Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 37 f

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Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Siebenunddreißigstes Kapitel

Zwei große Dinger parallel

So sitze ich nun vor einem PC und haue wieder im Zweifingersuchsystem in die Tasten. Das fällt mir jetzt umso leichter, weil sich der Kreis bei mir zu schließen beginnt. Dass dies jemals der Fall sein könnte, habe ich mir zu Beginn meiner Aufzeichnungen noch nicht einmal träumen lassen.

Die Vertreibung aus meinem Geburtshaus in der Nähe von Königsberg. Aus Königsberg generell und meine Rückkehr dorthin. Zwar nur mit einem Visum ausgestattet hatte ich das unwahrschein­liche Glück, in das Innere unseres kleinen Häuschens in Neudamm sehen zu können. Jedoch um diesen Kreis zu schließen, muss ich hier noch ziemlich viel Aufklärungsarbeit leisten. Bin ich doch wieder einmal völlig aus der Reihe getanzt in meiner Erzählung. Alles was ich bisher geschrieben habe, schreiben werde, ist ohne weiteres von mir belegbar. Sie lesen hier keinen Roman! Nur, hier taucht bei mir die Frage auf: wollen die Menschen überhaupt erfahren, wie ein Mensch zum Ver­brecher wird? Ich meine damit das Vorspiel. Alles im Leben hat ein Vorspiel. Nicht nur beim Sex. Was wäre ein Buch ohne Vorspiel? Um zum Höhepunkt zu kommen, muss der Kopf einge­schaltet werden. Zum Vorspiel gehört meines Erachtens auch, dass ich Ihnen meine Beweg­gründe zum Verfassen dieses Buches darlege. Jetzt kann ich Ihnen ja auch gestehen, dass ich damals versäumt hatte, meinen Kopf einzuschalten, als ich mich den Vorschlag von Harry einließ. Puh! Ich hoffe, ich habe wieder die Kurve erwischt, wo ich bei meiner Erzählung aus der Bahn gekommen bin.

Geiz ist geil, sagt ein moderner Werbeslogan. 1990 war dieser Spruch noch völlig unbekannt. Ich aber war da bereits geizig. Ich sparte mir sogar das Denken. Das Nachdenken darüber, wozu ich mich da verpflichtet hatte. Mein Gewissen beruhigte ich dahingehend, indem ich mir sagte: „Dieter, du bist ja nur der Fahrer“. Eine Waffe in die Hand zu nehmen, andere gar damit zu bedrohen, war so gar nicht mein Ding. Hatte ich doch selbst schon als Kind am eigenen Leibe spüren müssen, wie man sich in solch einer bedrohlichen Situation fühlt. Ich meine damit, von einer Waffe bedroht zu werden.

Das große Projekt

Vorläufig konnte ich [mich] noch durch ein anderes Projekt ablenken, welches ich mit einem Detlev Kaufmann in Angriff genommen hatte. Dazu war allerdings eine Menge Anfangskapitel notwendig. Meine Wut darüber, von meinem Ex-Geschäftspartner reingelegt worden zu sein, war noch nicht verraucht, da traf ich in der City zufällig wieder auf einen ehemaligen Bekannten aus dem Knast und stolperte in die nächste Abzockfalle! Im Knast hatte dieser Mann schon allenthalben für Aufmerksamkeit gesorgt. War er doch der einzige Strafgefangene, der doch tatsächlich ständig mit Zivilklamotten, mit Schlips und Kragen, über die Flure lief. Fast immer trug er dabei auch noch irgendeinen Akten­ordner unter dem Arm. Mister Wichtig wurde er deshalb schon von den übrigen Gefangenen genannt. Durch Tricksereien, die er sich aus den einschlägigen Gesetzesbüchern herausgelesen hatte, hatte er sich diesen Sonderstatus übers Gericht erkämpft, dass er seine Privatklamotten auch im Knast tragen durfte. Intelligente Menschen hatten mich schon immer beeindruckt. Deshalb hatte er leichtes Spiel, mich für seine Geschäftsidee zu begeistern. Schnell hatte er gecheckt, dass ich finanziell ganz gut da stand. Für sein Vorhaben war ich genau der richtige Mann. Er hatte das Know-how, ich konnte mit einer ordentlichen Finanzspritze seine Idee verwirklichen. Wenige Tage später schon holte ich ihn mit meinem Auto vom Knast ab. Er wurde nach Verbüßung von 2/3 seiner Strafe entlassen. Im Gefängnis selbst hatte er nie eine Hand gerührt, um sich mit primitiver Arbeit etwas zu verdienen. In den letzten Monaten seiner Haft hatte er den Freigängerstatus erreicht, hatte im Büro seiner Schwester einen Job angenommen. Beinahe hätte ich umsonst vor dem Gefängnistor auf ihn gewartet. Seine Schwester hatte nämlich nie die fälligen Beiträge an die Gefängnisverwaltung abgeführt, die nun einmal erhoben werden, wenn ein Gefangener außerhalb der Anstalt arbeitet. Irgendwie schaffte er aber auch diese Hürde.

Schon am nächsten Wochenende fuhr ich mit meiner Familie, Helga, mein Sohn und dessen Freun­din nach Amsterdam. Bis nach Essen folgte uns seine Schwester mit ihrem klapprigen Ford Capri. Dort bog sie dann mit ihrem Bruder in Richtung Düsseldorf (Köln?) ab. Wir setzten unseren getarnten Familienausflug gen Amsterdam fort, während Detlev sich bei einer Spezialmesse umschauen wollte. Er hatte sich schlau gelesen. Auf besagter Messe wurden die neuesten Modelle von Fotokopierern vorgeführt. Solch ein Gerät benötigten wir unbedingt, um unsere Geschäftsidee umzusetzen. Ich hätte zu der Zeit gut und gerne jeden Tag ein Kilo Haschisch an den Mann brin­gen können, holte aber nur vier bis fünf Kilo pro Fahrt. Und das zweimal im Monat. Mein Dealer in Amsterdam wusste wohl, dass ich ohne weiteres eine größere Menge abnehmen könnte, wenn ich nur wollte. Deshalb machte er mir einen Vorschlag. Sollte ich mich dazu ent­schlie­ßen können, Mengen in der Größenordnung ab 20 Kilo abzunehmen, garantierte er mir die Lieferung frei Haus nach Deutschland. Bei solchen Dimensionen jedoch schreckte ich zurück.

Zunächst einmal durfte ich die Unkosten finanzieren, die bei Detlevs Schwester anfielen. Sie betrieb ein Übersetzungsbüro in der City von Hannover, wo in einem zweiten Raum Detlev selbst eine Zei­tung herstellte und zu vertreiben versuchte. Beide Geschäfte gingen aber nur mit sehr mäßigem Erfolg. Ich jedenfalls war von seiner Geschäftsidee dermaßen begeistert, dass ich die Unkosten des bestehenden Büros übernahm.[1] Dieses Büro war enorm wichtig, um überhaupt ins Geschäft zu kommen.

Ein Fotokopierer für 80.000,00 DM

Die erste Firma, von der Detlev den begehrten Fotokopierer beziehen wollte, machte allerdings einen Rückzieher. Die hatten natürlich bei diesem 80 000 Mark Projekt, wenn auch nur auf Leasingbasis, die Kontenbewegungen angeschaut. Hindernis erkannt, Hindernis beseitigt. Ich sorgte mit Hilfe von Helga und deren Familienmitgliedern für einen regen Geldfluss auf dem Konto von Detlevs Schwester. Ein paar Wochen später eine andere Firma, die das gleiche Kopiergerät vertrieb, und wir sollten ein derartiges Gerät geliefert bekommen. Die nächste Hürde musste noch genommen werden. Wir benötigten Spezialpapier, welches den echten DM Scheinen am nächsten kam. Gar nicht so einfach da ran zu kommen, kann ich ihnen sagen. Ab einer gewissen Prozent­zahl[2] stand das Papier überall auf dem Index, wo nicht gleich jeder bestellen konnte. Was also tun? Über unseren bestehenden Verlag als Firma eingetragen bestellten wir europaweit bei Herstel­lungs­firmen Muster ihrer Produktionspalette. Das neu herausgekommene Geld sollte ja, so laut Bundesbank, fälschungssicher sein. Irgendeine Firma hatte dann in dem Album, welches wir erhielten, ein Papier dabei, das in etwa 75 % der Kriterien erfüllte. Um aber nicht aufzufallen, bestellten wir zunächst vier verschiedene Muster in begrenzter Anzahl von Bögen bei der betref­fenden Herstellungsfirma. Bei der zweiten Bestellung waren es dann nur noch zwei verschieden­artige Papierbögen in einer schon größeren Menge. Auch diese Bestellung wurde uns anstandslos geschickt. Unsere letzte Bestellung enthielt nur noch die eine Sorte Papier, auf die wir scharf waren. Auch die von uns benötigte Menge wurde uns prompt geschickt.

