurz bevor der Scheidungstermin anstand, kam meine zweite Frau zu mir, stellte mich vor die Alternative: „Entweder du nimmst den Jungen (mein dritter Sohn) oder ich stecke ihn ins Heim!“[4] Bei der bloßen Erwähnung des Wortes Heim klingelten bei mir sämtliche Alarmglocken. Sie erinnern sich an mein Heimleben?

Wenn man vom Teufel spricht…….Ende April 2006 lasse ich mich von der Sonne herauslocken. Ich lasse mich etwa vier Kilometer weit bis in die Stadtmitte treiben. Gerade noch hatte ich darüber nachgedacht, wie fremd ich eigentlich in dieser Stadt geworden war, weil ich doch ganze 10 Jahre völlig aus dem Verkehr gezogen worden war, da quert doch eine menschliche Gestalt meinen Weg die mir nur allzu vertraut erscheint. Immer noch der gleiche Haarschnitt und die eingefärbte tizianrote Farbe. Die Größe stimmte auch. Langsam begann ich ihren 20 Meter Vorsprung aufzuholen. Leichter konnte sie es mir nicht machen, um mir letztendlich sicher zu sein. Sie hielt vor einer öffentlichen Tele­fon­box, steckte eine Karte hinein. Derweil lehnte ich mich außen an die Plexiglasverkleidung und konnte ihr direkt ins Gesicht sehen. Kein Zweifel. Selbst nach über dreißig Jahren erkannte ich sie wieder.

An dieser Stelle muss ich nun doch nochmals auf meine Erinnerungen zurückgreifen. Hatte ich nur ziemlich kurz abgehandelt, dass ich im Jahre 1971 von einer erfahrenen Kollegin erstmals erfahren hatte, dass ein Kellner in der Sommersaison richtig gutes Geld verdienen kann, wenn man nur bereit ist die Großstadt zu verlassen und den Bewohnern in den Urlaub folgt. Es war dann nicht bei bloßer Kollegialität geblieben. Nachdem wir dann im Spessart eine finanziell erfolgreiche Saison durchgestanden hatten, fuhren wir führerscheinlos weiter zum Tegernsee und machten selbst erst einmal unseren wohlverdienten Urlaub. Wieder in Hannover eingetroffen, wo wir ja beide unsere Familienangehörigen hatten, dachten wir gar nicht daran vom Arbeitslosengeld zu leben. Denn in den Wintermonaten gab es wieder ein Überangebot von Servicepersonal in der Stadt. Viele in der Gastronomie Tätigen lebten von diesem Job Hopping.

Einer der größten Spielautomatenaufsteller der Stadt hatte mehrere Kneipen von den Brauereien angepachtet. Für die Bewirtschaftung dieser Kneipen suchte er Leute, die auf Prozentbasis in seinen Kneipen arbeiteten. Wir meldeten uns, ließen uns die Geschäftsbedingungen erklären und zeigten uns bereit, solch einen Job bis zur nächsten Sommersaison anzunehmen. Von allen von ihm gelie­ferten Getränken bekamen wir unsere 10% Provision. Kaffee und Tee konnten wir auf eigene Rech­nung verkaufen. Der Boss war ganz schön sauer, als unser Verbleiben bei ihm nur knapp zwei Monate anhielt. Eigentlich sollten wir am Sonntag auch mal ein paar Stunden für uns haben. Es stand im Vertrag, dass wir am Sonntag nach dem Frühschoppen, der um 13 Uhr endete, die Kneipe schließen durften. Aber machen Sie mal den Stammgästen, die hauptsächlich aus Jung­gesellen bestanden, klar dass sie nun nach Hause zu gehen hatten. Die meisten standen schon morgens gegen neun Uhr vor der Türe, bis gegen 13 Uhr hatten sie schon so einiges Intus und stellten sich dann einfach stur, wenn es hieß: große Pause bis 18 Uhr. Auch an schlechten Novem­bertagen kamen meine Mutter und mein Stiefvater angeradelt, um ein paar Sonntags­stunden mit mir zu verbringen. Da man mir nachsagte, dass alles was ich koche auch gegessen werden könnte, war es für mich eine Freude, auch mal meine Mutter verwöhnen zu dürfen. Also bereitete ich in der winzig kleinen Küche ein Sonntagessen für uns vier Personen. Zwar hatte ich die Kneipentüre abge­schlossen, aber einige Unentwegte konnte ich einfach nicht rausbekommen. So lief denen dann das Wasser im Munde zusammen, wie sie zusehen mussten, wie wir am Stamm­tisch sitzend unsere Mahlzeit verzehrten. Ich weiß noch ganz genau, dass ich bei unserem ersten Zusammensein Forelle Müllerin zubereitet hatte. Eine Aumage[5] an meine liebe Mutter die, wenn sie die Wahl hatte, Fleisch für Fisch stehen ließ. Die gebratene Forelle verbreitete einen Duft in der kleinen Kneipe, der den verbliebenen Gästen in die Nase stieg. Als meine Mutter auch noch das Salatdressing lobte, fragte doch einer der Gäste, ob nicht noch eine Forelle übrig sei. „Da würde ich auch nicht Nein sagen!“ machte sich ein zweiter lippenleckend bemerkbar. Da hatte ich den Salat. Tags zuvor hatte ich von einem Gast, einem Hobby Angler, zehn ganz frische Harzer Bach­forellen abgekauft. Während meine Mutter nochmals Kartoffeln schälte, ließ ich vier weitere Forellen in der Pfanne brutzeln und rührte frische Salatsauce an.

Von da an war ich nicht nur mehr Bierzapfer, sondern auch noch Koch. Irgendwie hatte es sich schnell herumgesprochen. In der Nähe befand sich ein größeres Autohaus mit vielen Angestellten sowie ein Straßenbahndepot. Schon bald reichten die drei Kneipentische bei weitem nicht mehr aus, um die Kundschaft aufzunehmen. Also wurde der in einem Nebenraum stehende Kröckeltisch[6] in die Ecke gestellt, dafür kamen vier weitere Tische. Dem Besitzer war es nur Recht, verdiente er doch an den Getränken auch seinen Teil. Brauchte zuerst immer nur einer kurz vor 11 im Laden zu sein, so musste ich schon bald spätestens um 9 Uhr in der Küche stehen, um den täglich wech­selnden Mittagstisch vorzubereiten. Bis 1 Uhr Nachts, so stand es im Vertrag, musste die Kneipe geöffnet sein. Nachmittags und abends fand ich dann „Entspannung“, indem ich mit den Gästen eine Runde nach der anderen ausknobelte. Was der „Wirt“ trinkt, trinkt auch der mitkno­belnde Gast. Ich bevorzugte „Pünktchen!“ Pünktchen bestand aus 20 Gramm Weinbrand und etwa gleich­viel Cola. Im Durchschnitt kam ich so im Laufe des Tages auf eine 0,7 Liter Weinbrand. Dann setzte ich mich immer noch führerscheinlos ins Auto und fuhr für ein paar Stunden Schlaf nach Hause. Bloß gut das sich daran bald etwas änderte. Meine Magenschleimhaut begann schon zu rebellieren.

Und dann gleich so ein großes Objekt!?

Eines Abends bat mich ein mir noch völlig unbekannter, sehr gut gekleideter Gast um ein paar ungestörte Minuten. Ich vermutete in ihm einen Vertreter und wollte ihn schon damit abwimmeln, indem ich ihm sagte, dass ich hier nur Angestellter und überhaupt nicht befugt sei, irgendwelche Verträge abzuschließen. Es war schon richtig, dass er ein Vertreter wäre, aber in einer ganz ande­ren Angelegenheit käme, einer die mir von Nutzen sein könnte. Also fand ich eine ruhige Ecke, um mir anzuhören, was er mir denn nützliches zu sagen hätte. Es stellte sich heraus, dass sich meine gute Küche schon bis zur verpachtenden Brauerei herumgesprochen hatte. Dort fand man es ziem­lich ungewöhnlich, dass solch eine kleine Kneipe solch einen Aufschwung genommen hatte. Nun läge es der Brauerei aber am Herzen, einem guten Kunden einen geeigneten Pächter zu vermitteln. Ich erfuhr dabei auch, dass bereits zweimal jemand zum Probeessen da gewesen wäre und man mich deshalb für prädestiniert hielt, mir die Pacht anzubieten. Es handele sich dabei um ein Restau­rant mit 84 Sitzplätzen im Inneren und einer großen Terrasse. Nein, nicht hier in der Stadt, vielmehr wäre es ein Flugplatzcasino mit angeschlossenem Hotel, welches 16 Betten umfasse. Etwa 50 Kilometer von Hannover entfernt. Ob ich wohl bereit wäre mir das Objekt anzusehen, fragte mich der Vertreter. Ohne Rücksprache mit meiner Lebensabschnittsgefährtin wollte ich darüber nicht entscheiden. Der Mann blieb doch tatsächlich noch fast zwei Stunden sitzen, gab sich den Gästen gegenüber als Brauereivertreter zu erkennen und schmiss auch noch ein paar Runden und wartete geduldig bis auch E. Zeit für ein Gespräch fand. Während der Gäste­kreis immer dünner wurde, konnte ich ihr zwischendurch schon mal das Wichtigste erzählen. So wurden wir uns dann ziemlich schnell einig und für den nächsten Kneipenruhetag ein Treffen ausgemacht. Am Zielort angekommen, erfuhren wir, dass dies der derzeit größte Privatflugplatz Europas wäre. Was aber den Ausschlag gab in diesen Pachtvertrag einzusteigen, war die Sympathie, die der Besitzer ausstrahlte. Das lag vor allem daran, dass er Ostpreuße wie ich war oder umgekehrt. Als mein Landsmann uns dann in das eigentliche Pachtobjekt einführte, konnte ich nicht anders als begeistert sein. Ich war beeindruckt von dem riesigen Tower, zu dem ich vom Restaurant direkten Zugang hatte, als auch von den riesigen Hangars und der gegenüberliegenden eigenen Repara­turwerkstatt. Ein ganz in der Nähe befindlicher Flachbau beherbergte eine Flugschule. Eine doppelte, 800 Meter lange Start- und Landebahn mit Runway, wo später sogar viermotorige Maschinen landeten und starteten, machte mich fast sprachlos, aber auch ein wenig ängstlich vor der Aufgabe, die mich hier erwartete. Vor allem die 240 Personen fassende Außenterrasse, die es ja auch zu bewirten gab. Nicht dass es mir an Fachwissen oder gar an Selbstbewusstsein mangelte, aber das Ganze erschien mir doch etwas zu überdimensional. Ich dachte auch sofort an die Perso­nalfrage. Schließlich lag dieser Flugplatz mitten zwischen nichts als Feldern und Wäldern. Die nächste Ortschaft war links vom Flugfeld mindestens 2 Km und nach rechts mehr als 3 Km ent­fernt. Der nächste Bahnhof fast acht Kilometer. E. allerdings war vollauf begeistert und wollte sofort unterschreiben. Ich musste sie ganz schön bremsen. Man beruhigte uns aber dahingehend, dass bis vor vier Monaten der vorige Pächter aus Gesundheitsgründen aufgeben musste, dieser immer drei feste Aushilfen gehabt hätte, deren Adressen man uns gerne geben würde. Der Besitzer bat uns inständig, doch den Vertrag einzugehen. Der eigentliche Flugbetrieb würde kolossal darun­ter leiden, dass es seit vier Monaten weder ein Hotelbett gäbe, noch ein Butterbrot zu haben sei. Des­halb würden fast alle Stammgäste, die zum Teil aus Italien, der Schweiz und dem Süddeutschen Raum kämen und weiter nach Skandinavien wollten einen Umweg fliegen müssen. Ich bat mir eine Woche Bedenkzeit aus, um das Für und Wider abzuwägen. Und wenn überhaupt würde ich erstmal nur einen Einjahresvertrag unterschreiben. Schließlich war ich noch nie selbstän­dig gewesen. Und dann gleich so ein großes Objekt!? Hinzu kam noch: die Heizperiode war im vollen Gange, dass wir gar nicht das nötige Startkapital hatten, um die Ölkessel aufzufüllen und dann noch der nötige Warenbestand! Aber schon zwei Tage später, ohne die Woche Bedenkzeit abwarten können, rief mich mein Landsmann an. Ich legte ihm nun ganz offen dar, wie es um unsere finanzielle Situation bestellt sei und wir uns schon von daher dagegen entscheiden müssten.

„Aber Herr Schulz! darüber können wir doch reden. Ich bin bereit, Ihnen alles für die Erstaus­stat­tung zur Verfügung zu stellen!“. Dieses Angebot, sich vom Kriegskind, welches sich von Katzen und Kartoffelschalen sowie vom Brot­betteln ernähren musste, über die Heimkarriere und dem Studium der Knast- und Gitterkunde, sollte ich nun Chef werden, war einfach zu verlockend. „Dieter, du wärst ganz schön blöd, würdest du diese Chance nicht beim Schopfe packen!“ dachte ich bei mir. Was besagte da schon der Passus im Pachtvertrag, dass das Flugplatzcasino täglich! geöffnet sein müsse, wie ein Bahnhof. Freie Tage gab es nur dann, wenn das Wetter keinen Flugbetrieb zuließe. Aber war ich es nicht gewohnt ständig im Stress zu leben? Hatte ich nicht schon immer, soweit ich zurückdenken kann fremdbestimmt gelebt? Wann hatte ich als Steward zur See schon mal einen freien Tag gehabt, außer wenn wir mal kurze Zeit im Hafen lagen? Hätte ich nicht genügend Abwechslung bei der Betreuung der Gäste? Liebte ich nicht gerade diesen Umstand ständig mit neuen Gesichtern und Charakteren zu leben? Wir sagten zu!

War ich es nicht gewohnt ständig im Stress zu leben?

Bloß gut, dass ich dahingehend Vorsorge betrieben hatte, dass ich vorerst nur einen Einjahres­ver­trag unterschrieb, welcher sich automatisch auf fünf Jahre verlängern sollte, sollte keine rechtzeitige Kündigung erfolgen. Unter den ansässigen Fliegern befand sich auch ein Zeitungsmensch. Dieser entwarf für uns eine ganz tolle Zeitungsannonce. Die Brauerei, deren Biersorte ich in der Annonce erwähnte, die ich auszuschenken gedachte, schickte mir einen Scheck, der meine Unkosten um eini­ges überschritt. Ich hatte nur wenige Tage Zeit anlässlich eines Jubiläums ein Kaltes Büffet zu zau­bern. Wir mussten dann auch noch in dem eigentlich für 84 Gäste konzipiertem Gastraum 102 Plätze bewerkstelligen. Die Kasse begann zu klingeln. Und dann schon wieder am 6. Dezember. Es war zur Tradition geworden, dass ein auf einem Doppel­decker stehender Nikolaus Süßigkeiten und kleine Plüschtiere auf das Publikum herunterwarf. Das war aber noch längst nicht alles. Zur Tradi­tion gehörte auch, dass die Gäste anschließend im Restaurant mit Heringsfilet nach Hausfrauenart bewirtet wurden. Auf jedem Tisch wurden große Schüsseln mit Sahnehering, Pellkartoffeln, Brot und Butter gestellt. Nur gut, dass ich meine Mutter, ja, auch meinen Stiefvater zur Hilfe hatte. Das Restau­rant reichte bei weitem nicht aus, den Gäste­andrang aufzunehmen. Dick eingemummelt saßen etwa 100 Gäste auch noch auf der Som­mer­terrasse und warteten auch dort auf Bedienung. Als hätte es meine Mutter geahnt. Sie hatte mich dazu überredet, nicht in der Metro[7] die viel teureren Fischfilets zu kaufen, sondern den Hering fässerweise direkt aus Bremen kommen zu lassen. Viele Stunden stand sie dann in der Küche, nahm die Fische aus, filetierte sie, warf diese Filets in zwei große Wannen. Sie schnitt Unmengen von Zwiebeln, Gurken und Äpfeln klein, die ebenfalls in den Wannen landeten. Bei der Metro hatte ich nur die Gewürze als auch palettenweise 2 ½ Liter Dosen Sahne und Mayonnaise eingekauft. Für eine feste Summe konnte jeder Gast soviel davon essen wie er nur konnte. Meinen Reibach machte ich dennoch. Schon alleine die Getränke, die dabei verzehrt wurden sorgten für guten Umsatz. Noch tagelang danach riefen Gäste an und fragten, ob denn noch etwas von dem leckeren Hering da wäre.

Das Personal der am Flugplatz hängenden Betriebe, sowie eine in der Nachbarschaft ansässige Firma waren fortan meine Stammgäste. Und natürlich die Piloten, die wieder begannen diesen Platz anzufliegen. Eine Sechsergemeinschaft von Piloten nebst Frauen kam regelmäßig aus Berlin, um hier in Westdeutschland ihrem Hobby Fliegen nachzukommen. An Gästemangel litten wir bestimmt nicht. Ärger bekam ich nur mit der Frau meines Boss. Der kam nämlich öfter zu mir zum Essen als es seiner Frau lieb war. Wartete sie doch des Öfteren am gedeckten Mittagstisch zu Hause auf ihren Mann, während dieser sich den Magen bei mir vollschlug. Zwischen Ihrem Mann und mir hatte sich ein inniges Verhältnis entwickelt. Des Öfteren kam er auch am Abend querfeld­ein in Gummistiefeln zu mir herüber, um sich mal auszuquatschen. Sprach dabei gerne einer Flasche Morio Muskat zuviel zu. Böse Blicke auf mich werfend durfte sie ihren Mann dann des Öfteren abholen. Bei diesen Gesprächen erfuhr ich dann auch so ganz nebenbei, wie er als Ostpreuße, der doch wie jeder andere auch nur mit 40 Mark angefangen hatte, zu seinem Reichtum gekommen war. Eigentlich hatte er ja noch in Ostpreußen Förster gelernt. Konnte sich aber nicht daran gewöhnen, einem toten Reh in die traurigen Augen zu blicken. Er begann zu tüfteln. Der Türöffnungsmechanis­mus eines jeden VW, der noch heute an jedem dieser Autos existiert, ist auf seinem Mist gewach­sen. So wurde mein Boss zum Millionär, bekommt noch heute für jeden Türgriff mindestens einen Cent. Auch wie er zur Fliegerei gekommen war erzählte er mir. Ein chronisches Asthmaleiden hatte seinen Arzt bewogen, ihm Höhenluft zu verordnen. Ursprünglich von Höhenangst befallen ging er dennoch auf Anraten seines Arztes in die Berge. Dort verlor er dann auch seine Höhenangst. Um sich aber immer die weite Reise und Zeit zu sparen in die Berge zu fahren, legte er sich ganz in der Nähe seiner Erfindungswerkstatt eben diesen Flugplatz an.

Der Tag als die Bombe platzte

An dem Verhältnis zwischen meinem Verpächter und mir oder gar an der langen Arbeitszeit lag es bestimmt nicht, dass ich den Pachtvertrag dann doch nicht um weitere fünf Jahre verlängerte. Ganz und gar nicht! Vielmehr war es wieder einmal eine Frau, genauer gesagt die besagte Lebensab­schnittsgefährtin, die meine Zukunftspläne zunichte machte. Einmal in der Woche musste ich nach Hannover fahren, um beim Großhandel einzukaufen. Zu der Zeit gab es noch keine EC Karten oder dergleichen. Schecks wurden nicht angenommen. Beim Einkauf zählte nur Bares. Vorausschicken muss ich noch, dass ich als Vorbestrafter natürlich keine Gaststättenkonzession bekam. Deshalb hatte ja auch E. den Pachtvertrag unterschreiben müssen. Bei der Bank und unserer Konto­führung waren wir allerdings gleichberechtigt. Also, immer wenn ich zum Einkaufen fuhr, hielt ich bei der Bank an, holte Kontoauszüge ab, zahlte manchmal Geld ein oder hob das nötige ab. Bei solch einer Gelegenheit kam der große Knall!

Zunächst glaubte ich ja wieder an einen Fehler meiner Bank. War es doch schon mal passiert, dass unser Konto plötzlich um eine ziemlich erkleckliche Summe angewachsen war. Ich muss wohl damals so ein verblüfftes Gesicht gemacht haben, so dass der Schalterbeamte[8] es mir ansehen musste, dass da etwas nicht stimmen konnte. Beflissen war er zu mir gekommen und hatte gefragt, ob etwas nicht stimme. Ich ehrliche Haut reichte ihm die Kontoauszüge hinüber und fragte wie unser Konto zu solch einer Einzahlungssumme komme. Nach kurzer Prüfung stellte sich heraus, dass da ein Zahlendreher uns kurzfristig zu richtig reichen Leute gemacht hatte. Natürlich wurde der Fehler umgehend berichtigt. An solch einen Fehler dachte ich an dem Tag als die Bombe platzte. Nur diesmal war unser Konto nicht begünstigt. Vielmehr war es fast leer. In etwa hatte ich ja den Überblick. Nicht auf die Mark genau, aber auf fast Null, das konnte nicht sein. Wieder war es der gleiche Schalterangestellte, der mir zu Hilfe kam. Doch wirklich helfen konnte er mir diesmal nicht. Was ich von ihm erfuhr, bescherte mir Puddingknie. Wie ich erfahren musste, war meine liebe E. ein paar Tage vorher da gewesen und hatte etwas über 70000 Mark abgehoben. Ohne mir überhaupt ein Wort davon zu sagen.

Was ich dann zu hören bekam, machte mich erst recht fassungslos.

Zu keinem klaren Gedanken mehr fähig setzte ich mich ins Auto und fuhr zurück. E. ahnte wohl schon, was auf sie zukam, als ich so schnell, zu schnell, wieder auftauchte. Außerdem verhießen meine Blicke nichts Gutes. Sofort setzte sie ihr Trotzgesicht auf, verschränkte ihre Arme vor der Brust und begann sofort mit ihrer Verteidigung. „Bevor du anfängst auszurasten hör mir erstmal zu!“ Was ich dann zu hören bekam, machte mich erst recht fassungslos. Als Erstes versuchte sie mich dahingehend zu beschwichtigen, dass ich dann ja bei der nächsten Jahresabrechnung ihre anteilige Hälfte einbehalten könne. Über den Verbleib der relativ großen Summe, zumindest in meinen Augen zu damaliger Zeit, legte sie dann auf Nachfrage auch Rechenschaft ab. Sie hatte ihrer jüngsten Schwester den Auszug bei den Eltern ermöglicht. Dazu gehörte natürlich auch eine komplette neue Wohnungseinrichtung, nebst Mietsicherheit und Maklergebühren. Mir schien, E. hätte ihrer Schwester einen Palast eingerichtet. Zumal die Kaufkraft der D-Mark Anfang der sieb­ziger Jahre mit dem heutigen Geld nicht zu vergleichen ist. Dieses hielt ich ihr auch vor. Schon etwas kleinlauter gab sie dann auch zu, sich selbst auch etwas Besonderes gegönnt zu haben. Das Besondere bestand aus einem 3/4 langen Ozelotmantel! Für soviel Luxus hatte ich nun gar kein Verständnis. Mir hatte sie Vorhaltungen gemacht, wenn ich meiner Mutter mal etwas Geld zusteckte, wenn sie jedes Mal hilfsbereit zur Stelle war, wenn abzusehen war, dass wir beide den Gästeandrang nicht alleine würden bewältigen können. Zumal der Sommer sehr schön gewesen war und ganze Familien in Scharen zum Flugzeuggucken gekommen waren. Wir bekamen immer wieder zu hören, dass Kinder ihre Eltern solange genervt hatten, bis ein geplanter Zoo Besuch zum Flugzeuggucken umdisponiert wurde. Wer es sich leisten konnte, durfte auch einen Rundflug genießen. Alles in Allem war es ein sehr erfolgreiches, aber auch arbeitsintensives Jahr gewesen. Dass ich jetzt auch noch leer ausgehen würde, das mochte ich nicht hinnehmen. Wer sagte mir denn, dass E. sich nicht wieder von unserem Konto bediente. Ihr Vorschlag besagte nämlich, dass sie erst in zwei Jahren wieder ihren Geschäftsanteil beanspruchen konnte. Im Gegensatz zu mir hatte sie jede Woche auf einen freien Tag bestanden, wo sie sich großkotzig mit einem Taxi in das 50 Kilometer entfernte Hannover fahren ließ, um dort mit ihren Freundinnen auf ihre Kosten die Sau rauszulassen. In ihrer Eitelkeit sonnte sie sich im Neid der meist ehemaligen Kolleginnen und ließ sich als Chefin feiern. Das alles nahm ich ja noch gelassen hin, da ich im Grunde genommen in meine Arbeit, meinen Erfolg verliebt war. Da ich aber mit dieser Frau keine weitere Perspektive erkennen konnte, musste ich dem Besitzer die traurige Mitteilung machen, dass ich den fälligen Fünfjahresvertrag leider nicht unterschreiben könne.

Mein Boss empfand dies als persönlichen Tiefschlag, wo doch allem Anschein nach alles bestens lief. Ich mochte E. nicht in die Pfanne hauen, schob den Gesundheitszustand meiner Mutter vor. Ein paar Wochen noch musste ich mit E. den Laden offen halten, dann trennten sich unsere Wege. A fonds perdu![9]

 

Fußnoten

[1] Eine nette Räuberpistole aus den 50er Jahren https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Wirtshaus_im_Spessart_(1958)

[2] Eine Art Fortsetzng https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Spukschlo%C3%9F_im_Spessart

[3] Von der Sache her eine Wiederholung. Darum in der Fußnote: 451 EUR Rente? Lieber Leser, obwohl ich auch immer, während meiner insgesamt 17 Jahre Haftzeit gearbeitet habe, hat der Staat niemals für mich Rentenbeiträge eingezahlt. Von wegen Knacki lebt auf Steuerzahlerkosten. 30 Jahre habe ich dennoch geklebt. Nur leider haben mich die 11 Jahre Versorgungsausgleich für meine Ehefrauen soweit runter gedrückt. Sowohl meine Erste als auch Zweite Ehefrau hatten es nicht nötig zu arbeiten. Ich verdiente ja gutes Geld, wenn man mich denn arbeiten ließ, während die angetrauten für eine saubere Wohnung und ordentlich erzogene Kinder zuständig sein sollten.

[4] Mehr dazu im nächsten Kapitel

[5] Gemeint ist Hommage im Sinne von Ehrung https://neueswort.de/hommage/

[6] Krökeltisch = Tischfußballtisch. Tischfußball ist in bestimmten Regionen unter anderen Namen bekannt. In Hannover und Umgebung kennt man den Sport unter dem Namen Krökeln, ein Tischfußballtisch wird dem­ent­sprechend als ‚Krökler‘ bezeichnet. Der Begriff kommt von der Bezeichnung Krökel für eine Eisenstange im Hannoverschen. https://de.wikipedia.org/wiki/Tischfu%C3%9Fball

[7] Gemeint ist ein Handelsunternehmen der Metrogruppe https://de.wikipedia.org/wiki/Metro_Group

[8] Eine damals gängige Bezeichnung auch für Bankangestellte https://de.wikipedia.org/wiki/Bankbeamter

[9] Kapital ohne Aussicht auf Wiedererlangen http://www.wissen.de/fremdwort/fonds-perdu

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»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVII

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Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Raus aus’m Celler Knast

Obwohl inzwischen 36 Jahre vergangen sind, kann ich mich noch genau an den Wortlaut erinnern, der in diesem amtlichen Schreiben niedergeschrieben war. „Auf Ihr Schreiben vom … Antrag auf vorzeitige Haftentlassung ist die … Strafkammer des Landgerichts zu dem Beschluss gekommen … Im Falle, dass Sie der Strafkammer einen festen Wohnsitz und einen Arbeitsplatz nachweisen können, steht Ihrer vorzeitigen Entlassung nichts mehr im Wege“.

„Schulz, was hast du denn? Es hat doch geklappt. Also kein Grund so trübsinnig da zu sitzen!“ sagte der Beamte zu mir, nachdem er gelesen hatte, was ich herüber gereicht hatte. „Toll! soll ich jetzt eine Annonce in die Zeitung setzen? Zuchthäusler sucht Arbeit, damit er vorzeitig entlassen werden kann?“ fragte ich ihn. An seiner Äußerung erkannte ich wieder einmal, dass so ein Tür­schließer nicht von hier bis jetzt denken konnte. Über meine Aussage jedoch machte er sich doch tatsächlich Gedanken. Er schaute auf seine Uhr „Mensch Schulz, der Anstaltsleiter hat doch heute seine monatliche Sprechstunde, wo die Gefangenen angehört werden, die sich per Antrag bei ihm vorgemeldet haben!“ – „Na und ? Habe ich mich vorgemeldet, habe ich einen Termin?“ – „Warte! Ich versuche das hinzukriegen. Vielleicht kann ich dich da noch mit reinschieben!“ Er verschloss vorsorglich und gewissenhaft meine Zellentüre und eilte zum Telefon. Kurz darauf bei der Abend­brotausgabe strahlte er übers ganze Gesicht. „Geht klar, Schulz. Du kommst gleich zum Anstaltsleiter!“.

Ich bewundere das phänomenale Namensgedächtnis des Anstaltsleiters. „Was gibt es denn so Dringendes, dass Sie (er war der Einzige, der das „Sie“ vor den Namen eines Gefangenen setzte) mich so dringend zu sprechen wünschen?“ begrüßte er mich in seinem Amtszimmer. „Ich doch nicht! Mein Stationsbeamter war der Meinung, dass mein Anliegen dringend wäre!“ klärte ich ihn auf. „Gut, also was gibt es?“ Wortlos reichte ich ihm das Schreiben vom Gericht hin. Er überflog die wenigen Zeilen, obwohl ich davon überzeugt war, dass er davon eine Kopie oder ähnliches bereits selbst vom Gericht erhalten hatte und schaute mich an. Fragte: „Und? Wo Ist das Problem? Wie ich weiß, haben Sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, wo Sie unterkommen können, sowie Ihre Freundin, mit der ich auch schon gesprochen habe! Und was die Arbeit angeht, sehe ich auch kein Problem. Sie haben von Ihrem letzten Arbeitgeber vor Gericht nur Lob erfahren. Wenn ich die Arbeitsmarktlage richtig sehe, dürfte es für Sie keine Schwierigkeiten geben, einen Arbeitsplatz zu finden!“ Auf seine Armbanduhr tippend meinte er nur noch: „Für heute dürfte es etwas zu spät sein. Aber wenn ich Sie morgen für drei Tage in Urlaub schicke, dürften Sie mir einen Arbeits­vertrag vorlegen können!“

So was war ja noch nie da gewesen. Ausgang und Urlaub zur Entlassungsvorbereitung war derzeit noch gar nicht vorgesehen und später auch nur über viele Formalitäten zu erreichen. Hier aber entschied der Anstaltsleiter ad hoc, dass ich am nächsten Tag schon Urlaub bekommen sollte. Und tatsächlich wurde ich am nächsten Morgen beim Aufschluss darauf aufmerksam gemacht, nicht zur Arbeit auszurücken, sondern mich gleich nach dem Frühstück auf der Asser­vatenkammer einzufinden, um mich zivil einzukleiden. Der Urlaubsschein liege bereits an der Pforte.

