Dierk Schaefers Blog

Ein Wunder: Die Wege des HErrn sind unergründlich

Posted in Geschichte, heimkinder, Kirche by dierkschaefer on 10. September 2014

Ein Wunder: Die Wege des HErrn sind unergründlich[1]

An einen fiktiven Herrn Dr. Meyer in der Kirchenleitung formulierte ich am 2. März 2010 einen Brief.[2] Es ging anlaßbezogen um die Heimzukunft von Menschen mit Heimvergangenheit. Davor graust es ihnen noch mehr als vielen Normalsterblichen, denn Augustinum-Qualität kostet mehr, als die meisten von uns aufwenden können und Heime haben für ehemalige Heimkinder Triggerqualität.

Dann geschah lange Zeit – nichts. Das Wunder jedoch: Herrn Meyer gibt es wirklich!

Erich Kronschnabel kennt Herrn Dr. Meyer nicht – wie denn auch, der war ja nur fiktiv. Aber er kennt „sein“ Heim. So schrieb er am 13. Juli 2014 an die sehr geehrten Damen und Herren des Stephansstifts in Hannover einen offenen Brief und forderte als „Wiedergutmachung … im Bedarfsfall für die Opfer einen kostenlosen Heimplatz in einem der vom Stephansstift betriebenen Altenheime. Die Unterbringung hat in einem Einzelzimmer zu erfolgen, Selbstbeteiligungen der Unterzeichner an den Kosten für Unterbringung, Verpflegung und ggfs. Pflege werden vertraglich ausgeschlossen. Einzelheiten werden zwischen den Parteien vereinbart und vertraglich abgesichert“.[3]

„Die damals im Stephansstift Hannover geprügelten, schikanierten, ausgebeuteten und sexuell als Lustsklaven missbrauchten Kinder sind heute alte Menschen“, schrieb Kronschnabel. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß einige ehemalige Täter recht gut in den Alteneinrichtungen des Stephansstifts leben. Vermutlich sah er das im Zusammenhang mit den inzwischen geänderten Zielsetzungen des Stifts, wie beispielsweise „Grundlage unserer diakonischen Arbeit ist der christliche Glaube”. Das hatte er – wie so viele – damals ganz anders erlebt. Geben wir dem Stift eine Chance zur Wiedergutmachung, mag er sich gesagt haben.

Und tatsächlich: Er bekam eine Antwort, und zwar von Herrn Meyer (!). Wahrlich, die Wege des HErrn sind unergründlich. Da wir vor dem HErrn alle gleich sind, war es IHm wohl nicht wichtig, nur einen simplen Meyer, und keinen Dr. Meyer als Absender zu erwählen. Doch dafür weist  die Mailadresse (st.meyer@dachstiftung-diakonie.de ) mit St. Meyer auf mögliche Heiligkeit hin. Damit war er prädestiniert. Zudem: „Dachstiftung“ – das ist richtig hoch oben angesiedelt[4], denn über dem Dach kommt der Himmel und gleich nach der Dachstiftung die Diakonie, der Dienst am Nächsten.

Was schreibt Herr Meyer nun?[5]

Er drückt zunächst sein aufrichtiges Bedauern aus über das Leid, „dass Ihnen vor vielen Jahrzehnten durch Mitarbeitende des Stephanstiftes zugefügt worden ist. Wir verstehen Ihren offenen Brief … mit Ihren Forderungen an das Stephansstift als eine solche Anerkennung und Wiedergutmachung des Ihnen zugefügten Unrechts. Allerdings wissen wir nicht ganz genau, wie ernst Sie Ihren Wunsch nach einem kostenfreien Heimplatz in einem Altenpflegeheim des Stephansstiftes meinen. Auch können wir nicht ermessen, wie viele der ehemaligen Heimkinder des Stephansstiftes sich so einem Wunsch anschließen würden. Wir möchten deshalb in zwei Richtungen antworten“.

Über die textlichen Unsicherheiten sollte man hinweg sehen, schließlich kommt der Brief von Herrn Meyer, nicht von Herrn Dr. Meyer und erst recht nicht vom HErrn. Herr Meyer vermutet also, daß Kronschnabels Brief unterschiedlich aufgefaßt werden kann und gibt darum zwei Antworten.