Dann konnte es ja mit der Produktion losgehen, nachdem inzwischen auch der Kopierer eingetrof­fen war. Das ganze musste ich natürlich finanzieren, auch die Büromiete. Von meinen Drogenge­schäf­ten blieb mir kaum noch ein Gewinn übrig. Das alles geschah im Monat November 1990. Parallel zu meinem Versprechen, als Fahrer bei einem Banküberfall zu fungieren. Ich war zwar nicht gerade pleite, aber ein zusätzlicher Geldregen, dagegen hatte ich nichts einzu­wenden. Außerdem hatte ich ja ein Versprechen abgegeben.[3]

Bei meiner letzten Rückfahrt aus Amsterdam kommend gerieten wir in einen kilometerlangen Stau in der Höhe von Minden. Zu Hause angekommen fand ich auf dem Wohnzimmertisch einen Zettel vor. Darauf hatte mein Sohn geschrieben, dass ein gewisser Harry angerufen hätte. Er wollte es um sechs Uhr wieder versuchen. Ich solle mich bereithalten. Helga ging ins Schlafzimmer, ich dagegen blieb gleich im Wohnzimmer auf der Couch liegen. Schnurlose Telefone waren derzeit noch nicht erfunden. Nach nur knapp drei Stunden Schlaf riss mich das Telefongebimmel in die Wirklichkeit zurück. Harry stand schon mit Reisegepäck am Bahnhof und wartete darauf, dass ich ihn dort abhole. Wolfgang wartete auch schon startbereit zu Hause. Innerhalb einer halben Stunde war ich dann auch soweit, nachdem ich mir eine Dusche und Tasse Kaffee gegönnt hatte.

Das kleinere Ding

Kaum waren wir aus Hannover raus, auf der Autobahn, fragte Harry mich auch schon, ob ich was zum Kiffen mitgebracht hätte. Ich muss gestehen, ich weiß bis heute nicht, wie ich auf den Trichter gekommen war, ein kleines Sortiment von meiner Ware einzustecken, bevor ich losfuhr, die beiden abzuholen. Ich hatte acht Gramm in der Tasche, von dem am nächsten Abend wieder zurück in Hannover kein Krümel mehr übrig war. Ich selbst konnte zu dem Zeitpunkt dem Zeug überhaupt keinen Geschmack abgewinnen. Erst viel später im Knast widmete ich mich aus Gesundheits­gründen der Heilpflanze Cannabis. Ganz ehrlich! Erläuterung kommt später!

Während der Fahrt gen Osten kristallisierte sich heraus, dass die beiden weder ein bestimmtes Ziel, noch überhaupt einen Plan hatten, wo und wie der Banküberfall ablaufen sollte. Mein Vorschlag Frankfurt/Oder, wo ich mich etwas auskannte, wurde dann auch akzeptiert. Fast vierhundert Kilometer von Hannover entfernt, befuhren wir die Straßen der Stadt, hielten nach Bankinstituten Ausschau. Nicht nur die Begehbarkeit der Bank an sich musste berücksichtigt werden. Ein viel versprechender Fluchtweg war maßgeblich. Aber genau daran haperte es, wie wir bei unserer Erkundungsreise durch Frankfurt feststellen mussten. Das lag vor allem daran, dass eine Flucht­möglichkeit nur in einer Richtung gegeben war. Schließlich zog die Oder eine natürliche Grenze zu Polen. Etwas wirklich Geeignetes fanden wir in dieser Stadt also nicht. Harry und Wolfgang hatten gut reden, „dann versuchen wir es eben morgen woanders!“ Die beiden hatten ja noch nicht ein­mal soviel Geld in der Tasche, dass sie mir einen Spritkostenanteil geben konnten. Somit würde ich auch noch die Hotelkosten berappen können. Jetzt war ich nicht nur Fahrer der beiden, sondern auch noch der Versorger. Klar, dass sie auch noch Hunger hatten. Beim Haschisch­konsum bekommt man leicht einen Heißhunger. Bei der Gelegenheit, so dachte ich mir, könnte ich mich ja auch gleich mal wieder bei meiner Schwester in Eisenhüttenstadt sehen lassen. Eisenhüttenstadt[4] lag ja gleich um die Ecke.Hannover-Eisenhüttenstadt.jpg Ganze 27 Kilometer entfernt. Mein Vorschlag dorthin zu fahren wurde von den beiden angenommen. Blieb ihnen ja auch nichts anderes übrig. Irgendwie waren sie ja von mir abhängig.

Bei meiner Schwester klingelte ich dann vergebens. Sie war auf Schichtdienst in der Großbäckerei der Stadt. Die Nachbarin, die uns nach vergeblichem Klingeln diese Auskunft gegeben hatte, beschrieb uns auch den Weg dorthin. Meine Schwester war erfreut, ihren Bruder wiederzusehen. Hatten wir uns doch seit 1955 nur ein paar Mal kurz gesehen. Bei der Beerdigung unserer Mutter 1973, als sie dafür ausreisen durfte, und später fuhr ich mit unserem Vater zweimal zu ihr in den Osten. 1989, als unser Vater starb, trafen wir uns auch kurz wieder. Erst die Wiedervereinigung brachte uns auch wieder näher. Welch ein Wunder also, dass sie sich von ihrem Dienst befreien ließ, eine Vertretung mobilisierte und mit uns zur Wohnung fuhr.

Sie ließ es einfach nicht zu, dass wir uns in Eisenhüttenstadt in einem Hotel einmieteten. Sie überließ uns ihr Schlafzimmer, nächtigte selbst auf der Couch im Wohnzimmer. Natürlich war in ihrer Gastfreundschaft auch ein von ihr serviertes Abendessen drin. Auf ihre Frage, was uns denn nach Eisenhüttenstadt getrieben hätte, so ganz ohne Anmeldung, erfand ich eine Geschichte, die ziemlich plausibel klang. Mit Wolfgang, der sich, wie erwähnt, gerne als Gentlemen kleidete, war meine Ausrede erklärbar. Angeblich wollten die beiden sich in Frankfurt ein Objekt ansehen, wo sie sich geschäftlich niederlassen wollten. So war es nur logisch, dass wir am nächsten Morgen wieder nach Frankfurt fahren müssten.

Nichts war vorbereitet.

Mir machte schon den ganzen Tag über während der langen Fahrt von Hannover nach Frankfurt eine Sache Kopfzerbrechen. War doch mit Harry im Vorfeld ausgemacht, dass er irgendwie an zwei Autonummernschilder kommen müsse, die an meinen Passat passen würden. Noch nicht einmal das hatte der erfahrene Knacki auf die Reihe bekommen. Ich selbst war für Diebstahl oder gar Einbruch so gar nicht geeignet, hatte ich doch zwei linke Hände, was das Technische anging. Also war mal wieder mein Improvisationstalent gefragt. War ich nicht darauf geeicht zu improvisieren?

Meiner Schwester gaukelte ich vor, zum einen, einen Verdauungsspaziergang zu benötigen nach ihrem frugalen Mahl und zum anderen wollten wir dabei noch das morgige Geschäft besprechen. „Gut!“ meinte mein Schwesterherz. Derweil würde sie für uns das Nachtlager in ihrem Schlafzim­mer vorbereiten und das Geschirr abwaschen. Es war bereits nachtdunkel draußen, als wir an diesem 19. November gegen 17 Uhr aus dem Haus gingen. Längst hatte ich erkannt, dass Harry und Wolfgang sich mehr um die Funktionalität ihrer Waffen Gedanken machten als um den ebenso wichtigen Rest, der bei einem Banküberfall von Nöten war. So langsam machte ich mir Gedanken darüber, worauf ich mich da bloß eingelassen hatte.

Zunächst einmal hatte ich eine Lösung für die fehlenden, falschen Autonummernschilder gefunden. In einer Drogerie erstand ich eine Rolle weißen Heftpflasters. Damit konnte ich das H in meinem Nummernschild zu einem I abkleben. Derzeit fuhren noch die meisten Ostautos mit ostdeutschen Kennzeichen durch die Gegend. Das I stand für Berlin. Aus den zwei Achten im Nummernschild ließen sich sehr gut zwei Dreien machen. Dann musste ich auch noch in die Tasche greifen, um den beiden je eine gestrickte Schimütze zu kaufen. Noch nicht einmal daran hatten sie gedacht, mit einer Maske in die Bank zu gehen. Das kennt, glaube ich, jeder, der schon mal einen Krimi gesehen hat. Bankräuber zieht sich seine Pudelmütze ins Gesicht, darin sind zwei Schlitze für die Augen rein geschnitten. Wenigstens hatten die beiden an Handschuhe selbst gedacht. Der Fin­gerabdrücke wegen. Sie verstehen? Jetzt glaubte ich, dass die Ausrüstung stimmte. Nur einen richtigen Plan hatten die beiden immer noch nicht, wie es weitergehen sollte. Zunächst einmal taten sie, wieder bei Schwester in der Wohnung, nichts anderes, als was sie schon während des ganzen Tages getan hatten. Sie rauchten einen Joint nach dem anderen von meinem Vorrat, den ich bei mir hatte. Dazu stand noch eine große Flasche Wodka und reichlich Bier auf dem Tisch. Da ich mir als Fahrer der Verantwortung bewusst war, schlürfte ich im Laufe des Abends gerade mal an zwei dünnen Weinschorlen. Meine Schwester bat mich mal nachzuschauen, ob es wohl so recht wäre, wie sie ihr Schlafzimmer für drei zurechtgemacht hätte. Dort hatte ich schon mit Helga und meinem Sohn während der Sommerferien die Nächte verbracht. Beim Besichtigen des Schlafzim­mers fiel rein zufällig mein Blick durchs Fenster.

Nehmen wir doch ganz einfach die Dresdner Bank, direkt vor der Haustür.

Natürlich! Das war es! durchfuhr es mich wie ein Blitz. Wie schon in den Ferien konnte ich durchs Fenster einen Teil der Bank erkennen, die schon zu Ostzeiten dort ansässig gewesen war. Jetzt allerdings prangte dort in greller Leuchtschrift der Name einer bekannten Bank. Dresdner Bank!