Hatte ich mich doch schon längst auf weitere 11 Monate in diesem Loch abgefunden, so kam diese Wendung für mich völlig überraschend. Ich hatte gar keine Zeit und Möglichkeit (meine Mutter hat bis zu ihrem Lebensende nie ein Telefon besessen), jemanden von meiner Ankunft zu unterrichten. Meine Mutter, die vom Gartenhäuschen bis zur Pforte einen Weg von gut 30 Metern zurückzulegen hatte, schlürfte mit müden Schritten und gesenktem Haupt in Richtung Gartenzaun ohne zu sehen, wem sie das Herausklingeln zu verdanken hatte. Auf halben Wege zur Garten­pforte, wo ich notgedrungen auf sie wartete, rief ich sie in freudiger Wiedersehenserwartung an. „Hallo Mutti, mach doch nicht so ein griesgrämiges Gesicht. Wir haben April, einen schönen Frühlingstag und dein Sohn kommt dich besuchen!“ Diese Ansprache hätte ich mir besser ver­kneifen sollen oder? Als meine Stimme in ihren Gehörgang eindrang, riss sie ihren Kopf hoch, blieb wie erstarrt mit weit aufgerissenem Mund und Augen auf dem Plattenweg, der zur Pforte führte, wie angewurzelt stehen. Wie sie mir später sagte, hätte sie geglaubt einen Geist in meiner Gestalt vor sich zu sehen. Vermutete sie mich doch sicher verwahrt hinter Gittern. Da meine Mutter vorläufig zu keiner Bewegung fähig war, kletterte ich notgedrungen über den Zaun. Anstatt des ansonsten üblichen Begrüßungsküsschens bekam ich nur jede Menge Tränenflüssigkeit in Höhe meines Schlüsselbeins aufs Hemd; wie oft in meiner Kindheit hatte meine Mutter MEINE Tränen trocknen, mich trösten müssen? Oh, wie stark und groß ich mich auf einmal fühlte, als ich meine Mutter auf meinen Arm gestützt ins Haus führen durfte. Ich konnte, wollte, ihren Gefühlsausbruch nicht unterbrechen. Wir saßen uns im Wohnzimmer noch eine ganze Weile, unsere Hände inein­ander verkrampft gegenüber, bis Mutter den Schock überwunden hatte. Dann aber kriegte sie sich wieder ein und machte sich Sorgen über mein leibliches Wohl.

Es war die Arbeitszeit, die viele Ehen zerstörte.

Herr Hundertmark, der Sachbearbeiter auf dem Gebiet der Gastronomie auf dem Arbeitsamt Han­nover, der mich schon seit meiner Lehrzeit kannte, zeigte sich erfreut darüber, mich mal wieder zu sehen. Auf seine Frage, wo ich denn so lange gesteckt hätte, antwortete ich ihm wahrheitsge­mäß. Er wusste es zu schätzen, dass ich ihm nichts vorlog, sondern die Wahrheit erzählte. Er meinte, dass er sich davon nicht freisprechen könnte, in meiner Situation nicht ebenso gehandelt zu haben. In den Anfängen der siebziger Jahre war es schwierig, noch richtige, gelernte Kellner zu vermitteln. Er zeigte mir eine Statistik, aus der hervorging, dass viel mehr Köche und Kellner bei dem VW-Werk oder bei Conti in Hannover als angelernte Arbeiter beschäftigt seien als den Gaststätten­betrieben zur Verfügung standen. Es war die Arbeitszeit, die viele Ehen zerstörte. Da ich mir aber geschworen hatte NIE mehr zu heiraten, ich meinen erlernten Beruf auch noch liebte, war es für mich keine Frage, ob ich dort weitermachen würde, wo ich zuletzt aufgehört hatte.

Herr Hundertmark hatte genügend freie Stellen zur Verfügung. Er riet mir allerdings, nicht unbe­dingt auf die Wahrheit großen Wert bei meiner neuen Einstellung zu legen. Deshalb auf solche Fragen nach dem letzten Arbeitsplatz vorbereitet, nahm ich mein Seefahrtsbuch zu meinem Vor­stellungsgespräch mit. Ich war ja, wie Sie sich noch erinnern können, ein cleveres Kerlchen. Auf die diesbezügliche Standardfrage, wo ich denn zuletzt gearbeitet hätte, wedelte ich mit dem Seefahrtsbuch vor der Nase meines zukünftigen Chefs herum und erklärte ihm, dass ich endlich wieder an Land arbeiten wolle, da meiner Mutter Gesundheitszustand sehr zu wünschen übrig ließe. Ich wollte in Zukunft gerne in ihrer Nähe sein. Da meine ehemalige Reederei ihren Sitz in Holland hatte, fiel es auch gar nicht weiter auf, dass ich fast in der Mitte des Jahres eine völlig unbefleckte deutsche Steuerkarte und auch eine leere Invalidenkarte, wie sie damals vonnöten war, dem Arbeitgeber gab.

Meinem neuen Arbeitgeber war das Seefahrtsbuch ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln; ich konnte ihn also ohne weiteres damit aufs Glatteis führen. Er verlangte allerdings einen Arbeitsvertrag, in dem stand, dass ich meinen Dienst schon am 1. Mai antreten sollte. Das war mehr als knapp. Schrieben wir doch bereits den 24ten April. Meinem Glück vertrauend und die Justiz in Zeitnot bringend, unterschrieb ich selbstbewusst den Arbeitsvertrag.

Das wären doch verlorene Tage für unsere junge Liebe, meinte sie.

Ich muss hier gestehen, dass ich mich erst am dritten, letzten Tag meines gewährten Urlaubs zur Arbeitsbeschaffung überhaupt darum gekümmert hatte. In den ersten Tagen hatte ich einen ganz anderen Nachholbedarf in der Freiheit. Meine neue Braut – pardon-, was ich eigentlich sagen wollte, dass meine neue Braut eine geniale Idee hatte. Warum warten, wenn ich erst am Donners­tagabend wieder in der Anstalt in Celle antanzen musste, am Freitag mein Anstaltsleiter meinen Arbeitsvertrag in der Hand hielt, dieser denselben mit viel gutem Willen und Zeit noch am Freitag zum Gericht weiterleiten würde, dann würde er frühestens am folgenden Montag beim Land­gericht eintreffen. Das wären doch verlorene Tage für unsere junge Liebe, meinte sie. Deshalb fuhr die ganze Familie mit mir mit dem Taxi direkt zum Landgericht. Nur, wie auch die Maurer ihre Kelle, wie nachgesagt, pünktlich aus der Hand fallen lassen, so machten auch die Beamten gerne pünkt­lich Feierabend. So standen wir vier ziemlich verloren auf dem Gerichtsflur vor dem Zimmer des zuständigen Staatsanwaltes, nachdem wir festgestellt hatten, dass es kurz nach 16 Uhr war. Spä­testens in sechs Stunden musste ich mich wieder in Celle einfinden, wollte ich mir meine Chance zur vorzeitigen Entlassung nicht selbst vermasseln.

Zum Glück gab es im Gerichtsgebäude aber immer noch ein paar regsame Hände. Eine niedere Kaste im Beamtengeflecht war dazu da, die Arbeit der Oberen für den nächsten Tag vorzubereiten. Ein junger Mann schob einen Wagen mit Akten beladen über den Flur und verteilte diese in die einzelnen Amtszimmer. Wie er uns da so geknickt auf dem Flur stehen sah, enttäuscht darüber, dass nur wenige Minuten gefehlt hatten, um unser Anliegen vorzubringen, fragte er, was der Anlass unse­rer Traurigkeit wäre. Nachdem ich dem jungen Mann erklärt hatte, worum es ging, sah er über­haupt kein Problem darin, unsere Verspätung wieder auszubügeln. Den mit meiner Mutter unterschriebenen Mietvertrag sowie den Arbeitsvertrag einschließlich des Briefes vom Gericht selbst mit dem Aktenzeichen versehen befestigte der junge Assistent mit einer überdimensionalen Plastik­klammer oben auf der ersten Akte, die der Staatsanwalt am nächsten Morgen zur Vorbereitung seines Termins unbedingt in die Hand nehmen musste. Der hilfsbereite junge Mann war davon überzeugt, dass der zuständige Staatsanwalt meinen Vorgang keinesfalls übersehen könne. Mit gemischten Gefühlen, nicht wissend welchen Erfolg ich haben würde, fuhr ich natürlich rechtzeitig in das Celler Loch (Entschuldigung! Dieses Celler Loch[1] wurde ja erst viel später durch die angeb­lichen RAF Terroristen in die Mauer gesprengt!) zurück. Aber wie soll ich die paar Quadratmeter sonst beschreiben?

Hatte ich doch zum ersten Male mit 23 mein erstes Bier überhaupt getrunken, war also keineswegs ein Alki, gönnte ich mir in der Bahnhofskneipe in Celle doch noch zwei kleine Bier. Ahnte ich doch schon, dass es für mich mühsam sein könnte einzuschlafen. Ein Mentholbonbon und dann waren es nur noch zweimal lang hinfallen und schon stand ich, vom Bahnhof aus gesehen vor der Gefäng­­nispforte. Mit dem nötigen Papier ausgestattet ließ man mich natürlich auch wieder rein. Dank des Gerstensaftes oder auch vielleicht, weil die letzten beiden Nächte ziemlich anstrengend gewesen waren, schlief ich dann doch recht bald den Schlaf aller Gerechten. Am nächsten Morgen rückte ich wie alle anderen wieder zur Arbeit aus. Ich wusste es ja selbst nicht, was nun auf mich zukam. Deshalb konnte ich auch keine diesbezügliche Frage konkret beantworten. Hauptsächlich wurde danach gefragt, ob ich den auch die Gelegenheit gehabt hätte, ordentlich Saft abzulassen. Ich war natürlich Kavalier und schwieg bei solchen Fragen.

Eine saubere Blitzentlassung

Die zu Zeitstrafen Verurteilten begannen in der Regel die letzten Hundert Tage im Countdown herunter zu zählen. Dieser enorme Stress blieb mir diesmal erspart. Ich bekam eine saubere Blitz­entlassung im wahrsten Sinne des Wortes. Ich setzte mich also wie gewohnt an meine Näh­ma­schine. Wie immer war unser Arbeitsbetrieb als dritter an der Reihe, um unseren gesetzlich garan­tierten Hofgang von 30 Minuten zu absolvieren. Im Zuge der Strafvollzugsreform durften wir jetzt auch schon zu zweit oder gar zu dritt nebeneinander uns unterhaltend im Karree von 20 x 80 Metern unseren Bewegungsapparat in Form halten.

Kaum hatte unsere Freistunde begonnen und mich von allen Seiten die Leidensgenossen mit Fra­gen bombardiert hatten, wie denn z.B. die Welt da draußen sich verändert hätte, da rief auch schon mein Werkmeister von oben aus dem Fenster einen seiner Kollegen vom Hofdienst zu, er möge doch den Dieter Schulz zu ihm schicken. Im Betrieb angekommen schaute der Beamte mich von oben bis unten an, fragte: „Schulz, hast du im Urlaub irgendetwas ausgefressen?“ – „Nö! Wieso?“ – „Warum will dich sonst der Anstaltsleiter sehen?“ Ich war mir keiner Schuld bewusst. Schließlich stand seinerzeit noch nicht der Vermerk auf dem Ausgangs-Urlaubsschein: Alkohol und Drogenverbot!

Mit Alkohol hatte ich mich sehr zurückgehalten, weil sich das Zeugs bei mir immer auf die Potenz negativ auswirkte. 1970 kannte überhaupt noch kein Knacki andere Drogen als Tabak und Kaffee. Mit keinem Gedanken dachte ich daran, dass unser Abstecher zum nicht einmal diensttuenden Staatsanwalt etwas mit meiner Vorladung zum Direktor zu tun haben könnte. Als ich dann endlich vor ihm stand, brauchte ich mir nicht mehr unnötig den Kopf darüber zu zerbrechen. „So kenne ich Sie, Herr Schulz! Nie können Sie den Amtsweg einhalten. Hatte ich Ihnen nicht mit auf den Weg gegeben, dass Sie mir nach Ablauf von Ihrem Dreitage-Urlaub einen Arbeitsvertrag sowie eine Meldebescheinigung vorlegen sollten, damit ich Ihre vorzeitige Entlassung in die Wege leiten kann? Und was tun Sie?“ Ich glaube aber, er bewunderte eher meine Initiative, als dass er mir böse war. Er schaute auf seine Uhr und sagte: „Wenn Sie sich beeilen, können Sie in der nächsten Stunde diese Anstalt als freier Mann verlassen! Der Staatsanwalt hat mich vorhin angerufen und Ihre Entlassung verfügt, da Sie ja schon am 1. Mai ihre Arbeit antreten müssen!“ Jetzt wird wohl jeder verstehen was ich mit einer Blitzentlassung gemeint habe. „Ach ja, damit sich ihre Mutter oder sonst wer darauf vorbereiten kann, dürfen Sie von meinem Apparat jemanden anrufen!“ gab er sich gönnerhaft. Der Vermieter meiner Geliebten hatte Telefon im Haus. Dort rief ich dann auch an. Meine Freun­din versprach mir, mich vom Knast abzuholen. „Wie denn? In einer Stunde bin ich doch schon draußen!“ – „Wozu hat mein Hauswirt ein Taxiunternehmen?“ Damit war unser Gespräch auch schon beendet.

Der renitente Schulz zieht wieder mal eine Show ab!

Nur, meine Haftzeit zog sich dann doch noch einige Stunden hin. Die ganzen Abteilungen, die ich noch zu durchlaufen hatte, um endlich meine Entlassungspapiere zu bekommen, waren eigentlich nicht der Punkt, was die Verzögerung bewirkte. Es war ein sturer Beamter, der darauf bestand, dass ich einen Wisch unterschreiben sollte, dass ich bei meiner Entlassung vollkommen gesund sei und keinerlei Regressansprüche an die Anstalt stellen würde. Und genau diesen Wisch wollte ich nicht unterschreiben. Eingedenk dessen, dass sich mit meiner ärztlichen Betreuung während meiner Haft­zeit zweimal erhebliche Differenzen ergeben hatten, ich erst ins Krankenrevier gebracht wurde, als man merken musste, dass ich meine Krankheit nicht nur simulierte, pochte ich darauf, meinen Gesundheitszustand von einem Arzt meiner Wahl in Freiheit checken zu lassen. Da hieß es dann: ohne Unterschrift keine Entlassung! Ich unterschrieb auch bei dieser Drohung nicht. Ich wurde in eine Arrestzelle gesteckt. Ich hatte bereits meine Zivilklamotten an, reichlich Tabak in der Tasche und wartete. Ich wartete etwa eine Stunde. Die Zellentüre ging auf, man führte mich wieder zu dem Beamten, der mir die Unterschrift abverlangt hatte. Der gleiche Spruch: Unterschreiben oder keine Entlassung! Das wollte in meinen ostpreußischen Dickschädel einfach nicht rein. Wieder ab in die Arrestzelle. Inzwischen hatte meine Liebste draußen an der Pforte schon angefragt, wann denn nun Herr Schulz entlassen würde. Es hätten sich da Probleme ergeben. Das könne noch dauern, wurde sie beschieden. Bei ihrer zweiten Nachfrage blieb es nur beim Versuch einer Frage. Sie wurde brüsk der Türe verwiesen. Es hatte sich schon bis zur Gefängnispforte rumgesprochen, dass der renitente Schulz wieder mal eine Show abzog. Als unbescholtene Bürgerin unseres Rechtsstaates ließ sich meine Geliebte diese Behandlung nicht gefallen. Die Taxiuhr tickte vor sich hin und bei ihr tickte eine Idee. Genau gegenüber dem Zuchthaus, pardon, die Bezeichnung Zuchthaus war ja bereits abgeschafft, also gegenüber dem Gefängnis begann ein schön angelegter Park. Und dort stand auch eine doppelte Telefonzelle der Deutschen Post. Es lagen sogar heile Telefonbücher darin. Im Branchenverzeichnis fand sie jede Menge Rechtsanwälte. Schon beim fünften Versuch erreichte sie ein Anwaltsbüro, wo ein Rechtsanwalt nicht gerade beim Gericht war, um einen Ter­min wahrzunehmen. Wenige Minuten später hielt er neben dem Taxi. Auf dem Dach des Taxis unterschrieb meine Liebste eine Vollmacht, gab ihm das vereinbarte Honorar. Als Bevollmächtigter Rechtsanwalt verlangte er an der Pforte Zugang zu seinem Mandanten Dieter Schulz. Natürlich wurden auch Rechtsanwälte gründlich durchsucht, bevor sie zu ihrem Mandanten konnten. Nur kam es erst gar nicht mehr dazu, dass er ins Gefängnis in eine extra dafür vorgesehene Zelle vorgelassen wurde. Ein Telefongespräch mit der Ankündigung, dass Herrn Schulz sein Anwalt da wäre, genügte, um mir meine Entlassungspapiere auszuhändigen. Ohne die hartnäckig von mir geforderte Unterschrift versteht sich.

Der Mai 1970 war schon ein vorgezogener Sommer. Ich trat pünktlich meinen Dienst bei meinem neuen Arbeitgeber an. Trotz meiner anfänglichen Befürchtungen, in den 25 Monaten meiner Haft etwas von meinem Beruf verlernt zu haben, klappte alles als wäre ich nie raus gewesen. Leider ent­puppte sich die GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung) auch als solche. Meine Hoffnung jetzt endlich wieder ein geregeltes Leben in völliger Freiheit gestalten zu können, beschränkte sich auf ganze zweieinhalb Monate. – Abgesehen davon, dass ich mal beim Küchenchef Spaghetti reklamierte, die ich einem Gast ser­vieren sollte, die aber so aussahen, als wären sie schon mal gegessen worden, zoffte er mich an, „ob ich denn nun ein Kellner wäre, dann würde ich die Spaghetti auch servieren können, ohne dass der Gast dies merke!“ brüllte er mich an. Also gut. Ich verwickelte den Gast in ein Gespräch, legte von ihm unbemerkt die Spaghetti so vor, dass er diese nicht sah und drapierte über den Nudel­klumpen geschickt die Soße. Der Gast schien ein eher schüchterner Mitmensch zu sein. Oder aber er war von seiner Frau nichts Besseres gewohnt. Dass er aber seine Piccata Milanese mit lan­gen Zähnen aß, bemerkte ich schon.

Jener Vorfall war allerdings nicht der ausschlaggebende Punkt, warum dieses Arbeitsverhältnis nur ganze zweieinhalb Monate andauerte. In dem Personalumkleideraum standen genau 18 Spinde, ähnlich wie wir sie beim Bund hatten. Sie bestanden aus Blech mit den üblichen Luftschlitzen am oberen Ende. Jeder Angestellte brachte sein eigenes Schloss mit. Eines Tages jedoch erwiesen sich diese Vorhängeschlösser als rausgeschmissenes Geld. Irgendjemand hatte mit etwas Kraftaufwand die leichten Blechtüren so nach außen verbogen, dass er bequem die darin hängende Privatgar­de­robe durchwühlen konnte. Ich, als Kellner, ließ natürlich nie Bargeld in meiner Garderobe. Brauchte ich doch jeden Groschen als Wechselgeld, so wie ein Handwerker sein Werkzeug. Noch nicht mal Fingerabdrücke fand die gerufene Kripo. Schon gar nicht den Einbrecher. Dafür aber fand mein Chef zwei Tage später meinen Haftentlassungsschein, der ihm unter der Türe durch­ge­schoben worden war. Bei meiner Entlassung hatte man mir nämlich geraten, diesen Schein noch mindestens drei Monate aufzubewahren. Das wäre nützlich bei irgendwelchen Kontrollen oder Behördengängen. Solange könne es nämlich dauern, bis ich sicher sein könnte, dass ich nicht mehr als Inhaftierter geführt würde. Also bewahrte ich den Schein in meiner bargeldlosen Brief­tasche in dem Garderobenschrank auf. Meiner Meinung nach konnte der Dieb nur aus den eige­nen Reihen stammen. Wie sonst kommt zwei Tage danach der Schein ins Büro meines Chefs. Nach­dem dieser mich hochkant gefeuert hatte, weil er es nicht überwinden konnte, auf mein See­fahrtsbuch hereingefallen zu sein, bekam ich am nächsten Tag von Herrn Hundertmark auf dem Arbeitsamt gleich wieder mehrere Stellen zur Auswahl.

Der neue Job hatte auch nur ein Haltbarkeitsdatum von vier Monaten. Eines Tages im November, tags zuvor hatte ich noch die letzte Kaiserenkelin bei ihrer Geburtstagsparty bedient, wurde ich ins Personalbüro gebeten. Man verlangte von mir, die vom Haus gestellte weiße Kellnerschürze abzu­bin­den und die Kasse abzuschlagen. Warum? Das wüsste ich ja wohl selbst am besten, wurde mir gesagt. Ich kann mir den Grund meiner plötzlichen Entlassung nur so vorstellen, dass mich irgend­ein Gast als ehemaligen Zuchthäusler erkannt hatte oder aber von meinem Ex-Chef im Kollegen­kreis angeschwärzt wurde.

Entweder man suchte einen guten Kellner oder aber jemanden mit einer sauberen Vergangenheit.

Lache Bajazzo[2], für Tränen zahlt man nicht! Dieses Lied und warum weinen, wenn man ausein­ander geht, wenn an der nächsten Ecke schon ein anderer steht?[3] fiel mir ein, als ich mich wieder in Zivil­kleidung schmiss. Damals brauchte man samstags nur die Seite mit den Stellenan­zeigen aufzuschla­gen um zu erfahren, wo alles Kellner gesucht wurden. Ich hatte meine Lektion gelernt. Mit Ver­schwei­gen oder Lügen meiner wahren Vergangenheit konnte ich keinen Blumentopf gewinnen. Mein neues Motto hieß: Ab durch die Mitte. Entweder man suchte einen guten Kellner oder aber jemanden mit einer sauberen Vergangenheit. Ich versuchte es also beim dritten Anlauf mit der Wahr­heit. In einer sehr renommierten Gaststätte, die sogar unter Denkmalschutz stand, bat ich den Chef sprechen zu dürfen zwecks der ausgeschriebenen Stelle für einen Kellner. Als ich dem dann gegenüber saß, klopfte mir das Herz bis zum Halse. Als erstes weigerte er sich, meine in der vor ihm liegenden Mappe befindlichen Zeugnissen anzusehen. „Papier ist geduldig!“ mit diesen Wor­ten schob er mir die Mappe wieder zu. „Ich mache mir gerne selbst ein Bild von den Menschen, die hier arbeiten. Wie Sie vielleicht wissen, haben wir hier ein exquisites Publikum, welches viel herumkommt und sich mit gutem Service auskennt. Wenn Sie am Tisch filieren, tranchieren, kochen und flambieren können, etwas vom Wein verstehen und mir das in der 14tägigen Probezeit beweisen, sehe ich keinen Grund, dass wir nicht ein festes Arbeitsverhältnis eingehen !“ Mit den wenigen Sätzen hatte er mir klipp und klar seine Einstellungsphilosophie erklärt.

„Da wäre aber noch etwas was ich Ihnen vorher noch sagen muss!“

 

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

 

Fußnote

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Celler_Loch

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/L#Lache.2C_Bajazzo.21

[3] http://www.songtexte.com/songtext/marlene-dietrich/wer-wird-denn-weinen-wenn-man-auseinander-geht-73c25eb1.html

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

           die keine Kindheit war.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Mordanklage

Wie gesagt, mein Dienstplan lag auch in Kopie immer in der Wohnung herum. Danach richtete sich meine Frau, wenn sie ihren Lover kommen ließ. Dass ich mal außerplanmäßig auftauchen könnte, war ihr nicht in den Sinn gekommen.

Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in die 14te Etage, schloss die Wohnungstüre auf. Ich sah ein wenig Licht zum Flur hin vom Wohnzimmer durch das geriffelte Glas in der Türe fallen. Vom Wohnzimmer ging es direkt ins Schlafzimmer. In der Zwischentüre war eine Milch­glasscheibe angebracht. Von dort kam die Lichtquelle. Sie wird wohl noch lesen, dachte ich. Es war ja auch noch relativ früh.

Zwischen ihren weißen, weit gespreizten Schenkeln lag ein pechschwarzer Männerkörper.

Pustekuchen. Von wegen, sie las ein Buch! Sie ließ es sich nach allen Regeln der Kunst besorgen. Zwischen ihren weißen, weit gespreizten Schenkeln lag ein pechschwarzer Männerkörper. Erst als meine Frau zu sprechen anfing, merkte der Actionheld, dass irgendetwas nicht stimmte, lag er doch mit von der Türe abgewandtem Gesicht auf meiner Frau. Unverfroren forderte mich mein holdes Weib auf: „Geh in die Küche und warte bis wir fertig sind, dann bekommst du eine Erklärung!“

Noch bevor ich diese Frechheit verdauen konnte, begannen sich die Ereignisse zu überschlagen.

Der Bimbo[1] zeigte sich sehr erbost darüber, in seiner schönen Beschäftigung gestört worden zu sein. Sprang der doch samt seiner Lanze aus dem Bett und auf mich zu. Obwohl er hätte wissen müs­sen, es hier mit einer verheirateten Frau zu tun zu haben, versuchte er den rechtsmäßigen Mann aus dem Weg zu räumen. Nicht nur die diversen Schlägereien im Heim, auf der Straße und Hafen­kneipen hatten mich zu kämpfen gelehrt. Schließlich hatte ich ja noch eine Spezialausbildung vom Staat finanziert beim Bund erhalten. Meine Schmerzen im linken Fuß nahm ich überhaupt nicht mehr wahr. Zunächst einmal war ich nur damit beschäftigt seinen Schlägen auszuweichen. Dabei war ich schon ins Wohnzimmer ausgewichen und hatte die offene Balkontüre gesehen. Damit der Bimbo mir nicht die gesamten Möbel zerschlagen konnte, ein Regal hatte er schon demoliert, wich ich auch noch auf den völlig leeren Balkon aus. Verdammt noch mal, auch der Kerl schien mit Adrenalin vollgepumpt zu sein. Meine Handkantenschläge sowie meine zielsicher angebrachten Fingerspitzenattacken auf seinen Solarplexus zeigten keinerlei Wirkung. Meine Handknöchel began­nen schon zu schmerzen, abgesehen davon, dass mir das Blut aus der Nase in den Mund floss.

14 Etagen reichten nicht, aus ihm einen flugfähigen Menschen zu machen.

Dann schoss mir ein Ratschlag in den Kopf, den ich mal bei einer geselligen Runde mit mei­nen Schiffskameraden aufgeschnappt hatte. „Hast du mal Ärger mit einem Neger, versuche es erst gar nicht, ihn mit der Faust k. o. zu schlagen. Warum sind die meisten Boxweltmeister wohl N ..? Die haben eine ganz andere Schädelstruktur. Soll ich euch mal sagen, wo die Typen empfindlich sind?“ Was der erfahrene Seemann damals ausgeplaudert hatte, fiel mir jetzt ein. Der Kerl schwitzte nicht alleine von seiner schweren Arbeit auf meiner Frau. Es war dazu auch noch eine heiße August­nacht. Hinzu kam noch der heiße Kampf zwischen uns beiden, dass er regelrecht zu stinken begann. Versuchte er doch auch, mich mit seinen Armen zu umklammern. Ich stand ohne­hin nicht auf Kerle, also musste ich jetzt was tun. Mit dem Seitenrist meiner Lederschuhsohle holte ich kräftig aus und trat ihm ordentlich vors Schienbein. Sein Schrei klang wie der Beginn eines Kriegstanzes. Über den Beginn kam er allerdings nicht hinaus. Er stellte einen Weltrekord im Hochsprung auf. Das war das letzte, was er in diesem Leben tat. Er hüpfte doch tatsächlich mit diesem Hochsprungrekord direkt ins Nirwana. Wenn er denn dorthin gehörte. Die Evolutionszeit bis zum Aufschlag 14 Etagen tiefer reichte nicht aus, aus ihm einen flugfähigen Menschen zu machen.

Gruppensex?

Einige Leute im Haus hatten zu der Zeit schon Telefonanschluß. Deshalb war die Polizei mit dem Arzt auch so schnell vor Ort. Meinem geschwollenen Bein wurde keinerlei Beachtung geschenkt. Dafür bekam ich ein paar ziemlich eng anliegende Handschellen angelegt. Meine Frau, wohl ahnend, dass auch ihre zweite Ehe nicht mehr zu kitten war, behauptete der Polizei gegenüber doch allen Ernstes, dass wir Gruppensex gemacht hätten und ich den schwächsten Moment des Kerls ausgenutzt hätte, um ihn vom Balkon zu stoßen, weil ich es nicht hätte ertragen können, dass sie auch bei dem Kerl da unten Gefühle gezeigt hätte. Ihre Aussage bekräftigte sie dann auch noch damit, dass ich auf Gruppensex stehen würde, indem sie die damals in Deutschland noch verbote­nen Pornohefte hervorholte, die ich mir während der Seefahrtszeit in Schweden und/oder in Dänemark gekauft hatte. Das alles genügte, um mich gleich in U-Haft zu stecken. Schon am nächsten Morgen eröffnete mir der Untersuchungsrichter, dass eine Mordanklage gegen mich vorliegt und ich deshalb in Untersuchungshaft verbleiben würde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das ganze Geschehen der vergangenen Nacht noch gar nicht richtig realisiert in meinem Hirn. In den letzten Stunden in der Polizeizelle hatte ich immer versucht, das Geschehene aufzuarbeiten. Es gelang mir aber nicht. Meine Gedanken schienen neben meinem Körper zu schweben, ohne dass ich sie zu fassen bekam. Ich stand einfach neben mir. Immer wenn ich mich fragte, warum meine Frau nur diese infame Lüge der Polizei gegenüber vorgebracht hatte. Und da setzte es bei mir auch schon aus. So als hätte ich Watte in meinem Gehörgang vernahm ich, was man mir vorwarf und ließ mich anschließend mit weichgewordenen Knien abführen. Es ging direkt zur Krümmede 3. Im Unterbewusstsein nahm ich das Haus Nummer 8 wahr. Dort lebten meine Schwiegereltern, wo wir häufig zu Besuch waren. Links von der Haupteinfahrt zum Knast war eine Wohnsiedlung der Beam­ten. Der größte Teil der Justizbeamten, die im Knast auch Schließer genannt wurden, wohnten dort. So auch mein Schwiegervater. Oberverwalter seines Zeichens. 13 Kinder hatte der Mann in die Welt gesetzt. Eines davon war meine Frau. Mein Schicksal hatte es so gewollt, dass ich ausgerech­net an das Schwarze Schaf der Familie geraten war. Eines Tages, ich saß gerade auf dem Klo, um meinen Knastfraß der Natur zurück zu geben, da drehte sich mit lautem Knirschen ein Schlüssel im Türschloss. Laut genug, dass der ohnehin hellhörige Bau alles mithören konnte, schrie er, ohne meine Zelle zu betreten: „Du Strolch musst nicht denken, dass dir hier irgendein Vorteil dadurch entsteht, dass du mein Schwiegersohn bist. Das heißt warst. Für so einen wie dich gibt es keinen Platz in unserer Familie!“ Damit schloss er auch schon wieder meine Zellentüre. Somit hatte er der gesamten Bochumer Knastwelt kundgetan, dass er sich von der Tat seines Schwiegersohnes distanziert hatte. Ich sah ihn dann nur noch einmal in meinem Leben. D.h. während meiner U-Haftzeit. Ich hatte mich gleich um Arbeit in der Anstalt bemüht. Einerseits, um der Monotonie des Knastalltags zu entgehen, zum anderen weil ich inzwischen der Nikotinsucht verfallen war. So lernte ich denn blass­blaue Briefumschläge zu kleben, die vom gesamten Justizwesen in NRW benötigt wurden. Für 1200 gefertigte Umschläge gab es 50 Pfennige. Jeder Knacki bemühte sich, dieses Soll überzuer­füllen, denn dann gab es eine Sonderprämie, für die dann auch schon mal ein Glas Instantkaffee drin war. Während dieser Zeit hatte mein Schwiegervater, der die Aufsicht über eine aus Knackis bestehende Reparaturkolonne hatte, einen Auftrag für die Arbeitshalle, in der auch ich arbeitete. Was soll ich sagen? Draußen noch in Freiheit bei unseren Besuchen lobte er mich immer wieder wegen meines Fleißes und dafür, dass ich seine Tochter trotz der beiden bereits vorhandenen Kin­der geheiratet hatte und wie gut ich die Familie versorgte. Dabei hob er besonders hervor, dass ich ja auch ein waschechter Ostpreuße war, wie er auch. Davon war nun nichts mehr zu spüren. Er vermied es mich anzusehen, drehte mir ständig vielsagend seinen Arsch zu.