„Sollten Sie Ihren Vorschlag ernst meinen, so müssen wir Ihnen leider sagen, dass wir Ihnen den Wunsch nach einem kostenlosen Platz in einem unserer Altenheime nicht erfüllen können“. Doch Herr Meyer weiß Abhilfe: „Ein Platz in einem Seniorenheim wird allerdings immer von den verschiedenen Kostenträgern mitfinanziert, ohne dass den Betroffenen extra Kosten entstehen müssen. Sollte Sie oder jemand der ehemaligen Heimkinder des Stephansstiftes an einer Heimunterbringung bei uns Interesse haben, freut uns dies und wir sind gern bereit, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen“.

Das ist doch nicht nichts. Ein Heimplatz zu Normalbedingungen und fremdfinanziert, – auf der Suche nach einer passenden Lösung werde die Geschäftsführung gern behilflich sein. So sieht Entschädigung aus, sie darf nichts kosten, – schöner noch: sie braucht nichts zu kosten.

Da war doch noch was – ja, richtig, wenn Kronschnabel nicht ernst zu nehmen ist, dann …Volltreffer!

„Sollten Sie Ihren Vorschlag eher ironisch meinen, dann möchten wir sagen: Volltreffer gelandet. Diese Idee ist kreativ und fordert uns als ehemalige Einrichtung, in der Sie Leid und Unrecht erlebt haben, erneut heraus“. Mit anderen Worten: Sie, Herr Kronschnabel, sind ein ganz toller Typ und verdienen hiermit unsere Anerkennung.

Doch dann kommt der echte Volltreffer: „Wir nehmen in diesem Fall an, dass wohl eher wenige bis gar keine ehemaligen Heimkinder des Stephansstiftes sagen würden: ,In der Anstalt, in der ich schon eine unwürdige Kindheit verleben musste, möchte ich zum Ende meines Lebens noch einmal hinein.’ Und wir können diese Haltung gut verstehen.“

Wohin mag sich Kronschnabel wohl vor so viel Verständnis retten mögen? Dabei wäre doch eigentlich alles gut, denn Meyer fügt noch einen Werbeblock an: „Wir können dazu nur sagen: Wir haben aus der Aufarbeitung der Geschichte der Heimerziehung nach 1945 gelernt. Das Stephansstift hat sich in den verschiedenen Bereichen, von der Jugendhilfe bis zur Altenhilfe weiter entwickelt. Als heute Verantwortliche setzen wir uns mit Nachdruck und aller Kraft dafür ein, dass Zustände, wie sie bis in die sechziger Jahre hinein im Stephansstift und anderswo möglich waren, sich nicht wiederholen können“.

Ist doch wirklich alles gut. Zudem waren die Zustände doch nur möglich, und das nicht nur bei uns. Ob sie tatsächlich so waren, steht vielleicht noch dahin.

Gern steht Ihnen der Rechtsunterzeichner zu einem Gespräch über den von Ihnen gemachten Vorschlag bereit.“

Herr Meyer hat rechts unterzeichnet, links außen vor ihm, nein, nicht der HErr, sondern Jens Rannenberg, der Vorstand.

Des HErrn Wege sind unergründlich, die von Herrn Meyer nicht.

Hier gehts zum Meyer-Brief: dachstiftung diakonie

[1] Rö 11;33

[2] Noch einmal ins Heim? Von den letzten Dingen https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/02/noch-einmal-ins-heim-von-den-letzten-dingen/

[3] http://ekronschnabel.wordpress.com/2014/07/12/fursorgepflicht-gegenuber-opfern-ihres-unternehmens-offener-brief/

[4] http://www.diakonie-stiftung.de/438.html

[5] Hier nur ein paar Auszüge. Der komplette Meyer-Brief ist im Anhang wiedergegeben, es wurde lediglich ein Satz entfernt, der einen Grund für die verzögerte Antwort enthält.

Wer will ins Heim, ins Altenheim vom Stephansstift?

Posted in Geschichte, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 14. Juli 2014

Wie sich die Zeiten ändern.

In meiner Kindheit war die Drohung Sonst kommst du ins Stephansstift wirksamer als der Rohrstock meiner Mutter.

Nun rückt meine Generation ins Altenheimalter vor und will selber ins Stephansstift. Interessenten soll’s schon geben für freie Kost, Logis im Einzelzimmer und Pflege, bei Eigenbehalt von Renten und ähnlichen Besitzständen. Lediglich das Pflegegeld, sofern man eine Pflegestufe hat oder haben wird, geht an das Heim. Man muß allerdings die Qualitäten des Stephansstifts in Hannover schon in Kindheit oder Jugend schätzen gelernt haben, sonst weiß man ja nicht, worauf man sich einlässt.

