Dierk Schaefers Blog

Wenn Verjährung nicht greift, helfen milde Urteile.

Zwei Jahre und acht Monate Haft »wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre gefordert. … Der 55 Jahre alte Ehemann der Gruppenleiterin … wird zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er 3600 Euro zahlen. Eine 44-Jährige weitere Erzieherin erhält ein Jahr und drei Monate auf Bewährung, muss 1800 Euro zahlen. Berufsverbote, wie sie der Staatsanwalt gefordert hat, hält das Gericht für nicht notwendig.«

https://www.nwzonline.de/panorama/autistische-heimkinder-regelmaessig-brutal-gequaelt_a_31,2,3230315746.html

Das verräterische Bedauern der Firma Merck.

»Ein Sprecher des Pharmaunternehmens sagte, Merck habe nicht rechtswidrig gehandelt. Die Frage nach Wiedergutmachung stelle sich daher nicht. „Sollten sich Dritte nicht entsprechend der Gesetzeslage verhalten haben, bedauern wir das selbstverständlich“, erklärte das Unternehmen.«[1]

Die Selbstverständlichkeit des Bedauerns entlarvt den Pharmariesen. Geheucheltes Mitleid, purer Hohn für die Betroffenen. Selbstverständlich sieht sich die Firma nicht in der Verantwortung, will nicht in Verbindung mit Medikamentenversuchen an Kindern gebracht werden, will nicht zahlen. Diese Abwehrhaltung ist verständlich. Auch das hessische Sozialministerium bringt sich aus der Schusslinie, spart sich jedoch das „selbstverständliche“ Bedauern. »„Wie auch aus der Veröffentlichung von Frau Wagner hervorgeht, gab es damals keine gesetzlichen Vorschriften, Medikamententests bei einer zuständigen Bundesoberbehörde anzumelden.“ Außerdem unterlagen die Tests noch nicht der behördlichen Überwachung durch die zuständige Landesbehörde. „Das erklärt, warum wir hierzu keine Informationen aus dieser Zeit vorliegen haben.“«

So klug war man bei Merck nicht. Eine freud’sche Fehlleistung? Immerhin bleibt ungeklärt, auf welcher Grundlage Merck der Ärztin des Kinderheims Hephata ein noch nicht zugelassenes Mittel lieferte[2], das „typischerweise bei Psychosen oder Schizophrenien eingesetzt“ wird. Wen beliefert heute die Firma Merck mit nicht zugelassenen Arzneimitteln? Und lehnt die Verantwortung für ihren Einsatz ab? Die Selbstverständlichkeit des Bedauerns ist eine verräterische Nebelgranate, die verdecken soll, dass Merck tiefer verstrickt ist, als die Firma zugibt.

Es kommt aber noch deutlicher: »Zugleich wies die Firma darauf hin, dass seinerzeit nicht nur Arzneimittel von Merck an Kindern in Einrichtungen getestet worden seien, sondern auch von vielen anderen Pharmafirmen. Tatsächlich enthält Wagners Arbeit Hinweise auf Medikamente von Behring, Boehringer Mannheim, Pfizer und anderen Herstellern.« Ist doch schön, andere auch!

Ungeklärt bleibt, auf welcher wissenschaftlichen Versuchsbasis und mit welchem Wissen über die Hintergründe die Firmen die Zulassung solcher Medikamente erlangt haben.

Weiter ist zu fragen, wie es denn heute läuft mit der Transparenz bei der Testung und Genehmigung von Arzneimitteln? Kann man vonseiten der Firmen wie der Behörden ausschließen, dass solche Versuche ganz einfach ins Ausland verlagert wurden, in Länder, die es mit den Menschenrechten nicht sonderlich genau nehmen?

Fairerweise ist das Dilemma zu benennen. Arzneimittel müssen in einem sorgfältigen Prozedere getestet und zugelassen werden. Nach der angenommenen Unbedenklichkeit kommen Tierversuche, danach die Versuche an Testpersonen. Medikamente für Kinder sind nicht an Kindern getestet, sie werden, soweit ich weiß, off-label[3] verschrieben: Die Dosis für Erwachsene wird nach Körpergewicht für Kinder runtergerechnet. Das muss nicht in jedem Fall unproblematisch sein. Doch auch hier haben die Pharmafirmen die Verantwortung den verschreibenden Ärzten zugewiesen.

Diese Sachlage könnte ganze Ethik-Kommissionen ins Rotieren bringen. Doch die befassen sich wohl lieber mit populäreren Themen. Selbstverständlich?