Ich habe oft im Leben feststellen müssen, dass ein Unrecht selten alleine kommt. Ich bekam einen sehr engagierten Pflichtverteidiger zugewiesen. Dieser bröselte den ganzen Vorfall besagter Nacht bis ins Kleinste auf und schaffte es, einen vereidigten Sachverständigen hinzuzuziehen. Die Lügen meiner Frau, von wegen Gruppensex, wurden schon alleine vom Zeitfaktor widerlegt. Denn mein Chef und die Arbeitskollegen konnten guten Gewissens aussagen, dass es gar nicht möglich war, dass ich daran beteiligt war. Dann bekam auch noch mein Hauswirt bzw. der Architekt des Hoch­hauses sein Fett weg. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Balkonbrüstung bei weitem nicht die vorgeschriebene Höhe hatte. Bei vorschriftsmäßiger Höhe wäre der Bimbo nicht ins Fliegen gekom­men. Letztendlich wurde die Anklage auf schwere Körperverletzung mit Todesfolge reduziert. Was den Richter veranlasste mich zu fragen, was ich denn vorziehen würde: Viereinhalb Jahre Gefängnis oder drei Jahre Zuchthaus. Natürlich entschied ich mich für die „nur“ drei Jahre Zuchthaus. Bis das Urteil rechtskräftig wurde verging allerdings noch einige Zeit. Schon einen Tag, nachdem mein Schwiegervater in unserem Briefumschläge fabrizierenden Betrieb aufgetaucht war, schickte mich mein Werkmeister wieder zurück auf die Zelle. Hatte man meinem Schwiegervater schon den Schlüssel für den U-Haft Bereich abgenommen, so wollte man jetzt auch jeden anderen Kontakt verhindern. Die Gefängnisleitung oder auch seine missgünstigen Kollegen(?) trauten ihm nicht so recht. Um mir auch weiterhin durch meinen Sklavenlohn ein paar Annehmlichkeiten gönnen zu können, gab man mir auf Drängen hin eine Knochenarbeit auf die Zelle. Ich „durfte“ Fußbälle nähen. Ich denke nur noch mit Grausen an diese Fußballnähzeit zurück. Bis es zu meinem „Mord­prozess“ kam vergingen eine Reihe von Monaten.

Im Knast und schon wieder Vater?

Zu der nervenaufreibenden Prozessführung flat­terte mir auch noch ein Brief in die Zelle, worin mir mitgeteilt wurde, dass ich erneut Vater eines Sohnes geworden sei. Laut Kopie der Geburtsurkunde sollte dieser Boarfa Marem Driss[2] heißen. So ein Driss aber auch. Driss steht in NRW, zumindest in Bochum, für das Wort Scheiße![3] Nie habe ich diesen „meinen“? Sohn zu Gesicht bekommen. Ich nehme aber stark an, dass er eine ebenso schöne braune Hautfarbe hatte, wie die zwei danach geborenen Kinder meiner Frau. Wie mein Rechtsanwalt recherchieren konnte, war zwei Tage nach dem Bimbo-Abflug dessen Bruder aus Marokko eingeflogen, um an der Beerdigung teilzunehmen. Diesen Bruder nahm sich meine noch Ex-Frau auch gleich zur Brust. Und weil die Geburt des Kin­des noch in die gesetzliche Karenzzeit fiel, wurde der Junge eben auch noch in mein Stammbuch geschrieben. Ich wehrte mich natürlich mit Hilfe meines Anwalts dagegen. Doch noch bevor es deswegen zu einer Gerichtsverhandlung kommen konnte, hatte sich die Angelegenheit von selbst erledigt. Ich bekam wieder einmal so einen vielleicht sogar von mir gefertigten Blauen Brief. Darin enthalten war ein Totenschein. Ohne weiteren Kommentar erfuhr ich so, dass es keinen Moarfa Marem Driss mehr gab.

Tauschangebot: Eine Zelle in Celle

Einen Tag nachdem das Urteil rechtskräftig geworden war, wurde mir eine Audienz beim Gefäng­nis­direktor zuteil. Dieser legte mir nahe ein Gesuch zu schreiben, welches die Bitte enthielt, mich meine Haftstrafe nicht in NRW absitzen zu müssen, sondern sie gerne in Celle, Niedersachsen, zu verbüßen. Als Begründung reichte natürlich die verwandtschaftliche Beziehung zu einem in NRW tätigen Justizbeamten. Außerdem machte man es mir schmackhaft, indem man mich darauf hinwies, dass ja nur wenige Kilometer entfernt meine Mutter wohnen würde und diese mich in Celle viel öfter besuchen könne. Diesem Antrag wurde natürlich sehr schnell statt gegeben. Im Austausch mit einem Gefangenen aus Niedersachsen, der lieber seine Zeit in NRW absitzen wollte, ging es recht zügig über die Bühne.

Jetzt lernte ich mal so richtig den Unterschied zwischen einem Gefängnis und einem Zuchthaus ken­nen. Nicht nur der Unterschied zwischen dem Neubau in der Bochumer U-Haftanstalt und dem Jahrhunderte alten Bau in Celle war gravierend. Hatte ich in Bochum schon eine etwas über acht Quadratmeter große Zelle mit eingebautem Klo bewohnt, so bekam ich in Celle, weil ich unbe­dingt eine Einzelzelle wollte, eine so genannte Kopfzelle zugewiesen. Zwischen Türe und Fenster war mal gerade Platz für ein zwei Meter langes Bett und einem Waschständer. Statt eines einge­bauten Klo’s hatte ich eine Plastik-Bettpfanne, eine Waschschüssel und eine Wasserkanne. Mein tragbares Plastikklo durfte ich jeden Morgen auf der gleichen Etage entleeren und säubern. Zwei­mal am Tage konnte ich eine Kanne voll Wasser fassen. Die Breite der Zelle war so ausge­messen, dass ich, wollte ich mich schlafen legen, den Tisch an der gegenüberliegenden Wand hochklappte und ankettete. Umgekehrt, wollte ich am Tisch sitzen, musste ich das Bett hoch­klap­pen und an der Wand mit einer Kette einhaken.

Ich lernte im Celler Zuchthaus die tiefsten Abgründe der Menschheit kennen.

Nachdem ich meinen dreimonatigen A-Vollzug mit Nichts-tun hinter mich gebracht hatte, durfte, nein musste ich arbeiten. Eingeteilt wurde man dort, wo gerade ein Platz frei war. So lernte ich zunächst Kulturtaschen zu nähen. Wurde von dort abge­worben, um im Nebenbetrieb Arbeits­handschuhe aus Leder zu nähen. Jede der Knastarbeiten war natürlich mit einem Mindestpensum belegt. Erst wer darüber hinaus produzierte kam in den Genuss einer Prämie. Diese ausgelobte Prämie machte den Reiz aus, sich akkordmäßig ins Zeug zu legen, wurde die Prämie doch vollständig zum Einkauf freigegeben, während von dem Normal­verdienst ein Drittel zur Bildung einer Rücklage für die Zeit nach der Entlassung abgezogen wurde. Als Vorarbeiter und gleich­zei­tigem Zellennachbarn hatte ich den berühmt-berüchtigten Tangojüngling. Den Spitznamen Tango­jüngling hatte ihm seinerzeit die Presse gegeben. Eigentlich war der von Hallatsch[4] der erste Bom­ben­leger der BRD in der Nachkriegszeit. Dieses arrogante Stück Scheiße hatte einige Briefbomben verschickt, einen Menschen getötet und einen erblinden lassen. Er war wohl derzeit einer der „pro­mi­nentesten“ Gefangenen. Hatte ich draußen in Freiheit die Art von Prominenz bedient, die mehr oder weniger als solche zu bezeichnen waren, weil Film, Presse oder Rundfunk sie dazu gemacht hatten, so lernte ich im Celler Zuchthaus die tiefsten Abgründe der Menschheit kennen. So wurde ich sogar (Ohren-)Zeuge, wie ein Stern Reporter in meiner Nachbarzelle ein Interview mit dem Bom­benleger durchführte. Sorry, Herrschaften. Seit dieser Zeit lese ich keine Interviews mehr in irgendeiner Zeitschrift. Zwischen dem, was ich gehört hatte und dem anschlie­ßend Gedruckten lagen ganze Welten. Ich möchte hier noch anfügen, dass die Behauptung, der von Hallatsch wäre ein arroganter, hochnäsiger Fatzke gewesen, nicht alleine auf meinem Mist gewachsen ist. Sämt­liche damals diensttuenden Beamten einschließlich des Gefängnisdirektors wären da meiner Mei­nung. Dieser Schönling verbrauchte jeden Monat Unmengen von Nivea­dosen, um seine Haut jung zu halten. Er glänzte ständig wie eine Speckschwarte. Auch noch als ich ihm mal zufällig viele Jahre später im AOK Gebäude in Hannover begegnete. Als ich ihn dabei mit dem Namen von Hallatsch ansprach, glänzte er nach wie vor wie eine Speckschwarte, hatte aber längst seinen Namen gewechselt. Er, wie ein Dandy gekleidet, tat ganz empört, dass ich ihn ange­sprochen hatte. Es müsse eine Verwechslung sein. Damit dreht er mir den Rücken zu. Ich irrte mich ganz bestimmt nicht. War er doch mein Vorarbeiter gewesen und dazu auch noch mein bester Kunde. Kunde insofern, dass er ständig meine neuesten Ausgaben der Pornohefte im Leasingver­fahren erhielt. Wie denn das? werden Sie sich jetzt fragen.

Eigentlich hätte ich gar nicht zu arbeiten brauchen. Mein Spind war ständig gefüllt.

Nun, ich hatte einen Weg gefunden, solche Hefte, die es damals noch nicht einmal in Deutschland zu erstehen gab, eben in dieses Zuchthaus zu schmuggeln. Eigentlich hätte ich gar nicht zu arbei­ten brauchen. Mein Spind war ständig gefüllt. Ja, sogar überfüllt mit Tabak und Kaffee, der einzi­gen Knastwährung, für die man sich so manches leisten konnte. Von Hallatsch gönnte sich manch­mal sogar einen Schwanz­lutscher. Das aber erst ab dem Jahre 1969, als die große Koa­lition mit Beteiligung der SPD das Strafvollzugsgesetz reformiert hatte. Das hieß: der Name Zuchthaus wurde abgeschafft und jede Menge am Strafvollzug an sich geändert. So auch die Erlaubnis ein Transi­stor­radio zu erstehen. Und vieles mehr. Bis dahin waren die selbstgebastelten sogenannten „Immchen“[5] hoch im Kurs. Also jede Neuausgabe eines Pornoheftes hatte 32 Seiten. Diese num­merierte ich natürlich fein säuberlich und verlieh das Heft für ein Päckchen Tabak für 24 Stunden. Hatte ich alle meine für mich erreichbaren Kunden abgegrast, so verkaufte ich das jeweilige Heft an einen Kalfaktor eines anderen Häuserblocks. Der besser verdienende Vorarbeiter und Nichtraucher von Hallatsch erkaufte sich das Privileg, die jeweiligen Hefte als erster zu erhalten damit, dass er mir sogar zwei Päckchen Tabak dafür zahlte.

Die Strafvollzugsreform brachte es auch mit sich, dass am Wochenende Umschluss genehmigt wurde. In den Nachmittagsstunden konnte man sich mit anderen Gefangenen in einer Zelle treffen. Einfach nur Quatschen, Schachspielen, Skat oder, was noch beliebter war, Pokern. Es gab dann noch die Gefangenen, die draußen bei einer Fremdfirma arbeiten durften. So konnte ich dann auch besonders guten Freunden, wenn sie am Wochenende bei mir zu Besuch waren, sogar einen Cognac oder Wodka anbieten. Weil auch das Licht nicht mehr pünktlich um 22 Uhr abgeschaltet wurde, wir einfach nur die Glühbirne selbst lockern durften, wenn wir schlafen wollten, blieb mir genügend Zeit, dicke Briefe zu schreiben. Endlich konnten die Gefangenen sich auch unge­schwärzte Zeitungen in den Knast bestellen. Zeitungen an sich konnte man schon immer beziehen. Nur alle verbrechensrelevanten Artikel und andere Dinge, die ein Knacki nicht lesen sollte, wurden einfach geschwärzt. Auch das hatte nun ein Ende. So kam ich dann mit meinem schriftstellerischen Talent an eine Frau. Es würde hier zu weitführen, den gesamten Knastalltag zu beschreiben. Dass die Knastzeit aller­dings kein Zuckerschlecken ist, dürfte wohl jedem Leser bekannt sein. Deshalb würde ich auch nur auf Anfrage die näheren Einzelheiten beschreiben, wie es mir dennoch gelang, mit meiner Briefbe­kannt­schaft IM KNAST während ihres Besuchs Körperflüssigkeiten auszutauschen. Sämtliche, wohlgemerkt!

Wieso nur verzettele ich mich immer wieder in Einzelheiten? Ich wollte doch eigentlich nur im Rückblick mein Leben aufarbeiten und dem Außenstehenden vermitteln, WARUM ich so viele Jahre im Knast zugebracht habe. Vielleicht um ein wenig Ver­ständnis bettelnd?

Nein, ich wurde nach meiner Haftentlassung wie so viele weder zum Bettler mit einem Schild um den Hals: „Haftentlassener ohne Arbeit und Obdach bittet um eine kleine Spende!“ Auch wurde ich nicht zum billig-saufenden Penner. Wird ein Gefangener in der Neuzeit automatisch zu einem Anhörungstermin geladen, wo darüber entschieden wird, ob es zu verantworten ist, einen Gefan­ge­nen schon nach zwei Drittel verbüßter Haftstrafe zu entlassen, musste der Knacki sich selbst darum kümmern. Kurz vor Ablauf der Zeit musste der Gefangene ein Gesuch schreiben. Er musste auch darin schildern, warum er glaube, einen Straferlass von einem Drittel seiner Strafe verdient zu haben. Ich machte mir nicht viel Hoffnung, einen Straferlass zu bekommen. Zwar war ich immer fleißig meiner Arbeit nachgegangen, hatte die vorgeschriebene Menge stets überschritten, aber nur weil ich gierig darauf war, mit einem guten Geldpolster nach meiner Entlassung ausgestattet zu sein. Na ja, auch um die Zeit mit Arbeit totzuschlagen, um ehrlich zu sein. Ansonsten war ich nicht gerade der handliche und gefügsame Gefangene gewesen. Stets hatte ich ausgenutzt, dass es einen Petitionsausschuss gab, wo ein Gefangener Missstände im Knast anpran­gern konnte. Die Stellungnahmen vonseiten der Anstaltsleitung mussten denen ganz schön auf den Keks gegangen sein. Ich glaubte also, dass deren Stellungsnahme auf mein Gnadengesuch dementsprechend ausfallen würde. – Weit gefehlt. Eher war es anscheinend so, dass man mich herausgelobt hatte, um endlich diesen Störenfried los zu werden.

Mir wenig Erfolg ausrechnend hatte ich dann auch ziemlich verspätet, mehr aus langer Weile, auf Drängen meiner neuen Liebschaft und um auch zu erfahren, wie man mich denn im Knast beur­teilte, das entsprechende Gesuch geschrieben. In schon relativ kurzer Zeit bekam ich mal wieder einen Blauen Brief vom Stationsbeamten ausgehändigt, als ich von der Arbeit kam. Besagter Beamte, der ja auch an der Stellungnahme der Anstalt beteiligt war, wie so viele andere ein­schließlich des Gefängnispfarrers, ahnte schon, worum es in dem amtlichen Schreiben ging. Nachdem er auch allen anderen aus den Betrieben einrückenden Gefangenen die Zellentüren aufgeschlossen hatte, kam er wieder zu mir zurück. Es war eigentlich die Zeit, wo die Zellentüren offen blieben und wir unsere Zellenklos nochmal reinigen konnten, sowie die Wasserkanne neu füllen durften. Er fand mich am Tisch sitzend und auf den Brief starrend vor. Statt Wasser zu holen holte ich immer noch tief atmend Luft.

„Na Schulz was steht drin?“ konnte der Schlüsselknecht seine Neugierde nicht länger verbergen.

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Fußnoten

[1] Die Bezeichnungen dieser Person entsprechen nicht der heute üblichen political-correctness. Ich habe sie beibehalten. Dierk Schäfer

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Driss

[3] http://www.mitmachwoerterbuch.lvr.de/detailansicht.php?Artikel=Driss

[4] Erich von Halacz http://www.daserste.de/kriminalfaelle/sendung_dyn~uid,fr6030t31x7yohbe8cff8943~cm.asp

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_von_Halacz

[5] Immchen, Kosebezeichnung für Ehemann oder Freund http://www.ruhrgebietssprache.de/lexikon/immchen.html

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXV

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

               die keine Kindheit war.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Leinen los! Auf den Weltmeeren – und wieder zurück.

Von wegen, nach einer paar Wochen wieder ins Berufsleben einsteigen. Es sollte über zwei Jahre dauern, bis es wieder soweit war. Zunächst einmal hatte ich das Glück auf einen Landsmann, sprich Ostpreußen, als Chefarzt zu stoßen, der es nicht wahrhaben wollte, dass noch einer der wenigen verbliebenen Ostpreußen ins Gras beißen sollte. Viel gab es derzeit noch nicht, um der Tuberkulose Einhalt zu gebieten. Mit Streptomycin konnte man zwar die Bakterien dazu bringen, sich zu verkapseln, einmal gefressene Löcher aber blieben. Es gab eigentlich nur zwei Möglich­keiten, die Löcher zu entfernen. Schon lange praktiziert wurde: ein paar Rippen brechen, den befal­lenen Lungenflügel herausschneiden; die andere, ganz neue Methode, gerade aus den USA importiert, war die etwas schmerzhafte Methode, in regelmäßigen Abständen eine acht Zentimeter lange, ziemlich dicke Kanüle zwischen die Rippen gestochen zu bekommen, mit deren Hilfe dann die Lunge mit zunächst einmal 300-400 Kubikzentimeter Luft zusammen­gepresst werden sollte. Somit würden die Wundränder der Löcher wieder zusammen­wachsen. Erst einmal sollte diese Prozedur alle drei Tage wiederholt werden. Nach einer gewissen Zeit steigerte man die Luftmenge bis auf 1000 Kubikzentimeter. Dann allerdings nur noch im Abstand von 14 Tagen. Dieser Luft­druck wurde jedesmal vor und nach der Füllung von einer Röntgenaufnahme begleitet. Wenn man bedenkt, welche Strahlungen damals so ein Röntgengerät ausstrahlte, müßte ich heute eigentlich wie eine hellglühende Neonröhre herumlaufen. So wie die Ärzte die Luftmenge erhöht hatten, so wurde diese nach gut zwei Jahren wieder reduziert. Und siehe da, die zusammengepressten Wund­ränder hielten!

Jede Anstrengung sollte ich vermeiden. Ich dagegen ließ keinen Tanzabend aus.

Natürlich war ich nur zu Beginn der Behandlung drei Monate lang in einer Lungenheil­stätte und dann wieder, als die Reduzierung begann, die letzten drei Monate. Dazwischen wurde ich ambu­lant behandelt. Ich frage mich, wieso ich eigentlich noch lebe. Ich verstieß natürlich in meinem jugendlichen Leichtsinn gegen jede Auflage, die mir mit auf den Weg gegeben wurde, wollte ich das Ganze überleben. Jede Anstrengung sollte ich vermeiden. Ich dagegen ließ keinen Tanzabend aus. Holte mit meiner süßen Freundin Preise im Rock’n-Roll-Tanzwettbewerb, legte mich im Som­mer in die Sonne, um braun zu werden. Und ganz nebenbei verdiente ich mir des Nachts als schwarz­arbeitender Kellner so manche Mark zum Krankengeld hinzu.

Jetzt noch eine kleine Anmerkung zu meiner Aussage, dass mein Stiefvater nur schlau aber nicht klug war: Weil ich nun des Nachts häufig mein Krankengeld auffrischte, besuchte meine Freundin oft meine Mutter. Ja, sie nannte diese sogar Mutti. Sie war nämlich auch ein verwaistes Kriegskind und freute sich über den Familienanschluss. Das mit dem Familienanschluss hatte mein Stiefvater wohl in die falsche Kehle bekommen. Hilfsbereit, aber mit Hintergedanken, bot er meiner Freundin an einem dunklen Abend an, sie noch ein Stück mit dem Fahrrad zu begleiten, da wir ziemlich abge­legen von der Stadt auch noch durch die Eilenriede[1] mussten. Irgendwann merkte ich, wie Gisela sich veränderte. Nachdem sie sich sogar weigerte, mit mir zusammen meine Mutter zu besuchen, nahm ich sie richtig zur Brust. Unter Tränen erfuhr ich dann endlich von ihr, was sie so sehr verändert hatte. Willy, der Strolch hatte versucht, sie zu vergewaltigen. Die Rechnung für sein beinahe Ver­gnügen servierte ich ihm prompt. Die leuchtende Narbe quer über seine Stirn hat er mit in sein Grab genommen. Modebewusst wie ich damals war, hatte ich mir natürlich auch einen Silberring in Form eines Löwenkopfes zugelegt. Einer meiner Schläge traf u.a. eben seine Stirn und ließ sie schön aufplatzen. Daraufhin platzte sein Kragen und er gab mir auf Lebenszeit Hausverbot; doch dieses konnte er nicht allzu lange aufrecht erhalten, weil meine Mutter à la Lysistrata[2] han­delte. Der geile Bock hielt das nicht lange aus und ich konnte meine Mutter wieder besuchen, wenn mir danach war. Allerdings vermieden wir es in Zukunft uns im gleichen Raum aufzuhalten.

Wer von meinen Heimkameraden kann schon von sich behaupten, jemals in Afrika an der Gold- oder Elfenbeinküste gewesen zu sein.

Ich hatte seinerzeit großen Gefallen an dem Tor zur Welt Hamburg, gefunden. Auch die Seeluft auf Sylt fehlte mir. Ich hatte gehört, wie gefragt „Überseefrachtbegleiter“ in Hamburg waren. Da der Familienfrieden in Hannover ohnehin gestört war und ich mich ziemlich flügge fühlte, begab ich mich direkt ins Heuerbüro in der Nähe vom Landungsbrückencafé. Paul stellte mir sofort gleich mehrere Angebote zur Auswahl. Ein reines Passagierschiff stand derzeit nicht zur Auswahl. Aber ein Kombischiff gefiel mir. Es war ein Bananenjäger[3], kombiniert mit Passagier­plät­zen, der hatte es mir sofort angetan. Man stelle sich vor: ein 137 Meter langes, blitzweißes Schiff, welches neben 18.000 BRT Fracht auch noch 48 Passagiere befördern konnte. Der Kapitän sagte mir, dass er für die Passagiere einen zweiten Steward benötigte. Er nannte mir Häfen und Länder, die das Schiff anlaufen würde. Bei all diesen Namen musste ich wohl gerade mal wieder im Erd­kundeunterricht gefehlt haben. Aber bei der Aussicht, all diese Länder mal persönlich kennen zu lernen, wurde mir ganz anders ums Herz. Etwas Englisch hatte ich ja schon während meiner Kellnerlehre aufge­schnappt und auch bei der Bundeswehr. Deshalb behauptete ich rotzfrech auf diese Frage vom Kapitän, dass ich damit keine Probleme hätte. Schulz war ja anpassungsfähig und lernbegierig. Es kam deswegen auch nie eine Beschwerde zu seinen Ohren.

Wer von meinen Heim­kameraden kann schon von sich behaupten, jemals in Afrika an der Gold- oder Elfen­beinküste gewesen zu sein. Na, wer von euch ist durch den Panamakanal geschippert, hat Guate­mala betreten, hat Southampton in England, Bilbao in Spanien, Abo in Finnland[4], Rotterdam oder den Fruchthafen in Hamburg mit einem Schiff angelaufen? Bei meinen wenigen Besuchen war Mutter richtig stolz auf ihren weltreisenden Sohn. Stolz zeigte sie ihren wenigen Besuchern auch die spezifischen Geschenke, die ich ihr aus den jeweiligen Ländern mitbrachte. In ihrem 500 qm großen Garten war sie besonders stolz über ihre Gladiolen, die sie besonders liebte. In jedem angelaufenen Land war ich immer auf der Suche nach einer Gladiolenart, die es sonst nirgendwo gab. So kann ich sagen, dass niemand in und um Hannover rum solch eine Sammlung aufweisen konnte, wie sie meine Mutter besaß.

Ich könnte hier so einige Episoden aus meiner Seefahrtszeit einfügen, die lohnenswert wären berich­tet zu werden. So zum Beispiel, dass unser Schiff samt Besatzung und Passagieren vor der westafrikanischen Küste von schwarzen Rebellen gekapert wurde. Die Kolonialmächte hatten sich aus ihren Kolonien zurückgezogen. So begann in den besagten Ländern ein Hauen und Stechen, um die Regierungs­macht. Welchem von den Herren -Mobuto[5]-Kasawubu[6] oder Lumbumba[7] unsere Kidnapper angehörten, kann ich nicht sagen, aber uns ging allesamt der Arsch auf Grund­eis beim Anblick der hauptsächlich mit Macheten und Messern bewaffneten Schwarzen. Zwar hatte ich dem Tod schon in meiner frühen Kindheit bei den Bombenangriffen der Engländer auf Königs­berg in die Augen geblickt, oder die Salven der russischen Tiefflieger, die auf unseren Flüchtlings­treck abgefeuert wurden. Mutter hatte mich, den Jüngsten, auf einen Schlitten neben unser Hab und Gut einge­mummelt festgezurrt. Die Leuchtspurmunition schlug neben dem Schlitten ein, ließ den Schnee zu Fontänen neben mir aufstieben. Damals aber war ich noch zu jung, um den Ernst der Lage zu begreifen. Dann aber der Vorfall im Skagerak, den nahm ich mit meinen 23 Jahren schon ganz bewusst wahr.

Es rumste gewaltig, als die Schiffsschraube abbrach. Vorsichts­halber ließ ich mich von unserem Kapitän nottaufen.

Wie sagt man so daher? Ein Unglück kommt selten alleine? So kam es dann auch sprichwörtlich auf unser Schiff zu. Das doppelte Unglück! Ein Sturm der Windstärke 12 war auf hoher See keine Seltenheit. Doch im Skagerak war das schon etwas Besonderes, vor allen Dingen, wenn die Maschi­nen nicht mit voller Kraft arbeiten. Während die beiden Maschinisten alles taten, um den Schaden zu beheben, tobte der Sturm immer heftiger, machte unser Schiff zum Spielball der haus­hohen Wellen. Bei der Achterbahnfahrt durch die Wellentäler setzte das Heck des Schiffes kurz auf einen Felsen auf. Es rumste gewaltig, als die Schiffsschraube abbrach. Völlig ohne den Antrieb der Schraube nützte das Ruder gar nichts. Das überkommende Wasser konnten die vom Notaggregat betriebenen Pumpen gar nicht schaffen. Wenn ich sage Alle, so meine ich damit auch die 34 Pas­sa­giere, die wir an Bord hatten, die mussten im Wechsel an die Handpumpen ran. Vorsichts­halber ließ ich mich von unserem Kapitän nottaufen. Wusste ich doch nicht, ob meine Mutter mich in Kriegs­zeiten hatte taufen lassen. Es konnte ja nicht schaden, diese Vorsichtsmaßnahme getroffen zu haben, wenn man da oben vor dem Herrn stand. Wobei ich vorausschicken möchte, dass ich davon überzeugt bin, einmal in den Himmel zu kommen. Habe ich doch die Hölle bereits auf Erden erlebt und meine Sünden mit 17 Jahren Knast abgebüßt.

Ja, eben diese 17 Jahre Knast waren ja auch eigentlich meine Intention, warum ich dieses Buch zu schreiben begann. Ich habe in mich hineingehorcht. Mich gefragt, ob schon am ersten Tag vom Rest meines Lebens alles in dem großen Buch des Schicksals niedergeschrieben war, was mich so alles erwarten würde. Hatten mich die Lebensumstände zu dem gemacht, was ich heute bin? Ein oft deprimierter Rentner, dem das Sozialamt zur Minirente noch was drauf zahlen muss, um über die Runden zu kommen.

An einer Haft­strafe hängt noch ein ganzer Rattenschwanz von Strafen, die sich erst nach der Entlassung bemerk­bar machen.

Dabei habe ich doch, wie man nachlesen kann, jede Arbeit angenommen, niemals wegen der vielen Überstunden aufgemuckt. Ja, auch während der Zeit im Knast habe ich gearbeitet. Nur, Rentenbeiträge hat der Staat für mich nie abgeführt.[8] Es ist ja nicht so, dass man(n) Jahre seines Lebens in einem Wohnklo verbringen muss. Der Verlust der Freiheit ist das Eine. An so einer Haft­strafe hängt noch ein ganzer Rattenschwanz von Strafen, die sich erst nach der Entlassung bemerk­bar machen. So kam ich beim Renteneintrittalter gerade mal auf 30 Beitragsjahre. Selbst diese 30 Jahre hätten ausgereicht, mir eine zwar bescheidene, aber gut auskömmliche Rente zu gewähren. Normalerweise. Aber was ist schon normal? Zumindest was mein Leben betrifft.

Natürlich bestand mein Leben nicht nur aus Arbeit. Wochenlang auf See gönnte ich mir beim Land­gang auch schon mal was. Konnte ich mir auch ganz gut erlauben. Brauchte ich doch kaum mal meine eigentliche Heuer anzugreifen. Ich lebte hauptsächlich von dem Geld, welches ich von den Passagieren als Trinkgeld bekam. Sie wussten es zu schätzen, dass ich ihnen nicht nur das Essen servierte, sondern auch die Kajüten sauber hielt, einschließlich Betten bauen, Schuhe putzen und auch deren Hemden bügelte. So konnte ich tatkräftig dabei mithelfen, aus der ursprünglichen Gartenlaube meiner Mutter ein richtiges kleines Häuschen zu gestalten. So konnte ich sie nicht zuletzt damit überraschen, ihr flie­ßendes Wasser ins Haus legen zu lassen. Hatte sie doch bis dahin immer an der Pumpe im Garten ihr Wasser holen müssen.

Inzwischen hatte ich auch eine Frau kennengelernt. Allerdings wohnte sie etwa 220 Kilometer von Hannover entfernt und hatte bereits zwei Kinder. War auch ganz gut, dass sie so weit entfernt von Hannover lebte. So kam mein Stiefvater wenigstens nicht in Versuchung, sich an dem von ihm so geliebten jungen Gemüse zu vergreifen. Bei meinen seltenen Deutschlandbesuchen blieb es nicht aus, dass ich zu der Meinung kam, dass unsere Beziehung keine Zukunft hatte. Außerdem musste ich meine wenige Landgangszeit immer zwischen meiner Mutter und meiner Geliebten teilen. Wobei die große Entfernung zwischen den beiden noch hinzukam. Ich war aber fair genug, meiner Geliebten die Trennungsabsichten mitzuteilen. Kann man sich mein Erstaunen vorstellen, als ich nach einer Guatemalareise im Seemannsheim von Rotterdam-Schiedam im Rezeptionsbereich meine Geliebte sitzen sah? Sie hatte über meine holländische Reederei erfahren, wann und wo ich demnächst anzutreffen sei. Der Zweck ihrer weiten Reise war die Tatsache, dass sie mir mitteilen wollte, dass sie von mir schwanger sei. Na toll! Meine Erziehung sagte mir, dass ich die Frau nicht mit einem Kind von mir hängen lassen konnte. War sie mir gut genug gewesen, mit ihr mein Ver­gnü­gen zu haben, so konnte ich sie doch nicht mit dem Kind sitzen lassen. Ihr Ex Mann saß im Knast und sie musste schon mit ihren beiden Kindern vom Sozi leben. Sie wohnte mit ihren beiden Kindern in einer Wohnsiedlung in Bochum-Harpen, dessen Adresse man besser nicht bei einer Neu­einstellung in einem Betrieb nannte. Es war ganz schlicht und einfach ein Ghetto. Die Politik hatte schon immer eine Vorliebe dafür gezeigt, Minderbemittelte zuhauf in eine bestimmte Gegend abzuschieben. Auf dem Flur, wo sie sich mit ihren beiden Kindern ein Zimmer teilte, lebten noch zwei ältere Schwestern, auch in einem Zimmer, sowie ein Ehepaar, welches sich ebenfalls ein Zimmer mit ihren zwei Kindern teilte. Alle drei Mietparteien teilten sich eine Küche und eine Dusche. Wer gerade kochen oder duschen wollte, musste groschenweise die Gasuhr füttern. Und so lebten alle Bewohner der etwa 15 Häuser in diesem Stadtviertel. Um dem zu erwartenden Kind einen ehrlichen Namen zu geben, meldeten wir uns beim Standesamt an. Zwei Stunden nach unserer Trauung, saß ich auch schon wieder im Zug, um meiner Arbeit auf dem Schiff nachzu­kommen.

