Dierk Schaefers Blog

Keine rentenrechtliche Anerkennung von Zwangsarbeit

»Unter Zwang geleistete Arbeit von Heimkindern könne nicht als Beitragszeit in der Rentenversicherung anerkannt werden.«[1]

Als positiv ist hervorzuheben, dass hier gerichtlich überhaupt der Gedanke geäußert wird, es könne in Kinderheimen Zwangsarbeit gegeben haben. Ein Gedanke, den die vorurteils­behaftete „Moderatorin“ des Runden Tisches, Antje Vollmer, gescheut hat, wie sprichwörtlich der Teufel das Weihwasser, um einen Vergleich zu wählen, der für eine Theologin passend erscheint.

»Nach Auffassung des Landessozialgerichts ist es zwar glaubhaft, dass die Klägerin zu verschiedenen Arbeiten herangezogen worden ist, wenn auch der genaue Umfang auch unter Berücksichtigung von bereits bestehenden Beweiserleichterungen nicht mehr aufklärbar ist. … Weder habe aber nach damaligem Recht eine echte versicherungspflichtige Beschäftigung vorgelegen, noch habe es Beitragszahlungen des Heimes gegeben, noch sei ein Arbeitsver­hältnis vereinbart worden. Nach damaliger Anschauung sei das Prinzip der Erziehung durch Arbeit vorherrschend gewesen. Heimkinder haben nicht in einem auf den freien Austausch von Arbeit und Lohn gerichteten Verhältnis gestanden. Was die Klägerin im Rahmen ihrer Unterbringung erhalten habe (Kost/Logis, Bekleidung, Taschengeld), stelle sich daher nicht als (beitragspflichtiges) Arbeitsentgelt dar. Ob das Kinderasyl Gundelfingen seinerzeit Personal eingespart oder die Arbeit der Klägerin gewerblich für Dritte genutzt habe, sei nicht aufklärbar gewesen, hätte aber auch nicht zur Versicherungspflicht geführt. … Eine rentenrechtliche Berücksichtigung dieser Zeiten sei nach der gegebenen Rechtslage nicht möglich und damit Sache des Gesetzgebers.«[2]

 

Was wir dem Urteil entnehmen können:

  1. Kinder als Schutzbedürftige konnten sich der schutzpflichigen Einrichtung dem als Arbeitstherapie getarnten Zwang nicht widersetzen. Wenn das Gericht meint: Heimkinder haben nicht in einem auf den freien Austausch von Arbeit und Lohn gerichteten Verhältnis gestanden, so ist das ein Hohn. Speziell diese Kinder waren rechtlos ihren Einrichtungen ausgeliefert, die sie rücksichtlos wirtschaftlich zur Kostendeckung und Gewinnerzielung ausgebeutet haben. Die Arbeitstherapie war in kirchlichen Einrichtungen zudem religiös verbrämt; manche Erzieher werden selber daran geglaubt haben. Selbstverständlich bekamen die Kinder weder einen Lehrlings-, noch Arbeitsvertrag. Das wäre nachteilig für die Einrichtungen gewesen – bis heute! Da Sozialgerichte nur aufgrund bestehender Gesetzeslage urteilen können, sind ihnen die Hände gebunden, damalige Menschenrechtsverletzungen (Zwangsarbeit gehört dazu) als solche anzuerkennen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, meint auch das Gericht. »Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages habe zwar im Jahr 2008 hinsichtlich der Möglichkeit der Beitragsnachentrichtung für Arbeit während der Heimunterbringung ein Tätigwerden des Gesetzgebers angeregt.«[3] Doch dieser schläft den Schlaf des Ungerechten.
  2. Die Beweislage ist schwierig. Doch die Behandlung der Entschädigungsleistungen für Homosexuelle (§ 175) weist einen Ausweg: Per Eidesstattlicher Erklärung sollen sie Entschädigungen beanspruchen können. Die sind allerdings in einer Höhe gehalten, die den ehemalige Heimkinder vertraut vorkommen dürfte: In Deutschland gibt es (fast) nichts für Opfer. „Du Opfer!“
  3. Der Hinweis auf den Runden Tisch von Frau Vollmer und die in der Folge geöffnete rudimentäre Anerkennung von Rentenzeiten ist selbst rudimentär. Seit Jahren ist die Anerkennung gleicher Vorgänge in Einrichtungen für Kinder mit Behinderung überfällig. Auch von dort wurde Zwangarbeit glaubhaft berichtet.

Und sollte sich der Gesetzgeber, das Bundesparlament, aufraffen, die Gesetzeslage zugunsten der Opfer zu verbessern, so werden sich gewiss im Bundesrat Rat und Widerstand dagegen finden.

 

[1] https://www.juris.de/jportal/portal/page/homerl.psml?nid=jnachr-JUNA170303535&cmsuri=%2Fjuris%2Fde%2Fnachrichten%2Fzeigenachricht.jsp

[2] wie Anmerkung 1

[3] http://rsw.beck.de/aktuell/meldung/lsg-baden-wuerttemberg-keine-rentenrechtlichen-beitragszeiten-fuer-ehemalige-heimkinder-wegen-zwangsarbeit

Glückliches Österreich!

»Etwa 7000 Gewaltopfer sollen 300 Euro monatlich erhalten. Über die Aufteilung der Kosten wird noch mit Ländern und Kirche verhandelt.«[1] [2]

In Deutschland wären die Zahlen größer. Dennoch hätte man auch hier mit einer pauschalen Entschädigung zwar keine Gerechtigkeit, aber doch einen Rechtsfrieden schaffen können. Doch das Bestreben von Staat und Kirchen, möglichst billig aus einem Menschenrechts-Skandal herauszukommen, war größer. Erst Verleugnung, dann Vertuschung und dann der große Betrug am Runden Tisch unter der Führung von Antje Vollmer, die leider auch Pfarrerin ist. Der Imageschaden zuvörderst für die Kirchen ist immens. Doch die schlafen immer noch den Schlaf des vermeintlich Gerechten. Verjährung[3] ist doch eine feine Sache. Nur wird man dadurch nicht glaubwürdig.[4]

Betroffenheit kann man heucheln, glaubwürdig wird man erst, wenn man reletiv großzügig entschädigt. Gekonntes Problemmanagement sieht anders aus.

[1] http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/5179700/Ehemalige-Heimkinder-bekommen-Entschaedigung

[2] http://archiv.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=65570

[3] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[4] http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=2812

 

Wenn man schon sterben muss: Einfach wegdämmern …

… wer möchte das nicht nach einem weithin zufriedenstellend gelebten Leben? Auch wenn’s kein „erfülltes“ war, aber keine Erfüllung mehr zu erwarten ist. Wir müssen ohnehin einmal sterben, dann doch lieber so. Besser als der letale Schlaganfall, denn das Fallen könnte man noch merken. Doch nur wenige möchten, dass ihr Dämmerzustand über Wochen hinweg verlängert wird durch die künstliche Aufrechterhal­tung ihres Stoffwechsels. Einfach wegdämmern können ist angesichts der Alternativen die beste aller denkbaren Möglichkeiten.

Schlimmer noch, wenn der Dämmerzustand von schmerzhaften Phasen unterbrochen wird und man nicht mehr die Kraft hat zu rufen: Schwester, ich habe Schmerzen! Oder wenn die Ausweglosigkeit bei vollem Bewusstsein durchlitten werden muss.

Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts[1] hat die Periletalexperten aufgescheucht. Die EKD-Mitteilung nennt sie und schreibt vorsichtshalber, sie wolle »zu dem Fall erst dann Stellung neh­men, wenn der Text des Urteils vorliegt. Generell wies eine Sprecherin darauf hin, dass die evange­lische Kirche das menschliche Lebens als Gabe Gottes betrachte, das auch bei starken Ein­schrän­kungen und Leiden seine Würde nicht verliere. Wichtig sei zudem, die palliativme­di­zi­nische Versorgung von schwer kranken und sterbenden Menschen zu verbessern. Auch die Kirche stehe vor der Herausforderung, die „Seelsorge an Schwerkranken und Sterbenden zu verstärken“« [2].

