Dierk Schaefers Blog

„Sehr geehrter Herr Landesbischof,

für das anregende und konstruktive Gespräch von vorhin möchte ich mich bedanken. Es hat mir gut gefallen.“

Zwischenbemerkung für die Leser meines Blogs. Nach einem Vorlauf auf Twitter rief mich ein Landesbischof vor ein paar Tagen an. Den Termin hatte sein Büro mit mir abgesprochen. Terminiert war eine halbe Stunde. Der Zeitrahmen wurde leicht überzogen, obwohl ihn der nächste Termin drängte. Ich will kurz über dieses wirklich angenehme Gespräch berichten und hier mein Mail posten, das ich ihm noch am selben Abend schickte. Dabei habe ich alle Hinweise auf die Identität des Bischofs entfernt, denn ich möchte nicht, dass er sich öffentlich unter Druck gesetzt fühlt.

Der Landesbischof erwies sich als guter Zuhörer, der auch an den passenden Stellen nachfragte.

Ein anderer Landesbischof, so eröffnete ich, habe im Gespräch mit einem Betroffe­nen gesagt: „Wir hätten mehr auf unsere Leute hören sollen“. Insofern habe ich mich über seinen Anruf gefreut. Ich sprach dann vom Vertrauensverlust der Kirchen, dessen Beginn ich in den Vorgängen am Runden Tisch der Frau Vollmer sehe, der nachweislich von Beginn an Betrug gewesen sei. Ich sei schon lange mit dem Thema befasst. (Ich muss das hier nicht ausführen; die Leser meines Blogs kennen das.) Es habe leider keine glaubwürdigen Versuche seitens der Kirchen gegeben, Vertrauen wiederherzustellen. Ein Betroffener habe das Verhalten der Kirche auf die Formel gebracht: Kinder schänden, Zeit schinden, Kassen schonen. Ich konnte ihm auch Details benennen.

Die Zeit wurde dann aber doch knapp. Zum Schluss sprach ich noch ein paar Punkte für das weitere Prozedere an, die ich, falls sie untergegangen sein sollten, im Mail an den Bischof wiederholt und etwas ausgebaut habe.

Im Mail ist auch von der Unabhängigkeit der berufenen Kommissionen die Rede. Wenn man schon solche Kommissionen hat, deren Unabhängigkeit begründet bezweifelt werden kann, wird man nicht einfach die problematischen Mitglieder entfernen können, aber man muss offen die vorhandenen Abhängigkeiten diskutieren – und mancher wird dann seinen Platz freiwillig räumen und Nachrückern Platz machen.

Nun zum Mail[1] mit den genannten Einschränkungen:

Was tun?

Das Wichtigste wäre eine Kommission, die wirklich und nach außen erkennbar unabhängig ist. [2]Die Mitglieder dürfen keine besondere Verbindung zur Kirche haben, dürfen nicht im Dienst der Kirche stehen/gestanden haben, sollten auch kein kirchliches Ehrenamt bekleiden.[3] Mitglied sollte eine externe Fachperson sein, die sich mit Traumata und Retraumatisie­rung auskennt und Erfahrungen im Umgang mit traumatisierten Menschen hat. Diese Person sollte bei der Zusam­mensetzung der Kommission beteiligt sein, insbesondere bei der Auswahl der Betroffenen, die für Beschlüsse ein Veto-Recht bekommen. Die Sitzungen sollten proto­kolliert werden und die Protokolle der Zustimmung aller bedürfen. Protokolle müssen öffent­lich einsehbar sein unter Beachtung des Datenschutzes für die Opfer. Die berufliche Rolle der Täter bedarf keines allgemeinen Datenschutzes. Täterna­men zur Kenntnis zu geben, die wiederum muss über ihre daraus folgende Aktivität/Nichtaktivität der Kommission berichten. Diese Berichte müssen der Öffentlichkeit zugänglich sein, mit Schwär­zung der Namen, nicht der Funktion der beschuldigten Personen. So viel zur Transparenz.

Ich empfehle, für interne Beratungen eine erfahrende Person aus der Notfallseel­sorge auszuwählen oder einen Traumatherapeuten, insbesondere, wenn es darum geht, in Kontakt zu weiteren Betroffenen zu treten und von ihnen Auskünfte über Tatvorgänge einzuholen. Das darf man keinem Juristen überlassen. Die kommen aus einer anderen Denkschule. Ich habe das oft erlebt, wenn ich Juristen mit Sozialarbeitern oder Psychologen zusammenbrachte, so auch in meinem Kriminologiestudium. Da saß ich Ruheständler unter lauter angehenden Juristen, die sich wunderten, dass man einen Sachverhalt (es ging um Stalking) „auch so“ sehen kann; schon meine Sprache war für sie „ungewöhnlich“.

Wir haben in der Kirche zwar die erforderliche Seelsorgeerfahrung, dürfen sie aber nicht anbieten, denn wir sind die Täterseite. Das gilt auch für unsere Beratungsstellen. Solche Hilfsangebote müssen von außen kommen.

Schwierig wird die Bemessung von Entschädigungen, gerade bei sexuellem Missbrauch. Ein Verweis auf Schadensregelungen im staatlichen Bereich hilft nicht, denn dieser Staat ist beim Thema Entschädigung sehr hartleibig. Mit Sachschäden kommt er klar. Aber seelische Schäden – kennt er die überhaupt? – (Ich wollte eigentlich nicht aus meinem Blog zitieren, hier tue ich‘s doch: „Selbstsicher und verantwortungsbewusst sollen unsere Kinder ins Leben gehen – Manchmal geht das schief. [„Eigenstandsschaden“], https://dierkschaefer.wordpress.com/2020/11/20/selbstsicher-und-verantwortungsbewusst-sollen-unsere-kinder-ins-leben-gehen-manchmal-geht-das-schief/) – Dem kann man zwar keine „Gliedertaxe“ wie im Versicherungsrecht entnehmen, doch hier wird der Horizont für Schädigungen und ihre Auswirkungen aufgezeigt. Das könnte helfen, zu angemessenen Einschätzungen zu kommen. Dafür braucht man dann eine separate Kommission: unabhängig, fachkundig, empathisch.

Soweit ich weiß, hat die Landeskirche Berichte derer, die einen Antrag auf Anerkennungs­leistungen gestellt haben. Die Auswertung dieser Berichte könnte/sollte man wissenschaftlich aufarbeiten, dokumentieren, und die Ergebnisse anonymisiert zugänglich machen. Sie könn­ten einen Anhalt für Entschädigungs­fragen geben.

Ob man den Staat gewinnen kann, eine richterliche Untersuchungskommission zu installieren, die staatsanwaltliche Befugnisse hat und allen Fällen auf den Grund geht, auch den schon verjährten, bezweifele ich, denn der Staat hat in der Heimkin­der­sache auch „Dreck am Stecken“ und wird sich seiner Mitverantwortung nicht stellen wollen. Die Verjährung wurde geschaffen, damit Streit auch gegen den Willen Betroffener ad acta gelegt werden kann. Wir haben es mit der Behandlung von Heimkindern mit dem größten „flächendeckenden“ Ver­brechen seit 1945 zu tun. In einem solchen Fall braucht es andere Maßnahmen, um Rechts­frieden wieder herzustellen. Das gilt auch für die nun als endemisch anzusehenden sexuellen Verbrechen an Kindern in Familien und Institutionen.

Die Frage nach den Kosten will ich nicht unterschlagen. Am Runden Tisch saßen drei weitgehend unbedarfte Heimkinder einem Gremium von ganz und gar nicht unbedarften Interessenvertretern gegenüber. Die einen hatten keinen Etat und keine Rechtsberatung, die anderen saßen in ihrer Dienstzeit am Runden Tisch und hatten einen Apparat im Hintergrund. (Über Frau Vollmer schweige ich mich jetzt aus.) Wer an der Unabhängigen Kommission teilnimmt, wird – da sie ja unabhängig sein soll – dies nicht in seinen dienstlichen Verpflich­tungen unterbringen können. Das heißt: Alle brauchen neben den Spesen ein angemessenes Sitzungsgeld, auch die Betroffenen, selbst wenn sie keinen Verdienstausfall haben. Die Betroffenen sollten sich auf eine angesehene Anwaltskanzlei einigen, die sie berät. All diese Kosten müssen zulasten der Landeskirche gehen.

So viel, sehr geehrter Herr Landesbischof, zum Abschluss unseres Gespräches. Ich hatte gesagt, ich könnte Sie mit meinem Material „totwerfen“. Der Versuchung bin ich wohl nicht erlegen.

Ich wünsche Ihnen „ein gutes Händchen“ im Umgang mit dem höchst komplexen Problem und würde mich freuen, wenn Ihre Landeskirche eine glaubwürdige Vorreiterrolle einnehmen könnte.

Mit herzlichem Gruß

Dierk Schäfer, Freibadweg 35, 73087 Bad Boll, Tel: 0 71 64 / 1 20 55


[1] Von diesem Blog-Eintrag habe ich den Landesbischof informiert. Das Photo ist ein Beispielsphoto.

[2] Nicht im Mail enthalten: Ein Kommentar erwähnt „unabhängige Wahrheits- und Versöhnungskommissionen“. Das sollte man nicht vermengen. Der Weg zur Versöhnung ist noch viel weiter, als der zur Wahrheit – und auch dort sind wir noch lange nicht angelangt. FAZ, Donnerstag, 10. Juni 2021, Print,  https://zeitung.faz.net/faz/seite-eins/2021-06-10/805736e074e898e4d15ba4aa00177925/?GEPC=s3

[3] Auch nicht im Mail enthalten: Mertes fragt: „Wie ist es möglich, dass in Betroffenenbeiräten Personen sitzen, die in einem Angestellten-, das heißt wiederum in einem Abhängigkeits­verhältnis zur Kirche sind, die ihr Arbeitgeber ist?“ https://www.deutschlandfunk.de/missbrauchsaufarbeitung-im-erzbistum-muenchen-gruppenbild.886.de.html?dram:article_id=498260

50 Jahre Knast!

50 Jahre Strafvollzug 50 Jahre Knast!

[1. „50 Jahre? Wat hatter denn jemacht? Für Mord gibt’s doch nich so viel.“ – „Ach so, unverbesserlich: immer mal wieder. Banküberfall und so“

… und so wurde er, Ikarus[2], zum Fachmann bundes­deut­scher Corrections-Bemühungen, jedenfalls in Santa Fu[3]. Er beschreibt dem Leser den Wandel des Strafvollzugs[4], wie er ihn in seinem Knast-Alltag erlebt hat bis in die erschrecken­den Details. Schon im Prolog kommt er zu einem Resümee, das dem Straf­voll­zug ein verheerendes Zeugnis ausstellt: „Ich habe unter langen Haftzeiten, gerichtlichen Fehlentscheidungen und fortwährenden Strafübeln gelitten, jedoch im Grunde nichts gelernt.“

Beim Lesen überkam dem Rezensenten der Gedanke an die „Übeltäter“ Max und Moritz:

„In den Trichter schüttelt er die Bösewichter. Rickeracke! Rickeracke! geht die Mühle mit Geknacke“.

Der hier dargestellte Zuchthaus-Strafvollzug meint das Böse zu brechen, indem er die „Böse­wichter“ zerbricht. Die „Rollkommandos“, die entgegen jedem Übermaßverbot einen reni­tenten Knacki in den Arrest werfen(!) sind Folterknechte. Da können nur gebroche­ne Existenzen herauskommen. „Was ich gelernt habe oder geglaubt habe, gelernt zu haben, taugte und taugt in der Regel nicht für das Leben außerhalb der Knastmauern.“

Neu sein dürften für die meisten Leser die Erfahrungen in der U-Haft: Sie sei schlimmer als der normale Strafvollzug[5]; mancher Häftling sei bereit, vorschnell ein „Geständnis“ abzulegen und auf Rechtsmittel zu verzichten, nur um von der U-Haft in den Regelvollzug zu kommen. Und das trotz Unschuldsvermutung bis zum Urteil! Schlimmer kann ein Urteil über diesen Teil unseres Justizsystems kaum ausfallen.

Ikarus, Jahrgang 1942, stürzte das erste Mal mit 22 Jahren ab und lernte die verschärften Straf­bedingungen im Zuchthaus gründlich kennen. – Ach, wussten Sie was ein Hartlager ist? Man nimmt Ihnen zur Strafe die Matratze weg. – Ikarus veranschaulicht den Fortschritt vom Zuchthaus zum Gefängnis[6] bildhaft mit dem Klopapierangebot: Zunächst gab es Zeitungs­papier, dann unbedruckte Druckereiabfälle und schließlich handelsübliches Klopapier.

In Santa Fu war eine Bambule, ein Aufstand,[7] Auslöser für wesentliche Veränderungen: [8] Häftlinge bekamen nicht nur Mitspracherecht, sondern auch „Freiheiten in der Unfreiheit“, bei denen sich der Leser fragen dürfte, warum ein Teil dieser Freiheiten nicht schon vorher und freiwillig eingeräumt worden war, denn sie gefährden den Vollzug nicht, sondern sind Schikanen gegen die Menschenwürde.

Aber als Ikarus 1982 wieder abstürzte (warum, schreibt er nicht), kannte er seine „Mutter­anstalt“ nicht wieder. Die Zellentüren hatten jetzt Vorhängeschlösser[9] zum Schutz vor Dieb­stahl unter den Mitgefangenen. Solidarität gab es nicht mehr. Später, nach einem Mordfall[10], kamen auch Schlösser auf der Innenseite hinzu. Auch die Beamten meldeten sich durch Klop­fen an. Ikarus nutzte die Freiheiten und richtete sich in seiner „Wohnwabe“[11] von 9,5 qm ein. Sie „schloss mich aus vom realen Leben, sie bot zugleich Schutz vor dem Feindlichen und vermittelte mir ein oberflächliches, ein andermal ein tieferes Gefühl der Geborgenheit: Höhleneffekt.“ Er war angekommen.

