Dierk Schaefers Blog

Der Neokatechumenale Weg – Ein Holzweg

Posted in Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Religion, Theologie, Weltanschauung by dierkschaefer on 23. Juli 2014

» Elternvertreter beklagten sich, der Pfarradministrator habe ihren Kindern eingeredet, der Teufel sitze ihnen auf der Schulter.[1]«

Ja, ja, der Teufel auf der Schulter: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/10678189575/in/set-72157637319504293

[1] http://www.christundwelt.de/themen/detail/artikel/beste-freunde/ (Wer ist hier der Teufel?)

Demokratisierung der Todeszuteilung

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Kirche, Religion, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 21. Juli 2014

Nikolaus Schneider, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat erklärt, er werde seine an Krebs erkrankte Frau, wenn sie Sterbehilfe wolle, auch in die Schweiz begleiten. Ich halte es für anmaßend, die persönlichen Aspekte der Entscheidung des Ehepaares Schneider zu kommentieren.

Nun ist Schneider eine Person öffentlichen Interesses und man wird auf einige andere Aspekte eingehen dürfen. Diese betreffen die Position der EKD zur Sterbehilfe und den Zusammenhang von Amtsträger und Privatperson.

Beginnen wir mit dem zweiten Punkt: Schneider hat sich entschieden, seine Absicht öffentlich zu machen und damit auch die Differenz zwischen kirchenamtlicher Position und persönlicher Abweichung. Das verdient höchsten Respekt. Schließlich könnte das Ehepaar ja auch pro forma ganz einfach einen Schweizurlaub antreten.[1] Schneider hat damit persönlich eine sichtbare Distanzierung zur in der Kirche herrschenden Meinung vollzogen, die aktive Sterbehilfe ablehnt und auf palliative Maßnahmen setzt: Schmerzbekämpfung/Schmerz­dämpfung, auch in der Todeskampfphase. Schneiders Distanzierung stellt für die protestantische Theologie keine Revolution dar, schließlich ist der Gläubige letztlich vor Gott und seinem Gewissen verantwortlich und nicht vor der Kirche und deren Lehrmeinungen.[2]

Und der Konflikt mit der Rolle der Amtsperson? Formal ganz einfach: Schneider ist bereits zurückgetreten und nimmt sich die Freiheit, an die inhaltlichen Vorgaben dieses Amtes nicht mehr in jedem Punkt gebunden zu sein. Dankenswerterweise gibt die anhaltende Prominenz des ehemaligen Ratsvorsitzenden dem Thema die wünschenswerte Publizität. „Nun kommt frischer Wind in die Debatte“, habe ich bei Bekanntwerden seiner Position getwittert.

 

Damit zum Kernthema.

Die Kirchen, evangelisch wie katholisch, vertreten die Position der Palliativmedizin[3]. Ob palliative Maßnahmen in jedem Fall ausreichend sind, soll hier nicht erörtert werden. Es geht um die Frage der Tötung auf Verlangen, also des assistierten Suizids.

Zunächst zum Suizid: Die moralisch-ethisch ablehnende Haltung zum Suizid hat eine lange Tradition in Theologie und Kirche[4]. Für mich erkennbar wurde sie zum ersten Mal erschüttert, als nach dem Krieg der Suizid des bewusst christlichen Schriftstellers Jochen Klepper[5] bekannt wurde. Er hatte gemeinsam mit seiner jüdischen Frau diesen Weg gewählt, um sie nicht der Mordmaschinerie der Nazis auszuliefern.[6] Dieser Suizid aus Solidarität hat einige Parallelen zur heldenhaften Selbstaufopferung[7] im Kampf, wie sie oft genug heroisiert wurde ohne die grundsätzliche Frage zu stellen, ob der Mensch berechtigt ist, seinem Leben in solchen Fällen selber ein Ende zu setzen[8]; eine Frage, die für den „klassischen“ Suizid immer verneint wurde.

Auch bei der Frage des Suizids unter Beihilfe ist ein wesentliches Moment, ob der Mensch selber über seinen Tod entscheiden darf. Jeder Mensch konnte bisher schon immer zum Strick oder sonst was greifen, um seinem Leben ein Ende zu setzen[9]. Nun beansprucht er in seiner hilflosen Lage fremde Hilfe, um aus dem Leben zu scheiden, und zwar fachliche Hilfe, sei es durch Rat oder durch Bereitstellung passender Medikamente oder gar durch direkte Hilfe. Der „klassische“ Suizidant war ein Selbstmörder, ein Täter also, der bestraft wurde durch Verweigerung eines „christlichen“ Begräbnisses und die Heraufbeschwörung der Höllenstrafen. Dem in Todesbanden liegenden Kranken wird niemand so etwas wie Täterschaft unterstellen wollen, obwohl er aktiv über seinen Tod verfügt, indem er ihn in einer aktuellen Notsituation einfordert oder schon in seiner Patientenverfügung bestimmt hat.

