Dierk Schaefers Blog

Petition an den bayrischen Landtag

Veröffentlicht in News, heimkinder von dierkschaefer am 6. November 2009

Ein Runder Tisch soll auch für die bayrischen Heimkinder eingerichtet werden.

Niedersachsen und Hessen (auch einige andere Länder) haben bereits einen Runden Tisch.

Bayern und Baden-Württemberg haben noch keinen.

Hier die Petition an den Bayrischen Landtag:

Richard Sucker

90471 Nürnberg

An den Bayrischen Landtag

Max-Planck-Str.1

81675 München

Familienministerium

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales

Ministerium der Justiz

Ehemalige Heimkinder

Antrag eines „Runden Tisches“ in Bayern

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren des Landtages v. Bayern

Hiermit fordere ich den Bayrischen Landtag auf, die Einrichtung eines „Runden Tisches“ für eine öffentliche Anhörung von ehemaligen Heimkindern voranzutreiben.

Es ist von großer Wichtigkeit das Unrechtsschicksal vieler Heimkinder in den 50er, 60er u. 70er Jahre endlich aufzuklären.

Das Land Bayern hat einen großen Anteil an den damaligen Erziehungsheimen und hat sich dieser Aufarbeitung zu stellen.

Die Aufsichtpflicht der zuständigen Behörden hat in dieser Zeit versagt.

Kinder und Jugendliche, die in den damaligen Einrichtungen leben mussten, leiden nach Jahrzehnten unter den Misshandlungen, denen sie in den Heimen ausgesetzt waren:

° unrechtmäßige Heimeinweisung

° körperliche Züchtigung, Schläge mit Fäusten und Gegenständen (Körperverletzung)

° medizinische nicht indizierte Medikamentenausgabe

° sexuelle Übergriffe

° menschenunwürdige Behandlung (z.B. erzwungenes Essen von Erbrochenen)

° Bestrafung bei unerlaubten Lachen, Gesprächen oder Kleinigkeiten im Alltag= es gab Einzelhaft

(sog. Besinnungszimmer, Klabausen, Bunker o.ä.)

° kontrollierte u. vorenthaltene Postsachen

° Vorenthaltung adäquater Berufsausbildung

° erzwungene Arbeit

° der Umgang mit Bettnässern, verstörte und traumatische Betroffene wurden entwürdigt und

zus. mit Schlägen bestraft.

°  entwürdigende Untersuchungen bei den jungen Frauen auf dem gyn. Stuhl

Vielfache sexuelle Übergriffe haben von Erziehern an ihren Schutzbefohlenen stattgefunden.

Die verbalen Beschimpfungen klingen vielen Ehemaligen auch heute noch „in den Ohren“.

Systematisch wurden wir gedemütigt.

Es sind Menschenrechtsverletzungen an Kindern und Jugendlichen von unglaublichem Ausmaß geschehen.

Diese unwürdige Lebenssituation vieler Zwangseingewiesenen kann und darf nicht übergangen werden.

Von den Familien oft für immer getrennt, bei einer allein erziehenden hatten die Jugendämter

„ein leichtes Spiel“.

Schon der kleinste Anlass führte dazu, dass die Amtsrichter einen Beschluss fassten ohne den Jugendlichen je gesehen zu haben, geschweige denn, dass die Jugendlichen angehört wurden.

Die Einweisungs- Gerichtsbeschlüsse gingen routinemäßig vom Schreibtisch aus.

Aus ihrem sozialen Umfeld heraus gerissen, wurden die „Verurteilten“ in die Erziehungsheime

von den zuständigen Jugendfürsorgern, hinter verschlossenen Türen und hohen Mauern,

Zwangs eingewiesen.

Als asozial wurden diese Menschen „abgestempelt“ und so wurden sie in diesen Heimen

empfangen und als „Minderwertige“ behandelt.

Die Erzieher hatten „Handlungsfreiheit“ und sie haben gehandelt….!

Eine Bedrohung der Erzieher, Diakonissen, Nonnen und Ordensbrüder, stand immer im Raum.

Vergabe von Medikamenten wurde den Schutzbefohlenen eingeflösst,

als „Bonbons“ bei Kleinstkindern,

bei Jugendlichen heimlich in den morgendlichen Frühstückkaffee.

Bei den jungen Frauen setzte die monatliche Regel, oft für die nächsten Jahre aus.

(Körperverletzung ?).

Auf Anfragen bei den Ordensleuten zu Gesprächen die zu einer Aufarbeitung führen könnten,

wurden Termine oft abgelehnt. Einfache Fragen, nach dem „Warum“, wurden nicht beantwortet,

Die Schwestern vom Vincenzheim sagen heute: “wir hatten einen Erziehungsauftrag“.