[1] Alle Zitate nach: http://www.lampertheimer-zeitung.de/wirtschaft/wirtschaft-suedhessen/merck-medikamente-wurden-auch-an-hessischen-heimkindern-getestet_17454613.htm

[2] So geht es aus den Unterlagen der Firma Merck hervor. Das Mittel wurde auch an den Arzt im Essener Franz-Sales-Haus geliefert, der es an Kindern von fünf bis 13 Jahren erprobte und die Leiden der Kinder akribisch beschrieb. Es soll sich um bis zu 40 Probanden gehandelt haben.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Off-Label-Use

Ein #Aufschrei bitte, fordert Renate Künast

… und das zu Recht. Es droht ein Gesetz, das es erlaubt, Medikamentenversuche an Personen durchzuführen, die nicht einwilligungsfähig sind, dement also. Man lese die Argumente[1]. Ich möchte sie erweitern um das Thema der Versuche an Heimkindern[2]. Bis heute werden sie nicht entschädigt für Versuche, die in übler Nazi-Tradition, teils von Nazi-Tätern rechtswidrig an ihnen vorgenommen wurden.

Wird es den Aufschrei geben? Ich fürchte nein. Ein Vorspiel dafür bot die ARD[3]. »Gestern, am 17. Oktober 2016, schlug die ARD voll zu: „Sie entscheiden über das Schicksal eines Menschen!“, lautete die tagelang vorgeschaltete Werbung des WDR für den Fernsehfilm Terror, eine Abfilmung eines gleichnamigen Theaterstücks von Ferdinand von Schirach[4] Ich twitterte: Unethischer Populismus, und Fischer schrieb von der größtmöglichen Verarschung des Publikums.[5]

Beides ist richtig. Das Publikum wurde aufs Glatteis geführt und ist darauf ausgerutscht – dies könnte sich bei der Medikamentenfrage wiederholen. Das Glatteis heißt Utilitarismus, und zwar ein äußerst platter, der ohne Rücksicht auf Individuen und ihre Rechte den größtmög­lichen Nutzen an der größeren Zahl von Betroffenen festmacht. Die Zuschauer fielen darauf rein, wogen die Zahl der Flugzeuginsassen gegen die Zahl der Stadionbesucher ab und plädierten für Freispruch – ohne groß nachzudenken.

Und die Medikamententests an Dementen? Ist doch klar: Die Testergebnisse nützen einer großen Zahl – unter denen wir uns auch selbst befinden könnten. Was ist dagegen eine kleine Gruppe von Leuten, die gaga sind, nicht mehr merken, was man mit ihnen macht und die ohnehin bald sterben werden?

Ein Aufschrei? Ja, dies ist einer. Schreien Sie mit!

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/renate-kuenast-keine-forschung-an-demenzkranken-14497501.html#GEPC;s3

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/20/die-kuh-ist-noch-lange-nicht-vom-eis-medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/05/es-geht-nicht-um-das-ob-von-medikamentenversuchen-an-kindern-und-jugendlichen-denn-daran-besteht-kein-zweifel-es-geht-um-das-ausmass-und-das-soll-verhehrend-sein/

http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/25/medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen-ein-ideales-menschenmaterial/

[3] http://programm.ard.de/TV/Untertitel/Nach-Uhrzeit/Alle-Sender/?sendung=2810618737698567

[4] »Als Theaterstück läuft es seit einem Jahr sehr erfolgreich, allein in Düsseldorf nudelte man es in der letzten Saison über 60 Mal herunter. Im Theater stimmen gemeinhin 60 Prozent der Zuschauer für „unschuldig“. Im Fernsehen waren mehr als 80 Prozent.« http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/ard-fernsehen-terror-ferdinand-von-schirach-fischer-im-recht/komplettansicht

[5] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/ard-fernsehen-terror-ferdinand-von-schirach-fischer-im-recht/komplettansicht

Die methodische Zurichtung des Menschen

Posted in Ethik, Kinder, Kinderrechte, Kindeswohl, Leben, Pädagogik, Psychologie, Theologie, Therapie by dierkschaefer on 18. Februar 2016

Was für eine Aufregung! Ich hatte in ein Wespennest gestochen, als ich den Hinweis auf youtube[1] kommentierte mit: „klar, das ist umprogrammierung. wenn’s hilft, so what?“ Ich hatte auf einen Tweed geantwortet. Dann lief’s twittertypisch frei nach Schiller „Und, wie im Meere Well auf Well, so läuft’s von Mund zu Munde schnell“. Die Tweeds und Retweets eroberten mein Postfach. Das Gute an Twitter: Es regt an, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Das Schlechte: Nach dem Freund-Feind-Schema wird man schablonenhaft eingeordnet – und läuft Gefahr, dieses auch zu tun.

Es ging um eine behavioristische Behandlungsmethode[2] für autistische Kinder, um sie aus ihrer krankheitsbedingten Abkapselung herauszuholen.

