Dierk Schaefers Blog

Fragen Sie doch einfach mal.

Posted in Deutschland, Politik, Uncategorized by dierkschaefer on 26. April 2017

»In einer repräsentativen Demokratie werden politische Entscheidungen sowie die Kontrolle der Regierung nicht unmittelbar vom Volk ausgeübt , sondern von einer Volksvertretung wie dem Deutschen Bundestag. Über eine „Legitimationskette“ ist dass Handeln der Regierung auf die Willensäußerungen der Wählerinnen und Wähler zurückgeführt. Im Parlament werden die unterschiedlichen Meinungs- und Interessenlagen diskutiert und im Rahmen der Mehrheitsverhältnisse entschieden.«

Soweit, so gut, so harmonisch.

Gestrichen wurde der folgende Passus:

»Jedoch vertreten verschiedene Bevölkerungsgruppen ihre Interessen mit ungleichen Konflikt- und Organisationsressourcen. So können Partikularinteressen von Eliten und Unternehmen in modernen Demokratien einen übergroßen Einfluss gewinnen, mit der Folge einer zunehmenden Entpolitisierung und damit eines Legitimitätsverlustes.«[1]

Diese plausible Begründung des Politikverdrusses wurde uns vorenthalten.

Wir dürfen demnächst wieder einmal unsere Stimme abgeben, um sie dann nicht wiederzukriegen.

Fragen Sie die Abgeordneten und Kandidaten Ihres Wahlkreises, ob und wie sie diese Streichung rechtfertigen! Wenn die Antwort nicht befriedigend ausfällt, fragen Sie, warum Sie überhaupt zur Wahl gehen sollen, wenn die Einflussmöglichkeiten dermaßen ungleich verteilt sind.

Wir haben es ja schon immer wissen können, doch nun kann die Farce einer Scheindemokratie nicht mehr geleugnet werden.

[1] Quelle: Abgeordnetenwatch.de‏ @a_watch, Wo krit. Stellen aus dem #Armutsbericht der BReg gestrichen wurden: Guter Vorher/Nachher-Vergleich von @lobbycontrol https://www.lobbycontrol.de/wp-content/uploads/LobbyControl-Versionsvergleich-Armutsbericht-kommentiert.pdf …

Deutschland – Rabenvaterland

Posted in BRD, Deutschland, Ethik, Leben, Menschenrechte, Politik, Recht by dierkschaefer on 26. April 2017

»Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihre Wohnung aufgeben und gegen Ihren Willen in ein Zimmer in einem Wohnheim ziehen. Sie könnten dort nicht mehr frei bestimmen, was sie wann essen möchten oder wann Sie duschen oder wann Sie abends ins Bett gehen möchten. Auch könnten Sie sich nicht aussuchen, wen Sie in Ihre Intimsphäre lassen, auf wen sie angewiesen sein werden und wem Sie vertrauen.

Unvorstellbar? Vielen Menschen mit Behinderung droht genau dieses Schicksal. In Deutschland, im Jahr 2017. Unterschreiben Sie jetzt hier gegen den Heimzwang.

Unterschreiben Sie diese Petition?

Hintergrund:

In Deutschland gilt seit 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention. Dort ist in Art. 19 eindeutig geregelt, dass zu gewährleisten ist, dass Menschen mit Behinderung „gleichberechtigt mit anderen die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben“.

In Deutschland sieht die Realität anders aus. Ende 2016 wurde nach mehrjährigen Diskussionen das Bundesteilhabegesetz verabschiedet. Dort findet sich – wie bisher – die Regelung, dass grundsätzlich nur die angemessene, also kostengünstigere Leistung zu gewähren ist. Wenn also die gewünschte Leistung (z.B. Hilfe in der eigenen Wohnung) mehr kostet, als die Hilfe im Heim, kann der behinderte Mensch auf die Heimunterbringung verwiesen werden. Zwar gilt dies nur, wenn die nicht gewünschte Alternative „zumutbar“ ist – doch was zumutbar ist, entscheidet das Amt, das bezahlen soll. Gerade bei klammen Kommunen ist dann vieles zumutbar.

Immer wieder erfahren wir von Menschen, die den Bescheid in Händen halten, der ihnen die lebensnotwendige Hilfe in der eigenen Wohnung streicht. „Suchen Sie sich bis zum … einen Heimplatz“ – so oder ähnlich wird formuliert. Den Ämtern sollte bewusst sein, dass die obersten Gerichte eine Unterbringung im Heim gegen den Willen der Betroffenen nicht zumutbar finden. Doch viele behinderte Menschen haben weder die Kraft noch die finanziellen Mittel, um den Weg durch die Instanzen zu kämpfen. Schnell türmen sich tausende Euro an Schulden für nicht bezahlte Hilfeleistungen auf, so dass die Menschen am Ende aufgeben müssen.

Natürlich steht bei der „Zwangseinweisung“ nicht die Polizei morgens vor der Tür und holt die Betroffenen ab. Der Zwang besteht in der Vorenthaltung lebensnotwendiger Hilfeleistungen beim individuellen Wohnen – wenn kein Assistent mehr bezahlt wird, der zur Toilette hilft, etwas zu essen anreicht oder den behinderten Menschen ins Bett bringt – dann muss die „angebotene Alternative“ – die stationäre Einrichtung – in Anspruch genommen werden.

Ebenso kennen wir Menschen, die aus einer Einrichtung ausziehen möchten, dies aber nicht dürfen. Teilweise kamen sie als vorübergehende Lösung, z.B. nach einem Unfall, dorthin und stehen nun vor dem Nichts – die Wohnung wurde aufgelöst, persönliche Sachen entsorgt und die Hilfe außerhalb der Einrichtung wird vom Amt abgelehnt.

Gefangen – lebenslang. Ohne eine Straftat begangen zu haben.
Diese Praxis ist menschenunwürdig.