Doch ich will niemanden den Mund wässerig machen. Das ist kein Angebot vom Stephansstift, sondern eine Forderung ehemaliger Insassen.[1] Wie gesagt, Interessenten gibt es schon.

Ob alle Jungen im Stephansstift mißbraucht worden seien, fragte ich einmal einen Ehemaligen. Nein, das nun nicht, sagte er, doch viele schon.

 

Gehen wir weiter in der Zeit zurück.

Stephanus[2] war nach der Apostelgeschichte nicht nur einer der ersten sieben Diakone, sondern der erste christliche Märtyrer überhaupt. Es lohnt sich bei Wiki nachzulesen[3]. Besonders Saulus, der spätere Apostel Paulus spielt darin eine Täterrolle.

 

Zurück in die Gegenwart. Die Forderung der ehemaligen Heimkinder aus dem Stephansstift ist eigentlich eine großzügige Geste. Die Tätereinrichtung von damals kann sich „ehrlich machen“ und vom Saulus zum Paulus werden. Ein solches Angebot, das man eigentlich nicht ablehnen kann, ist bisher einmalig, so weit ich es sehe. Das Angebot wird wohl auch nur einmal gemacht werden. Im Unterschied zu den Angeboten aus der Mafia kommt es aus der Position der Handlungsschwäche, aber einer moralischen Stärke. Ob das ausreicht? Jemanden bei der Ehre packen, setzt voraus, daß er eine hat.

Nach meinen Erfahrungen haben zuweilen Einzelpersonen Ehre, Institutionen wie Kirchen, Parteien und Großkonzerne haben Interessen.

 

[1] http://ekronschnabel.wordpress.com

[2] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/5827684773/in/photolist-6QvnuR-6Qzut3-6QzPcU-fzGJqc-fzGN2M-fzGLic-9SYpDF

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/St._Stephanus

Noch einmal ins Heim? Von den letzten Dingen.

Posted in heimkinder, Kirche, News by dierkschaefer on 2. März 2010

Noch einmal ins Heim?

Von den letzten Dingen.

Ehemalige Heimkinder sehen alters- und gesundheitsbedingte Abhängigkeiten auf sich zukommen und machen sich Gedanken über ihre Unterbringung. Es geht um eine sie in besonderem Maße beunruhigende Zukunft.

Keiner von uns kann sich darauf verlassen, von einem gnädig-plötzlichen, schnellen und schmerzlosen Tod ereilt zu werden. Die Wahrscheinlichkeit sieht anders aus. Kaum jemand stellt sich seine Zukunft im Alten- oder Pflegeheim positiv vor. Man sieht es daran, daß die gut gemeinten Konzepte einer frühen Übersiedelung ins Altenheim, die ein „Einleben“ ermöglichen sollten, nicht angenommen wurden, so daß in vielen (den meisten?) Altenheimen Wohnplätze zu Pflegeplätzen umgestaltet wurden. Ambulante Pflegedienste ermöglichen eine größere, wenn auch eingeschränkte Unabhängigkeit im Alter. Aber wir wissen: Wenn’s gar nicht mehr geht, landen wir im Pflegeheim. Und bei allen Verbesserungen der Heimsituation: Augustinum-Qualität kostet mehr, als die meisten von uns aufwenden können.

Nun zu den ehemaligen Heimkindern:

Wer üble Heimerfahrungen hat, sieht einer erneuten Unterbringung in einer Totalen Institution (Goffman) mit erhöhter Sorge entgegen. Er möchte die Fremdbestimmung reduzieren und rechtzeitig mitbestimmen. Aus diesem Grund hat jemand aus dem Kreis der ehemaligen Heimkinder sich an einen kirchlichen Spitzenfunktionär gewandt und eine Antwort erhalten, die ihn – gelinde gesagt – nicht zufrieden gestellt hat. Er bat mich um Rat und ich habe dem Herrn in der Kirchenhierarchie einen Brief geschrieben, den ich hier wiedergeben möchte. Da ich der Meinung bin, daß der Adressat nur systemkonform geantwortet hatte, möchte ich auf Personalisierungen verzichten. Herr „Dr. Meyer“ in der Kirchenleitung ist also ein Pseudonym, wie auch Herr „Kunde“ als ehemaliges Heimkind.