Im Kapitel „Graue Nebel“ spricht Ikarus distanzierend von sich in der dritten Person. „Die Strafvollstreckungskammer hatte gerade seinen Reststrafenantrag abgebügelt. Einige Zeit später gab ihm seine Lebenspartnerin ihr ‚Valet‘. Kurz und bündig teilte sie ihm in einem Brief mit: ‚Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Vergiss mich.‘ Ein Karateschlag gegen seine ohnehin wunde Seele. Er knickte ein.“

Trotz der neuen Freiheiten gab es eine zweite Babule.[12] Die Befriedung des Aufstandes geschah unter Einbeziehung von knastälteren Insassen. Ikarus scheint beteiligt gewesen zu sein. Seine Beschreibung der Folgezeit offenbart einen „gereiften“ Menschen, in der Lage, Argumente abzuwiegen. Er berichtet auch über die nach Delikten gestaffelte Hierarchie und über die neue Nationalitätenmischung mit den Folgeproblemen. Wichtiger aber ist seine nächste Bruchlandung: 10 Jahre wegen bewaffneten Bankraubs plus 13 Jahre Widerruf einer Bewährungsreststrafe. Es war die vierte Verurteilung für das gleiche Delikt. Doch Ikarus hatte ja schon zu Beginn geschrieben, im Knast nichts hinzugelernt zu haben. Bankraub konnte er immer noch nicht, – aber es auch nicht lassen. Immerhin hatte er sozusagen ausgesorgt über das 80ste Lebensjahr hinaus. Nach sieben Jahren „Schreibkrieg und Gesprächskämpfen“ … „am Ende der Strecke, im März 2009 stand die Verlegung in eine psychiatrische Einrichtung.“

War das wieder ein Absturz, Ikarus? Er hat einen Suizidversuch hinter sich, ist nun 67 Jahre alt und längst im Rentenalter. Rente? Ja, dreihundert Euro aus versicherungspflichtigen Arbeitsver­hältnissen. Die Arbeit im Knast zählt nicht dazu. Der Staat drückt sich auch heute noch um die Beiträge zur Rentenversicherung. Arbeitgeber, die solches tun, machen sich strafbar. Der Staat nicht und bleibt ungeschoren, ein Skandal. Aber politischer Einsatz für Knackies wird vom Wähler eher abgestraft.

Ikarus bleibt in Hamburg und hat nun die Gelegenheit, den geschlossenen Strafvollzug von Santa Fu mit dem sozialtherapeutischen Vollzug[13] zu vergleichen. Die Freiheiten in Santa Fu waren durch den Druck konservativer punitiver Kreise („Schwarze Konterrevolution“) weitgehend einkassiert worden.[14] Ganz anders die Sozialtherapeutische Anstalt. So wie Ikarus sie beschreibt, kommt der Leser zur Überzeugung: So, genau so sollte Justizvollzug sein: Die Vorbereitung auf die Anforderungen der Freiheit „draußen“ stehen im Mittelpunkt.

Wer so lange im Strafsystem steckte, darf als Fachmann gelten. Er schließt darum mit einigen Thesen, die hier nur plakativ wiedergegeben seien: 1. Strafvollzug „bessert“ nicht, mag er auch noch so intensiv auf Härte angelegt sein. 2. Strafvollzug macht krank … je länger er dauert. 3. Der geschlossene Strafvollzug macht über die Jahre lebensfremd …und sollte die Ausnahme bilden.

Resümee: Ein locker geschriebenes, erlebnisgesättigtes Fachbuch aus langjähriger Erfahrung eines Insassen. Lesenswert für alle, die irgendwie mit Knast zu tun haben, sei es beruflich oder zur Vorbereitung. Merkwürdig: Ikarus umschifft weitgehend das „Thema Nummer eins“[15]. Das ist nicht glaubwürdig.

Was fehlt noch? Ein knapper Lebenslauf von Ikarus. Herkunft, Schule, Lehre, chrono­lo­gischer Überblick über die Straftaten und Strafbemessung, Daten der jeweiligen Freilassung, Eheschließung(en). Was macht Ikarus heute? Ein paar Fotos der Anstalt wären nett gewesen.

Bildmaterial sei hier nachgereicht, ist allerdings aktuell und nicht aus der Zuchthauszeit.[16]

Rezensent: Dierk Schäfer, Dipl.-Psychologe&Kriminologe, Theologe


[1] Foto/Ausschnitt: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/28783322134/in/album-72157668678484066/

[2] So nennt er sich: Er sei wie Ikarus beim Höhenflug abgestürzt. Doch beim ihm sind es mehrere Abstürze. Ich nenne ihn im Folgenden auch Ikarus, weil ich nicht weiß, ob der Autorenname echt ist.

[3] Der Begriff „Santa Fu“ ist schon vor den 1970er Jahren entstanden und kommt von der alten Bezeichnung „Strafanstalt Fuhlsbüttel“, die im Verwaltungsdeutsch „St. Fu“ abgekürzt wurde. https://de.wikipedia.org/wiki/Justizvollzugsanstalt_Fuhlsb%C3%BCttel Viele Fotos und weiterführende links unter https://www.google.com/search?q=Santa+Fu&client=firefox-b-d&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwiqhtXhwIfwAhWfwQIHHUkMCfUQ_AUoAnoECAEQBA&biw=960&bih=434

[4] Wolfgang Krüger, 50 Jahre Strafvollzug, Hamburger Gefängnisalltag zwischen 1960 und 2010 aus Sicht eines Gefangenen, 2021, Kriminologie und Kriminalsoziologie, Band 22, 134 Seiten, gebunden, 29,90 €, ISBN 978-3-8309-4371-6. Zitate sind, soweit nicht anders vermerkt, dem hier besprochenen Buch entnommen.

An dieser Stelle will ich dem Verlag bzw. seinem Lektor ein Lob aussprechen. Denn hier weiß man noch, was eine Fußnote ist und wo sie hingehört, nämlich zur Erleichterung des Lesers nach unten, an den „Fuß“ der Seite. Es ist hier aber nicht der Platz für einen Exkurs zu den üblich gewordenen gestaffelten Unverschämtheiten, Fuß­noten leserunfreundlich an das Ende eines Textes zu verbannen.

[5] „Die Untersuchungshaft dient grundsätzlich nur der Sicherung des Strafverfahrens.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Untersuchungshaft_(Deutschland)

[6] In der Bundesrepublik Deutschland wurde die Zuchthausstrafe im Rahmen der Großen Strafrechtsreform durch das Erste Strafrechtsreformgesetz vom 25. Juni 1969 (BGBl. I S. 645) zum 1. April 1970 abgeschafft. https://de.wikipedia.org/wiki/Zuchthaus

[7] – Langsam am Verblöden, 02.01.1972, 13 https://www.spiegel.de/politik/langsam-am-verbloeden-a-ff206415-0002-0001-0000-000043376343

 – Ruhe in Santa Fu, 11. August 1972 https://www.zeit.de/1972/32/ruhe-in-santa-fu/komplettansicht

[8] Aus dieser Zeit stammen auch meine Erfahrungen mit gelockerten Knastbedingungen – als Besucher.

[9] Die Verwaltung hatte den Zweitschlüssel und damit weiterhin jederzeit Zutritt.

[10] https://www.spiegel.de/panorama/die-hoelle-hinter-gittern-a-53259ad3-0002-0001-0000-000013683647

[11] Durchgängig schreibt er vom Wohnklo.

[12] https://www.spiegel.de/panorama/die-hoelle-hinter-gittern-a-53259ad3-0002-0001-0000-000013683647

[13] Sozialtherapeutische Anstalt http://www.krimlex.de/artikel.php?BUCHSTABE=S&KL_ID=215

https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialtherapeutische_Anstalt

https://www.hamburg.de/bjv/justizvollzugsanstalten/2231596/sozialtherapeutische-anstalt/

[14] Genannt wird der Senator Roger Kusch. Zu dieser Person mehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Roger_Kusch

[15] „Am Arbeitsplatz, in der Freistunde, überall ist Thema Nummer zwei Erfah­rungs­austausch! Thema Nummer eins dürfte wohl jedem bekannt sein. Da wird angegeben, dass die Nähte krachen.“ Aus: Tübinger Schriften und Materialien zur Kriminologie, Dierk Schäfer, Devianz als Schicksal? Die kriminelle Karriere des Dieter Schulz. Mit der Autobiographie von Dieter Schulz, Kapitel 32: Dieter zu Gast im „Hotel zur silbernen Kugel“

[16] Ex-Häftling erzählt vom Leben in Santa Fu – Folge 1: Drogen

https://www.youtube.com/watch?v=WJn9e4dMoRE

Ex-Häftling erzählt vom Leben in Santa Fu – Folge 2: Essen

https://www.youtube.com/watch?v=zAGYvNUl3Y4

Ex-Häftling erzählt vom Leben in Santa Fu – Folge 3: Gewalt

Ex-Häftling erzählt vom Leben in Santa Fu – Folge 4: Tagesablauf

Ex-Häftling erzählt vom Leben in Santa Fu – Folge 5: Liebe

und die andere Seite:

Alltag in Santa Fu – Beamte hinter Gittern – Teil 1

Alltag in Santa Fu – Beamte hinter Gittern – Teil 2

Kindesmissbrauch[1] – Das Suchtverhalten der Täter

Kindesmissbrauch ist endemisch

Kindesmissbrauch ist endemisch, ist tief verwurzelt in der Gesellschaft. Vermutlich war es schon immer so und wurde nur nicht beachtet. Zille beschreibt in seinen „Hurengesprächen“ die „Lutsch-Lise“, und Kindesmissbrauch dürfte sich wohl nicht nur auf sein „Milljöh“ beschränkt haben. Die klerikale Pädokriminalität, die Missbräuche in Familien, Schulen, Sportvereinen usw. haben uns das Ausmaß dieser „Normalität“ vor Augen geführt. Ich wills nicht weiter ausführen.[2]

missbrauch - schülerarbeit[3]

Was ist neu?

Was ist neu? Die sich in der letzten Zeit häufenden Meldungen über Kindesmissbrauch zeigen uns über die Taten hinaus einen Tauschmarkt für Bilder und Filme von missbrauchten und sadistisch gequälten Kindern. Was früher eher ein Verbrechen in Einsamkeit und Ver­schwie­genheit war, hat durch die digitale Aufzeichnung und die speziellen Verbreitungskanäle im Internet Marktwert bekommen. Das Internet bietet die Möglichkeit Interessenten zu finden. Der Begriff „Marktwert“ ist irreführend. Es geht nicht so sehr um Geld. „Angesichts der Mengen, die in den Tauschbörsen verbreitet werden, ist der Erwerb von Kinderpornografie im World Wide Web gegen Entgelt eher sinnlos.“ [4]

Eher im Gegenteil. Die Täter erbringen einen hohen Aufwand, wie es gerade der Fall von Münster zeigt.

Der Aufwand besteht zunächst einmal im Arrangement der bloßen Tat. Auch wenn Krimi­nelle ganz allgemein eher davon ausgehen, nicht erwischt zu werden, so sind Kinder ein Unsicherheitsfaktor für den Täter. Er muss entweder ein Vertrauensverhältnis aufbauen („Das bleibt unser Geheimnis!“) oder eine total einschüchternde Drohkulisse. Außerdem könnten die Kinder unvorhergesehen so laut schreien, dass die Tat entdeckt werden könnte. Hinzu kommt der logistische Aufwand für die Tat und ihre Tarnung. Es hat sich zwar gezeigt, dass die Nachbarschaft und die Personen im „amtlichen“ Umfeld einschließlich Kita, Kindergarten und Schule oft „blind“ sind und/oder nicht kooperieren, so ist die Fehleranfälligkeit dieser Gruppen und Instanzen dennoch nicht kalkulierbar.

Der nächste Aufwand ist mit der Dokumentation der Taten durch die Täter gegeben und mit ihrem Einsatz in den Winkeln des Internets. Die Täter brauchen das Equipment und das Know-how der abgesicherten Verbindung zu anderen Tätern. Der Fall in Münster zeigt den technischen Aufwand für die professionell-verschlüsselte Speicherung der Daten.

Das Problem stellt sich bereits bei der bloßen Speicherung von Kinderpornographie, also auch ohne direkten eigenen Missbrauch. Wer speichert macht sich strafbar und in weiterem Sinne angreifbar. Das musste der Abgeordnete Edathy erfahren, obwohl er Photos gekauft und heruntergeladen hatte, die sich letztlich nicht als strafbar herausstellten. Doch der Verdacht hatte gereicht, um seine politische wie bürgerliche Reputation zu zerstören.[5]+[6]

Werden weitere Personen über das Netz kontaktiert, die anreisen, um sich real an den Kindern und ihren Qualen zu verlustieren, stellen sie die nächste Stufe möglicher Schwierigkeiten dar.

Der ganze Aufwand ist für Außenstehende zunächst ein Rätsel. Warum machen die Täter das, wenn kein Gewinnstreben im Vordergrund steht?

 

Verhaltenssucht

Wenn keine logischen Gründe erkennbar sind, wird man nach psychologischen suchen müs­sen. Einen Schlüssel zum Verstehen sehe ich darin, dass der Hauptzweck der Verwertung der Aufzeichnungen im Zugang zu einschlägigen Bildertausch-Netzen liegt. Neben die Erstmoti­vation der Lust am sexuellen Missbrauch von Kindern tritt also der Zusatzgewinn: Zugang zu ähnlichen, besser noch heftigeren Bildern und Filmen oder gar der Besuch bei anderen Tätern mit anderen Kindern.[7]

Hier ist ein Bogen zu schlagen zu den Auswirkungen des exzessiven Pornokonsums, über die durch das häufigere Vorkommen Erkenntnisse vorliegen.

»In den letzten Jahren hat die Sucht nach Pornographie schwunghaft zugenommen und stellt Therapeuten wie Mediziner vor eine gleichsam hohe Herausforderung. Männer jeden Alters erleben plötzlich gravierende Nebenwirkungen des dauerhaften Konsums kostenlos abrufba­rer Pornographie im Internet. … Viele zwanghafte Nutzer von Internet-Pornographie laden fünf oder mehrere Videos gleich­zeitig in verschiedenen Browser-Fenstern oder auch Tabs und klicken sich dann in Windeseile durch die verschiedenen Szenen.«[8] »“Mit einem jährlichen Umsatz von 800 Millionen Euro ist Deutschland weltweit der zweitgrößte Pornomarkt“, schreibt die Sozialwissenschaftlerin Esther Stahl. Ein fatales Paradies für Abhängige.« … »Weil die Droge immer und überall zu haben ist, steigt auch die Zahl der Süchtigen. „Wäh­rend sich früher Personen Pornographie in einer Videothek besorgen mussten, ist die Ver­fügbarkeit über das Internet viel größer, einfacher und subjektiv anonymer. Dies trägt zur Steigerung des Anteils von Betroffenen bei“« … »So wie es aussieht ist aber die Pornosucht für die Wissenschaft nichts Besonderes. Brand schreibt, bildgebende Verfahren hätten gezeigt, dass die Pornosucht (Brand nennt sie Cyber­sexsucht) im Prinzip genauso funktioniert wie Substanzabhängigkeiten oder Verhaltenssüchte.« … »„Der Süchtige kann sich nie sicher sein, ob nicht das nächste Video noch besser zu seinen sexuellen Präferenzen passt als das, das er gerade anschaut“, sagt Brand.« … »So entgleitet den Betroffenen die Kontrolle viel schneller. Das ist wohl ein wesentlicher Mechanismus der Pornosucht.«[9]

Das passt zu meinen Erfahrungen. Wohl die meisten (männlichen) Leser dürften schon einmal auf solchen Pornoseiten gewesen sein. Soweit Sie sich auf die Szenen eingelassen haben: Eigentlich ist die meist recht monotone Vorführung des alten Steckspiels langweilig, und doch kommt man nicht gleich davon los. Das ist noch nicht schon Sucht, kann aber sehr leicht eine werden.