Forderung:

Wir fordern deshalb von allen Parteien in ihren Wahlprogrammen und dem anstehenden Koalitionsvertrag, den § 104 SGB IX n.F. in der Fassung ab 2020 dahingehend abzuändern, dass das Wunsch- und Wahlrecht hinsichtlich Wohnort und Wohnform uneingeschränkt verbrieft wird, so wie es schon der Bundesrat in seinen Empfehlungen zum Bundesteilhabegesetz gefordert hatte.

Übernehmen Sie den Wortlaut von Artikel 19 der UN-Behindertenrechtskonvention, um zu gewährleisten, dass die Menschenrechte behinderte Menschen nicht weiterhin fortwährend verletzt werden! «

 

An wehrlosen Heimkindern kann man ungestraft auslassen, was man an Juden oder Andersdenkenden nicht mehr auslassen kann.

Frechheit siegt. Wäre in diesem Fall zu wünschen, wenn es überhaupt Frechheit ist.

Schon erstaunlich, der Griff ins Polemikfach, zu dem sich der Autor Christian Geyer verstie­gen hat. „Kinder haben im Grundgesetz nichts zu suchen“, meint er und spricht von „Frechheit“[1]. Ich will ihm darin nicht folgen, auch wenn ich es höchst befremdlich finde, wie er die Realität ausblendet, die sich nicht die sich nicht puristisch an der Rechtsdogmatik misst. Selbstverständlich haben zunächst die Eltern „das natürliche Recht und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ auf Pflege und Erziehung – und ich will hier nicht den Rückgriff der Eltern des Grundgesetzes auf das Naturrecht problematisieren. Aber wir erfahren doch fast täglich, dass es Eltern gibt, die dieses Recht und seine Verpflichtung nicht verstehen, es gar missbrauchen zu Vielerlei oder es missachten – bis hin zum Totschlag. Und selbst unterhalb dieser Schwelle gibt es laut Marie von Ebner-Eschenbach „leider nicht viele Eltern, deren Umgang für die Kinder ein Segen ist.“ Immerhin reicht das Elternrecht nach parlamenta­rischem Beschluss bis zur einschneidenden Körperverletzung durch Beschneidung. Da hilft nicht einmal das Wächteramt des Staates.

Wie wichtig der Grundrechtsschutz von Kindern ist, erleben Scheidungskinder besonders häufig. Familienrichter haben keine Ausbildung in Entwicklungspsychologie, manche halten, wie der frühere Präsident des Familiengerichtstages Siegfried Willutzki immer wieder betonte, Fortbildung für einen Eingriff in ihre richterliche Freiheit. Und dank der Unbeirrbarkeit von Bundesländern, in Kindesangelegenheiten zu sparen, sind ja nur Kinder, verzichtet man auf die professionelle Befähigung von Verfahrenspflegern, auch Anwalt des Kindes genannt.

Kinderrechte im GG können aber nicht nur ein besserer Schutz vor verantwortungslosen Eltern sein, sie wären auch ein Schutz vor manchen Jugendamtseingriffen, die, wie wir auch immer wieder erfahren, Kinder nicht ausreichend schützen, die keine Fachaufsicht fürchten müssen und zuweilen fiskalischer Enge die Priorität einräumen.

Kinderrechte im GG würden nicht per se den Kindern einen geschützen Raum öffnen. Doch hier muss die Sachdiskussion beginnen, wenn sie samt Wahlrecht ins Grundgesetz gekommen sind.

Auch ein voreiliger Anwalt des Kindes kann Schaden anrichten, ebenso wie die ideologische Befangenheit auf Seiten unbelehrbarer Eltern. Auch haben manche der Befürworter solcher Rechte ein politisches Nebenkalkül. Aber ist es wirklich eine Frechheit, sich den realen Nöten von Kindern zuzuwenden, auch wenn die Wege aus der formal-juristischen Korrektheit hinausführen?

Herrn Geyer kann ich aus meiner Beschäftigung mit dem Thema viel Material anbieten.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kinderrecht-im-grundgesetz-eine-frechheit-14957358.html

Wenn Verjährung nicht greift, helfen milde Urteile.

Zwei Jahre und acht Monate Haft »wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre gefordert. … Der 55 Jahre alte Ehemann der Gruppenleiterin … wird zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er 3600 Euro zahlen. Eine 44-Jährige weitere Erzieherin erhält ein Jahr und drei Monate auf Bewährung, muss 1800 Euro zahlen. Berufsverbote, wie sie der Staatsanwalt gefordert hat, hält das Gericht für nicht notwendig.«

https://www.nwzonline.de/panorama/autistische-heimkinder-regelmaessig-brutal-gequaelt_a_31,2,3230315746.html

Wurde doch vorausgesetzt, dass sich in christlich-diakonischen Heimen dem „ärmsten Bruder“ im Geist der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit angenommen wird.

Wieso dann die vielfachen Demütigungen und das Anwenden von Gewalt?

Ulrike Winkler hat in ihrem Vortrag in Hamburg ein desolates Bild dieser Anstalten vorgestellt. Nicht neu, aber komprimiert.

Die Frage des Wieso hat soweit ich weiß noch keinen Theologen zu einer plausiblen Antwort herausgefordert.

Leider hat Frau Winkler die Vertuschungs- und „Entschädigungs“praxis im Vortrag ausgespart. Auch für dieses Verhalten kirchlicher Einrichtungen hätte ich gern eine theologische Stellungnahme – und werde sie wohl nicht bekommen.

http://www.schmuhl-winkler.de/pages/Alsterdorf-Winkler.pdf

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Einundzwanzigstes Kapitel

Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

Die Veränderung in meinem Leben begann damit, dass ich in der Folgezeit zum häufigen Schulschwänzer wurde. Die Verlockung war aber auch zu groß, und wurde immer größer. Schnell fand ich heraus, während ich immer noch staunend den riesigen Bahnhof erforschte, dass fast aus jedem ankommenden Zug gleich mehrere russische Offiziere ausstiegen. Manch­mal folgte ich einem von ihnen, konnte mich aber nicht dazu überwinden, ihn so einfach wegen ein paar Groschen anzusprechen. Schließlich verspürte ich nicht den Kohldampf wie zu der Zeit in Königsberg. 1950 war die Not nicht mehr so groß. Es gab allerdings Dinge die sich ein kleiner Junge gerne gewünscht hätte.

Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass kaum ein Offizier nach Leipzig kam, der nicht irgend­einen bestimmten Auftrag hatte. Aber so gut wie jeder nahm die Gelegenheit wahr, seinen Auf­trag mit einer Shoppingtour durch Leipzig zu verbinden. Leipzig war immerhin eine Messestadt. Und es hatte sich herumgesprochen, dass im Gegensatz zu den übrigen Provinz­städtchen, wo sie herkamen, in Leipzig Waren zu haben waren, die es dort nicht gab. Das alles wusste ich allerdings natürlich nicht.

Endlich rang ich mich dazu durch, einen recht freundlich aussehenden Offizier anzusprechen. „Onkel hast du vielleicht 20 Pfennige für mich? Ich möchte gerne in den Zirkus gehen!“ Der Offizier sah nicht nur freundlich aus, er war es auch. „Natürlich mein Junge! Wer so gut russisch spricht, soll auch belohnt werden!“ Doch zunächst wollte er wissen wie alt, woher, und vor allem, woher ich so gut russisch sprechen konnte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich aus Königsberg, genauer gesagt aus Kaliningrad käme, wo ich mit meiner Mutter und Schwester bis 1949 unter den Russen gelebt hätte. Auf seine Frage, wo denn mein Vater wäre, log ich etwas. Tatsache aber ist, ich wusste es bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht genau. Ich sagte ihm, dass dieser im Krieg gefallen sei. Der Offizier, wohl selbst noch an der Eroberung Deutschlands beteiligt, immerhin war er schon Major, atmete tief durch und strich mit seiner Hand durch mein Haar, fragte mich, was denn der Eintritt in den Zirkus kosten würde. Wahrheitsgemäß nannte ich ihm den billigsten Preis von 55 Pfennigen. „So, da fehlen dir also noch 20 Pfennig?“ fragte er. „Tatsache ist“, blieb ich bei der Wahrheit, „Ich habe keinen Pfennig. Ich werde aber versuchen noch bei anderen um den Rest zu fragen!“ „Brauchst du nicht, Junge!“ Dabei kramte er in seinen Taschen herum und brachte eine Handvoll Alumini­um­geld hervor, wovon man so schöne schwarze Finger bekam, drückte sie mir in die Hand. Mir blieb fast die Luft weg vor Freude und Überraschung.

Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Während wir gemeinsam die breite Treppe in Richtung Ostausgang hinunter gingen, fragte er mich nach meinen Zensuren in der Schule aus. Er war regelrecht entsetzt, als ich ihm ganz Stolz z.B. meine Eins im Russischen ansagte. Schließlich stellte sich heraus, dass in Russland die Eins die schlechteste, aber die Fünf die beste Note ist. So lernte ich wieder etwas dazu. Hatte ich doch bis zum 9ten Lebensjahr in Ostpreußen keine Schule von innen gesehen. Noch bevor wir den Taxistand erreichten, fragte er mich, ob ich denn morgen auch hier am Bahnhof sein würde. Er müsste in Leipzig über­nachten und hätte am nächsten Tag vor, noch einige Einkäufe zu tätigen. Er könnte gut einen Führer gebrauchen, der ihm z.B. das russische UNIWERMAG1 und das große HO-Kaufhaus2 zeigen könne. Wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Morgen um 10 Uhr vor dem Hotel „Stadt Leipzig“3, welches ausschließlich für das russische Militär reserviert war, auf ihn warten würde. Scheiß auf Schule. Meine Führung würde mir bestimmt wieder eine Handvoll Aluminiumgeld einbringen. Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Vorsichtshalber versteckte ich meinen Schulranzen in der Toreinfahrt zum Hinterhaus, wo wir wohnten. In der Toreinfahrt selbst war ein etwas größerer Vorbau eingelassen. Dieser Vorbau diente als Schornstein für gleich zwei aneinander gebaute Häuser. An dem Schornstein war in der Toreinfahrt eine Klappe angebracht, damit der Schornsteinfeger auch von dort Zugang hatte. Diese Klappe hochschiebend war genügend Platz vorhanden für meinen Pappmaché Schulranzen. Meine Mutter oder meine Schwester sollten, wenn sie vor mir nach Hause kamen, nicht gleich auf dumme Gedanken kommen, dass ich eventuell die Schule schwänzen könnte.

Wegen der Möglichkeit, dass während meiner Abwesenheit der Schornsteinfeger gerade seiner Arbeit nachging, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Immer wenn der Schorn­steinfeger in unsere Straße kam, stand schon einen Tag vorher draußen auf dem Bürgersteig mit Kreide geschrieben: Morgen kommt der Schornsteinfeger!