Und doch haben beide etwas gemeinsam, der „Selbstmörder“ und der Todkranke. Sie lehnen sich gegen etwas auf, das als absolute Schöpfungsordnung hingestellt wird. Das Leben, das Gott gegeben hat, dürfe der Mensch nicht beenden. Das sei „Gottes gnädigem Ratschluß“ vorbehalten, wie es immer noch in Traueranzeigen heißt. Diese Meinung ist zu respektieren. Wer aber diese Sicht anderen aufoktroyieren will, egal mit welchen Methoden, der ist nicht ehrlich, wenn er nicht zugleich deutlich macht, daß in der Geschichte der Menschheit bis in unsere Tage diese Sicht der „letzten Dinge“ zumeist keine Berücksichtigung fand beim von oben verordneten Tod. Die Machthaber aller Zeiten spielten Potentaten-Schach und opferten ihre „Bauern“ ganz nach Kalkül und Bedarf im Krieg. Die Justiz verhängte Todesurteile, nicht nur in Hexen- und Ketzerprozessen. Kriege und Todesurteile, diese Todeszuteilung von oben bekam in aller Regel Zustimmung und Assistenz durch „Feldgeistliche“, und auch keine Hinrichtung ohne seelischen Beistand eines Priesters.[10] Über das Lebensende wurde nicht nur von ganz oben, durch den Allmächtigen verfügt, sondern durch die „Oberen“ in Staat und Justiz. Die Feudalherrschaft über Leib und Leben wurde dann abgelöst durch andere Formen der Herrschaft, die auch das Privileg der Todeszuteilung für sich beanspruchten.

Wenn nun der einzelne Bürger sich anschickt, selber über sein Lebensende bestimmen zu wollen und dafür Hilfe einfordert, dann ist das – wenn nicht Auflehnung – so doch die Demokratisierung des Rechtes, über den – eigenen – Tod entscheiden zu können. Wer dies tut, nimmt ein, er nimmt sein Menschenrecht wahr. Niemand anderes, als dieser Mensch selbst, befinde darüber.

Es sollte allerdings niemand gegen sein Gewissen zur Assistenz verpflichtet werden. Solange ein Mensch in der Lage ist, selbst Hand an sich zu legen, und sei es durch die Einnahme eines ihm zur Verfügung gestellten Medikamentes, mag man meinen, dann solle er es doch auch selbst tun. Körperliche Gebrechlichkeit, Altersdemenz oder andauernde Bewusstlosigkeit/­Koma erfordern jedoch die Hilfe von anderen, von Verwandten oder Fachkräften.

Und wo beginnt die Assistenz, wo ist die Grenze, ab der man sich auch verweigern können muß? Bereits bei der Mitfinanzierung des erforderlichen Medikamentes durch die Krankenkasse, oder erst bei der Mitfinanzierung des Einsatzes von Sterbehelfern, oder erst dann, wenn man selber tätig werden soll?

Der Teufel steckt im Detail. Wer meint, ethisch-religiös völlig „sauber“ durch dieses Leben gehen zu müssen, wird bereits aus Gewissensgründen jedwede Mithilfe verweigern, auch jede Mitfinanzierung. Der Staat kann und sollte immerhin die Mitfinanzierung erzwingen[11].

Doch wer stellt das Medikament und setzt die Spritze? Inzwischen setzen wir für fast alles und jedes auf Spezialisten. Sterbebeihilfe gehört zu den wenigen gefühlsbetonten Bereichen, für die eine „organisierte“ Form abgelehnt wird. Darum der Widerstand gegen das „Geschäft mit dem Tod“, das wir aber dem Arzt und dem Bestatter zubilligen[12].

Wer also könnte und sollte es tun? Ich denke, daß man schon ein starkes Sendungsbewußtsein braucht oder eine sehr spezielle Mentalität, um hauptberuflich „Todesengel“ zu sein. Wir sollten uns hüten, mit dem Sterbehelfer einen gesellschaftlich verpönten Beruf zu etablieren. Doch wie wäre es, wenn die Ärztevertretung ihre strikte Gegnerschaft aufgeben und es in das Belieben der Ärzte[13] stellen würde, ihren Patienten diesen letzten Dienst zu erweisen? Und das ohne Honorierung für die – medizinisch ja nicht sonderlich aufwendige – Geste der Menschlichkeit. Dann könnte man seinem Hausarzt die Gretchenfrage stellen[14]: Wie hältst du’s mit der Religion – und ihrem Suizidverbot? – Gegebenenfalls wechsele ich dann den Arzt, denn der soll ja vor meinen Tode an meinen nicht-tödlichen Krankheiten seinen Lebensunterhalt verdienen können.