Schon wenige Monate nach der Geburt meines ersten Sohnes setzte ich auch schon den nächsten an. Die gerade erst in Umlauf gekommene Pille war noch relativ unbekannt. Meiner Frau brauchte man ja auch nur ein paar Herrenpantoffel vors Bett zu stellen und schon war sie schwanger.

Bei der Geburt meines ersten Sohnes hatte ich gerade Urlaub, konnte somit selbst die Hebamme alarmieren und bei der Geburt Handreichungen machen. Nachdem das gesunde Baby da war, vergrub ich die Nachgeburt gegenüber dem Haus, wo es zur Welt gekommen war. Ein paar Jahre noch musste auf diesem Kornfeld das Getreide besonders gut gewachsen sein. Später stand dort eine riesige Wohnsiedlung. Bei der Geburt meines zweiten Sohnes hatte ich der Seefahrt bereits mit schwerem Herzen Adieu gesagt, mich in Bochum um eine neue Stelle bemüht. Mein derzeitiger Chef hatte im Stadtteil Langendreer ein Hochhaus bauen lassen. Dieses Hochhaus schenkte er seinem Sohn zu seinem 21. Geburtstag. In mein Lebensbuch dagegen stand geschrieben, dass ich erst mit 25 meine erste eigene Wohnung mit Familie beziehen konnte. In der 14ten von insgesamt 16 Etagen vermietete mir der Sohn eine Dreizimmerwohnung. Fahrstuhl und Müllschlucker inklu­sive. Natürlich wehrte ich mich jetzt erst recht nicht gegen Überstunden. Hatte ich doch eine Fami­lie zu versorgen. Meine Frau mitarbeiten? Wie denn, bei vier Kindern? Dadurch ging mir ein Teil meiner Rentenansprüche verloren. Schon mal was von Versorgungsausgleich gehört? Daran kön­nen Sie leicht erkennen, dass diese Ehe nicht von Bestand war. Während ich mich darum bemühte, unsere sechs Mäuler satt zu bekommen und deshalb bis zu 16 Stunden am Tag außer Haus war, war meine Frau mit dem Versorgen der Kinder nicht ausgelastet. Na ja, dass ich nach solch langen Arbeitstagen auch nicht immer meinen Mann stehen konnte, kann der eine oder andere Leser vielleicht nachvollziehen? Wohnte ich näher an Dortmund heran, so befand sich meine Arbeits­stelle in genau in der entgegengesetzten Richtung Essen. Für ein Auto reichte mein Verdienst bei weitem nicht. Also waren Bahn und Bus angesagt. Das Haus der Hochzeiten, wie meine Arbeits­stelle im Volksmund genannt wurde, weil wir jedes Jahr mehr als 300 Hochzeiten ausrichteten, brachte es mit sich, dass ich immer erst spät in der Nacht nach Hause kam. Meine Frau erkundigte sich immer geflissentlich, wann denn mit meinem Heimkommen zu rechnen sei. Bei Hochzeiten dauerte die Arbeitszeit sehr oft bis in die frühen Morgenstunden. Vor allem dann, wenn ich für die jeweilige Party als Chef de Rang[9] eingeteilt war. Das hieß dann, dass ich bis zur Abrechnung und dem anschließenden Aufräumen bleiben musste. Demnach stand mein Dienstplan fest, wovon immer eine Kopie zu Hause lag.

Das Schicksal wollte es so. Eine flambierte Eisbombe war immer der Höhepunkt eines Hochzeits­menus. Meist war schon Mitternacht vorbei, wenn nach dem vier, fünf oder sechs Gänge-Menu das Licht im Hochzeitssaal ausgeschaltet wurde, nur noch die Tischkerzen ein anheimelndes Licht im Saal verbreiteten. Gleichzeitig wurde die Schallplatte mit dem Hochzeitsmarsch aufgelegt und mehrere Kellner betraten den Raum mit einer flambierten Eistorte. Im Gänsemarsch und im Gleich­schritt mit dem Vorlegebesteck den Takt zur Musik klappernd bewegten wir uns auf das Hochzeits­paar zu. Jeder Kellner kannte seinen Platz, wo er anzufangen hatte, anhand der bereits vorge­schnit­tenen Tortenteile. Beim Brautpaar angekommen beugten sich alle Kellner vor, um gleichzeitig mit dem Vorlegen zu beginnen. Diese Zeremonie wurde stets von den anwesenden Gästen aus­giebig beklatscht. Ich nehme an, dass es auch in der Nacht so ablief, wo ich durch einen blöden Unfall daran gehindert wurde, meine Arbeit planmäßig zu beenden. Die vom Patissier vor­bereitete Eistorte wurde immer in eine Eistruhe gestellt. In der Regel hatten die Köche längst Feierabend, wenn der Akt mit der Hochzeitstorte vollzogen wurde. So holten wir Kellner uns die Torten selbst aus der Küche. An diesem schicksalsträchtigen Tag bewegte ich mich wohl ein bisschen zu hektisch in der Küche. Die Küche, die erst am frühen Morgen gründlich gereinigt wurde, schwamm um diese Mit­ternachtszeit vor verspritztem Fett auf dem gefliesten Fußboden. Ein Kellner bewegt sich auch ganz anders als ein Koch. Außerdem haben Köche auch ganz anderes Schuhwerk an. Wäh­rend ich nun mit meinen ledersohlenbehafteten Schuhen Richtung Kühltruhe renne (wegen des Zeitdrucks renne ich mal eben!), rutsche ich prompt aus. Da die Öfen in einem Gaststättenbetrieb immer eine Anzahl von Zentimetern Luft bis zum Fußboden haben müssen, wegen der Hygiene, knallte mein linker Fuß gegen die Trittleiste und unter den Ofen. Gegen diesen Schmerz war ein Beinbruch gar nichts. Die starke Prellung ließ mich vergessen, ob ich nun Männlein oder Weiblein war. Mein Chef hatte diesen Vorfall zufällig gesehen. Sofort war er bei mir, wollte mir aufhelfen. Zusehends schwoll mein Fuß an. Um Schlimmeres zu verhüten, löste er meine Schnürsenkel am Schuh. Er bestellte auf seine Kosten ein Taxi für mich. Eigentlich sollte ich damit ja zum Kranken­haus fahren. Ich dagegen wollte so schnell wie möglich nach Hause, um mir bei meiner Familie Trost zu holen und lieber einen Notarzt nach Hause kommen lassen. Statt eines Notarztes aber war kurz darauf ein Polizei­arzt in Begleitung einer Horde Polizisten in unserer Wohnung. Wieso das denn? Werden Sie sich jetzt fragen.

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Fußnoten

[1] Stadtwald in Hannover, https://de.wikipedia.org/wiki/Eilenriede

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Lysistrata

[3] Bananenjager, die weißgemalten schnellen Kühlschiffe https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_seem%C3%A4nnischer_Fachw%C3%B6rter_(A_bis_M)

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Turku

[5] Die Schreibweise von Dieter Schulz wurde beibehalten. Wer sich für die von westlichen Ländern gestützten kleptokratischen Politiker interessiert, mag den Links folgen. Die Personen stehen leider nicht nur für sich, sondern für die immer noch aktuellen Machtverhältnisse, denen wir die wohlverdiente Völkerwanderung verdanken.

Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga (geboren als Joseph-Désiré Mobutu; * 14. Oktober 1930 in Lisala, Provinz Mongala, Belgisch-Kongo; † 7. September 1997 in Rabat, Marokko) war von 1965 bis 1997 Präsident der Demokratischen Republik Kongo (von 1971 bis 1997: Zaire). Mobutu herrschte in einer der längsten und korruptesten Diktaturen Afrikas. https://de.wikipedia.org/wiki/Mobutu_Sese_Seko

[6] Joseph Kasavubu (auch Kasa Vubu) (* 1910 – andere Angaben 1913, 1915 oder 1917 – bei Tschela; † 24. März 1969 in Boma) war von 1960 bis 1965 der erste Präsident der Demokratischen Republik Kongo. https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Kasavubu

[7] Patrice Émery Lumumba (* 2. Juli 1925 in Katako-Kombé; † 17. Januar 1961 in der Provinz Katanga) war ein kongolesischer Politiker und von Juni bis September 1960 erster Premierminister des unabhängigen Kongo (zuvor Belgisch-Kongo, 1971 bis 1997 umbenannt in Zaïre, heute Demokratische Republik Kongo). https://de.wikipedia.org/wiki/Patrice_Lumumba

[8] Daran hat sich nichts geändert. Noch heute werden für die Arbeit von Strafgefangenen keine Sozialabgaben abgeführt. Dabei würde das zur „Resozialisierung“ hinzugehören.

[9] Ein Chef de Rang ist in der Hierarchie eines Serviceteams dem Maître d’hôtel (Restaurantleiter, Restaurant Manager) und dessen Stellvertreter (Assistant Restaurant Manager) unterstellt. In deren Abwesenheit ist er verantwortlich für den reibungslosen Ablauf des Service und somit dem Demichef de rang und dem Commis de Rang überstellt. Um diese Tätigkeit ausüben zu können, werden üblicherweise eine Ausbildung im Hotel- und Gastgewerbe und mehrere Jahre Berufserfahrung gefordert. Darüber hinaus müssen Beschäftigte in der Gastronomie eine Bescheinigung über die Belehrung gemäß Infektionsschutzgesetz besitzen. In der Regel werden auch fundierte Fremdsprachenkenntnisse erwartet. https://de.wikipedia.org/wiki/Chef_de_Rang

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

 

 

Vierundzwanzigstes Kapitel

Von einer Knechtschaft zur nächsten.

Ich also schnurstracks zu dem nur wenige Kilometer entfernten Ort, wo meine Mutter wohnte, um mich als Bäckerlehrling zu bewerben. Meine Güte, roch das gut in der Back­stube, wo mich mein zukünftiger Lehrherr hinführte, um mir meinen eventuellen Arbeits­platz zu zeigen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht zwischen dem Schweinestall- und Kuh­stallgeruch, den ich bisher eingeatmet hatte. Hinzu kam noch, dass ich 80 Mark im Monat erhalten sollte. Hatte ich mich schon von der ersten zur zweiten Stelle um 100% verbessert, so sollte es nochmal um 100% getoppt werden. Eine Schlafkammer unter dem Dach-juchhe war ich ja schon längst gewohnt. Ich fand nichts dabei, auch hier wieder so unter­gebracht zu werden. Ich hatte zwar in der Bild-Zeitung gelesen „Lehrling gesucht – Einhei­rat geboten“, dass also Lehrlinge damals sehr gesuchte Menschen waren, hatte aber noch nicht den Weitblick. Deshalb griff ich mit beiden Händen bei diesem Angebot sofort zu. Ich konnte meine Mutter wieder entlasten und mir eine Perspektive schaffen. Mich störte es gar nicht, dass ich auf meinem Bett liegend durch die Ritzen der Dachpfannen das Profil der schon längst ausgefahrenen Fahrwerke der zur Landung ansetzenden Flugzeuge auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen genau erkennen konnte. Ich fand dies eher als span­nend. Die Geräusche? Na ja, daran gewöhnt man sich genauso wie an den Gestank eines Bauernhofes.

Morgens um halb sechs – kaum früher als beim Bauern – wurde ich höflich von einem der beiden Söhne meines Lehrherrn geweckt. Meist hatte ich dann noch ein paar Minuten Zeit bevor die ersten fertigen Brötchen aus dem Backofen gezogen wurden. Derweil wurde ich angewiesen, die im heißen Fett schwimmenden Krapfen, auch Berliner genannt, umzudre­hen, wenn dann von beiden Seiten fertig auf eine Kanüle zu stecken, einen Hebel herunter zu ziehen, womit die Berliner mit Marmelade gefüllt wurden. Die fertigen Brötchen wurden dann von einem der beiden noch schulpflichtigen Söhne und mir in diverse Tüten gefüllt. Darauf stand dann etwa Müller, Meier, Schmidt oder sonst ein Name. Diese Tüten wie­derum wurden schön der Reihe nach in einen weißen Leinenbeutel gelegt. Die beiden Lei­nen­beutel wurden mir rechts und links an den Fahrradlenker gehängt. Und los ging’s. Ich lernte zunächst die Strecke und die dazugehörigen Häuser und Namen kennen, an deren Türen wir dann in die dort hängenden Beutel jeweils die abonnierten Brötchen legten. Nach etwa einer Woche kannte ich alle Namen meiner Brötchentour auswendig, und die Söhne konnten eine Stunde länger schlafen. Ich dagegen wurde mit einer eigens für mich installierten Klingel zum Dienstantritt geweckt. Nach der privaten Brötchentour war Früh­stück angesagt. Gleich danach wurde mir ans Fahrrad ein geschlossener zweirädriger Anhänger angekuppelt. Mit dem vollgepackten Anhänger belieferte ich einige Tante-Emma-Läden mit frischen Brötchen. Zweites Frühstück! Derweil waren auch schon Brote gebacken. Mein Anhänger wurde wieder vollgepackt und ich brachte diese auch zu den Vertragshändlern. Und danach gab es schon wieder einen Anhänger voll Brote. Diesmal war jedes einzelne Brot mit Seidenpapier umhüllt, auf dem der jeweilige Name des Empfän­gers stand. In weitem Umkreis fuhr ich die Brote spazieren und lief Trepp auf Trepp ab, um den Privatkunden ihre Bestellungen direkt zu liefern. Manche davon bezahlten in bar, andere beglichen ihre Rechnung im Laden. Die Barzahler waren mir am liebsten. Fiel doch dabei in den meisten Fallen ein Trinkgeld für mich ab.

Natürlich wusste mein Meister nichts davon.

Diese Tätigkeit gefiel mir weitaus besser als die Schinderei beim Bauern. Zumal ich auch in der Regel schon gegen 16 Uhr mit meiner Arbeit fertig war und nicht erst bei Sonnen­unter­gang. Zu dem Trinkgeld hatte ich schnell heraus, wie ich mir noch einen zusätzlichen Nebenverdienst verschaffen konnte. Hin und wieder kam es vor, dass mich Leute im Haus ansprachen, wo ich gerade Brot auslieferte, ob ich nicht zufällig ein Brot zuviel dabei hätte. So könne man sich den weiten Weg zum Bäcker sparen. Schon bald hatte ich mir so einen persönlichen Kundenkreis erschlossen. Natürlich wusste mein Meister nichts davon. Zwei, drei Brote mehr in den Anhänger gepackt und mein Monatsverdienst verdoppelte sich schon. Nach der Haushalts-Brot-Tour war Mittagessen im Familienkreis angesagt. Blie­ben nur noch die inzwischen gebackenen Kuchen rechtzeitig zur Kaffeezeit zu den Kleinhändlern zu bringen, und dann war auch schon fast Feierabend. Gegen 14 Uhr hatten Meister, Geselle und die anderen Lehrlinge ihre Arbeit in der Backstube beendet. Na ja, die waren ja auch schon in der Nacht gegen 2 Uhr aufgestanden. Mir blieb es überlassen, die Kuchenbleche, diverse Maschinen, die es damals schon gab, und die Backstube selbst zu reinigen. Meist blieb mir noch Zeit, die vorgefertigte Rohmasse per Hand zu Streuseln zu verarbeiten. Als ich mal versuchte vor meinem Meister zu verbergen, dass ich an den süßen Sachen naschte, grinste dieser nur und meinte, dass ich mir nur keinen Zwang antun solle. Irgendwann hätte auch ich mich daran sattgefressen.

So weit, so gut. Als ich in der Berufsschule so von Gleichaltrigen erfuhr, was sie schon alles gelernt hatten, fragte ich mich, später auch meinen Meister, warum ich immer nur als Laufbursche arbeiten musste, anstatt in der Backstube etwas von der eigentlichen Materie zu lernen. Da wurde dieser ziemlich böse. Er meinte, dass sich vorläufig an meinem Status nichts ändern würde. Schließlich verdiene ich ja gutes Geld bei ihm und einen anderen hätte er nicht, der meine Arbeit verrichten könne. Jeder Hilfsschüler könne meine Arbeit über­nehmen, sagte ich ihm daraufhin. In der Folgezeit herrschte beim ersten und zweiten Früh­stück und am gemeinsamen Mittagstisch eisiges Schweigen. Ich fand diesen Zustand als unerträglich. Ich beschwerte mich in der Berufsschule und beim AA. Man riet mir zum Arbeitsgericht zu gehen. Da ich nun aber schon die Dreimonatsfrist überschritten hatte, wo man ein Lehrverhältnis ohne Angabe von Gründen auflösen konnte und ich mich eben an das Arbeitsgericht gewand hatte, zeigte mein „Lehrherr“ seine bösartige Seite.

Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register.

Ich bekam eine Einladung, mich an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Stunde bei der Kripo einzufinden. Dort wurde mir dann eröffnet, dass eine Anzeige wegen Diebstahls gegen mich vorliege. Mein Arbeitgeber hatte angegeben, dass ihm an dem und dem Tag Geld aus der Wech­selkasse im Laden abhanden gekommen sei. Im Laufe der Zeit, wo noch alles zwischen uns in Ord­nung war, hatte ich natürlich auf Nachfrage nach meinem Woher meine Vor-Lebensge­schichte erzählt. Na und? War es daher nicht naheliegend, dass ein Bengel, der Jahre in einem Heim für Schwererziehbare zugebracht hatte, auch einen Diebstahl beging? Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register. Die erste war zustande gekommen, als ich im Dunkeln mit dem Fahrrad fahrend von der Polizei angehalten wurde. Weil ich mit einer defekten Hand­bremse und fehlendem Rücklicht unterwegs war, bekam ich eine Stunde Verkehrsunterricht bei einem Richter, 10 Mark Geldstrafe UND einen Wochenendarrest aufgebrummt. Diesmal waren es schon vier Wochenendarreste. Bei meinem Verkehrsunterricht stand ich nicht alleine vor dem gestrengen Richter. Vier weitere arme Tröpfe standen neben mir. Zwei Mädchen und zwei Jungs. Bei den Mädchen hatte die eine ihre Freundin auf dem Gepäckträger mitfahren lassen. Und der eine Junge hatte seinen Freund auf der Fahrradstange mitgenommen. Wir alle erhielten die glei­che Strafe. Soll ich Ihnen mal was sagen? Bei dem heutigen Strafvollzug, hätte ich lieber vier Wochen an meine letzte zehnjährige Haftstrafe drangehängt, als auch nur einen Wochenendarrest abzubüßen, wie es damals praktiziert wurde.

18 Monate Haft

Etwa 16 Jahre später verschaffte ich mir Genugtuung für diese zu unrecht erhaltenen vier Wochen­endarreste. Mit meiner Freundin über das Frühlingsfestgelände in Hannover schlendernd erkannten mich am Lüttje Lage[1] Stand die beiden Söhne meines ehemaligen Bäckermeisters wieder. Ich wurde eingeladen einen mitzutrinken. Bei der einen Runde blieb es dann auch nicht. Mit steigen­dem Alkoholspiegel wurden die beiden immer redseliger bei der Aufarbeitung unserer gemein­samen Zeit. So wurde ich dann auch noch ausgelacht dafür, dass ich im Knast gelandet war. Schließ­lich hatte ihr Vater den Falschen verdächtigt, die 20 Mark aus der Wechselkasse gestohlen zu haben. Weil ihr Vater immer so geizig gewesen sei beim Taschengeld, sie aber doch schon sehr früh hätten mitarbeiten müssen, hätten sie sich dafür aus der Wechselkasse bedient und just zu eben diesem jährlich stattfindenden Frühlingsfest getragen. Die beiden besoffenen Typen merkten gar nicht, was sie damit anstellten. Mir blieb die Luft weg vor lauter Empörung darüber, wie lässig die beiden über die Sache sprachen. Vor Wut kochend krallten sich meine Hände in ihre pracht­vollen Haarschöpfe und knallten deren Köpfe mit ziemlicher Wucht zusammen. Dafür handelte ich mir einen weiteren Eintrag in das Bundeszentralregister nebst 18 Monaten Haft ein.

Keiner kann mir nachsagen, ich wäre nicht gewillt gewesen, mich an das kapitalistische System anzupassen. Ich hatte für wenig Geld bei Wind und Wetter beim Bauern geschuftet, ebenso hatte ich mich mit Fahrrad nebst Anhänger bei jedem Wetter über Kopfsteinpflaster und unbefestigte Rad- und Feldwege gequält, um meinem Meister sein Vermögen zu vermehren. Und? Was war der Dank? So langsam wurde ich erwachsen, begann darüber nachzudenken, wie ungerecht auf der Welt die Macht und das Geld verteilt waren. Natürlich bildete ich mich vorwiegend durch die BILD…..!

Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding.

Ich war gehalten, mich wieder so schnell als möglich um einen neuen Broterwerb zu kümmern. Mit 15 war ich manns genug, mich selbst zu versorgen. Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding. Sie hatte lange genug dafür gesorgt, dass ich meine Windeln vollscheißen konnte und uns Kinder durch die Kriegszeit geschleppt, uns die schwere Zeit danach auch irgendwie am Kacken gehalten. Jetzt wollte ich ihr zeigen, dass sie mir wenigstens ihren Fleiß vererbt hatte.

Bei meinen Stadtausflügen war mir mal ein Schild in der Brüderstraße aufgefallen. Darauf stand, dass die NVG (Niedersächsische Verfrachtungsgesellschaft) Schiffsjungen suchte. Schiffsjungen? Hatte ich nicht mal darüber gelesen, dass die Besatzung eines Schiffes immer auch an Bord schlief? Nach vier Tagen, ich hatte in Parks geschlafen, fiel mir dieses Schild wieder ein. Eine halbe Stunde später, nachdem ich mich dort vorgestellt hatte, hatte ich auch schon wieder einen Lehrvertrag unterschrieben. Der Schiffskapitän war froh, seine Reise mit einer vorgeschriebenen Mannschafts­stärke fortsetzen zu können. Im Bugraum, gleich neben dem Ankerkasten, gab es eine kleine Kajüte, die ich mir mit dem Matrosen teilen musste.

Auch mein neuer Job auf dem Schleppkahn war mit Knochenarbeit und wenig Schlaf verbunden. Es gab weder Samstag noch Sonntag. Wenn des Nachts zufällig ein Kran frei und unser Schiff gerade dran war, dann mussten wir eben auch des Nachts ran. Zumindest wurden die Über­stun­den ganz gut bezahlt. Einschließlich Nacht- und Sonntagszuschläge. Während der Kapitän am Heck des Schiffes eine fast schon als luxuriös zu bezeichnende Wohnung und seine mitreisende Frau besaß, mussten wir uns da vorne im Schiff selbst versorgen. Ob nun auf dem Mittellandkanal, wo meine Reise begann, Rhein und Weser oder Elbe, überall wurden wir von schwimmenden Kauf­manns­läden versorgt. Unsere Hauptmahlzeiten bestanden in der Regel aus Bratkartoffeln mit Speck und Eiern, Erbsen- oder Linsensuppen aus der Dose oder auch einfach nur aus Puddingsuppen aus der Tüte.

Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen.

Der Matrose, eigentlich auch nur Lehrling im dritten Jahr, zeigte mir wo es lang geht. Als ich ein­mal in einer Schleuse das Drahttau nicht ordnungsgemäß nachführte, welches oben an einem Poller befestigt war und unten am Kahn ebenfalls um einen Poller lief, hatte ich noch nicht das richtige Gefühl entwickelt. Und so riss das Tau mit einem Knall, und der Kahn kam ganz schön ins schaukeln. Mit viel Glück entging ich meiner Enthauptung durch das durch die Luft schwirrende Metalltau. Beinahe hätte ich mir in die Hose gemacht. Als Lehrling darf man doch schon mal einen Fehler machen, oder? Pustekuchen! Mit Gebrüll kam der Möchtegern-Matrose vom hinteren Ende des Kahnes, wo er die gleiche Funktion wie ich vorne verübte, die ganzen 60 Meter angeschossen und knallte mir eine, dass mir Hören und Sehen verging. Etwa eine Stunde später legte der Schlepp­verband von insgesamt fünf Kähnen zur Nachtruhe an einer der dafür vorgesehenen Uferböschung an. Mit immer noch brummendem Schädel von dem hefti­gen Schlag meines Vorgesetzten stieg ich die steile, schmale Treppe zu unserer Unterkunft hinab. Nach Ansicht des älteren nicht flott genug. Er hatte es etwas eiliger als ich. Er trat mir ein­fach auf den ohnehin immer noch schmerzenden Kopf. Das trug natürlich nicht gerade dazu bei, mir Sympathien für ihn aufkommen zu lassen. Zumal er mich schon einige Male, wenn er mich mal bei einem Landgang mitgenommen hatte, um mich mit den jeweiligen Lokalitäten der Stadt bekannt zu machen, mich regelmäßig die Zeche zahlen zu lassen. Dabei verdiente er schon weitaus mehr als ich im ersten Lehrjahr. Er machte sich bei mir auch nicht gerade beliebter, indem er sich gerne an meinen Vorräten vergriff. Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen. In Duisburg/Ruhrort schlug er dem Fass den Boden aus. Schmiss er mich doch mitten in der Nacht aus unserer gemeinsamen Kajüte raus, weil er mit einer aufgegabelten Tussi alleine sein wollte. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass er bedeutend besser ernährt war. Kurz, – er war ein Kerl wie ein Baum.

Platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein.

Seine Größe nutzte ihm allerdings nicht viel. In der kalten Novembernacht in Duisburg draußen auf dem Vordeck hatte ich Rache geschworen. Bei den BASF-Werken bei Leverkusen hatte unser Kahn irgend so eine Chemikalie gelöscht. Der ganze Kahn war von dem Feinstaub grau überzogen. Unsere Aufgabe war es nun, das ganze Schiff mit einem Wasserschlauch abzuspritzen. Ich auf der einen Seite, er auf der anderen. Ich schwöre, es geschah völlig unabsichtlich, dass mein Vormann dabei einen Wasserstrahl von mir abbekam. Doch dieser cholerische Typ sah darin einen gewoll­ten Angriff meinerseits. Mit einem mir bestens bekannten Wutgebrüll rannte er auf der 40 Zentime­ter breiten Gangway um den Kahn auf mich zu. Was das bedeutete konnte ich mir denken. Rund um das Schiff waren an den Seiten in regelmäßigen Abständen lange Staken angebracht. Diese dienten dazu, den Kahn von einer Kaimauer abzuschieben oder aber, wenn man sich zu früh von dem Motorschlepper abgeseilt hatte und der Schwung nicht mehr ausreichte dort anzukommen, wo es vorgesehen war, dann half man eben mit kräftigem Schieben mit den etwa vier Meter langen Staken nach. Man konnte sich auch näher an einen Ort heranziehen. Am Ende befanden sich näm­lich eiserne Haken und Spitzen. So eine Stange nahm ich nun zur Hand, weil ich einfach keine Lust darauf hatte, mir eine erneute Kopfdröhnung von dem Kerl verpassen zu lassen. In seiner Rage merkte der Typ viel zu spät, was ich da in der Hand hatte. Jedenfalls war es nicht mehr der Wasser­schlauch. Auf der eisernen Gangway mit nassen Gummistiefeln zu bremsen war einfach unmög­lich. Er rannte direkt in meine „Hellebarde!“ Und, platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein. Allerdings war das Rheinwasser kein Wein. Vielmehr um diese Jahreszeit auch noch ziemlich kalt. Sein Overall, darüber eine Kunstfell gefütterte warme Jacke und die Gummistiefel erleichter­ten nicht gerade seine Schwimmbemühungen. Noch bevor er ins Wasser klatschte, hatte ich auch schon mein Gehirn wieder eingeschaltet. Ich rannte nach Achtern, löste das Beiboot und wriggte (wriggen bedeutet mit nur einem Ruder das Boot vorwärts zu bewegen) hinter meinen Arbeits­kolle­gen hinterher. Hinterher deshalb, weil die Strömung ihn abtrieb. Beinahe wäre auch ich noch in den Rhein gestürzt. Bei dem Versuch den mit Wasser vollgesogenen Kerl aus dem Rhein ins Boot zu ziehen, drohte das leichte Boot zu kentern. Endlich wieder an Bord hatte er ganz was anderes zu tun als mich zu verprügeln. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die ihre Lippen so schön blau geschminkt hätte, wie die von meinem Matrosen.

 

Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

 

Während dieses Vorfalls war unser Schipper natürlich nicht anwesend. Er war gerade in der Hafen­meisterei, um irgendwelche Frachtpapiere zu erledigen. Dennoch hatte er unterwegs schon von dem Vorfall gehört. Irgendwelche Gaffer hatten ihm schon alles brühwarm erzählt. Da ich als fast blutiger Anfänger leichter zu ersetzen war als ein schon fast vollwertiger Matrose, hatte natür­lich ich die Schuld und die Konsequenzen zu ziehen. War ja klar, dass zwischen uns keine Liebe mehr ent­stehen würde. Meine Fahrkarte nach Hannover musste ich natürlich von meinem Ersparten selbst kaufen. Das Büro in Hannover, wo ich meine Papiere und meinen Restlohn abholen sollte, hatte längst die Polizei eingeschaltet. Anstelle von Lohn und Papiere bekam ich 21 Monate Jugendknast aufgebrummt. Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

Im Knast durfte ich dann in meiner Zelle Bindfäden in Preisschilder von C & A für 50 Pfennige am Tag einfädeln. In dem Alter hatte mich die Nikotinsucht noch nicht gepackt und an Bohnenkaffee hatte ich mich auch noch nicht gewöhnt. So hatte ich mir dann am Ende meiner Haftzeit 87 Mark zusammengespart. Eine Bücherei wie im heutigen Knastalltag gab es damals noch nicht. Es war gar nicht daran zu denken, in die Bibliothek zu gehen und sich Bücher auszusuchen. Man bekam einmal in der Woche Bücher vor die Türe gelegt. So round about 800 Seiten. Egal, ich verschlang alles was kam.

Meine Mutter hatte inzwischen Willy geheiratet, war in eine etwas größere Gartenlaube gezogen, wo die beiden fleißig daran bastelten, daraus ein Wohnhaus zu machen. Eine kleine Kammer, wo ich schlafen konnte, hatte meine Mutter für mich nach meiner Entlassung parat. Die brauchte ich aber nicht sehr lange. Ich bemühte mich schnell wieder um Arbeit. Und die bekam ich von einem ganz lieben Angestellten vom Arbeitsamt. Ich lernte nunmehr einen Beruf, der direkt auf mich zuge­schnitten schien. Zunächst ging es ja immer noch darum das ich bei meiner Arbeitsstelle eine Unter­kunft bekam. Was lag diesmal näher als mich als Kellnerlehrling zu bewerben? Da ich zu damaligen Begriffen nicht gerade den Eindruck eines Bauernlümmels machte wurde ich auch ange­nommen.