Also, kurz nach 10 kam dann auch mein Major aus dem Hotel, der mich schon vom Früh­stücks­zimmer aus auf der anderen Straßenseite gesehen hatte. Das Hotel war direkt hinter dem Bahnhof. Und vom Bahnhof war es nicht allzu weit zum Uniwermag, dem russischen Kaufhaus, wo wiederum nur Russen Zutritt hatten. Also musste ich draußen warten. In Sichtweite vom Uniwermag war auch schon das HO-Kaufhaus. Während ich vor dem Uniwer­mag wartete, fiel mir auf, dass einige Typen sich an die russischen Offiziere heran­machten und sie in ein Gespräch verwickelten. Die meisten gingen einfach weiter, andere blieben stehen, sprachen etwas länger mit den Zivilisten. Und siehe da, sie änderten manch­mal ihr angestrebtes Ziel, und begleiteten die Zivilisten in eine ganz andere Richtung. Keinen blassen Schimmer, was da vor sich ging. Bis ja, bis ich mit meinem Major schon wieder auf dem Rückweg vom HO war. Da wurden auch wir angesprochen. Schon vorher, während sich der Major u.a. mit Dessous für seine Frau in der Heimat eindeckte, hatte er mich gefragt, ob ich wüsste wo er z.B. echte Schweizer Uhren kaufen könne. Man hätte ihm gesagt, dass in Leipzig alles zu bekommen wäre. So auch Banbarchet. Also goldene Uhren verstand ich ja zu übersetzen. Aber Banbarchet? Nie gehört dieses Wort. Woher auch. Wer interessierte sich in den frühen Nachkriegsjahren schon für französischen Samt. Hier und jetzt aber war sowas angesagt. Die russischen Offiziere die einen fürstlichen Sold bekamen, jedes Jahr eine Heimfahrt, waren ganz verrückt danach. Und, Leipzig war die Handelsmetropole für solche Konterbande.

Mein Major war hocherfreut, als uns der Kerl ansprach. Sich unserem Schritt anpassend lief er neben uns her und radebrechte in schlechtem Russisch: Schto warn schilallte? Banbarchet, Schassie, Schuba…..? (Was wünschen Sie? Samt, goldene Uhren, Pelze?) Als ich mich empört einmischte, ich mir nicht mein erhofftes Führungsgeld durch die Lappen gehen lassen wollte, beruhigte mich der deutsche Schieber. „Sei nicht blöd Junge, da sind für dich zwischen 5 bis 20 Mark drin, bei dem Geschäft!“ Ich dachte ich spinne. Letztendlich wartete ich am verein­barten Treffpunkt, während der Schieber mit meinem Major in einem Taxi davon fuhr. Und siehe da, meine Geduld zahlte sich aus. Zum einen gab mir der Major für die erfolgreiche Füh­rung doch tatsächlich ganze 20 Mark. Der ließ sich dann auch gleich das kurze Stück zum Bahnhof mit dem Taxi weiterfahren. Ich konnte gerade noch feststellen, dass er jetzt ein Packet mehr mit sich herumschleppte. Der etwa 40jährige Schieber lud mich zu einer Limo­nade in eine nahe gelegene Kneipe ein. Dort verklickerte er mir dann bei einer Waldmeister­limo seinen Berufsstand (Schieber) und warb mich gleichzeitig als Zuträger von weiterer Kund­schaft an. Der Major hatte doch tatsächlich einen Pelzmantel, vier Meter Samt und eine echte Schweizer Uhr in Golddouble und 16 Steinen erworben. Wie mir der mir gegenüber­sitzende Typ, der etwas russisch in seiner kurzen Gefangenschaft gelernt hatte, in gutem Deutsch erklärte. Er wolle zu mir ganz ehrlich sein. Der Major hätte gleich drei Teile gekauft. Für jedes Teil bekäme er zehn Mark Provision. Diese wolle er mit mir ehrlich teilen, und schob mir 15 Mark wie ein Verschwörer unter dem Tisch zu. Wow! Das Schuleschwänzen hatte sich echt gelohnt.

Er hatte mich nach allen Regeln der Kunst beschissen

Nur, wie brachte ich es meiner Mutter bei, woher ich das Geld hatte, um ihr das Geschenk von einem halben Pfund Kaffee im Schwarzmarktwert von 20 Mark machen zu können? Wusste ich doch, dass meine Mutter sich jeden Monat ein viertel Pfund gönnte. Dieses viertel Pfund hütete sie wie ihren Augapfel, brühte ihn bis zu dreimal auf. Nun ja, auch das bekam ich hin. Wurde dafür ganz dolle gedrückt. Hatte ich zunächst auch daran gedacht den Schieber für seine Ehrlichkeit und dem großzügigen Teilen vor Freude zu drücken, so kam ich doch recht bald dahinter, dass der Typ ein ganz gemeiner Betrüger war. Er hatte meine Unwissen­heit und meine Winzigkeit als Menschenskind einige Tage lang nur ausgenutzt. Und wie mit einer Unverfrorenheit, die es nur echte Gauner drauf haben, hatte er mich nach allen Regeln der Kunst beschissen. Anfangs schöpfte ich ja auch noch gar keinen Verdacht, dass da etwas faul sein könnte. Ich mochte nur nicht seine Geheimniskrämerei. Er wollte mir partout nicht sagen, wo seine Quellen waren, von denen er die Ware bezog.

Einen Steinwurf entfernt vom Uniwermag, wo von den Schiebern die Kunden angesprochen wurden, am Bahnhof selbst, wo aus allen Ecken der DDR die potentiellen Kunden anreisten traute sich kein Schieber hin, da war die Bahnpolizei vor, also in der Nähe des Uniwermags war das Rathaus von Leipzig. Und dort war auch ein Taxistand. Dort stiegen auch immer die Schieber mit ihren Kunden ein. Ich hatte mir gut gemerkt in welche Richtung sie davon fuhren. Anstatt immer nur auf die Rückkehr zu warten, begab ich mich sehr schnell, noch bevor das Taxi losfuhr, zu dem Punkt wo ich es hatte abbiegen sehen. Beim nächsten Mal war ich schon wieder an dem Punkt angelangt, um zu sehen wie es weiterging. Nach einiger Zeit, wobei ich mir dann schon selbst ein Taxi nehmen musste, hatte ich auch schon das Ziel, d.h. den Hehler der Ware im Visier. Wobei es sich allerdings nur um den französischen Samt und einen Uhrendealer handelte. Andere Anlaufstellen kamen in der nächsten Zeit noch hinzu. Und das war gut so! Denn es passierte schon mal, dass eine Razzia durchgeführt wurde. Die Polizei wusste natürlich von den Schiebergeschäften, die im Umkreis vom Uniwermag getätigt wurden. Nachdem die observierten Schieber meistens bis auf den letzten Mann ins Netz gegangen waren, befand ich mich ganz alleine auf weiter Flur. Mich Knirps nahm man einfach nicht für voll. Das dachte anscheinend Frau Wilke, bei der ich dann notgedrungen selbst mit einem Käufer auftauchte auch. Sie wohnte in einer Villengegend ganz in der Nähe des Zoos. Als ich geklingelt hatte, sie durch den Türspion einen uniformierten Russen sah, mich Zwerg erfasste der Türspion erst gar nicht in seinem Blickfeld, öffnete sie. Als aber statt eines bekannten Schiebers so ein Knirps in Begleitung des Russen vor der Türe stand, wollte sie uns doch die Türe vor der Nase zuschlagen. Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Ich hatte ja damit gerechnet, dass die Dealerin geschockt sein würde. Mich hatte ja niemand offiziell bei ihr eingeführt. „Entweder Sie lassen uns jetzt rein, oder die Polente ist schneller hier wie Sie Ihre Ware verstecken können!“ warnte ich kackfrech.