Die Betroffenen werden auch heute noch abgewimmelt und diese Angelegenheit verharmlost

(als Einzelfälle deklariert)

Bei den meisten schriftlichen Anfragen von Heim-Akten wird auf die Verjährungsfrist hingewiesen, bei einigen Betroffenen sind die Akten auf einmal an einer anderen Stelle aufzufinden.

Ein würdeloses Verhalten den Menschen gegenüber, die versuchen ihre schreckliche Heimvergangenheit aufzuarbeiten.

Diese Würde wurde all denen genommen, die als Kinder und Jugendliche weggesperrt wurden.

Gewalt verändert die Autonomie und Individualität eines Menschen und dadurch wurde bei den jungen Menschen die Würde schwer verletzt.

Gleichgültig wer die Misshandler waren, Eltern oder Institutionen und welche Misshandlungen jeder Einzelne als Kind oder als Jugendlicher ertragen musste, der Schaden bleibt als Trauma ein Leben lang haften.

Ein generationsübergreifender Schaden an Leib und Seele ist bei den ehemaligen Heimkindern entstanden.

Ich möchte darauf hinweisen, dass es sich nur einige wenige öffentlich zu Wort melden.

Viel liegt noch im Verborgenen und viele Betroffene schweigen weiter

vor Scham ein Fürsorgezögling gewesen zu sein.

Die Angst im Berufsleben „entdeckt“ zu werden oder in der Familie sich über die Einweisung in eine Erziehungsanstalt äußern zu müssen, ist bei vielen auch heute noch präsent.

Wichtige Forderung der ehemaligen Heimkinder:

o Betroffene wollen ihr Recht und eine öffentliche Entschuldigung

von Staat und Kirche

o Entschädigung für unbezahlte Arbeit und entgangene Rentenansprüche

o Die Anerkennung der ehemaligen Heimkinder als Gewaltopfer

und die Klärung der sexuellen Übergriffe

o Klärung von Verabreichung von Medikamenten- Vergabe (Beruhigungsmittel)

an Kinder und Jugendliche,

o Die Sicherung der Heim-Akten und Zugänglichmachung in allen beteiligten Institutionen

o Aufhebung der Verjährungsfrist (seelische Grausamkeiten)

o Zwangsmissionierungen, (keine Selbstbestimmung der Religionen)

o Verschleierung der Misshandlungen,(von den Kirchen)

o Aufgabe der demütigen und diskriminierender Praxis der Versorgungsämter

im Umgang mit ehemaligen Heimkindern, die einen Antrag nach dem

Opferentschädigung- Gesetz gestellt haben.

Die Geschichten ehemaliger Heimkinder darf nicht weiter in Frage gestellt werden.

Ein Spiegel- Artikel 2003 und das Buch von Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn“

hat nicht nur in der Bundesrepublik aufsehen erregt, seitdem melden sich Betroffene aus allen Erdteilen.

Presse, Funk und Fernsehen haben viel über unser Schicksal berichtet.

Vorschlag für die Teilnahme an einem „Runden Tisch“ in Bayern:

Familienministerium

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales

Ministerium der Justiz

Caritas

Rummelsberger Anstalten

Diakonie Naila

Betroffenen- Liste anbei

u.a.

Hiermit möchte ich auf den Film

„DIE UNWERTIGEN“ von Renate Günter- Green hinweisen.

Vorpremiere: Sonntag, 15.Nov.09   12.00 Uhr Savoy, Graf Adolfstraße 47,Düsseldorf

In Anwesenheit des Filmteams, Zeitzeugen und der Redaktion des wdr

Nürnberg den                                                                 Richard Sucker

Ende der Petition

Mich erreichte noch ein Buchtipp über Heimkinderschicksale:

„Stille Schreie“  von Regina Page. Bestellungen u.a. bei

Regina-Eppert@web.de

Umfassende Rehabilitation gefordert

Veröffentlicht in News, heimkinder von dierkschaefer am 6. November 2009

Der Bochumer Theologe und Kirchengeschichtler Traugott Jähnichen berichtete dem Runden Tisch. Jähnichen plädiert für eine Entschädigung der ehemaligen Heimkinder, die unter Zwang und ohne Lohn und Sozialversicherung arbeiten mussten. Die Kirchen müssten die Betroffenen umfassend rehabilitieren, sagte er dem epd.

Aus: http://www.jesus.de/blickpunkt/detailansicht/ansicht/159873gehorsam-und-strafen-praegten-christliche-erziehung.html

Freitag, 6. November 2009

Die „Unwertigen“ – Welche Kinos bringen diesen wichtigen Film?