Was für Pornographie ohne Kinderbeteiligung gilt, für die man keinerlei Aufwand treiben muss, gilt umso mehr für Kinderpornographie.

Die Gier wächst, weil man glaubt, es gebe noch so viel und noch viel befriedigenderes zu entdecken: »Rund 600 Terabyte Videomaterial haben die Ermittler auf dem Server des IT-Technikers gesichert. Je nach technischem Endgerät bräuchte ein Mensch 30 Jahre, um das gesamte Material zu sichten.«[10] Das Suchtmittel ist also in unermesslichem Umfang immer zur Hand – wenn man in einem solchen Tausch-Club Zutritt erhalten hat – durch Lieferung wei­teren „Materials“. Ich habe noch in Erinnerung, wie uns ein Staatsanwalt mit Schwerpunkt Kinderpornographie auf einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll, nicht die Photos, aber die Ordnerstruktur auf dem PC eines Täters vorführte: sorgfältig geführte Dateien-Verzeichnisse zeugten von pingeligster Sammelleidenschaft.[11] Für mich ist der Suchtcharakter (Verhaltenssucht) unverkennbar, er wird allerdings im ICD[12] nicht erfasst. Die Studie von Kutscher et al.[13]  hebt zwar hervor, dass Kindesmissbraucher mit der Diagnose einer Pädophilie besondere Beachtung benötigen insbesondere wegen der frühen Mani­festation und der lebenslangen Persistenz ihrer sexuellen Ausrichtung auf Kinder, geht aber auf eine mögliche Suchtproblematik nicht ein. Nimmt man diese jedoch an, verschärft sich das Problem sadistischen Kindesmissbrauch und seiner allzeitigen Präsenz in den Tausch­börsen.

Nach meinen Schlussfolgerungen haben wir es mit Abhängigen zu tun, die im Unterschied zu anderen Süchtigen, gemeingefährlich sind. Andere Süchtige schädigen zunächst einmal sich selbst, und ihre Angehörigen leiden mit, fungieren oft als Co-Abhängige, indem sie ihrem „Suchti“ den Rücken freihalten. Das ist hier grundlegend anders. Die Kinderporno-Sucht speist sich durch Opfer, umso schärfer, wenn Sadismus dabei ist.

Viele rufen derzeit nach Strafverschärfung, manche entwickeln dabei nicht ganz unver­ständ­liche Ideen, die ihrerseits in Richtung Sadismus gehen. Doch selbst die Rufe nach ziviler Strafver­schärfung, einer generellen Hochstufung von Kinderpornographie zum Verbrechens­tatbestand sind in manchen Fällen u.U. nicht angemessen. Die Optik jedenfalls ist unbefrie­digend, solange Herstellung und Vertrieb von Kinderpornographie nur als Vergehen einge­stuft werden. Wir brauchen angemessene Lösungen. Welche könnten das sein?

Strafvollzug?

Strafvollzug allein erscheint der Problemlage nicht angemessen, auch wenn den Tätern dort vielleicht zum ersten Mal ihre Stellung drastisch bewusst gemacht würde.[14]

Für Straftaten unter Drogeneinfluss gibt es das Instrument des Maßregelvollzugs für psy­chisch Kranke. »Im Maßregelvollzug … werden nach § 63 und § 64 des deutschen Straf­gesetzbuches unter bestimmten Umständen psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter entsprechend den Maßregeln der Besserung und Sicherung untergebracht.«  Es geht um den zweigliedrigen Umgang mit schweren Delikten, Strafe für Tatschuld, Sicherung und Besserung für Schuldunfähigkeit.[15]

»Die Unterbringung im Maßregelvollzug erfordert das Vorliegen einer schweren Straftat, einer chronischen psychischen Erkrankung oder Suchterkrankung, eine deutliche Verbindung zwischen beidem und eine weiterbestehende Gefährlichkeit.«[16]

Diese Bedingungen sind für Kinderpornographie-Suchtkranke gegeben. Es bleibt zu ent­scheiden, wann und unter welchen Umständen sogenannte Locke­rungen des Maßregel­vollzugs möglich erscheinen und welche Bedingungen für eine gegebe­nenfalls erforderliche Über­führung in die Sicherheitsverwahrung gelten sollen. Jedenfalls sollte bei einer Verur­teilung prophylaktisch die besondere Gefährlichkeit des Täters hervorgehoben werden.

Die Polizei stößt an Grenzen

Das Internet bringt Anbieter und Kunden für die merkwürdigsten und abwegigsten Interessen zusammen.[17] Es finden sich nicht nur Anbieter und Kunden[18], zusammen kommen, wie wir aus den jüngsten Fällen wissen, auch die Neigungen der Täter und die Möglichkeit, damit Zugang zu einschlägigen Netzwerken zu gewinnen. Die Polizei ist in diesem Deliktbereich oft erst durch Zufallsfunde aufmerksam geworden[19] und sie stößt an Grenzen – in Münster an technische, weil die Profi-Verschlüsselung erst zu knacken ist, aber auch an psychische. Denn das Material, was sie finden, verstört auch erfahrene Kriminalisten.[20] Die Zeugnisse der Ver­brechen an den Kindern stellen sich als Überforderung derer dar, die solche Beweise sichten, beurteilen und protokollieren müssen. Ich will das nicht näher ausführen, nur ein Beispiel aus der klassischen Tatortarbeit bei Gewaltverbrechen: „Wenn meine Frau wüsste, was diese Hände anfassen müssen,“ der Kriminalbeamte hielt mir seine Hände vors Gesicht, „dann dürfte ich sie nicht mehr anfassen.“[21] Was wird aus den Menschen, die über Tage hinweg mit der Sichtung total morbiden Materials beschäftigt sind. In den „Sozialen Medien“ wird nicht ohne Grund auf die sicher schlimmeren „echten“ Erlebnisse der Kinder hinge­wiesen und  Thomas Fischer spießt unter dem Titel „Das Leiden der anderen“[22] wie immer spitz und sachkundig die öffentliche Klage über die Belastung derer auf, die sich mit dem ganzen „Dreck“ beschäftigen müssen. Dennoch: Wie so oft laufen gesellschaftliche Fehlentwick­lungen zunächst bei der Polizei auf – und sie ist nicht darauf vorbereitet.

Was also tun? Das Internet werden wir nicht abschaffen können, auch nicht wollen. Doch auch dort muss die Polizei „Streife fahren“ dürfen, besonders im „Darknet“[23]. Die Netzbe­treiber müssen verpflichtet werden, Auffälligkeiten nachzugehen und gegebenenfalls Anzeige zu erstatten. Das heißt, die Betreiber werden, so problematisch das auch ist, Filter einsetzen müssen.[24] Der Gesetzgeber muss die Möglichkeiten dafür schaffen und zugleich einem Macht­missbrauch vorbeugen. Das ist leichter gefordert als umgesetzt.

Kinderrechte

Schließlich, aber nicht zuletzt, müssen wir die Kinder ertüchtigen. In den meisten Fällen werden die Kinder im sozialen Nahraum missbraucht, meist in gestörten, familiären Zusam­menhängen.[25]+[26] Das bedingt die Schaffung eines Schutznetzes, dessen Übersicht wohl beim Jugendamt liegen müsste.[27] Das Wohlergehen von Kindern muss abgesichert werden, indem von Geburt an den Eltern auferlegt wird, die Frühuntersuchungen wahrzu­nehmen, was auch kontrolliert werden muss.[28] Jedes Kind bis zum Alter von etwa 14 Jahren sollte einmal jähr­lich unbekleidet von einem Arzt in Augen­schein genommen und kindangemessen nach sei­nem Wohler­gehen befragt werden,[29] dazu gehört die Melde­pflicht ans Jugendamt bei Auf­fällig­keiten. Wenn Kinder nicht auf dem „Radar“ von Kitas und Kindergärten, später Schulen auftauchen, muss dem nachgegangen werden. Das heißt, dass die Jugendämter ab Geburt eines Kindes eine präventiv-aktive Rolle übernehmen müssen, um zu sehen, ob und wie sie in Elternrechte eingreifen müssen.[30]

Zur Ertüchtigung der Kinder gehört auch ihre Information. Ein grob missbrauchtes Kind wird merken, dass es gequält wird.[31] Doch die Dinge beginnen früher. Wir werden uns daran gewöh­nen müssen[32], dass Kinder sehr früh über Sexualität und ihre Bedeutung für die Erwach­senen aufgeklärt werden, damit sie sehr früh wissen, was die Erwachsenen dürfen und was nicht. Leider ist die sexuelle Früherziehung unter die Räder von Ideologen gekommen, die meinten, Kinder müssten lernen, dass es neben den herkömmlichen Formen des Familien­lebens auch noch andere gibt – und dabei übergehen, was die statistische Normalität ist. Die Kinder müssen also in den Einrichtungen, die sie besuchen, einschließlich der Grund­schule, jährlich einmal in kindangemessener Weise über ihre Rechte und deren Gefährdung informiert werden.

Um die Kinderrechte ist es bei uns allerdings nicht gut bestellt. Der Widerstand gegen ihre Aufnahme ins Grundgesetz ist massiv. Familienverbände wehren sich mit Erfolg. Sie befürch­ten Eingriffe in ihr Grundrecht; Ängste, die zu berücksichtigen sind. Dennoch sollten Kinder zu – begrenzt – eigenständigen Rechtssubjekten werden, um einen wirksamen, einen wirk­sameren Kinderschutz als derzeit zu ermöglichen.

Ich habe mich seit mehr als 20 Jahren für eine neue Politik in Kinder- und Jugendlichen-Angelegenheiten eingesetzt[33] – bisher vergeblich. Die Maßnahmen für Kinder sind wirkungs­los. So gibt es immer noch keine Fachaufsicht für Jugendämter, deren Versäumnisse in den letzten Missbrauchsfällen überdeutlich geworden sind.[34] Jugendhilfe-Maßnahmen sind oft nicht evidenz-, also erfolgsbasiert und den Jugendämtern sind von den Wohlfahrtsver­bänden recht­lich die Hände gebunden.[35]

Hätten Kinder ihren Platz im Grundgesetz, wäre ihre Rechts­position stärker.

Es gibt durchaus eine Reihe von ehrenamtlichen Aktivitäten für die Belange von Kindern (Personen, informelle Zusam­men­schlüsse, Vereine), ich habe sie auf meinen Tagungen erlebt, doch ihnen fehlt die Durchsetzungskraft. Darum brauchen Kinder einen Platz im Grundgesetz.

Aber haben wir nicht eine Kinderkommission im Bundestag? Ja, aber die ist – traurig genug – nicht durchsetzungsfähig. „Wie sieht die Arbeit der Kommission praktisch aus?[36] Die Parteien im Bundestag schicken ihre Vertreter zwar dorthin, doch die Empfehlungen der KiKo verpuf­fen weithin.

Für das spezielle Thema Kindesmissbrauch haben wir noch den UBSKM, den „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“[37]. Das Amt ist sehr breit aufgestellt und „Johannes-Wilhelm Rörig [wurde] zum 1. April 2019 für die Dauer von weiteren fünf Jahren erneut zum Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexu­ellen Kindesmissbrauchs berufen.“[38] Seine Homepage ist sehr professionell gemacht, und er twittert viel.[39] Es gibt auch Hinweise auf einige Tätigkeiten des UBSKM. Er kündigt Erfolge an, über die Insider sich allerding wundern.[40]+[41] Mir fehlen grundlegende Informationen: Welche Kompetenzen hat er? Etwa wie ein Untersuchungsrichter mit Zugriff auf die Akten in kirchlichen Beständen, die über klerikale Pädokriminalität Auskunft geben könnten? Ich schrieb an seine Pressesprecherin: „Wenn die Rörigkommission einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss mit all den erforderlichen Vollmachten durchsetzt, wenn diese Untersuchungen die Staatsanwaltschaften nötigen, die einschlägigen Archivakten in Jugend­ämtern, Kirchen, Klöstern und Jugendhilfe­einrichtungen zu beschlagnahmen, und das unabhängig von der Verjährungsfrage, dann dürfte sie auch Unterstützung von den Opfern erwarten.“[42] Doch der UBSKM antwortete nicht.

Für Kinderrechte und Kinderschutz gibt es leider immer noch viel zu tun und Kinder haben keine Lobby,[43] stehen nicht im Grundgesetz, haben kein Wahlrecht – immerhin liefern sie in ihrer Rolle als Opfer zuweilen Sensationsthemen; die Medien und wir Konsumenten wissen es zu schätzen, bevor wir zu Tagesordnung übergehen.

Fußnoten

[1] Es geht in diesem Artikel um die Kombination von gewalttätigem Kindesmissbrauch mit Internetnutzung. Das Phänomen des Cyber-grooming wird umfassend dargestellt bei Adolf Gallwitz, Pädokriminalität – Kinder und Jugendliche als Opfer im Internet https://www.gdp.de/gdp/gdp.nsf/id/_dp200902/$file/DeuPol0902.pdf Seiten 6-17. Dieser Artikel ist schon älter, aber nicht überholt.