Ich erklärte ihr ganz kurz, wie ich auf sie gekommen sei. Und fragte auch noch, ob sie noch gar nicht gemerkt hätte, dass seit Tagen ihre Kunden ausblieben. Natürlich hatte es sich schon herumgesprochen, dass wieder einmal eine Razzia stattgefunden hatte. Während der Kunde sich die die fünf Sorten Samt vorlegen ließ, klärte ich sie weiter über mich auf. Und siehe da, plötzlich war ich voll akzeptiert. Sie fand es für ihr Geschäft viel unverfänglicher, wenn ich Stepke bei ihr auftauchte. Von da an war ich in den Folgejahren in ihren Augen ein guter Geschäftspartner.

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme.

Wie der Leser das verstehen soll? Nun, je nach Marktlage, oder besser gesagt Lagerbestän­den, wurde von dem Dealer ein fester Preis an den Schlepper gezahlt. Es lag also an dem Schieber, welchen Preis er bei dem Käufer aushandelt. Da aber viele Russen gerne feilschten, konnte die Provision unterschiedlich ausfallen. Da aber mein Kunde anstandslos den gefor­derten Preis von 350 Mark ohne Murren gezahlt hatte, standen mir bei derzeitiger Marktlage die Differenz von 90 Mark pro vier Meter Samt zu. Ich war einfach nur baff! Bei so einem einträglichen Geschäft, immerhin kamen an guten Tagen bis zu 400!!! Mark zusammen, da ließ ich schon mal fünfe gerade sein und dachte gar nicht daran, dass es da auch noch die Schulpflicht gab. Entschuldigungsschreiben waren für mich kein Problem. Hatte ich mir doch schon längst die Sütterlinschrift meiner Mutter abgeguckt. Fortan brauchte meine Mutter nie mehr auf ihren geliebten echten Bohnenkaffee zu verzichten. Geschweige denn die Pampe mehrmals aufzubrühen. Wie ich an das Geld kam, verschwieg ich ihr nicht. Nur das dazu oft Schuleschwänzen angesagt war, verschwieg ich ihr lieber.

Die Sonntage, wo ich mich am/im Zoo etc. herumtrieb, mochte ich auch nicht mehr missen. Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme. Aber zum einen litt eigentlich meine schulische Leistung gar nicht darunter. Ich war top am Ball, und wichtige Arbeiten nahm ich immer wahr.

Nur der Grund, warum ich letztendlich in ein Heim für Schwererziehbare kam, das war sehr ungerecht. So empfinde ich noch heute.

 

Anmerkung:

Leider erlaubt diese Programmsoftware keine Fußnoten und auch keine Hyperlinks mehr. Das ist äußerst ärgerlich für die Leser wie für mich. Da ich meist mit Fußnoten arbeite, habe ich einen erheblichen Mehraufwand mit einer Extra-Numerierung und die Leser können die Fußnoten nur über das Extra-PDF erreichen und dort hoffentlich auch anklicken, soweit Hyperlinks angegeben sind.

Ich verzichte in Zukunft darauf, den jeweiligen Artikel auch als PDF anzubieten und verweise auf die geplante Gesamtedition dieser Biographie, die dank Fußnoten und Hyperlinks hier im Blog nur noch als PDF darzustellen sein wird.

Aus denselben Gründen gibt es das Inhaltsverzeichnis nur noch als PDF.

Ich bitte die Leser, diese Umständlichkeit zu tolerieren. Auch ich bin von der Veränderung überrascht und not amused.

Fußnoten  21 – fußnoten
Inhaltsverzeichnis  21 Inhaltsverzeichnis

 

 

Mit 15 Jahren ausgebufft und fit fürs Leben. Eine kriminologische Zwischenbilanz

logo-moabit-kGewinner sehen normalerweise anders aus. Dieter Schulz ist mit seinen 15 Jahren Gewinner – im Überlebenskampf, er wäre sonst untergegangen.

Im Knast auf einer klapperigen Justizschreibmaschine schreibt er über seine ungewöhn­liche Kindheit. Mit dem 20. Kapitel ist der Teil weitgehend abgeschlossen, in dem er noch nicht strafmündig war. Waren seine Delikte bis jetzt schon gravierend, so waren sie doch reiner Über­lebenskampf, die Fluchten aus den Heimen zählen dazu.

Schulz schreibt keinen Roman.[1] Hier wird über reales Geschehen und Erleben berichtet. [2]

Zeit für eine Zwischenbilanz.

Das mit dem Gewinner hatte er so noch nicht gesehen. Erst Freitag telefonierte ich mit ihm. Ja, doch, sagte er dann, stimmt, er habe gekämpft und das erfolgreich.