Was hat die Periletalexperten so aufgescheucht? Es ging um die Frage der professionellen Beihilfe zum Suizid. Der „Zugang zu einem Betäubungsmittel, das eine schmerzlose Selbst­tötung ermöglicht, darf in extremen Ausnahmesituationen nicht verwehrt werden“, so der Tenor der Gerichtsentscheidung. Die verknüpft damit das allgemeine Persönlichkeitsrecht[3]. Dieses umfasse „auch das Recht eines schwer und unheilbar kranken Patienten, zu entschei­den, wie und zu welchem Zeitpunkt sein Leben beendet werden soll, vorausgesetzt, er kann seinen Willen frei bilden und entsprechend handeln. Daraus kann sich im extremen Einzelfall ergeben, dass der Staat den Zugang zu einem Betäubungsmittel nicht verwehren darf, das dem Patienten eine würdige und schmerzlose Selbsttötung ermöglicht.“

Die Menschenwürde, auch die des Sterbenden, ist kein unbestimmter Rechtsbegriff wie das vielstrapazierte Kindeswohl. Doch es wird versucht, Menschenwürde besserwisserisch oder gar im eigenen Geschäftsinteresse gegen den Willen des Würdeträgers zu definieren und diese Definition auch durchzusetzen. Dies geschah am 3. Dezember 2015 durch ein Änderungsge­setz zu Paragraf 217 StGB, seit dem 10. Dezember ist es in Kraft. [4]

»Das Gesetz hat damals die Debatte um die Sterbehilfe, Suizidbeihilfe und Palliativmedizin zu beenden versucht, indem es von allen diskutierten Vorschlägen den restriktivsten, freiheits­feindlichsten und obrigkeitsstaatlichsten umsetzte. Wie üblich geschah dies unter großem Moralin- und Argumentationsaufwand und natürlich mit den allerbesten Absichten. Es gab (mindestens) drei Gesetzesvorschläge mit unterschiedlich restriktiver Handhabung. Der am meisten rückwärtsgewandte, am meisten bevormundende, am wenigsten menschenfreundliche wurde Gesetz. Eine breite Mehrheit der Bürger hätte sich – laut zahllosen Umfragen und Untersuchungen – anders entschieden. So viel Vertrauen in die Vernunft ihrer Untertanen aber wollten die GesetzgeberInnen nicht aufbringen.«[5]

Und nun stört das Bundesverwaltungsgericht den gegen die Bürger durchgesetzten Rechts­frieden – die Moralinstanzen und Geschäftsinteressenten maulen.

Klar, dass sich die verfasste Ärzteschaft wehrt; auch die Palliativmediziner sehen ihr Geschäfts­modell bedroht[6], doch manche Ärzte werden sich nicht dadurch vertreten sehen.[7]

Geschäftsmodelle sind ethisch zunächst neutral zu bewerten. Wer wird einem Bäcker vor­werfen wollen, dass er mit unserem Hunger sein Geld verdient. Wir als Kunden von wem auch immer können für unser gutes Geld eine professionelle Dienstleistung bzw. qualitativ gute Ware und ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis erwarten. Das gilt auch für die Begleitung in der Lebensendphase. Die Palliativmedizin ist ein wichtiger Dienstleister, der allerdings Mühe hatte, sein Geschäftsmodell durchzusetzen.[8] Eine beabsichtigte Lebens­verkürzung wurde jedoch zugunsten des assistierten Dahindämmerns ausgeschlossen.[9]

Die anerkannten Dienstleister dulden keine Konkurrenz, jedenfalls keine geschäftsmäßige, also professionionelle, die – horribile dictu – vielleicht noch durch die Stiftung Warentest zertifiziert werden könnte. Doch warum eigentlich sollen wir nicht nur bei der palliativen Sterbebegleitung, sondern auch bei der Suizidassistenz  Professionalität einfordern?[10] Schließlich soll auch der Suizid „gelingen“, wenn ich ihn denn schon will und akzeptable Gründe dafür habe?

In meine Vorstellungen von Menschenwürde mischen sich ungefragt Moralinstitutionen ein, die mir sagen wollen, wie ich würdig zu sterben habe. Die evange­lische Kirche betrachtet das menschliche Lebens als Gabe Gottes, heißt es in der EKD-Mitteilung. Nikolaus Schneider, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat erklärt, er werde seine an Krebs erkrankte Frau, wenn sie Sterbehilfe wolle, auch in die Schweiz begleiten. Er distanziert sich damit privat von dem, was die Kirchen gern als absolute Schöpfungs­ord­nung hinstellen.[11] »Das Leben, das Gott gegeben hat, dürfe der Mensch nicht beenden. Das sei „Gottes gnädigem Ratschluß“ vorbehalten, wie es immer noch in Traueranzeigen heißt. Diese Meinung ist zu respektieren. Wer aber diese Sicht anderen aufoktroyieren will, egal mit welchen Methoden, der ist nicht ehrlich, wenn er nicht zugleich deutlich macht, daß in der Geschichte der Menschheit bis in unsere Tage diese Sicht der „letzten Dinge“ zumeist keine Berücksichtigung fand beim von oben verordneten Tod. Die Machthaber aller Zeiten spielten Potentaten-Schach und opferten ihre „Bauern“ ganz nach Kalkül und Bedarf im Krieg. Die Justiz verhängte Todesurteile, nicht nur in Hexen- und Ketzerprozessen. Kriege und Todes­urteile, diese Todeszuteilung von oben bekam in aller Regel Zustimmung und Assistenz durch „Feldgeistliche“, und auch keine Hinrichtung ohne seelischen Beistand eines Priesters. Über das Lebensende wurde nicht von ganz oben, durch den Allmächtigen verfügt, sondern durch die „Oberen“ in Staat und Justiz.«[12]

Ich vermisse in der Kirchenmeinung den Respekt vor dem Menschen, der sterben will und dazu in seinem „Angewiesensein als Grunddimension des Menschseins“ die Hilfe verstän­diger Mitmenschen erbittet. Sicherlich wird man nicht jeden Sterbewunsch unverzüglich erfüllen wollen und können. Sicherlich wird man auch fragen müssen, wer sonst noch aus einer wie auch immer unerquicklichen Situation „erlöst“ wird (Mitleiden, Pflegeaufwand, Kosten, Erbschaft). Doch nach reiflicher Überlegung wird man das „Mach End, o Herr, mach Ende“ auch ganz innerweltlich verstehen und den Arzt um Hilfe bitten dürfen.

Der „Tod als Erlösung“ brachte am 5. März 2017 bei Google „10.500 Ergebnisse“.

„Die letzten drei Monate hätten nicht mehr sein müssen“, sagten die Angehörigen. „Da hat er sich nur noch gequält“.

Gott sei uns gnädig und gebe uns einen gnädigen Arzt.[13]

 

Nachtrag 1

Philipp Greifenstein referiert in seinem differenzierten Beitrag[14] auch die Veröffentlichung von Friedrich Wilhelm Graf, emeritierter Professor für Systematische Theologie und Ethik.[15] Die Frist für den kostenlosen Download habe ich leider verpaßt. (Wer ihn hat, schicke ihn mir bitte per Mail!) Doch die Web-Seite des Merkur spendiert immerhin einige Zitate aus dem Essay: „In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Reinhard Kardinal Marx, der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz, ernsthaft gesagt: »Gebt uns die Sterbenden, denn wir sind ganz besonders für die Leidenden und Sterbenden da.« Warum eigentlich? Weil Jesus von Nazareth einen grausamen Kreuzestod gestorben ist? Oder weil Caritas und Diakonie sich einbilden, in Sachen palliativer Sterbebegleitung kompetenter zu sein als andere Akteure, etwa säkulare Hospizvereine? Sind »die Leidenden und Sterbenden« vielleicht auch aus finanziellen Motiven für Caritas und Diakonie eine interessante Klientel?“ (Hervorhebung von mir)

 

Nachtrag 2

Ein Kollege kommentiert das Verwaltungsgerichtsurteil unter dem Titel Ein seltsames Urteil zur Suizidhilfe.[16] Merkwürdig, weil nicht berücksichtigt worden sei, dass andere, legale Möglichkeiten bestanden hätten, den gewünschten Tod herbeizuführen. Ich schickte ihm einen schon älteren Leserbrief, den ich im Pfarrerblatt zum Thema geschrieben hatte, und leitete provozierend ein mit den Worten: „man muss sich schon auskennen, im irrgarten zur korrekten selbsttötung. da sind doch das gute alte aufknüpfen am fensterkreuz oder der sprung vom dach übersichtlicher gewesen. wer hat, der nimmt ein schießeisen und steckt es in den mund.“

Das war ihm wohl zu starker Tobak. Er hat meinen Kommentar nicht freigeschaltet.