Was war bei youtube zu sehen? Eine nervige Therapeutin, nein, eine Therapeutin mit nerviger Methode war bemüht, dem Kind Aufmerksamkeit abzuverlangen und Interaktion aufzudringen; es sollte aufmerksam sein und ihre Gesten nachmachen. Das Ganze sehr hektisch, das Kind eher langsam, doch es wirkte nicht unglücklich. Ich bin kein klinischer Psychologe, darum muss ich mich auf die Ergebnisse solcher Therapien konzentrieren – und die auch kritisch betrachten. Das soll hier angesichts der Vielfalt und Komplexität des Krankheitsbildes Autismus[3] nicht geschehen. Doch der Schlagabtausch auf Twitter wurde grundsätzlich – und ideologisch: »„Programmierung“ ist Mind Control und niemand sollte dieser Gewalt ausgesetzt werden! #noABA / @_Kinderrechte_ @dierkschaefer @QuerDenkender

Zunächst zu Programmierung und Mind Control. Da gibt es tatsächlich Überschneidungen.

Das Stichwort Programmierung erinnerte mich an die 70er Jahre, in denen Jugendliche in die Fänge von „Jugendreligionen“ geraten und dort völlig umgepolt waren mit Methoden, die man Gehirnwäsche [4] nannte. Es kam vor, dass Eltern daraufhin ihre Kinder kidnappten und Fachleuten übergaben, um diese Programmierung durch Umprogrammierung rückgängig zu machen.[5]

Das Bild von einem programmierbaren Menschen hat etwas Unheimliches an sich.[6]

Doch wenn es um anerkannte Krankheiten geht und man keinen anderen Zugang findet, könnte Programmierung ja eine Möglichkeit sein, wenn sie es ermöglicht, ein zufrieden­stellendes Leben in dieser Gesellschaft zu führen. Schließlich ist Programmierung keine Lobotomie. Doch die Fundamentalkritik richtet sich nicht nur an die bewußt-gezielte Formung menschlichen Denkens. So hat Snowweird einem grundlegenderen Tweed zustimmt: Wenn doch Erwachsene Erwachsene heißen u. nicht Erzogene, können wir dann aufhören, Kinder zu erziehen, u. sie dafür einfach wachsen lassen?“[7]

Dahinter stecken romantisch-naturverbundene Vorstellungen, ein Kind entwickele sich (wie ein Tier?) von allein. Einfach wachsen lassen … nicht einmal pädagogische Anregun­gen und Förderungen sind vorgesehen. Man muss das Kind wohl nur satt und sauber halten. Das reicht. Damit kann man sich nicht einmal auf Rousseau berufen, der immerhin meinte, man müsse ein Kind „durch die Notwendigkeit der Dinge erziehen“.[8] Zur Notwendigkeit der Dinge zähle ich auch manches, was Kinder nicht mögen und noch nicht verstehen, wie z.B. Impfungen, Operationen, den Zahnarzt, aber natürlich nicht Beschneidungen oder Ohrstechen, auch nicht das forcierte Training für sportliche oder musikalische Höchstleistungen.

Schwierig wird’s mit den Themen 1. Behinderungen und 2. psychiatrische Diagnosen. Manche fassen diese Dinge ja auch als Auszeichnung auf.

Ad 1: Da wird die Tochter zur „Trägerin des Down-Syndroms“ stilisiert.[9] Ja, geht’s denn noch? Ich komme regelmäßig in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung und sehe was dort los ist: Überwiegend sympathische Menschen unterschiedlichen Alters, die mich teils mit großem HALLO begrüßen, manche reagieren auch gar nicht. Doch auch die Freundlichkeit hat mit den Einschränkungen, hat mit Distanzlosigkeit zu tun. Sie leben in einem Schonraum. Wer Inklusion fordert, ist ahnungs- oder herzlos.

Ad 2: Macht man sich auf die Suche nach Therapiemöglichkeiten für psychisch Kranke, wird man schnell entmutigt. Es gibt eben nur das, was sich auch rechnet. Angefangen von Medikamen­ten für seltene Krankheitsbilder[10] bis zur Findung einer erkennbar dafür fachkundigen Thera­peu­tin, die nicht nach Beginn der Therapie im ihr zustehenden Mutterschutz verschwindet. Die prinzipielle Austauschbarkeit behavioristischer Therapeuten hat auch ihre Vorteile, – doch auch diese sind ausgebucht. – Kommen aber geistige Behinderung und psychiatrische Erforder­nisse zusammen, wird man kaum jemand finden, der hinreichend sachkundig ist. Und wenn, dann beträgt die Wartezeit zuweilen zwei Jahre.

 

Wozu erziehen wir Kinder – wenn wir sie denn erziehen wollen?[11] Sie sollen lebensfähig gemacht werden für die Welt, in die sie hineinwachsen. Die hat sich gegenüber früher deutlich verändert. Aber immer sind es wirtschaftliche Notwendig­keiten, die über eine erfolgreiche Anpassung entscheiden, früher wie heute.