Da liegt das Dilemma. Aus meiner Adoptionsarbeit weiß ich, wie ungeheuer problematisch es sein kann, ein Kind aus der dritten Welt zu adoptieren, das mehrere Jahre erfolgreich auf der Straße gelebt hat. Ein solches Kind hat gelernt, was dort zum Überleben bitter nötig ist: Stehlen, Betrügen, Gewalt, Sex als Tauschware. All das ergibt keine gute Prognose für das Überleben in unserer Gesellschaft, denn es ist äußerst schwierig, Verhaltensweisen abzulegen, mit denen man Erfolg hatte. Das wissen wir auch aus ganz banalen Tierversuchen. Eine Ratte, die im Lernlabyrith gelernt hat, wo das Futter versteckt ist, irrt nicht mehr suchend herum, sondern steuert das Ziel direkt an. Legt man nun das Futter an anderer Stelle ab, so dauert es eine Reihe von Versuchen, bis die Ratte umgelernt hat.

Was hat Dieter gelernt? Wozu wurde er „zugerichtet“?[3]

Er schreibt: Ich bin Jahrgang 1940. Wurde in Königsberg geboren. Und genau an meinem 5ten Geburtstag kam der Krieg nach Königsberg. Erst 1949 wurde die Familie von den Rus­sen nach Leipzig verfrachtet. Drastisch und mit sehr feiner Distanzierung beschreibt er die Vergewaltigungen, Morde, Notprostitution, den Hunger, Vertreibung und die Schieber­geschäfte.

Das haben doch viele andere auch erlebt und sind nicht kriminell geworden, sagte mir jemand. Ein Argument, das mir schon in der Heimkinderdiskussion begegnet ist. Auch dort haben es einige ehemalige Heimkinder trotz aller Belastungen zu einem unauffälligen, manche gar zu einem erfolgreichen Lebenslauf geschafft. Die anderen blieben „Opfer“ – und wurden auch noch Opfer von Vorwürfen, warum sie es nicht gepackt haben, das Leben.

Das kann man mit Schulz nicht vergleichen. Ihn vorschnell als Opfer einzuordnen, liegt nahe. Er hat als Kind gesehen und erlebt, was Kinder besser nicht sehen und erleben sollten. Man spricht sehr leicht von Traumatisierung. Wenn überhaupt, war das aber offensichtlich keine dauerhafte. Der Wille zum Überleben war stärker. Und Schulz hat sich durchgeboxt, durch­getrickst und durchgemogelt. „Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?“ fragt er im 21. Kapitel. Das war er tatsächlich, und er steckte voller Lebensenergie. Keine Opfer-, sondern eine Täterpersönlichkeit hat sich früh bei ihm herausgebildet. Vielleicht sollte man besser von Macher-Persönlichkeit sprechen, denn damit ist nicht unbe­dingt eine kriminelle Täterschaft verbunden. Doch auf der Schattenseite des Lebens gelten andere Gesetze – wie in der Dreigroschenoper: „Wir wären gut anstatt so roh, …“[4]

Dieter Schulz hatte gelernt, in einer feindlichen Umgebung zu überleben – was ja nicht wenig ist. Er hatte gelernt, dass es dabei nicht auf Gesetze und auch nicht auf Sitte und Anstand ankommt. Was wir Sozialisierung nennen, hat durchaus stattgefunden, aber nicht in der „bürgerlich-anständigen“ Version.[5]

Und die Fähigkeiten? Auf ihn trifft die Redewendung „klein, aber oho“ zu, umgangssprach­lich meint man damit „klein, aber beachtlich energisch, selbstbewusst, leistungsfähig“. Dieter Schulz sagt von sich, er lerne schnell. So auch Russisch. Das verhalf ihm zu seinen Schwarz­markt­geschäften, Kuppeleien und Betrügereien – als Kind! Dazu kamen Diebstähle, Ein­brüche, Ausbrüche, Brandstiftung und eine Falle, die für zwei Volkspolizisten hätte tödlich ausgehen können.

Er hat noch etwas gelernt: Gefühle machen angreifbar, man muss sie verstecken. »Nachts weinte ich auch schon mal unter der Bettdecke. Immer nur den Abgebrühten spielen war für meine kleine Jungenseele doch nicht so leicht wegzustecken, wie es den Anschein haben mag.«

Dieses ganze Potential liegt nun für den zweiten Teil seiner Autobiographie bereit – und er nutzt es, wenn er in Schwierigkeiten kommt, – kriminell, warum auch nicht? und endet schließlich an der Knastschreibmaschine, auf der er nicht nur die Frage stellt, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?![6]

Auch wenn er sich im Rückblick zurecht als „Ergebnis“ einer heillosen Zeit darstellt, geschieht auch dies noch mit der Absicht, ein warnend Beispiel abzugeben. Selbst in der Opferrolle noch tatorientiert.

Das Sündenregister des Kindes und Jugendlichen ist auch eine weitere kriminologische Überlegung wert. Denn Pardon wird nicht gegeben. Ich lernte bereits im Studium, dass es nicht gut ist, eine Akte beim Jugendamt zu haben. Ist die erst einmal angelegt, wird alles gesammelt und bei Bedarf hervorgeholt. Kinder aus „guten Familien“ haben selten eine Jugendamtsakte, weil diese Familien Devianzen meist selber regeln können. Bei Dieter Schulz kommt Heimausbruch zu Trebe[7] zu Heimausbruch. Seine „Gefährlichkeit“ wächst von Mal zu Mal. Pädagogische Neuanfänge gibt es nicht, immer nur das Heim, also mehr vom Selben, obwohl man weiß, dass das nicht hilft. So führt pädagogisches Versagen dazu, dass in solchen Fällen die Jugendamtsakte nahtlos in die Strafakte überführt werden kann. Im Volksmund heißt es, der Teufel schitt immer auf den größten Hucken. Wenn noch nix da ist, schit hei nich.