Nachtrag 3

Aus unserer Patientenverfügung: Generell erscheint uns beiden der Zustand eines Wesens, das auf die Aufrechterhal­tung seines Stoffwechsels reduziert ist, ähnlich wie bei einem Baby, doch ohne Perspektive, menschenunwürdig.

Fußnoten

[1] http://www.bverwg.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung.php?jahr=2017&nr=11

[2] http://www.ekd.de/aktuell_presse/news_2017_03_03_03_verbaende_kritik_sterbehilfe-urteil.html

[3] Art. 2 Abs.1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG

[4] § 217 Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung
(1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäfts­mäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht. – zitiert nach: Fischer im Recht, http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-02/sterbehilfe-vom-leben-und-vom-tod-fischer-im-recht/komplettansicht

[5] http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-02/sterbehilfe-vom-leben-und-vom-tod-fischer-im-recht/komplettansicht

[6] https://www.tagesschau.de/inland/kritik-urteil-bverwg-101.html

[7] http://www.zeit.de/2015/09/sterbehilfe-aerzte-brechen-tabu/komplettansicht

[8] Ich hatte die Ehre, eine Podiumsdiskussion mit Cicely Saunders, der „Urmutter“ der Hospizbewegung zu moderieren. Sie hätte den Begriff Geschäftsmodell sicherlich zurückgewiesen. Doch wie wohl alle humanitär inspirierten Initiativen unterliegt auch die Hospizbewegung den Gesetzmäßigkeiten und Zwängen der Institutionalisierung. Man wehrt sich gegen Konkurrenz.

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Hospizbewegung

[10] Ob man effektive Schmerzmittel bekommt, ist ohnehin nicht gesichert: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/28/gott-sei-uns-gnaedig-und-gebe-uns-einen-gnaedigen-arzt/

[11] Das tun auch andere frei denkende, dem christlichen Glauben verbundene Zeitgenossen: https://www.publik-forum.de/Wissen-Ethik/prominente-theologen-fuer-sterbehilfe#. Den hier genannten wäre auch Prof. Friedrich Wilhelm Graf hinzuzufügen.

[12] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/07/21/demokratisierung-der-todeszuteilung/

[13] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/28/gott-sei-uns-gnaedig-und-gebe-uns-einen-gnaedigen-arzt/

[14] Wie hältst Du es mit dem Sterben? http://www.theologiestudierende.de/2015/06/20/wie-haeltst-du-es-mit-dem-sterben/

[15] Friedrich Wilhelm Graf, Apodiktische Ethik mit Lügen . Die deutschen Kirchen und der ärztlich assistierte Suizid: Merkur, Jahrgang 69, Heft 792, Heft 05, Mai 2015.

[16] https://einwuerfe.wordpress.com/2017/03/02/ein-seltsames-urteil-zur-suizidhilfe/ Veröffentlicht am 2. März 2017 von michaelcoors

Orthodoxe Prügel, eine Herausforderung für die Ökumene?

Es darf misshandelt werden, alles bleibt in der Familie, soweit das Opfer keine sichtbaren Schäden erleidet oder mehr als einmal im Jahr verprügelt wird. Gewalttaten in der Familie werden in diesem Fall lediglich als Ordnungswidrigkeit behandelt und mit einem Bußgeld von umgerechnet bis zu 470 Euro bestraft. Bislang waren dafür Strafen von bis zu zwei Jahren Gefängnis vorgesehen. … 380 der 450 Duma-Abgeordneten stimmten in Moskau in dritter Lesung für das Gesetz, nur drei Abgeordnete mit Nein. Der Text muss noch den Senat passieren, bevor es von Präsident Wladimir Putin unterzeichnet werden kann. Der hatte bereits seine Zustimmung signalisiert… In der russischen Gesellschaft ist häusliche Gewalt weit verbreitet. Eine aktuelle Umfrage ergab, dass 19 Prozent der befragten Russen der Ansicht sind, dass Gewalt gegen Kinder oder Partner unter gewissen Umständen akzeptabel ist.[1]

Weder schön, noch gut. Das Abstimmungsergebnis lässt tief in die russische Seele blicken und bestätigt die Redensart: Mein Mann liebt mich nicht mehr, er hat mich schon vier Wochen nicht geschlagen.[2]

Ist es unter diesen Umständen erstaunlich, dass auch die Russische Orthodoxe Kirche zu den Lobbyisten des Gesetzes gehört?[3] Sie betrachtet die körperliche Züchtigung als einen traditionellen Vorzug russischer Kindererziehung. Die gleiche Auffassung vertritt die konservative Volksfront „Allrussischer Elternwiderstand“, die obendrein davor warnt, leichte körperliche Bestrafungen, die für Kinder oft nützlich und vollkommen unschädlich seien, mit elterlicher Grausamkeit zu verwechseln. Tatjana Borowikowa, die tiefgläubige Leiterin von „Viele Kinder, das ist gut!“ (einer Vereinigung kinderreicher Familien), bezeichnet es gar als elterliche Liebesbezeugung, ein Kind zu verdreschen, wenn es etwas geklaut oder pornographische Videofilme geschaut hat. [4]

 

Die Russische Orthodoxe Kirche ist Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen[5], wenn auch die Orthodoxen Kirchen eine gewisse Distanz halten.[6] Es geht dabei nicht nur um den „westlichen Lebensstil“, sondern um Menschenrechte.

Damit hat die Russische Orthodoxe Kirche grundlegende Probleme. Sie distanziert sich in ihren ökumenischen Kontakten von anderen Kirchen, deren Amtsträger nicht im Einklang mit russisch-orthodoxen Vorstellungen über die Rollen von Männern und Frauen leben.[7]

In der „Russische[n] Erklärung der Menschenrechte“ werden diese an zusätzliche Grundlagen gebunden. Dort heißt es: „Die Rechte und Freiheiten des Menschen können nicht getrennt werden von Verantwortlichkeit und Zurechenbarkeit. Bei der Verfolgung seiner Interessen ist das Individuum angehalten, dies in Korrelation mit den Interessen seiner Nachbarn, seiner Familie, seiner Gemeinde, seiner Nation und der Menschheit zu tun. Und weiter: …….Es ist gefährlich „Rechte“ zu „erfinden“, die ein Verhalten legalisieren, das von der traditionellen Moral und allen historischen Religionen mißbilligt wird. [8]

Die traditionelle Moral kann vieles umfassen, würde notfalls auch die Blutrache legitimieren. Im Ansatz unterscheidet sich die Russische Erklärung der Menschenrechte nicht von der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam.[9] Hier wie dort stehen die Menschenrechte unter Vorbehalt, im Islam ist es die Geltung der Scharia; z.B. „Artikel 7 definiert Rechte zwischen Kindern und ihren Eltern. Eltern steht das Recht auf die Wahl der Erziehung ihrer Kinder nur in dem Umfang zu, wie diese mit den „ethischen Werten und Grundsätzen der Scharia übereinstimmt“. [10]

Die Russische Orthodoxe Kirche meint einen feinen Unterschied machen zu können zwischen Menschenrechten und Menschlichkeit.[11] Dabei will sie ein „besonderes Augenmerk legen auf das Schützen der Rechte von Kindern.“ Ein Hohn angesichts der Zustimmung zur Gewalt in der Familie.

