Dierk Schaefers Blog

Gutscheinlösung in Korntal?

Posted in heimkinder, Kinder, Kinderheime, Kirche, Kriminologie, Leben, News by dierkschaefer on 1. September 2017

Das NetzwerkBetroffene hatte eine Pressemitteilung herausgegeben, die hier im Blog zitiert und kommentiert wurde: https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/08/22/nicht-einmal-bargeld-fuer-die-missbrauchsopfer-von-korntal/

Dr. Pätzold hat sie im Kommentar als „klassische Falschmeldung“ bezeichnet .

Da ich keine Fake-News im Blog propagieren möchte, habe ich nachgehakt.

Hier der Mailwechsel, der sich daraus ergab. Das Ergebnis ist aus meiner Sicht nicht zufriedenstellend. Doch immerhin: Herr Zander verbürgt sich.

Der unbearbeitete Mailwechsel:

@ 26.08.2017 15:40: Herr Zander,

Ihre Pressemitteilung hatte ich – wenn auch unter Vorbehalt – veröffentlicht. Daraufhin meldete sich Dr. Pätzold, der diese für eine Ente erklärte. Sein Text:

Dr. Ludwig Pätzold said, on 23. August 2017 at 10:39 (Bearbeiten)

Die Pressemitteilung des Netzwerkes ist eine klassische Falschmeldung. Die Brüdergemeinde hat auf ihrer Prssekonferenz vom 5.2.2016 angekündigt, Anerkennungsleistungen bis 5.000 € zu bezahlen. Ein Opfer möchte die Anerkennungsleistung nicht auf ein Konto sondern als Barscheck haben. Jeder, der interviewt wurde und den Antrag auf Anerkennungsleistung gestellt hat, hat seine Kontoverbindung angegeben. Über den aktuellen Stand informiert die Pressemitteilung vom 14.07.2017, zu finden auf http://www.agheimopferkorntal.org/

Ich bitte um Ihre Stellungnahme, die ich im Blog veröffentlichen werde.

Mit freundlichem Gruß

Dierk Schäfer

 

@ 31.08.2017 16:00: Hallo Herr Schäfer,

danke für Ihre Mail, zu der ich gerne Stellung nehmen möchte.

Zur Person Pätzhold von der sog. Opferhilfe Korntal. Dieser Mensch ist weder ein Opfer, oder Betroffener im Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal..

Seit fast 2 Jahren werden wir von diesen Herren beleidigt, mit dem Ziel uns aus zu schalten. Genau dieser Herr hat es gemeinsam mit der Brüdergemeinde Rohr und Bautz geschafft, dass Weber die Aufklärung nicht machen konnte. Wir Opfer waren uns einig.

Wir haben oft den Eindruck, dass die Opferhilfe Korntal Pätzhold und Co. Helfershelfer der Brüder sind. Informieren Sie sich selbst unter www.opferhilfe-korntal.de

Wir vertreten weit über 80 Opfer 409 Opfer haben sich bei uns gemeldet. es gibt auch Opfer darunter, die mit der Sache nichts mehr zu tun haben wollen. Pätzhold ist daher für uns kein Diskussionspartner im Missbrauchs­skandal der Brüdergemeinde Korntal. Herr Andersen, der Vorsteher der Brüdergemeinde Korntal wollte in der Vergangenheit die Herren der Opferhilfe Korntal anzeigen. Nun hat man genau einen Herren der Opfer­hilfe Korntal an den Verhandlungstisch geholt.

Immer mehr Opfer, die schon an einem Gespräch mit Stammberger teil­genommen haben, beschweren sich bei uns bitterlich über das Proce­dere des Gespräches. Viele haben den Eindruck, Stammberger sei nicht unab­hängig, das Gespräch sei kalt, und sie haben den Eindruck man würde ihnen nicht glauben! Es gibt keine Nachsorge, nach dem Gespräch, die Gespräche werden ALLEINE mit Stammberger geführt.

Wir sagen ganz klar, hier werden keine Standards eingehalten. Genau aus solchen Gesprächen heraus, die uns immer wieder erreichen, wurden von Opfern berichtet, dass Gutscheine, und Barschecks von bis zu 50.000€ geben soll. So wurde es ja auch in unserer PM dargestellt.

Die Brüder spielen mit den Opfern Schach, und die Opfer merken es nicht. Denn unsere Forderung, ist eine nachhaltige Anerkennungsleistung. Wir fordern für jedes Opfer einen Betrag von bis zu 20.000 €, Therapiekosten, sowie Anwaltskosten für die Anerkennung nach dem OEG.

Es darf nicht sein, dass die Brüder, und Ihre Helfershelfer der Opferhilfe Korntal bestimmen, wie und was aufgeklärt werden soll.