In dem heute immer noch erzkonservativen Hotel[2] lernte ich alles von der Pieke auf, was einen guten Kellner ausmacht. Filieren, Tranchieren übers Flambieren am Tisch, bis hin vieles über Wein­kunde. Uns wurde untersagt, vor dem Gast zu lächeln, weil der (Neureiche-)Gast sich ausgelacht fühlen könnte. Anstatt in schweren Klamotten und nach Stall riechenden Gummistiefeln herum zu laufen, trug ich eine vom Hotel gestellte Livree. Ich lernte Umgangsformen der gehobenen Gesell­schaft und auch sehr viel Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Showbusiness kennen. Weil ich aber mitten im Lehrjahr eingestiegen war, hätte ich eigentlich dreieinhalb Jahre lernen müssen. Mein zuständiger Lehrlingsausbilder aber meinte, dass ich schon nach zweieinhalb Jahren das Zeug dazu hätte, die Prüfung zu bestehen. Er meldete mich demnach auch zur Prüfung an. Und ich ent­täuschte ihn nicht. Mit einer Durchschnittsnote von 2,2 bestand ich meine Prüfung so, wie schon früher mein Versetzungszeugnis in die 8. Klasse in der Heimschule in Dönschten aussah. Abgeschlossen habe ich meine Lehre in Hamburg, da unser Betrieb trotz aller Konservativität schon ganz modern eingestellt war. Jeder Kochlehrling musste einige Monate im Service arbeiten, dafür ging jeder Kellnerlehrling die gleiche Zeit in die Küche, um dem Gast besser erklären zu können, wie z.B. eine bestimmte Soße zubereitet sei. Hinzu kam dann als krönender Abschluss, dass das Hotel in Hannover für drei Monate Lehrlinge mit einem ebenso renommierten Hotel in Hamburg austauschte.

Dort lernte mich auch mein zukünftiger Chef kennen. Vom Fleck weg engagierte mich der Besitzer des Landungsbrücken Cafes nach Beendigung meiner Lehre. Als Gast in dem Hause, wo ich arbei­tete, hatte er mich bei der Betreuung meiner Gäste beobachtet und Gefallen an mir gefunden. Er besorgte mir eine Wohnung. Besser gesagt war es eine Art WG. Ein schwuler ehemaliger Ballett­meister vermietete einzelne Zimmer an ausschließlich junge Burschen. In den beiden Zimmern stan­den jeweils zwei doppelstöckige Betten. Von der Sternschanzenstraße bis zu den Landungs­brücken konnte ich den Weg zu meiner Arbeit bequem zu Fuß gehen. Doch als mir die Annä­he­rungs­versuche meines Vermieters zu bunt wurden, suchte ich mir eine andere Bleibe. Die bekam ich dann auch von einem unserer Stammgäste in Groß Flottbeck angeboten. Zwar hatte ich dadurch einen weiteren Weg, war aber in der möblierten Kellerwohnung endlich mal nicht nur not­dürftig untergebracht. Hatte ich mich nun schon seit drei Jahren vorbildlich in der Gesellschaft integriert, ohne besondere Vorkommnisse, und konnte meiner Mutter beim Ausbau ihrer Garten­laube zum Wohnhaus auch noch finanziell unter die Arme greifen, machte die Musterung alle meine Zukunftspläne zunichte.

„Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“

Nach den üblichen Körperchecks stand ich vor der eigentlichen Prüfungskommission. Alle ausschließlich altgediente Berufsoffiziere. Der Obermacker in der Mitte sitzend schob sich ein Monokel vors Auge. „Hm, äh, Tauglichkeitsgrad 1!“ In meiner Akte blätternd weiter: „Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“ Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass ich am gleichen Tag Geburtstag hatte wie der letzte Deutsche Kaiser. Seine Vorliebe für die Marine sollte mich demnach dazu verpflichten, dort meine 18 Monate abzudienen? Konnte ja wohl eh nichts daran ändern. Also verschlug es mich auf die Insel Sylt. Kaum war die Grundausbildung been­det, ich auch schon zum Gefreiten befördert, las ich am Schwarzen Brett, dass man Freiwillige, allerdings mit der nötigen Qualifikation für die Fallschirmjäger in Fürstenfeldbruck suche. Ich ließ mich erneut checken. Und siehe da, man fand mich für geeignet. Der Sold war etwas höher. Hinzu kam noch eine kleine Gefahrenzulage für jeden Absprung. Der Haken an der Sache war aller­dings, dass ich mich, wollte ich zu dieser Eliteeinheit, für 4 Jahre verpflichten musste. Und ich lebensunerfahrener Bursche von gerade mal 19 Jahren unterschrieb. Nachdenklich über das, was ich mir hiermit eingebrockt hatte, wurde ich erst, als ich im Urlaub ehe­malige Arbeitskollegen traf, die es irgendwie geschafft hatten, sich vor der Wehrpflicht zu drücken. Im Tanzcafe bestellten die großkotzig Roten Krimsekt, während ich unter dem Tisch meine paar Kröten zählte, ob es wohl noch für eine Cola reichen würde. Ich begann zu begreifen, was ich mir da selbst eingebrockt hatte. Aussteigen aus dem Vertrag war nicht drin. Es gab eigentlich nur eine Möglichkeit: Untauglich fürs Fallschirmspringen zu werden. So nahm ich mir dann fest vor, bei einem meiner nächsten Absprünge ein Bein zu brechen. Vom Wollen bis zur Ausführung, da liegen Welten dazwischen. Zwar hatte ich mir schon beim Schifahren mal ein Bein gebrochen, hatte es zunächst gar nicht so recht registriert. Bis ich aufstehen wollte und der Schmerz bis ins Gehirn hochschoss.

„Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“

Bevor es überhaupt zum ersten Absprung kam hatte man alles gelernt, was zu vermeiden war, so dass man es im Schlaf hersagen konnte. Vor dem ersten Absprung träumte ich sogar die Hand­griffe und Handlungen, die mich sicher wieder auf den Boden brachten. Inzwischen hatte ich schon über 30 Absprünge ohne jedwede Komplikation absolviert. Immer wenn ich es mir bewusst vor­nahm, heute passierts, nahm doch die bereits vorhandene Routine Besitz von meinen Bewegungen. Schließlich war ich dann doch zu feige, meine Gedanken in die Tat umzusetzen. Irgendwie aber hatte sich der Gedanke an sich irgendwo im Hinterstübchen festgesetzt. Ich hatte den Gedanken schon längst ad acta gelegt, als es dann doch wie von selbst passierte. Während der ganzen Zeit der Luftfahrt hatte ich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet. Doch als ich mich wie gewohnt nach vorne werfen wollte, um mit meinen Unterarmen die Seile runterdrücken wollte, um das Aufblähen des Fallschirms zu verhindern, wehte an diesem Tag auch noch ein Lüftchen von etwa 3; ich konnte mich nicht wie gewohnt mit den Füßen abstoßen. Dafür verspürte ich den gleichen Schmerz unter der Schädeldecke wie schon bei meinem Schiunfall.

Die im weiten Umkreis verteilten fernglasbewaffneten Beobachter hatten sofort erkannt, was mit mir los war. In einer Staubwolke eingehüllt kam ein Jeep neben mir zum Stehen. „Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“ kommentierte der Offizier, der kurz meine Beine abgetastet hatte. Ein Bein alleine hätte ja auch schon gereicht. Aber nein, Schulz musste sich gleich beide Beine brechen.

Meinen Wehrpass mit dem neuen Vermerk, dass ich nur noch zur Ersatzreserve 2 gehörte, bekam ich dann noch am Krankenbett ausgehändigt. Nicht alleine dass ich mit dem doppelten Beinbruch untauglich geworden war, im Notfall mein Vater(?)land zu verteidigen, sondern die im Kranken­haus durchgeführte Röntgenuntersuchung meiner Lunge. Was wusste ich schon davon, was die drei Buchstaben TBC zu bedeuten hatten? Bisher unentdeckt hatte ich mit die „Motten“ mit herumge­schleppt, die inzwischen schon drei Kavernen in meine Lunge gefressen hatten.

Von wegen nach einer paar Wochen wieder ins Berufsleben einsteigen.

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis
Fußnoten

[1] Eine Lüttje Lage ist ein im Raum Hannover verbreitetes Mischgetränk aus dem speziellen obergärigen Lüttje-Lagen-Schankbier und Kornbrand. Eng verbunden mit der Lüttje Lage ist eine spezielle traditionelle Trinkweise. https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCttje_Lage

[2] Nach mündlicher Mitteilung von Dieter Schulz handelte es sich um das beste Hotel Hannovers: Kastens Hotel in der Luisenstraße https://www.kastens-luisenhof.de/

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIII

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Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Dies hier war bestimmt nicht die Vorstellung von meiner ersehnten Freiheit.

Ich glaubte ebenfalls an eine bessere Zukunft, als die mir von meinem Vater zugedachte, biss also in den sauren Apfel, setzte mich am folgenden Montag in aller Herrgottsfrühe zu meinem Vater aufs Motorrad und fuhr mit ihm zum Arbeitsamt nach Stade. Damals war so ein Arbeitsamt noch ganz anders strukturiert. Wir gingen einen langen Gang entlang (daran jedenfalls hat sich nichts geändert) und hielten vor einer Türe neben der ein Schild angebracht war, worauf stand, dass sich hier Bewerber für die Land und Forstwirtschaft melden könnten.

Dem zuständigen Sachbearbeiter konnte ich ansehen, dass er ein wenig irritiert war, als mein Vater ihm vortrug, dass er für seinen Sohn eine Stelle als Knecht bei einem Bauern suche. Mit Kennerblick hatte der Vermittler sofort erkannt, dass dieses Vorhaben meines Vaters seinen Sohn loszuwerden auf Probleme stoßen könnte. Sodann erklärte dieser mei­nem Vater die Tarifsituation für diese Branche.

Laut Tarif konnte er vom Bauern neben freier Kost und Logis DM 40 für mich verlangen. Vorsichtshalber, wahrscheinlich wissend, dass nicht gerade viele Bauern erpicht darauf waren so einen kleinen Wicht wie mich in ihre Dienste zu nehmen, gab er meinem Vater gleich vier Adressen von Landwirten, die Bedarf an einem Landwirtschaftsgehilfen ange­meldet hatten. Mit seinem Weitblick hatte der AA Angestellte genau richtig gelegen. Kaum hatte mein Vater bei dem jeweiligen Bauern gesagt, woher und warum wir bei ihm vor­spra­chen, zeigten die auf einmal, nach einem einzigen Kennerblick auf meine mickrige Person, gar kein Interesse mehr daran, jemanden einstellen zu wollen. Irgendwie kam meinem Vater die Erleuchtung, woran es wohl liegen mochte, dass plötzlich kein Interesse mehr vorlag, einen neuen Knecht einzustellen.

Wie Sauerbier angeboten

Bei der vierten und letzten Adresse mussten wir laut Auskunft der Bäuerin noch kilometer­weit aufs Feld fahren, um dem Herrn des Hofes selbst die Entscheidung zu überlassen. Es hatte dann gleich mehrere Gründe, warum ausgerechnet die letzte Adresse ein Volltreffer für meinen Vater wurde. Zum einen bot er mich wie Sauerbier an. Mein Vater meinte nämlich, dass für mich 20 Mark im Monat neben der freien Kost und Logis im ersten Jahr ausreichen würden. Das war für den Bauern natürlich ein gutes Argument. Zum anderen, wie ich sehr schnell selbst erfahren sollte, war er als Leuteschinder verrufen. So etwas sprach sich bei den stellen­wech­seln­den Knechten in weitem Umkreis schnell herum. Und da gerade die zweite Heuernte sowie die Kartoffellese im vollen Gange waren, ließ dieser sich breitschlagen, mich in seine Dienste zu nehmen.

Bildete ich mir das bloß ein oder hörte ich tatsächlich einen Riesenbrocken von Stein von meinem Vater abfallen? Schon am Sonntag schien mein Vater sich sicher zu sein, mich bei einem Bauern abschieben zu können. Dem einzigen Dorfkrämerladen, wo man außer Lebens­mittel auch über eine Nähnadel bis hin zum Anzug alles erstehen konnte, kaufte er mir für meinen Start ins Berufsleben drei buntkarierte Hemden, wie sie derzeit in Mode waren. Vor allem bei den Knechten. Des Weiteren eine braune Cordhose nebst einer Schlosserjacke und ein paar Gummistiefel. Die Gummistiefel waren unerlässlich. Musste man doch Kuh und Schweineställe ausmisten. Für meine Freizeit bekam ich noch eine blaue Manchesterjacke und eine blaue Stoffhose. Die Stoffhose war derart gestaltet, dass man unten am Bund ein Band hatte, womit man diese fahrradgerecht zusammenziehen konnte. Aber auch als chicke Ausgehhose war sie geeignet. Mit zwei Druckknöpfen konnte man sehr schnell eine Umschlaghose daraus gestalten. Socken und Unterwäsche bekam ich aus seinen Beständen. Für alles zusammen zahlte er genau 126 Mark.

„Du kannst mir ja die Ausgaben nach und nach zurück­zahlen!“

Als er mich am Dienstag bei dem Bauern ablieferte und sich von mir verabschiedete, mir den Asbach-Uralt-Koffer mit den neuen Sachen in die Hand drückte, meinte er: „So jetzt wirst du dein eige­nes Geld verdienen. Kannst mir ja die Ausgaben vom Sonntag nach und nach zurück­zahlen!“ Nachdem er Abseits noch eine Weile geredet hatte, verabschiedete er sich mit den Worten: „Du wirst nun jeden zweiten Sonntag deinen freien Tag haben. Du kannst dann gerne zu uns nach Ahlerstedt kommen, weil ich dann ja auch zu Hause sein werde!“ Ich bekam eine Dachkammer zugewiesen, in der sich neben meinem Bett noch so einiges altes Pferdegeschirr und anderer Plunder befand. Toll! Das Plumpsklo, mit ausge­sägtem Herzchen versteht sich, befand sich ca. 30 Meter vom Haus entfernt. Tagsüber fand ich vor lauter Eingespanntsein im Arbeitsprozess kaum Zeit, mein großes Geschäft zu erledigen. Hörte oder sah man mich nicht bei der Arbeit, einschließlich des Vaters und der Mutter des Bauern, die sich allerdings schon auf dem Altenteil befanden, rief man auch schon laut nach mir. Deshalb überkam es mich fast immer des Nachts, dass sich mein Darm zu ent­leeren wünschte. Nach ein paar Tagen schon bekam ich am Frühstückstisch zu hören, wohin es mich denn des nachts immer treiben würde. Regelmäßig verrieten mich die knarrenden Holztreppen, wenn ich mich auf den langen Weg machte. Das Bauernpaar fühlte sich in der Nachtruhe gestört. Schließlich musste ich an ihrem Schlafzimmer vorbei. Auch dort knarrten die Holzdielen. Also was tun um die Herrschaften nicht im Schlaf zu stören? Ich nahm mir alte Zeitungen mit aufs „Zimmer“ und schmiss eben meine Scheiße im hohen Bogen aus dem Fenster. Aber auch darüber regten sie sich fürchterlich auf. Hin und wieder ging der Alt­bauer mit seinem Rechen durch den Vorgarten und fand den „Salat“, den ich nicht weit genug bis aufs nächste Feld geworfen hatte. Dass ich schon in jungen Jahren Hämor­rho­iden am Arsch hatte, liegt wohl daran das ich mir dort monatelang mit der Drucker­schwärze mit Bleigehalt den Hintern abwischen musste. Denn als Toilettenpapier hing im besagten „Häuschen“ immer nur zerschnittenes Zeitungspapier.

Mein Tag sah in der Folgezeit so aus: Bei Sonnenaufgang mit dem Fahrrad manchmal kilo­meterweit auf die Weide fahren. Rechts und links am Lenker eine 20 Liter Milchkanne. Auf dem Rückweg waren sie natürlich voll. Während der Bauer gleich mit dem Melken begann, reinigte ich zuerst den Wassertrog, um dann mit der Handpumpe wieder Wasser aufzufüllen. Danach schaffte ich noch ein bis zwei Kühe zu melken. Erst nach dieser Tätig­keit gab es das erste Frühstück. Schweine füttern war angesagt, bevor wir zur Heuernte rausfuhren.

Mir tun noch heutzutage sämtliche Knochen weh, wenn ich nur daran denke was für Arbei­ten damals noch angesagt waren. Es gab ja bei weitem noch nicht die Maschinen, die heute einem Landwirt zur Verfügung stehen. Was ein Bauer damals mit mehreren Knechten und Mägden schaffte, macht er heute Dank seines Maschinenparks spielend alleine. Ja, natürlich mussten die Kühe auch am Sonntag gemolken werden. Morgens und abends. Und wenn das Wetter danach war, fuhr man anschließend noch ins Heu oder rutschte auf den Knien auf dem Kartoffelacker entlang, um die Knollen in einen Drahtkorb zu sam­meln. Mein eigentlich freier Sonntag, alle 14 Tage wie vom Vater ausgehandelt, bestand darin, dass ich natürlich erst noch die Kühe mit melken musste, danach Schweine­ställe ausmisten. Und da gerade die Äpfel reif waren, musste ich schnell noch das Fallobst im riesigen Garten aufsammeln und natürlich den kopfsteingepflasterten Hof mit einem selbst­gebauten Reisigbesen blitzblank fegen. Dann durfte ich endlich das betriebseigene Fahr­rad (Vorkriegsmodel) dazu benutzen, um die 12 Kilometer zu meinem Vater zurücklegen zu können.

Mein fürsorglicher Vater: „Du willst doch nicht etwa deinen Bauern die Kühe am Abend alleine melken lassen!?“

Das Gute an dem sonntäglichem Mittagessen bei der neuen Familie meines Vaters war, dass es immer Fleisch gab. Das Beste allerdings, die vorher nie gekannte Götterspeise mit Vanillesoße. Vollgepropft mit den leckeren Sachen meiner Stiefmutter saßen wir dann noch etwa bis zu zwei Stunden draußen im Garten. Dann gab es noch Kuchen und Kakao. Und schon hieß es von Vaters Seite: „So mein Junge, du machst dich jetzt besser auf den Weg. Du willst doch nicht etwa deinen Bauern die Kühe am Abend alleine melken lassen!?“ Mein Vater machte nicht den Eindruck, als würde er Widerspruch dulden. Und der Bauer? Der nahm es ohne ein Dankeswort als selbstverständlich hin, dass ich auch meinem freien Sonntag zum Melken antanzte.

Ein einziges persönliches Vergnügen gönnte ich mir während der drei Monate, wo ich in sei­nen Diensten stand. Abgesehen davon, dass ich mir jeden Tag für 10 Pfennige eine Fünfer­packung Storck Riesen gönnte, durfte ich mir aus dem überall auf dem Hofgelände verstreute alte Fahrradteile zusammensuchen. Mit Traktoröl und Benzin entfernte ich den Vorkriegsrost, kaufte mir von dem Taschengeld (den vollen Lohn bekam ich nie) eine Lampe und Farbe fürs Fahrrad. An einem Sonntag fuhr ich in das drei Kilometer entfernte Kutenholz. Ein etwas größeres Dorf, wo in einer Scheune Filme vorgeführt wurden. Ich wusste das Kinder bis 14 nur den halben Preis zahlten. Also machte ich einen auf jung. Ich zog meine kurze Hose an, mit der ich aus dem Osten getürmt war. Dazu ein Nickihemd und Söckchen. Keiner zweifelte an, dass ich noch unter 14 sei. Ich bekam anstandslos eine Eintrittskarte für 50 Pfennig und wurde auch damit eingelassen. Von der eingesparten ande­ren Hälfte leistete ich mir für 40 Pfennig noch ein Domino-Eis. Mein erster Film im Westen. Welcher Film war eigentlich ganz egal. Nur werde ich dieses Ereignis natürlich nie vergessen. Ebenso wenig den Titel. „Mädchenjahre einer jungen Königin“ mit Romy Schneider.[1]

Kaum ein Muskel, den ich nicht schmerzhaft verspürte, wenn ich mich abends, kurz nach Sonnenuntergang, ins Bett legte. Oft genug verfluchte ich den Tag, an dem es mir nun doch gelungen war in den „Goldenen Westen“ zu gelangen. Dies hier war bestimmt nicht die Vorstellung von meiner ersehnten Freiheit. Schon Ende Oktober brannte bei mir eine Sicherung durch. Bei allen guten Vorsätzen, dem Vater ein guter, gehorsamer Sohn zu sein, den er lieben konnte, konnte ich es nicht mehr aushalten. Nicht die schwere Arbeit an sich und die langen Arbeitszeiten waren es. Vielmehr die Ungerechtigkeit, die mir zuteil wurde.

Da hatte ich auch schon mein Arbeits­verhältnis auf diesem Hof gekündigt.

In der Scheune wurde eine Leihdreschmaschine aufgebaut. Angetrieben wurde das Ungetüm mit einem meterlangen Keilriemen, der wiederum vom hofeigenen Trecker mit einem Schwungrad angetrieben wurde. Die im Sommer mühsam aufgeschichteten Korn­bündel wurden nun auf die Maschine geworfen. Der kräftig gebaute Bauer stand auf der Dreschmaschine, zerschnitt mit einem Ratsch den Bindfaden, und lockerte das Bündel selbst etwas auf, damit alles schön gleichmäßig in die Walze gleiten konnte. Eine ver­gleichs­weise Kinderarbeit im Gegensatz zu dem, was er an diesem besagten Tag von mir verlangte. Er selbst stand oben auf dem Garbenstapel, warf die Bündel zu seinem Vater herunter, der diesmal das Einführen der Garben in die Maschine übernommen hatte. Ich dagegen sollte die fast zwei Zentner schweren, mit Korn gefüllten Säcke zu einem Anhän­ger schleppen. Ich, der ich selbst mal kaum einen Zentner wog. Es kam wie es kommen musste. Kaum hatte ich, meinen guten Willen zeigend, den ersten Sack geschultert, da torkelte ich auch schon mit dem Sack los. Ich kam gerade mal drei bis vier Schritte weit, da stürzte ich auch schon lang hin. Der Sack war noch nicht einmal zugebunden. So ergoss sich das Korn auf den betonierten Scheunenboden. Während ich mich aufzu­rappeln versuchte, hörte ich hinter mir den Altbauern wütend brüllen und dann schlug auch schon neben meinen Ohren die zweizinkige Forke auf dem Beton auf, die er nach mir geworfen hatte. Einer der dabei aufstiebenden Funken traf auch noch meine Wange. In diesem Augenblick hatte ich auch schon mein Arbeitsverhältnis auf diesem Hof gekündigt. Vorerst allerdings nur für mich im Stillen. Konnte ich doch nicht so ohne weiteres abhauen. Ich hatte bisher keinerlei Papiere und auch nur noch 1 Mark 40 in der Tasche. Ich wartete den kommenden Sonntag ab. Schon am Samstag versteckte ich meinen Pappkoffer einem Gebüsch an der Gartengrenze. Nach meinen üblichen Sonntagsarbeiten bat ich den Bau­ern um 5 Mark von meinem Lohn. Meiner Rechnung nach hatte ich noch ein Gut­ha­ben von 38 Mark bei ihm. Er gab mir vier Mark. Mehr hatte er nicht im Portemonnaie. Mit der Frage, was ich bloß immer mit meinem Geld machen würde, trennte er sich von den paar Kröten. Nachdem er durch mein Verschwinden eine ansonsten willige Arbeitskraft verloren hatte, behauptete er meinem Vater gegenüber, ich hätte ihm vom Küchenschrank 40 Mark geklaut. Und das hat mein Vater bis zu seinem Tode auch geglaubt.

… und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter

Ich glaube dagegen, dass der Bauer niemals auch nur annähernd soviel Geld im Hause hatte. Selbst der rollende Kaufmann, der über die Dörfer fuhr bekam nie bares. Ich konnte beobachten, dass er einmal im Monat diesem einen Scheck gab. Als ich von dieser infa­men Lüge erfuhr, hätte ich ihm am liebsten seinen Hof abgefackelt. Doch dann habe ich mir überlegt, dass er dabei höchstens noch seinen Reibach machen würde durch die Ver­sicherungssumme. So befestigte ich dann am Sonntag mit geklautem Bindfaden mei­nen Pappkoffer auf dem Gepäckträger meines selbst zusammengebasteltes uralt-Fahrrads und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter nach Hannover. Dorthin hatte es sie ver­schla­gen, nachdem der Platz bei ihrer Schwester noch weniger wurde. Denn diese erwartete mit ihren 49 Jahren noch einmal ein Baby.

In etwa kannte ich die Richtung, wo es nach Hannover ging. Dabei musste ich auch noch quer durch das Dorf, in dem mein Vater wohnte. Weder jemand aus der Sippe meiner Tante, noch derer, die jetzt zu meinem Vater gehörten, trieben sich an diesem Sonntag auf der Straße herum. So konnte ich meine Fahrt unerkannt und ohne irgendwelche erfunde­nen Ausreden fortsetzen.

Bisher kannte ich Hannover nur insofern, dass wir bei unserer Einreise in die BRD in Han­no­ver umsteigen mussten. In Hamburg mussten wir wieder umsteigen. Ganz schön über­müdet standen wir dann knapp 24 Stunden, nachdem wir unsere Wohnung in Leipzig ver­lassen hatten, in der Stadt, wo die Hunde mit dem Schwänze bellen sollten[2] wieder auf einem Bahnsteig und warteten auf den Schienenbus, der uns nach Harsefeld bringen sollte. Mutter und Willy kannten ja diese Reiseroute bereits von den vorherigen Fahrten. Mir kam sie endlos vor. Nach Harsefeld ging es ja noch auf Schienen vorwärts. Dann aber hatten wir noch einige Kilometer Fußmarsch vor uns. Wie schon erwähnt erreichte am Samstag gegen 14 Uhr der letzte Bus das Kuhkaff Ahlerstedt. Kurz vor dem Mittagessen überraschten wir dann meine Tante mit unserem Erscheinen. Die Wegstrecke nach Hannover, die ich mit meinem Fahrradesel bewäl­ti­gen wollte, kannte ich nur ungefähr. Ich hatte mir die größeren Ortschaf­ten gemerkt nach denen ich mich richten wollte. Zeven, Rotenburg/­Wümme, Visselhövede……. [3] ahlerstedt-hannoverWas wusste ich schon davon, dass es da eine Bundes­straße 3 gab, nach der ich mich hätte richten können.

Als wollte der liebe Gott mich zur Besinnung rufen, mir einen Fingerzeig geben, dass ich wieder umkehren sollte, ließ er zunächst alle paar Kilometer meine Fahrradkette abspringen. Und, die Abstände, wo sich dieses Malheur wiederholte, wurden immer kürzer. Heute, mit 86 wüsste ich, wie ich dieses Problem hätte beheben können. Theoretisch zumindest. Damals jedoch plagte ich mich alle paar hundert Meter damit herum, die Kette wieder auf den Zahnkranz zu bekommen.

Dann dauerte es aber doch noch vier Monate, bis ich endlich Hannover erreichte.

Ich hatte keine genaue Vorstellung davon wieviele Kilometer Hannover von Klein Aspe ent­fernt war. Später, diese Strecke mit dem Auto abgefahren, waren knapp 200 Kilometer auf meinem Tacho. In meinem 14jährigen Dummkopf zu damaliger Zeit hatte ich geglaubt, mit einer Übernachtung in irgendeiner Scheune auszukommen. Dann dauerte es aber doch noch vier Monate, bis ich endlich Hannover erreichte. Schuld daran war mein ver­ma­le­deites Fahrrad. Irgendwo zwischen Visselhövede und Walsrode ging gar nichts mehr. Meine heimlich eingepackten zwei Schnitten Brot und die paar Äpfel hatte ich längst ver­zehrt. Abgesehen von dem aufkommenden Hunger begann sich der Oktoberabend anzu­zeigen. So kam es mir sehr zupass, dass mir im nächsten Dorf ein Schild ins Auge fiel, worauf zu lesen war, dass hier eine Dorfschmiede war und auch Trecker sowie Fahrrad­handel betrieben wurde. Der Händlername deckte sich mit dem Namen am Türschild im Nebenhaus. So suchte ich dort um Hilfe nach. Obwohl Sonntagabend hörte sich der Mann, der die Türe öffnete, mein Begehren an. Nachdem er sich angehört hatte, was meine Reise behinderte, bat er mich in die Wohnung. Dort musste ich dann schon etwas weiter ausholen. Der versammelten Familie das Wie und Warum erklären.

Um es abzukürzen: eine knappe halbe Stunde später hatte ich schon wieder einen neuen Job. Der Dorfschmied hatte seinen Jüngsten schräg gegenüber zu einem Bauern geschickt. Mit dem Bauern im Schlepptau kam er wieder zurück. Ein paar Minuten später war ich bei dem als Knecht eingestellt. Da ich schon etwas bei seinem Vorgänger von der Landwirt­schaft gelernt hatte, ich also kein blutiger Anfänger mehr war, ich mich außerdem um ein Jahr älter gemacht hatte (Papiere hatte ich ohnehin keine) wurde ich mit einem Monats­verdienst von 40 Mark plus freie Kost und Logis eingestellt.

Ich bekam auch hier wieder eine Dachkammer zugewiesen. Allerdings etwas freundlicher eingerichtet als die vorige, mit Toilette im Haus. Auch brauchte ich mich hier nicht mehr mit demnachkriegsgeld Schlauch zu duschen, wo eigentlich täglich die Milchkannen ausgesetzt wurden. Ist der Name: Auf der Heide, eigentlich adelig? Während ich mich gar nicht mehr an den Ortsnamen erinnern kann, wo ich die folgenden vier Monate mein Leben mit Schwerst­ar­beit fristete, ist mir dieser Name meines Brötchengebers im Gedächtnis haften geblieben. Ohne darum nachfragen zu müssen, bekam ich hier an dem Tag, wo ich einen Monat bei ihm war, meinen vereinbarten Lohn ausge­zahlt. Ein Faible von ihm war mir jedes Mal 20 Zweimarkscheine[4] auf den Tisch zu zählen.

Der Schwerpunkt meines ersten Bauern sein Geld zu verdienen, war die Milchwirtschaft und der Kartoffelanbau, während auf der Heide intensive Schweinezucht betrieben wurde und man dazu noch im Winter mit Rückepferden[5] in den Wald fuhr. Dazu aber nahm er nur seinen ältesten Sohn mit, während der 19jährige mit mir den Hof schmeißen musste. Wer jetzt glaubt, im Winter gäbe es in der Landwirtschaft nichts zu tun, der irrt gewaltig! Im Gegensatz zu heute, wo es für alle Viecher Fertigfutter gibt, wurde damals noch alles per Handarbeit zubereitet. Während der Weidezeit versorgten sich ja die Kühe selbst. Aber im Winter mussten sie gefüttert und ausgemistet werden. Die riesige Schweinezucht brachte viel Knochenarbeit mit sich. Dafür aber konnte ich auf diesem Hof jede Woche einmal richtig baden. Dazu brauchte ich nur den großen Kessel gründlich zu reinigen, in dem ich sonst immer das Schweinefutter kochte, mit einem Schlauch Wasser hineinlaufen lassen, und den Ofen anzuheizen, und schon konnte ich ein warmes Vollbad nehmen. So komfor­tabel hatte ich vorher noch nie gebadet. In Ostpreußen, gab es im Sommer immer genü­gend Bäche oder kleine Flüsschen zum Baden. Im Winter trieb unsere Mutter uns in den Schnee hinaus, worin wir uns ausgiebig wälzten. Danach rubbelte sie uns mit einem sau­beren Kartoffelsack wieder warm. Vor allem waren wir danach auch immer rot wie ein gekochter Krebs.