 

Ein Problem bleibt aber dennoch. Von der Demokratie ist der Weg nicht weit zur Pöbelherrschaft. Der Pöbel ruft dem auf dem Brückengeländer Stehenden zu: Nun spring doch! Er will seinen Spaß haben. Im Fall der demokratisierten Sterbehilfe wird er sparen und gar nicht erst den Todeskampf abwarten wollen. Schließlich sind die Gesundheits- und Pflegekosten in der Abschlußphase des menschlichen Lebens meist exorbitant hoch. Das ließe sich doch abkürzen. Die Schere im Kopf ist schon geöffnet mit der Maxime: Ich will meinen Kindern mal nicht zur Last fallen. Wenn dann die finanzielle und organisatorische Eigenvorsorge nicht (mehr) reicht, wem reicht es dann? Mit anderen Worten: Der Druck, „freiwillig“ aus dem Leben zu gehen, steigt. Die Demokratisierung der Todeszuteilung mag als Beitrag zu Humanisierung gestartet sein. Sie könnte bei der Brutalisierung enden: Nun kratz doch endlich ab! – Ich geh ja schon.

Ich fürchte, daß es so kommen wird. Nur bis zum Schluß starke, „starrköpfige“ Personen werden sich der allgemeinen Barbarei widersetzen können, und auch die, die von der Liebe ihrer Mitmenschen getragen und geschützt werden.

 

[1] Wenn ich hier anerkennend von Respekt spreche, mag man das auf dem Hintergrund sehen, daß ich Schneider in seiner (amtlichen) Haltung in der Heimkindersache massiv angegriffen habe und nichts davon zurückzunehmen gedenke. http://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

[2] So sah bereits Augustinus die Bedeutung des Gewissens. Diese Meinung hat sich zwar auch der Augustinermönch Luther zueigen gemacht, ist jedoch in der katholischen Kirche leider untergegangen.

[3] So aktuell referiert in http://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/scherf-ueber-sterbehilfe-debatte-um-ekd-ratsvorsitzenden-schneider.html

[4] Dies auch in anderen Gesellschaften außerhalb der christlichen Tradition.

[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Jochen_Klepper , http://de.wikipedia.org/wiki/Unter_dem_Schatten_deiner_Fl%C3%BCgel

[6] Andere Beispiele: Maximilian Kolbe http://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_Kolbe , Janusz Korczak http://de.wikipedia.org/wiki/Janusz_Korczak

[7] Nur erwähnt sei, daß nach herrschender Meinung in Theologie und Kirche Gott sich in der Person seines Sohnes selbst geopfert hat als Sühnopfer für die Menschen, die sich dadurch erlöst sehen können.

In einer Überordnung Vater-Sohn war der Tod Jesu ein von oben verordneter, jedoch gehorsam-demütig hingenommener: suicide by mankind. Ob die Annahme eines innertrinitarischen „Betriebsunfalls“ aus dem theologischen Dilemma heraushilft, bezweifle ich.

[8] Die erbärmliche Variante des Selbstmordattentäters soll hier nicht erörtert werden. Dazu Dierk Schäfer, Terror – MACHT – Terrorismus: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/dpb_print.php?id=3452

[9] Hierzu zählt auch der suicide by cop, http://de.wikipedia.org/wiki/Suicide_by_cop ,bei dem ein Mensch durch Geiselnahme oder Amoklauf eine Situation herbeiführt, in der er seine Tötung durch die Polizei regelrecht provoziert. Siehe dazu Dierk Schäfer, Amok, unveröffentlichte Seminararbeit, erhältlich bei Dierk Schäfer

[10] In Unrechtssystemen gibt es nicht einmal die Fiktion der Gemeinschaft auch im Todesurteil.

[11] Wer meint, dann immer noch Widerstand leisten zu müssen, wird zum Märtyrer und spätestens dann ein gutes Gewissen haben.