Veröffentlicht in News, heimkinder von dierkschaefer am 28. Oktober 2009

»Sie wirkt gefasst, als sie den Kinosaal verlässt. Eine ernste Frau, die mit ruhiger Stimme spricht. Den Film hat sie schon mehrfach gesehen, ihren Film. „Das Thema ist im Film ganz neu. Das gab es so im Kino noch nicht.“ Doch es ist mehr als das einzigartige Thema, welches „Die Unwertigen“ beeindruckend und bezwingend relevant macht. „Kinder, die in der Naziideologie als unwert galten, wurden aussortiert und umgebracht. So bin ich auf den Titel „Die Unwertigen“ gekommen.“ … Besonders schockierend empfindet sie, dass Erziehungsmethoden und Wertesystem der SS-Zeit bis Ende der 60er Jahre beibehalten wurden: „Die haben sich genauso verhalten, wie die Nazis. Es war das gleiche Gedankengut. Hätte sich nicht eine Psychologin, Frau Zovkic, für Frau Schreyer eingesetzt, wäre sie immer noch eingesperrt. Die wertlosen Kinder lebten in einer gesellschaftlichen Nische nach dem Krieg. Keiner kümmerte sich um sie. Meistens war es Heime der Diakonie oder katholische Heime. Aber sie verhielten sich nicht christlich. Die Gesellschaft hat das damals nicht in Frage gestellt.“ Über das Finden der „unwertigen“ Kinder erzählt Renate Günther-Greene: „Es war ein richtiger Jugendtourismus. Die haben die Kinder quer durch Deutschland geschippert, um die Spuren zu verwischen. Dann wurden die Eltern lange nach dem Tod benachrichtigt. Teilweise haben Angehörige gemerkt, daß da etwas nicht stimmt. Es war das gleiche Prinzip wie zur Nazizeit.“ «

Volltext unter:

http://www.weltexpress.info/cms/index.php?id=6&cHash=ca28982f72&tx_ttnews[tt_news]=24431&tx_ttnews[backPid]=385

Bild: Copyright/Eckhard Kowalke

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Ausstellung “Im Namen des Herrn“

Veröffentlicht in News, heimkinder von dierkschaefer am 26. Oktober 2009

Vernissage

Sie lassen das Leid erahnen, welches die Kinder damals ertragen mussten.

Die hier gezeigten Kunstwerke haben auf Grund ihrer politischen Brisanz, bundesweit und auch international in den Medien Aufsehen erregt.

Erstmalig seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland hat ein Kirchenoberhaupt, Landesbischöfin Käßmann, Schuld eingestanden und um Vergebung gebeten für die über 1 Millionen Kinder die in sogenannten Heimen der Kirche interniert waren und dort unbeschreibliches Leid (Zwangsarbeit, Prügel und sexuelle Übergriffe) erleiden mussten.

Viele ehemalige Heimkinder sind bis zum heutigen Tag traumatisiert.

Das ist die von beiden Künstlern dargestellte Thematik dieser Ausstellung.

Gudrun Adrion und Eckhard Kowalke beschreiben als Betroffene  das Szenario künstlerisch glaubwürdig.

Kowalke: In diesen „Kindergefängnissen“ der Kirche wurden die Menschenrechte mit Füssen getreten.

„Um das Böse bekämpfen zu können muss man es Sichtbar machen!“

Die Ausstellung läuft bis 30. November 2009 – bei Drews Optik in der Großen Straße 18 in Flensburg.

 

mehr Infos unter   www.die–grosse.com

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Wiedergutmachung

Veröffentlicht in News, heimkinder von dierkschaefer am 25. Oktober 2009

Die Leidtragenden von Agent Orange erhalten von der [vietnamesischen] Regierung umgerechnet 25 Euro im Monat, mehr ist nicht drin. Vietnam ist ein armes Land. Die amerikanische Regierung und die Chemiefirmen, welche die Mittel hergestellt hatten, wollen keinerlei Wiedergutmachung leisten. Eine Sammelklage der Opfer beschied ein New Yorker Gericht im Jahre 2005 negativ mit der Begründung, niemand hätte die Absicht gehabt, Menschen zu vergiften.

Aus: Carsten Stormer, Krieg und kein Ende in: Sonntag Aktuell, 25. Oktober 2009, Seite 3

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Der Worte sind genug gewechselt, wir wollen endlich Taten sehn!