Entwicklung der Moderne am Beispiel der Lebensgemeinschaft… Hier ist viel Platz und Notwendigkeit für Systemkritik.[12]

Doch abgesehen von den Notwendigkeiten geschieht Erziehung auch unbemerkt. Die Formung der Persönlichkeit beginnt bereits während der Schwangerschaft. Das muss hier nicht näher ausgeführt werden; darüber wurde in der letzten Zeit viel publiziert, angefangen vom Speisezettel bis hin zum Musikgeschmack der werdenden Mutter. Einschneidender ist ihr Drogenkonsum. Die Tatsache, dass kaum noch Trisomiekinder geboren, weil sie abgetrieben werden, ist als Negativauswahl und damit Vorläufer des Designer-Babys[13] zu sehen. Da dürfte in absehbarer Zukunft die Auswahl schwierig werden für das Nobelpreis-Komitee und für die Miss-Germany-Wahl, an die Miss-World gar nicht zu denken.

Wie Kinder für unsere Gesellschaft passend gemacht werden, mit unserem Zutun aber ohne bewußtes Ziel, zeigen die Wissenssoziologen Berger und Luckmann an einem banalen Beispiel. Wie lernt ein Kind, dass es mit der Suppe nicht kleckern soll?[14] Ich weiß; manche Eltern meinen, ihr Kind dürfe, ja müsse mit allem rumschmieren – und machen sich zum Sklaven. Auch das ist Erziehung – aber keine gute. Doch man kann jedes andere Beispiel nehmen: Die Kinder ahmen nach, was man ihnen vorlebt, im Guten wie im Schlechten. Das wird erst mit der Pubertät anders – und diese Freiheit sollte im Erziehungsverständnis enthalten sein, was allerdings in fundamentalistischen Familen recht selten sein dürfte. Fundamentalismus hat viele Spielarten, nicht nur klassisch religiöse.

Selbstverständlich übernehmen unsere Kinder auch unser Wertesystem und unsere Weltan­schauung, sei sie liberal, sozial, konservativ, fromm, bigott – oder wie auch immer. Sie lernen an unserem Vorbild und wir freuen uns, wenn sie so werden wie wir. Das ist normal; so reproduziert sich Gesellschaft.

 

Die Spitze war, dass jemand dieser namhaften Twitterer[15] in meinem Profil gesehen hatte, dass ich – nicht nur, aber auch – Pfarrer bin. Eine gewisse Angie R.[16] twitterte:

„Kinder sollten überall auf der Welt geschützt werden von Religion, Politikern & Pädophilen“. Damit war alles klar und ich fand mich in illustrer Gesellschaft. Pfarrer sind wie Pädophile. Sie missbrauchen Kinder[17], wenn nicht körperlich, so doch seelisch mithilfe von Religion. Religion formt, sie deformiert das Kind, und das darf nicht sein. Wenn schon Religion, dann soll das Kind später selber entscheiden können, ob und wie religiös es sein will. Denn Religion ist Entscheidungssache wie der Kleiderkauf. Paßt der Islam zu mir, oder der Buddhismus, vielleicht Hindu oder Stammesreligion, wenn Islam, dann Sunna oder Schia, oder vielleicht doch das Christentum, aber welche Konfession? [18]Bei der unübersichtlichen Auswahl, lassen wir’s vielleicht doch lieber gleich ganz. – Ich vermute Zustimmung.

Zu dieser Naivität, fast hätte ich gesagt sancta simplicitas, gesellt sich seit einiger Zeit und besonders im Netz, eine Geisteshaltung, die ich nur als gruppenbezogene Menschenfeind­lichkeit auffassen kann.[19] Wurden Pfarrer früher eher als weltfern-fromme Naivlinge hingestellt, so begegnet uns im Netzdiskurs zudem eine zunehmende Feindseligkeit, die sich nicht nur auf die Rolle der Kirchen beschränkt, sondern Christentum und Religion allgemein ins Fadenkreuz nimmt. Die Diffamierung im genannten Tweed ist aber nicht weiter erstaunlich. Da sehr viele, wenn nicht die meisten Menschen, von Religion und Theologie wenig oder keine Ahnung haben, können sie nicht wissen, dass ein Theologiestudium eine gute Grundlage abgibt, ideologiekritisch zu werden, auch gegenüber der eigenen Weltanschauung.

So bastelt man naiv und munter seine eigene Ethik, völlig unbeleckt von der Spannung zwischen Gesinnung und Verantwortung: Es komme nicht auf den Erfolg einer Therapie an, sondern auf ihre Ethik. Es ist ja lobenswert, dass Ethik als nötig erachtet wird. Selbstverständlich rechtfertigt der Zweck nicht jedes Mittel. Wenn man aber erfolgreiche Alternativen hat, die ethisch besser sind, um so besser – doch nur dann.