Die Brüder, und dies halten wir für sehr gefährlich erhalten von den Aufklärern immer wieder Zwischeninformationen, ja es werden sogar von den Aufklärern Vorträge in der Brüdergemeinde gehalten. Dies haben wir scharf kritisiert!

Diese Aufklärung kommt nur den Brüdern entgegen. Die Opfer werden im Namen Jesus erneut missbraucht!

Wir werden dies nicht zulassen!

Beste Grüße

Detlev Zander

 

@ 31.08.2017 19:24: hallo, herr zander,

1. kurze frage zum kern der sache: wer bürgt für die nachricht, es gebe gutscheine statt bargeld?

2. darf ich ihr mail im blog verwenden, sobald sie frage 1 beantwortet haben?

beste grüße
ds

 

@ 31.08.2017 19:28: Dafür bürge ich, wie ich es Ihnen geschrieben habe!

Sicher können Sie meine Mail veröffentlichen! Ich bitte sogar darum!

Mehr Informationen unter www.netzwerkbetroffenenforum.de

Beste Grüße

Ihr

DZ

Detlev Zander

Vereinssprecher / Beauftragter Öffentlichkeitsarbeit

Ende des Mailwechsels

 

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Die Öffis sind uns teuer und kommen uns teurer als nötig

Posted in BRD, Gesellschaft, Medien, Staat by dierkschaefer on 27. August 2017

Die Öffentlich-rechtlichen Sender sollen eine Grundversorgung an Information sicherstellen, dies weitgehend staatsfern. Dafür brauchen sie Einnahmen. Soweit, so gut, volle Zustimmung. Am besten ginge das über eine Rundfunksteuer. Diese Einnahmen sollten vom Staat garantiert werden ohne Einflussnahme auf das Programm. Damit das nicht hinterrücks geschieht, sollte der Steueranteil für die Unterhaltung der Sender dynamisiert werden. Wenn das nicht aussreicht, z.B. wegen erhöhten Bedarfs zur Beschaffung und Ausstrahlung der Informationen, wird ein politisch-unabhängiges Gremium über die Angemessenheit befinden müssen, Richter beispielsweise. Die „Öffis“ sollten uns teuer sein.

Aber brauchen wir zwei davon? Zwei, die sich beide spreizen und aufhübschen mit Sonderkanälen? Zwei, die beide meinen, sie müssten auch zur Massenunterhaltung beitragen, die übrigens bei den Öffis zunehmend weniger Zuspruch findet?

Klar, die können nicht den ganzen Tag Nachrichten senden, über die politischen Hintergründe informieren und Kommentare dazu absetzen. Das würde nur Info-Freaks interessieren und damit den Auftrag auf Grundversorgung an Information aushöhlen. Doch eine Mischung, wie sie der Deutschlandfunk hinbekommt, wäre doch eine Möglichkeit. Der berichtet sogar über Sport – was mich nicht interessiert, und bringt Kultur, die andere nicht interessiert. Es gibt ja den Ausschaltknopf – oder die „Privaten“, die von der Quote leben. Die können das ganz gut und brauchen dafür keine zwangsfinanzierte öffentlich-rechtliche Konkurrenz, die den Wettbewerb verzerrt. Die Öffis sollten so gut finanziert werden, dass sie auf Werbeeinnahmen nicht angewiesen sind und uns folglich damit auch nicht behelligen.

Die Wettbewerbsverzerrung ist durch die Aufbläung der Öffis bei den Zeitungen angekommen. Jürgen Kaube geht in der FAZ darauf ein und schreibt ganz richtig:

»Niemand in den Zeitungen schätzt gering, was das Deutschlandradio und andere Sender leisten. Oder Arte, 3sat, ARD-alpha. Aber das Gros des zwangsfinanziert Ausgestrahlten hat nichts mit der Demokratie, einem Bildungsauftrag oder auch nur dem Anregen von Gedanken zu tun, die anders als durch immer höhere Pflichtabgaben nicht zu haben wären.«[1]

Ob die Zeitungen allerdings gut davonkämen, wenn die Öffis sich auf ihren Grundauftrag konzentrieren würden, darf bezweifelt werden. Ich nutze die Öffis fast ausschließlich im Autoradio. Wenn ich viel unterwegs war, bin ich am nächsten Tag mit meiner Zeitung sehr schnell fertig und kann dann auch den dortigen Anzeigen kaum Aufmerksamkeit widmen.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/von-staatsrundfunk-und-zwangsgebuehr-kommentar-zum-rundfunkbeitrag-15168540.html, Hervorhebung von mir.