Veröffentlicht in News, heimkinder von dierkschaefer am 19. Oktober 2009

http://www.readers-edition.de/2009/10/13/geschwaetziges-papier-die-erklaerung-der-ev-landeskirche-hannover-vom-07102009/

Das sind klare Worte, lieber Herr Jacob. So klar schätzt man es in der Kirche nicht – und sie können es auch nicht. Insofern bitte ich um Nachsicht mit dem kirchlichen Sprachgebrauch.

Aber Sie haben Recht. Vor dem Hintergrund der Nazi-Verbrechen habe ich schon immer das Stuttgarter Schuldbekenntnis als unangemessen empfunden. Sie nennen es treffend Entschuldigungsgestammel.

Doch noch einmal: Ich bitte um Nachsicht mit den Schwestern und Brüdern in den Kirchenleitungen, zumindest solange, bis dem Gestammel der Fassungslosen keine angemessenen Taten folgen.

Bleiben die aus, dann hat sich das Gestammel als Zynismus erwiesen.

Wir werden sehen.

Ich freue mich, mit Erlaubnis von Herrn Kowalke seine Installation hier abbilden zu können: Vor der Kirche in Hannover-Herrenhausen hatte er das Leiden der ehemaligen Heimkinder als theologische Anklage formuliert. Auch dies waren klare »Worte«.

Kinderkreuz

über VERGEBUNG

Veröffentlicht in News, heimkinder von dierkschaefer am 19. Oktober 2009

Aus dem Mailwechsel mit einem ehemaligen Heimkind:

Sie haben mir geschrieben:

ich kann nicht vergeben, weil ich das nicht gelernt habe.

Angefügt haben Sie aus dem Internet eine Anfrage (offenbar an Alice Miller) mitsamt deren Antwort.

Frage: Erwachsenen, die als Kinder misshandelt wurden, wird meist geraten, ihren Misshandlern zu vergeben. Die Religionen lehren das, sowie die meisten psychotherapeutischen Ansätze. Diesem Ansatz widersprechen Sie in Ihren Büchern. Warum?

Antwort: Wie ich schon sagte: Der Körper versteht nichts von Religion und Moral. Wenn wir seine Erfahrungen der Grausamkeiten ignorieren, bezahlen wir unseren Selbstverrat mit Krankheiten oder lassen unsere Kinder ihn bezahlen, oder tun beides. Das Vergeben heilt nicht die Wunden, diese können nur durch das Zulassen der schmerzhaften Wahrheit ausgeheilt werden, nicht aber durch den Selbstbetrug. Um zu heilen, müssen die Wunden aufgedeckt werden und nicht verborgen bleiben. Viele Priester gebrauchen fremde Kinder für ihre sexuellen Wünsche, WEIL sie es niemals wahrhaben wollen, dass auch sie in der Kindheit so missbraucht wurden. Sie vergeben jeden Morgen global ihren Sündigern und wissen nicht, dass sie vom Zwang getrieben werden, das einst Erfahrene zu wiederholen und zu verleugnen. Würden sie sich mit der Geschichte der eigenen Kindheit konfrontieren und in einer aufdeckenden Therapie mit Zorn auf das ihnen Zugefügte protestieren, müssten sie nicht zwanghaft das Leben ihrer Ministranten gefährden. Dieses Konzept der Therapie beschreibe ich in meinen beiden letzten Büchern, vor allem in „Dein gerettetes Leben“.

Lassen Sie mich bei Ihrer Aussage beginnen, daß Sie nicht vergeben können, weil Sie das nicht gelernt haben.

Lernen kann man Vergeben auch nicht, jedenfalls nicht so, wie wir die Grundrechenarten lernen und dann können. Wir lernen, daß man vergeben soll, das kann ein moralischer Appell sein oder wir lernen es von einem glaubwürdigen Vorbild. Das ist vielleicht die Art Vergebung, von der Frau Miller spricht und die sie zu Recht ablehnt. Denn eine solche Vergebung ist nur angelernt. Das gilt nicht für die kleinen Dinge, bei denen die Entschuldigung und das War nicht so schlimm! im Rahmen zivilisierter Höflichkeit ablaufen. Ich spreche, und das meinen Sie ja auch, von dem großen Unrecht, das uns jemand angetan hat und das wir nicht leichthin vergeben können.