Es wird in Russland also weiter misshandelte Kinder geben, misshandelte Frauen und eheliche Vergewaltigungen, so lange es keine bleibenden Schäden gibt.

 

Sollte der Ökumenische Rat der Kirchen der russischen Orthodoxie nicht deutlich entgegen­treten, auch auf die „Gefahr“ hin, dass die ihre Mitgliedschaft aufgibt? Menschenrechte sind unteilbar und auch nicht ökumenisch zu verwässern.

Meine Meinung: Schmeißt sie raus.

Fußnoten

[1] http://www.deutschlandfunk.de/russland-schlaege-zu-hause-nur-noch-eine-ordnungswidrigkeit.1818.de.html?dram:article_id=377480

[2] In Russland werden jedes Jahr 12.000 Frauen von ihrem Partner oder Verwandten getötet, 36.000 werden täglich verprügelt. Die meisten von ihnen reden allenfalls mit Freunden darüber. Nur wenige gehen zur Polizei. Die meisten fürchten, das mache die Lage nur schlimmer. Eine Frau aus dem zentralrussischen Orjol, die im vergangenen November die Polizei anrief, weil ihr Exfreund sie bedrohte, bekam zu hören, man werde nur kommen, wenn sie umgebracht würde – was dann auch geschah. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/soll-haeusliche-gewalt-strafbar-sein-russland-diskutiert-14826380.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

[3] s. Anmerkung 1

[4] s. Anmerkung 1

[5] Der Ökumenische Rat der Kirchen / ÖRK (auch Weltkirchenrat; englisch World Council of Churches, WCC) wurde am 23. August 1948 in Amsterdam gegründet[1] und gilt seitdem als zentrales Organ der ökumenischen Bewegung. Er ist ein weltweiter Zusammenschluss von 348 Mitgliedskirchen (Stand: 2016) in mehr als 120 Ländern auf allen Kontinenten. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kumenischer_Rat_der_Kirchen,

[6] Die Orthodoxen Kirchen haben den ÖRK u.a. wegen der von ihnen empfundenen Dominanz von liberal-protestantischen Themen wie Frauenordination und positive Bewertung der Homosexualität in den letzten Jahren mehrmals scharf kritisiert, haben sich aber zunächst zur Fortführung ihrer Mitgliedschaft entschieden. s. Anmerkung 4

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Orthodoxe_Kirche#Im_neuen_Russland

[8] beschlossen beim X. Weltkonzil des Russischen Volkes in der Christus-Erlöser-Kathedrale zu Moskau vom 4. bis 6. April 2006, https://antifo.wordpress.com/2009/03/14/russische-erklarung-der-menschenrechte/

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Kairoer_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte_im_Islam

[10] s. Anmerkung 9.

[11] Die Verwendung von Doppelstandards im Bereich der Menschenrechte weisen wir zurück … Wir sind bereit zur Kooperation mit dem Staat und allen wohlmeinenden Einrichtungen, um die Rechte der Menschlichkeit zu schützen.

Das Reden von Gott in Zeiten des Internet.

»Redet man seit dem Internet anders über Gott als vorher?« fragte Antje Schrupp kürzlich über Twitter.

Die Frage ist so ungezielt wie komplex.

Wer ist man, der sich im Internet äußert, und wo im Internet?

Wer hat sich vor den Zeiten des Internet wo und wie über Gott geäußert?

Schließlich: Ist es mit der Beschränkung auf „Gott“ getan? Muss die Frage nicht ausgeweitet werden auf: Christentum und Religion überhaupt, spezifiziert nach den Themenbereichen „Kirche“, „Kirche und Staat“, „Religion und Gewalt“, „Islam“, „Säkularisierung“? Kurz: Allah hat viele Namen, Gott hat viele Facetten, Anhänger und Gegner, und viele Gleichgültige.

Wer Antje Schrupps Frage wissenschaftlich seriös beantworten will, sollte Geld für ein umfangreiches Forschungsprojekt beantragen. Säße ich im Bewilligungsgremium, würde ich ablehnen, so wie ich auch jeden Promovenden bedauern würde, der sich an dieser Frage nur verheben kann, auch Promovendinnen stemmen das nicht. Das Internet ist schließlich ein globaler Stammtisch, besser: viele Stammtische, auf die dann jeweils ein Themenschild gesetzt wird – und jeder, der will oder zu müssen meint, setzt sich dazu.

Antje Schrupp ist arbeitet journalistisch. Darum will ich auch eher journalistisch mit der Wiedergabe meines persönlichen Eindrucks antworten, aber inhaltliche Festlegungen zu Gott & Co. vermeiden.

Doch zunächst die Einschränkungen. Ich überblicke das Internet nicht, wer kann das schon. Meine Erfahrungen beschränken sich auf

  • aktuelle Meldungen einiger Online-Magazine,
  • Twitter, dazu gehört auch das „EvPfarrer’s Daily“ des Kollegen Ebel. »Diese Online-„Zeitung“ versammelt hauptsächlich Beiträge, die evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer auf Twitter verbreitet oder in ihren Blogs veröffentlicht haben. Ergänzend fließen Meldungen von Einrichtungen der verfassten Kirche mit ein.« Dort wird natürlich besonders viel über Gott und die Welt getwittert. Diese Tweed-Sammlung ist aber geeignet, den Blick auf die Bedeutung Gottes im Internet quantitativ zu verzerren.
  • Foren meide ich meist, weil dort zu oft völlig undifferenziert und uninformiert nur „Meine Meinung, deine Deinung“ ausgetauscht wird, mit neckischen Nicknames und ohne Rücksicht auf Argumente.
  • Schließlich bekomme ich in meinem Blog Kommentare, in denen ehemalige Heim­kinder sich über Gott, Christentum und Religion äußern – so wie das halt in Foren üblich ist, hier aber hasserfüllt. Doch diese Klientel hat Grund dazu, wurden sie doch in kirchlichen Einrichtungen am Leben geschädigt und zuschlechterletzt von der Pfarrerin Antje Vollmer über den Runden Tisch gezogen.

Nun meine Antwort auf die Frage.

Sicherlich wird im Internet anders über Gott geredet, als zuvor anderswo. Wer hat früher öffentlich über Gott geredet? Lassen wir die Religionswissenschaftler außen vor. Es waren im weitesten Sinne Kirchenleute, Theologen, aber auch Menschen mit engen Bindungen an Christentum und Kirche.

Es gab auch schon immer Kirchenkritiker, die nicht nur im kleinen Kreis, sondern auch mit Öffentlichkeitswirkung über Gott redeten und schrieben, z.B. Herr Deschner mit seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“.

Zu nennen ist auch die Indienstnahme Gottes zur Sicherung der Sterbebereitschaft von Soldaten und Opferbereitschaft der Bevölkerung in vielen Kriegen von allen Kriegsteilnehmern – bis hin zum Gefallenendenkmal.

Sicherlich wurde auch an manchem Stammtisch, wenn nicht über Gott, so doch über den jeweiligen Herrn Pfarrer geredet, insbesondere, wenn der Anlass dazu bot.

Die Säkularisierung hat manchen naiven Glaubensinhalten den Garaus gemacht. Die Köpfe wurden frei für religionskritische Ansichten.

Nun, in Zeiten des Internet, nutzen viele – meist anlassbezogen – die Möglichkeit, ihre Mei­nung zu Kirche und Gott zu publizieren.

Die Anlässe liegen im eigenen, realen Erfahrungsraum, sind vielfach aber auch durch Mel­dun­gen im Netz angeregt. Zum jeweiligen Anlass/Thema gibt es Echoräume von vielen Gleichge­sinnten und wenigen Vertretern abweichender Meinungen, doch die haben so gut wie keine Chance, die Stimmung umzudrehen.