Im Januar 1956 bekam ich zum ersten Mal einen Fernseher zu Gesicht. Hatte sich die Familie selbst zum Weihnachtsgeschenk gemacht. Da ich immer ins Wohnzimmer gebeten wurde, wenn Lohntag, war sah ich eben diesen Fernseher.

An den Wochenenden wurde nur das Allernötigste getan. So hatte ich dann auch noch Kraft, mir ein paar Groschen als Kegeljunge dazu zu verdienen. Außerdem bekam ich vom Bauern noch jedes Mal eine Mark, wenn ich ihm eine tote Ratte brachte, die ich selbst getö­tet hatte. Die meisten tummelten sich am frühen Morgen im Schweinestall. Wenn ich auf Zack war, traf ich eine mit meiner Mistforke.

Während dieser vier Monate nahm mich der jüngere Sohn auf seinem Motorrad mit ins nächste größere Dorf zu einem Tanzvergnügen. Als ich mal alleine dorthin wollte, landete ich mit meinem Fahrrad auf der stockdunklen Straße im Straßengraben. Der Graben war ebenso wie die Straße mit Schnee bedeckt, so dass ich den Weg gar nicht so recht erken­nen konnte. Unter der Schneedecke allerdings war der Graben mit Wasser gefüllt. Das ich mir daraufhin eine Weiterfahrt zum Tanzvergnügen verkniff, kann wohl jeder nachvollzie­hen?

Die Kaltherzigkeit des Bauern machte mir zu schaffen.

Warum ich diesen relativ guten Arbeitsplatz auch schon wieder nach vier Monaten verließ? Nicht weil der Winter 55/56 besonders kalt und die Arbeit zu hart für meinen kleinen Kör­per war, war ausschlaggebend. Genau an meinem Geburtstag, bekam unsere Hofhündin Junge. Ich hatte das Geschöpf schon immer während der kalten Tage bemitleidet. War sie doch bei jedem Wetter draußen an ihre Hundehütte gekettet und brachte dort auch ihre Jungen zur Welt. Die Kaltherzigkeit des Bauern machte mir zu schaffen. Er befahl mir die Welpen zu erschlagen und im Misthaufen zu verbuddeln. Meine Einwände wurden nicht zur Kenntnis genommen. Schweren Herzens kam ich dem Befehl nach. Es brach mir das Herz, als ich mitansehen musste, wie die Hündin ihre Jungen suchte und sie dann schließ­lich auch erschnüffelte und wieder ausbuddelte. Damit konnte ich nur noch knapp einen Monat mit leben. In etwa vier Kilometer Entfernung gab es einen Bahnhof. Und siehe da, kurz vor Mitternacht hielt dort ein Zug. Dorthin schleppte ich dann auch in einer kalten Febru­arnacht meinen Koffer. Auf dem Weg dahin begegnete mir zu allem Übel auch noch der jüngste Sohn des Bauern. Doch zu meiner Überraschung verstand er meine Beweg­gründe und auch meine Sehnsucht nach meiner Mutter. Er half mir sogar noch beim Kof­fer­tragen und wünschte mir alles Gute am Bahnhof.

Auf technischem Gebiet eine Niete.

Meine Mutter hatte am Stadtrand von Hannover ebenfalls Arbeit bei einem Bauern gefun­den. Eigentlich gab es zu der Zeit genügend Arbeit. Aber der Wohnungs­mangel …! Dieser Wohnungsmangel brachte es auch mit sich, dass ich beim Arbeitsamt nach einer Stelle nachsuchte, wo ich gleichzeitig eine Unterkunft hätte. Nachdem der Angestellte mich ein­gehend gemustert hatte, war er auch der Meinung, dass ich für eine Beschäftigung bei einem Bauern nicht die richtigen Vorraussetzungen mitbrachte. Just an dem Tag fand im AA Hannover ein Test statt, um herauszufinden, wofür sich ein Schulabgänger besonders eignete. In diesem Test brachte man mich kurzerhand unter. Dabei stellte sich heraus, dass ich auf technischem Gebiet eine Niete war. Woher auch sollte ich davon Ahnung haben? Ich hatte ja nie einen Vater gehabt, der mir gezeigt hatte, welches Werkzeug man für die eine oder die andere Sache benötigte. Ich kannte bisher gerade mal eine Kneifzange, einen Hammer und einen Schraubendreher. Na ja, mit einer Säge und einem Beil konnte ich so leidlich umgehen. Mussten wir uns doch unser Feuerholz immer selbst besorgen. Nach Auswertung aller Testergebnisse, war man der Meinung, dass ich mich eher in kaufmännischer Richtung bewähren könnte. Aber welcher Lebensmittelhändler, Schuh­verkäufer bot schon eine Lehrstelle mit Unter­kunftsmöglichkeit an? Oh, da hätte man ja was, fand ein Sachbearbeiter in einer Kartei­karte. Ein Bäcker in Langenhagen suchte einen Bäcker und Konditorlehrling. Mit meiner Mutter Fahrrad machte ich mich sofort auf den Weg. Der Arbeitgeber meiner Mutter duldete es, dass sie mich für eine begrenzte Zeit in ihrem Zimmer aufnahm. Hatte er doch schon erlaubt, dass mein zukünftiger Stiefvater mit ihr das Zimmer teilte. Dazu muss man wissen, dass zu damaliger Zeit ganz andere Moral­gesetze herrschten. Der Bauer hätte leicht wegen des Kuppeleiparagraphen[6] vor Gericht gezerrt werden können, weil er einem unverheirateten Paar erlaubte, im selben Zimmer zu übernachten. Da meine Mutter aber eine gute Köchin war, die das Personal und die Fami­lie bestens zufrieden stellte und sich auch nicht scheute im Schweinestall auszuhelfen, drückte er beide Augen zu. Dass der Sohn dann auch noch eine Matratze benötigte, um im gleichen Zimmer schlafen zu können, hatten wir nur der human denkenden Bäuerin zu verdanken.

Fußnoten

[1] Das dürfte dieser Film gewesen sein: https://www.zweitausendeins.de/filmlexikon/?sucheNach=titel&wert=8977

[2] Buxtehude

[3] https://www.google.de/maps/dir/Ahlerstedt/Visselh%C3%B6vede/Hannover/@52.8842458,8.447339,8z/data=!3m1!4b1!4m20!4m19!1m5!1m1!1s0x47b1725839c2e6e9:0x6ac446883918da94!2m2!1d9.4504501!2d53.4031726!1m5!1m1!1s0x47b054c72650d97d:0x29f633eeee16153d!2m2!1d9.5841633!2d52.9868295!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!3e1

[4] https://www.google.de/search?q=Zweimarkscheine&start=10&client=firefox-b&sa=N&tbm=isch&imgil=GMoPpQgZ2D3GSM%253A%253BtFCL56G3QHjfeM%253Bhttp%25253A%25252F%25252Fwww.gettyimages.de%25252Fdetail%25252Fnachrichtenfoto%25252Fbanknoten-die-es-nach-der-w%25252525C3%25252525A4hrungsreform-am-20-juni-nachrichtenfoto%25252F543815833&source=iu&pf=m&fir=GMoPpQgZ2D3GSM%253A%252CtFCL56G3QHjfeM%252C_&usg=__9lapMnw0_NcfwebmJBkxgI4udpU%3D&biw=1152&bih=540&ved=0ahUKEwjo-ouw4tHTAhXDcRQKHcslB6Y4ChDKNwg1&ei=ccYIWaj-JMPjUcvLnLAK#imgrc=GMoPpQgZ2D3GSM:

[5] Als Rückepferd bezeichnet man ein im Wald zum Holzrücken, also zum Verbringen von gefällten und entasteten Baumstämmen zum nächsten Waldweg bzw. Polterplatz, dem sogenannten Vorliefern, eingesetztes Pferd. https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCckepferd

[6] Bedeutung hatte der Kuppelei-Paragraph in Deutschland bis 1973. https://de.wikipedia.org/wiki/Kuppelei

_Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der „Goldene Westen“: Vom Grenzschutz beschossen – vom Vater abgeschoben

 

Wie im Großen und Ganzen die ersten 15 Jahre vom Rest meines Lebens verlaufen sind haben Sie ja nun mitverfolgen können. Dabei konnte man ja schon herauslesen, dass ich es dann letztendlich doch geschafft habe in den „Goldenen Westen“ zu flüchten. Dazwischen gab es aber noch eine Begebenheit, die mir die hiesigen, sprich westdeutschen Behörden nicht so recht abnehmen wollten.

Ich meine aber, dass diese Episode hier noch Platz finden sollte. Wir waren wieder mal zu viert aus dem Heim ausgerissen und hatten uns einen Plan erarbeitet, wie es uns doch noch gelingen könnte in die BRD zu gelangen. Dass wir es schon einige Male versucht hatten, aus der Deutschen Diktatorischen Republik (DDR) zu entkommen, habe ich ja bereits geschildert. Im Mai 1955 hatten wir uns wieder mal bis an die Zonengrenze, genauer gesagt bis nach Haldensleben[1] durch­geschlagen. Gut getarnt versteckten wir uns in einem Wäldchen nahe an dem frisch gepflügten und geeggten Grenzstreifen zwischen DDR und BRD. Nach etwa 30 Stunden hatten wir den Rhyth­mus, der dort patrouillierenden Grenzwache ausgekundschaftet. Im 20 Minuten Abstand passierten die beiden Grenzsoldaten unser Versteck. Der Muttertag in Deutschland war schon zwei Stunden alt, da glaubten wir es wagen zu können. Vor uns in greifbarer Nähe lag die damals noch nicht mit Zäunen oder gar Mauern abgegrenzte Freiheit. Vermeintliche Freiheit.

„Kinder haben hier nichts zu suchen!“

Mit reichlich Adrenalin im Blut und flinken Beinen verließen wir unser Versteck und nahmen Anlauf, den schmalen Grenzstreifen zu überbrücken. Wir hatten höchstens noch 30 Meter bis zum west­deutschem Gebiet, da standen wir urplötzlich im gleißenden Scheinwerferlicht und ein sehr reso­lutes „Halt! Stehen bleiben!“ ließ uns das Blut in den Adern gefrieren, was natürlich unsere Beinmuskulatur lähmte. „He, Jungs, was macht ihr den da? Ihr seid doch noch Kinder!“, hatten sich die Bundesgrenzschützer schnell gefasst, als sie im Licht des Scheinwerfers erkannt hatten, wen sie da vor sich hatten. „Los! Nun aber zurück dorthin, wo ihr hergekommen seid. Kinder haben hier nichts zu suchen!“ kam es mit befehlsgewohnter Stimme ganz deutlich bei uns an. „Hallo, ich will doch zu meinem Vater, der in der Nähe von Stade wohnt!“ rief ich verzwei­felt zurück. „Quatsch! Zurück! Marsch, Marsch!“ war die Antwort. Sicherlich waren die ost­deutschen Grenz­bewacher schon auf den alles durchdringenden Scheinwerfer aufmerksam geworden und auf dem Weg dorthin. „Kommt Jungs, erstmal drüben klärt sich das schon auf!“ ermunterte ich die anderen drei zum Endspurt anzusetzen. Aber kaum hatten wir uns in Bewegung gesetzt, sahen wir nur noch Blitze und hörten die Abschüsse der Kugeln, die um unsere Ohren pfiffen. Eine davon streifte mein rechtes Knie, die Narbe davon trage ich wohl bis zu meinem Tode mit mir herum! Und Peter H. konnte auch noch Jahre danach seinen Hals nicht so bewegen wie er wollte. Denn seine rechte Halsseite streifte eine westdeutsche Kugel. Na, da hatten wir endlich begriffen, dass wir wirklich nicht in Westdeutschland er­wünscht waren. Den nur um maximal zwei Millimeter daneben­gegangene Streifschuss, der dann mein Knie zerschmettert hätte, nahm ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wahr. Wie auch? Waren wir doch mit Adrenalin vollgepumpt. Dieser Kick verschärfte sich noch da­durch, dass nun auch noch Taschenlampen von der Ostseite auf uns gerichtet waren. In West­deutschland waren wir nicht erwünscht, desto mehr freuten sich die auf der Ostseite über ihr Erfolgserlebnis. Später auf der Wache hörte es sich dann so an, als ob die beiden ganz alleine unsere Flucht vereitelt hätten. Wer hörte da schon auf so ein paar Rotzjungen die ihre Schuss­verletzungen als Beweis für ihre Version vorwiesen. Diese Verletzungen hätten wir uns höchstwahr­scheinlich im Wald oder sonst wo selbst zugefügt, hieß es.

1956, als es darum ging in Westdeutschland Papiere zu erhalten zum Nachweis, dass man am Leben war, trug ich diese Begebenheit bei der Behörde vor. Ich solle nur nicht versuchen mich mit einer erfundenen Geschichte interessant zu machen. Das könne ganz schön nach hinten losgehen, mir eine Anzeige einbringen, wurde ich abgewimmelt. Knapp vier Jahre später, als ich voll in Westdeutschland integriert war, durfte ich sogar zur Bundeswehr und zur Not mit der Waffe in der Hand die bösen Kommunisten totschießen, wenn es nötig werden würde. Ausgerechnet während der Zeit, wo ich selbst lernte mit einer scharfen Waffe umzugehen, wurde die Angelegenheit mit dem Streifschuss noch mal aufgegriffen. Meinem Ausbilder war während einer Sportstunde die schlecht vernarbte Wunde an meinem rechten Knie aufge­fal­len. Er fragte nach dem Ursprung und ob es mich auch nicht behindern würde. Endlich hörte mir mal jemand wirklich interessiert zu. Mein Ausbilder war nämlich, welch ein Zufall, bevor er zum Bund ging selbst beim Grenzschutz. Nicht dass er jetzt in die gleiche Kerbe geschla­gen hätte wie die vorherigen Beamten, denen ich die Geschichte vorgetragen hatte. Ganz im Gegenteil. Er hatte immer noch ein paar ehemalige Freunde beim Grenzschutz und wollte ver­suchen der Sache nachzugehen. Er erklärte mir sogar, wie er dabei vorgehen wollte. Jeder Grenz­schützer, bekam bei Dienstbeginn eine eingetragene Waffe mit der dazugehörigen, abge­zählten Munition. All das musste bei Dienstschluss auch wieder vollzählig abgeliefert werden. Fehlten nun aber Patronen bei der Rückgabe, war darüber ein Proto­koll anzufertigen wann, wo, warum die Munition verbraucht wurde. Auf diesem Wege begann er seine Nach­forschungen. Aber siehe da, ausgerechnet von der Nacht zum Muttertag 1955 existierte kein Protokoll. Na ja, so etwas hängt man nirgends an die große Glocke, dass man auf Kinder geschossen hatte. Sowas wird gerne unter den berühmten Teppich gekehrt.

Vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Dass es mir dann doch noch gelang im gleichen Jahr, nur drei Monate später, in den Westen zu kommen, lag an dem schlauen Geliebten, meiner Mutter der später auch mein Stiefvater wurde. Ich betone, dass er schlau, aber nicht klug war. Schlau, wie er es einfädelte, dass es ihm, meiner Mutter und mir ermöglicht wurde, auf ziemlich legalem Wege in den Westen auszureisen, wo neben meinem Vater ja auch die überlebenden Geschwister meiner Mutter, bis auf eine in Schönebeck, bereits wohnten. Übrigens, vier von 18 Geschwistern hatten den Krieg überhaupt in Ostpreußen überlebt.

Nachdem meine Mutter als mehrfach ausgezeichnete Aktivistin als Trümmerfrau und politisch als unbedarft eingestuft worden war, durfte sie jedes Jahr ihre Geschwister in Westdeutschland besu­chen. Diese Tatsache machte sich mein schlauer Stiefvater-in-spe zu nutze. Er schlug meiner Mutter vor, für die im August 1955 anstehende Reise in den Westen für ihren minderjährigen Sohn gleich mit einem Antrag zu stellen. So was war möglich, da Kinder, die noch zur Schule gingen, mit im Ausweis des Erziehungsberechtigten eingetragen waren. Da die ausstellende Behörde ja nicht wissen konnte, dass der Ableger meiner Mutter eigentlich in einem Heim für Schwererziehbare untergebracht war, bekam sie auch für mich das benötigte Papier. Das passte auch von der Zeit sehr gut. Waren doch im August die großen Ferien in der DDR. So fiel es niemanden auf, das heißt, bis zum Tag unserer Abreise.

Wie immer, wenn ich wieder mal auf Trebe war, besorgte ich mir auf bekannte Weise, nämlich bei den Russen, das nötige Kleingeld. An dem Tag, wo sich unser Leben ändern sollte, war ich sehr gut mit Ostmark bestückt. Obwohl der einzige Zug gen Westen erst am frühen Abend vom Haupt­bahn­hof Leipzig abfahren würde, waren wir schon sehr früh vom Reisefieber gepackt. Keiner hatte mehr an Gepäck bei sich, als man unbedingt brauchte. Gut durchdacht von Willy meinem Stief­vater. Denn an der Grenze in Marienborn hatten wir ein älteres Ehepaar weniger in unserem Zug­abteil. Die hatten doch gleich zweimal komplettes Federbettzeug mit in den „Urlaub“ nehmen wol­len. Wir verließen schon am Vormittag mit relativ leichtem Gepäck die Lilienstrasse in Leipzig-Reud­nitz. Wissend dass meine reichlich vorhandenen Ostmark im Westen nur einen Dreck wert waren (kannte ich ja von unserem Berlin Ausflug!), ließ ich mir von einem Coiffeur eine schicke Wasserwelle legen, wir gingen wir nochmal in Auerbachskeller chic essen und am Nachmittag auch noch in ein Café. Eine innere Unruhe ließ mich den Vorschlag unterbreiten, dass wir doch mit einem Taxi nach Halle/Saale fahren sollten und dort in den Zug einsteigen sollten. Meine beiden erwachsenen Begleiter ließen sich sogar darauf ein. Meine Vorahnung, wie sich später heraus­stellte, war völlig berechtigt. Während wir in Halle im Wartesaal auf unseren Zug warteten, kam eine Durchsage. Der Zug aus Leipzig über Halle, Magdeburg, Hannover nach Köln hätte voraus­sichtlich 30 Minuten Verspätung. Zu dem Zeitpunkt ahnte keiner von uns, dass ausgerechnet ich an dieser Verspätung schuld sein sollte. Es war aber so, wie wir später von meiner Schwester erfuh­ren. Gerade an diesem besagten 29. August 1955, ein Tag vor meiner Mutters Geburtstag, war wieder einmal eine Razzia in deren Wohnung angesagt. War doch ihr Sohn schon wieder seit eini­gen Tagen aus dem Heim in Dönschten abgängig, wie das so schön im Beamtendeutsch heißt. Weil man in der Lilienstrasse 22 in Leipzig niemanden antraf, wurde im Vorderhaus nachgefragt. Dort erfuhren die Häscher dann auch, dass Frau Schulz wie jedes Jahr in Urlaub in den Westen fahren würde. Da muss dann wohl bei einem der Beamten was geklingelt haben. Bei der Passstelle nachgefragt erfuhren sie auch noch, dass Frau Schulz ihren minderjährigen Sohn in diesem Jahr zum ersten Mal hatte mit eintragen lassen.

Hatte ich mit der Flucht in den „Goldenen Westen“ wirklich das große Los gezogen?

Da aber nur der eine Zug Richtung Westdeutschland am Abend in Leipzig abfuhr, filzte man diesen natürlich gründlich. Somit war auch die Durchsage wegen der Verspätung in Halle zu erklären. Was da in Leipzig abging, wusste ich zwar nicht, aber dennoch war mir kotzübel. Mein Magen rebellierte wie in den ersten Tagen meines beschriebenen Hungerstreiks im Heim. Eingedenk des­sen, mit wie vielen Hoffnungen ich schon Anläufe genom­men hatte, zu meinem Erzeuger in den Westen zu gelangen, und wie kläglich das schief gegangen war, wollte ich erst an mein Glück glauben, wenn ich die Grenze überfahren hatte. Bloß gut das in Leipzig niemand auf die Idee gekom­men war, in Marienborn anzurufen. Erst nach endlosem Aufenthalt an der Grenze, wo man auch so einige aus dem Zug geholt hatte, wovon nicht alle wieder den Zug bestiegen, und der Zug sich wieder in Bewegung setzte, waren auch schlagartig meine Magenbeschwerden verschwunden.

Aber! Hatte ich wirklich das große Los gezogen? Wären mir im Osten die 17 Jahre Knast erspart geblieben, die ich im Laufe der Zeit danach hier abgesessen habe? Irgendwie wäre ich auch drü­ben nicht so ohne weiteres nach Beendigung der Schule wieder in ein freies Leben entlassen wor­den. Immerhin lag ja noch der Motorradunfall in der Luft, den ich noch hätte sühnen müssen. Und danach? Wäre ich ein guter, angepasster Kommunist geworden? Das Schicksalsbuch wurde jedem Menschen schon bei der Geburt geschrieben.

Zunächst war die Enttäuschung schon mal riesengroß, als ich zum ersten Mal meinem Vater gegen­überstand und ich statt einer väterlichen Umarmung nur ein überraschtes, blödes Gesicht vor mir sah. Und dann war es an mir, ein dummes Gesicht zu machen. An der Bushaltestelle in Ahler­stedt (bei Stade), wo ich am besagten 30 August 1955, einem Samstag (unvergesslich für mich!) meinen Vater erwartete, wovon er allerdings nicht die geringste Ahnung hatte, drängte sich eine fünfjährige Göre zwischen meinen Vater und mich und fragte ganz empört: „Warum sagst du Papa zu meinem Papa, dass ist mein Papa und nicht dein Papa“. (Verstehen Sie jetzt mein dummes Gesicht? Ich hatte doch keinen blassen Schimmer davon, dass ich auch noch eine Halbschwester hatte. Jedenfalls hatte mein Vater in keinem seiner wenigen Briefe an mich etwas davon erwähnt).

Brachte es mein Vater schon nicht übers Herz seinen einzig verbliebenen Sohn in den Arm zu neh­men, so siegte dann doch seine Neugier zu erfahren, wie ich es geschafft hatte, so plötzlich vor ihm zu stehen. Nachdem sich auch meine schwergewichtige Stiefmutter aus der für sie viel zu engen Bustüre gezwängt hatte, wollte er sicherlich eine peinliche Szene an der Dorf-Bushaltestelle vermeiden.

„Na, dann komm mal mit nach Hause, dort erkläre ich dir alles!“ Dabei warf er einen vielsagen­den Blick auf das Mädchen, welches dagegen protestiert hatte, dass ich zu ihrem Papa ebenfalls Papa gesagt hatte. Zu meiner zukünftigen Stiefmutter sagte er nur ganz kurz: „Das ist Dieter!“ Na, zumindest wusste sie darüber Bescheid, dass es mich gab. Auf dem kurzen Weg zu deren Haus schlugen meine Gedanken Purzelbäume. Abgesehen davon, dass ich von der (Nicht)- Begrüßung enttäuscht war, drängte sich Ingrid, meine Halbschwester ganz bewusst zwischen mich und unse­rem Vater, hängte sich an seinen Arm. In diesem Moment fragte ich mich schon, wozu ich eigent­lich solche riskanten Unternehmungen gestartet hatte, um zu meinem Vater zu kommen. Ich konnte bisher nie darüber lachen, wenn ich mal irgendwo das Wort Herzensleid las oder hörte. Es mag Men­schen geben die dieses Wort zu schmalzig finden. Auch ich unterlag manchmal dieser Versuchung. Doch dann fiel mir immer sehr schnell ein, dass ich es ja selbst erfahren hatte. Genau damals mit meinen 15 Lenzen auf dem ersten gemeinsamen Weg mit meinem (?) Vater! Bei meinem ersten Gang zu meines Vaters Haus nahm ich gar nicht so recht wahr, an wie vielen ande­ren Häusern wir vorbei gingen oder gar wie diese beschaffen waren. Die Häuserreihe nahm ein Ende, wir bogen in einen Feldweg ein. Zwischen Kartoffel- und Maisfeldern tauchte dann auch das letzte Haus auf. Schlicht und einfach, aber es war ein Zuhause. Nur sollte es nie das meine werden.

In der Küche Platz nehmend durfte ich zwischen Milch, Hagebuttentee und Kakao wählen. Natür­lich entschied ich mich für eine Tasse Kakao. Neugierig drängte sich die ganze Familie um den Tisch, an dem ich nun mit meinem Vater saß. Wenn ich hier Familie sage, so gehörte neben mei­ner Halbschwester, noch eine Tochter und ein Sohn aus erster Ehe von Monika dazu. Die beiden Kinder, die Tochter ein Jahr jünger als ich, der Sohn ein Jahr älter, begafften mich wie ein seltenes Tier. Mein Vater steckte sich einen billigen Zigarrenstumpen in die Pfeife. Erst als der Rotzkocher zu seiner Zufriedenheit qualmte, zeigte er mit dem Saugrüssel seiner Piepe auf mich und sagte: „Nun erzähl mal!“

Ich erzählte ihm nun wie uns die Flucht aus der DDR gelungen war und wie es der Zufall wollte, lebte genau am anderen Dorfende eine Schwester meiner Mutter, die von ihr jedes Jahr besucht wurde. Bei dem Wort UNS verschluckte sich mein Vater an dem Tabakqualm den er gerade ein­gezogen hatte. Dies übersah ich geflissentlich und fuhr fort zu erzählen. Eben dass meine Tante mir verraten hatte, wo und wann ich meinen Vater mit meiner Anwesenheit überraschen konnte. In so einem kleinen Dorf, weiß jeder von jedem, wann er furzt. So war meiner Tante auch bekannt, dass mein Vater an diesem Samstag mit seiner zukünftigen Frau nach Buxtehude gefahren sei um Ver­lo­bungsgeschenke einzukaufen. Es war auch abzusehen, dass der Vater gegen 14 Uhr mit dem letzt­möglichen Bus wieder in Ahlerstedt eintreffen würde.

So, da war ich also und legte mein weiteres Schicksal in seine Hände. Ohne mich anzusehen beschäf­tigte sich mein Erzeuger ausgiebig mit dem erneuten Ingangsetzen seiner Pfeife und begann dann erst mit einer Erklärung über seine neuen Familienverhältnisse. Dabei holte er etwas weiter aus, bevor er auf den eigentlichen Punkt kam. Dabei erfuhr ich etwas über seine Lebens­geschichte. So erfuhr ich, dass er Obergefreiter bei einer Flakbatterie gewesen sei und kurz vor Kriegsende bei München stationiert gewesen sei. Dort habe er sich noch einen Bauchschuss einge­handelt. Nach einigen Wochen Krankenhausaufenthalt hatten ihn die amerikanischen Besatzer als unbedenklich eingestuft und ihn laufen lassen.Von seinen Ersparnissen hätte er sich ein Pferd samt Wagen angeschafft und sei gegen Norden gezogen, weil er erfahren hatte, dass dort noch Ver­wan­dte (meine Tante) aus Ostpreußen leben würden. Über seine eigene Familie habe er keine Auskünfte erhalten können, so dass er davon ausgehen musste, dass wir den Krieg nicht überlebt hatten. Es habe sich dann so ergeben, dass er in Monika, die Kriegerwitwe geworden war, eine neue Gefährtin gefunden habe. Bei dem rasanten Wiederaufbau in Deutschland habe er auch sehr schnell Arbeit gefunden. Er verdiene sich sein Geld jetzt als Eisenflechter. Allerdings sei er nur jedes zweite Wochenende in Ahlerstedt, da es eine weite Reise sei von seinem derzeitigen Arbeitsplatz. Ich hätte ja großes Glück gehabt, dass er ausgerechnet an diesem Wochenende zu Hause sei.

Oh jemine! – Ich zum Bauern?

Dann ließ er seine Neugierde aber nicht mehr mit seiner Frage, die ihm auf den Nägeln brannte, ruhen. „Du sagtest eingangs, dass es EUCH gelungen sei, hierher zu flüchten. Soll das heißen, dass deine Mutter diesmal nicht nur zu Besuch zu ihrer Schwester gekommen ist wie all die Jahre zuvor?“ Bemerkte ich da etwa ein nervöses Nuckeln an seiner Pfeife, als ich darauf antwortete?

„Genau so ist es. Immerhin hat Mutti es mir mit ihrem Ausweis ermöglicht über die Grenze zu kom­men!“ Ich musste ihm dann noch erklären, wie das genau abgelaufen ist. „Wie soll das nun weiter­gehen?“ fragte er in den Raum hinein. „Du siehst ja, wie viele Personen wir hier sind. Wir leben schon ziemlich beengt. Das Haus gehört der Gemeinde und die obere Etage ist von einer anderen Familie belegt!“ begann er mir den Zahn zu ziehen, falls ich die Hoffnung gehegt hatte bei ihm unter­zukommen. Monika aber dachte zunächst sehr praktisch. „Du musst als erstes bei deiner Firma anrufen und um 2 bis 3 Tage Sonderurlaub nachsuchen. Die werden schon Verständnis für diese Situation haben!“ Vater grummelte sich was in seinen nicht vorhandenen Bart, was soviel hieß: „Ja, dann werde ich wohl gleich am Montag mit ihm nach Stade zum Arbeitsamt fahren müssen. Jetzt in der Erntezeit wird bei den Bauern jede Hand gebraucht!“ Oh jemine! Ich zum Bauern? Waren da nicht richtige, starke Kerle gefragt? Ich, brachte keine 50 Kilo auf die Waage mit meinen gerade mal 155 Zentimetern Körpergröße.

„Aber Vater! Ich habe das Versetzungszeug­nis von der siebten in die achte Klasse in der Tasche. Ich bin doch noch gar nicht mit der Schule fertig!“ – „Für die Arbeit beim Bauern reicht das alle­mal. Und, beim Bauern kriegst du richtig was zu essen und auch Unterkunft zu deinem Lohn. Du bist noch im Wachstum, und auf die Rippen und in die Arme kriegst du dabei auch etwas. Soweit ich zurückdenken kann, sind alle deine Vorfahren irgendwie mit der Landarbeit groß geworden!“ Na, da hatte ich mir ja was eingebrockt.

Nachdem ich noch eine weitere Tasse Kakao getrunken und ein Stück Butterkuchen dazu gegessen hatte, wurde ich zum sonntäglichen Mittagessen eingeladen. Mit verwirrten Gedanken trat ich dann den Weg ans andere Dorfende zu meiner Mutter und Tante an. Obwohl mein Onkel dort einen 120 Morgen großen Bauernhof gepachtet hatte, lebten sie mit ihren vier Kindern auch ziemlich beengt. Gleich drei Besucher überstiegen einfach ihre Bettenkapazitäten. So musste ich mir mit meinem etwa gleichaltrigen Cousin ein Bett teilen. Als ich meiner Mutter darüber Bericht erstattete, wie das Wiedersehen mit meinem Vater abgelaufen war, erkannte ich wie ihre Augen feucht wur­den. Was mein Vater versäumt hatte zu tun, das holte meine Mutter jetzt nach. Sie nahm mich so fest in ihre Arme, das mir die Rippen schmerzten. „Mein Junge, denk daran, was wir schon alles durchgemacht haben. Wir werden auch das überstehen. Kommt Zeit, kommt Rat. Willy und ich können ja auch nicht auf Dauer hier bleiben. Wir haben alle gesunde Hände. Und Arbeit gibt es hier genug!“ tröstete meine Mutter mich.

Fußnote

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Haldensleben

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Mit 15 Jahren ausgebufft und fit fürs Leben. Eine kriminologische Zwischenbilanz

logo-moabit-kGewinner sehen normalerweise anders aus. Dieter Schulz ist mit seinen 15 Jahren Gewinner – im Überlebenskampf, er wäre sonst untergegangen.