Vergebung läßt sich nicht einfordern! Niemand kann Sie zur Vergebung verpflichten. Niemand darf Sie moralisch nötigen, Ihren Peinigern zu vergeben. Vergebung ist eine freie (und befreiende) Handlung. Sie kann von dem Schuldigen erbeten werden. Das setzt aufrichtige Reue voraus, verpflichtet Sie aber dennoch nicht. Sie können nur vergeben, wenn Sie sich innerlich von der schlimmen Vergangenheit befreit haben. Das heißt nicht, daß Sie sie vergessen oder verdrängt haben, sondern Sie haben sich damit auseinandergesetzt und die Gewißheit und die Kraft gewonnen, daß diese Vergangenheit keine Macht mehr über Sie haben soll. Die glaubwürdige Reue eines Täters kann Ihnen helfen, mit der Vergangenheit fertig zu werden, weil damit Unrecht als Unrecht anerkannt wird und Sie in Ihrer Verletztheit gerechtfertigt sind. Bleibt die Reue des Täters aus, wird der Weg zum inneren Frieden länger.

Das Unrecht, das Sie erlebt haben, hat Sie zutiefst verletzt, hat Zorn, vielleicht auch Haß ausgelöst oder aber Sie in Selbstzweifel und Resignation gestoßen. All dies ist selbstzerstörerisch, denn es hält die Wunden offen. Es ist ja nicht nur das erlebte Unrecht. Mindestens ebenso schlimm ist die Folge, daß Sie kaum noch nach vorn schauen können, weil Sie immer zurückblicken müssen. Ihre Vergangenheit ist zu Ihrer Gefangenheit geworden, die Gefangenheit in der Opferrolle. Wenn Sie überleben wollen müssen Sie da rauskommen. Aber wie?

Ein Patentrezept dafür gibt es nicht. Wie kann es ein Außenstehender wagen, Ratschläge zu geben, die Sie ausbaden müssen? Nicht vergeben zu wollen ist Ihr gutes Recht.

Nicht vergeben zu können, ist Ihr Problem.

Vergebung ist ein schmerzhafter Prozeß, sie kostet Selbstüberwindung. Denn der Geschädigte geht erneut und immer wieder durch das Tal seiner Tränen, er klagt und klagt an, bis seine Klage Erfolg hat, und sei es nur der Erfolg vor Gericht, das dem Täter bescheinigt, im Unrecht zu sein und ihn dafür wie auch immer bezahlen läßt. Das kann auch ohne Reue hilfreich sein, und es funktioniert auch ohne Vergebung, weil der Geschädigte schließlich gesiegt hat. Doch der Erfolg kann auch ausbleiben.  Wenn der Geschädigte wieder nach vorn schauen und leben will, wird er akzeptieren müssen, daß er das Erleben als eine Art Schicksal hinnehmen muß. Das ist der lange, der schwere Weg. An seinem Ende kann, muß aber nicht, so etwas wie Vergebung stehen, eine Vergebung, die nicht mehr darauf angewiesen ist, daß der Täter bereut, weil der Vergebende sich als der stärkere Charakter erwiesen hat, stark geworden durch seinen Leidensweg und dessen Bewältigung.

Vergebung heißt: Das Unrecht kann ich nicht vergessen und du sollst es nicht vergessen. Aber es soll keine Macht mehr haben über uns, nicht  über mich, auch nicht über dich. Ich habe dich freigesprochen, ich bin so frei.

Für das Unrecht, daß über uns kommt, sind wir nicht verantwortlich, aber für das, was wir daraus machen.

Der Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl schreibt:

Das Unglück allein

ist noch nicht das ganze Unglück;

Frage ist noch,

wie man es besteht.

Erst wenn man es schlecht besteht,

wird es ein ganzes Unglück.

Das Glück allein

ist noch nicht das ganze Glück.

Vergeben können ist eine Chance, das Unglück zu bestehen.

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Offener Brief an den Präsidenten des Diakonischen Werkes

Veröffentlicht in News, heimkinder von dierkschaefer am 18. Oktober 2009

Sehr geehrter Herr Präsident,

mir wurde das Interview zugeleitet, das Sie im Programm »Deutschlandradio Kultur« am 15.6.09 gegeben haben (http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/982407/).

Dieses Interview hat mich bestürzt. Ich finde es unerträglich, wenn Sie auf die bedrückenden Zeugnisse ehemaliger Heimkinder mit den Erlebnissen anderer Heimkinder antworten, denen es anscheinend besser ergangen ist. Selbst wenn die Mehrheit der Heimkinder im fraglichen Zeitraum nicht unter Zwangsarbeit, Mißhandlung, Mißbrauch und ständigen Demütigungen gelitten haben mag, selbst wenn eine Vielzahl der damaligen Heimkinder dank des Heimaufenthaltes eine positive Wende ihres Lebenslaufes erfahren durften, so ist dies doch nicht gegen die Erlebnisse einer Vielzahl ehemaliger Heimkinder in Stellung zu bringen, deren Heimbehandlung man nur verbrecherisch nennen kann. Diese Leidensberichte sind vielfach nicht nur unter dem Aspekt forensischer Glaubwürdigkeitsbeurteilung authentisch, sondern inzwischen auch für einige Heime wissenschaftlich belegt. Daß es offensichtlich auch Heime oder Gruppen in den Heimen gab, in denen nicht zerstörerisch gearbeitet wurde, verschärft diesen Befund zu einer Anklage: Die »Schwarze Pädagogik« war offensichtlich nicht dem Zeitgeist, den knappen Mitteln oder dem schlecht ausgebildeten Personal geschuldet, denn es ging nachweislich ja auch anders. Insofern kann man Dr. Michael Häusler im Archiv des Diakonischen Werkes nur ermuntern, auch die positiven Fälle in die Öffentlichkeit zu tragen.