[1] https://www.youtube.com/watch?v=SLBLnNxzftM

[2] „Applied Behavior Analysis“ (ABA), https://de.wikipedia.org/wiki/Applied_Behavior_Analysis Man beachte den Hinweis auf die Diskussionsseite

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Autismus Ich zitiere Wikipedia, von dort aus kann man weitersuchen.

[4] Gehirnwäsche https://de.wikipedia.org/wiki/Gehirnw%C3%A4sche

[5] Hier greife man auf ein Beispiel von programmierenden Erziehern zurück: https://de.wikipedia.org/wiki/In_den_F%C3%A4ngen_einer_Sekte

[6] Die scientologische Parallelwelt: https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/02/gefangen-in-der-parallelwelt/

[7] Glory Illmore@_machtworte 18. Dez. 2014

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Emile_oder_%C3%BCber_die_Erziehung

[9] Defizite darf man nicht sehen oder gar als solche ansprechen. Dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Ableism .

[10] Es geht nicht nur um Ökonomie. So werden für Kinder die Medikamente der Erwachsenen meist nur unter Berücksichtigung von Alter oder Körpergewicht angepasst, also off label angewendet, denn an Tests mit Kindern wagt man sich heute nicht mehr heran.

[11] »Hätten nicht die neuen Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition revoltiert, würden wir noch heute in Höhlen leben; wenn die Revolte gegen die ererbte Tradition einmal universell würde, werden wir uns wieder in den Höhlen befinden.« Leszek Kolakowski

[12] Empfohlen sei: Hubert Treiber/Heinz Steinert, Die Fabrikation des zuverlässigen Menschen – Über die „Wahlverwandtschaft“ von Kloster- und Fabrikdisziplin, München 1980, neu: Münster 20051

[13] Die Präimplantationsdiagnose und das Embryo-Screening könnten zu einer regelrechten sexuellen und genetischen Selektion führen (sog. Designer-Babys). Wenn Eltern in die Lage versetzt werden, bestimmte Eigenschaften ihrer künftigen Kinder auszuwählen, dann würden sie dies ausnutzen, um intelligentere, größere und schönere Kinder zu haben. : https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Fukuyama

[14] Die primäre Sozialisation bewirkt im Bewußtsein des Kindes eine pro­gressive Loslösung der Rollen und Einstellungen von speziellen Anderen und damit die Hinwendung zu Rollen und Einstellungen überhaupt. Für die Internalisierung von Normen bedeutet zum Beispiel der Über­gang von »Jetzt ist Mami böse auf mich« zu »Mami ist immer böse auf mich, wenn ich meine Suppe verschütte« einen Fortschritt. Wenn weitere signifikante Andere – Vater, Oma, große Schwester und so wei­ter – Mammis Abneigung gegen verschüttete Suppe teilen, wird die Gültigkeit der Norm subjektiv ausgeweitet. Der entscheidende Schritt wird getan, wenn das Kind erkennt, daß jedermann etwas gegen Sup­peverschütten hat. Dann wird die Norm zum »Man verschüttet Suppe nicht« verallgemeinert. »Man« ist dann man selbst als Glied einer All­gemeinheit, die im Prinzip das Ganze einer Gesellschaft umfaßt, soweit diese für das Kind signifikant ist. Das Abstraktum der Rollen und Ein­stellungen konkreter signifikanter Anderer ist für die Sozialpsychologie der generalisierte Andere9. Das Zustandekommen solcher Abstraktion im Bewußtsein bedeutet, daß das Kind sich jetzt nicht nur mit kon­kreten Anderen identifiziert, sondern mit einer Allgemeinheit der An­deren, das heißt mit einer Gesellschaft. Nur kraft dieser allgemeinen Identifikation gewinnt seine eigene Selbstidentifikation Festigkeit und Dauer. Es hat nun nicht nur eine Vis-à-vis-Identität diesem oder jenem signifikanten Anderen gegenüber, sondern überhaupt Identität, die es subjektiv als gleichbleibend erfährt, welchen anderen, signifikant oder nicht, es auch begegnet. Diese von nun an kohärente Identität vereinigt in sich all die verschiedenen internalisierten Rollen und Einstellungen – unter anderem auch die Selbstidentifizierung als jemand, der seine Suppe nicht verschüttet. Das erwachende Bewußtsein für den generalisierten Anderen markiert eine entscheidende Phase der Sozialisation. Sie bedeutet, daß die Gesell­schaft als Gesellschaft mit ihrer etablierten objektiven Wirklichkeit internalisiert und zugleich die eigene kohärente und dauerhafte Iden­tität subjektiv etabliert wird. Gesellschaft, Identität und Wirklichkeit sind subjektiv die Kristallisation eines einzigen Internalisierungsprozesses. Diese Kristallisation ergibt sich im Gleichschritt mit der Internalisierung von Sprache. Sprache ist aus Gründen, die nach unseren ein­schlägigen Erörterungen evident sein dürften, sowohl der wichtigste Inhalt als auch das wichtigste Instrument der Sozialisation. – aus: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Eine Theorie der Wissenssoziologie, in der Reihe: Conditio humana, Ergebnisse aus den Wissenschaften vom Menschen, Herausgegeben von Thure von Uexküll, Ilse Grubrich-Simitis, Frankfurt 19744