Nicht einmal Bargeld für die Missbrauchsopfer von Korntal

Wenn die Pressemitteilung vom Netzwerk BetroffenenForum stimmt, geht die Evangelische Brüdergemeinde Korntal-Münchingen tatsächlich einen Sonderweg in der Anerkennung der Verbrechen. Die Höhe der Summe erstaunt dabei nicht. So billig haben sich schon viele kirchliche Einrichtungen ihrer Vergangenheit entledigen wollen. Aber Gutscheine für je fünftausend Euro (maximal!)? Wer soll diese Parallelwährung denn akzeptieren?

Ich fürchte, die frommen Brüder haben an ihren nächsten Weihnachtsbazar gedacht. dort können dann die Opfer auf Gutschein „kostenlos“ einkaufen. – Da gibt’s doch auch ein Angebot auf der Web-Seite der Brüdergemeinde: Ein „Tagesseminar für alle, die ein seelsorgliches Anliegen für sich und andere Menschen haben.“ http://www.brüdergemeinde-korntal.de/ Ich bin fast versucht, mich anzumelden, weil ich ein seelsorgliches Anliegen für die Brüdergemeinde habe. Allerdings habe ich keinen Gutschein – und von den Seminarkosten steht dort nichts.

Ist schon eine Leistung, aus einem Skandal auch noch eine Provinzposse zu machen.

Vergelts Gott!

Hier die ungekürzte und unkorrigierte

PRESSEMITTEILUNG

Im Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal gehen die Verantwortlichen, in der Frage der finanziellen Anerkennung des Leides ihrer Opfer, in Deutschland einzigartige, innovative Wege.

Jedes Opfer soll einen Gutschein von bis zu 5.000 € erhalten. Die Brüdergemeinde Korntal sind Spenden, oder Gutscheine für Ihre Werke sicherlich gewohnt, werden sie doch noch immer reichlich unterstützt.

Doch dass dies bei ihren Opfern Anwendung finden soll, ist eine respektlose, unchristliche Aktion, ja schon fast eine zynische Art und Weise wie diese Christen mit ihren Opfern erneut umgeht.

Die Brüdergemeinde Korntal ist reich, sie muss ein Zeichen setzen, in dem sie Grundstücke und Häuser verkauft, um den Opfern gerecht zu werden. Alles andere ist den Opfern der Brüdergemeinde Korntal nicht mehr zu zu muten, und verletzt sie erneut. Schon einmal wurde über unsere Köper bestimmt, uns mit Gewalt den Willen gebrochen. Dies werden wir nicht mehr zulassen!

Wir fordern für alle Opfer im Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal eine Anerkenntniszahlung von bis zu 20.000 € ! Zudem muss die Brüdergemeinde Korntal Therapiekosten für ihre Opfer und deren Angehörigen übernehmen. Es müssen Anwälte bereit gestellt werden, damit die Opfer in ihrem Kampf zur Anerkennung nach dem OEG ( Opferentschädigungsgesetzt ) gelangen.

Dafür darf nicht die Allgemeinheit in Regress genommen werden. Wir sind keine Opfer 2.Klasse.

Präsident Macron und seine theologischen Qualitäten

Posted in Geschichte, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 27. Juli 2017

»Macron betonte, dass die Heldengeschichte der Jungfrau von Or­leans zum historischen Erbe aller Franzo­sen gehöre und sie erleben lasse, dass sie eine gemeinsame Geschichte hätten, eine Geschichte, „die uns zusammenhält“. Und weiter: „Die großen Gestalten der Vergan­gen­heit sprechen nicht zu uns. Niemals haben sie versucht, uns eine Botschaft zu sen­den. Nur wir selbst bringen sie zum Spre­chen. Nur wir selbst konstruieren ihre Legenden, auf die wir uns stützen. Aus unse­rer Geschichte erwachsen unsere Hoffnun­gen und unsere Kraft zu handeln.“«

So wird aus einer Rede von Macron zitiert. Er hat sie am 8. Mai 2016 – noch als recht unbekannter Wirtschaftsminister unter Hollande – zu Ehren der Jeanne d’Arc bei den jährlichen Feierlichkeiten in Orleans auf Einladung der Stadt gehalten.[1]

Das ist ein beachtliches Zitat. Die beiden Theologen meiner Familie haben unabhängig voneinander sofort die Parallele zur Theologie gezogen, zur liberalen Theologie natürlich. Denn es geht um den berühmt-berüchtigten „garstigen, breiten Graben“, den Lessing zwischen Zeugnissen aus der Vergangenheit und der Gegenwart ausgemacht hat,[2] – eine Erkenntnis, die bis heute die Theologen beschäftigt, mit unterschiedlichen Ergebnissen.[3]

Macron scheint dieser Graben keine Probleme zu bereiten und setzt auf das sinnstiftende Potential historischer Personen (und Ereignisse). »Aber ist der Rekurs auf historische Größe noch zeitgemäß? Macron sagte in Orleans: „Die Franzosen brauchen Jeanne d’Arc, weil sie uns zeigt, dass das Schicksal nicht festgeschrieben ist.“«

Dieser Satz lässt sich auch für den Umgang mit Personen aus jedweder (Religions)-Geschichte nutzen. Macron hat eine vorzügliche, auch theologisch-nützliche Interpretation vorgelegt.