Doch es gibt hin und wieder einen Nachlass. Die Öffentlichkeit regt sich oft auf, wenn wegen „mangelnder Nestwärme“ o.ä. der Strafrahmen nicht voll ausgeschöpft wird. Hätte Dieter Schulz vielleicht auch gekriegt, „wenn der Richter das gelesen hätte“. Hatte er aber nicht, denn seine Autobiographie gab’s noch nicht, nur sein Vorstrafenregister: 16 Vorstrafen werden strafverschärfend im Urteil aufgeführt.Ist der Leumund gut, also keine Vorstrafen, ist die Sozialprognose gut. Leute mit positivem Sozialisationshintergrund sind aus der „Normalsicht“ lebenstüchtiger, zuweilen aber auch erfolgreicher in der Kriminalität, als die von Kind auf geschädigten. Eigentlich müßte man ihnen vor Gericht ihre bisherige Unbescholtenheit zum Vorwurf machen: Sie hatten privat wie beruflich einen unbelasteten, sorgenfreien Werdegang und blieben bisher unbescholten. Dennoch haben Sie bewusst Schrott­immobilien verkauft und viele Menschen in den Ruin getrieben. Das müssen wir straf­verschärfend werten.

Dieter Schulz sieht sich auch weiterhin als Winner. Er ist überzeugt, einmal in den Himmel zu kommen. Habe ich doch die Hölle bereits auf Erden erlebt und meine Sünden mit 17 Jahren Knast abgebüßt.

Auf wen er dort wohl alles treffen wird?

Fußnoten

[1] Verschiedene Genres kämen infrage, wenn es ein Roman wäre:

  1. Schelmenroman: »Der Schelm stammt aus den unteren gesellschaftlichen Schichten, ist deshalb ungebildet, aber „bauernschlau“. Er durchläuft alle gesellschaftlichen Schichten und wird zu deren Spiegel. Der Held hat keinen Einfluss auf die Geschehnisse um ihn herum, schafft es aber immer wieder, sich aus allen brenzligen Situationen zu retten. «https://de.wikipedia.org/wiki/Schelmenroman
  2. Bildungsroman: »Bildung soll beim Bildungsroman nicht nur das Thema des Romans sein, sondern auch dem Leser vermittelt werden. Ähnlich wie im didaktischen Aufklärungsroman geschieht dies durch das „missiona­rische Überlegen­heits­gefühl eines sich selbst bewussten Erzählers, der seinen Bildungsvorsprung gegenüber Held und Leser geltend machen [kann]“. Dieser distanzierte, oft ironische Erzähler ist also neben dem Helden und dem Leser die wesentliche Figur eines Bildungsverhältnisses, das als Bildungsgeschichte bezeichnet wird.« https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungsroman . Dieter Schulz ist einerseits „Held“ der Geschichte, andererseits aber oft auch der distanzierte und ironische Erzähler. Das kann nicht jeder Memoirenschreiber, dennoch hat dieser Lebensbericht Parallelen
  3. zu „Memoiren“: https://de.wikipedia.org/wiki/Memoiren und
  4. zur Autobiographie. https://de.wikipedia.org/wiki/Autobiografie .

[2] Die ersten 20 Kapitel sind bereits hier im Blog erschienen, damit ist der Teil abgeschlossen, den Dieter Schulz spontan auf der Justizschreibmaschine verfasst hat: auf dünnem Durchschlagpapier in Zeilen mit von Rand zu Rand hüpfenden Buchstaben, mit unterschiedlicher Anschlagstärke und abenteuerlicher Rechtschreibung getippt.

Die nächsten rund 20 Kapitel erreichten mich per Mail. Schulz war inzwischen frei und wurde von uns ermutigt, weiterzuschreiben.

[3] Dierk Schäfer, Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion, Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 9/2016, http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4128

[4] http://lyricstranslate.com/de/bertolt-brecht-erstes-dreigroschenfinale-lyrics.html

[5] Diese ist allerdings nicht in allen Fällen ein zuverlässiger Weg zu einem Leben frei von Kriminalität, nicht einmal von schwerer Kriminalität. Das zeigt ein Blick auf die gerade aktuell sichtbaren Machenschaften erfolgreicher Firmen und ihrer Manager. Auch diese sind Täterpersönlichkeiten, sonst hätten sie in ihrem Umfeld nicht reüssieren können. Selbst wenn sie mal zur Rechenschaft gezogen werden, fallen sie weich. Dieter Schulz aber lebt ärmlich von Sozialhilfe, sitzt im Rollstuhl und hin und wieder fährt man ihn zum Discounter-Einkauf.

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/

[7] http://umgangssprache_de.deacademic.com/26403/Trebe

 

In Kapitel 21, geht es weiter. Titel: Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Darin erfahren wir, wie er es angestellt hat, ins Schiebergeschäft einzusteigen, wirklich sehr clever.

_Inhaltsverzeichnis

 

 

150 Jahre Bethel – Ein chrismon spezial

»„Für Menschen da sein“: Das ist so ein einfacher Satz.« So begrüßt Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, die liebe Leserin und den lieben Leser.

Und dann schreibt sie von der außerordentlich segensreichen Entwicklung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel seit den allerersten Anfängen.

Nun darf man von der ersten Frau der westfälischen Kirche nicht erwarten, dass sie mit ihrer Gratulation die Festharmonie stört. Aber chrismon hätte wenigstens auf einer Seite an die nicht so segensreichen Momente in dieser Entwicklung erinnern müssen. Ich, der ich viele Kontakte mit ehemaligen Heimkindern habe, fühle mich an den Film von Thomas Vinterberg erinnert. Dort wird auch ein Fest gefeiert, ein Familienfest. Und dann geschieht das Schockierende. Der Jubilar sieht sich mit den Vorwürfen konfrontiert, zwei seiner Kinder missbraucht zu haben.[1] Unter der Oberfläche der Harmonie einer funktionierenden Familie taucht das Grauen auf.