Ich musste an diesem Abend ein zweites Mal meine Schwester anlügen. Unter einem an den Haa­ren herbeigezogenen Vorwand brachte ich die beiden noch nicht ganz besoffenen Harry und Wolfgang dazu, mir noch mal nach draußen zu folgen. Erstaunt folgten sie mir sogar gehorsam. Nicht schnurstracks auf die Bank zugehend, meine Schwester hätte uns ja sehen können, führte ich die beiden zu der Bank. Die Lage war einfach ideal für unser Vorhaben! Der Spaziergang in der frischen, kalten Novemberluft machte die vollgekifften und angesoffenen Köpfe meiner Tatgenos­sen wieder aufnahmefähig. Sofort baldowerten wir einen geeigneten Fluchtweg aus. Ich dachte gar nicht daran, direkt vor der Bank mit laufendem Motor auf meine Komplizen zu warten. Dabei hätten allzu viele Passanten in dieser kleinen Einkaufsstraße Gelegenheit, sich Einzelheiten an meinem Auto zu merken. Hinzu kam noch, dass sich die Bank am Ende einer Sackgasse befand. Vom Sommer her kannte ich die Bauweise dieser erst in den 50er Jahren aus dem Nichts erbauten Stadt. Fantasielos waren sämtliche Plattenbauten immer im gleichen Stil angelegt. Mir das Vorbild des Hauses, in dem meine Schwester wohnte, vor Augen haltend begingen wir den vorgesehenen Fluchtweg. Wie nicht anders zu erwarten, waren die vorderen Eingangstüren nicht abgeschlossen. Die aus Plastik bestehenden Schlüssel und Schlösser hätten nur allzu oft ausgewechselt werden müssen. Ins Haus zu kommen war also kein Problem. Vier oder fünf Stufen hoch, an zwei Woh­nungs­türen vorbei, vier, fünf Stufen runter, und man stand vor der Hintertür. Die auch nicht abgeschlossen war. Noch nicht einmal am späten Abend, sowie in der Nacht. Cirka 50 Meter Kiesplattenweg, und dort würde ich bei laufendem Motor und angelehnten Autotüren auf meine Kumpane warten. Soweit der erste Teil unseres Fluchtplanes, den ich so bestimmte. Die beiden, die mich ja lediglich als Fahrer des Fluchtautos engagiert hatten, waren vollauf begeistert von meinem Plan.

 

Achtunddreißigstes Kapitel

Der Banküberfall

Ich fragte mich wie die beiden nach so langer Alkoholabstinenz im Knast diese Mengen von Alko­hol vertragen konnten. Ich selbst hätte mich schon zehnmal bekotzt. Zumal ja auch noch das Dope hinzukam, welches sie sich da reinzogen. Es störte sie gar nicht, als ich sie ermahnte am nächsten Morgen fit zu sein und die Nacht um 8 Uhr zuende wäre. Ich jedenfalls entzog mich der Säufer­runde und machte lieber Matratzenhorchdienst. Meine Schwester, die ich gebeten hatte, uns gegen acht Uhr zu wecken, hatte uns einen reichhaltigen Frühstückstisch zubereitet. Als wir gegen neun Uhr aus dem Haus gingen glaubte sie, dass wir einen Termin in Frankfurt hätten. Wir erweckten bei ihr sogar den Eindruck, dass wir im Laufe des Tages wieder zu ihr zurückkehren würden. Der Ein­druck wurde noch dadurch verstärkt, indem wir unsere kargbestückten Reisetaschen bei ihr stehen ließen. Ursprünglich war ja auch vorgesehen, dass ich die beiden Bankräuber unmittelbar nach Vollendung der Tat mit der Beute an der Hintertür meiner Schwester absetzen würde, ich selbst in Kauf nahm, in eine Kontrolle zu geraten. Was konnte mir schon passieren, wenn man bei mir im Auto weder einen zweiten Mann noch eine Geldbeute vorfand? Am Abend, als dieser Plan in mir reifte, hatte ich weder die Jahreszeit noch einen anderen Umstand in Erwägung gezogen. Ich wunderte mich nur dass meiner Schwester der Gestank nicht auffiel, den die beiden Kiffer in ihrem Wohnzimmer hinterließen.

„Armoured!“ stand ganz groß an der Seite des Wagens.

Gleich nach den zwei Brötchen drehten die beiden sich eine Tüte, um sich aus der realen Welt zu beamen. Durch eine große Toreinfahrt erreichten wir das Innere des Karrees, wo sich die Bank befand. Allerdings die Rückseite der Bank, was ja auch so vorgesehen war, damit niemand sehen konnte, aus welchem Auto die Bankräuber ausgestiegen waren. Vorher waren wir noch zu dem Sportflugplatz etwas außerhalb der Stadt gefahren. Dort, völlig abgeschieden, beklebte ich mein Nummernschild wie oben beschrieben mit dem weißen Heftpflaster um eine ganz andere Nummer vorzutäuschen, den Wagen fuhr ich über eine Regenpfütze, bespritzte mit dem Schlammwasser das auffallend weiße Heftpflaster ordentlich mit dem Schlamm, um das ganze echt wirken zu lassen. Danach konnte man selbst bei genauerem Hinsehen nicht mehr erkennen, dass an dem Num­mern­schild manipuliert wurde. Alles sah schön echt aus. Unser vorgesehener Zeitplan wurde dann aber ganz ordentlich durcheinander gebracht. Gut vorbereitet, die Pudelmützen waren für einen derartigen Novembertag ohne weiteres angebracht, fuhr ich also in die Nähe der Bank. Fragte die beiden noch mal, ob sie sich den Fluchtweg auch gut eingeprägt hätten, den sie zu Fuß zurück­legen müssten, bevor sie mein Auto erreichten, da erwartete uns auch schon eine Überraschung. Am Hintereingang der Bank, die wir vorhatten um etwas Bares zu erleichtern, stand ein Geldtrans­porter. Was solch ein Gefährt zu bedeuten hatte, wusste jedes kleine Kind. Es stand ja auch ganz groß an der Seite des Wagens: „Armoured!“ Wir konnten dies im Vorfeld ja nicht ahnen, dass gerade um diese Zeit bewaffnete Geldabholer mit einem gepanzerten Wagen vor Ort sein würden. Mit Sicherheit wäre es zu einer Schießerei gekommen, wären meine Kumpels jetzt von vorne in die Bank eingedrungen, um abzukassieren. Also hieß es warten. Um ihr Herz wieder aus der Hose zu holen, baten sie mich, ihnen doch ein Mutwässerchen zu besorgen. Um nicht unnötig aufzufallen, fuhr ich zunächst einmal in eine Seitenstraße und holte vom Kiosk gegenüber der Bank eine Fla­sche Wodka. Ohne dass ich mich daran beteiligen musste, schafften die beiden in Null­kom­ma­nichts die Flasche zu leeren. So nebenbei sorgten sie auch noch dafür, dass meine acht Gramm Haschisch so langsam zur Neige gingen. So langsam fragte ich mich, ob wohl alle Bankräuber sich derart betäubten, bevor sie trauten eine Bank zu überfallen. Tags zuvor hatte ich ja auch noch versucht, den beiden ein paar Sätze in russischer Sprache einzupauken, um den Eindruck zu erwecken, hier seien Osteuropäer am Werk. Selbst wenn mir dies Tags zuvor gelungen wäre, ich glaube kaum, dass sie bei ihrer Aktion noch dazu in der Lage gewesen wären. Bei der Gerichtsver­handlung erfuhr ich erst, dass Harry zwei Anläufe benötigte, um über den Bankschalter zu jumpen. Seine Koordinationsfähigkeit hatte um einiges gelitten. Ich hatte den beiden auch klargemacht, dass sie sich auf keinen Fall länger als zwei Minuten in der Bank aufhalten dürften. Diese Zeit hatte ich ihnen vorgegeben, weil ich die Strecke zum einzigen Polizeirevier abgefahren hatte. Unter den allergünstigsten Umständen, die man immer in Betracht ziehen musste, konnte die Polizei in zwei­einhalb Minuten am Ort des Geschehens eintreffen. Das war jedenfalls meine Überlegung.

Auch das noch! Eine ganze Horde Kindergartenkinder.

Zunächst aber kam ich noch einmal in Bedrängnis. Der Geldtransporter war weggefahren, ich hatte die beiden abgesetzt, wollte zum vereinbarten Treffpunkt fahren. Beim Begehen am Abend war die Absperrung noch nicht vorhanden. Aber jetzt! Im Zuge des Geldflusses im Rahmen Wie­der­aufbau Ost war man dabei, auch in Eisenhüttenstadt die maroden Häuser zu sanieren. Aus­gerechnet auf unserem Fluchtweg war die Sanierung in vollem Gange. Angefangen hatte man damit, die von Bäumen bewachsenen Flachdächer zu entrümpeln. Unten, auf dem Plattenweg, hatte man vorsorglich abgesperrt. Was ja auch der Vorschrift entsprach. Nur ich musste jetzt wie ein Verrückter kurbeln, um auf diesem engen Weg wenden zu können. Hatte ich doch lediglich zwei Minuten und ein paar Sekunden laut meiner eigenen Vorgabe Zeit, den vereinbarten Treffpunkt zu erreichen. Geschafft! Dann aber kam mir zu allem Überfluss auf meinem Umweg auch noch eine ganze Horde Kindergartenkinder entgegen. Zu meinem Glück hatten die Betreuerinnen ihre Kinder aber gut im Griff. Schnell machten die Gören mir bereitwillig Platz. Mir kam das ganze wie eine Ewigkeit vor. Dennoch musste ich noch eine unendliche Weile auf meine Kumpane warten. Im Rückspiegel sah ich sie auf unser Auto zu rennen. Soweit schien ja alles bestens geklappt zu haben.