Übrigens: Jeanne d’Arc[4] wurde heiliggesprochen. Ihre Skulptur steht in vielen französischen Kirchen. Und: Frankreich ist ein betont säkularer Staat.

 

[1] Zitate aus GERD KRUMEICH, Macron über Jeanne d’Arc, Ihm wächst ein Wortfeld, FAZ, 26. Juli 2017, S. N3

[2] http://www.zeit.de/1980/25/anti-goeze/komplettansicht Achtung: Unkorrierter Scan!

[3] Nur ein Beispiel: http://www.theologiestudierende.de/2015/03/09/moment-mal-lessings-garstiger-graben/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Jeanne_d%E2%80%99Arc

Die Betroffenen sitzen mal wieder am Katzentisch

Asymmetrische Machtverteilung in der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“.

Das Papier war aus dem Netz verschwunden, nun ist es wieder da – und hier auch.Stiftung-Anerkennung-und-Hilfe-Praesentation-BeB-2017

Wer aufmerksam liest, kennt das Spiel schon von Runden Tisch Heimkinder her.

Ein Blick auf die Folie 29 zeigt die Funktionsweise des Lenkungsausschusses, das ist der, der lenkt, bei ihm liegt die Macht. Die Liste der dafür ernannten Personen findet man auf den Folien 34 – 37.29.jpg

Wer ist Mitglied?

Je drei Vertreter der Institutionen, die zahlen sollen. Die wollen möglichst wenig zahlen, was in der Natur der Sache liegt.

Das sind

  • Bundesregierung,
  • Länder,
  • Kirchen.

Um es bildhaft zu machen:lenkungsausschuß

 

Dann gibt es den Fachbeirat. Er hat beratende Funktion. Wer gehört dazu?

Je drei Vertreter von

  • der Gruppe der Betroffenen,
  • der Gruppe der Betroffenenvertreter,
  • der Gruppe der Sachverständigen.

Das sieht dann so aus:fachbeirat

Der Fachbeirat entsendet Vertreter in den Lenkungsausschuß. Das werden maximal 3 sein, aus jeder Gruppe einer.

Für den Sachverständigen vom Dienst nehmen wir einmal an, dass er tatsächlich neutral ist, also für niemanden Partei ergreift, sondern seinen Sachverstand einbringt (unter welchen Gesichtspunkten?).

Ob die Betroffenenvertreter, sei es von der Aktion psychisch Kranke, der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen oder von der Bundesvereinigung Lebenshilfe wirklich die Betroffenen vertreten und nicht hauptsächlich ihren Verband, vermag ich nicht zu beurteilen. Nehmen wir also an, sie ergreifen Partei für die Betroffenen.

Dann hat die Betroffenenpartei zwei Sitze im Lenkungsausschuß. Ihnen sitzen neun Parteienvertreter gegenüber, die möglichst wenig Geld ausgeben wollen.

Ohnehin ist der Finanzrahmen vorab festgelegt worden. Das Dokument zeigt die Entwicklung der Kompromisse auf, die ohne die Betroffenen ausgehandelt wurden.[1]

Diese Asymmetrie setzt die Veranstalter ins Unrecht, selbst wenn halbwegs gute Entscheidungen für die einzelnen Betroffenen gefällt werden sollten. Doch um Verhandlungen auf Augenhöhe hatte man sich ja bereits schon am Runden Tisch gedrückt [2] und den Sachverständigen Prof. Dr. Manfred Kappeler[3] ausgeschlossen, der war zu kritisch.

Was im Lenkungsausschuß fehlt ist die parteiliche Rechtsvertretung der Betroffenen durch eine kompetente Anwaltskanzlei. Doch eine anwaltliche Vertretung der Betroffenen hatte ja schon Antje Vollmer gescheut wie der Teufel das Weihwasser.