Themen sind Kirche und Staat, besonders die Kirchensteuer, die „Macht“ der Kirchen, kirchliche Verfehlungen (z.B. Misshandlungen und Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen, Geldverschwendung à la Limburg u.a.m.). Da trifft es dann nicht nur die Einzelpersonen oder die Kirche, sondern Gott bekommt auch noch sein Teil ab, wie die Religion überhaupt. War sie nicht immer schon gewalttätig? Dann kommt der pauschale Verweis auf „Religionskriege“ oder etwas aktueller auf den Islam.

So und in dieser Häufigkeit wurde früher wohl nicht über diese Themen publiziert, wenn man von ideologischen Kriegen gegen die Religion absieht, wie sie von den Nazis geschürt wur­den oder auch vom real existierenden Sozialismus. Allerdings gab es nicht nur den „Pfaffen­spiegel“. Die erotischen Fehltritte des Klerus waren schon immer ein literarischer Topos, geradezu ein Schmankerl, wenn auch eher als eine Art Untergrundliteratur, wohin sexuelle Dinge früher ganz generell gehört haben.

Hin und wieder taucht in Eigenberichten im Netz auch das Problem der Theodizee auf, das schon manche Menschen aus der Glaubensbahn geworfen hat.

Dann sind noch die Theologen selbst zu nennen, die das Netz missionarisch nutzen oder ihre mehr oder weniger vom theologischen Mainstream abweichenden Meinungen publizieren. Sie sind letztlich auch „Bekenner“, wie sie mit anderem Vorzeichen in manchen Foren als Ver­fech­ter des „wahren“ Glaubens zu finden sind: Bibelfundis.

Nur hinzuweisen ist auf die Präsenz islamischer/islamistischer Internet-Nutzer, die auf ihre Art über Allah schreiben. Doch da fehlt mir jede Beurteilungsgrundlage, wäre aber wichtig, um Herausforderungen zu begegnen.

Gott und Religion werden wohl weiterhin bedeutsame Themen sein. Der Islam rettet zurzeit nicht nur den christlichen Religionsunterricht vor dem missionierenden Atheismus, sondern stellt unserer Gesellschaft religiöse Fragen, die sie nicht hören will, denen sie aber nicht mit atheistischer Contra-Haltung oder denkfauler Gelassenheit begegnen sollte. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/06/ohne-religionsgeschichte-wird-es-nicht-gehen/

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären.“

Muss[1]? Sie tuts.

Die Vergehen und Verbrechen an den ehemaligen Heimkindern sind in diesem Blog übergenug beschrieben worden. Sie sind auch wissenschaftlich belegt. Schlimm genug.

Im Sinne des Schillerzitats waren sie der Auftakt zu weiterem Bösen,

  1. Verleugnung,
  2. Drohung,
  3. Vertuschung,
  4. Relativierung,

und mündeten darin, die Opfer von damals über den Runden Tisch zu ziehen zur Schonung der Kassen von Staat (Bundesländer), Kirchen und ausbeuterischen Firmen.

Zu diesem zweiten Akt des Bösen gehörte auch die Ausgrenzung der ehemaligen Heimkinder aus Behinderteneinrichtung und Psychiatrien.

Das betrügerische Ergebnis des Runden Tisches Heimerziehung wird nun getoppt mit einer Lösung für die Menschen mit Behinderung[2], die

  1. lange auf sich warten ließ,
  2. deren Organisierung noch nicht geklärt ist, auch ist
  3. noch nicht klar, in welcher Höhe es zu Zahlungen kommen wird; die
  4. voller Kautelen steckt, um Zahlungen zu verhindern/einzuschränken und die ohnehin schon im Planungsstadium
  5. eine deutliche Benachteiligung der Betroffenen darstellt, gemessen an den ohnehin betrugswürdigen Zahlungen an ehemalige Heimkinder aus den Erziehungsanstalten.

Muss ich noch den langen Zeitraum nennen seit dem Runden Tisch der „Moderatorin“[3] Antje Vollmer? Jedenfalls dürften eine Reihe von Betroffenen in diesem Zeitraum gestorben sein, kostensparend. Auf die Kosten achten die üblichen Verdächtigen und sie haben Erfolg.

Mich als Pfarrer (i.R.) und Theologen schmerzt, dass wieder einmal die Kirchen mit dabei sind. Dabei ist noch nicht einmal in allen Erziehungseinrichtungen anerkannt, dass sie für die ihnen anvertrauten Kinder nicht nur in Einzelfällen eine „Erziehungshölle“ darstellten.[4]

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären.“

Muss? Diese hats getan.

Winkt den aktuellen Tätern die Hoffnung auf den Tod der Opfer? Da täuschen sie sich. Denn wenn über eine böse Sache endlich Gras gewachsen ist, kommt bestimmt ein alter Esel, der es wieder runterfrisst. Das Internet hilft ihm dabei. [5]

Und die Betroffenen? Viele sind aus der Kirche ausgetreten[6]. Sie wissen warum und erzählen ihre Geschichte ihren Kindern und Kindeskindern, weil sie sich nicht auf das Jüngste Gericht verlassen wollen.[7]

Fußnoten

[1] Schilller, Wallenstein http://gutenberg.spiegel.de/buch/wallenstein-3306/9

[2] http://jacobsmeinung.over-blog.com/2016/11/behinderte-ehemalige-heimkinder-werden-auch-sie-betrogen.html?utm_source=_ob_share&utm_medium=_ob_twitter&utm_campaign=_ob_sharebar

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[4] Auch hier eine kirchlich Einrichtung. Man lese den aktuellen offenen Brief der Betroffenen: http://jacobsmeinung.over-blog.com/2016/04/offener-brief-der-heim-opfergruppe-gut-an-der-linde.html

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/09/09/wenn-die-ohrenzeugen-der-augenzeugen-verstummt-sind-beginnt-die-geschichtsschreibung/

[6] Aus dem Staat und den Bundesländern können sie halt nicht austreten, doch sie haben zu schätzen gelernt, was sie diesem Staat wert sind.

[7] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

Es ist wirklich ein Kreuz mit den naiven missionierenden Atheisten,

Posted in kirchen, Theologie, Uncategorized, Weltanschauung by dierkschaefer on 6. Oktober 2016

und mit den naiven bibelblinden Christen ebenso.

http://www.diesseits.ch/der-trugschluss-des-atheismus/

Kinder als Versuchskaninchen

Arzneimittelstudien an Heimkindern kamen angeblich nur selten vor. Das sieht aber anders aus. Die Studie[1] nennt es „ein Versäumnis des Runden Tisches Heimkinder“ und fragt, „warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesem Thema näher zu befassen.“

Als pauschale Antwort bietet sich an, dass der Runde Tisch unter Vorsitz von Antje Vollmer offensichtlich bemüht war, die Verantwortlichkeiten nicht ausufern zu lassen. Die staatlichen und kirchlichen Heime und ihre Schwarze Pädagogik[2] konnte man schlecht aussparen, dafür aber deren finanzielle Risiken gering halten. Doch für die Medikamentation waren nicht nur die verabreichenden Mitarbeiter der Einrichtungen verantwortlich, sondern große Firmen, die in den Heimen Versuchsreihen starten konnten,[3] Versuchsreihen, die von Medizinern geplant wurden, deren Berufsbiographien in zahlreichen Fällen bruchlos in die Zeit zurückreichten, in denen sie für NS-Verbrechen verantwortlich waren.[4] – Damit hätte man die Pharma-Firmen belastet. Das wollte Frau Vollmer wohl nicht.

Auch im Falle der Zwangsarbeit[5] hat sie abgeblockt und damit heute noch bestehende und renommierte Firmen unter ihren Schutzmantel[6] genommen. [7] [8]

Mir fallen keine unverfänglichen tiefer schürfenden Antworten auf die Frage ein, warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesen Themen näher zu befassen.