Plan B war angesagt.

Rein ins Auto und ab! Kaum hatte ich den Wagen in Fahrtrichtung rangiert, da kam mir auch schon das nächste Hindernis entgegen. Den schmalen, asphaltierten Weg im Inneren des Karrees versperrte eine Frau mit ihrem Kinderwagen. Während sie sich nur sehr langsam dazu bequemte an die Seite zu fahren, traten mir die Schweißperlen auf die Stirn. Mich wie vorgesehen auf dem Weg zum Haus meiner Schwester befindend musste ich feststellen, dass jetzt ganz andere Umstände herrschten, als ich sie vom Sommer her in Erinnerung hatte. Die im Sommer grünen Bäume und Büsche im Karreebereich boten in dieser Jahreszeit überhaupt keine Deckung mehr. Längst hatte ich bemerkt, dass uns die Arbeiter auf dem Dach sehr gut mit ihren Blicken verfolgen konnten. Den Plan, die beiden hinter dem Wohnhaus meiner Schwester abzusetzen, konnte ich getrost ad acta legen. Plan B war angesagt. Einfach so, aus dem Bauch heraus!

Zwei Torbogen von meiner Schwester entfernt fuhr ich, dabei eine Unterbodenwäsche meines Wagens kostenlos in Kauf nehmend, mit Karacho auf die John Scheer Straße. An der Kreuzung, wo sich auch das Städtische Krankenhaus befand, parallel zu der Straße wo, wenn überhaupt, um diese Zeit längst die Polizei zum Tatort unterwegs sein musste, fuhr ich diesen entgegen. Ein paar hundert Meter weiter hatten wir auch schon die Peripherie der Stadt erreicht. An der Kreuzung warf ich einen Blick nach rechts, wo sich das Polizei- und Gerichtsgebäude befand. Dort konnte ich keine irgendwie gearteten Aktivitäten feststellen. Ich jedenfalls bog nach links ab. Wie später aus den Gerichtsakten ersichtlich traf die Polizei erst nach 12 Minuten bei der Bank ein. Meine Güte. Hätten wir das gewusst, wir hätten noch in die Hinterräume der Bank eindringen können und dort weitere Hunderttausende, die gerade aus dem Nachttresor zusammengezählt wurden, mitnehmen können. Oder doch nicht? Meine so angeblich cleveren Kumpane hatten ja noch nicht einmal an eine Plastiktüte gedacht, worin sie ihre Beute verstauen konnten. So gab ich ihnen in letzter Minute mein Verbandskissen aus dem Auto. Dieses musste ich aber vorher noch leeren. Stellen Sie sich mal vor, ich wäre in eine Verkehrskontrolle geraten und hätte dieses notwendige Utensil nicht vorweisen können. Das hätte mich mindestens 10 Mark Geldstrafe gekostet. Zum Glück gerieten wir in keine Verkehrskontrolle. Noch in Sichtweite der Stadt überquerten wir einen kleinen Hügel. Ich hielt an, entfernte die Klebestreifen an den Nummernschildern, um nicht doch noch aufzufallen. Ich nahm, ohne überhaupt einen Plan zu haben, die nächste Abzweigung nach links. So genau, wie ich es Ihnen hier schildere, habe ich es viel später noch nicht einmal der Staatsanwaltschaft erklärt. Tatsache aber ist, dass die Bullen sich vier Jahre lang die Köpfe darüber zerbrachen, wie wir aus Eisenhüttenstadt entkommen konnten. Diese Stadt lag genauso wie Frankfurt genau auf der Grenze zu Polen.

Die Aussicht in Geld wühlen zu können ernüchterte selbst Harry.

Man hatte sofort die Wasserschutzpolizei alarmiert, die daraufhin diesen Fluchtweg absperrte. Die beiden Ausfallstraßen in Richtung Frankfurt als auch Bautzen waren schneller dicht gemacht worden, als dass die Polizei bei der Bank selbst eintraf. Ich selbst wusste ja auch nicht so recht, wo ich mich eigentlich befand, als ich nach links abgebogen war. Was die Ossis damals als Straßen bezeichneten, wäre hier im Westen gerade mal als Feldweg der dritten Kategorie durchgegangen.

Anfangs winkten unserem Westkennzeichen [?] ja noch Feldarbeiter fröhlich zu. Dann aber landeten wir in einem Kiefernwaldgebiet. Ich befürchtete schon auffällig zu werden, wenn uns jetzt ein Fahrzeug entgegenkommen würde. Doch wir befanden uns in einem Gebiet, wo zumindest um diese Jahres­zeit keine Menschenseele etwas verloren hatte. Ich aber dachte in westlichen Maßstäben. Ich rechnete sogar damit, dass Hubschrauber eingesetzt werden könnten. Ich wusste aus Verwandt­schafts­kreisen, das sich etwa 50 Kilometer entfernt eine Hubschrauberstaffel befand. Um der Überwachung aus der Luft zu entgehen, parkte ich in einem sehr dichtbewaldeten Stück.

Wolfgang konnte meiner Argumentation folgen, Harry dagegen wollte jetzt den Macker heraus­hängen lassen. Er wollte unbedingt ausprobieren, wie sich so ein echter Schuss anhörte. Mit viel Überredungskunst konnte ich ihn jedoch davon abbringen. Ich konnte ihm klar machen, dass gerade in dieser Jahreszeit Förster unterwegs waren, um Bäume zu markieren, die in der Frostpe­ri­ode gefällt werden sollten. Und so ein Schuss könnte einen Waldbegeher auf uns aufmerksam machen. Erst richtig von seinem Vorhaben konnte ich ihn aber erst ablenken, als ich ihn fragte, ob er denn gar nicht wissen wolle, was sie bei dem Überfall erbeutet hätten. Wodka und Haschisch hatten schon völlig sein Hirn vernebelt. Die Aussicht in Geld wühlen zu können ernüchterte selbst Harry. Mein Adrenalinspiegel hatte sich schon seit dem Augenblick aufs Normalmaß gesenkt, als wir kurz hinter der Stadt meine Nummernschilder wieder in den Normalzustand versetzt hatten. Ein sichern­der Rundblick, dann setzten wir uns alle drei ins Auto. Ich breitete auf der Rückbank eine Decke aus und entleerte nun das zweckentfremdete, prallgefüllte Erste-Hilfe-Kissen.

Harry, der hinter den Bankschalter gesprungen war, während Wolfgang an der Eingangstüre der Bank stehen geblieben war, um die anwesenden Bankkunden sowie das Personal in Schach zu halten, hatte in seiner Gier sogar einige Rollen Fünfmarkstücke eingesackt. Zunächst verschaffte ich mir einen Überblick über die Gesamtsumme. Ich bitte den geneigten Leser darauf zu achten, was ich jetzt niederschreibe! Die Höhe der Beute betrug genau 153.750 DM!!! Warum ich dies betone? Nun, in der späteren Anklageschrift wurde uns vorgeworfen, dass die Dresdner Bank einen Verlust von genau 31.517,32 DM[5] erlitten hätte.

Seltsam, sehr seltsam!!! Dabei hatte doch jeder von uns nach der Beuteteilung schon 51.250 DM in der Tasche. Das heißt, ich hatte ein wenig mehr. Hatte ich mir doch erlaubt gleich die Unkosten, die ich bisher getragen hatte, abzuziehen und Harrys Schulden bei mir abzurechnen. Um die Diskrepanz zwischen den beiden Summen zu erklären bedarf es keiner großen Phantasie.

1.) Für den Fall eines Bankraubs steht in einer Versicherungsklausel, dass an einem geöffneten Bankschalter jeweils nur 15.000 DM Bargeld (+ 10%) vorrätig gehalten werden dürfen. Diese Vorschrift wurde erlassen, um den Anreiz für einen Raub so niedrig als möglich zu halten. Und eben o.g. Summe ist auch nur versichert. Es ist sehr selten, dass die Bank das geraubte Geld vom Räuber zurück erhält, sofern man diesen nicht unmittelbar nach der Tat samt Beute einfängt. Um den Schaden einigermaßen einzugrenzen hatte die Bank, um wenigstens den Versicherungsanteil erstattet zu bekommen für die beiden geöffneten Bankschalter die Phantasiesumme von 31.517,32 DM angegeben. Wobei ich noch erwähnen möchte, dass sich unter der Beute kein einziges Markstück, geschweige denn Pfennige befand.

2.) So meine zweite These: Die Bank hatte selbst Dreck am Stecken. Erst wenige Wochen bevor wir abkassierten war die DM im Osten als offizielles Zahlungsmittel eingeführt worden. Wer weiß schon wie die Banken bei der Umtauschaktion gekun­gelt haben. Wäre die tatsächliche Beutesumme angegeben worden, hätte die Bank nicht nur die Versicherungssumme nicht bekommen, sondern es hätte höchstwahrscheinlich eine genauere Überprüfung der Bankunterlagen stattgefunden. Dabei könnte ja so Einiges ans Tageslicht kom­men. Also hielt man sich lieber bedeckt. Selbst als ich knapp vier Jahre später der Staatsanwältin alle offen gebliebenen Fragen in allen Einzelheiten erzählte, weil alle Rechtsmittel ausgeschöpft waren, an meiner langen Haftstrafe ohnehin nicht mehr zu rütteln war, wurde der Sache nicht mehr nachgegangen. Hier bewahrheitet sich wieder mal ein Sprichwort: Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen.