[15] Da gibt es ganz ehrenwerte Namen wie: Erdrandbewohner, Sandra M., Butterblumenland, Querdenkender, AleksanderKnauerhase, AnitaWorks, Phodopus Sungorus, Sternensucher, Aad Aspie, Robo, Martschl, Denise Linke, Fusselchen, Herr Bräsicke, Laura Gentile, Snowweird, die Buddy-Photos wie auch die Twitter-Adressen sind in hohem Grade aussagekräftig.

[16] Ihr Profil bei Twitter zeigt ein Ei auf grünem Hintergrund, die Angabe weiblich, NRW und ihre Tweed-Adresse: https://twitter.com/Libelle2000R . Dort kann man auch ihre sonstigen Beiträge sehen.

[17] Das lesen wir ja fast täglich in der Zeitung und die katholische Kirche darf man sogar ungestraft Kinderficker-Sekte nennen. http://www.vaticanista.info/2012/02/16/katholikenfeindliches-urteil-rechtskraftig/

[18] Ich bitte um Entschuldigung, dass ich nicht alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften aufgeführt habe, und gebe zu, dass dies Diskriminierung zugunsten der Mainstream-Religionen ist.

[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenbezogene_Menschenfeindlichkeit

Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch

Posted in Kriminalität, Psychologie, Religion, Seelsorge, Täter, Theologie, Therapie by dierkschaefer on 25. Januar 2016

Dieses Buch ist notwendig, schreiben die Autorinnen im Vorwort zu ihrem Buch Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch. Sie haben Recht damit. Ihre Begrün­dung: Seelsorger/innen sind unsicher. Sie trauen sich die seelsorgliche Begleitung Trauma­tisierter oft nicht zu und reagieren hilf- und ratlos. Sie fürchten, dem Opfer sexueller Gewalt nicht gerecht werden zu können. Noch immer werden Opfer von sexueller Gewalt von der Seelsorge nicht wahrgenommen oder gar abgewehrt.

 

Die Autorinnen sind mutig. Schließlich sind die beiden großen Kirchen in Miss­brauchs­skandale ver­strickt und machen dabei keine gute Figur. Die Frage ist, ob Missbrauchsge­schädigte überhaupt Zutrauen fassen zu Seelsorgerinnen[1], die im kirchlichen Dienst stehen. Zudem dürften Seelsorger die einzige Gruppe sein, die von ihrem beruflichen Selbst­ver­ständnis her bereit ist, missbrauchten Men­schen unentgeldlich zuzuhören und hilfreiche Gespäche zu führen.[2] Die kostenfreie Zuwendung ent­bindet nicht von Anforderungen an die Professionalität der Gespräche. Die soll durch dieses Buch gefördert werden.

 

Die Autorinnen können offenbar auf große Erfahrung im seelsorglichen Umgang mit miss­brauchten Menschen zurückblicken und aus diesen Erfahrungen schöpfen.

Die genannten Zielgruppen für dieses Buch sollten aber erweitert werden. Nicht nur Opfer von Miss­brauch sollten es lesen (als Einschränkung wird auf mögliche Retraumatisierungen hingewiesen), nicht nur die Seelsorgerinnen, an die sich solche Menschen wenden, nein – und zuallerst, denke ich – sollten Kirchenleitungen das Buch lesen, angefangen vom Bischof persönlich und den Spitzen der Kirchen­ver­waltung bis zu den mit diesen Fragen beschäftigten Mitarbeitern. Doch sie werden es wohl nicht tun. Sonst könnten sie – endlich – die betroffe­nen Menschen verstehen und angemessen mit ihnen umgehen (lassen)[3].

 

Von diesen Menschen und den Umgang mit ihnen handelt das Buch. Aus eigenen Erfahrungen kann ich bestätigen: Dieses Buch ist notwendig. Auch habe ich viel Neues gelernt.

  1. Angesichts vielfachen sexuellen Missbrauchs, über die Zahlen könnte man streiten, muss „man“, nicht nur der Pfarrer im Gottesdienst, darauf gefasst sein, dass es unter den Zuhörerin­nen kirchlicher, aber auch sonstwie öffentlicher Rede, missbrauchte Personen gibt, die auf der Suche nach Verständnis sind, aber zudem retraumatisierbar. Doch diese „Fallgruppe“ wird nicht erkannt und berücksichtigt.