[2] Eine Übersicht über das Problemfeld bietet die Polizei von NRW unter: https://polizei.nrw/kinderpornografie

[3] Photo – Dierk Schäfer: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/2515968357/in/album-72157605161869324/

[4] Der finanzielle Aspekt wird leicht überschätzt.  Ein „Milliardenmarkt“ für Kinderpornografie ist nicht erkenn­bar. Quelle: Hüneke, A. (2012). Das Internet – ein Milliardenmarkt für Kinderpornografie? Abgerufen von https://www.uni-hannover.de/fileadmin/luh/content/alumni/alumnicampus/AC_8_2012/i34-36__hueneke.pdf Zitiert nach: https://polizei.nrw/artikel/studien-zum-thema-kinderpornografie

[5] Es gehört nicht zum engeren Thema, doch der Hintergrund sollte nicht in Vergessenheit geraten: Es wurde mit dem Verfahren gegen Edathy auch der unbequeme Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses gezielt ausgeschaltet: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2015-06/sebastian-edathy-nsu-kiyaks-deutschstunde + https://de.wikipedia.org/wiki/Edathy-Aff%C3%A4re  beide links: Dienstag, 16. Juni 2020

[6] Ohne politischen Hintergrund war ein Vorfall in meinem Umkreis: Ein Kollege (kein Pfarrer!) hatte mit solchen Photos für seinen Dienst-PC auch Malware ins ganze System heruntergeladen. Das fiel auf. Man entdeckte die Dateien auf seinem PC. Ob er freiwillig ging oder gekündigt wurde, weiß ich nicht. Ich war Datenschutzbeauftragter unserer Einrichtung und richtete eine humorvoll gehaltene Warnung an unsere Beschäftigten, damals (2002) war der ernsthafte Charakter dieser Dinge noch nicht so geläufig:moralinternet

[7] Ohnehin beschränkt sich der Missbrauch meist nicht nur auf ein Kind – und oft auch nicht auf nur einen Täter: Gruppensex mit Kindern.

[8] https://www.hypnovita.de/hypnose/therapie/sexualstoerungen/pornosucht-nebenwirkungen-loesungen-bei-der-abhaengigkeit-von-pornographie,  (Mittwoch, 10. Juni 2020)

[9] https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Wenn-der-Sex-Klick-zum-Zwang-wird-286443.html (Samstag, 13. Juni 2020)

[10] Zitiert nach: https://www.merkur.de/welt/kinderpornografie-muenster-razzia-missbrauch-durchsuchung-kindesmissbrauch-erzieherin-verdacht-nrw-zr-13789992.html (Samstag, 13. Juni 2020)

[11] Da die Photos einzeln auf ihre gerichtliche Brauchbarkeit geprüft werden müssen, behalf man sich bei der Vielzahl der Bilder, sie zur Vorabsichtung in die Bereitschaftspolizei zu geben, also an junge Beamte, deren sexuelle Entwicklung oft noch nicht abgeschlossen ist.

[12] https://www.icd-code.de/icd/code/F65.-.html

[13] Tanja Kutscher · Janina Neutze · Klaus M. Beier · Klaus-Peter Dahle, Vergleich zweier diagnostischer Ansätze zur Erfassung der Sexualfantasien pädophiler Männer file:///C:/Users/Dierk%20User/Documents/5%20kriminologie/Kutscheretal_2011_VergleichzweierdiagnsotischerAnsatzezurErfassungderSexualfantasienpadophilerManner.pdf

[14] Gefangene, die sogenannte Sittlichkeitsdelikte begangen haben, werden abfällig „Sittiche“ genannt – sie gelten bei den Mitgefangenen als Abschaum. … „Was ist?“, fragt der Häftling. „Bist du taub? Oder ein Kinderficker?“ „Nein“, sagt Karl. „Es ging nur um Bilder, einen Link und eine Website.“ Im Dienstzimmer hören die Beamten Schreie. Sie eilen heran. „Hier ist ein Kifi“, ruft einer der Häftlinge in den Flur. „Kinderficker!“  https://correctiv.org/recherchen/justiz/artikel/2017/08/16/folge-1-die-ohnmacht-des-anfangs/ t

[15] Ein ausführlicher gut lesbarer Artikel, der auch die Probleme des Maßregelvollzugs beschreibt:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ma%C3%9Fregelvollzug .Weitere Informationen: https://www.forensik.de/ueber-uns/fachausschuss-forensik.html

[16] http://www.bdk-deutschland.de/arbeitskreise/ak-forensik/665-grundsaetzliches-zur-massregelvollzugsbehandlung

[17] Dort findet auch der Menschenfresser sein williges Opfer: »Ein „deutscher Computertechniker … wurde als „Kannibale von Rotenburg“ bekannt, weil er Teile der Leiche seines Opfers gegessen hatte.« https://de.wikipedia.org/wiki/Armin_Meiwes

[18] https://polizei.nrw/artikel/taeter-und-strafbarkeit-von-kinder-und-jugendpornografie

[19] Denen sie dann gezielt nachgehen kann: https://polizei.nrw/artikel/kinderpornografie-ermittlungen

[20] Münsters Polizeipräsident Rainer Furth: „Wer macht sich eigentlich dabei Gedanken über das Leid, das Elend, das Martyrium der Kinder – begangen von Tätern, Vätern, zum Teil von Müttern der Kinder? Und wer macht sich Gedanken über die Männer und die Frauen bei der Polizei, die Hunderte von Terabytes auswerten müssen von diesem abscheulichen Dreck?“ https://www.merkur.de/welt/kinderpornografie-muenster-razzia-missbrauch-durchsuchung-kindesmissbrauch-erzieherin-verdacht-nrw-zr-13789992.html Freitag, 12. Juni 2020

[21] Eigenbericht aus meiner Arbeit als Polizeipfarrer.

[22] https://www.spiegel.de/panorama/justiz/kinderpornografie-und-strafrecht-das-leiden-der-anderen-kolumne-a-28d03ffc-c7b0-4914-83cb-be0f2003bbd1 Samstag, 13. Juni 2020

[23] https://polizei.nrw/artikel/erfolge-im-kampf-gegen-darknet-plattformen »Die bereits im März 2018 ausgehobene Plattform „Welcome to Video“ funktionierte mit Hilfe anonymer Bit­coin-Zahlungen. Ermittler hätten rund acht Terabyte Daten sichergestellt, darunter rund 250.000 kinder­porno­grafische Videos, hieß es weiter. Fast die Hälfte der Bilder und Videos waren vorher nirgends sonst im Internet aufgetaucht. Bei der Plattform seien rund eine Million Bitcoin-Adressen registriert gewesen, was darauf hindeute, dass es bis zu eine Million Nutzer gegeben haben könnte.« https://www.dw.com/de/gro%C3%9Fe-kinderporno-plattform-im-darknet-gestoppt/a-50861782

[24] Wir kennen die „no-nippels-policy“ von facebook https://noizz.de/lifestyle/no-nipple-policy-sechs-ausnahmen-in-denen-facebook-brustwarzen-fotos-akzeptiert/rd8wv1k

[25] https://polizei.nrw/artikel/kinderpornografie-opfer-und-opferschutz

[26] „Nach kriminologischer Einschätzung …  handelt es sich in Fällen sexuellen Missbrauchs von Kindern bei 60 bis 80 Prozent der Täter um Bekannte oder gar Verwandte des kindlichen Opfers.“ Quellle: Hagen, K. R., Olek, K. & Dickgieser, N. (2000). Sexueller Missbrauch eines Kindes. Kriminalistik, 54 (4), 240-242.  Zitiert nach: https://polizei.nrw/artikel/studien-zum-thema-kinderpornografie , dort auch eine Aufschlüsselung nach Täter­gruppen aus der Studie Laumer, M. (2012). Der Zusammenhang zwischen dem Konsum von Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch von Kindern – Eine Übersicht zum aktuellen Forschungsstand. Kriminalistik, 3/2012, 139-144.

[27] Die Übersichtsakte müsste – notwendig zu erwähnen – bei Ortswechsel an das dann zuständige Jugendamt übergehen.

[28] In den Niederlanden hat man dafür die Consultatie-Büros, deren Besuch/Inanspruchnahme verpflichtend ist. https://nl.wikipedia.org/wiki/Consultatiebureau

[29] „Der ist vor meinen Augen an einer normalen Grippe verstorben, weil der Pflegevater prinzipiell alle Ärzte abgelehnt hat, um den sexuellen Missbrauch zu vertuschen.“ https://www.deutschlandfunk.de/missbrauch-von-berliner-pflegekindern-studie-sieht.1773.de.html?dram:article_id=478608 Montag, 15. Juni 2020

[30] Akten haben eine ambivalente Eigenschaft. Sind sie erst einmal in der Welt, können sie immer wieder zur Belastung herangezogen werden. Eine Schutzakte von Kindern müsste also – mit ihrem Einverständnis – spätestens mit Erreichung ihrer Mündigkeit nachweislich vernichtet werden.

[31] Das heißt allerdings nicht, dass man es ihm auch anmerkt: »Die Bild zitiert einen Garten-Nachbarn: „Adrian, die Frau und der Sohn waren oft im Garten. Der Junge kurvte oft mit dem Kettcar durch die Anlage, er war auffallend freundlich und höflich.“« https://www.merkur.de/welt/kinderpornografie-muenster-razzia-missbrauch-durchsuchung-kindesmissbrauch-erzieherin-verdacht-nrw-zr-13789992.html Freitag, 12. Juni 2020

[32] Schließlich hat ja auch die Plakatkampagne von Frau Süßmuth für den Gebrauch von Kondomen zu keinem Aufschrei der Entrüstung geführt.

[33] Wenn es gute Gesetzesvorlagen gibt, werden sie regelmäßig von den Bundesländern aus Kostengründen ausgebremst.  https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/10/28/kinderschutzgesetz/ . Dazu auch mein gleichnamiges Papier: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/10/fc3bcr-eine-neue-politik.pdf

[34] Dazu: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/kindesmissbrauch-diskussion-um-strafen-zu-viele-familienrichter-sind-ahnungslos-a-6626a099-78e1-4ec3-8114-85acf11183df Montag, 15. Juni 2020

[35] Die Zahnlosigkeit der Gesetze zum Recht von Schutzbefohlen, https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

[36] https://www.bundestag.de/ausschuesse/ausschuesse18/a13/kiko/informationen/info2-261950

[37] https://beauftragter-missbrauch.de/

[38] https://beauftragter-missbrauch.de/der-beauftragte/das-amt

[39] Andere, die sich für Kinderrechte einsetzen, twittern auch, die machen das aber unentgeltlich.

[40] https://dierkschaefer.wordpress.com/2020/04/26/wir-insider-wundern-uns/

[41] https://dierkschaefer.wordpress.com/2020/04/29/hat-sich-die-kirche-dem-missbrauchsbeauftragten-unterworfen/

[42] https://dierkschaefer.wordpress.com/2020/04/26/wir-insider-wundern-uns/

[43] Prof. Salgo: „Als Insolvenzrichter muss ich in Deutschland entsprechende Kenntnisse und Fortbildungen nachweisen. Als Familienrichter nicht. Das zeigt auch, wie der Gesetzgeber diese Themen gewichtet. Die Politik sollte da dringend ihre Hausaufgaben machen.“ https://www.spiegel.de/panorama/justiz/kindesmissbrauch-diskussion-um-strafen-zu-viele-familienrichter-sind-ahnungslos-a-6626a099-78e1-4ec3-8114-85acf11183df

 

Lauter Zuständigkeiten, welch ein Zustand! Der Anstand bleibt auf der Strecke.

Wer den epd-Bericht über den »Beauftragtenrat, der sich mit sexualisierter Gewalt im Umfeld der Kirche beschäftigen soll«[1] liest, kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn er kein Insider ist, also die Interna der EKD und ihrer unabhängigen Landeskirchen nicht kennt, auch nicht die Unterschiede zwischen der „verfassten“ Kirche und ihrer Sozialkonzerne, die mit dem Sammelbegriff Diakonie auch nur unzureichend abgebildet sind.[2]

Als Insider weiß man, warum Opfer des sexuellen Missbrauch in kirchlichen Zusammenhängen sich fragen: »„Warum werde ich lediglich an die jeweilig zuständige Stelle der Landeskirche verwiesen, in der mir der Missbrauch angetan wurde?“« –  Das gilt besonders für Entschädigungsfragen, »für die jede Landeskirche … eben selbst … in ihren diskreten Verfahren zuständig [ist].«

»Detlev Zander … hofft, dass er die Gelegenheit hat, den Synodalen ins Gewissen zu reden – und damit echtes Verständnis erfährt«. Das ist sein Anspruch. Ich denke nicht, dass er so naiv ist und meint, sich damit durchsetzen zu können.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagt man.

So könnte die EKD als Versammlung der einzelnen Landeskirchen und ihrer Sozialkonzerne unter diplomatischer Berücksichtigung aller Eitelkeiten Zanders Vorschlag für die Anlaufstelle folgen: »Psychologen und Juristen müssten die Geschichten der Anrufenden gleich anonym aufnehmen.«

Dazu müsste allerdings die Anlaufstelle finanziell und personell gut ausgestattet werden. Sie müsste vor allem tatsächlich und erkennbar von jedem denkbar kirchlichen Einfluss unabhängig sein. Im Hintergrund müssten sich die Landeskirchen und kirchlichen Verbände auf einen Entschädigungsrahmen einigen und dafür eine Entschädigungsstelle einrichten, an die die Anlaufstelle im anonymisierten Verfahren aus ihrer Kenntnis des jeweiligen Falls Forderungen stellen kann. Das setzt Vertrauen voraus. Doch warum sollen nur die Betroffenen einer Anlaufstelle und ihrem Personal vertrauen?

Das Ganze müsste nach dem „front-office-“ und back-office“-Prinzip laufen. Wer sich bei der Anlaufstelle meldet, hat nur einen und immer denselben Verhandlungspartner, der gegebenenfalls noch einen psychologischen Beistand vermittelt, sonst aber alle Hintergrundfragen klärt, so dass der Betroffene nicht mit den kuriosen kirchlichen Zuständigkeiten behelligt wird, die nur als Hinhaltetaktik verstanden werden.

In einer Art gentlemen‘s agreement müssten dann die einzelnen Landeskirchen und anderen kirchlichen Einrichtungen, in deren Bereich und Verantwortung die Missbrauchshandlungen fallen, den Entscheidungen zustimmen, die von übergeordneten Stellen getroffen sind, die aber offiziell keine übergeordneten Stellen sein dürfen.

So könnte man‘s machen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Ich habe gelernt, dass wo Widerwille ist, es auch Widerstand gibt – und habe nicht sehr viel Hoffnung.


[1] Zitate aus: https://www.evangelisch.de/inhalte/162004/04-11-2019/sexueller-missbrauch-der-evangelischen-kirche-und-was-getan-wird-im-jahr-2019-bis-zur-ekd-synode Gleich der Auftakt offenbart das Dilemma dieser Kirche, wenn man von ihr überhaupt im Singular sprechen mag: »Sieben Menschen aus hohen Positionen in Landeskirchen und aus der Diakonie bilden seit der EKD-Synode 2018 den Beauftragtenrat, der sich mit sexualisierter Gewalt im Umfeld der Kirche beschäftigen soll. Im Juni 2019 traten sie zum ersten Mal gemeinsam im Kirchenamt der EKD in Hannover auf. Kirsten Fehrs, die Sprecherin des Rates ist, war stolz, dass sie einen Flyer präsentieren konnte. „.help“ – eine Anlaufstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt.- Kerstin Claus, aus dem Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauch (UBSKM), war auch auf diese Pressekonferenz geladen. Sie stand vor der versammelten Presse und sagte, sie sehe diesen Flyer zum ersten Mal. Betroffene seien in die Ausgestaltung der Anlaufstelle für Betroffene nicht einbezogen worden.«

[2] Sollte sich jemand für Details interessieren, sei auf die Abschnitte „Dienstleistungspartner Kirche“ und „»Landeskirchen«?“ meiner Darstellung im Pfarrerblatt verwiesen: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4529 Mein Essay blieb ohne jeden Kommentar. Dieses Thema ist – positiv gewendet – unter meinen Kollegen nicht kontrovers.