Ich soll der eigentliche Boss der Aktion gewesen sein.

Bei der Aufteilung der Beute durch drei achtete ich peinlichst genau darauf, ob sich unter den Geldbündeln nicht etwa ein Sicherheitspaket befand. Die meisten Bedenken hatte ich bei den 200er-Scheinen, die dazu auch noch mit fortlaufenden Seriennummern versehen waren. Im Gegensatz zu meinen Komplizen hatte ich ja zuhause noch einiges an Rücklage. Da lag es nur Nahe, dass ich die gefährdeten Geldbündel für mich behielt. Angeblich, laut Propaganda, war das neue Geld ja fälschungssicher. Gerade deswegen wurde ja bei Einkäufen besonders auf größere Scheine geachtet. Ich konnte ja davon ausgehen, dass sich unter diesen Scheinen NOCH keine Fälschungen befanden. Schließlich arbeitete ja Detlev in Hannover noch an der Produktion unseres Geldes. Da kam diese Beute hier sehr zupass. Jedes Geschäft bedarf einer Investition. Detlev war so klamm, dass er weder die Büromiete, geschweige denn die Leasingkosten für den Kopierer, noch das nötige Papier finanzieren konnte. 2.000 Mark kosteten alleine die drei Farbpatronen, die gerade mal zur Herstellung von ca. 150.000 Mark reichten. Aber zurück zum eigentlichen Geschehen.

Das Geld war also aufgeteilt. Wobei Harry allerdings schmollte. Er meinte, dass er als Ideengeber einen größeren Anteil beanspruchen könnte. Dann frage ich mich nur, warum das Gericht zu dem Urteil kam, dass ich der eigentliche Boss der Aktion gewesen sei. Der Richter führte aus, dass die Nähe der Wohnung meiner Schwester zur Bank hin kein Zufall sei. Und da ich ja bereits im Som­mer dort einige Zeit verbracht hätte, hätte ich das Ganze schon damals ausbaldowert. Konnte aber gar nicht sein. Im Sommer war die ehemalige Ostbank nämlich geschlossen. Zu jener Zeit gab es allenfalls Container und Busse, die die verschiedensten Banken in Eisenhüttenstadt zum Kunden­fang aufgestellt hatten.

Wolfgang holte seine überdimensionale Magnum heraus.

Weil es auch nach zwei Stunden des Versteckspielens unter den Bäumen keinerlei Hubschrauber­ak­ti­vi­täten am Himmel gab, beschloss ich unsere Flucht in Richtung Hannover fortzusetzen. Ich wollte ja auch nicht unbedingt in der früh einbrechenden Dunkelheit in dem mir unbekannten Wald umherirren. Nach einer unendlich erscheinenden Fahrt auf einer Waldschneise stieß ich endlich auf einen Feldweg. Pardon, auf eine Straße. Es musste eine Straße sein. An ihr entlang führte jeden­falls eine Strom- Telefonleitung? Die musste ja irgendwohin führen. Mit viel Risiko verfolgte ich diesen Weg. Risiko deshalb, weil dieser Weg eigentlich mehr für Trecker geeignet war. Es war für meinen Passat unmöglich, die eingefahrene Fahrspur zu benutzen. Das Mittelteil der beiden Spurrillen war derart hoch, dass mein Passat darauf hängengeblieben wäre. So musste ich mich darauf konzentrieren, mit einem Reifenpaar auf dem verbliebenen Hügel in der Mitte der Fahrrille zu balancieren, während die beiden anderen Reifen an der linken Böschung für Höhenausgleich sorgten. Zu meinem Glück wuchsen keine Bäume an der Böschung. Lediglich Ginsterbüsche. Diese fast immergrünen und Gott sei Dank weichen Zweige peitschten gegen mein Auto, zer­schrammten mir den Lack. Noch Tage später fand ich bei der Autowäsche am Unterboden des Autos festgeklemmte Ginsterzweige. Nach wer weiß wie vielen Kilometern erreichte ich endlich eine asphaltierte Straße. Zivilisation war in Sicht. Und siehe da, bald darauf ein Hinweisschild nach Cottbus. In Cottbus angekommen suchte und fand ich einen Wegweiser nach Berlin. Um dorthin zu gelangen, dass heißt die Autobahn zu erreichen, musste ich mich noch durch die Rush Hour in der City durchkämpfen. Ganz schön anstrengend, zumal auch noch ein Platzregen, den die Scheibenwischer kaum schafften, runter kam.

Wolfgang auf der Rückbank beduselt vom Alkohol und Haschkonsum hing in seinem Sitz wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Doch wurde er plötzlich hellwach und überaktiv, als ich so nebenher erwähnte, dass sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Polizeiauto befände. Sofort holte er aus seiner Reisetasche seine überdimensionale Magnum heraus.

Fußnoten

[1] Herr Schulz sagte mir [ca. Oktober 2010, ds], dass er über den dubiosen gemeinnützigen Verein (Cooperative Hilfe Niedersachsen e.V., Gemeinnütziger Verein] die Farbkopien der DM-Noten finanziert hatte. Sein Partner sei allerdings zu blöd für die Geldwäsche gewesen, so dass er in Süddeutschland aufgeflogen sei. [s. Kap. 42]

[2] Gemeint ist offensichtlich die Menge der Kriterien für Fälschungssicherheit bei Banknoten.

[3] Aus einem Mail von Dieter Schulz vom 25. Juli 2005: Noch hatte ich Auto und Führerschein. Beides hatten die Typen nicht, die an mich herantraten und fragten, ob ich wohl als Fahrer bei einem Bankraub mitmachen würde.

Herr Schäfer, Sie werden es vielleicht nicht glauben, wenn ich Ihnen meine Beweggründe schildere, die mich dazu veranlassten JA zu sagen. Ich war ganz einfach frustriert. Frustriert darüber, dass das Arbeitsamt einem 50-jährigen keinen Job mehr vermitteln konnte. Ich konnte mir schlecht auf die Stirn schreiben „Jetzt zeig ich es euch allen mal, wozu ein 50-jähriger noch fähig ist!“ Abenteuer im Blut fiel es mir nicht schwer, JA zu dem Plan zu sagen. Aber was heißt Plan. Keiner der beiden hatte einen Plan. Kreativ wie ich nun einmal bin lief dann alles so ab, wie ICH es mir ausgedacht hatte.

[4] Karte: https://www.google.de/maps/dir/Hannover/Frankfurt+(Oder)/Eisenh%C3%BCttenstadt/Hannover/@52.331475,11.3142521,7z/data=!4m26!4m25!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!1m5!1m1!1s0x4707982a02b5fb6f:0x42120465b5e3bc0!2m2!1d14.5505673!2d52.3472237!1m5!1m1!1s0x4707b885b42fafe3:0xe754b8581c20604e!2m2!1d14.6419022!2d52.1436615!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!3e0

[5] Schulz gibt hier wie auch im Folgenden 31.517.32 DM an. Doch diese siebenstellige Zahl ist unlogisch, wie auch die durch Punkt abgesetzen zwei letzten Ziffern zeigen. Diese müssen Pfennige bedeuten.

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

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»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXX

 

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

      Eine Kindheit,

     die keine Kindheit war

Dreißigstes Kapitel

Automatenbetrug ist ein anstrengender Job

 

Von der Endstation des Zuges bis zur Schiffsanlegestelle war es ein ganz schönes Stück des Weges. Und das mit dem Gewicht. Vor allen Dingen durfte ich mir beim Zoll keine Blöße geben. Also hieß es Zähne zusammen beißen, so tun als würde ich ganz normales Gepäck mit mir tragen. Die Tommys haben es so an sich, dass sie nur bei den Einreisenden fast alles durchwühlen. Schnaps und Zigaretten waren in England derart teuer, dass kein Mensch auf die Idee käme, auch nur eine Schachtel oder eine Flasche mit aufs Festland zu nehmen. Umgekehrt waren o.g. Dinge beliebtes Schmuggelgut.

Die nächste schweißtreibende Hürde war dann der schmale und steile Treppenaufgang auf der Fähre selbst. Irgendwie schaffte ich auch dies, etwa sieben Stunden später die gleiche Prozedur in Hoek von Holland. Vom Schiff zum Zug. Im Zug selbst überstieg es fast meine Kräfte, die Koffer in die Gepäckablage zu hieven.

An der Deutsch-Holländischen Grenze hielten die Zollbeamten mich trotz meiner seriösen Kleidung und meines Alters nicht für schützungswürdig. Zwei weitere Personen in meinem Abteil sahen viel fragwürdiger aus. Aber nein, ICH musste meine Koffer vorzeigen. Die Zöllner zeigten sich ganz schön überrascht, so viele englische Münzen vorzufinden. Zwar hatte ich mit solch einer Frage über­haupt nicht gerechnet, fand aber ganz schnell die passende Ausrede, warum ich soviel von den Münzen mit mir herumschleppte. Ich erzählte den Grünen eine plausibel erscheinende Geschichte. Nämlich dass mich englische Freunde von der Navy, in Celle stationiert, gebeten hatten, eben diese Menge 5-Pence Münzen aus London mitzubringen. Die Soldaten hätten nach wie vor noch alte Spielgeräte in ihrem Casino stehen, die immer noch 5-Pence Stücke annehmen würden. In London selbst waren alle Einwurfsschlitze für 5 Pence Münzen längst zugelötet. Denn das englische Pfund hatte in den letzten Jahren ganz schön an Wert verloren, so dass besagte Münzen nicht mehr gefragt waren. Diese meine Aussage zur Verwendung der Silberlinge nahmen die Beamten so hin wünschten mir eine gute Reise.