[12] Das „Geschäft mit dem Tod“ umfasst eine ganze Palette von Periletalexperten, die damit ihr täglich Brot verdienen, in der Regel auf honorige und gesellschaftlich anerkannte Art und Weise. Zum Begriff Periletalexpeten: Dierk Schäfer, Werner Knubben, … in meinen Armen sterben?, VDP-Sachbuch, Hilden 1996, 2. Auflage, ISBN 3-8011-0345-5

[13] Eine vielleicht abenteuerlich erscheinende Alternative wären die Hebammen. Sie helfen uns ins Leben. Warum nicht auch – mit Zusatzausbildung – wieder hinaus?

[14] (bevor man sich auf einen Liegend-Transport in die Schweiz einstellt)

„Skandale um Sex und Geld sind ein Supergau“

Posted in Kinderrechte, Kirche, Soziologie by dierkschaefer on 21. Juli 2014

Religionssoziologe analysiert Kirchenaustrittszahlen[1]

 

Die Verbrechen an Heimkindern haben anscheinend keine Rolle gespielt.

 

[1]http://www.domradio.de/themen/bistuemer/2014-07-18/religionssoziologe-analysiert-kirchenaustrittszahlen

Noch einmal ins fromme Korntal

Posted in heimkinder, Kirche, Kriminalität, Religion by dierkschaefer on 15. Juli 2014

»Als evangelische Brüdergemeinde mit ihrer Diakonie stellen wir uns dem verantwortlichen

Umgang mit den von Ihnen geschilderten Erlebnissen[1]«́

Doch das geschah nicht. Die Brüdergemeinde übergab ihre Akten dem Archiv der württembergischen Landeskirche und pochte auf Verjährung. Das war’s dann wohl.

 

Der Klägervertreter, »Rechtsanwalt Dr. Sailer: „Vielleicht überlegt sich diese sich so christlich gebende Gemeinschaft dann noch einmal, ob sie sich nicht schämt, die Aufklärung des furchtbaren Schicksals eines Opfers ihrer Heimerziehung durch die Einrede der Verjährung zu blockieren”«.

 

Ein ehemaliger Ersatzdienstleistenden berichtet von seiner Dienstzeit in der Korntaler Brüdergemeinde[2]. Kommentar überflüssig.

 

[1] http://www.veh-ev.eu/home/vehevinf/public_html/wp-content/uploads/2014/07/Korntal-Pressemitteilung-29.05.2014.pdf

[2] http://www.veh-ev.eu/home/vehevinf/public_html/wp-content/uploads/2014/07/Korntal-Kinderh%C3%B6lle.pdf

Ein Florilegium und zwar ein besonderes …

Posted in Geschichte, Kirche, Kriminalität, Religion, Theologie, Weltanschauung by dierkschaefer on 15. Juli 2014

… sind die Nachrufe auf Karlheinz Deschner. So viel Würdigung wird nur Wenigen zuteil, und er hat sie verdient.

Auch in diesem Blog wurde Deschner mehrfach erwähnt und gewürdigt.

http://dierkschaefer.wordpress.com/2013/04/10/kostenaufstellung-der-heilsgeschichte/

http://dierkschaefer.wordpress.com/2013/03/25/karlheinz-deschner-was-ihn-immer-am-meisten-geargert-habe/

 

Seine „Kriminalgeschichte des Christentums“ ist leider von der Kriminologie noch n aufgegriffen worden, soweit ich das überblicke.

 

Das hier verlinkte Florilegium gibt einen Überblick von der Bedeutung dieses unermüdlichen Advokaten der Humanität.

http://www.deschner.info/index.htm?/de/resonanz/stimmen.htm

Der Vatikan rudert zurück

Posted in Kirche, Kriminalität, Theologie by dierkschaefer on 15. Juli 2014
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Ein Theologe, er spricht vom “Symbolcharakter”

Posted in Kirche, Kriminalität, Theologie by dierkschaefer on 15. Juli 2014

»Wenn juristische Ansprüche verjährt und die Täter nicht mehr zu ermitteln sind oder diese nicht mehr leben, zahlen die beiden evangelischen Landeskirchen 5.000 Euro an die jeweiligen Opfer. Die Geldzahlung habe „Symbolcharakter“, sie sei „ein Element in einem Gesamtsystem von Unterstützung“, sagt Albert Henz, theologischer Vizepräsident der EKvW. Das Leid der Opfer lasse sich „nicht entschädigen und nicht wiedergutmachen“. Es gehe darum, sie „ernst zu nehmen, anzuerkennen und ihr Schicksal zu würdigen“«[1].