Eine Beschwerdemöglichkeit haben die Betroffenen selbstverständlich auch nicht. Antragsteller sind sie, Almosenempfänger werden sie, soweit sie Glück haben.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/19/man-befurchtet-dass-sich-der-neue-fonds-als-fass-ohne-boden-entpuppen-wird/ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/03/behinderte-werden-als-menschen-zweiter-klasse-behandelt-der-bundesverband-evangelische-behindertenhilfe-beb-begruesst-das/

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/11/12/prof-dr-manfred-kappeler-vom-%e2%80%9ezwischenbericht%e2%80%9c-des-runden-tisches-heimerziehung-zum-entwurf-des-%e2%80%9eendberichts%e2%80%9c-%e2%80%93-zwischen-den-zeilen-gelesen-ii/

Sie haben einen guten Riecher, die Brüder von Korntal

Die Klärung der Missbrauchsvorwürfe in der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal ziehen sich hin. Dabei hätte es fast einen guten Weg gegeben. Der Rechtsanwalt Weber hatte die Untersuchung der Vorwürfe vornehmen sollen. Hatte? Hätte! Er war schon beauftragt mit der Untersuchung der einschlägigen Vorfälle bei den Regensburger Domspatzen. Das Vertrauen der ehemaligen Heimkinder hatte er. Dies Vertrauen war offenbar berechtigt, denn der Bericht, den er nun über Regensburg vorgelegt hat, ist beachtlich und zeugt von seiner Kompetenz im Umgang mit der Materie. »Der vom Bistum Regensburg beauftragte unabhängige Sonderermittler Ulrich Weber bezifferte die Zahl der von ihm ermittelten Opfer am Dienstag in Regensburg auf 547. Weber sagte vor Journalisten, er gehe weiter von einer Dunkelziffer in Höhe von etwa 700 Opfern aus. Der rund 450 Seiten starke Bericht wurde im Internet veröffentlicht[1]

Solche Aussichten waren der Brüdergemeinde offenbar zu gefährlich und sie kegelten ihn aus dem Verfahren.

Wie denn? Ganz einfach: »Die Mediatoren, die Brüdergemeinde und Opfervertreter bis zu einer Beauftragung begleiten sollten, stoppten das Verfahren vorerst. Als Grund wurde ein Medienbericht angegeben, demzufolge der Anwalt in eine Korruptionsaffäre verwickelt sein könnte.«[2] Ein Medienbericht – tolle Quelle! Weber könnte betroffen sein. Ein gefundenes Fressen. Ab mit ihm!

Weber selbst wies die Berichte zurück: „Es wird nicht gegen mich ermittelt“[3], er übt »scharfe Kritik an den Mediatoren. …[und] begründet seine Entscheidung mit inhaltlichen Differenzen mit der auftraggebenden Brüdergemeinde. Wohl war der Vertrag zwischen ihm und den Pietisten weitgehend ausgehandelt. Doch „eine explizit von mir geforderte Erklärung­, dass die Brüdergemeinde von einem Einflussrecht auf meine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess Abstand nimmt, ist bisher nicht erfolgt. Ein unabhängiges Arbeiten wäre unter diesen Umständen nicht möglich“, sagt Weber. Er greift in seiner Absage zudem die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz scharf an. „Die Einflussnahme der Mediatoren, speziell deren Kommunikationsverhalten in den letzten Tagen, zeugte von fehlendem Respekt, da Inhalte und Entwicklungen über meine Verpflichtung, ohne mich vorab zu informieren, in die Öffentlichkeit getragen wurden.“«[4]

Der Mann hätte gefährlich werden können. Und nun sieht mans ja an seiner Behandlung des Regensburger Falls. Diese schonungslose Offenheit auch im Korntaler Fall? Da sei Gott vor – oder die Brüdergemeinde, was in deren Augen wohl dasselbe ist. Sie haben halt einen guten Riecher für gottlose Schnüffelei in ihrer Vergangenheit, die doch sehr anrüchig zu sein scheint.

PS: Korntal wurde bereits 23 mal in diesem Blog behandelt. Der erste Eintrag datiert vom 2. Mai 2014. Gut Ding will Weile haben – und Gottes Mühlen mahlen langsam. Hoffentlich irren sich die frommen Brüder, denn das Sprichwort geht weiter: Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher.

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/547-domspatzen-opfer-von-uebergriffen-15111308.html Dienstag, 18. Juli 2017

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/15/korntal-und-die-vorverurteilung/

[3] http://www.swr.de/swraktuell/bw/missbrauchsfaelle-in-korntal-aufklaerung-verzoegert-sich-weiter/-/id=1622/did=18999174/nid=1622/1yhc7ht/

[4] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-bruedergemeinde-ulrich-weber-wirft-in-korntal-hin.d7619177-34c4-4648-a9bf-501d60334fc4.html

»Für mich stellt sich nicht die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, sondern ob Gott Sinn macht«

Posted in Christentum, Ethik, Kirche, Leben, Moral, Philosophie, Recht, Religion by dierkschaefer on 16. Juli 2017

So ein Kommentar[1]. Das ist richtig gesehen und steht in guter Tradition zur Ringparabel[2] von Lessing. Für dieses Leben ist eher wichtig, was eine Gottesvorstellung (Gott?) bewirkt. Wer ihn für ein nächstes Leben braucht, mag das anders sehen. Wer ihn braucht, um Hass gegen andere zu säen, verrät sein Ideal. Wer ihn braucht, um selber gut zu leben und selber ein sattes Gewissen zu haben, ist unglaubwürdig.