Im Zug überkam mich das Bedürfnis nach einem guten deutschen Bier. Woher sollte ich bei meiner ersten derartigen Reise auch wissen, dass dies ein Zug aus der Ostzone war. Er befuhr die Strecke Warschau-Hoek von Holland und zurück; dass ich mich in einem Speisewagen der Mitropa[1] befand, hatte ich noch gar nicht so recht realisiert. Stutzig wurde ich erst, als ich genüss­lich das Bier trinken wollte. Verzeiht mir bitte, liebe Dresdner, aber ihr müsst zugeben, das Rade­berger eurer Zeit konnte mit dem unsrigen auf keinen Fall mithalten. Weil ich aber nun fast mein letztes Geld dafür ausgegeben hatte, würgte ich es auch herunter. Bei der Ankunft in Hannover hatte ich schon das erste Problem. Ich wohnte außerhalb von Hannover. Wie dorthin kommen ohne ausrei­chende Barmittel? Die außerplanmäßige Ausgabe für einen neuen Aktenkoffer hatte ein ganz schönes Loch in meiner Kasse hinterlassen. Zudem wusste ich, dass ich zu Hause angekom­men erst einmal den Kühlschrank auffüllen musste. Für die drei vorhersehbaren Tage meiner Abwe­sen­heit hatte ich für meinen 9jährigen Sohn schon gesorgt. Doch wie sollte ich nun so schnell wieder an Bares kommen, damit wir nicht hungern mussten?

Ich wechselte einfach nur meine englischen Pence wieder in D-Mark um.

Zunächst einmal warf ich zwei 5-Pence Münzen in ein großes Schließfach[2], verstaute mein schweres Gepäck darin. Ich behielt lediglich die Umhängetasche mit ca. 500 Münzen bei mir. Markstück bleibt Markstück, dachte ich mir. Ich steuerte eine von den beiden Spielhallen[3] im Bahnhof an. Pro­bieren geht über Studieren, besagt ein Sprichwort. Und siehe da, auch dieser Groschenräuber schluckte meine Münzen. Nicht dass ich so dämlich war, auf mein Glück zu hoffen, indem der Auto­mat mir eine ordentliche Serie schenkte. Ich wollte ja auch schnell nach Hause. Wollte duschen und wieder mal richtig ausschlafen. Deshalb wechselte ich einfach nur meine englischen Pence wieder in D-Mark um. Wenn ich etwa 21 Münzen eingeworfen hatte, zeigte mein Guthaben­konto auf dem Display 20 Mark und Zehn Pfennige an. Ich drückte auf den Rückgabeknopf und erhielt so vier 5-Markstücke und einen Groschen zurück. Das machte ich dann sechsmal, dann kamen schon die 2-Markstücke heraus. Das hieß also, dass die 5-Markröhre ausgeschöpft war. Etwas später spuckte der Automat nur noch Markstücke aus, da wurde es Zeit für mich das Feld zu räumen. Ich hatte zwar von Beginn an gehört, dass meine Münzen gar nicht in der Auto­matenröhre hängen blieben, sondern schnurstracks in den Safe abglitten. Der Safe war immer mit drei Spiel­auto­maten verbunden, und darin ergoss sich der Gewinn von den drei aneinander gekoppelten Automaten. Ach ja, zwischendurch hatte ich auch noch etwas Glück. Ich hatte ohne eine Risiko­taste gedrückt zu haben im Laufe meiner Fütterung des Automaten mit 5-Pence Münzen eine 20er als auch eine 50er Serie zu bekommen. Im Endeffekt hatte ich in etwa die gleiche Menge Mark­stücke rausgeholt wie ich an Pencemünzen reingesteckt hatte.

Etwa 200 Münzen waren noch in meiner Umhängetasche. Jetzt, wo es so großartig lief, schon auf­hören? Mal sehen wie die Fahrkartenautomaten auf englisches Geld reagierten. Zahlte man in Hannover direkt beim Bus- bzw. Straßenbahnfahrer, so kostete eine Fahrt 2 Mark. Holte man sich aber am Automaten gleich ein Sechserpack der Fahrscheine, dann kostete dies ganze 9 Mark. Sollte der Automat auch meine Münzen annehmen, so hieß das, dass mich dieselben sechs Karten laut Wechselkurs gerade mal 1Mark80 kosten. Bereitwillig spuckten auch die Fahrkartenautomaten solche Sechserpacks aus, sobald ich diese mit 9 Münzen gefüttert hatte.

Na, da machte ich meine Tasche doch gleich ganz leer. Am/Im Bahnhof gab es mehrere solcher Automaten, die ich immer abwechselnd benutzte. Ich wollte ja schließlich kein Aufsehen erregen, indem ich allzu lange am gleichen Automaten stehen blieb. Außerdem war schon wenige Hundert­meter weiter die nächste Haltestelle der U-Bahn in der Passe­relle.[4] Auch dort gab es gleich meh­rere solcher Automaten. Gierig geworden holte ich gleich nochmal Nachschub aus dem Schließ­fach. Damit brauchte ich dann auch nicht mehr so ein schweres Gewicht nach Hause schleppen. Ich wusste ja von Bekannten, dass die Kioskbesitzer, wenn sie für die ÜSTRA die Fahrkarten ver­kauften, mal so eben nur Pfennige daran verdienten. Bot ich diesen aber an, den gleichen Sechser­pack für 6 Mark zu erwerben, und dabei steuerfrei 3 Mark daran zu verdienen, konnte keiner widerstehen. Verständlich, dass meine Laune stieg, ich mir ein Taxi leistete und nach Hause fuhr, wo ich von meinem Sohn freudig begrüßt wurde. Wieder Land in Sicht, dachte ich bei mir und spürte rein körperlich wie die Anspannung der letzten Tage von mir abfiel. Kurzer Hand lud ich meinen Sohn zum Italiener ein. Den Stress, gleich noch einkaufen gehen zu müssen, anschließend auch noch das Essen zuzubereiten, den wollte ich mir nicht antun.

Von wegen leicht verdientes Geld

Als Nebeneffekt lernte ich Hannover erst so richtig kennen, während ich das fremde Geld in bare Münze umsetzte. Von wegen leicht verdientes Geld, wie sich später der Staatsan­walt darüber äußerte. Immer abends, wenn mein Sohn im Bett war, machte ich mich auf den Weg. Bis spät in die Nacht hinein schleppte ich eine große Sporttasche mit mir herum, hielt Ausschau nach Zigaret­ten­automaten. Die Umhängetasche war gefüllt mit Mark­stücken. Pardon, ich sollte wohl besser sagen: Mark-Ersatzstücken.

Es war ja nun auch nicht so, dass jeder Automat bedingungslos das Ersatzgeld akzeptierte. Es dauerte eine Weile bis ich so einige Tricks dazu lernte. Einige Automaten gaben die Ware ohne weiteres heraus. Da hätte ich ebenso gut passend geschliffene Kieselsteine einwerfen können. Und dann gab es da schon einige sehr gut justierte Münzprüfer, die sich überhaupt nicht überlisten ließen. Manche wollten, dass ich die Münzen mit einem Schwung hinein schnip­sen musste, andere wiederum reagierten nur, wenn ich die Münzen ganz sachte hineingleiten ließ. Dann kam es auch schon mal vor, Geld-Tütedass ein Automat, der schon einige Schachteln herausgerückt hatte, plötzlich verstopft war. Irgendwann kriegte ich auch spitz woran das lag. In den abgewogenen Plastik­beuteln, wie ich sie in London bei den Banken erhielt[5], waren nicht immer nur eng­lische Münzen. Hauptsache das Gewicht stimmte. So verirrten sich des Öfteren aus­ländische Geldstücke darin. Und häufig waren aber auch die echten Münzen derart bearbeitet worden, dass sie erhebliche Macken aufwiesen, so dass sie im Automatenschlitz hängen blieben und alles verstopften. Rückgabeknopf drücken war dann auch zwecklos, die Münze hing irgendwo fest. Meine Richterin, die mich später zu verurteilen hatte, war selbst Opfer solch einer verstopften Münzröhre geworden, als sie sich mal am späten Abend aus einem von mir zuvor besuchten Zigarettenautomaten bedienen wollte. Sie hatte natürlich bei dem Aufsteller angerufen. Dieser hatte ihr natürlich den Grund dafür genannt.