Aktueller Nachtrag

„Kirchenjurist Blum zu Missbrauch: Debatte um Entschädigung wäre verkürzt“. Die frische Meldung von https://www.evangelisch.de/inhalte/162426/12-11-2019/kirchenjurist-blum-zu-missbrauch-debatte-um-entschaedigung-waere-verkuerzt  macht deutlich, dass finanzielle Interessen überwiegen, doch hinter Geschwafel verborgen werden: »„Entschädigung ist genau nicht, was wir als Institution leisten können“. Man WILL also keine Entschädigung leisten und setzt auf bewährte Ausweichmethoden: „Statt von Entschädigung spricht die evange­lische Kirche von Anerkennungs- oder Unterstützungsleistungen, über die man sich mit den Betroffenen im Einzelfall verständigen will.“ Die Einzelnen werden über den jeweiligen landeskirchlichen Tisch gezogen. Sie werden vereinzelt, bekommen keinen Rechtsanwalt, keinen Anspruch, sondern Almosen für ihre Bedürftigkeit. Ihnen gegenüber werden nicht Einzelne sitzen, sondern mehrere ausgebuffte Kirchenjuristen mit klarem Auftrag: Es so billig wie möglich zu machen.

Wenn nur die Heuchelei nicht wäre: »Blum sagte, die Forderung nach Zahlungen in diesen Größenordnungen führe zwangsläufig zu Auseinandersetzungen über die Beweisbarkeit. Das seien genau die Verfahren, „die die Betroffenen über lange Zeit stark belasten und retraumatisieren würden“«. Rücksichtnahme zahlt sich aus. Einfach widerlich!

BGH-Urteil: Ärzte haften nicht für künstlich verlängertes Leiden am Lebensende

Posted in Justiz, Kultur, Leben, Moral, News, Philosophie, Recht, Religion, Soziologie, Therapie, Tod, Verfassungsgericht, Weltanschauung by dierkschaefer on 3. April 2019

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

 

 

Vierundzwanzigstes Kapitel

Von einer Knechtschaft zur nächsten.

Ich also schnurstracks zu dem nur wenige Kilometer entfernten Ort, wo meine Mutter wohnte, um mich als Bäckerlehrling zu bewerben. Meine Güte, roch das gut in der Back­stube, wo mich mein zukünftiger Lehrherr hinführte, um mir meinen eventuellen Arbeits­platz zu zeigen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht zwischen dem Schweinestall- und Kuh­stallgeruch, den ich bisher eingeatmet hatte. Hinzu kam noch, dass ich 80 Mark im Monat erhalten sollte. Hatte ich mich schon von der ersten zur zweiten Stelle um 100% verbessert, so sollte es nochmal um 100% getoppt werden. Eine Schlafkammer unter dem Dach-juchhe war ich ja schon längst gewohnt. Ich fand nichts dabei, auch hier wieder so unter­gebracht zu werden. Ich hatte zwar in der Bild-Zeitung gelesen „Lehrling gesucht – Einhei­rat geboten“, dass also Lehrlinge damals sehr gesuchte Menschen waren, hatte aber noch nicht den Weitblick. Deshalb griff ich mit beiden Händen bei diesem Angebot sofort zu. Ich konnte meine Mutter wieder entlasten und mir eine Perspektive schaffen. Mich störte es gar nicht, dass ich auf meinem Bett liegend durch die Ritzen der Dachpfannen das Profil der schon längst ausgefahrenen Fahrwerke der zur Landung ansetzenden Flugzeuge auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen genau erkennen konnte. Ich fand dies eher als span­nend. Die Geräusche? Na ja, daran gewöhnt man sich genauso wie an den Gestank eines Bauernhofes.

Morgens um halb sechs – kaum früher als beim Bauern – wurde ich höflich von einem der beiden Söhne meines Lehrherrn geweckt. Meist hatte ich dann noch ein paar Minuten Zeit bevor die ersten fertigen Brötchen aus dem Backofen gezogen wurden. Derweil wurde ich angewiesen, die im heißen Fett schwimmenden Krapfen, auch Berliner genannt, umzudre­hen, wenn dann von beiden Seiten fertig auf eine Kanüle zu stecken, einen Hebel herunter zu ziehen, womit die Berliner mit Marmelade gefüllt wurden. Die fertigen Brötchen wurden dann von einem der beiden noch schulpflichtigen Söhne und mir in diverse Tüten gefüllt. Darauf stand dann etwa Müller, Meier, Schmidt oder sonst ein Name. Diese Tüten wie­derum wurden schön der Reihe nach in einen weißen Leinenbeutel gelegt. Die beiden Lei­nen­beutel wurden mir rechts und links an den Fahrradlenker gehängt. Und los ging’s. Ich lernte zunächst die Strecke und die dazugehörigen Häuser und Namen kennen, an deren Türen wir dann in die dort hängenden Beutel jeweils die abonnierten Brötchen legten. Nach etwa einer Woche kannte ich alle Namen meiner Brötchentour auswendig, und die Söhne konnten eine Stunde länger schlafen. Ich dagegen wurde mit einer eigens für mich installierten Klingel zum Dienstantritt geweckt. Nach der privaten Brötchentour war Früh­stück angesagt. Gleich danach wurde mir ans Fahrrad ein geschlossener zweirädriger Anhänger angekuppelt. Mit dem vollgepackten Anhänger belieferte ich einige Tante-Emma-Läden mit frischen Brötchen. Zweites Frühstück! Derweil waren auch schon Brote gebacken. Mein Anhänger wurde wieder vollgepackt und ich brachte diese auch zu den Vertragshändlern. Und danach gab es schon wieder einen Anhänger voll Brote. Diesmal war jedes einzelne Brot mit Seidenpapier umhüllt, auf dem der jeweilige Name des Empfän­gers stand. In weitem Umkreis fuhr ich die Brote spazieren und lief Trepp auf Trepp ab, um den Privatkunden ihre Bestellungen direkt zu liefern. Manche davon bezahlten in bar, andere beglichen ihre Rechnung im Laden. Die Barzahler waren mir am liebsten. Fiel doch dabei in den meisten Fallen ein Trinkgeld für mich ab.

Natürlich wusste mein Meister nichts davon.

Diese Tätigkeit gefiel mir weitaus besser als die Schinderei beim Bauern. Zumal ich auch in der Regel schon gegen 16 Uhr mit meiner Arbeit fertig war und nicht erst bei Sonnen­unter­gang. Zu dem Trinkgeld hatte ich schnell heraus, wie ich mir noch einen zusätzlichen Nebenverdienst verschaffen konnte. Hin und wieder kam es vor, dass mich Leute im Haus ansprachen, wo ich gerade Brot auslieferte, ob ich nicht zufällig ein Brot zuviel dabei hätte. So könne man sich den weiten Weg zum Bäcker sparen. Schon bald hatte ich mir so einen persönlichen Kundenkreis erschlossen. Natürlich wusste mein Meister nichts davon. Zwei, drei Brote mehr in den Anhänger gepackt und mein Monatsverdienst verdoppelte sich schon. Nach der Haushalts-Brot-Tour war Mittagessen im Familienkreis angesagt. Blie­ben nur noch die inzwischen gebackenen Kuchen rechtzeitig zur Kaffeezeit zu den Kleinhändlern zu bringen, und dann war auch schon fast Feierabend. Gegen 14 Uhr hatten Meister, Geselle und die anderen Lehrlinge ihre Arbeit in der Backstube beendet. Na ja, die waren ja auch schon in der Nacht gegen 2 Uhr aufgestanden. Mir blieb es überlassen, die Kuchenbleche, diverse Maschinen, die es damals schon gab, und die Backstube selbst zu reinigen. Meist blieb mir noch Zeit, die vorgefertigte Rohmasse per Hand zu Streuseln zu verarbeiten. Als ich mal versuchte vor meinem Meister zu verbergen, dass ich an den süßen Sachen naschte, grinste dieser nur und meinte, dass ich mir nur keinen Zwang antun solle. Irgendwann hätte auch ich mich daran sattgefressen.

So weit, so gut. Als ich in der Berufsschule so von Gleichaltrigen erfuhr, was sie schon alles gelernt hatten, fragte ich mich, später auch meinen Meister, warum ich immer nur als Laufbursche arbeiten musste, anstatt in der Backstube etwas von der eigentlichen Materie zu lernen. Da wurde dieser ziemlich böse. Er meinte, dass sich vorläufig an meinem Status nichts ändern würde. Schließlich verdiene ich ja gutes Geld bei ihm und einen anderen hätte er nicht, der meine Arbeit verrichten könne. Jeder Hilfsschüler könne meine Arbeit über­nehmen, sagte ich ihm daraufhin. In der Folgezeit herrschte beim ersten und zweiten Früh­stück und am gemeinsamen Mittagstisch eisiges Schweigen. Ich fand diesen Zustand als unerträglich. Ich beschwerte mich in der Berufsschule und beim AA. Man riet mir zum Arbeitsgericht zu gehen. Da ich nun aber schon die Dreimonatsfrist überschritten hatte, wo man ein Lehrverhältnis ohne Angabe von Gründen auflösen konnte und ich mich eben an das Arbeitsgericht gewand hatte, zeigte mein „Lehrherr“ seine bösartige Seite.

Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register.

Ich bekam eine Einladung, mich an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Stunde bei der Kripo einzufinden. Dort wurde mir dann eröffnet, dass eine Anzeige wegen Diebstahls gegen mich vorliege. Mein Arbeitgeber hatte angegeben, dass ihm an dem und dem Tag Geld aus der Wech­selkasse im Laden abhanden gekommen sei. Im Laufe der Zeit, wo noch alles zwischen uns in Ord­nung war, hatte ich natürlich auf Nachfrage nach meinem Woher meine Vor-Lebensge­schichte erzählt. Na und? War es daher nicht naheliegend, dass ein Bengel, der Jahre in einem Heim für Schwererziehbare zugebracht hatte, auch einen Diebstahl beging? Peng! Schon hatte ich meine zweite Vorstrafe im Bundeszentral­register. Die erste war zustande gekommen, als ich im Dunkeln mit dem Fahrrad fahrend von der Polizei angehalten wurde. Weil ich mit einer defekten Hand­bremse und fehlendem Rücklicht unterwegs war, bekam ich eine Stunde Verkehrsunterricht bei einem Richter, 10 Mark Geldstrafe UND einen Wochenendarrest aufgebrummt. Diesmal waren es schon vier Wochenendarreste. Bei meinem Verkehrsunterricht stand ich nicht alleine vor dem gestrengen Richter. Vier weitere arme Tröpfe standen neben mir. Zwei Mädchen und zwei Jungs. Bei den Mädchen hatte die eine ihre Freundin auf dem Gepäckträger mitfahren lassen. Und der eine Junge hatte seinen Freund auf der Fahrradstange mitgenommen. Wir alle erhielten die glei­che Strafe. Soll ich Ihnen mal was sagen? Bei dem heutigen Strafvollzug, hätte ich lieber vier Wochen an meine letzte zehnjährige Haftstrafe drangehängt, als auch nur einen Wochenendarrest abzubüßen, wie es damals praktiziert wurde.

18 Monate Haft

Etwa 16 Jahre später verschaffte ich mir Genugtuung für diese zu unrecht erhaltenen vier Wochen­endarreste. Mit meiner Freundin über das Frühlingsfestgelände in Hannover schlendernd erkannten mich am Lüttje Lage[1] Stand die beiden Söhne meines ehemaligen Bäckermeisters wieder. Ich wurde eingeladen einen mitzutrinken. Bei der einen Runde blieb es dann auch nicht. Mit steigen­dem Alkoholspiegel wurden die beiden immer redseliger bei der Aufarbeitung unserer gemein­samen Zeit. So wurde ich dann auch noch ausgelacht dafür, dass ich im Knast gelandet war. Schließ­lich hatte ihr Vater den Falschen verdächtigt, die 20 Mark aus der Wechselkasse gestohlen zu haben. Weil ihr Vater immer so geizig gewesen sei beim Taschengeld, sie aber doch schon sehr früh hätten mitarbeiten müssen, hätten sie sich dafür aus der Wechselkasse bedient und just zu eben diesem jährlich stattfindenden Frühlingsfest getragen. Die beiden besoffenen Typen merkten gar nicht, was sie damit anstellten. Mir blieb die Luft weg vor lauter Empörung darüber, wie lässig die beiden über die Sache sprachen. Vor Wut kochend krallten sich meine Hände in ihre pracht­vollen Haarschöpfe und knallten deren Köpfe mit ziemlicher Wucht zusammen. Dafür handelte ich mir einen weiteren Eintrag in das Bundeszentralregister nebst 18 Monaten Haft ein.

Keiner kann mir nachsagen, ich wäre nicht gewillt gewesen, mich an das kapitalistische System anzupassen. Ich hatte für wenig Geld bei Wind und Wetter beim Bauern geschuftet, ebenso hatte ich mich mit Fahrrad nebst Anhänger bei jedem Wetter über Kopfsteinpflaster und unbefestigte Rad- und Feldwege gequält, um meinem Meister sein Vermögen zu vermehren. Und? Was war der Dank? So langsam wurde ich erwachsen, begann darüber nachzudenken, wie ungerecht auf der Welt die Macht und das Geld verteilt waren. Natürlich bildete ich mich vorwiegend durch die BILD…..!

Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding.

Ich war gehalten, mich wieder so schnell als möglich um einen neuen Broterwerb zu kümmern. Mit 15 war ich manns genug, mich selbst zu versorgen. Meiner Mutter auf der Tasche zu liegen war nicht mein Ding. Sie hatte lange genug dafür gesorgt, dass ich meine Windeln vollscheißen konnte und uns Kinder durch die Kriegszeit geschleppt, uns die schwere Zeit danach auch irgendwie am Kacken gehalten. Jetzt wollte ich ihr zeigen, dass sie mir wenigstens ihren Fleiß vererbt hatte.