Im Knast auf einer klapperigen Justizschreibmaschine schreibt er über seine ungewöhn­liche Kindheit. Mit dem 20. Kapitel ist der Teil weitgehend abgeschlossen, in dem er noch nicht strafmündig war. Waren seine Delikte bis jetzt schon gravierend, so waren sie doch reiner Über­lebenskampf, die Fluchten aus den Heimen zählen dazu.

Schulz schreibt keinen Roman.[1] Hier wird über reales Geschehen und Erleben berichtet. [2]

Zeit für eine Zwischenbilanz.

Das mit dem Gewinner hatte er so noch nicht gesehen. Erst Freitag telefonierte ich mit ihm. Ja, doch, sagte er dann, stimmt, er habe gekämpft und das erfolgreich.

Da liegt das Dilemma. Aus meiner Adoptionsarbeit weiß ich, wie ungeheuer problematisch es sein kann, ein Kind aus der dritten Welt zu adoptieren, das mehrere Jahre erfolgreich auf der Straße gelebt hat. Ein solches Kind hat gelernt, was dort zum Überleben bitter nötig ist: Stehlen, Betrügen, Gewalt, Sex als Tauschware. All das ergibt keine gute Prognose für das Überleben in unserer Gesellschaft, denn es ist äußerst schwierig, Verhaltensweisen abzulegen, mit denen man Erfolg hatte. Das wissen wir auch aus ganz banalen Tierversuchen. Eine Ratte, die im Lernlabyrith gelernt hat, wo das Futter versteckt ist, irrt nicht mehr suchend herum, sondern steuert das Ziel direkt an. Legt man nun das Futter an anderer Stelle ab, so dauert es eine Reihe von Versuchen, bis die Ratte umgelernt hat.

Was hat Dieter gelernt? Wozu wurde er „zugerichtet“?[3]

Er schreibt: Ich bin Jahrgang 1940. Wurde in Königsberg geboren. Und genau an meinem 5ten Geburtstag kam der Krieg nach Königsberg. Erst 1949 wurde die Familie von den Rus­sen nach Leipzig verfrachtet. Drastisch und mit sehr feiner Distanzierung beschreibt er die Vergewaltigungen, Morde, Notprostitution, den Hunger, Vertreibung und die Schieber­geschäfte.

Das haben doch viele andere auch erlebt und sind nicht kriminell geworden, sagte mir jemand. Ein Argument, das mir schon in der Heimkinderdiskussion begegnet ist. Auch dort haben es einige ehemalige Heimkinder trotz aller Belastungen zu einem unauffälligen, manche gar zu einem erfolgreichen Lebenslauf geschafft. Die anderen blieben „Opfer“ – und wurden auch noch Opfer von Vorwürfen, warum sie es nicht gepackt haben, das Leben.

Das kann man mit Schulz nicht vergleichen. Ihn vorschnell als Opfer einzuordnen, liegt nahe. Er hat als Kind gesehen und erlebt, was Kinder besser nicht sehen und erleben sollten. Man spricht sehr leicht von Traumatisierung. Wenn überhaupt, war das aber offensichtlich keine dauerhafte. Der Wille zum Überleben war stärker. Und Schulz hat sich durchgeboxt, durch­getrickst und durchgemogelt. „Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?“ fragt er im 21. Kapitel. Das war er tatsächlich, und er steckte voller Lebensenergie. Keine Opfer-, sondern eine Täterpersönlichkeit hat sich früh bei ihm herausgebildet. Vielleicht sollte man besser von Macher-Persönlichkeit sprechen, denn damit ist nicht unbe­dingt eine kriminelle Täterschaft verbunden. Doch auf der Schattenseite des Lebens gelten andere Gesetze – wie in der Dreigroschenoper: „Wir wären gut anstatt so roh, …“[4]

Dieter Schulz hatte gelernt, in einer feindlichen Umgebung zu überleben – was ja nicht wenig ist. Er hatte gelernt, dass es dabei nicht auf Gesetze und auch nicht auf Sitte und Anstand ankommt. Was wir Sozialisierung nennen, hat durchaus stattgefunden, aber nicht in der „bürgerlich-anständigen“ Version.[5]

Und die Fähigkeiten? Auf ihn trifft die Redewendung „klein, aber oho“ zu, umgangssprach­lich meint man damit „klein, aber beachtlich energisch, selbstbewusst, leistungsfähig“. Dieter Schulz sagt von sich, er lerne schnell. So auch Russisch. Das verhalf ihm zu seinen Schwarz­markt­geschäften, Kuppeleien und Betrügereien – als Kind! Dazu kamen Diebstähle, Ein­brüche, Ausbrüche, Brandstiftung und eine Falle, die für zwei Volkspolizisten hätte tödlich ausgehen können.

Er hat noch etwas gelernt: Gefühle machen angreifbar, man muss sie verstecken. »Nachts weinte ich auch schon mal unter der Bettdecke. Immer nur den Abgebrühten spielen war für meine kleine Jungenseele doch nicht so leicht wegzustecken, wie es den Anschein haben mag.«

Dieses ganze Potential liegt nun für den zweiten Teil seiner Autobiographie bereit – und er nutzt es, wenn er in Schwierigkeiten kommt, – kriminell, warum auch nicht? und endet schließlich an der Knastschreibmaschine, auf der er nicht nur die Frage stellt, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?![6]

Auch wenn er sich im Rückblick zurecht als „Ergebnis“ einer heillosen Zeit darstellt, geschieht auch dies noch mit der Absicht, ein warnend Beispiel abzugeben. Selbst in der Opferrolle noch tatorientiert.

Das Sündenregister des Kindes und Jugendlichen ist auch eine weitere kriminologische Überlegung wert. Denn Pardon wird nicht gegeben. Ich lernte bereits im Studium, dass es nicht gut ist, eine Akte beim Jugendamt zu haben. Ist die erst einmal angelegt, wird alles gesammelt und bei Bedarf hervorgeholt. Kinder aus „guten Familien“ haben selten eine Jugendamtsakte, weil diese Familien Devianzen meist selber regeln können. Bei Dieter Schulz kommt Heimausbruch zu Trebe[7] zu Heimausbruch. Seine „Gefährlichkeit“ wächst von Mal zu Mal. Pädagogische Neuanfänge gibt es nicht, immer nur das Heim, also mehr vom Selben, obwohl man weiß, dass das nicht hilft. So führt pädagogisches Versagen dazu, dass in solchen Fällen die Jugendamtsakte nahtlos in die Strafakte überführt werden kann. Im Volksmund heißt es, der Teufel schitt immer auf den größten Hucken. Wenn noch nix da ist, schit hei nich.

Doch es gibt hin und wieder einen Nachlass. Die Öffentlichkeit regt sich oft auf, wenn wegen „mangelnder Nestwärme“ o.ä. der Strafrahmen nicht voll ausgeschöpft wird. Hätte Dieter Schulz vielleicht auch gekriegt, „wenn der Richter das gelesen hätte“. Hatte er aber nicht, denn seine Autobiographie gab’s noch nicht, nur sein Vorstrafenregister: 16 Vorstrafen werden strafverschärfend im Urteil aufgeführt.Ist der Leumund gut, also keine Vorstrafen, ist die Sozialprognose gut. Leute mit positivem Sozialisationshintergrund sind aus der „Normalsicht“ lebenstüchtiger, zuweilen aber auch erfolgreicher in der Kriminalität, als die von Kind auf geschädigten. Eigentlich müßte man ihnen vor Gericht ihre bisherige Unbescholtenheit zum Vorwurf machen: Sie hatten privat wie beruflich einen unbelasteten, sorgenfreien Werdegang und blieben bisher unbescholten. Dennoch haben Sie bewusst Schrott­immobilien verkauft und viele Menschen in den Ruin getrieben. Das müssen wir straf­verschärfend werten.

Dieter Schulz sieht sich auch weiterhin als Winner. Er ist überzeugt, einmal in den Himmel zu kommen. Habe ich doch die Hölle bereits auf Erden erlebt und meine Sünden mit 17 Jahren Knast abgebüßt.

Auf wen er dort wohl alles treffen wird?

Fußnoten

[1] Verschiedene Genres kämen infrage, wenn es ein Roman wäre:

  1. Schelmenroman: »Der Schelm stammt aus den unteren gesellschaftlichen Schichten, ist deshalb ungebildet, aber „bauernschlau“. Er durchläuft alle gesellschaftlichen Schichten und wird zu deren Spiegel. Der Held hat keinen Einfluss auf die Geschehnisse um ihn herum, schafft es aber immer wieder, sich aus allen brenzligen Situationen zu retten. «https://de.wikipedia.org/wiki/Schelmenroman
  2. Bildungsroman: »Bildung soll beim Bildungsroman nicht nur das Thema des Romans sein, sondern auch dem Leser vermittelt werden. Ähnlich wie im didaktischen Aufklärungsroman geschieht dies durch das „missiona­rische Überlegen­heits­gefühl eines sich selbst bewussten Erzählers, der seinen Bildungsvorsprung gegenüber Held und Leser geltend machen [kann]“. Dieser distanzierte, oft ironische Erzähler ist also neben dem Helden und dem Leser die wesentliche Figur eines Bildungsverhältnisses, das als Bildungsgeschichte bezeichnet wird.« https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungsroman . Dieter Schulz ist einerseits „Held“ der Geschichte, andererseits aber oft auch der distanzierte und ironische Erzähler. Das kann nicht jeder Memoirenschreiber, dennoch hat dieser Lebensbericht Parallelen
  3. zu „Memoiren“: https://de.wikipedia.org/wiki/Memoiren und
  4. zur Autobiographie. https://de.wikipedia.org/wiki/Autobiografie .

[2] Die ersten 20 Kapitel sind bereits hier im Blog erschienen, damit ist der Teil abgeschlossen, den Dieter Schulz spontan auf der Justizschreibmaschine verfasst hat: auf dünnem Durchschlagpapier in Zeilen mit von Rand zu Rand hüpfenden Buchstaben, mit unterschiedlicher Anschlagstärke und abenteuerlicher Rechtschreibung getippt.

Die nächsten rund 20 Kapitel erreichten mich per Mail. Schulz war inzwischen frei und wurde von uns ermutigt, weiterzuschreiben.

[3] Dierk Schäfer, Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion, Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 9/2016, http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4128

[4] http://lyricstranslate.com/de/bertolt-brecht-erstes-dreigroschenfinale-lyrics.html

[5] Diese ist allerdings nicht in allen Fällen ein zuverlässiger Weg zu einem Leben frei von Kriminalität, nicht einmal von schwerer Kriminalität. Das zeigt ein Blick auf die gerade aktuell sichtbaren Machenschaften erfolgreicher Firmen und ihrer Manager. Auch diese sind Täterpersönlichkeiten, sonst hätten sie in ihrem Umfeld nicht reüssieren können. Selbst wenn sie mal zur Rechenschaft gezogen werden, fallen sie weich. Dieter Schulz aber lebt ärmlich von Sozialhilfe, sitzt im Rollstuhl und hin und wieder fährt man ihn zum Discounter-Einkauf.

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/

[7] http://umgangssprache_de.deacademic.com/26403/Trebe

 

In Kapitel 21, geht es weiter. Titel: Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Darin erfahren wir, wie er es angestellt hat, ins Schiebergeschäft einzusteigen, wirklich sehr clever.

_Inhaltsverzeichnis

 

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XX

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Zwanzigstes Kapitel

Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

Einmal im Jahr, nachdem mein Vater schon 1948 seine Familie für tot erklären lassen wollte, kam er seinen Unterhaltsverpflichtungen nach. Er schickte ein Paket. Jedesmal waren für jeden ein paar Schuhe darin enthalten. Die dabei gelegten Heftchen eines possierlichen klei­nen Tierchens mit netten Geschichten, durfte ich behalten.[1] Die Schuhe brachten auf dem Schwarzmarkt gute Preise. Was brachten uns auch so teure lederne Westschuhe? Meistens liefen wir solange es das Wetter erlaubte ohnehin barfuß rum. Ansonsten versorgte uns Vater Staat ja mit Pagalitschuhen[2]. Im Sommer konnte man sie sowieso nicht tragen, weil man unheim­liche Schweißfüße darin bekam, sich alles darin wund lief. Na, und im Winter wickelte man sich ein paar Fußlappen extra um die Füße, um die ausgeleierten Plastikschuhe überhaupt tragen zu können. Was also sollten wir mit so schicken und bequemen Schuhen, wenn uns der Magen knurrte!? Der reale Sozialismus gestand uns pro Kopf unsere Rationen per Lebensmittelkarte zu. Brot für Schwerarbeiter, Arbeiter, Angestellte, Kinder: 450, 400, 300, 250 Gramm. Hülsenfrüchte, Graupen etc. 40, 30, 20, 20 Gramm. Fleisch 50, 40, 35, 20 Gramm. Fette 30, 15, 10, 20, nichtarbeitende Familienmitglieder 7 Gramm. Zucker 25, 20, 15 Gramm. Kartoffeln 500 Gramm. Auf all diese schönen Sachen hatten wir jeden Tag in der o.g. Menge Anspruch! Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals in den Abfallbehältern der Schule weggeworfene Frühstückspakete gesehen zu haben. Es kostet mich noch heute Über­windung mehr Butter/Margarine aufs Brot zu kratzen, als es die Poren der Brotschnitte auf­nehmen. Dafür habe ich aber auch kein Wohlstandsbäuchlein. Ein Herkules ist auch nicht aus mir geworden. Ein Bocksprung oder eine Kletterstange hochzukommen im Turnunter­richt, war für mich nicht drin. Meine Zensuren in diesem Fach fielen dementsprechend aus. Mein Wunschtraum, einmal so Schifferklavier spielen zu können, wie ich es bei vielen russi­schen Soldaten gehört hatte, konnte nie in Erfüllung gehen, deshalb gab ich mir erst gar nicht die Mühe mehr als den Notenschlüssel im Musikunterricht zu lernen. Beim gemein­sa­men Singen hatte ich meistens die 3. oder 4. Stimme drauf. Es wurde darauf verzichtet, mich beim mar­kigen: „Brüder zur Sonne, Brüder….“[3] mitsingen zu lassen. Die störte mein Diskant[4], mich die Zeugnisnote, die ich dafür erhielt und meinen guten Notendurchschnitt versaute.

Soviel zur Wirtschaftslage in der DDR für all diejenigen, die schon ein paar Jahre nach dem 17. Juni 1953 nicht mehr den Grund dafür benennen konnten, warum dieser Tag ein bezahlter Feiertag und schulfrei war.

Heutzutage weiß jedes Kind wie ein Computer funktioniert, kennt sich in der Charthitliste bestens aus, sucht sich seinen Lieblingsmoderator auf der richtigen Welle seines HiFi-Gerätes. Ich, mit neun Jahren zum ersten Mal mit einem Radio konfrontiert, kam mir wie im Märchen vor. Wie komme ich auf Märchen? Ich hatte bis dahin doch noch gar keine Märchen gelesen, vorgelesen bekommen. Hatte doch mein Umfeld ganz andere Sorgen als mich mit Gute-Nacht-Geschichten am Bett zu beglücken. Aus dem Kasten meldete sich eine Stimme namens RIAS[5]. Zwar wusste ich längst, dass ein winzig kleines Flugzeug am Himmel unheim­lich groß werden konnte, wenn es einmal abgeschossen auf einen nahe gelegenen Acker stürzte und sich darin sogar Menschen befanden. Es blieb mir aber sehr lange ein Geheimnis, wie ein erwachsener Mensch in so einen kleinen Kasten reinkam, der auf der Kommode stand, nie seine Größe veränderte, also real war. Stundenlang saß ich vor dem Kasten, wartete darauf, dass der Mann mal rauskam, um seine Bedürfnisse wie etwa Essen oder Toilette, zu befriedigen. Kuriose Welt, diese Welt!

Zerstritten wie zwei Eheleute war dieses Deutsch­land.

Eigentlich wollte ich den Namen RIAS hier nur einfügen, weil wir (verbotenerweise versteht sich!) durch diese Stimme erfuhren, dass es da noch ein anderes Deutschland gab. Viel größer, viel schöner und viel wahrheitsliebender sollte das andere Deutschland sein. Flüsterte man sich allenthalben geheimnisvoll zu. Zerstritten wie zwei Eheleute war dieses Deutsch­land. Jeder Teil hatte sich einen neuen Partner zugelegt. Reichlich schmutzige Wäsche wurde gewaschen. Wie es nun mal unter zerstrittenen Eheleuten üblich ist. Keiner konnte sich der ideologischen Propaganda entziehen. Ich hätte lieber ein paar anständige Schuhe an den Füßen gehabt, mehr Wurst- und Käse- als Zuckerbrote gegessen, anstatt zu erfahren, dass sich alle Kriegsschuldigen jenseits der Grenze niedergelassen hätten, um wieder auf einen neuen Krieg hinarbeiten zu können. So die Propaganda des ostdeutschen Radios. Schon wir Kinder wurden darauf getrimmt, mit unseren sowjetischen Freunden, die uns vom Hitlerjoch befreit hatten, unseren Befreiern vom Faschismus, enge Freundschaft zu pflegen. (Und wie ich diese Freundschaft pflegte!). Es galt den Kriegshetzern im Westen Stärke zu zeigen. Beide Seiten Deutschlands durften laut Vertrag der Siegermächte keine eigene Armee aufbauen – vorläu­fig. Jeder Staat aber braucht, um seine Macht zu demonstrieren – und vor allem das gemeine Volk im Zaum zu halten, – willfährige oder ideologisch geprägte Schergen. Durfte man schon kein eigenes Heer aufbauen, um den Klassenfeind des kapitalistischen Westens Paroli bieten zu können, so wollte man wenigstens reichlich Polizei zur Verfügung haben, um im Falle eines Falles den Aggressoren aus dem Westen Einhalt gebieten zu können. Wie es in der Politik so üblich ist, wurde dem Kind nur ein anderer Name gegeben. Die Soldaten hießen von nun an Kasernierte Volkspolizei. Neben den reichlich vorhandenen Besatzern erfand man dann auch noch die bewaffneten Betriebskampfgruppen und dem Alter entsprechend wurden die FDJ[6] und die JP[7] als kampfbereiter Nachwuchs herangezüchtet. Ein Hundsfott, wer da glaubte, es wäre ein Abklatsch von HJ[8] oder Pimpfen[9]. Uniformiert, das hatte man von Hitler und Stalin gelernt, ließ es sich nun mal besser marschieren. Mit stolzgeschwellter Brust reihte man sich in die Paraden ein. Das hatten wir doch schon mal. Und heute wie damals will wieder keiner dabei gewesen sein. Wenn ich so unsere Lehrer und andere Agitatoren reden hörte, waren sie, die im Ostsektor verbliebenen, es alleine gewesen, die gemeinsam mit der glorreichen Sowjetarmee die Faschisten auf die andere Elbseite getrieben hätten. Ich konnte mich glücklich schätzen zu der guten Seite zu gehören – so wurde es mir eingetrichtert. Aber auch später, als mir die „Ausreise“ in den goldenen Westen gelang, traf ich keinen einzigen Deutschen mehr an, der mit den Zielen des Herrn Hitler konform gegangen wäre. Als die Prügelstrafe noch nicht so verpönt war wie heute, da wurde uns eingepaukt, dass Erwachsene immer Recht hätten. Innerhalb von sechs Jahren musste ich akzeptieren, dass es zwei ver­schiedene Ansichten und Meinungen über die jüngste Geschichte Deutschlands gab. Das machte mich ganz schön konfus. Also, dass die kollektive Erziehung, die Uniformen der Freien Deutschen Jugend, oder der Jungen Pioniere etwas mit dem Vorbild der Hitlerjugend und der Pimpfbewegung zu tun hatten, wäre meinerseits eine grobe Verleumdung gegenüber dem Staatsrat der DDR. Auf dem Koppelschloss der Vorfahren stand immerhin provokativ „Blut und Ehre“[10], während die Generation danach ganz schlicht daran erinnert wurde „Seid bereit“[11].

Kinderherz was willst du mehr?

Mit ständig hungrigem Magen aber war es sehr schwer, immer bereit und konzentriert auf den Klassenfeind zu achten. Zunächst war es für uns (meine Familie) ja schon ein gewaltiger Fortschritt, aus der Heimat vertrieben zu sein, um in Leipzig einen Neuanfang beginnen zu können. Solange wir noch auf dem Lande – Leipzig Engelsdorf – lebten, begann sich ja auch so etwas Ähnliches wie eine normale Kindheit bei mir zu entwickeln. Karussell fahren, wie oben beschrieben, Mäuse-Maikäfer fangen, im Winter mit einem Stück Pappe (soweit vorhan­den) unterm Hosenboden, einen kleinen Hügel herabrutschen, Schlitterbahnen anlegen, im Sommer Obst in den Gärten stehlen. Kinderherz was willst du mehr? Nur, als Mutter dann endlich wieder soweit hergestellt war, dass sie zum Aufbau des Sozialismus beitragen konnte, war diese gerade begonnene Idylle wieder zerstört. Als Mädchen vom Lande an Arbeit gewöhnt, aber ansonsten keinerlei Qualifikationen mitbringend, war es naheliegend, sie als Trümmerfrau einzusetzen. Leipzig lag in Trümmern. Erstmal mussten die weg. Jeder noch verwertbare Stein wurde dringend für den Neuaufbau gebraucht. Mangels Verkehrsmöglich­keiten vom entlegenen Engelsdorf nach Leipzig, wurde uns eine „Wohnung“ (wie schon beschrieben) in der Otto Runki Straße in Leipzig 05 zugewiesen, damit meine Mutter sich als Trüm­merfrau ihren ersten Aktivistenorden verdienen konnte. Der Akkordverdienst selbst – ohne Akkord kein Orden – war so bescheiden, dass wir mal gerade so, und das auch nicht immer, davon satt wurden und meine Mutter deshalb meine Alimente-Westschuhe auf dem Schwarzmarkt verscherbeln musste. Hat ein Kind eigentlich noch andere Bedürfnisse als satt zu werden, für den Sozialismus zu lernen? Oh ja! Ich wäre so furchtbar gerne mal in den Zirkus gegangen. Dieser in mir immer unbändiger werdende Wunsch änderte schließlich mein ganzes Leben. 1951, ich war zehn, Pardon elf. Was denn nun? Zehn oder elf? Nach heutiger Zeitrechnung elf. Damals allerdings erst 10! Nur Geduld, auch darüber erhalten Sie, lieber Leser, noch Aufklärung. Also, ich war zehn, wollte unbedingt in den Zirkus. Unweit des Haupt­bahnhofes Leipzig, was ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste, war das Hauptquartier des Zirkus AEROS. Nur soviel wusste ich. Zweimal zehn Pfennige brauchte ich für die Straßenbahn und 50 Pfennige Eintrittsgeld. Es dauerte, da ich in der Stadt ja keine Nebeneinnahmen mit Mäuse-Maikäferfangen mehr hatte, eine kleine Ewigkeit, bis ich die sieben Groschen zusammen bekam. Das heißt, ich hatte nur sechs, den Rückweg waren wir bereit, auf nackten Sohlen zurück zu legen. Einen Klassenkameraden hatte ich mit meinem Wunsch, einmal in den Zirkus zu gehen, bereits angesteckt. Aufgeregt und voller abenteuer­licher Erwartungen machten wir uns dann eines Tages auf den Weg dort hin. Können Sie sich die Enttäuschung zweier zehnjähriger Jungen vorstellen, die vor der Zirkuskasse stehen, stolz ihre Ersparnisse auf das Zahlbrett legen, um zwei der billigsten Eintrittskarten zu erwerben, die dann aber erfahren müssen, dass ein einziger Groschen für beide zusammen fehlt? Wir hatten ja gar keine Ahnung, dass auf jede kulturelle Veranstaltung immer noch zehn Prozent Kulturzuschlag zu entrichten waren. Nicht die Aussicht, den beschwerlichen Weg von der Stadtmitte bis nach Reudnitz zurücklegen zu müssen – den hatten wir ja einkalkuliert – trieb uns das Wasser in die Augen, ließ unsere Hälse enger werden. Die Verkäuferin der Eintritts­karten blieb angesichts unserer Tränen unbeeindruckt. Sie hatte wahrscheinlich keine Kinder, kein Herz. Oder aber doch selbst Kinder, denen dann die zehn Pfennige fehlen würden. Wir beiden Knirpse jedenfalls standen da, so etwa wie Kinder in der heutigen Zeit da stehen wür­den, wenn man ihnen eröffnen würde, Weihnachten und die damit verbundenen Geschenke würden in diesem Jahr ausfallen. Nie wäre mir eingefallen, einen der vielen Zirkusbesucher wegen dem fehlenden Groschen anzusprechen. Bis, ja bis ein Oberleutnant der Sowjetarmee samt Familie an der Kasse vier Logenplätze kaufte. Hatte ich nicht schon viel Erfolg in Kali­ningrad und Insterburg um ein Stück Brot gebettelt? Eigenartiger Weise traute ich mich ganz ohne Scheu, dem uniformierten Besieger des Faschismus am Ärmel zu zupfen, und ihn in fließendem Russisch um einen Zehner anzugehen. Der zeigte sich allerdings sehr erbost darüber, wie es denn möglich sei, dass ein russisches Kind, dazu noch barfuss, es nötig hätte, um zehn Pfennige zu betteln. Mein damals noch sehr ausgeprägter ostpreußischer Dialekt hatte mir in der Schule schon einige Hänseleien eingebracht. Dagegen war meine russische Aussprache völlig dialektfrei, hatte ich mir schon einige Male nachsagen lassen müssen. So war es nicht verwunderlich, wenn der von mir angesprochene Offizier annahm, ich gehöre seinem siegreichen Volke an. Deshalb fand er es unter der Würde seines Volkes, dass ein Angehöriger desselben es nötig hatte zu betteln. Es gab nichts, was nicht sein durfte. Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert! Wenn auch mühsam, so doch überzeugend, konnte ich dem stolzen Sowjetmenschen klar machen, dass ich nur ein armes besiegtes Würmchen sei, welches lediglich seiner Sprache mächtig war, nachdem der empörte Mann genügend Luft abgelassen hatte. Alsbald schlug seine Empörung in Verwunderung um, und ich musste ihm Erklärungen abgeben. Kinderlieb sowieso, und gerührt darüber, als ich ihm verkassematukelt[12] hatte, weshalb ich mich ausgerechnet bei ihm Hilfe erhofft hatte, fasste er mich zärtlich in den Nacken, führte mich an die Kasse und orderte großzügig zwei weitere Logenplätze. Ich schnupperte Zirkusluft in der ersten Reihe, war so dicht am Geschehen, dass ich den köstlichen, lang entbehrten Pferdeschweiß riechen konnte. Sägespäne flogen mir um die Ohren, als die Voltigiergruppe an uns vorbei tollte. Ich glaube sagen zu können, dass ich an dem bewussten Tag eine meiner wenigen Glücksgefühle in der gesamten Kindheit empfand. Ob dies in unserer jetzigen Wohlstandsgesellschaft überhaupt noch nachvollziehbar ist? Ich bezweifle es.

Dabei wäre ich doch so gerne ein nützliches Mitglied der Gesellschaft geworden.

In der großen Pause, während die Manege für die Raubtiernummern vorbereitet wurde, gab es im Foyer Waldmeisterlimonade vom Fass. Ein seltener Anblick einer bilderbuchhaften Kindheit. Aus der wir aber recht bald wieder in die reale Welt gestoßen wurden. Wir brauchten den Rückweg zwar nicht auf unseren ledrigen Fußsohlen anzutreten, weil wir noch einige Groschen beim Abschied zugesteckt bekamen, aber die Trümmerlandschaft, unsere Spielplätze, die die Straßenbahn in Richtung Reudnitz durchfuhr, holte uns schnell in die Wirklichkeit zurück. Zumindest hatten wir in der nächsten Zelt spannenden Gesprächsstoff. Ich war zehn, hätte, wenn man mich denn gewollt hätte, bei den Jungen Pionieren eintreten können. Dazu aber hätte ich die fünfte Klasse erreicht haben müssen. Hinzu kam noch, dass es als Auszeichnung galt, dieser Organisation anzugehören. Da aber auch die bereits Etablier­ten mit zu entscheiden hatten, wer aufgenommen wurde oder nicht, fiel ich bei meinem Antrag durch. Also bekam ich auch nicht den Ausweis, der mich dazu ermächtigte, die schöne blau-weiße Uniform preiswert zu kaufen, und auch zu tragen. Dabei wäre ich doch so gerne ein nützliches Mitglied der Gesellschaft geworden. Wäre gern in Reih und Glied mitmar­schiert, wenn die Partei dazu aufgerufen hätte. Hätte voller Inbrunst die markigen Revolu­tions­lieder mitgekräht, die in der Gemeinschaft gesungen einem so ein schönes Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Stärke vermittelten. Schulz, der wegen seiner harten Aus­sprache nur der ‚Ruski’ genannt wurde – wären die Sowjets nicht unsere Freunde gewesen, wie man auf allen Plakaten lesen konnte und uns in der Schule beigebracht wurde – man hätte glauben können, mein Spitzname beinhaltete etwas abwertendes. In Ostpreußen zweisprachig herangewachsen, passte ich so gar nicht in die gafesöchsische[13] Metropole. Als Außenseiter, als Einzelgänger wird man nicht geboren. Die Mitmenschen sind so grausam, sie stempeln einen dazu ab. Einmal in eine Schablone gepresst …

Das Lernen fiel mir eigentlich immer leicht.

Zu Zeiten des kalten Krieges war man schon verdächtig genug, dem Kommunismus nicht loyal zu sein, sofern man Westkontakte hatte. Pakete aus dem dekadenten Westen zu erhalten genügte bereits, ausgegrenzt zu werden oder zumindest intensiver bespitzelt zu werden. Die großen Zusammenhänge altersgemäß nicht erfassend nahm ich es einfach hin. Zwar hatte meine Mutter, politisch völlig uninteressiert, nie einen Antrag auf ein Parteibuch gestellt, dennoch war ihre Arbeitsleistung nicht zu übersehen, und von daher auch gerne zum Vor­zeigeobjekt missbraucht. Arbeitsleistung, Normerfüllung beim ersten Fünfjahresplan wurde groß geschrieben, und daher brauchte man Vorbilder. Dabei war meine Mutter nur von Haus aus ein Arbeitstier, und weil sie jeden Pfennig für ihre beiden minderjährigen Kinder benö­tigte. Das war ihre einzige Motivation, so manchen Kubikmeter Trümmer in Leipzig zu entfernen. Dafür erhielt sie neben ihrem Akkordlohn von wöchentlich ca. 65-70 Mark auch zweimal den Aktivistenorden[14]. Als Nebenprodukt hatte sie dann aber auch schon mit 37 schneeweißes Haar, schlief schon beim Abendbrot am Tisch ein. Erziehung der Kinder? Wie denn … wann denn …? Sie hatte ja man gerade soviel Zeit in ihrer eigenen Kindheit gehabt, um die Sütterlinschrift[15] und das kleine Einmalseins zu lernen, in den Wintermonaten, wenn der Rittergutsbesitzer gerade mal keine Feld- oder sonstigen Arbeiten für die Kinder hatte, oder wenn das Land zugeschneit – zugefroren war. Später im Heim hatte ich große Schwierig­keiten ihre wenigen Briefe zu entziffern. Doch mit der Zeit wurden mir ihre altdeutschen Hieroglyphen ebenso vertraut, wie die kyrillischen Buchstaben. Doch ja, das Lernen fiel mir eigentlich immer leicht. Trotz häufigem Schule-schwänzen schaffte ich es immer wieder, das Lernsoll zu erfüllen. Zähneknirschend, aber die Zensuren wiesen es aus, musste man mich jedesmal versetzen. Schwierigkeiten tauchten allerdings erst nach dem beschriebenen Zirkus­besuch auf. Denn an jenem Tag hatte ich begriffen, dass das Leben noch durch etwas anderes lebenswert gemacht wurde als durch Schule und in den Trümmern spielen und nach noch nicht entdeckten, brauchbaren Gegenständen darin zu suchen. Dass ich bei diesem „Spiel“ so ganz nebenbei zweimal auf verschüttete Leichen stieß, regte mich nicht weiter auf. Leichen, taufrische und tiefgefrorene hatten zum Alltagsbild gehört, seitdem 1944 die Russen in Ost­preußen einmarschiert waren. Ansonsten blieb uns noch die Straße zum Spielen. An Bewe­gungsmangel wie die heutigen Computerkids, litten wir wahrlich nicht. Die Lungen voller frischer Luft, dafür nicht unbedingt immer mit vollem Magen, erreichte ich die 16. Grund­schule nach gutem drei Kilometerfußmarsch. Sportverein-Platz in der Nähe? Fehlanzeige. Wettkämpfe, die nun mal in der Natur des Menschen liegen – friedliche, möchte ich hier betonen – trugen wir Kinder mit Reifentreiben aus. Irgendein Holzreifen, Fahrradfelgen taten es auch, wurden mittels eines Holzstecken mit Geschick voran, auch um Kurven getrieben. Diese Freizeitbeschäftigung kostete gar nichts. Ein Brummkreisel dagegen schon einige Groschen. Ton- oder Glasmurmeln, ein Säckchen davon mit sich herumtragend, gehörten eigentlich zur Standardausrüstung eines Jungen. Das Ansehen eines Burschen wuchs mit der Menge der Murmeln, die er besaß. Bewunderung bei den Mädchen errang man sich durch möglichst spektakuläre Kletterpartien an besonders einsturzgefährdeten Ruinenwänden, oder beim Erklettern der höchsten Bäume in der Umgebung. Was hier wie ein Gegeneinander aussehen mag, war in Wirklichkeit ein Miteinander-spielen der Kinder, Mobbingprobleme wegen irgendwelcher Designerklamotten gab es nicht, und es gab auch keinen Neid unter­einander, wer den modernsten PC besaß.