Die Sache mit den Medikamententests an nichteinwilligungsfähigen Personen ist leider ein aktuelles Thema geworden.[9]

Fußnoten

[1] http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Pädagogik

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/

[4] Die „Moderatorin“ des Runden Tisches, die den Begriff Zwangsarbeit nur für Nazi-Zwangsarbeit verwendet sehen wollte. Sie sah darüber hinweg, daß die „Arbeitstherapeuten“ in den Heimen vielfach ehemalige SA-Leute und die Gutachter einschlägig belastet waren. In den Heimen – kirchlich wie staatlich – hatten wir die Fortsetzung des Nazi-Systems. Frau Vollmer in ihrer grün-christlichen Bigotterie hat das nicht bekümmert. Sie sprach zwar von erzwungener Arbeit, bat jedoch die Profiteure nicht zur Kasse und sah völlig darüber hinweg, daß es Zwangsarbeit nicht nur für Jugendliche gab, sondern auch für Kinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/06/17/zwangsarbeit-in-ost-und-west-was-sind-die-unterschiede/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/05/05/zwangsarbeit-nicht-nur-fur-ikea/

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzmantelmadonna

[7] Die Zwangsarbeit. Eine geringe Pauschalentschädigung als Rentenersatz gibt es, anders als in Irland, bei uns nur für Jugendliche, die Zwangsarbeit leisten mußten, wobei der Begriff Zwangsarbeit peinlichst vermieden wird. Es gibt keine Lohnnachzahlung, weder von den kirchlichen, noch von den staatlichen Einrichtungen, die von der Zwangsarbeit profitiert haben. Auch nicht von der Privatwirtschaft, die gut an den Kindern verdient hat. Es schien wohl nicht opportun, die Betriebe, darunter Firmen mit großer Bedeutung, zwangszuverpflichten. Zwangsarbeit ja, Zwangsentschädigung nein.

Und für die Zwangsarbeit von Kindern gibt es GAR NICHTS. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/09/er-ist-ein-priester-du-must-ihm-gehorchen/

[8] Antje Vollmer, Moderatorin des westdeutschen Runden Tisches für ehemalige Heimkinder, mied wie der Teufel das Weihwasser die Anwendung des Begriffs Zwangsarbeit auf die Ausbeutung der ehemaligen Heimkinder (West!) durch respektable Industriebetriebe und einzelne Bauern. Sie wollte den Begriff ausschließlich für die Zwangsarbeit für Nazi-Deutschland gelten lassen. Und so tauchten weder der Begriff noch der Sachverhalt im Abschlußbericht des Runden Tisches auf. Die Nutznießer der Zwangsarbeit wurden nicht nur nicht am Fonds beteiligt, sondern blieben unerwähnt. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/29/zwangsarbeit-ost-und-zwangsarbeit-west/

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/25/medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen-ein-ideales-menschenmaterial/

Auge um Auge für den Rechtsfrieden?

Posted in heimkinder, Kinderheime, Kindeswohl, Kirche, kirchen, Kriminalität by dierkschaefer on 28. Juli 2016

Zunächst ging es um Hass, allgegenwärtig in den „sozialen“ Medien, so auch in meinem Blog.[1]

Ein Kommentator tat unschuldig: »Was ist falsch an meinen Aussagen? Die Diakonie belegt doch immer noch und immer wieder genau das, was ich ihr vorwerfe.«

Dabei hatte ich seine Sachaussagen nicht bezweifelt und lediglich auf seine (verständliche) Voreingenommenheit hingewiesen.

„Hass ist eine menschliche Emotion scharfer und anhaltender Antipathie“ zitiert er aus einem früheren Post von mir[2], in dem ich, wie auch im aktuellen, begründeten Hass als legitim bezeichnet hatte. Dort hieß es aber auch: »Dennoch darf ich darauf hinweisen, dass Hass blind macht.« Diesen Gedanken hatte ich im neuen Post aufgegriffen. Er antwortet, o Wunder, mit einer biblischen Begründung: »Ich berufe mich auf das Alte Testament: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, heißt es da (lassen Sie das streichen, wenn es falsch ist!). Genau danach handele ich!«

Aber nein, warum sollte ich das streichen wollen. Das ius talionis[3], das Vergeltungsrecht ist ein juristischer Fortschritt gewesen. Es hat den Vergeltungsexzess, die Blutrache[4] eingehegt und Rechtsfrieden ermöglicht.[5] Es war eine logische Entwicklung, dass dem Geschädigten eine Sachentschädigung für sein ausgeschlagenes Auge wichtiger war als das Auge des Gegners.

Nun ist mir der Kommentator bekannt als verbal-rücksichtsloser und damit erfolgreicher Vertreter der Interessen von ehemaligen Heimkindern. Ich schätze das an ihm.[6] Würde er das nur rein instrumental machen, wäre er ein ausgebuffter Verhandlungspartner, der – wenn er denn Rachegefühle hat – seine Rache kalt genießt[7]. Tut er aber nicht. Auch das sei ihm zugestanden. Nicht nur weil sein Hass legitim ist, sondern auch, weil er nicht dafür verantwortlich ist, dass eben kein Rechtsfriede[8] erreicht wurde. Es gab keinen fairen Vergleich, keine halbwegs angemessene Entschädigung. Die Täternachfolger konnten frohlocken so billig davongekommen zu sein. So bleibt den ehemaligen Heimkindern nur das Lecken ihrer Wunden oder aber der gedankliche und der verbale Vergeltungsexzess.

Schade. Die einen sind verstummt und die wenigen anderen schlagen wild um sich und sind unfähig, nur ganz gezielt zuzuschlagen. Wer nicht in der Lage ist, zu differenzieren und auf Argumente einzugehen, macht es seinen Gegnern leichter als sie es verdienen.

Mein Kommentator hatte sehr schnell kommentiert. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er meinen Post mit all seinen Fußnoten gelesen hat. Wir mögen uns zwar beide, aber ich fürchte, dass für ihn auch bei meinen Beiträgen gilt: »Es ist die Mühe nicht wert, Ihren PR-Artikel ernsthaft zu zerlegen.« Er ging auch jetzt auf keines meiner Argumente ein.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/27/ecrasez-linfame-hasskommentare-meinem-blog/

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/14/hass-ist-eine-menschliche-emotion-scharfer-und-anhaltender-antipathie/

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Talion

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Blutrache#Archaische_Wurzeln

[5] Ein interessanter theologischer Gedankengang dazu: http://www.christundwelt.de/detail/artikel/warum-es-die-hoelle-nicht-geben-darf/

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/05/27/rotzfrech/

[7] Was sonst als unschöner Charakterzug zu bewerten wäre, ist in solchen Fällen zugestanden, wäre in dieser „abgespeckten“ Form des Hasses auch aus psychohygienischen Gründen zu empfehlen. http://www.pressenet.info/beratung/kaltschale.html

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsfrieden

Écrasez l’infâme! – Hasskommentare meinem Blog

Posted in Ethik, Firmenethik, heimkinder, Kinderheime, Kirche, kirchen, Theologie by dierkschaefer on 27. Juli 2016

An der Kirche darf man kein gutes Haar lassen. Wer sie als infam erlebt und erlitten hat, wird Voltaire[1] auch ohne philosophischen Hintergrund zustimmen.

Darum lösche ich Hasskommentare meist nicht.

 

  • Ich habe gelernt, dass Hass unter Umständen nicht nur verständlich, sondern auch berechtigt ist.[2]
  • Die meisten Kommentatoren mit hate-speech im Blog haben verständliche Gründe für ihren Hass.
  • In der Regel wird nicht zu strafbaren Handlungen aufgerufen– falls ja, wird gelöscht.
  • In der Regel werden einzelne Personen nicht diffamiert, aber heftigst und begründet  kritisiert– pure Diffamierungen werden gelöscht.