Sie haben Recht, wenn Sie sagen, daß es bei aller historischen Aufarbeitung, immer noch nicht klar [ist], um wie viele Menschen es sich tatsächlich handelt. Doch für die vielen, deren schlimmes Heimschicksal nun vorliegt, kann man sich doch bereits Gedanken machen über Entschädigungsmöglichkeiten.

Ihre Interviewpartnerin Heise fragte: Also ein Entschädigungsfonds zum Beispiel, gebildet aus dem Staat, den Kirchen und aber auch den Unternehmen, die die Kinder ja haben arbeiten lassen. Wurde so was schon mal gedacht? Und Sie antworteten: Was gäbe es dafür für Kriterien? Die müssten dafür aufgestellt werden. Ich sage es noch einmal: Ich möchte dem Runden Tisch nicht vorgreifen.

Diese Antwort ist unerträglich. Ein ehemaliges Heimkinder schrieb mir, wenn der Runde Tisch planmäßig seinen Bericht im Jahre 2011 vorlegen wird, dürfte aber ein Teil der betroffenen Heimkinder nicht mehr unter uns weilen.

Zudem wurden bereits Kriterien genannt. Am 2. April habe ich dem Runden Tisch im Rahmen der Anhörung (http://dierkschaefer.wordpress.com/page/3/) Vorschläge gemacht (http://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/verfahrensvorschlage-rt.pdf).

Es mag vielleicht tauben Ohren gepredigt gewesen sein, aber die Vorschläge liegen auf dem Tisch und sind im Internet zugänglich. Das muß man nicht genauso machen, wie ich das vorgeschlagen habe, aber diese Richtung wird gar nicht verfolgt, zumindest nicht erkennbar.

Es gibt einen Tatanteil, der pauschal behandelt werden kann, das ist die nachgewiesene Zwangsarbeit. Ich habe hierfür einen Fonds  »Äquivalenzzahlungen für entgangene Rentenansprüche« vorgeschlagen.

Weiter gibt es einen Tatanteil, dessen Folgen therapeutisch angegangen werden können. Die Bezahlung der Therapien kann pauschal beschlossen werden; die Therapiekosten wären dann von den Therapeuten über einen Therapiefonds abzurechnen.

Schließlich – und das, aber nur das, geht nicht mehr pauschal – ist ein Fonds für die Entschädigung einzelner einzurichten. Hier benötigt man die Einzelfallprüfung, die allerdings so ausfallen muß, daß Retraumatisierungen vermieden werden. Auch dafür habe ich Vorschläge gemacht (http://dierkschaefer.wordpress.com/2009/06/08/die-heimkinder-konnen-auch-selber-forschen/).

Sie erwecken mit Ihrer Antwort auf Frau Heise leider den Eindruck, daß hier auf Zeit gespielt wird. Sollte dieser Eindruck falsch sein, entkräften Sie ihn bitte.

Eins noch: Ich bin Pfarrer und vermisse generell das Bemühen um theologische Aufarbeitung der Vorkommnisse in den Heimen. Diese Einrichtungen waren dem christlichen Glauben verpflichtet. Hier wäre der Gedanke des Rettungshauses nicht nur in seiner Negativausprägung, sondern grundsätzlich zu beleuchten; auch die Trias von Demut, Demütigung und Menschenrechten.

Ich vermisse zudem die Bußfertigkeit der Kirchen, eine Bußfertigkeit, die über Lippenbekenntnisse hinausgeht.