Die Autorinnen zeigen Möglichkeiten auf, die missbrauchten Menschen Mut machen können, Ver­trauen zu fassen und Seelsorge zu suchen. Den Seelsorgerinnen wird Mut gemacht, indem sie mit diesem Buch auf solche Begegnungen sachkundig vorbereitet werden. Die vielen Redundanzen sollten dafür sorgen, dass jeder am Schluss weiß, was Missbrauch bedeutet und wie Missbrauchten ange­messen seelsorglich zu begegnen ist.

  1. Was mir bisher überhaupt nicht deutlich war: Missbrauchte haben ein Recht nicht nur auf Zorn, sondern auch auf Hass. Dem darf man nicht moralisierend begegnen. Zum ersten Mal habe ich die fürchterlichen Hass-Bezeugungen in manchen Psalmen verstanden. Auch die angewandte Form der biblischen Exegese[4] war mir neu – und hilfreich. Mein Theologiestu­dium liegt nun schon lange zurück, doch ich kann mir vorstellen, dass auch jüngere Kollegen hier etwas lernen können.

Hilfreich für die Seelsorge im kirchlichen Rahmen dürfte die nach Themen differenzierende Liste brauchbarer Bibelstellen im Anhang des Buches sein.

 

Nun zu den Opfern. Auch hier sollte man die Zielgruppe erweitern. Beim Lesen ging mir die ganze Zeit der Spruch von Jean Améry durch den Kopf: „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.“ Zitiert wird er erst gegen Ende des Buches. Doch diese Erkenntnis ist charakte­ristisch auch für Missbrauchte und erweitert das Thema auf alle, die in einer überwältigenden Gewalt­situation in Todesängsten waren und diese nicht vergessen können, weil überall, oft unerwartet und auch unverstanden, Trigger das Trauma neu auslösen können[5]. In diesen Menschen ist etwas unwider­ruflich zerbrochen: Das Grundvertrauen in die Zuverlässigkeit der (normalen) Welt. Für uns „Normalos“ ist das schwer vorstellbar und wir meinen, irgendwann müssten solche Erlebnisse doch einmal abgelegt und vergessen werden können. Diese Erwar­tung ist genau die Zumutung, die trauma­tisierte Menschen sofort auf Distanz gehen lässt. Nur sie haben zu entscheiden, was sie für überwun­den halten können – und sie sind überrumpelt, wenn der nächste Trigger wieder funktioniert.

 

Das Buch behandelt zielgruppengemäß zwei Aspekte: Die psychische Situation der Missbrauchten und die Herausforderung der Seelsorgerinnen.[6] Die Seelsorger müssen ihre Grenzen erkennen, heißt es, sie müssen wissen, wann eine Psychotherapie erforderlich ist.

Ein dritter Aspekt wird nur angedeutet: Der forensische.

Das dürfte seinen Grund in der zu Recht geforderten Parteilichkeit haben. Die Seelsorgerin hat fest auf der Seite der missbrauchten Person zu stehen, sie darf keine Zweifel anmelden, niemanden entschul­digen, hat nicht einmal Erklärungen für den Missbrauch anzudeuten. Dies ist erforderlich, um das Vertrauen nicht zu stören oder gar zu zerstören. Obwohl ich auch Fälle kannte, in denen ein behaup­teter Missbrauch nicht stattgefunden hatte, hat mir ein jahrelanger Briefwechsel mit einer missbrauch­ten jungen Frau gezeigt, wie wichtig Parteilichkeit für das Vertrauen ist, ein Vertrauen, das bis zur Übersendung der Tagebücher reichte. Dennoch müssen Seelsorgerinnen auch darauf vorberei­tet sein, dass ein Miss­brauchs­erlebnis auch suggeriert sein kann, zuweilen therapieinduziert als die logische Erklärung für bestimmte Diagnosen.