Manche Leute sind auch ohne Gott(esvorstellung) glaubwürdig.

Gerade lese ich ein Beispiel dafür bei Fritz Reuter[3]. Er schreibt in seinem Roman „Ut mine Stromtid“ am Ende vom 40. Kapitel:

bräsig

Ich habe die hochdeutsche neben die original-plattdeutsche Fassung gestellt. Aber man kann Fritz Reuter eigentlich nicht übersetzen. Der hier zitierte „Bräsig“ hat jedenfalls nicht als Christ Gutes getan, sondern in seiner Rolle im Ehrenamt als „Akzesser“. Er hat also nicht auf sein Wohlergehen im Himmel geschielt. Somit ist er das, was man früher einen ordentlichen Christenmenschen nannte. Und ein „ordentlicher“ Mensch kann man auch ohne Gott sein, wenn man tut, was anderen hilft.

Fußnoten

[1] Kommentar zu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/07/08/warum-sollte-es-herrn-kronschnabel-interessieren-dass-gott-aus-der-kirche-ausgetreten-ist/

[2] Ringparabel https://de.wikipedia.org/wiki/Nathan_der_Weise#Ringparabel

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Reuter

Die Sache mit Gott werden wir in diesem Leben wohl nicht mehr gebacken kriegen,

Posted in Theologie by dierkschaefer on 10. Juli 2017

lieber Herr Kronschnabel.

Dabei ist alles ganz einfach, wenn man es sich nicht zu einfach macht. Die ersten russischen Kosmonauten meldeten triumpfierend, da oben nur Weltall, aber keinen Gott gesehen zu haben. Das hätte ihnen jeder anständige Theologe schon vorher sagen können. Denn der bärtige alte Mann in den Wolken[1] ist nur ein Bild. Darum unterscheiden die Engländer auch zwischen sky und heaven. Den atheistisch indoktrinierten Kosmonauten galt alles gleich: Es gibt ihn nicht da oben, also gibt es ihn nicht. War ja lange Zeit auch das übliche abgestufte Weltbild, wir auf der Erde, oben Gott [2] und unter uns, nach dem Sündenfall, die Hölle. Ist aber seit der Aufklärung passé [3]. Bei den Aachenern (Öchener) hatte sich das 1766 rumgesprochen. [4] Also: Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht. So habe ich bereits am 23. Februar 2011 als Antwort auf einen Kommentar von Frau Tkocz geschrieben [5].

Doch die Frage ist immer wieder virulent – wenn auch nicht für Sie – und es gibt verschiedene glaubhafte Antworten darauf. „Gottes Sein ist im Werden“, sagt der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel und zielt auf Gottes Dynamik. Darüber ließe sich viel schreiben. Schließlich ist es nicht die Dynamik einer bestimmten Person (Gott), sondern derer, die von ihm fasziniert sind, die ihn „erkannt“ haben. So gehört es zu den grandiosen Leistungen der frühen Christenheit, im Rückblick auf das Wirken und Leiden Jesu von Nazareth und mit Rückgriff auf die Facetten des alttestamen­tarischen Gottes eine Gottesvorstellung entwickelt zu haben, die mit der Figur des Heiligen Geistes zukunftsoffen ist, zukunftsoffen auch über unsere Endlichkeit hinaus.

Doch das ist nicht alles. Eli Wiesel schreibt:

Als wir eines Tages von der Arbeit zurückkamen, sahen wir auf dem Appellplatz drei Galgen. Antreten. Ringsum die SS mit drohenden Maschinenpistolen, die übliche Zeremonie. Drei gefesselte Todeskandidaten, darunter der kleine Pipel, der Engel mit den traurigen Augen.

Die SS schien besorgter, beunruhigter als gewöhnlich. Ein Kind vor Tausenden von Zuschauern zu hängen, war keine Kleinigkeit. Der Lagerchef verlas das Urteil. Alle Augen waren auf das Kind gerichtet. Es war aschfahl, aber fast ruhig und biss sich auf die Lippen. Der Schatten des Galgens bedeckte es ganz.
Diesmal weigerte sich der Lagerkapo, als Henker zu dienen. Drei SS-Männer traten an seine Stelle.
Die drei Verurteilten stiegen zusammen auf ihre Stühle. Drei Hälse wurden zu gleicher Zeit in die Schling eingeführt.

„Es lebe die Freiheit“ riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind schwieg.

„Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir.

Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um.

Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter.

„Mützen ab!“ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten.