Ich schrieb:

Sehr geehrter Herr Dr. Meyer!

 

Herr Kunde, ein ehemaliges Heimkind, hat sich an mich gewendet in der Frage der absehbaren Unterbringung von ehemaligen Heimkindern, in einem Alten- bzw. Pflegeheim. Sie haben ihm mit Schreiben vom 23. Februar geantwortet.

Weil er über diese Antwort enttäuscht/bestürzt/verärgert ist, hat mich Herr Kunde um Rat gebeten.

Eine Reihe von ehemaligen Heimkindern wendet sich an mich, obwohl ich Pfarrer bin. Seit vielen Jahren habe ich mich mit dem Thema Traumatisierung und PTSB befaßt, zunächst im Rahmen von Notfallseelsorge, dann aber in Zusammenhang mit Kriegs- und mit Heimkindern. …

 

Nun zu Ihrer Antwort.

Sie haben Recht; die Heimsituation in den Alten- und Pflegeheimen, wie auch in den Kinderheimen, ist wesentlich, man muß sagen unvergleichbar besser geworden.

Doch bei aller Qualitätssicherung darf ich vermuten, daß Sie wie auch ich kaum zuversichtlich einem Heim als Endstation Ihres Lebens entgegensehen. Und so treffen sich beim Ausbau der ambulanten Pflegedienste ökonomische Vorteile mit der verbreiteten Vorstellung „Bloß nicht ins Heim!“ Und für letztere gibt es auch heute noch genug Gründe, die hier auszuführen nicht der Platz ist.

Wenn schon von Heimerfahrung unbelastete Menschen so denken, haben wir es mit der Gruppe der ehemaligen Heimkinder mit extrem belasteten zu tun. Viele von ihnen sind seit damals traumatisiert und anfällig für Trigger, die Retraumatisierungen auslösen.

Diese Menschen machen sich Sorgen, wieder ins Heim zu müssen. Man wird sie nicht beschwichtigen können mit der Auskunft, es sei doch heute alles besser. Das klingt nach einer institutionsorientierten Antwort, wo eine „klientenzentrierte“ angemessen wäre. Doch dafür muß man zunächst fragen, bevor man Antworten gibt.

Die meisten Leute, nicht nur die ehemaligen Heimkinder, überblicken die Konstruktion der Kirche und ihrer Einrichtungen nicht. Sie wenden sich an die Spitzenfunktionäre in der Hoffnung, daß die Dinge top-down von oben geregelt werden könnten. Nun kann man im Unterschied zum problembehafteten staatlichen Föderalismus bei der Kirche nicht einmal von Föderalismus sprechen. Was könnte also die EKD in der Frage der Altenheimunterbringung ehemaliger Heimkinder tun, vielleicht sogar unter vorsichtiger Überschreitung ihrer Kompetenzen?

Sie könnte Empfehlungen aussprechen, die per Öffentlichkeitswirkung den örtlichen diakonischen Einrichtungen Lösungsansätze nahelegen. Dafür wäre es erforderlich, daß die Diakoniefachleute mit den ehemaligen Heimkindern sprechen, soweit sie sich als solche zu erkennen geben, vielleicht sogar eine organisatorische Basis haben, wie im vorliegenden Fall. Man sollte ihre Befürchtungen erfragen und ernstnehmen, indem man respektvoll gemeinsam Lösungen entwickelt.

Dies aber muß zügig geschehen. Herr Kunde schrieb mir: „Wir haben das Problem, dass wir uns etwa alle Vierteljahre von irgendeinem ehemaligen Mitschüler verabschieden, weil er gestorben ist. Die Zeit, wo die biologische Beendigung des Skandals geschehen ist, können wir uns an zwei Händen ausrechnen.“

Ich würde mich sehr freuen, wenn die EKD gemeinsam mit dem DW/EKD sich diesen Zeitdruck zu eigen macht und sich kurzfristig zu einer dringenden Empfehlung an die einzelnen Mitglieder in den Diakonischen Werken der Landeskirchen bereitfindet. Für das Problem der Altenheimunterbringung braucht man nicht auf Ergebnisse des Runden Tisches zu warten.

 

Außerdem: Eine Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse von ehemaligen Heimkindern bei der Altenheimunterbringung würde diesen Heimen auch ganz allgemein einen bedeutenden Qualitätsschub bringen.

 

Mit freundlichem Gruß

 

dierk schäfer