 

Wenn ein Theologe vom Symbolcharakter spricht, weiß er wohl, welchen Begriff er benutzt.   Symbolum ist die kirchenlateinische Bezeichnung für das christliche Glaubensbekenntnis, ist Synonym, gleichbedeutend für Credo.[2]Wie vielfältig die Glaubensbekenntnisse sind und welche Wirkungen sie gegeneinander entfaltet haben, mag man bei Wiki nachlesen.[3]

Was mag nun das Glaubensbekenntnis des theologischen Vizepräsidenten der Evangelischen Kirche von Westfalen (EkvW) sein?

Da ist zunächst der Glaube an die Verjährung, also der Glaube an die Normen des säkularen Rechtsstaates, die seine Kirche von Rechtsfolgen befreien. Verjährt ist verjährt. Er denkt wohl nicht daran, daß diese Einstellung auch theologische Implikationen haben könnte.[4]

Kann ihm vorwerfen, daß er an den schnöden Mammon glaubt? Geld, sagt er, habe Symbolcharakter, sei als solches ein Element in einem Gesamtsystem von Unterstützung. Das Gesamtsystem von Unterstützung bleibt nebulös? Wie sieht die denn aus? Ist sie auch reine Glaubenssache? Immerhin kann er mit diesen beiden Bekenntnissätzen viel Geld sparen.

Er bewegt sich mit seinem sonstigen Glauben in traditionsbewährten Bahnen. Die sexuellen Übergriffe in kirchlichen Gefilden sind die ganz schlimmen, die Gewalt nicht so sehr. Das Klingelbeutelgeld als Geste gibt es nämlich ausschließlich für sexuelle Übergriffe von Einzeltätern in kirchlichem Anstellungsverhältnis. Es geht nicht um die Strukturen, die  Mißhandlungen und Ausbeutung in diversen Erziehungseinrichtungen förderten, erst recht nicht um eine fehlgeleitete Theologie. Diese Mißhandlungen sind nicht einmal finanziell-symbolisch anerkennenswert.[5]

Damit bekundet er auch seinen Glauben an die Kirche, an die real existierende Kirche Jesu Christi in evangelisch Westfalen. Er schützt ihre Strukturen samt ihren Heimen und deren Vergangenheit.

Hierzu gehört auch sein Glaube an die Verfahren der Antragstellung bei der Anlaufstelle. Seine „Troika“, gebildet von der Evangelischen Kirche von Westfalen, der lippischen Landeskirche und der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, besteht auf einem persönlichen Antrag und ausführlicher Fallschilderung durch die traumatisierten Opfer. Zum anonymisierten Fall, der eine individuelle Problematik verdeutlich, wurde ganz deutlich eine Stellung- oder gar An-nahme verweigert.[6]

Ja, man kann ihm im Blick auf sein Gewissen und das Kirchenbudget nur zurufen: Sei getrost, dein Glaube hat dir geholfen! Das sagte Jesus nach Matthäus 9;20. An Kirchenfunktionäre hat er dabei wohl nicht gedacht – glaube ich.

 

[1] http://www.lz.de/owl/11182331_Spaete_Zahlungen_an_Missbrauchsopfer.html Dienstag, 15. Juli 2014

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Symbolon_%28Begriffskl%C3%A4rung%29

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Christliche_Glaubensbekenntnisse

[4] http://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[5] http://dierkschaefer.wordpress.com/2014/02/08/betr-anerkennung-leid/

[6] http://dierkschaefer.wordpress.com/2014/05/28/klartext-wenn-auch-pseudonymisiert/

Wer will ins Heim, ins Altenheim vom Stephansstift?

Posted in Geschichte, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 14. Juli 2014

Wie sich die Zeiten ändern.

In meiner Kindheit war die Drohung Sonst kommst du ins Stephansstift wirksamer als der Rohrstock meiner Mutter.

Nun rückt meine Generation ins Altenheimalter vor und will selber ins Stephansstift. Interessenten soll’s schon geben für freie Kost, Logis im Einzelzimmer und Pflege, bei Eigenbehalt von Renten und ähnlichen Besitzständen. Lediglich das Pflegegeld, sofern man eine Pflegestufe hat oder haben wird, geht an das Heim. Man muß allerdings die Qualitäten des Stephansstifts in Hannover schon in Kindheit oder Jugend schätzen gelernt haben, sonst weiß man ja nicht, worauf man sich einlässt.

Doch ich will niemanden den Mund wässerig machen. Das ist kein Angebot vom Stephansstift, sondern eine Forderung ehemaliger Insassen.[1] Wie gesagt, Interessenten gibt es schon.

Ob alle Jungen im Stephansstift mißbraucht worden seien, fragte ich einmal einen Ehemaligen. Nein, das nun nicht, sagte er, doch viele schon.

 

Gehen wir weiter in der Zeit zurück.