 

Aber die Kommentatoren müssen es erdulden, dass ich zuweilen mit Differenzierungen antworte, obwohl ich es eher für chancenlos halte, damit Meinungsänderungen zu versachlichen, hieß es doch zu einem Beitrag pauschal ablehnend: »Es ist die Mühe nicht wert, Ihren PR-Artikel ernsthaft zu zerlegen.«[3]

 

  1. Der Hass gilt meist besonders den Kirchen und ihren Einrichtungen, denn dort wurden die traumatischen Erfahrungen gemacht und viele Lebensläufe nachhaltig geschädigt. Die Kirchen waren auch am großen Betrug am Runden Tisch beteiligt, ein Komplott zur Verhinderung von Entschädigungsforderungen der ehemaligen Heimkinder.[4] Dass das deutsche Entschädigungsrecht insgesamt eher abweisend und versicherungs­freund­lich ist, entschuldigt die Kirchen nicht. Sie könnten ja anders, wenn sie wollten.
  2. An diesem Komplott waren nicht nur die Kirchen beteiligt, sondern auch die Bundes­länder. Sehr aufschlussreich war das Verhalten des Ländervertreters bei der Vorstel­lung des Zwischenberichts vom Runden Tisch. Dies entschuldigt die Kirchen nicht, sie segelten bequem und wohl in der Selbsteinschätzung moralfrei im Kielwasser der Länder. Doch auf die Kirchen lässt sich leichter einschlagen als auf die Länder, weht ihnen doch ohnehin der Säkularwind ins Gesicht.
  3. Die Schlacht gegen die Kirchen und ihre Einrichtungen wird ausgedehnt auf die heu­tigen Einrichtungen von Diakonie und Caritas. Das ist eine Generalisie­rung der Hassgefühle.Was wird moniert? Dass diese Einrichtungen mit den Hilfebedarfen der Menschen Geld verdienen – und (zum Teil) nicht leisten, was zu ihren bezahlten Aufgaben gehört. Solche Vorwürfe sind nach meiner Erfahrung oft durchaus berechtigt, bedür­fen aber der Aufklärung im Einzelfall. Aber auch hier wird nicht gesehen, dass alle sozialen Einrichtungen, auch die „weltlichen“ in gleicher Weise angreifbar sind.[5] Dass Dienstleistungen Personal erfordern und Geld kosten, wird nicht immer anerkannt.[6] Auf jeden Fall, meinen manche, sollten die Kirchen nicht für EUR, sondern für „GL“ arbeiten, für Gotteslohn. Zugleich wird aber das kirchliche Arbeitsrecht moniert und es werden gewerkschaftsverhandelte Tarife eingefordert.[7] + [8]
  4. Es wird nicht zugestanden, dass große Organisationen, und zwar alle, schon aus Gründen des Selbsterhalts wirtschaftliche Interessen verfolgen und Strukturen haben, die machtgeprägt sind. Zurecht wird beklagt, dass das Leitbild oft nur PR ist, compliance[9] nicht ernst gemeint und der Einzelfall nicht zählt. Ich will jetzt nicht all die großen Firmen auflisten, die in der letzten Zeit durch hoch­kriminelle Machenschaften aufgefallen sind – und wer sich bei Interessenver­bänden umschaut und dort mit einfachen Beschäf­tig­ten spricht, wird erfahren, dass es auch dort – wenn auch nicht unbedingt kriminell zugeht, es aber doch auch in negativer Weise menschelt. Haben Sie schon einmal versucht, berechtigte Forderungen bei Ihrer Versicherung durchzusetzen? Die spricht aber gern von der „Versichertengemeinschaft“.[10] Dies alles entschuldigt die Kirchen nicht, zeigt, dass auch sie ein „weltlich“ Ding sind, keine „heilige Kirche“[11]. Selbst Kardinal Lehmann sprach von der Sündigkeit der Kirche[12], für einen Katholiken, noch dazu in diesem Rang, ein „unerhörtes“ Eingeständnis.
  5. Thema sind auch immer wieder Zwangsmitgliedschaft und Kirchensteuer »Die Trennung von Kirche und Staat wird nicht gelebt hinsichtlich der Zwangseintreibung der Kirchensteuern.«[13] Ich kann es nicht mehr hören. Niemand muß Mitglied bleiben, jeder kann austreten. Allenfalls Beschäftigte im Sozialbereich haben Grund zur Klage. Bei der starken Marktstellung der kirchlichen Sozialkonzerne muss mancher wider Willen Mitglied bleiben oder werden. Wie ist das mit anderen geschriebenen oder ungeschriebenen Verpflichtungen? Bei einer Gewerkschaft beschäftigt, aber kein Mitglied? Bei VW arbeiten und Opel fahren? Ich vermute, dass ADAC-Mitarbeiter dort auch Mitglied sind. Man muss schon dazu stehen – was im Einzelfalle wurmt und Geld kostet. Und die Zwangstaufe? – oft verbunden mit der Beschneidungsdebatte. Klar, kleine Kinder werden getauft. Das können sie im Gegensatz zur Beschneidung rückgängig machen: sie können einfach austreten.[14] Die Austrittsgebühren? Ich habe Anfang des Jahres einem meiner Kinder selbstverständlich die Gebühren erstattet nach dem Prinzip der Verursacherhaftung. Damit auch der Punkt der Kirchensteuererhebung klar ist: Was manche nicht wissen wollen: Die Kirchen zahlen für den Service des Staates, und zwar mehr, als es ihn in Zeiten der elektronischen Datenverarbeitung kostet. Wie gesagt: Ich kann die Jammerei nicht mehr hören.
  6. Nicht zu den Hasskommentaren gehören weltferne Träumereien. Sie sollen aber hier genannt werden. So fordert ein Kommentator mehrfach, Kinderheime sollten abge­schafft werden. Kinder gehörten in Familien oder allenfalls in ein SOS-Kinderdorf. Klar, wer damals in einem Kinderheim war, ist gebranntes Kind. Auch in Familien gibt es gebrannte Kinder, die darum – meist aus gutem Grund – „in Obhut“ genommen werden. Das geht zuweilen nicht gut. Jugendämter arbeiten nicht immer evidenz­basiert. Da gibt es viel sachlich zu kritisieren. Aber die Betreiber von Einrichtungen haben ihren Bereich in unverschämter Weise rechtlich gut abgesichert – eine inhaltliche Fachaufsicht ist kaum möglich.[15] Auch Jugendämter haben keine Fachaufsicht. Dennoch: Wohin mit Kindern und Jugendlichen, deren Wohl in ihrer Familie gefährdet ist? Das Arbeits(zeit)modell der SOS-Kinderdörfer ist sicherlich kinderfreundlich. Doch es gibt bestimmt nicht genug „Kinderdorfmütter“ (neuerdings dürfen sie auch einen Partner haben) für diese entsagungsreiche Aufgabe. Ohnehin lohnt ein Blick ins Internet.[16] Bleiben noch die Pflegefamilien, doch die sind nicht immer besser als die Herkunftsfamilien der Kinder.[17]

 

Was die Kirchen an den Heimkindern verbrochen haben, hat auch eine theologisch zu fassende Problematik. Der Homo incurvatus in se ipsum, „der auf sich selbst verkrümmte Mensch“, ist eine prominente Formel der christlichen Theologie. Sie kennzeichnet die Selbstbezogenheit des Menschen anstelle von Gott- und Nächstenbezogenheit als das Wesen der Sünde.[18] Als Selbstbezogenheit ist auch als eine geradezu manische Bezogenheit auf die eigene Vergangenheit zu sehen, über die viele ehemalige Heimkinder nicht hinwegkommen. Diese Sünde ist den Kirchen und ihren Tätern anzulasten, nicht ihren Opfern.

Aber ich habe den Eindruck, unseren Kirchenvertretern ist das schnurzegal.