Bei meinen Stadtausflügen war mir mal ein Schild in der Brüderstraße aufgefallen. Darauf stand, dass die NVG (Niedersächsische Verfrachtungsgesellschaft) Schiffsjungen suchte. Schiffsjungen? Hatte ich nicht mal darüber gelesen, dass die Besatzung eines Schiffes immer auch an Bord schlief? Nach vier Tagen, ich hatte in Parks geschlafen, fiel mir dieses Schild wieder ein. Eine halbe Stunde später, nachdem ich mich dort vorgestellt hatte, hatte ich auch schon wieder einen Lehrvertrag unterschrieben. Der Schiffskapitän war froh, seine Reise mit einer vorgeschriebenen Mannschafts­stärke fortsetzen zu können. Im Bugraum, gleich neben dem Ankerkasten, gab es eine kleine Kajüte, die ich mir mit dem Matrosen teilen musste.

Auch mein neuer Job auf dem Schleppkahn war mit Knochenarbeit und wenig Schlaf verbunden. Es gab weder Samstag noch Sonntag. Wenn des Nachts zufällig ein Kran frei und unser Schiff gerade dran war, dann mussten wir eben auch des Nachts ran. Zumindest wurden die Über­stun­den ganz gut bezahlt. Einschließlich Nacht- und Sonntagszuschläge. Während der Kapitän am Heck des Schiffes eine fast schon als luxuriös zu bezeichnende Wohnung und seine mitreisende Frau besaß, mussten wir uns da vorne im Schiff selbst versorgen. Ob nun auf dem Mittellandkanal, wo meine Reise begann, Rhein und Weser oder Elbe, überall wurden wir von schwimmenden Kauf­manns­läden versorgt. Unsere Hauptmahlzeiten bestanden in der Regel aus Bratkartoffeln mit Speck und Eiern, Erbsen- oder Linsensuppen aus der Dose oder auch einfach nur aus Puddingsuppen aus der Tüte.

Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen.

Der Matrose, eigentlich auch nur Lehrling im dritten Jahr, zeigte mir wo es lang geht. Als ich ein­mal in einer Schleuse das Drahttau nicht ordnungsgemäß nachführte, welches oben an einem Poller befestigt war und unten am Kahn ebenfalls um einen Poller lief, hatte ich noch nicht das richtige Gefühl entwickelt. Und so riss das Tau mit einem Knall, und der Kahn kam ganz schön ins schaukeln. Mit viel Glück entging ich meiner Enthauptung durch das durch die Luft schwirrende Metalltau. Beinahe hätte ich mir in die Hose gemacht. Als Lehrling darf man doch schon mal einen Fehler machen, oder? Pustekuchen! Mit Gebrüll kam der Möchtegern-Matrose vom hinteren Ende des Kahnes, wo er die gleiche Funktion wie ich vorne verübte, die ganzen 60 Meter angeschossen und knallte mir eine, dass mir Hören und Sehen verging. Etwa eine Stunde später legte der Schlepp­verband von insgesamt fünf Kähnen zur Nachtruhe an einer der dafür vorgesehenen Uferböschung an. Mit immer noch brummendem Schädel von dem hefti­gen Schlag meines Vorgesetzten stieg ich die steile, schmale Treppe zu unserer Unterkunft hinab. Nach Ansicht des älteren nicht flott genug. Er hatte es etwas eiliger als ich. Er trat mir ein­fach auf den ohnehin immer noch schmerzenden Kopf. Das trug natürlich nicht gerade dazu bei, mir Sympathien für ihn aufkommen zu lassen. Zumal er mich schon einige Male, wenn er mich mal bei einem Landgang mitgenommen hatte, um mich mit den jeweiligen Lokalitäten der Stadt bekannt zu machen, mich regelmäßig die Zeche zahlen zu lassen. Dabei verdiente er schon weitaus mehr als ich im ersten Lehrjahr. Er machte sich bei mir auch nicht gerade beliebter, indem er sich gerne an meinen Vorräten vergriff. Wie schon früher im Heim begann mir eine Hasskappe zu wachsen. In Duisburg/Ruhrort schlug er dem Fass den Boden aus. Schmiss er mich doch mitten in der Nacht aus unserer gemeinsamen Kajüte raus, weil er mit einer aufgegabelten Tussi alleine sein wollte. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass er bedeutend besser ernährt war. Kurz, – er war ein Kerl wie ein Baum.

Platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein.

Seine Größe nutzte ihm allerdings nicht viel. In der kalten Novembernacht in Duisburg draußen auf dem Vordeck hatte ich Rache geschworen. Bei den BASF-Werken bei Leverkusen hatte unser Kahn irgend so eine Chemikalie gelöscht. Der ganze Kahn war von dem Feinstaub grau überzogen. Unsere Aufgabe war es nun, das ganze Schiff mit einem Wasserschlauch abzuspritzen. Ich auf der einen Seite, er auf der anderen. Ich schwöre, es geschah völlig unabsichtlich, dass mein Vormann dabei einen Wasserstrahl von mir abbekam. Doch dieser cholerische Typ sah darin einen gewoll­ten Angriff meinerseits. Mit einem mir bestens bekannten Wutgebrüll rannte er auf der 40 Zentime­ter breiten Gangway um den Kahn auf mich zu. Was das bedeutete konnte ich mir denken. Rund um das Schiff waren an den Seiten in regelmäßigen Abständen lange Staken angebracht. Diese dienten dazu, den Kahn von einer Kaimauer abzuschieben oder aber, wenn man sich zu früh von dem Motorschlepper abgeseilt hatte und der Schwung nicht mehr ausreichte dort anzukommen, wo es vorgesehen war, dann half man eben mit kräftigem Schieben mit den etwa vier Meter langen Staken nach. Man konnte sich auch näher an einen Ort heranziehen. Am Ende befanden sich näm­lich eiserne Haken und Spitzen. So eine Stange nahm ich nun zur Hand, weil ich einfach keine Lust darauf hatte, mir eine erneute Kopfdröhnung von dem Kerl verpassen zu lassen. In seiner Rage merkte der Typ viel zu spät, was ich da in der Hand hatte. Jedenfalls war es nicht mehr der Wasser­schlauch. Auf der eisernen Gangway mit nassen Gummistiefeln zu bremsen war einfach unmög­lich. Er rannte direkt in meine „Hellebarde!“ Und, platsch, da schwamm er auch schon im schönen Rhein. Allerdings war das Rheinwasser kein Wein. Vielmehr um diese Jahreszeit auch noch ziemlich kalt. Sein Overall, darüber eine Kunstfell gefütterte warme Jacke und die Gummistiefel erleichter­ten nicht gerade seine Schwimmbemühungen. Noch bevor er ins Wasser klatschte, hatte ich auch schon mein Gehirn wieder eingeschaltet. Ich rannte nach Achtern, löste das Beiboot und wriggte (wriggen bedeutet mit nur einem Ruder das Boot vorwärts zu bewegen) hinter meinen Arbeits­kolle­gen hinterher. Hinterher deshalb, weil die Strömung ihn abtrieb. Beinahe wäre auch ich noch in den Rhein gestürzt. Bei dem Versuch den mit Wasser vollgesogenen Kerl aus dem Rhein ins Boot zu ziehen, drohte das leichte Boot zu kentern. Endlich wieder an Bord hatte er ganz was anderes zu tun als mich zu verprügeln. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die ihre Lippen so schön blau geschminkt hätte, wie die von meinem Matrosen.

 

Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

 

Während dieses Vorfalls war unser Schipper natürlich nicht anwesend. Er war gerade in der Hafen­meisterei, um irgendwelche Frachtpapiere zu erledigen. Dennoch hatte er unterwegs schon von dem Vorfall gehört. Irgendwelche Gaffer hatten ihm schon alles brühwarm erzählt. Da ich als fast blutiger Anfänger leichter zu ersetzen war als ein schon fast vollwertiger Matrose, hatte natür­lich ich die Schuld und die Konsequenzen zu ziehen. War ja klar, dass zwischen uns keine Liebe mehr ent­stehen würde. Meine Fahrkarte nach Hannover musste ich natürlich von meinem Ersparten selbst kaufen. Das Büro in Hannover, wo ich meine Papiere und meinen Restlohn abholen sollte, hatte längst die Polizei eingeschaltet. Anstelle von Lohn und Papiere bekam ich 21 Monate Jugendknast aufgebrummt. Meiner Mutter Haare wurden mit ihren gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen weißer als sie ohnehin schon waren.

Im Knast durfte ich dann in meiner Zelle Bindfäden in Preisschilder von C & A für 50 Pfennige am Tag einfädeln. In dem Alter hatte mich die Nikotinsucht noch nicht gepackt und an Bohnenkaffee hatte ich mich auch noch nicht gewöhnt. So hatte ich mir dann am Ende meiner Haftzeit 87 Mark zusammengespart. Eine Bücherei wie im heutigen Knastalltag gab es damals noch nicht. Es war gar nicht daran zu denken, in die Bibliothek zu gehen und sich Bücher auszusuchen. Man bekam einmal in der Woche Bücher vor die Türe gelegt. So round about 800 Seiten. Egal, ich verschlang alles was kam.

Meine Mutter hatte inzwischen Willy geheiratet, war in eine etwas größere Gartenlaube gezogen, wo die beiden fleißig daran bastelten, daraus ein Wohnhaus zu machen. Eine kleine Kammer, wo ich schlafen konnte, hatte meine Mutter für mich nach meiner Entlassung parat. Die brauchte ich aber nicht sehr lange. Ich bemühte mich schnell wieder um Arbeit. Und die bekam ich von einem ganz lieben Angestellten vom Arbeitsamt. Ich lernte nunmehr einen Beruf, der direkt auf mich zuge­schnitten schien. Zunächst ging es ja immer noch darum das ich bei meiner Arbeitsstelle eine Unter­kunft bekam. Was lag diesmal näher als mich als Kellnerlehrling zu bewerben? Da ich zu damaligen Begriffen nicht gerade den Eindruck eines Bauernlümmels machte wurde ich auch ange­nommen.

In dem heute immer noch erzkonservativen Hotel[2] lernte ich alles von der Pieke auf, was einen guten Kellner ausmacht. Filieren, Tranchieren übers Flambieren am Tisch, bis hin vieles über Wein­kunde. Uns wurde untersagt, vor dem Gast zu lächeln, weil der (Neureiche-)Gast sich ausgelacht fühlen könnte. Anstatt in schweren Klamotten und nach Stall riechenden Gummistiefeln herum zu laufen, trug ich eine vom Hotel gestellte Livree. Ich lernte Umgangsformen der gehobenen Gesell­schaft und auch sehr viel Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Showbusiness kennen. Weil ich aber mitten im Lehrjahr eingestiegen war, hätte ich eigentlich dreieinhalb Jahre lernen müssen. Mein zuständiger Lehrlingsausbilder aber meinte, dass ich schon nach zweieinhalb Jahren das Zeug dazu hätte, die Prüfung zu bestehen. Er meldete mich demnach auch zur Prüfung an. Und ich ent­täuschte ihn nicht. Mit einer Durchschnittsnote von 2,2 bestand ich meine Prüfung so, wie schon früher mein Versetzungszeugnis in die 8. Klasse in der Heimschule in Dönschten aussah. Abgeschlossen habe ich meine Lehre in Hamburg, da unser Betrieb trotz aller Konservativität schon ganz modern eingestellt war. Jeder Kochlehrling musste einige Monate im Service arbeiten, dafür ging jeder Kellnerlehrling die gleiche Zeit in die Küche, um dem Gast besser erklären zu können, wie z.B. eine bestimmte Soße zubereitet sei. Hinzu kam dann als krönender Abschluss, dass das Hotel in Hannover für drei Monate Lehrlinge mit einem ebenso renommierten Hotel in Hamburg austauschte.

Dort lernte mich auch mein zukünftiger Chef kennen. Vom Fleck weg engagierte mich der Besitzer des Landungsbrücken Cafes nach Beendigung meiner Lehre. Als Gast in dem Hause, wo ich arbei­tete, hatte er mich bei der Betreuung meiner Gäste beobachtet und Gefallen an mir gefunden. Er besorgte mir eine Wohnung. Besser gesagt war es eine Art WG. Ein schwuler ehemaliger Ballett­meister vermietete einzelne Zimmer an ausschließlich junge Burschen. In den beiden Zimmern stan­den jeweils zwei doppelstöckige Betten. Von der Sternschanzenstraße bis zu den Landungs­brücken konnte ich den Weg zu meiner Arbeit bequem zu Fuß gehen. Doch als mir die Annä­he­rungs­versuche meines Vermieters zu bunt wurden, suchte ich mir eine andere Bleibe. Die bekam ich dann auch von einem unserer Stammgäste in Groß Flottbeck angeboten. Zwar hatte ich dadurch einen weiteren Weg, war aber in der möblierten Kellerwohnung endlich mal nicht nur not­dürftig untergebracht. Hatte ich mich nun schon seit drei Jahren vorbildlich in der Gesellschaft integriert, ohne besondere Vorkommnisse, und konnte meiner Mutter beim Ausbau ihrer Garten­laube zum Wohnhaus auch noch finanziell unter die Arme greifen, machte die Musterung alle meine Zukunftspläne zunichte.

„Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“

Nach den üblichen Körperchecks stand ich vor der eigentlichen Prüfungskommission. Alle ausschließlich altgediente Berufsoffiziere. Der Obermacker in der Mitte sitzend schob sich ein Monokel vors Auge. „Hm, äh, Tauglichkeitsgrad 1!“ In meiner Akte blätternd weiter: „Aha, Kaiser sein Geburtstag! Verpflichtet ja eigentlich zur Marine, äh?“ Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass ich am gleichen Tag Geburtstag hatte wie der letzte Deutsche Kaiser. Seine Vorliebe für die Marine sollte mich demnach dazu verpflichten, dort meine 18 Monate abzudienen? Konnte ja wohl eh nichts daran ändern. Also verschlug es mich auf die Insel Sylt. Kaum war die Grundausbildung been­det, ich auch schon zum Gefreiten befördert, las ich am Schwarzen Brett, dass man Freiwillige, allerdings mit der nötigen Qualifikation für die Fallschirmjäger in Fürstenfeldbruck suche. Ich ließ mich erneut checken. Und siehe da, man fand mich für geeignet. Der Sold war etwas höher. Hinzu kam noch eine kleine Gefahrenzulage für jeden Absprung. Der Haken an der Sache war aller­dings, dass ich mich, wollte ich zu dieser Eliteeinheit, für 4 Jahre verpflichten musste. Und ich lebensunerfahrener Bursche von gerade mal 19 Jahren unterschrieb. Nachdenklich über das, was ich mir hiermit eingebrockt hatte, wurde ich erst, als ich im Urlaub ehe­malige Arbeitskollegen traf, die es irgendwie geschafft hatten, sich vor der Wehrpflicht zu drücken. Im Tanzcafe bestellten die großkotzig Roten Krimsekt, während ich unter dem Tisch meine paar Kröten zählte, ob es wohl noch für eine Cola reichen würde. Ich begann zu begreifen, was ich mir da selbst eingebrockt hatte. Aussteigen aus dem Vertrag war nicht drin. Es gab eigentlich nur eine Möglichkeit: Untauglich fürs Fallschirmspringen zu werden. So nahm ich mir dann fest vor, bei einem meiner nächsten Absprünge ein Bein zu brechen. Vom Wollen bis zur Ausführung, da liegen Welten dazwischen. Zwar hatte ich mir schon beim Schifahren mal ein Bein gebrochen, hatte es zunächst gar nicht so recht registriert. Bis ich aufstehen wollte und der Schmerz bis ins Gehirn hochschoss.

„Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“

Bevor es überhaupt zum ersten Absprung kam hatte man alles gelernt, was zu vermeiden war, so dass man es im Schlaf hersagen konnte. Vor dem ersten Absprung träumte ich sogar die Hand­griffe und Handlungen, die mich sicher wieder auf den Boden brachten. Inzwischen hatte ich schon über 30 Absprünge ohne jedwede Komplikation absolviert. Immer wenn ich es mir bewusst vor­nahm, heute passierts, nahm doch die bereits vorhandene Routine Besitz von meinen Bewegungen. Schließlich war ich dann doch zu feige, meine Gedanken in die Tat umzusetzen. Irgendwie aber hatte sich der Gedanke an sich irgendwo im Hinterstübchen festgesetzt. Ich hatte den Gedanken schon längst ad acta gelegt, als es dann doch wie von selbst passierte. Während der ganzen Zeit der Luftfahrt hatte ich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet. Doch als ich mich wie gewohnt nach vorne werfen wollte, um mit meinen Unterarmen die Seile runterdrücken wollte, um das Aufblähen des Fallschirms zu verhindern, wehte an diesem Tag auch noch ein Lüftchen von etwa 3; ich konnte mich nicht wie gewohnt mit den Füßen abstoßen. Dafür verspürte ich den gleichen Schmerz unter der Schädeldecke wie schon bei meinem Schiunfall.

Die im weiten Umkreis verteilten fernglasbewaffneten Beobachter hatten sofort erkannt, was mit mir los war. In einer Staubwolke eingehüllt kam ein Jeep neben mir zum Stehen. „Tja, mein Junge, das war es dann wohl!“ kommentierte der Offizier, der kurz meine Beine abgetastet hatte. Ein Bein alleine hätte ja auch schon gereicht. Aber nein, Schulz musste sich gleich beide Beine brechen.

Meinen Wehrpass mit dem neuen Vermerk, dass ich nur noch zur Ersatzreserve 2 gehörte, bekam ich dann noch am Krankenbett ausgehändigt. Nicht alleine dass ich mit dem doppelten Beinbruch untauglich geworden war, im Notfall mein Vater(?)land zu verteidigen, sondern die im Kranken­haus durchgeführte Röntgenuntersuchung meiner Lunge. Was wusste ich schon davon, was die drei Buchstaben TBC zu bedeuten hatten? Bisher unentdeckt hatte ich mit die „Motten“ mit herumge­schleppt, die inzwischen schon drei Kavernen in meine Lunge gefressen hatten.

Von wegen nach einer paar Wochen wieder ins Berufsleben einsteigen.

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Fußnoten

[1] Eine Lüttje Lage ist ein im Raum Hannover verbreitetes Mischgetränk aus dem speziellen obergärigen Lüttje-Lagen-Schankbier und Kornbrand. Eng verbunden mit der Lüttje Lage ist eine spezielle traditionelle Trinkweise. https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCttje_Lage

[2] Nach mündlicher Mitteilung von Dieter Schulz handelte es sich um das beste Hotel Hannovers: Kastens Hotel in der Luisenstraße https://www.kastens-luisenhof.de/

Wenn Verjährung nicht greift, helfen milde Urteile.

Zwei Jahre und acht Monate Haft »wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre gefordert. … Der 55 Jahre alte Ehemann der Gruppenleiterin … wird zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er 3600 Euro zahlen. Eine 44-Jährige weitere Erzieherin erhält ein Jahr und drei Monate auf Bewährung, muss 1800 Euro zahlen. Berufsverbote, wie sie der Staatsanwalt gefordert hat, hält das Gericht für nicht notwendig.«

https://www.nwzonline.de/panorama/autistische-heimkinder-regelmaessig-brutal-gequaelt_a_31,2,3230315746.html

Das verräterische Bedauern der Firma Merck.

»Ein Sprecher des Pharmaunternehmens sagte, Merck habe nicht rechtswidrig gehandelt. Die Frage nach Wiedergutmachung stelle sich daher nicht. „Sollten sich Dritte nicht entsprechend der Gesetzeslage verhalten haben, bedauern wir das selbstverständlich“, erklärte das Unternehmen.«[1]

Die Selbstverständlichkeit des Bedauerns entlarvt den Pharmariesen. Geheucheltes Mitleid, purer Hohn für die Betroffenen. Selbstverständlich sieht sich die Firma nicht in der Verantwortung, will nicht in Verbindung mit Medikamentenversuchen an Kindern gebracht werden, will nicht zahlen. Diese Abwehrhaltung ist verständlich. Auch das hessische Sozialministerium bringt sich aus der Schusslinie, spart sich jedoch das „selbstverständliche“ Bedauern. »„Wie auch aus der Veröffentlichung von Frau Wagner hervorgeht, gab es damals keine gesetzlichen Vorschriften, Medikamententests bei einer zuständigen Bundesoberbehörde anzumelden.“ Außerdem unterlagen die Tests noch nicht der behördlichen Überwachung durch die zuständige Landesbehörde. „Das erklärt, warum wir hierzu keine Informationen aus dieser Zeit vorliegen haben.“«

So klug war man bei Merck nicht. Eine freud’sche Fehlleistung? Immerhin bleibt ungeklärt, auf welcher Grundlage Merck der Ärztin des Kinderheims Hephata ein noch nicht zugelassenes Mittel lieferte[2], das „typischerweise bei Psychosen oder Schizophrenien eingesetzt“ wird. Wen beliefert heute die Firma Merck mit nicht zugelassenen Arzneimitteln? Und lehnt die Verantwortung für ihren Einsatz ab? Die Selbstverständlichkeit des Bedauerns ist eine verräterische Nebelgranate, die verdecken soll, dass Merck tiefer verstrickt ist, als die Firma zugibt.

Es kommt aber noch deutlicher: »Zugleich wies die Firma darauf hin, dass seinerzeit nicht nur Arzneimittel von Merck an Kindern in Einrichtungen getestet worden seien, sondern auch von vielen anderen Pharmafirmen. Tatsächlich enthält Wagners Arbeit Hinweise auf Medikamente von Behring, Boehringer Mannheim, Pfizer und anderen Herstellern.« Ist doch schön, andere auch!

Ungeklärt bleibt, auf welcher wissenschaftlichen Versuchsbasis und mit welchem Wissen über die Hintergründe die Firmen die Zulassung solcher Medikamente erlangt haben.

Weiter ist zu fragen, wie es denn heute läuft mit der Transparenz bei der Testung und Genehmigung von Arzneimitteln? Kann man vonseiten der Firmen wie der Behörden ausschließen, dass solche Versuche ganz einfach ins Ausland verlagert wurden, in Länder, die es mit den Menschenrechten nicht sonderlich genau nehmen?

Fairerweise ist das Dilemma zu benennen. Arzneimittel müssen in einem sorgfältigen Prozedere getestet und zugelassen werden. Nach der angenommenen Unbedenklichkeit kommen Tierversuche, danach die Versuche an Testpersonen. Medikamente für Kinder sind nicht an Kindern getestet, sie werden, soweit ich weiß, off-label[3] verschrieben: Die Dosis für Erwachsene wird nach Körpergewicht für Kinder runtergerechnet. Das muss nicht in jedem Fall unproblematisch sein. Doch auch hier haben die Pharmafirmen die Verantwortung den verschreibenden Ärzten zugewiesen.

Diese Sachlage könnte ganze Ethik-Kommissionen ins Rotieren bringen. Doch die befassen sich wohl lieber mit populäreren Themen. Selbstverständlich?

[1] Alle Zitate nach: http://www.lampertheimer-zeitung.de/wirtschaft/wirtschaft-suedhessen/merck-medikamente-wurden-auch-an-hessischen-heimkindern-getestet_17454613.htm

[2] So geht es aus den Unterlagen der Firma Merck hervor. Das Mittel wurde auch an den Arzt im Essener Franz-Sales-Haus geliefert, der es an Kindern von fünf bis 13 Jahren erprobte und die Leiden der Kinder akribisch beschrieb. Es soll sich um bis zu 40 Probanden gehandelt haben.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Off-Label-Use

Ein #Aufschrei bitte, fordert Renate Künast

… und das zu Recht. Es droht ein Gesetz, das es erlaubt, Medikamentenversuche an Personen durchzuführen, die nicht einwilligungsfähig sind, dement also. Man lese die Argumente[1]. Ich möchte sie erweitern um das Thema der Versuche an Heimkindern[2]. Bis heute werden sie nicht entschädigt für Versuche, die in übler Nazi-Tradition, teils von Nazi-Tätern rechtswidrig an ihnen vorgenommen wurden.

Wird es den Aufschrei geben? Ich fürchte nein. Ein Vorspiel dafür bot die ARD[3]. »Gestern, am 17. Oktober 2016, schlug die ARD voll zu: „Sie entscheiden über das Schicksal eines Menschen!“, lautete die tagelang vorgeschaltete Werbung des WDR für den Fernsehfilm Terror, eine Abfilmung eines gleichnamigen Theaterstücks von Ferdinand von Schirach[4] Ich twitterte: Unethischer Populismus, und Fischer schrieb von der größtmöglichen Verarschung des Publikums.[5]

Beides ist richtig. Das Publikum wurde aufs Glatteis geführt und ist darauf ausgerutscht – dies könnte sich bei der Medikamentenfrage wiederholen. Das Glatteis heißt Utilitarismus, und zwar ein äußerst platter, der ohne Rücksicht auf Individuen und ihre Rechte den größtmög­lichen Nutzen an der größeren Zahl von Betroffenen festmacht. Die Zuschauer fielen darauf rein, wogen die Zahl der Flugzeuginsassen gegen die Zahl der Stadionbesucher ab und plädierten für Freispruch – ohne groß nachzudenken.

Und die Medikamententests an Dementen? Ist doch klar: Die Testergebnisse nützen einer großen Zahl – unter denen wir uns auch selbst befinden könnten. Was ist dagegen eine kleine Gruppe von Leuten, die gaga sind, nicht mehr merken, was man mit ihnen macht und die ohnehin bald sterben werden?

Ein Aufschrei? Ja, dies ist einer. Schreien Sie mit!

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/renate-kuenast-keine-forschung-an-demenzkranken-14497501.html#GEPC;s3

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/20/die-kuh-ist-noch-lange-nicht-vom-eis-medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/05/es-geht-nicht-um-das-ob-von-medikamentenversuchen-an-kindern-und-jugendlichen-denn-daran-besteht-kein-zweifel-es-geht-um-das-ausmass-und-das-soll-verhehrend-sein/

http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/25/medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen-ein-ideales-menschenmaterial/

[3] http://programm.ard.de/TV/Untertitel/Nach-Uhrzeit/Alle-Sender/?sendung=2810618737698567

[4] »Als Theaterstück läuft es seit einem Jahr sehr erfolgreich, allein in Düsseldorf nudelte man es in der letzten Saison über 60 Mal herunter. Im Theater stimmen gemeinhin 60 Prozent der Zuschauer für „unschuldig“. Im Fernsehen waren mehr als 80 Prozent.« http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/ard-fernsehen-terror-ferdinand-von-schirach-fischer-im-recht/komplettansicht

[5] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/ard-fernsehen-terror-ferdinand-von-schirach-fischer-im-recht/komplettansicht

Die methodische Zurichtung des Menschen

Posted in Ethik, Kinder, Kinderrechte, Kindeswohl, Leben, Pädagogik, Psychologie, Theologie, Therapie by dierkschaefer on 18. Februar 2016

Was für eine Aufregung! Ich hatte in ein Wespennest gestochen, als ich den Hinweis auf youtube[1] kommentierte mit: „klar, das ist umprogrammierung. wenn’s hilft, so what?“ Ich hatte auf einen Tweed geantwortet. Dann lief’s twittertypisch frei nach Schiller „Und, wie im Meere Well auf Well, so läuft’s von Mund zu Munde schnell“. Die Tweeds und Retweets eroberten mein Postfach. Das Gute an Twitter: Es regt an, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Das Schlechte: Nach dem Freund-Feind-Schema wird man schablonenhaft eingeordnet – und läuft Gefahr, dieses auch zu tun.

Es ging um eine behavioristische Behandlungsmethode[2] für autistische Kinder, um sie aus ihrer krankheitsbedingten Abkapselung herauszuholen.

Was war bei youtube zu sehen? Eine nervige Therapeutin, nein, eine Therapeutin mit nerviger Methode war bemüht, dem Kind Aufmerksamkeit abzuverlangen und Interaktion aufzudringen; es sollte aufmerksam sein und ihre Gesten nachmachen. Das Ganze sehr hektisch, das Kind eher langsam, doch es wirkte nicht unglücklich. Ich bin kein klinischer Psychologe, darum muss ich mich auf die Ergebnisse solcher Therapien konzentrieren – und die auch kritisch betrachten. Das soll hier angesichts der Vielfalt und Komplexität des Krankheitsbildes Autismus[3] nicht geschehen. Doch der Schlagabtausch auf Twitter wurde grundsätzlich – und ideologisch: »„Programmierung“ ist Mind Control und niemand sollte dieser Gewalt ausgesetzt werden! #noABA / @_Kinderrechte_ @dierkschaefer @QuerDenkender

Zunächst zu Programmierung und Mind Control. Da gibt es tatsächlich Überschneidungen.