„Mützen auf!“

Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr… Aber der dritte Strick hing nicht leblos, der leichte Knabe lebte noch …

Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Und wir mussten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorbeischritt. Seine Zunge war noch rot, seine Augen noch nicht erloschen.
Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen:
“Wo ist Gott?“

Und ich hörte eine Stimme in mir antworten:

„Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen…“ [6]

Eine starke Geschichte. Es geht auch kleiner, und das nicht nur im Leiden, sondern auch im Tun. Zum Beispiel die vielen kirchlichen Gemeinden, die sich für Flüchtlinge einsetzen, haben eine Gottesvorstellung, der sie folgen. Geht Gottseidank auch ohne, ich weiß. Doch es trifft zu. Kann man wissenschaftlich erklären mit dem Thomas-Theorem. [7]

Es gibt auch falsche Gottesverstellungen, denen zum Beispiel manche Erzieher in den Kinderheimen gefolgt sind: Schläge im Namen des Herrn. Die glaubten wahrscheinlich, in Gottes Sinn zu handeln. Die Kinderficker jedoch hatten ganz sicher nichts mit irgendeinem Gott zu tun. Ich bezweifle, dass die Mafiosi von Staat und Kirche am Runden Tisch eine christliche Gottesvorstellung hatten. Die dachten eher an den Mammon und die vermeintliche Ehre ihrer Institution. Und manchmal wünscht man sich – ganz vermessen – es gäbe tatsächlich so etwas wie ein „Jüngstes Gericht“ [8], aber nur für die Anderen.

Wenn ich geschrieben habe, wir beide würden die Sache mit Gott wohl in diesem Leben nicht mehr gebacken kriegen, so rechne ich nicht auf eine Chance im nächsten. Ich denke, wir haben nur dieses eine Leben und sollten etwas draus machen, was vor Gott und unseren Nächsten (ganz wie Sie wollen) bestehen kann. Eine zweite Chance kriegen wir nicht. Doch wir müssen die Sache mit Gott auch nicht fertig kriegen. Gott ist ohnehin unfertig.

Was ich nicht verstehe, lieber Herr Kronschnabel, ist, dass Sie Hüsch nicht verstanden haben. Hätte jemand wie Sie gesagt, Gott sei aus der Kirche ausgetreten, wäre niemand überrascht gewesen. Aber wenn Hüsch das vorträgt, ein engagierter Christ, »der stets für christliche Toleranz eintretende Hüsch …« [9], wenn der sagt, Gott sei ausgetreten, dann ist das das stärkste Verdikt über diese Kirche.

Aber da ging der Hass mit Ihnen durch und Sie machten tabula rasa.

Schade.

[1] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8127249983/in/album-72157622399669449/

[2]

[3]

[4] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/5828132702/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/02/22/%c2%bb-religion-wird-nach-der-konzeption-unserer-verfassung-als-prinzipiell-positive-mogliche-ressource-angesehen-%c2%ab/

[6] http://www.k-l-j.de/besinn5.htm

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas-Theorem

[8] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Dieter_H%C3%BCsch

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Warum sollte es Herrn Kronschnabel interessieren, dass Gott aus der Kirche ausgetreten ist?

Posted in Kirche, News, Religion, Theologie, Weltanschauung by dierkschaefer on 8. Juli 2017

Ich habe es schon am 10. April 2014 hier im Blog verkündet, gleich als ich es erfuhr.[1] Hanns Dieter Hüsch hat es am 1.11.2012 auf youtube veröffentlicht, er weiß es aber spätestens seit 1988. Doch auf meinen post hat – entschuldigen Sie, Herr Kronschnabel – kein Schwein reagiert. Mehr Kirchenkritik geht doch eigentlich nicht. Zu viel Humor?

Nun erreicht mich heute die Nachricht vom Kirchenaustritt Gottes ein weiteres Mal.[2]

Mich hatte natürlich interessiert: Wo isser denn hingetreten? Hüsch wußte das nicht so genau. Man meint ja meist, Gott sei im Himmel, no church area. Doch zuweilen, so meint Hüsch, ruhe der sich vom Himmel auch mal aus. Wo nimmt Gott seine Aus-Zeit? Am Niederrhein. Hier, so Hüsch, »geht selbst der liebe Gott von Zeit zu Zeit spazieren. Er hat am Niederrhein ein Haus und ruht sich dort vom Himmel aus.« Gott ruht sich dort vom Himmel aus.jpgEs sei ihm gegönnt. Dauerpräsenz im Himmel, Ewigkeit genannt, mag selbst für Gott zu anstrengend sein, und auch wir, so wir dort landen, wollen auch nicht ständig „Luja“ singen.[3]

Vielleicht konnte Hüsch ja inzwischen selber feststellen, ob es stimmt, was er gesagt hat. Denn er ist wohl mittlerweile selber dorten. Seit Nikolaus 2005 weilt Hanns Dieter Hüsch nicht mehr auf Erden.[4]