[1] Unter dem „Infamen“, dem Niederträchtigen, dem Schimpflichen, das es zu zerschmettern galt, verstand der Aufklärer Voltaire das inquisitorische „Bündnis von Thron und Altar“, die Verschmelzung von „Dogma und Schwert“. Voltaires Signatur «écrasez l’infâme» wird zum Fanal des vorrevolutionären Feldzugs der Aufklärer für Meinungsfreiheit, Rede- und Publikationsfreiheit, Toleranz und Humanität. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89crasez_l%E2%80%99inf%C3%A2me

[2] http://www.gottes-suche.de/7.2.1.Rezension%20Pfarrer%20Sch%C3%A4fer.html

[3] Kommentar zu https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/21/sechs-jahre-brauchte-die-ekd-um-herrn-frerk-kompetent-zu-antworten/

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/03/der-runde-tisch-heimerziehung-ein-von-beginn-an-eingefadelter-betrug/

[5] Nur beispielsweise sei auf den Fall Heinisch verwiesen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/07/24/nur-ein-fall-von-meinungsfreiheit/

[6] Auch andere Sozialeinrichtungen erhalten öffentliche Mittel und die Spenden können von der Steuer abgesetzt werden. Beispiel: „Laut den Leistungsberichten der beiden deutschen SOS-Vereine beliefen sich die Einnahmen im Jahr 2012 wie folgt: SOS-Kinderdörfer weltweit:[6] 130 Mio. Euro, SOS-Kinderdorf Deutschland:[7] 119 Mio. Euro aus Spenden, Nachlässen etc., plus 103 Mio. Euro aus Öffentlichen Mitteln.“ https://de.wikipedia.org/wiki/SOS-Kinderdorf#

[7] Wer sich echauffieren will, sollte sich sachkundig machen: https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsrecht_der_Kirchen

[8] »Die Seminargebühren von Sonntag bis Mittwoch: 600,- Euronen. Ich wollte, ich hätte diese Tagessätze für die Opfer aus den Rippen der Täternachfolger herausschlagen können. Die Diakonie. Ich kann das Wort nicht mehr hören, ich habe die Schn..ze voll von dem elenden Heuchelverein, der immer noch ganz groß im Geschäft mit den Hilflosen ist – und schamlos das macht, was sie immer machte; abkassieren!« Kommentar zu https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/19/mit-leib-und-seele-eine-pilgerreise-zu-den-wurzeln-der-pflegediakonie/

Doch nun mal Butter bei die Fische. Drei Übernachtungen im Einzelzimmer mit Sanitäreinrichtung, dazu für zwei Tage Vollverpflegung plus Tagungsprogramm sind nicht billiger zu haben. Für solche Angebote gibt es keine öffentlichen Mittel und sie sind mehrwertsteuerpflichtig. Kürzlich traf ich eine ehemalige Kollegin aus der Boller Akademie. „Ich schicke euch keine privaten Übernachtungsgäste mehr,“ sagte ich, „Ihr seid zu teuer.“ Sie konterte: „Unsere Beschäftigten werden nicht nach dem Gastronomietarif entlohnt. Wir zahlen ordentlich.“ Und ich erinnerte mich: In der Akademie bekam eine Halbtagsmitarbeiterin fast so viel, wie ihr Mann, der in einem nahegelegenen Hotel arbeitete.

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Compliance_(BWL)

[10] »Die EKD ist ein kommerzielles Großunternehmen wie Siemens, Mercedes oder andere auch. Hier geht es um den Profit und nur um den Profit und nichts anderes! Vom deutschen Staat nehmen Ja, aber es auch für all jene Zwecke zu verwenden wie von diesen Herren aufgezählt, bleibt für jeden normal denkenden Bürger zweifelhaft.«

Die kirchlichen Haushalte werden ebenso wie die staatlichen offen ausgelegt. Es gibt Tricks, in Limburg wie auch bei Staats. Dafür sind Rechnungsprüfer da.

[11] »Die deutschen Kirchen sind stark vermachtete und verfilzte Organisationen mit viel Pfründenwirtschaft zur Alimentierung von Funktionären, die gern unter sich bleiben und miteinander in einem verquasten Stammes­idiom kommunizieren, das für Außenstehende unverständlich bleibt – der ideale Nährboden für Schweigekartelle und WagenburgmentalitätDies schreibt Friedrich Wilhelm Graf.  Er schreibt weiter: »Die Kirchen sind hoch narzisstisch und fortwährend auf sich selbst fixiert. Es fehlt ihnen zunehmend an überzeugendem Personal, speziell an gebildeten Führungskräften, sieht man einmal von Karl Kardinal Lehmann und Wolfgang Huber ab. Sie kennen keine diskursive Kultur des offenen argumentativen Austrags interner Konflikte. In Tausenden von Ausschüssen, Kommissionen, Kammern und beratenden Gremien wird viel geredet, aber nichts gesagt und noch weniger verbindlich entschieden. Die eitle Neigung, sich zu allem und jedem zu Wort zu melden, unterminiert die religiöse Glaubwürdigkeit.« http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E1B34F6F7FBC44C9EBB2877C9A10ACA36~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.html zitiert nach: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/04/01/symbolhandlungen-und-ihre-glaubwurdigkeit-%e2%80%93-und-die-opfer-zweiter-klasse/

[12] Und eines ist ganz neu: Er spricht nicht nur von über Heiligkeit der Kirche, sondern auch von ihrer und Sündigkeit. Zitiert nach: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/04/01/symbolhandlungen-und-ihre-glaubwurdigkeit-%e2%80%93-und-die-opfer-zweiter-klasse/

[13] Kommentar zu https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/21/sechs-jahre-brauchte-die-ekd-um-herrn-frerk-kompetent-zu-antworten/

[14] »Aus theologischer Sicht gibt es eigentlich gar keinen Kirchenaustritt. Das bedeutet, wer getauft ist, der bekommt damit ein unauslöschliches Prägemal, das auch nicht wieder auszuwischen ist. Selbst wenn man exkommuniziert ist, bleibt man eigentlich katholisch.« https://www.domradio.de/themen/glaube/2016-07-19/eine-erklaerung-der-exkommunikation-der-katholischen-kirche  Da es eine theologische Sicht ist, wird diese dem Austretenden schnurzegal sein.

Laut dem Humanistischen Pressedienst (hpd) ist allerdings eine „Enttaufung“ möglich: http://hpd.de/node/10444. Das hat mich sehr amüsiert. Denn wer den „Debaptiser 2010 / erisgeengod“, ein simpler Haarfön, (Photo beim hpd), erwirbt und meint, damit Gottes Segen unwirksam machen zu können, braucht schon einen festen Glauben.

[15] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

[16] Erfahrungsberichte von Mitarbeitern: mangelndes Leadership, Mitarbeiter motivieren sich selbst! https://www.xing.com/companies/soskinderdorf/reviews , http://www.eltern.de/foren/jobsuche-bewerbungstipps/819890-sos-kinderdorfmutter-vater.html

[17] Es sei ein Urteil in Erinnerung gerufen, das Rechtsgeschichte geschrieben hat.[17] Wegen Paparazziphotos wurden Alexandra, der Tochter der Prinzenfamilie aus Monaco, 76.693,78 Euro zugesprochen. Die kleine Prinzessin hatte klagemächtige Eltern. [http://www.shortnews.de/id/456280/Tochter-von-Caroline-von-Monaco-erhaelt-hohe-Summe-Schmerzensgeld zuletzt aufgerufen: Sonnabend, 9. Juli 2016] Die hatte Andreas aus dem Rems-Murr-Kreis nicht. In seiner Pflegefamilie wäre er fast verhungert, so wie sein Bruder. In zweiter Instanz wurden ihm 25.0000 Euro Schmerzensgeld zuerkannt. [http://www.spiegel.de/panorama/haft-sie-liessen-ihr-pflegekind-verhungern-a-29389.html http://www.sueddeutsche.de/panorama/urteil-misshandeltes-pflegekind-erhaelt-schmerzensgeld-1.923588 zuletzt aufgerufen: Sonnabend, 9. Juli 2016]

[18] https://de.wikipedia.org/wiki/Incurvatus_in_se