Stephanus[2] war nach der Apostelgeschichte nicht nur einer der ersten sieben Diakone, sondern der erste christliche Märtyrer überhaupt. Es lohnt sich bei Wiki nachzulesen[3]. Besonders Saulus, der spätere Apostel Paulus spielt darin eine Täterrolle.

 

Zurück in die Gegenwart. Die Forderung der ehemaligen Heimkinder aus dem Stephansstift ist eigentlich eine großzügige Geste. Die Tätereinrichtung von damals kann sich „ehrlich machen“ und vom Saulus zum Paulus werden. Ein solches Angebot, das man eigentlich nicht ablehnen kann, ist bisher einmalig, so weit ich es sehe. Das Angebot wird wohl auch nur einmal gemacht werden. Im Unterschied zu den Angeboten aus der Mafia kommt es aus der Position der Handlungsschwäche, aber einer moralischen Stärke. Ob das ausreicht? Jemanden bei der Ehre packen, setzt voraus, daß er eine hat.

Nach meinen Erfahrungen haben zuweilen Einzelpersonen Ehre, Institutionen wie Kirchen, Parteien und Großkonzerne haben Interessen.

 

[1] http://ekronschnabel.wordpress.com

[2] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/5827684773/in/photolist-6QvnuR-6Qzut3-6QzPcU-fzGJqc-fzGN2M-fzGLic-9SYpDF

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/St._Stephanus

Beifang im Netz

Posted in Kirche by dierkschaefer on 11. Juli 2014

»Wir Katholiken erleben wir es immer mehr – ein Klima der Aggression, Ablehnung und Ausgrenzung gegen die Kirche breitet sich aus – See more at: http://www.tfp-deutschland.de/kampagne/christenhass_neu.html?gclid=CM-ukbzhvb8CFQIewwodL1IAjA#sthash.qwdspbSX.dpuf «

Wer gern daran teilnehmen möchte: Es ist völlig ausreichend, freundlich und sachlich zu bleiben. Die Fakten sprechen für sich.

Neue Heimkinderstudie, im Auftrag der Caritas

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Religion, Soziologie by dierkschaefer on 8. Juli 2014

Begonnen hatte es mit einem Presseartikel der Stuttgarter Nachrichten[1], auf den ich im Blog hinwies[2]. Dann schickte ich an die einzige der im Presseartikel genannte Person ein Mail[3] und bekam Antwort, die ich hier samt meiner Erwiderung unverändert, aber ohne die Verbindungsdaten, veröffentliche.

 

Sehr geehrter Herr Schäfers,

als Projektleiterin der Studie „Heimkinderzeit in der katholischen Behindertenhilfe und Psychiatrie 1949-1975. Eine qualitative und quantitative Erfassung der Problemlage“ möchte ich Ihnen gerne auf ihre Mail vom 02. Juli 2014 an Frau Arnold antworten.

Sie nehmen Bezug auf den von Steve Pryzibilla verfassten Artikel, der am 30.Juni 2014 in den Stuttgarter Nachrichten erschienen ist. Herr Pryzbilla bezieht sich auf ein Interview mit Frau Arnold, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Koordinatorin  in der Studie tätig ist. Leider werden vom Interview und den weitergereichten Materialien wenig konkrete Information, bzw. zum Teil auch journalistisch sehr frei interpretierte Inhalte an den Leser/die Leserin weitergegeben.

Damit Sie sich ein umfassenderes Bild machen können, möchte ich Sie auf unserer Homepage mit genaueren Informationen hinweisen. Unter www.heimkinderstudie.de  finden Sie mehr zu Anlage, Auftraggeber und Ziel des Projektes.

Sie fragen auch nach der Notwendigkeit dieser Studie, hierzu ist zu betonen, das die Kinder und Jugendlichen, die in Einrichtungen der katholischen Behindertenhilfe im genannten Zeitraum gelebt haben selten berücksichtigt werden. Bei allen bisher durchgeführten Studien handelt es sich entweder um Mikrostudien einzelner Einrichtungen oder aber um eine andere Zielgruppe (Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der Erziehungshilfe). Gerade die Kinder und Jugendlichen der damaligen Zeit, die in Einrichtungen der katholischen Behindertenhilfe lebten und zum Teil heute noch dort leben werden finden selten Gehör.

Ziel der Studie ist Aufarbeitung und Transparenz. Der Fachverband „Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V“ hat diese Studie in Auftrag gegeben, die Veröffentlichung der Ergebnisse ist vertraglich festgelegt und wird zu Projektende stattfinden.