        … mein Leben verständlich machen, dass erkannt werden kann, wie es zu den Abweichungen von dem kam, was man allgemein als „Normal“ zu bezeichnen pflegt …

Damals waren es die bis 14 jährigen, die noch auf der Straße spielen konnten und harmlose Streiche verübten. Mit 14, spätestens mit 15 waren alle im Berufsleben integriert. Heutzutage hat sich dieses Bild ja vollkommen gewandelt. Gerade diese Altersgruppe treibt sich auf der Straße herum, verübt Streiche von der übelsten Sorte. Sich selbst und das Leben anderer gefährdend und die vom Wiederaufbau alt gewor­denen Menschen verhöhnend, obwohl es enorm viele Arbeitslose und noch mehr Arme in Deutschland gibt, scheint es nichts mehr zu geben, was aufgebaut werden müsste. Die Nach­kriegsväter haben das Land bestellt, der Jugend bleibt nicht anderes mehr übrig, als die Hände in den Schoß zu legen, sich auf den Lorbeeren der Altvorderen auszuruhen. Man sucht nach Perspektiven. Deutschland erwache, hätte ich jetzt auf der Zunge wenn, ja wenn das nicht eine kommunistische Parole gewesen wäre, mit der ich meine Kindheit verbracht habe. [16]

Wo hatte ich begonnen vom Thema abzuschweifen, habe ich polemisch zu posieren begon­nen? Aber um mein Leben so verständlich zu machen, dass erkannt werden kann, wie es zu den Abweichungen von dem kam, was man allgemein als „Normal“ zu bezeichnen pflegt, gehört einfach die Abgeklärtheit des Alters, der Abstand zu der Vergangenheit und die zusam­menhängenden Kriterien einfach dazu. Denn keiner wird das, was er ist, ohne Umwelt­einflüsse. Und wenn wir schon mal bei der Politik sind, wobei ja eigentlich das ganze Leben Politik ist: Jede noch so kleine Familie ist eine politische Einheit. Im Idealzustand teilen Vater und Mutter die einzelnen Ressorts unter sich auf. In einer demokratisch geführten Familie wer­den auch Aufgaben an die Kinder delegiert. Von diesem Idealzustand war unsere „Rest­familie“ weit entfernt. Eine alleinerziehende Mutter, die darauf bedacht war, ihre beiden noch verbliebenen Kinder durch die Kriegswirren und den Folgeerscheinungen notdürftig am Kacken zu halten, die sich dafür mindestens 60 Stunden in der Woche – ohne Hin und Rückweg – abrackerte, hatte kaum noch die Kraft, sich um die Erziehung der Kinder zu kümmern. Abgesehen davon, dass sie kaum die Definition von Erziehung kannte, war sie doch selbst nur eins von 18 Geschwistern gewesen, wo sich die Erziehung von allein regelte. Das Modewort ‚Pädagogische Erziehung’ war damals noch gar nicht erfunden. Ergo konnte man kaum von Erziehung im pädagogischen Sinne reden. Arbeitsaufteilung allenthalben. Eine liebenswerte, besorgte Glucke war meine Mutter, die aber auch keine Schuld an meinem Werde­gang trug. Längst habe ich meiner Mutter verziehen. In ihrer Hilflosigkeit und mit ihren gestressten Nerven griff sie häufig zu Gegenständen, die ihr gerade zwischen die Finger kamen, um uns – ja, auch mich – windelweich zu schlagen. Teppichklopfer und Feuerschür­haken lagen meist griffbereit. Und wehe, wir hatten diese Gegenstände wohlweislich ver­steckt. Das Suchen danach erzürnte sie nur noch mehr. Somit hatte ich das Glück, dass ich meine Haut schon in der Kindheit kräftig gegerbt bekam. Fortan besaß ich so ein dickes Fell, welches mich für den Rest des Lebens gegen Schläge so gut wie immun machte.

                                                                                  Dem angepassten Menschen wird gerne bescheinigt, ein wohlgefälliges Mitglied der Gesellschaft zu sein.

Wahrscheinlich rührte es auch daher, dass ich während meiner Heimkarriere so etwas wie ein Kämpferherz entwickelte. Wusste ich doch aus Erfahrung, dass der körperliche Schmerz der Schläge viel schneller nachließ als der innere Schmerz einer Demütigung. Sobald mich eine sensible Phase zu übermannen drohte, stänkerte ich solange, bis ich bei einer Prügelei meinen Dampf ablassen konnte. Keiner meiner drei Söhne hat je über einen Klaps hinausgehende Züch­tigung erfahren. Nicht dass ich in deren Erziehungsphase bereits vom Gesetzgeber daran gehindert worden wäre, vielmehr weil ich aus eigener Erfahrung die Erkenntnis gewonnen hatte, dass dies nur zu Trotzreaktionen führt, einander eher entfremdet als bindet. Eine kleine, unwehrhafte Seele leidet mehr unter der Tatsache, dass es geschlagen wird, als das der kör­per­liche Schmerz es tun könnte. Außerdem, ohne damals überhaupt etwas von seinen Lehren gewusst zu haben, habe ich intuitiv Nietzsches Gedankengut übernommen. Völlig aus meinen Eingeweiden heraus, oder weil ich am eigenen Leib erfahren musste, dass Erziehen von ziehen, zerren, drillen und schleifen abgeleitet wird? – habe ich drakonische Erziehungsmaß­nahmen, die die Zerstörung der individuellem zugunsten allgemeingültiger Normen zum Ziel haben, abgelehnt. Womit ich ganz unbewusst Freigeister geschaffen habe, die sich ihrer Her­kunft und Umgebung ablösen konnten und somit die Chance erhielten, zu Ausnahme­men­schen heranzuwachsen. Im Gegensatz dazu hatte Nietzsche schon erkannt, ist der gebundene Geist durch Herkommen und Gewöhnung festgelegt. Der sogenannte „charaktervolle“ Mensch durch Bindung an festgelegte Normen aller Art gewöhnt, ist immer einem Wieder­holungs- oder Nachahmungszwang unterworfen. Diesem angepassten Menschen wird gerne bescheinigt, ein wohlgefälliges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Seine Individualität bleibt dabei auf der Strecke. Von daher dürfte es wohl niemanden verwundern, dass ich eine ganz andere Erziehungsmethode bei meinen Kindern anwandte. Hatte man doch von allen Seiten versucht, etwas „Schliff“ in mein Leben zu bringen. Es wurde eine sehr widerspenstige Zähmung daraus, wie Sie ja selbst erkannt haben werden. Seit Aufkommen der Sprache, damit der Intelligenz, begann der Mensch sich von dem normierten Tier zu unterscheiden. Irgendwie fand ich mich seit dem Zirkusbesuch zu den Tieren hingezogen. Nur erkannte ich damals noch nicht die ursächlichen Zusammenhänge meiner Sehnsucht so leben zu können, wie es die Natur einem eingibt. Frei von den Zwängen einer anerzogenen Intelligenz, die eher hinderlich als befreiend sein kann. Anlässlich eines Klassenausfluges in die Botanik, kamen wir ganz nahe an den Zoo heran. Für einen direkten Zoobesuch reichte zu damaliger Zeit das Schulbudget nicht aus. Zumindest erfuhr ich so, wo eigentlich der Tierpark war. Von da an trieb mich eine innere Unruhe, ähnlich wie vor dem Zirkusbesuch, umher. Dieses Gefühl, etwas Anderes, Kulturelles, erleben zu wollen – anscheinend der angestaute Nachholbedarf der vergangenen zehn abstinenten Jahre – hatte ich in der Folgezeit meines Lebens noch häufig. Durch mein bloßes biologisches Dasein war ich ja noch lange nicht ICH selbst. Die Verwirklichung zu einer Person bedurfte der Aktivität menschlicher Zuwendung. Wo aber sollte ich diese finden? Seit meinem Zirkusbesuch hatte ich so eine Ahnung bekommen, dass es auch Dinge in diesem Leben gab, die ein Kinderherz höher schlagen ließen, die Lebens­freude vermittelten. Einem wie mich, der von Beginn seiner Denkfähigkeit an darauf fixiert wurde, durch Pfiffigkeit alleine durchs Leben zu kommen, fiel es daher nicht schwer den Zusammenhang zwischen seinen Sprachkenntnissen und seiner Wunscherfüllung zu erfassen. In Leipzig 05 – Reudnitz- selbst, bekam ich höchst selten Russen zu Gesicht.

Leipzig Hauptbahnhof!

Die vereinzelten Besuche in der Stadt selbst hatten mich daran erinnert, dort häufig Uniformierte gesehen zu haben. Was einmal so gut vor der Zirkuskasse geklappt hatte, müsste sich doch wiederholen lassen, fand ich. So beschloss ich dann eines Tages, mich gleich nach der Schule in der Stadt umzusehen. Vom Vorsatz zur Ausführung gehört allerdings eine gehörige Portion Überwin­dung dazu, jemanden anzubetteln. War es eine Vorbestimmung meines Schicksals, welche mich direkt ins Zentrum allen Geschehens zog? Immer sind es die Hauptbahnhöfe der Groß­städte, die zum Anziehungspunkt gewisser Menschentypen werden. Natürlich war ich noch kein richtiger Mensch mit meinen zehn Lenzen. Ein Typ schon gar nicht. Es ergab sich ein­fach so. Ich registrierte lediglich dass, wenn ich welche sah, die Russen alle aus einer Rich­tung herkamen, und auch jener Richtung zustrebten. Die Tatsache, dass mir irgendwelche Offiziere – Soldaten hatten damals noch nicht die Freiheit sich ohne Begleitoffizier so ohne weiteres in der Stadt zu bewegen zu können – über den Weg liefen, gab mir noch lange nicht den Mut, sie auch wegen ein paar Groschen anzusprechen. Betteln, wenn einen der Hunger nicht gerade dazu treibt, ist gar nicht so einfach. Den inneren Schweinehund konnte ich nun doch nicht so ohne weiteres überwinden. Vor der Zirkuskasse waren die Umstände ziemlich einfach gewesen. Was aber sollte ich denen für eine Lügengeschichte erzählen, die mir über den Weg liefen? An einer glaubhaft erscheinenden Geschichte bastelnd hatte ich mich dem „Ameisenhaufen“ genähert, wohin mich der immer stärker werdende Strom uniformierter Passanten geführt hatte.

Leipzig Hauptbahnhof![17] Gerade mal aus den Ruinen auferstanden machte mir dieses Riesen­gebäude fast Angst. Respektvoll betrat ich zum ersten Mal durch den Ostflügel die überdi­men­sio­nale Halle. Noch nie hatte ich so etwas Großes im intakten Zustand erblickt. Sechs riesige Schwingtüren, ganz aus Glas darin, ein paar Schritte durch den Windfang, und noch einmal solche Türen. Eine Halle tat sich vor mir auf, fast so groß wie unser Schulpausenhof. Auch wenn es kitschig klingen mag: Ich war schlichtweg überwältigt von soviel sinnvoll zusam­mengefügten Steinen. Und dann erst die breite Steintreppe, die rauf zu den Bahnsteigen führte. Oben angekommen nochmals durch riesige Türen, wie schon unten am Eingang. An Tagen, wo es das Wetter nicht zuließ, die Türen mittels eines Riegels geöffnet zu halten, musste ich mich schon sehr anstrengen, diese Türen mit meinem mickrigen Gewicht auf­drücken zu können. Und dann erst die breiten Handgeländer, die die hochführende Treppe teilten. Noch nie hatte ich einen Spielplatz, geschweige denn eine Rutsche gesehen. Ganz intuitiv sagte mir mein Kinderherz, wofür sich dieses Geländer besonders gut eignen würde. Im Ver­laufe der nächsten zwei Jahre habe ich sehr oft dafür gesorgt, dass sich darauf kein Staub ansammeln konnte. Vor lauter staunendem Entdeckerdrang vergaß ich an diesem ersten Tag beinahe, weshalb ich überhaupt diesen weiten Fußmarsch in die City von Leipzig angetreten hatte. Aus der Sichthöhe eines Knirpses wie mir, war die Anzahl der Bahnsteige gar nicht zu überblicken. Aber unten in der Halle hatte ich in den Schaukästen schon einiges über diesen Bahnhof gesehen und gelesen. Bilder, so wie der Bahnhof vor dem Krieg ausgesehen hatte, Bilder, die den Bahnhof in Trümmern zeigten, und, wie sollte es auch anders sein, wie der Sozialismus Aufbauarbeit geleistet hatte, um den größten Sackbahnhof Europas wieder im alten Glanz entstehen zu lassen. 26 Bahnsteige, 4 riesige Eingänge. Das alles kennenzulernen hatte mich fast vergessen lassen, was mich hierher geführt hatte.

Diese imposante Kulisse Hauptbahnhof Leipzig, niemand der mir Einhalt gebot, veränderte wieder einmal mein Leben.[18]

 Fußnoten

[1] Dürfte sich um Lurchi gehandelt haben. https://de.wikipedia.org/wiki/Lurchi

[2] Gemeint sind offensichtlich Schuhe aus Bakelit https://de.wikipedia.org/wiki/Bakelit Bei Amazon gibt es welche im Angebot.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCder,_zur_Sonne,_zur_Freiheit

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Sopran

[5] Der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) war eine Rundfunkanstalt mit Sitz im West-Berliner Bezirk Schöneberg, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der US-amerikanischen Militärverwaltung gegründet wurde und von 1946 bis 1993 zwei Hörfunkprogramme und von 1988 bis 1992 ein Fernsehprogramm ausstrahlte. https://de.wikipedia.org/wiki/RIAS

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Deutsche_Jugend

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Pionierorganisation_Ernst_Th%C3%A4lmann

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Hitlerjugend

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Jungvolk

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Blut_und_Ehre

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Medaille_f%C3%BCr_hervorragende_Leistungen_bei_der_sozialistischen_Erziehung_in_der_Pionierorganisation_%E2%80%9EErnst_Th%C3%A4lmann%E2%80%9C

[12] verkasematuckeln – Etwas erklären. Jemanden etwas begreiflich machen. https://www.mundmische.de/bedeutung/15492-verkasematuckeln

[13] Für Nicht-Sachsen: „die kaffee-sächsische Metropole“ https://de.wikipedia.org/wiki/Kaffeesachse

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Aktivist_der_sozialistischen_Arbeit

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCtterlinschrift

[16] Hier irrt Schulz. Trotz der Ähnlichkeit der Systeme entstammt die Parole dem Nazi-Wortschatz. Aus der Fülle der Angaben sei hier nur auf ein Gedicht von Carl Langhorst verwiesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Langhorst

[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Leipzig_Hauptbahnhof

[18] Hier endet der im Gefängnis geschriebene „Urtext“. Nach einer „Zwischenbilanz“ folgt die von uns (Dr. Krieg und mir) angeregte Fortsetzung, die in etwa den Umfang des ersten Teils hat. Schulz beginnt mit einigen Details, die schon geschilderte Zusammenhänge besser verstehen lassen.

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/   https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/   https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/   https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere   https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/  PDF:  04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/   PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/   PDF: 06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/ PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/  PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/   PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/   PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/   PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/  PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim!  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/   PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/  PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/15-spurensuche.pdf

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/    PDF: 16 Was also blieb uns übrig

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/           PDF: 17 War es den Aufwand wert

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie … https://wordpress.com/post/dierkschaefer.wordpress.com/8148  PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/03/18-der-einzige-e2809emanne2809c-in-der-familie.pdf

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xix/  PDF: 19 in der DDR gab es keine Kriminalität

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xx/  PDF: 20 Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

Wie geht es weiter?

Eine kriminologische Zwischenbilanz: Mit 15 Jahren ausgebufft und fit fürs Leben.

Kapitel 21, Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

 

Zermürbungskrieg – In Korntal nichts Neues.

Nach wie vor liegen sich die „Brüder“ der Brüdergemeinde Korntal und ehemalige Kinder aus dieser Einrichtung im Stellungskampf gegenüber. In solchen Abnutzungskriegen gibt oft nur Verlierer – auf beiden Seiten.

Die Position der Landeskirche

Die Brüdergemeinde hat sich eingeigelt, ihre Gegner erscheinen hilflos und haben sich in der letzten Zeit darauf beschränkt, die Brüdergemeinde zu verbellen. Darüber hinaus nehmen sie auch den Landesbischof der Württembergischen Landeskirche ins Visier. Der soll eingreifen. Doch der wird ’nen Teufel tun, soweit man einen Landesbischof mit dem Teufel in einem Atemzug nennen darf. Über die behauptete völlige Unabhängigkeit der Brüdergemeinde von der Landeskirche lachen zwar die Hühner, die Bischof July bei seiner letzten Visitation öffentlichkeitswirksam gefüttert hat.[1] Doch warum sollte er sich in der Pflicht sehen? Täte ich auch nicht. Das sollen die Brüder selber ausbaden.

Hinzu kommt die starke Stellung der Pietisten in der Landeskirche. Selbst wenn er wollte, er kann gar nicht anders. »Frank Otfried July, Landesbischof der Württembergischen Landeskirche, sieht die Pietistische Frömmigkeit als Aufgabe kirchenleitenden Handelns“ und [sein Beitrag im Pfarrerblatt] trägt den für manche verwirrenden aber treffenden Untertitel „(K)ein Kirchlein in der Kirche?“. Zum Verständnis mag ein Zitat aus dem FOCUS helfen: „Nur wenige Landes­kirchen sind so stark vom meist strikt konservativen Pietismus geprägt wie die württember­gische. ›Sie durchsetzen die Württembergische Landeskirche wie die Hefe den Teig‹, sagt der Schorndorfer Dekan Volker Teich.« July sieht den Pietismus als „Herausforderung für kirchenleitendes Handeln“. »Das „Pietisten-Reskript 1993“ sei Ausdruck des Gelingens dieser Aufgaben. Dort heißt es einleitend: „Das Reskript hat dem sich immer weiter ausbreitenden Pietismus ein verant­wortliches Eigenleben innerhalb der Kirche ermöglicht und dadurch einer separatistischen Absonderung gewehrt. Der Pietismus bekam offiziell Heimatrecht in der Landeskirche (…) und wurde zu einem Element württembergischen Kirchenwesens, das sich auch in den späteren Phasen der Geschichte in seiner belebenden und aufbauenden Kraft bewährt und als tragfähig erwiesen hat.“ Doch manche Grundlinien seien gleichgeblieben: so »die Abwehr separatistischer Absonde­rung pietistischer Gruppen und die Vitalisierung der Kirche durch die ›belebende Kraft‹ des Pietismus.« [2] Nicht nur July steckt in der Zwickmühle, seine Landeskirche auch. Würde July – wenn er es denn wirksam könnte – in den Streit mit der Brüdergemeinde eingreifen, bekäme er Streit mit den Pietisten in der Landeskirche. Die haben längst Parallelstrukturen zur Landeskirche aufgebaut und brauchen diese Kirche nicht unbedingt. [3]

 

Die Position der Ankläger

Seit einigen Wochen gab es nur ein eher hilfloses Gekeife. Das können die Brüder ruhig aussitzen. Nun gibt es einen neuen Ansatz vom Netzwerk BetroffenenForum e.V. mit der Überschrift: Wir reden Klartext.[4] Dort heißt es abschließend: » … fordern wir alle Missbrauchsopfer der Brüdergemeinde Korntal, gleich ob sie sexueller, körperlicher oder psychischer Gewalt unterzogen waren, auf, unbedingt und sofort, unabhängig von eventuellen Verjährungsfristen, Anzeige bei der nächsten Polizeidienststelle oder der zuständigen Staatsanwaltschaft zu erstatten. Die Anzeige soll gegen die Organisation gestellt werden und darin können evtl. einzelne Personen genannt werden. Eine Ablehnung der Protokollierung ist nicht zulässig. Lassen Sie sich die Anzeige bestätigen!« Denn, so die strategische Überlegung: »würde alles bekannt werden, müssten die Jugendhilfeeinrichtungen der evangelikalen Brüdergemeinde Korntal auf den Prüfstand und gegebenenfalls einem anderen Träger übertragen werden!«

Was ist davon zu halten?

Dem Aufruf zur Anzeige werden nur wenige Betroffene folgen. Weiß denn die nächste Polizeidienststelle oder die zuständige Staatsanwaltschaft mit dieser psychologisch wie rechtlich heiklen Materie umzugehen?

Der Aufruf ist nicht dazu geeignet, dass alles bekannt wird. Da müssen die Betroffenen schon selber ran. Sie sollten eine unbefangene Vertrauensperson finden, zu der die „Opfer“ Vertrauen aufbauen können. In einer Reihe von Gesprächen kann der jeweilige „Fall“ rekonstruiert werden, kann Mut gemacht werden, offen zur Aussage zu stehen: Ich, N.N., war von — bis in einer Einrichtung der Brüdergemeinde und habe dort folgende Übergriffe von XY und YZ erlebt. Ich halte es für verfehlt, die Organisation anzuklagen, sondern immer nur den oder die Täter. Ansonsten gilt: Wer mehr als einen warmen Händedruck will, muss aus der Anonymität heraustreten – anders geht es in einem Rechtsstaat nicht. Die Opfer sollten sich nicht absprechen, denn das Gedächnis ist nicht immer zuverlässig und ist vor allem formbar. Lediglich das Prozedere muss mit der Vertrauensperson abgesprochen werden. Man sollte möglichst viele Details nennen, die von der Vertrauensperson gesammelt und sortiert werden. Wenn’s zu Anzeigen reicht, dann los. Wenn es lediglich Erlebnisberichte sind, die leicht angezweifelt werden können, oder für die Verjährung gilt, dann muss man sich eine andere Öffentlichkeit suchen. Ich würde ein öffentliches Tribunal in Korntal veranstalten. Die Presse wird Interesse haben.

Die Position der Brüdergemeinde

Man muss deutlich unterscheiden zwischen Tätern und Vertuschern. Selbst die Vertuscher können guten Glaubens sein, dass diese „ungeheuerlichen“ Vorwürfe erfunden sind. Für diese Personen müssen die Vorwürfe glaubhaft gemacht werden. Darum: keine inhaltlichen Absprachen unter den Opfern! Darum: eine seriöse Person als Faktensammler!

Zur Ungeheuerlichkeit der Vorwürfe: Für die meisten Mitglieder der Brüdergemeinde sind diese Vorwürfe unvorstellbar. Sie widersprechen dem eigenen Lebensentwurf – und der ist fromm, gottgefällig und bibeltreu. Das Verhältnis zur Sexualität ist nicht offen – verklemmt wäre das falsche, weil diskriminierende Wort. Für diese Gläubigen ist der Herrjesus immer dabei, auch im Ehebett[5]. Und bevor meine Leser jetzt breit grinsen: Ich hoffe doch für sie und ihren Partner, ihre Partnerin, dass sie im Bett nicht einfach die Sau rauslassen, sondern auch dort nicht gegen ihre Wertevorstellungen handeln und auf die Menschenwürde beider Partner achten.

Diese Gläubigen glauben noch an das Jüngste Gericht[6] (Mt 25,31-46). Die meisten sind keine Missbraucher. Sie werden jedoch mitschuldig, das sagt auch der Text der Betroffenen deutlich. Biblisch gesprochen: Ich bin missbraucht worden, und du hast meine Klage beiseite geschoben.[7]

 

Nun ist das Netzwerk der Betroffenen am Zuge. Viel Erfolg!

Übrigens: Die Leute mögen ja komisch wirken, aber es gibt gute Gründe, den Pietismus und seine Gläubigen sachgerecht zu verteidigen.

 

Fußnoten

[1] „Auf dem Schulbauernhof füttert auch der Bischof die Hühner – Landesbischof Frank Otfried July besucht die Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal“ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/31/blieb-der-juli-ohne-july-korntal-war-keine-chefsache/

[2] Zitate in diesem Absatz aus: Dierk Schäfer, Nachgedanken zu den Aufsätzen von Hans-Martin Barth, Christoph Dinkel und Frank Otfried July im »Deutschen Pfarrerblatt 2/2016« – Ekklesiologische Schlaglichter – http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=4037

[3] Es sollte hinzugefügt werden: Diese Parallelstrukturen wurden von unseren Evangelikalen selber finanziert, neben der regulären Kirchensteuer.

[4] Wir reden Klartext!

Wer jetzt im Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal wegschaut und diese „bibeltreue, evangelikale“ Gemeinde gewähren lässt oder sie gar unterstützt, macht sich mitschuldig!

Die Brüder haben in der Vergangenheit, als wir Betroffenen noch Kinder waren, alles vertuschen können – nun sind andere Verantwortliche zuständig. Die Strukturen der Brüdergemeinde HYPERLINK „http://www.heimopfer-korntal.de/“Korntal haben sich jedoch nicht verändert.

Wir sind heute erwachsene Menschen mit eigenen Biographien, doch die Brüder glauben, uns heute noch behandeln zu können, wie ihre ehemaligen Heimkinder, denen von einigen ihrer „christlichen“ Mitarbeiter auf das übelste sexuelle Gewalt angetan worden ist. Heute beginnt der Missbrauch erneut, mit anderen, nicht weniger perfiden Mitteln!

Klaus Andersen, der Laienvorsteher der Brüdergemeinde Korntal betreibt nur Symbolpolitik. An einer unabhängigen, und umfassenden, sowie nachhaltigen Aufklärung und Aufarbeitung ist er und seine evangelikale Gemeinde überhaupt nicht interessiert. Er beauftragt für viel Geld Menschen, die den Auftrag haben, aktive Betroffene bewusst zu verletzen, vorzuführen und menschenverachtend zu behandeln, mit dem Hintergrund, diese mundtot zu machen, damit nicht alles an Perversionen dieser „Christen“ auf den Tisch kommt.

Denn würde alles bekannt werden, müssten die Jugendhilfeeinrichtungen der evangelikalen Brüdergemeinde Korntal auf den Prüfstand und gegebenenfalls einem anderen Träger übertragen werden!

Andersen schaut diesem Treiben in seiner „evangelikalen“ Gesinnung strahlend zu.

Wir werden dafür Sorge tragen, dass alles schonungslos offengelegt wird, dass der evangelikalen Brüdergemeinde Korntal die Verantwortung zur „Aufklärung“ von höchster Stelle entzogen wird. Denn die Täterorganisation hat nur ein Ziel: Ihre Einrichtungen vor der Insolvenz zu bewahren und ihre Gemeinnützigkeit zu schützen!

Ihr Bestreben ist, möglichst viele Informationen, Daten und Fakten von Betroffenen zu erhalten, um damit eine selbstgemachte „Aufklärung“, möglichst ohne Schäden an der Organisation, ablaufen lassen zu können.

Deshalb rufen wir alle Betroffenen/Opfer auf, sich nicht bei der Täterorganisation Brüdergemeinde Korntal zu melden und auf kein Treffen zu gehen, das von der Brüdergemeinde Korntal und der AG Heimopfer Korntal geplant ist.

Wir warnen ausdrücklich vor diesem Vorgehen, denn die evangelikalen Brüder wollen gemeinsam mit ihren Beratern und der AG Heimopfer Korntal, ein beschleunigtes Verfahren. Damit möchte man auf die Schnelle den Betroffenen/Opfern, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, einen lächerlichen Betrag von bis zu 5.000 € bezahlen. Andere Betroffene/Opfer von körperlicher, psychischer Gewalt erhalten nichts!

Wir haben aus den Fehlern in der Vergangenheit gelernt; die aktuellen Entwicklungen zeigen ganz deutlich, dass unser Weg richtig ist.

Der „Aufklärungsprozess“ der evangelikalen Brüder ist erneut gescheitert. Ohne Betroffene/Opfer wird und kann es im Missbrauchsskandal der evangelikalen Brüder keine Aufklärung/Aufarbeitung geben!

Wenn sich die evangelikalen Brüder, sowie deren Beauftragte, nur ansatzweise vorstellen könnten, was es heißt, als kleines Kind von einem Erwachsenen anal missbraucht zu werden, Sperma ins Gesicht zu bekommen, Fremdkörper (Schraubenzieher) in den Anus eingeführt zu bekommen, würden sie ganz anders vorgehen, denn wir sind überzeugt, die evangelikalen Brüder und ihre Beauftragen würden uns verstehen – wären es dann doch auch ihre Schmerzen, mit denen wir täglich zu kämpfen haben.

Zum Schluss fordern wir alle Missbrauchsopfer der Brüdergemeinde Korntal, gleich ob sie sexueller, körperlicher oder psychischer Gewalt unterzogen waren, auf, unbedingt und sofort, unabhängig von eventuellen Verjährungsfristen, Anzeige bei der nächsten Polizeidienststelle oder der zuständigen Staatsanwaltschaft zu erstatten. Die Anzeige soll gegen die Organisation gestellt werden und darin können evtl. einzelne Personen genannt werden. Eine Ablehnung der Protokollierung ist nicht zulässig. Lassen Sie sich die Anzeige bestätigen!

Verein Netzwerk BetroffenenForum e.V.

Detlev Zander Betroffener, Sprecher Netzwerk BetroffenenForum e.V.

Kontakt: dzander@aufarbeitung-korntal.de   0172 / 4714 241   Plattling 19.03.2017

[5] Man muss sich vor Augen führen, dass das Verhältnis zu Jesus für viele Gläubige eine sublime erotische Komponente hat. Das wird deutlich – und funktioniert bei vielen Kirchenliedern, wenn man mal versuchsweise nach jeder Zeile „unter der güldenen Decke“ einfügt. Wie soll ich dich empfangen … und wie begegn’ ich dir, …. Es macht einerseits die Innigkeit der Beziehung deutlich, zeigt aber auch, welch Sakrileg mit jeder „Unkeuschheit“ verbunden ist. Man kann darüber Witze machen, doch die fallen auf den Witzbold zurück. Es wird ja niemand gezwungen, diese Frömmigkeit zu übernehmen.

[6] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[7] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/01/traumhaft/