Der Seelsorger hat hier gewiss nicht zu explorieren. Auch ein vermeintlicher Missbrauch ruft seelische Not hervor. Doch zuweilen steht am Ende der Wunsch nach gerichtlicher Klärung, strafrechtlich wie auch zivilrechtlich mit dem Ziel von Entschädigung. Richterinnen sind keine Seelsorger. Sie achten auf die Verjährungsgrenzen, dann auf die Beweisbarkeit und Glaubwürdigkeit der Vorwürfe. Der angefor­derte Gutachter geht, sofern er professionell arbeitet, von der „Nullhypothese“ aus: der Miss­brauch habe nicht stattgefunden. Nun sucht er nach Gründen, um diese Hypothese zu widerlegen. Der Gutachter Max Steller sieht haupt­sächlich zwei Ursachen für die falsche Wahrnehmung/­Erinne­rung vermeintlicher Opfer. Da ist a) die Suggestion, vornehmlich bei Kindern, und b) psychische Stö­rungen, vornehmlich bei Personen, die schließlich dank Therapie oder eigener „Einsicht“ Missbrauch für die Ursache ihrer Störungen halten[7], schließlich gibt es c) Menschen, die keinen sexuellen Missbrauch erlebt haben, ihre Not aber so benennen, d.h. sex. Missbrauch ist die Chiffre für ihre reale Not, die aber andere Ursachen hat. Das Terrain ist also schwierig – und steckt voller Minen. Glücklicherweise ist die Überprüfung der Richtigkeit der Eigenaussagen des Opfers nicht Aufgabe der Seelsorge. Doch sollte das Opfer die Sache gerichtlich klären wollen, muss es vorbereitet werden. Zunächst auf die Enttäuschung, wenn der Fall verjährt sein sollte, dann auf den Richter, der nach Beweisen fragt oder nach einem Sachverständigen-Gutachten. Damit wird alles wieder aufgerollt – auch die Emotionen. Hält das Opfer das durch?

 

Ein wirklich weites Feld. Das Buch will Mut machen und helfen, es zu betreten, damit diese Menschen aus ihrer Isolation und ihren Selbstvorwürfen herausfinden.

Dazu ist es sehr gut geeignet.

Erika Kerstner / Barbara Haslbeck / Annette Buschmann, Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch, 1. Auflage 2016, 240 Seiten, ISBN: 978-3-7966-1693-8, erscheint im Februar 2016, 19,99 €

[1] Die Autorinnen benutzen fast durchgängig „gendergerechte“ Benennungen (Seelsorger/innen). Mich stört das beim Lesen ungemein. Um den Sachverhalt klarzustellen: Missbraucher sind zumeist männlich – es gibt auch Ausnahmen; die Opfer sind meist Kinder, weiblich oder männlich. Menschen, an die sich Missbrauchte wenden, dürften wohl eher weiblich sein. Da das im Ansatz ökumenische Buch aber durchgehend auf katholische Normalität rekurriert, kommt über das Beichtsakrament den Pfarrern, also Männern, eine Bedeutung zu, die man im evangelischen Raum kaum finden wird. Ich schreibe in dieser Rezension demnach abwechselnd von Seelsorgern und Seelsorgerinnen.

[2] Sicherlich gibt es auch außerhalb des kirchlichen Rahmens Einzelne und Gruppen, die für solche Menschen da sind. Vergleichsweise sehen wir das an der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge. Hier stechen auch die Kirchen als Organisationen positiv heraus. Es ist allerdings leichter, Hilfe für Menschen anzubieten, die nicht kirchlich vorgeschädigt sind.

[3] Das gilt auch für den kirchlichen Umgang mit den gedemütigten, misshandelten und ausgebeuteten ehemaligen Heimkindern.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Materialistische_Bibellekt%C3%BCre

[5] Von „Flashbacks“ berichten auch Unfallopfer und Notfallseelsorger.

[6] Dazu wird auch mehrfach die Rücksichtnahme auf die Institution Kirche, die Arbeitgeberin der Seelsorger genannt. Ich habe das zunächst für ein eher katholisches Problem gehalten; für mich als Protestanten ist die Kirche ein Ding von dieser Welt und darum eher und heftiger kritisierbar, als das für Katholiken denkbar ist. Doch das scheinbar loyale Wegducken meiner Kollegen, oder auch das Ausweichen wegen der Peinlichkeit, Missbrauch und Kirche zusammenzubringen und zu thematisieren, [Dierk Schäfer, Scham und Schande, Die Kirchen und die Heimkinderdebatte, https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2010/05/essay-pfarrerblatt.pdf] hat mich an die Ökumenizität des Phänomens erinnert.

[7] mehr dazu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/11/02/politisch-korrekt-ist-dieses-buch-ganz-und-gar-nicht/

Kennen Sie die Malaria-Therapie?

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kriminalität, Menschenrechte, Psychologie, Therapie by dierkschaefer on 23. März 2015

»Bei weiteren Recherchen stießen wir auf die „Malariatherapie“, mit der in den 60er Jahren vorwiegend Heimkinder in der psychiatrischen Klinik in Wien „behandelt“ wurden. Psychiater infizierten Kinder mit Malariaerregern um ihnen „die Flausen aus dem Kopf zu treiben“. Zwei Wochen lang hatten die Kinder Fieberschübe bis zu 41 Grad. Als Flausen bezeichnete man die Ambitionen von jungen Leuten, die die gerne tanzen gingen oder junge Menschen, die Künstler werden wollten. Ihre Eltern wollten das nicht und folgten der Empfehlung von Psychologen, das Kind einer Fieberkur zu unterziehen.«[1]

[1] http://www.diezeitschrift.at/content/wenn-du-schlimm-bist-kommst-du-ins-heim