Das Stichwort Programmierung erinnerte mich an die 70er Jahre, in denen Jugendliche in die Fänge von „Jugendreligionen“ geraten und dort völlig umgepolt waren mit Methoden, die man Gehirnwäsche [4] nannte. Es kam vor, dass Eltern daraufhin ihre Kinder kidnappten und Fachleuten übergaben, um diese Programmierung durch Umprogrammierung rückgängig zu machen.[5]

Das Bild von einem programmierbaren Menschen hat etwas Unheimliches an sich.[6]

Doch wenn es um anerkannte Krankheiten geht und man keinen anderen Zugang findet, könnte Programmierung ja eine Möglichkeit sein, wenn sie es ermöglicht, ein zufrieden­stellendes Leben in dieser Gesellschaft zu führen. Schließlich ist Programmierung keine Lobotomie. Doch die Fundamentalkritik richtet sich nicht nur an die bewußt-gezielte Formung menschlichen Denkens. So hat Snowweird einem grundlegenderen Tweed zustimmt: Wenn doch Erwachsene Erwachsene heißen u. nicht Erzogene, können wir dann aufhören, Kinder zu erziehen, u. sie dafür einfach wachsen lassen?“[7]

Dahinter stecken romantisch-naturverbundene Vorstellungen, ein Kind entwickele sich (wie ein Tier?) von allein. Einfach wachsen lassen … nicht einmal pädagogische Anregun­gen und Förderungen sind vorgesehen. Man muss das Kind wohl nur satt und sauber halten. Das reicht. Damit kann man sich nicht einmal auf Rousseau berufen, der immerhin meinte, man müsse ein Kind „durch die Notwendigkeit der Dinge erziehen“.[8] Zur Notwendigkeit der Dinge zähle ich auch manches, was Kinder nicht mögen und noch nicht verstehen, wie z.B. Impfungen, Operationen, den Zahnarzt, aber natürlich nicht Beschneidungen oder Ohrstechen, auch nicht das forcierte Training für sportliche oder musikalische Höchstleistungen.

Schwierig wird’s mit den Themen 1. Behinderungen und 2. psychiatrische Diagnosen. Manche fassen diese Dinge ja auch als Auszeichnung auf.

Ad 1: Da wird die Tochter zur „Trägerin des Down-Syndroms“ stilisiert.[9] Ja, geht’s denn noch? Ich komme regelmäßig in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung und sehe was dort los ist: Überwiegend sympathische Menschen unterschiedlichen Alters, die mich teils mit großem HALLO begrüßen, manche reagieren auch gar nicht. Doch auch die Freundlichkeit hat mit den Einschränkungen, hat mit Distanzlosigkeit zu tun. Sie leben in einem Schonraum. Wer Inklusion fordert, ist ahnungs- oder herzlos.

Ad 2: Macht man sich auf die Suche nach Therapiemöglichkeiten für psychisch Kranke, wird man schnell entmutigt. Es gibt eben nur das, was sich auch rechnet. Angefangen von Medikamen­ten für seltene Krankheitsbilder[10] bis zur Findung einer erkennbar dafür fachkundigen Thera­peu­tin, die nicht nach Beginn der Therapie im ihr zustehenden Mutterschutz verschwindet. Die prinzipielle Austauschbarkeit behavioristischer Therapeuten hat auch ihre Vorteile, – doch auch diese sind ausgebucht. – Kommen aber geistige Behinderung und psychiatrische Erforder­nisse zusammen, wird man kaum jemand finden, der hinreichend sachkundig ist. Und wenn, dann beträgt die Wartezeit zuweilen zwei Jahre.

 

Wozu erziehen wir Kinder – wenn wir sie denn erziehen wollen?[11] Sie sollen lebensfähig gemacht werden für die Welt, in die sie hineinwachsen. Die hat sich gegenüber früher deutlich verändert. Aber immer sind es wirtschaftliche Notwendig­keiten, die über eine erfolgreiche Anpassung entscheiden, früher wie heute.

Entwicklung der Moderne am Beispiel der Lebensgemeinschaft… Hier ist viel Platz und Notwendigkeit für Systemkritik.[12]

Doch abgesehen von den Notwendigkeiten geschieht Erziehung auch unbemerkt. Die Formung der Persönlichkeit beginnt bereits während der Schwangerschaft. Das muss hier nicht näher ausgeführt werden; darüber wurde in der letzten Zeit viel publiziert, angefangen vom Speisezettel bis hin zum Musikgeschmack der werdenden Mutter. Einschneidender ist ihr Drogenkonsum. Die Tatsache, dass kaum noch Trisomiekinder geboren, weil sie abgetrieben werden, ist als Negativauswahl und damit Vorläufer des Designer-Babys[13] zu sehen. Da dürfte in absehbarer Zukunft die Auswahl schwierig werden für das Nobelpreis-Komitee und für die Miss-Germany-Wahl, an die Miss-World gar nicht zu denken.

Wie Kinder für unsere Gesellschaft passend gemacht werden, mit unserem Zutun aber ohne bewußtes Ziel, zeigen die Wissenssoziologen Berger und Luckmann an einem banalen Beispiel. Wie lernt ein Kind, dass es mit der Suppe nicht kleckern soll?[14] Ich weiß; manche Eltern meinen, ihr Kind dürfe, ja müsse mit allem rumschmieren – und machen sich zum Sklaven. Auch das ist Erziehung – aber keine gute. Doch man kann jedes andere Beispiel nehmen: Die Kinder ahmen nach, was man ihnen vorlebt, im Guten wie im Schlechten. Das wird erst mit der Pubertät anders – und diese Freiheit sollte im Erziehungsverständnis enthalten sein, was allerdings in fundamentalistischen Familen recht selten sein dürfte. Fundamentalismus hat viele Spielarten, nicht nur klassisch religiöse.

Selbstverständlich übernehmen unsere Kinder auch unser Wertesystem und unsere Weltan­schauung, sei sie liberal, sozial, konservativ, fromm, bigott – oder wie auch immer. Sie lernen an unserem Vorbild und wir freuen uns, wenn sie so werden wie wir. Das ist normal; so reproduziert sich Gesellschaft.

 

Die Spitze war, dass jemand dieser namhaften Twitterer[15] in meinem Profil gesehen hatte, dass ich – nicht nur, aber auch – Pfarrer bin. Eine gewisse Angie R.[16] twitterte:

„Kinder sollten überall auf der Welt geschützt werden von Religion, Politikern & Pädophilen“. Damit war alles klar und ich fand mich in illustrer Gesellschaft. Pfarrer sind wie Pädophile. Sie missbrauchen Kinder[17], wenn nicht körperlich, so doch seelisch mithilfe von Religion. Religion formt, sie deformiert das Kind, und das darf nicht sein. Wenn schon Religion, dann soll das Kind später selber entscheiden können, ob und wie religiös es sein will. Denn Religion ist Entscheidungssache wie der Kleiderkauf. Paßt der Islam zu mir, oder der Buddhismus, vielleicht Hindu oder Stammesreligion, wenn Islam, dann Sunna oder Schia, oder vielleicht doch das Christentum, aber welche Konfession? [18]Bei der unübersichtlichen Auswahl, lassen wir’s vielleicht doch lieber gleich ganz. – Ich vermute Zustimmung.

Zu dieser Naivität, fast hätte ich gesagt sancta simplicitas, gesellt sich seit einiger Zeit und besonders im Netz, eine Geisteshaltung, die ich nur als gruppenbezogene Menschenfeind­lichkeit auffassen kann.[19] Wurden Pfarrer früher eher als weltfern-fromme Naivlinge hingestellt, so begegnet uns im Netzdiskurs zudem eine zunehmende Feindseligkeit, die sich nicht nur auf die Rolle der Kirchen beschränkt, sondern Christentum und Religion allgemein ins Fadenkreuz nimmt. Die Diffamierung im genannten Tweed ist aber nicht weiter erstaunlich. Da sehr viele, wenn nicht die meisten Menschen, von Religion und Theologie wenig oder keine Ahnung haben, können sie nicht wissen, dass ein Theologiestudium eine gute Grundlage abgibt, ideologiekritisch zu werden, auch gegenüber der eigenen Weltanschauung.

So bastelt man naiv und munter seine eigene Ethik, völlig unbeleckt von der Spannung zwischen Gesinnung und Verantwortung: Es komme nicht auf den Erfolg einer Therapie an, sondern auf ihre Ethik. Es ist ja lobenswert, dass Ethik als nötig erachtet wird. Selbstverständlich rechtfertigt der Zweck nicht jedes Mittel. Wenn man aber erfolgreiche Alternativen hat, die ethisch besser sind, um so besser – doch nur dann.

[1] https://www.youtube.com/watch?v=SLBLnNxzftM

[2] „Applied Behavior Analysis“ (ABA), https://de.wikipedia.org/wiki/Applied_Behavior_Analysis Man beachte den Hinweis auf die Diskussionsseite

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Autismus Ich zitiere Wikipedia, von dort aus kann man weitersuchen.

[4] Gehirnwäsche https://de.wikipedia.org/wiki/Gehirnw%C3%A4sche

[5] Hier greife man auf ein Beispiel von programmierenden Erziehern zurück: https://de.wikipedia.org/wiki/In_den_F%C3%A4ngen_einer_Sekte

[6] Die scientologische Parallelwelt: https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/02/gefangen-in-der-parallelwelt/

[7] Glory Illmore@_machtworte 18. Dez. 2014

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Emile_oder_%C3%BCber_die_Erziehung

[9] Defizite darf man nicht sehen oder gar als solche ansprechen. Dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Ableism .

[10] Es geht nicht nur um Ökonomie. So werden für Kinder die Medikamente der Erwachsenen meist nur unter Berücksichtigung von Alter oder Körpergewicht angepasst, also off label angewendet, denn an Tests mit Kindern wagt man sich heute nicht mehr heran.

[11] »Hätten nicht die neuen Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition revoltiert, würden wir noch heute in Höhlen leben; wenn die Revolte gegen die ererbte Tradition einmal universell würde, werden wir uns wieder in den Höhlen befinden.« Leszek Kolakowski

[12] Empfohlen sei: Hubert Treiber/Heinz Steinert, Die Fabrikation des zuverlässigen Menschen – Über die „Wahlverwandtschaft“ von Kloster- und Fabrikdisziplin, München 1980, neu: Münster 20051

[13] Die Präimplantationsdiagnose und das Embryo-Screening könnten zu einer regelrechten sexuellen und genetischen Selektion führen (sog. Designer-Babys). Wenn Eltern in die Lage versetzt werden, bestimmte Eigenschaften ihrer künftigen Kinder auszuwählen, dann würden sie dies ausnutzen, um intelligentere, größere und schönere Kinder zu haben. : https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Fukuyama

[14] Die primäre Sozialisation bewirkt im Bewußtsein des Kindes eine pro­gressive Loslösung der Rollen und Einstellungen von speziellen Anderen und damit die Hinwendung zu Rollen und Einstellungen überhaupt. Für die Internalisierung von Normen bedeutet zum Beispiel der Über­gang von »Jetzt ist Mami böse auf mich« zu »Mami ist immer böse auf mich, wenn ich meine Suppe verschütte« einen Fortschritt. Wenn weitere signifikante Andere – Vater, Oma, große Schwester und so wei­ter – Mammis Abneigung gegen verschüttete Suppe teilen, wird die Gültigkeit der Norm subjektiv ausgeweitet. Der entscheidende Schritt wird getan, wenn das Kind erkennt, daß jedermann etwas gegen Sup­peverschütten hat. Dann wird die Norm zum »Man verschüttet Suppe nicht« verallgemeinert. »Man« ist dann man selbst als Glied einer All­gemeinheit, die im Prinzip das Ganze einer Gesellschaft umfaßt, soweit diese für das Kind signifikant ist. Das Abstraktum der Rollen und Ein­stellungen konkreter signifikanter Anderer ist für die Sozialpsychologie der generalisierte Andere9. Das Zustandekommen solcher Abstraktion im Bewußtsein bedeutet, daß das Kind sich jetzt nicht nur mit kon­kreten Anderen identifiziert, sondern mit einer Allgemeinheit der An­deren, das heißt mit einer Gesellschaft. Nur kraft dieser allgemeinen Identifikation gewinnt seine eigene Selbstidentifikation Festigkeit und Dauer. Es hat nun nicht nur eine Vis-à-vis-Identität diesem oder jenem signifikanten Anderen gegenüber, sondern überhaupt Identität, die es subjektiv als gleichbleibend erfährt, welchen anderen, signifikant oder nicht, es auch begegnet. Diese von nun an kohärente Identität vereinigt in sich all die verschiedenen internalisierten Rollen und Einstellungen – unter anderem auch die Selbstidentifizierung als jemand, der seine Suppe nicht verschüttet. Das erwachende Bewußtsein für den generalisierten Anderen markiert eine entscheidende Phase der Sozialisation. Sie bedeutet, daß die Gesell­schaft als Gesellschaft mit ihrer etablierten objektiven Wirklichkeit internalisiert und zugleich die eigene kohärente und dauerhafte Iden­tität subjektiv etabliert wird. Gesellschaft, Identität und Wirklichkeit sind subjektiv die Kristallisation eines einzigen Internalisierungsprozesses. Diese Kristallisation ergibt sich im Gleichschritt mit der Internalisierung von Sprache. Sprache ist aus Gründen, die nach unseren ein­schlägigen Erörterungen evident sein dürften, sowohl der wichtigste Inhalt als auch das wichtigste Instrument der Sozialisation. – aus: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Eine Theorie der Wissenssoziologie, in der Reihe: Conditio humana, Ergebnisse aus den Wissenschaften vom Menschen, Herausgegeben von Thure von Uexküll, Ilse Grubrich-Simitis, Frankfurt 19744

[15] Da gibt es ganz ehrenwerte Namen wie: Erdrandbewohner, Sandra M., Butterblumenland, Querdenkender, AleksanderKnauerhase, AnitaWorks, Phodopus Sungorus, Sternensucher, Aad Aspie, Robo, Martschl, Denise Linke, Fusselchen, Herr Bräsicke, Laura Gentile, Snowweird, die Buddy-Photos wie auch die Twitter-Adressen sind in hohem Grade aussagekräftig.

[16] Ihr Profil bei Twitter zeigt ein Ei auf grünem Hintergrund, die Angabe weiblich, NRW und ihre Tweed-Adresse: https://twitter.com/Libelle2000R . Dort kann man auch ihre sonstigen Beiträge sehen.

[17] Das lesen wir ja fast täglich in der Zeitung und die katholische Kirche darf man sogar ungestraft Kinderficker-Sekte nennen. http://www.vaticanista.info/2012/02/16/katholikenfeindliches-urteil-rechtskraftig/

[18] Ich bitte um Entschuldigung, dass ich nicht alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften aufgeführt habe, und gebe zu, dass dies Diskriminierung zugunsten der Mainstream-Religionen ist.

[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenbezogene_Menschenfeindlichkeit