Während ich so durch die Nacht wanderte, bekam ich natürlich auch schon mal Durst. An meiner Apfelschorle nippend schaute ich mir auch die beiden obligatorischen Geldspiel­automaten in der Kneipe an. Einige Londonreisen später hatte ich soviel dazu gelernt, dass ich noch lange nicht in jede Kneipe ging, wenn mich der Durst überkam. Bald schon hatte ich gecheckt, welche Automa­ten meine Münzen auch wechselten und welche nicht. In jedem Hunderterbeutel befanden sich bis zu drei unbrauchbare Münzen. So machte ich mich daran, während mein Sohn in der Schule war, Beutel für Beutel durchzusehen. Das lohnte sich sogar in doppelter Hinsicht. Zum Einen vermied ich dadurch, dass Automaten mit irgendwelchen deformierten Münzen verstopft wurden, zum Anderen stellte ich dabei fest, dass die 5-Pence Münzen aus drei Epochen stammten. Den größten Anteil machten die neueren Ausgaben, wo die Queen mit einer Krone drauf abgebildet war. Etwa 70%. Diese hatten, wie ich heraus bekam, den geringsten Silberanteil und hatten dement­sprechend ein erheblich abweichendes Gewicht von unseren DM Stücken. 20% der Münzen zeigte die Queen noch mit Zopf. Die Zigaretten – und Spielautomaten nahmen diese bezopfte Münze zu fast 90% an.

Natürlich hatte der Staatsanwalt recht, als er sagte, dass ich bei meinen Taten eine kriminelle Energie entwickelt hätte.

Am liebsten mochte ich aber die ganz alten Münzen. Darauf abgebildet war irgendein ehema­liger King. Zu der Zeit hatte das englische Pfund, bzw. die 5-Pence Münze noch einen richtigen Wert. Diese Art von Münze hatte meiner Erfahrung nach 98% von unserer DM. Leider fand ich im Durch­schnitt immer nur 7-8 solcher Münzen in einem Beutel. Anfangs fiel fast jeder dritte Zigarettenauto­mat selbst auf die ganz neuen englischen Münzen herein. Dann aber begannen die Aufsteller zu reagieren. Es wurde immer schwieriger an anderer Leute Geld bzw. Zigaretten zu kommen. Die beiden letztgenannten Münzsorten hob ich mir für die Geldspielautomaten auf, obwohl manche davon auch die erst genannten schluckten. Ich habe dann sogar Tagebuch darüber geführt. Konnte ich 1000 Münzen in einem Groschengrab unterbringen bekam ich als Gegenwert 1100 Mark heraus; das lag daran, dass ich nicht zockte und auch jede noch so kleine Serie einfach laufen ließ und so kam ich viel besser voran als bei den Zigaretten.Die Schachtel Zigaretten verkaufte ich für 2 DM. Leicht auszurechnen, dass dabei nur 660 DM für mich herauskamen. Immer von 1000 englischen Münzen ausgehend.

Wenn ich mal wieder einen Automaten gefunden hatte, der funktionierte, wurde ich nicht gleich gierig. Stets ließ ich die nötige Vorsicht walten. Man konnte ja nie wissen, wer an Schlaflosigkeit litt und deshalb am Fenster saß. Oder diejenigen, die einen leichten Schlaf hatten und sich von dem ständigen „Ratsch-Bumm!“ beim Herausziehen und wieder Hineinschieben der Schublade, wo die Zigaretten herauskamen, gestört fühlten. Nur sehr selten stand ein Automat so günstig, dass ich diesen auch vollkommen leer machen konnte. Ansonsten begnügte ich mich mit drei bis vier Schachteln bei einem Gang. Suchte den Automaten dann natürlich nach einer Stunde wieder auf.

Natürlich hatte der Staatsanwalt Recht, als er sagte, dass ich bei meinen Taten eine kriminelle Energie entwickelt hätte. Hatte ich noch nach meiner ersten Reise die Münzen in der Innenstadt planlos verteilt, war so finanziell nach vorne gekommen, machte ich mir schon nach der zweiten Reise einen Plan. Das heißt ich nahm mir den Stadtplan von Hannover vor. Ich schnitt ein Plan­quadrat heraus und graste diese Gegend systematisch ab.

War doch klar, dass ich meine Unkosten niedrig halten wollte.

Der Absatz machte mir keine Schwierigkeiten. Zu der Zeit hatte ich noch einen großen Freundes­kreis. Die Raucher darunter nahmen mir die verbilligten Zigaretten mit Handkuss ab. Ein Kiosk­besitzer direkt vor der größten U-Bahn Station konnte laufend die Sechserpacks von Fahrkarten gebrauchen. Nur leider war die ÜSTRA schon bald dagegen, dass sich da jemand so billig bediente. Wochenlang prangte ein hellrot leuchtender Pfeil, der auf den Münzschlitz wies, mit der schwarzen Aufschrift: “nimmt keine Markstücke an!“ an den Fahrkartenautomaten. Es dauerte eine ganze Weile, um neue Münzprüfer[6] zu entwickeln. Ich glaube, das hat mehr gekostet, als ich jemals an Fahrkarten herausgeholt habe.

Jedem ist wohl bekannt, dass die Engländer eine Berufsarmee haben. Gerade hier in Niedersach­sen gab es jede Menge dieser Besatzungs-Berufssoldaten. Damit diese Soldaten ihre Lieben in der Heimat oder die aus der Heimat ihre Liebsten, Söhne, Väter besuchen konnten, hatte sich ein reger Buspendelverkehr entwickelt. Ich erfuhr davon. Und, ich erfuhr auch, dass man ohne weiteres auch als Deutscher diese preiswerte Reise in Anspruch nehmen konnte. Das ganze kostete aber im Gegen­satz zu der Zugfahrt (340 DM) nur 101 DM! War doch klar, dass ich meine Unkosten niedrig halten wollte. Hinzu kam noch, dass ich mir das lästige Umsteigen und Schleppen des schweren Gepäcks sparen konnte. Ich setzte mich gegen 17 Uhr in den Bus, war am nächsten Morgen in London. Warum ich diese Details schildere? Nun, seit 1990 gibt es keine derartigen 5-Pence Münzen mehr und Deutschland hat den Euro[7] eingeführt.

Diesen hier beschriebenen „Job“ führte ich von 1983 – 1990 aus.

Mit einer zweijährigen Unterbrechung. Besser gesagt einer Zwangspause von zwei Jahren. Nein, keine Krankheit war schuld daran. Oder doch? Ich männliches Weichei hatte mich mal wieder verliebt.

Es kam wie es kommen musste. Wir landeten zusammen im Bett.

Hier korrigiere ich mich lieber. Nicht ich hatte mich zunächst verliebt, vielmehr wurde mir Liebe vorgeheuchelt. Ich muss gestehen, dass ich mich geschmeichelt fühlte von solch einer hübschen jungen Frau (ich 45, sie 19!!!) auserkoren zu sein. Erst viel später, zu spät! erkannte ich die Beweg­gründe, warum ich solch große Chancen bei ihr hatte. Sie war schon mit 16 aus Berlin von ihren Eltern abgenabelt, lebte derzeit von Sozialhilfe mit einer Freundin zusammen. Ich wäre viel zu schüchtern gewesen sie zu fragen, ob sie mit mir nach Hause kommen würde. Eigentlich war ich ja nur in die Stadt reingefahren, um Staubsaugerbeutel einer bestimmten Marke zu kaufen. In einem Lokal wollte ich mir noch einen Gerstensaft zu Gemüte führen, bevor ich wieder zu meinem Sohn nach Hause fuhr. Ich hatte gerade eine „Mark“ meiner speziellen Sorte in die Musikbox geworfen, da stand sie auch schon mit ihrer Freundin neben mir und fragte, ob sie eine Platte ihrer Wahl drücken dürfe. Warum auch nicht? Die nächste Frage aber war auch schon, ob ich ihr ein Bier ausgeben könnte. Ich dachte mir wirklich nichts dabei, ihr auch diesen Wunsch zu erfüllen. Inzwischen war ich ja wieder ein gut betuchter Mann geworden.

Seltsam der Name ihrer Freundin fällt mir jetzt sofort ein, während ich mich so gar nicht mehr an den Namen meiner dritten Ehefrau erinnern kann. Ehrlich! Allenfalls fällt mir ihr Mädchenname gerade mal ein. Den Vornamen hat mein Gehirn völlig verdrängt. Na ja, bei dem einen Bier blieb es natürlich nicht. Und wo sie doch mit ihrer Freundin da war, konnte ich diese schlecht aus­schließen. Auch das machte mich nicht viel ärmer. Schließlich war dies eine ganz normale Kneipe und keine Animierbar. Ich genoss es, mich mit der recht witzigen kleinen Person zu unterhalten. Hatte ich doch schon viele Monate kaum Kontakte gepflegt und mich fast ausschließlich nur mit meinem Sohn unterhalten können. Zwar konnte ich meinem Sohn jetzt wieder alle seine Wünsche erfüllen, viel mit ihm gemeinsam unternehmen, seine Hausaufgaben beaufsichtigen, ansonsten steckte ich meine Nase wieder verstärkt in die Bücher, sah fern, blieb einsam. Von diesem, meinem derzeitigen Leben berichtete ich auch, als ich danach gefragt wurde. Würde mir der Vorname ein­fallen würde ich jetzt schreiben, N.N. wollte mir nicht glauben, dass ich als alleinerziehender Vater mit meinem 9jährigen Sohn alleine eine Dreizimmerwohnung am Stadtrand von Hannover bewohne. Aus dem Nachmittag wurde Abend. Ich rief meinen Sohn zu Hause an, dass er doch so lieb sein möchte alleine ins Bett zu gehen, Vati kommt heute etwas später nach Hause. Dieser nahm das auch ohne zu murren hin. Die Freundin meiner Frau in spe (wovon ich zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal zu träumen wagte, von in spe) verabschiedete sich und wir beide wechselten die Lokalität. Während ich zwischendurch immer mal wieder eine Cola trank, konnte sie einen ordent­lichen Stiefel Bier vertragen. Gegen Mitternacht ging mein Bares zur Neige. Jedenfalls das, was ich bei mir getragen hatte.