Bereits zu Beginn der Studie wurde von unserer Seite auch Kontakt zu ehemaligen Heimkindern aufgenommen. Dies geschah zum einen in direkten Gesprächen (z.B. auf der Berliner Tagung Menschenrechtsverletzungen in DDR-Heimen am 18./19.10.2013), aber auch per Brief und Mail. So wurde auf diesem Weg der Kontakt zu Vereinen/Initiativen ehemaliger Heimkinder gesucht, bspw. zum Förderverein Jugendhof Wolf e. V., zur begleitenden Arbeitsgruppe der Anlauf- und Beratungsstelle für Ex-Heimkinder in Rheinland-Pfalz, zu einer Initiative für Betroffene mit Behinderung, die in den 1950er und 1960er Jahren in Heimen der BRD gelebt haben, dem Verein Ehemaliger Heimkinder e.V., zum Arbeitskreis Fondsumsetzung Heimerziehung und zum Verein Ehemaliger Heimkinder Deutschland. Außerdem wurde Herr Schruth als Vertreter ehemaliger Heimkinder persönlich informiert und um Mithilfe bei der Vermittlung von möglichen AnsprechpartnerInnen gebeten. Auch wurde Kontakt zu Einzelpersonen aufgenommen, die bereits in den Medien aktiv waren und sind, dadurch viele Kontakte zu anderen Betroffenen haben, aber keiner speziellen Initiative zugeordnet werden können.

Ich hoffe ich konnte Ihnen der Sache dienliche Informationen geben. Falls Sie weitere Fragen haben können Sie sich gern direkt an mich wenden.

Mit freundlichen Grüßen

Annerose Siebert

 

Mein Antwortmail

Sehr geehrte Frau  Prof. Siebert,

 

für Ihre prompte Antwort danke ich herzlich. Sie haben natürlich Recht mit Ihrem Hinweis auf die eingeschränkte Tauglichkeit medialer Berichterstattung und haben mir dankenswerterweise den Link zum Projekt hinzugefügt (http://www.heimkinderstudie.de/ ).

Wenn ich jetzt darauf eingehe, so fühlen Sie sich bitte nicht genötigt, mir gegenüber die Studie zu rechtfertigen. Ich will trotzdem ein paar Aspekte ansprechen, weil die Leser meines Blogs, auch wenn nur eine Minderheit zu Ihrer Zielgruppe gehört, aus eigenem Erleben heraus am Thema Heimkinder und der öffentlichen wie wissenschaftlichen „Vergangenheitsbewältigung“ interessiert ist.

Daß vielen ehemaligen Heimkindern eine flächendeckende Studie der Untereinheit katholisch und behindert suspekt ist, wird Sie wohl nicht verwundern. Den meisten ist eine grundlegende wissenschaftliche Herangehensweise ohnehin fremd, denn man hatte sie heimseits allenfalls mit einer Bildung ausgestattet, die für einfache und damals schon vom Aussterben bedrohte Berufe befähigte.  Sie sehen ihre Heimvergangenheit hinreichend durch die Mikrostudien bestätigt und sehen auch, daß ihnen die wissenschaftliche „Adelung“ am Runden Tisch Heimerziehung (und auch am Runden Tisch Missbrauch) nichts gebracht hat, auch wenn der Runde Tisch selbst solche Expertisen in Auftrag gegeben hatte. Sie haben die Erfahrung gemacht, daß diese Art Wissenschaft l’art pour l’art ist, weil die Interessen der Mehrheit am Runden Tisch den ihren entgegengesetzt waren und durchgedrückt wurden. Am Runden Tisch saß auch Prof. Schruth, den Sie erwähnen. Der hat, als es darauf ankam, den Ergebnissen zugestimmt, und später, im Vortrag unter Fachkollegen, eine differenzierte und distanzierende Position eingenommen. Das hat bei den ehemalige Heimkindern nicht zum Vertrauen beigetragen, weder in die Person, noch in die Wissenschaft.

 

Nun haben Sie Drittmittel bekommen für die Untersuchung eines Teils von einer Betroffenengruppe, die am Runden Tisch nicht nur ausgelassen, sondern auch recht schnöde abgewiesen wurde.

Diese Drittmittel kommen von einer Seite, die auch am Runden Tisch vertreten war und dessen Verfahrensweise und das Ergebnis mit zu verantworten hat. Die ehemaligen Heimkinder sprechen von „Täterorganisationen“ und meinen damit nicht nur die in den Heimen erlittene Behandlung, sondern auch deren Verhalten am Runden Tisch. Sie fragen sich auch, warum für Wissenschaft Geld ausgegeben wird, während sie mit „Almosen“ abgespeist werden.