Ich vermisse noch etwas. Dietrich von Heymann schreibt unter Bezugnahme auf Herbert Braun »Gott ist nicht, ER geschieht – und zwar in der Begegnung der Menschen, zwischen dem Du und dem Ich.« (Deutsches Pfarrerblatt, 10/2009, S. 552) In so mancher Äußerung von kirchlicher Seite gegenüber Heimkindern erkenne ich leider nicht, daß Gott geschieht. An die Stelle von Gott ist die Abwehr getreten. Die frühe christliche Gemeinde erlebte das Geschehen Gottes in der Erinnerung und Vergegenwärtigung des Gekreuzigten. Sie hat Gott im Leiden eines Menschen erkannt. Warum wehren wir uns so dagegen, in den geschundenen Heimkindern Gott zu erkennen und zu respektieren? Ist es der kirchliche Tatanteil oder nur die schnöde Kostenfrage?

Die Täterschaft trifft wohl niemanden von uns noch persönlich – aber die Verantwortung. Beispielhaft ist für mich der Kniefall von Willy Brandt, der Kniefall eines an den Verbrechen Unschuldigen und stellvertretend auch für uns unschuldige Nachgeborene. Am Mahnmal im Warschauer Ghetto geschah Gott.

Mit freundlichem Gruß

Dierk Schäfer

Freibadweg 35

73087 Bad Boll

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Perspektivwechsel!

Veröffentlicht in News, heimkinder von dierkschaefer am 8. Oktober 2009

Vor ein paar Tagen erhielt ich eine Mail zum Thema ehemalige Heimkinder und Runder Tisch:

»Sie haben eine Begabung in aller Sachlichkeit Stellung zu beziehen. Als Betroffene ist es uns nicht immer gegeben eben diese Sachlichkeit walten zu lassen, weil wir emotional zu sehr eingebunden sind. Ihnen ist es aber gegeben genau sich da in uns als Betroffene hinein zu versetzen. … Wünschenswert wäre es, wenn genau dieses Verständnis sich auch bei den Teilnehmern des RT in Berlin einstellen würde, statt uns als Betroffene auszuklammern oder sogar als Zerstörer der Aufarbeitung darzustellen. Sicher gehen wir nicht immer rational vor, aber was bleibt uns denn für ein Weg, wenn für uns nur Ablehnung, Ausgrenzung und Unverständnis entgegen gebracht wird? Die Reaktion daraus ist rein logisch bei uns als Betroffene EMOTION.«

Meine Antwort wurde erwidert:

»Wenn Sie aber die Hoffnung haben mit meinem Beitrag in Berlin etwas zu verändern, lasse ich es Ihnen gerne frei, meinen Brief an Sie zu verwenden.«

Die Mailschreiberin hat ein Problem angesprochen, das tatsächlich sehr deutlich genannt werden muß, wenn es auch nicht zum ersten Mal geschieht.

Als ich dann gestern, wenn auch in ganz anderem Zusammenhang, einen Artikel des Historikers Immanuel Geiß las, fand ich dieses Problem als eine allgemeine (sozusagen anthropologische) Konstante formuliert:

»Jede Identität, individuelle wie kollektive, ist sich selbst Mittelpunkt der Welt. Sähe jemand die Welt anders, stünde er gleichsam neben sich, aus der üblichen Zentrität herausgetreten, wäre buchstäblich „ver-rückt“. Damit sind alle … Zentrismen erst einmal normal, weil universal.« (Immanuel Geiß, FAZ 7.10.2009, S. N 4)

Genau darum geht es: Wir nehmen die Welt immer mit unseren eigenen Augen (Ohren etc.) wahr. Wir sind Mittelpunkt unserer Welt, und die ist für uns zunächst einmal so, wie wir sie wahrnehmen  – und so ist sie wahr. Es sind die anderen, die sich irren oder uneinsichtig, vielleicht sogar böswillig sind. Erst wenn wir es schaffen, die Perspektive zu wechseln und die Welt mit den Augen des Anderen zu sehen (und mit seinem Hintergrundwissen), dann erkennen wir, daß es mitunter auch andere „Wahrheiten“ gibt als die unsere.

Die Wahrnehmungen der ehemaligen Heimkinder vom Runden Tisch und die des Runden Tisches von den Heimkindern unterscheiden sich ganz offensichtlich.

  • Der Runde Tisch bemüht sich erklärtermaßen, die Vergangenheit zu verstehen – und erkennt nicht, daß die ehemaligen Heimkinder eben dieses nicht verstehen können, weil sie nur den „Verrat“ ihrer Interessen sehen. Die Mitglieder des Runden Tisches brüskieren die Heimkinder, indem diesen nicht erklärt wird, warum er so handelt, wie er handelt. Ich sehe nirgendwo auch nur einen Ansatz dazu. Die ehemaligen Heimkinder sehen sich als unmündig behandelt – und das weckt schlechte Erinnerungen.
  • Die Heimkinder wiederum attackieren den Runden Tisch, oft in einer Weise, die alles andere als konstruktiv ist.