Interessiert wohl alles nicht. Schade. Kein Humor.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/04/10/gott-ist-aus-der-kirche-ausgetreten/  https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/10958684993/in/set-72157637867592835   ow.ly/vDagA

[2] http://tobiasfaix.de/2017/07/gott-ist-aus-der-kirche-ausgetreten/

[3] https://www.youtube.com/watch?v=FW6P_crgp8M

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Dieter_H%C3%BCsch

Die gesellschaftliche Verzwergung der Kirche

Ein düsteres Bild von der Zukunft der evangelischen Kirche zeichnet Reinhard Bingener in seinem Artikel über „die scheinbar reiche Kirche“[1]. Für die katholische Schwesterkirche dürfte es ähnlich aussehen. Düster ist das Bild, weil die Verfreikirchlichung der Großkirchen kaum abwendbar zu sein scheint.

Wenn es ums Geld geht, ist auch bei den Kirchen ein Hauen und Stechen zu erwarten. Wo soll und kann gespart werden? Welche kirchliche Arbeit „rechnet sich“? Die großen Sozialkonzerne Diakonie und Caritas sind fein raus, einerseits sind sie von den „verfassten“ Kirchen unabhängig, andererseits können sie dem Kostendruck auf dem Sozialmarkt gut standhalten. Zudem sind sie zwar hauptsächlich für die Heimkinderskandale verantwortlich gewesen, doch den Imageverlust haben „die Kirchen“ gehabt, die versäumt haben, die Verantwortlichkeiten transparent zu machen. Und: Aus der Kirche kann man austreten, aus der Diakonie nicht.

Es kann also nur um die Angebote der schrumpfenden verfassten Kirchen gehen, mit denen die Kirchensteuerzahler gehalten werden können. Der interne Kampf um die Ressourcen wird zugunsten des „Kerngeschäfts“ ausgehen. Es sind die einzelnen Gemeinden und ihre Ortspfarrer, die kirchliches Leben gestalten und erhalten, wenn denn der Pfarrer „ankommt“. Sonderfunktionen und überregionale Angebote werden es schwer haben, sich im Verteilungskampf zu behaupten. Aus meiner Tätigkeit in meinem gesamten Berufsleben als „Sonderpfarrer“ in verschiedenen Funktionen weiß ich, dass diese Dienste gern angenommen werden und das Renommee der Kirche auch bei denen heben, die die „Kern-Dienste“ fast nur für die Wendemarken ihres Lebens in Anspruch nehmen. Aber Kirchensteuerzahler werden durch die Sonderdienste wohl nur selten gewonnen, – vielleicht aber gehalten? Als Sonderpfarrer ist man nicht selten auch Klagemauer für die an der Kirche Leidenden. Doch das ist nicht messbar. Messbar sind neben der Gemeindegröße das Kollektenaufkommen, die Teilnahme an Gottesdiensten und sonstigen Angeboten der Ortsgemeinden. Man wird sich nach dem Markt strecken. Die Gottesdienste – der Besuch wird weiter zurückgehen – werden bunter und differenzierter. Sie sind es schon geworden durch Familien-, Krabbel-, Segungs- und Salbungsgottesdienste, und was den kreativen Kollegen und Kolleginnen noch so einfällt. Die Wohlfühlgemeinde, eine Kirche zum Kuscheln, sie denkt gewiss nicht nur an sich. Zum Wohlfühlen gehört auch der Einsatz für andere. Die vielfältige Unterstützung für Flüchtlinge ist nur ein Beleg dafür. Doch die Vielfalt der bisherigen kirchlichen Angebote und ihre gesellschaftliche Bedeutung werden allenfalls wahrgenommen, wenn eine der Sonntagskollekten einem besonderen Schwerpunkt gewidmet wird. Und der hoffentlich umtriebige und dennoch im Einzelfall empathisch zugewandte Pfarrer sollte sich hüten, seine Gemeinde mit Predigten zu vergrämen, die ihr Wohlgefühl stören könnten. Ab und an darf es auch eine Bußpredigt sein, denn auch gelegentliche Zerknirschung „passt schon“. Der Weg in freikirchenähnliche, kleinteilige „Gemeinschaften“ und damit die gesellschaftliche Verzwergung ist vorgezeichnet.

Schade!

[1] FAZ Montag, 3. Juli 2017, S.8

PS: Ich weiß, dass viele Leser meines Blogs, ehemalige Heimkinder, dies gar nicht schade finden. Sie werden entsprechende Kommentare schreiben und ich kann ihnen nicht verdenken, dass sie nur den Gesamtkonzern „Kirche“ im Auge haben. Die Kirchenleitungen haben durch ihre Strategie am Runden Tisch selber dafür gesorgt und die Kirchenaustritte redlich verdient, die daraus resultierten.