Nun gibt es für historische Vorkommnisse aufarbeitende  Wissenschaft keine „Verjährung“. Im Gegenteil: Je älter, desto besser, es sei denn, das Feld ist schon hinreichend beackert. Für die wissenschaftliche Bearbeitung der Vorkommnisse am Runden Tisch  werden wir also mindestens so lange warten müssen, bis die Verantwortlichen sich juristisch auf  Verjährung berufen können, besser noch, wenn sie das Zeitliche gesegnet haben.

Was Drittmittel vonseiten involvierter Institutionen bedeuten (können) sah man im Fall Pfeiffer/KfN, doch da werden Sie sich wohl besser abgesichert haben.

Nun zur Studie selbst: Die Eingrenzung auf katholische Personen mit Behinderung mag ja den knappen Drittmitteln geschuldet sein. Vielleicht wollte die Diakonie einfach nicht mitmachen. Die Behandlung des Personenkreises dürfte aber wohl den damals gültigen allgemeinen Bedingungen entsprechen. (Ob es von der Organisationsform abgesehen einen speziell katholischen Anteil gegeben hat, wäre wirklich interessant.) Nicht vergessen darf man dabei die erst kürzlich aufgetauchten Vorwürfe, daß in den von den Nazis „geräumten“ Heimen in der Nachkriegszeit Plätze zur Verfügung standen, die aus ökonomischen Gründen der Träger wieder belegt werden mussten, auch mit Hilfe von in der Nazizeit bewährten Gutachtern. (http://dierkschaefer.wordpress.com/2014/07/04/nachkriegskinder-als-frischfleisch-fur-die-psychiatrien/ ). Doch dies können Sie ja auch an einer eingeengten empirischen Stichprobe überprüfen.

Zur Stichprobe: Wünschenswert wäre natürlich eine randomisierte Stichprobe anhand der vollständigen Belegungslisten. Angeblich sind jedoch viele Akten vernichtet worden. Quod non est in actis ist auch wissenschaftlich schwer zugänglich. Doch soweit noch Akten vorhanden: Es dürfte fast unmöglich sein, den Verbleib der Personen über die Meldeämter zu ermitteln. Nicht nur der Datenschutz generell ist hier ein Hindernis, sondern auch speziell der Schutz vor Retraumatisierungen oder die Angst, in seinem Umfeld bloßgestellt werden zu können. Wenn dann noch dazu der Auftraggeber katholisch ist, mag das verstärkt dazu führen, sich lieber bedeckt zu halten. So bleiben lediglich die Personen, die sich schon geoutet haben oder bereit dazu sind, wenn sie von Ihrer Studie erfahren. Wenn überhaupt. Denn wohl nicht unbegründet wird immer wieder gesagt, daß diese Zielgruppen, ich meine jetzt sämtliche Heimkinder aus diesem Zeitraum, nicht in dem Maße „netzaffin“ sind, wie zu wünschen wäre. Einerseits mag das generell an der Altersgruppe liegen, andererseits speziell an der nicht erworbenen Fähigkeit, sich flexibel auf neue Kommunikationsmöglichkeiten  einzulassen und schließlich auch an der wirtschaftlichen Lage, die bei ehemaligen Bewohnern psychiatrischer Einrichtungen noch prekärer sein dürfte, als die der wirtschaftlich ohnehin schlecht ins Leben entlassenen „normalen“ Heimkinder.

Sie setzen also auf „Selbstmelder“ und auf Hinweise aus dem Umkreis Betroffener. Ihre Studie wird damit einen Bias (eine methodisch bedingte Schlagseite) bekommen und ob Sie den  in den Griff kriegen, bezweifele ich.

Noch einmal: Fühlen Sie sich bitte nicht genötigt, mir gegenüber die Studie zu rechtfertigen.

Ich bin aber auf Ihre Ergebnisse gespannt und würde mich freuen, wenn Sie mich im Rahmen Ihrer Öffentlichkeitsarbeit in Ihren Verteiler aufnehmen.

 

Mit freundlichem Gruß

 

Dierk Schäfer

 

[1] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.studie-katholische-hochschule-freiburg-die-stillen-leiden-der-heimkinder.70d81fee-12d2-42a7-880e-686af1f04788.html

[2] http://dierkschaefer.wordpress.com/2014/06/30/heimkinder-systematisch-geschlagen-vergewaltigt-und-zur-zwangsarbeit-verdonnert/

[3] http://dierkschaefer.wordpress.com/2014/07/02/noch-ne-heimkinderstudie/

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