Doch im Gegensatz zum Runden Tisch haben die ehemaligen Heimkinder in psychologischer wie auch moralischer Hinsicht eine Ent-schuldigung für ihr Verhalten, denn ihnen kann man nicht so einfach den Perspektivwechsel abverlangen. Sie sind vorgeschädigt, viele sind traumatisiert, sie sind „gebrannte Kinder“. Selbst gegenüber Personen, denen sie eigentlich vertrauen, reagieren sie sehr leicht mißtrauisch bis feindselig, wenn diese ihnen eine differenzierte Sichtweise nahelegen wollen. Insofern hat es der Runde Tisch prinzipiell nicht leicht mit den ehemaligen Heimkindern. Doch er scheint sich auch keine Mühe zu geben, sich verständlich zu machen und verstanden zu werden. Dabei darf man ihm im Unterschied zu den Heimkindern mehr Beweglichkeit für einen Perspektivwechsel abverlangen, denn seine Mitglieder sind wohl nicht geprägt durch schlimme Heimerfahrungen.

Die Mitglieder müssen sich auch nicht angegriffen fühlen, denn sie selbst waren nicht die Täter.

Oder ist es wirklich die Sorge, für die „Missetaten der Väter“ zahlen zu müssen?

Der HERR … sucht heim die Missetat der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. 4. Buch Mose.14;18

Verbrechen im Kinderheim – Die Schotten sparen nicht

Veröffentlicht in News, heimkinder von dierkschaefer am 2. Oktober 2009

Verbrechen im Kinderheim – Die Schotten sparen nicht

http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/scotland/south_of_scotland/8284419.stm

Die Kinder seien durch sexuellen Mißbrauch „irreparabel“ in ihren Lebensläufen beschädigt. Der Rat (Dumfries and Galloway Council) in Südschottland, beschloß, allen  überlebenden und nun erwachsenen geschädigten ehemaligen Heimkindern des „Merkland Children’s Home in Moffat“ eine Entschädigung von jeweils £20.000 zu zahlen.

abuse victim

Wer mit deutschen ehemaligen Heimkindern zu tun hat, merkt sehr schnell, daß viele „irreparabel“ in ihrem Lebenslauf beschädigt sind, selbst die, bei denen man zunächst meint, sie hätten es „gepackt“. Die Berichte solcher Heimkinder liegen in großer Anzahl vor, Betroffenheitsbekundungen auch, allerdings kamen die recht schleppend. Das ist immer noch besser, als die Versuche mancher Einrichtungen, gerichtlich gegen „Verleumdungen“ vorzugehen.

Was fehlt ist jedoch ein Entschädigungsplan, und zwar einer, der die ehemaligen Heimkinder noch zu Lebzeiten erreicht.

Wo bleibt die Einberufung einer „Geber-Konferenz“?

Teilnehmen sollten die staatlichen Stellen, die ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sind, dann die staatlichen und kirchlichen Heime bzw. ihre Rechtsnachfolger, dazu die Firmen, die von der Zwangsarbeit in den Heimen profitiert haben.

Der Verantwortungsbereich muß nach meiner Meinung jedoch noch weiter gezogen werden. Was war mit der damaligen Gesellschaft? Man sagt, Gewalt gegen Kinder sei damals eher normal gewesen. Das sagen meist die, die hinzufügen: „Mir hat es nicht geschadet“.  Wo die elterliche Erziehungsgewalt verpuffte, wurde unverhohlen gedroht: „Wenn Du nicht brav bist, kommst Du ins Heim!“ Offensichtlich standen dahinter doch die Erwartungen von noch mehr Erziehungsgewalt. Die Gewalt im Heim hat aber vielen geschadet. Doch wen wundert es, daß man sich um die Erziehungsmethoden – und die Exzesse – in den Heimen nicht weiter kümmerte. Dies ist die Mitschuld der damaligen Gesellschaft. Die heutige trägt zwar keine Schuld, aber die Mitverantwortung für die Schulden, die aus den Hilfen für lebensbeschädigte Heimkinder erwachsen. An den Tisch der Geberkonferenz gehören also auch unsere Parlamentsabgeordneten, damit Steuergelder gegeben werden können. Doch bitteschön in dieser Reihenfolge der Verantwortung. Es wäre fatal, wenn sich die Behörden mit ihrer Aufsichtspflichtverletzung und die Heimeinrichtungen, vorweg die kirchlichen, mit ihrer ganz direkten Schuld vornehm zurückhalten würden, um dem Steuerzahler alles aufzubürden. Das klappt nur für die Banken und die Autoindustrie.