Sicherlich ist Bethel eine hilfreiche Einrichtung und nur weltferne Idealisten werden von einem Sozialkonzern mit Eigeninteressen sprechen. Doch wenn das Grauen keinen Platz im Festkalender bekommt, wird das Fest zur Lüge. In der Infographik auf Seite 22f taucht auch das Schild „Freistatt“ auf. Die „Moorsoldaten“ aber werden beschwiegen. Doch vielleicht ist es ja ein versteckter Hinweis, dass zwischen der heutigen Bezeichnung Bethel im Norden und Freistatt Welten liegen. Damals war es brutale Ausbeutung der jungen Schutzbefohlenen, die man beim besten Willen nicht „Arbeitstherapie“ nennen konnte. Der Film „Freistatt“ wurde auf „arte“ gezeigt und ist – in schlechter Bildauflösung – auf youtube verewigt. Den Link dazu findet man in meinem Blog in einem Kommentar.[2] Der Film ist preisgekrönt: »Drehbuchpreis für „Anstalt Freistatt, Moorhof zur Hölle“«[3], unter diesem Link auch der Kommentar von Martin Mitchell, einem ehemaligen „Moorsoldaten“ vom 3. August 2016. Er zitiert aus der Braunschweiger Zeitung.

Hier ein Auszug:

»Sechs Wochen lang hat [der im Jahre 1923 geborene] Erich Helmer 1968 als Pfarrer IM DIAKONISCHEN HEIM IN FREISTATT IM KREIS DIEPHOLZ gearbeitet. Dort waren Jugendliche untergebracht, die als kriminell galten, und Jugendliche, die von ihren Eltern abgeschoben wurden. Helmers Auftrag lautete, die Jugendlichen zu betreuen und mit ihnen Wege aus der Kriminalität zu finden. Dazu kam er aber nicht. Die Jugendlichen mussten von mor­gens bis abends im Moor schuften. Freizeit gab es nicht, Räume für Einzelgespräche oder einen Hauch von Privatsphäre auch nicht. Helmer erlebte, wie die Jugendlichen geschlagen und getreten wurden, wie sie mit Zahnbürsten den Boden schrubben und sich abends damit die Zähne putzen mussten.«

Zum chrismon-spezial hätte auch ein kurzer Blick auf diesen Teil der Jubelvergangenheit gehört. Nichts davon, auch kein Hinweis auf den Vortrag von »Pas­tor Friedrich von Bodelschwingh, theologischer Vordenker, Gründungsvater und Chef in Bethel. [Er] behauptete: Die Sterilisierung Behinderter entspreche dem Willen Jesu. von Bodelschwingh wört­lich: „Ich würde den Mut haben, in Gehorsam gegen Gott, die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen.“«[4]

Ist Bethel heute ganz anders? Sicherlich. Aber die FAZ vom 27. Januar 2017 berichtet unter der Überschrift Ausgerechnet in Bethel »„Für Menschen da sein“, so lautet das Motto der Stiftung, von der viele sagen, sie habe mit ihrem Tak­tieren auf dem Rücken der Menschen ihren Haus­halt sanieren wollen. „Von denen kann man in Sachen kaltblütigem Verhandlungsgeschick noch was lernen“, sagt ein an der Sache nicht be­teiligter Beamter im Düsseldorfer Schulministerium.« [5]

Spenden für Bethel? chrismon-spezial druckt den Aufruf von Pastor Ulrich Pohl,Vorsitzender des Vorstandes der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel samt Überweisungsträger ab. Der Kollege Pohl zählt zu den Geschäftsleuten des Evangeliums und macht das recht professionell. Hat auch schon einen Platz in meinem Blog samt vielen Kommentaren.[6] Alles lesenswert. Ich beherzige das.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Fest_(Film)

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/27/willkommen-arbeit-macht-frei/

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/18/drehbuchpreis-fur-anstalt-freistatt-moorhof-zur-holle1/

[4] so Alexandra Galle in einem Kommentar von 17. Juli 2015 in https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/12/27/hephata-aus-tradition/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/27/willkommen-arbeit-macht-frei/

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/11/24/5764/

Luthers Lümmel-Tüten in aller Munde

Posted in Firmenethik, Humor, Kirche, Medien, Protestantismus, Religion by dierkschaefer on 24. März 2017

Geschmacklos wie die Luther-Socken, besonders wenn sie gleichzeitig zum Einsatz kommen. Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft schaut bewundernd zur rheinischen Kirche auf. Sie hat es geschafft, dieses Allerweltsverbrauchsprodukt aus der Fülle der Lutherdevo­tionalien hervorzuheben – und dies auch noch kostenfrei. Chapeau!

Der Zweitplazierte ist aber nicht neidisch. Ob er denn, wurde der Manager gefragt, an eine Neuauflage seiner Spielfigur denke, mit einer Wölbung unter dem Lutherrock. Da hat er souverän abgewinkt. Das sei nicht nötig. Was sich unter der Kleidung abspiele, wolle seine Firma auch weiterhin dem freien Spiel der Gedanken überlassen.

Und die rheinische Kirche, wie geht sie mit dem Erfolg um? Kaum zu glauben! Sie kostet den Erfolg nicht aus, sondern macht paradoxerweise einen Rückzieher und zieht die Luther-Lust-Lümmel rigoros aus dem Verkehr.

Ist das nun hinterfotzig oder ein rheinisch-fröhlicher Aufruf zur unverhüllten Lust?

Oder ganz einfach verschämte christliche Bescheidenheit?

Versteh einer die Welt – der Kirche.

 

https://www.google.de/search?hl=de&gl=de&tbm=nws&authuser=0&q=Luther+Kondome&oq=Luther+Kondome&gs_l=news-cc.1.0.43j43i53.2961.8974.0.10787.14.6.0.8.8.0.79.381.6.6.0…0.0…1ac.1.QVSOxN1k1hE

http://www.mdr.de/nachrichten/vermischtes/evangelische-kirche-kondom-verbot100.html