Als ich mich von N.N. verabschieden wollte, bestand sie darauf mitzukommen. Sie wollte mir partout nicht die Geschichte mit dem alleinerziehenden Vater abnehmen. Die Zeit, wo noch Straßenbahnen oder Busse fahren, war schon längst überschritten. Ein Schelm, wer jetzt Böses denkt, wenn ich sage, dass ich sie im Taxi mitnahm. Zu Hause angekommen bat ich sie im Taxi zu warten, weil ich erst Geld aus der Wohnung holen müsse. Darauf wollte sie sich so gar nicht einlassen. „Nee, nee dann bleibe ich auf den Fahrtkosten sitzen!“ meinte sie. Der Taxifahrer ließ sich darauf ein, dass wir beide nach oben gingen, als ich ihm meine Brieftasche mit sämtlichen Papieren zu Pfand gab. Noch bevor ich Bargeld aus meinem Vorrat hervorholen konnte, bestand sie darauf, erstmal meinen Sohn sehen zu wollen. Also führte ich sie zum Kinderzimmer, machte das Licht an, und da lag selig schlummernd mein Sohn, wie sie sich selbst überzeugen konnte. Aber immer noch misstrauisch inspizierte sie, nachdem wir den Taxifahrer entlohnt hatten, das Badezimmer und schaute in die Schränke. Sie suchte nach Spuren, ob ich nicht doch ein weibliches Wesen beherbergte.

Es kam wie es kommen musste. Wir landeten zusammen im Bett.

 

Fußnoten

[1] Die MITROPA, später MITROPA AG, war eine Bewirtungs- und Beherbergungsgesellschaft, die die Versorgung von Reisenden in Bahnhöfen und auf Autobahnraststätten bereitstellte und durchführte. Sie wurde 1916 zum Betrieb von Schlaf- und Speisewagen gegründet. „MITROPA“ ist ein Akronym, das sich aus „MITteleuROPäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft“ ableitet. https://de.wikipedia.org/wiki/Mitropa

[2] Die Leistung des Automaten wird erschlichen, indem der Täter den Kontrollmechanismus des Geräts überlistet. Dies kann beispielsweise durch das Verwenden von Falschgeld zur Überwindung eines Münzprüfers geschehen https://de.wikipedia.org/wiki/Erschleichen_von_Leistungen

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Spielhalle  https://de.wikipedia.org/wiki/Spielautomat Soll keine Einladung sein: https://www.onlinecasinobluebook.com/de/wissen/tutorials/spielautomaten/

[4] Die Einkaufspromenade in der Innenstadt von Hannover, … entstand in den 1970er-Jahren beim unterirdischen Stadtbahnbau und hieß ursprünglich Passerelle bis zu ihrer Umbenennung im Jahr 2002 zu Ehren der Künstlerin Niki de Saint Phalle. https://de.wikipedia.org/wiki/Niki-de-Saint-Phalle-Promenade

[5] Aus dem Besitz von Dieter Schulz

[6] Münzprüfer (auch: Münzer) sind Geräte, die Münzen nach bestimmten Vorgaben sortieren. Sie werden in Automaten eingesetzt, um Falschgeld, Fremdwährung oder unerwünschte Münzwerte zu erkennen und auszu­sortieren. https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnzpr%C3%BCfer

[7] An der Euro-Einführung kann es zu diesem Zeitpunkt nicht gelegen haben. https://de.wikipedia.org/wiki/Euro

 

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Eine Romanze noch vor der Romantik?

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Justiz, Kriminalität, Kriminologie, Moral, Politik, Theologie, Tod by dierkschaefer on 28. August 2016

Ein Knochenfund in Hannovers Leineschloß erinnert daran.

»Die Geschichte des Grafen Königsmarck ist galant, romantisch und eine Kleinigkeit gruse­lig. Sie ist eine der Geschichten, die Thron und Alkoven nahe zusammenrücken und Seligkeit und Elend des menschlichen, allzu menschlichen Herzens mit dem Glanz und Gloria fürst­lichen, allzu fürstlichen Daseins verbrämen.

Sie hat die Geschichtsforscher auf ihre Spuren gelenkt, um so mehr, als vieles hier im Dunkeln geblieben ist. Sie hat immer wieder Literatoren zu historisierenden, gefühlvollen Darstellungen inspiriert.

Der schwedische Graf Philipp Christoph von Königsmarck war der Bruder Auroras, der Mätresse des Kurfürsten August von Sachsen, des Starken. Er war reich, aus großem Haus, im Sattel so gut zu Hause wie am Spiel- und Trinktisch und in Boudoirs, ein abenteuernder Barockkavalier.

Er war 30, als er 1689 am hannoverschen Hof auftrat. Er war 35, als er im Schloß zu Hannover spurlos verschwand, in einer Sommernacht 1694. Monate danach wurde der hannoversche Kurprinz Georg Ludwig, später der erste der wenig beliebten hannoverschen George auf Englands Thron, von seiner Frau Sophie Dorothea, geborenen Prinzessin von Celle, geschieden[1]

»Theodor Fontane behandelt die Geschichte ausführlich in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862). Nach seiner Darstellung hatte sich von Königsmarck nur in das Schloss zu Hannover begeben, um von der Kurprinzessin Abschied zu nehmen. Dort sei er getötet und innerhalb der Schlossmauern begraben worden.«[2]

In seinem Gedicht beschreibt er die Moritat:

»Wer geht so spät zu Hofe,

Da alles längst im Schlaf?

Im Vorsaal wacht die Zofe –

Schon naht der schöne Graf.

Er sprach: „Eh ich nach Frankreich geh,

Muß ich sie noch umarmen,

Prinzessin Dorothee.“

Gräflein, du bist verraten,

Verraten ist dein Glück,

Die böse Gräfin Platen

Ersann ein Bubenstück.«[3]

»Mord im Leineschloss vor 322 Jahren – Lag hier die Leiche von Graf Königsmarck?« fragt BILD nach dem aktuellen Knochenfund im Leineschloss. »Königsmarck soll eine Affäre mit der Herzogin Sophie Dorothea gehabt haben, angeblich planten die beiden ihre Flucht. Doch die Pläne wurden verraten, der Graf verschwand. Wurde er wegen der heimlichen Liebschaft mit der Gattin seines Landesherren ermordet?

Die Knochen sollen jetzt an die Stadt Hannover übergeben, einer mitochondrialen DNA-Untersuchung unterzogen werden, bei der geringste biologische Spuren für eine Identifi­zierung reichen. Oberstaatsanwalt Thomas Klinge: „Es spricht einiges dafür, dass es sich um die Überreste von Philipp Christoph Graf von Königsmarck handelt.“

Die Spur des Adligen verliert sich im Sommer 1694 im Leineschloss, der Residenz des damaligen Herzogs von Braunschweig und Lüneburg und späteren Königs Georg I. von England.

Herzogin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg (1666–1726) wurde nach Bekanntwerden der Affäre verbannt.«[4]

»Die Geschichte hätte das Zeug zum Historienfilm: Es geht um verbotene Liebe, einen mysteriösen Mord und um den vielleicht größten politischen Skandal jener Zeit.

Königsmarck, ein ausgemachter Lebemann, der chronisch verschuldet war und keine Feier ausließ, stand seit 1689 als Oberst und Regimentskommandeur in hannoverschen Diensten. An jenem Abend war er unterwegs gewesen zu einem diskreten Schäferstündchen mit seiner Geliebten. Diese war nicht irgendwer, sondern die Kurprinzessin Sophie Dorothea persön­lich. Verheiratet war die Herzogstochter aus Celle mit Hannovers Thronfolger Georg Ludwig – dem die Affäre seiner Frau ein Dorn im Auge sein musste.

„Damals wurde bei Hofe mit zweierlei Maß gemessen“, sagt Thomas Schwark, Direktor des Historischen Museums: Während Männer sich selbstverständlich Mätressen halten durften, galt die Affäre einer verheirateten Frau als Skandal. Sophie Dorothea, deren Ehe mit Georg Ludwig eine dynastische Zweckverbindung gewesen war, begehrte also gegen die höfischen Spielregeln auf – und ihr Emanzipationsversuch hatte dramatische Konsequenzen.

Nach dem Verschwinden von Königsmarcks wurde die Kurprinzessin von ihrem Mann geschieden und fortan im Schloss Ahlden am Rande der Lüneburger Heide gefangen gehalten. Mehr als dreißig Jahre lang blieb die „Prinzessin von Ahlden“ eine Gefangene, bis zu ihrem Tod. Ihr Sohn wurde später König von England, ihre Tochter wurde später Königin in Preußen – doch die Gefangene sah ihre Kinder nie wieder.«[5]

So sieht das aus, wenn man diese Love-Story mit modernen Augen liest: Damals wurde bei Hofe mit zweierlei Maß gemessen … Emanzipationsversuch. Das galt nicht nur bei Hofe, sondern bis weit in die Neuzeit. Junge Männer sollten sich erst einmal die Hörner abstoßen, danach aber eine Jungfrau heiraten.

Ob es wirklich eine Liebesgeschichte war?

»Graf Königsmarck stammte aus einem alten märkischen Adelsgeschlecht. Er war der Enkel des deutsch-schwedischen Feldmarschalls Hans Christoph von Königsmarck. … Seit seinen Kindertagen, als er als Page am Hof von Celle verbrachte, war er mit der ein Jahr jüngeren Erbprinzessin von Braunschweig-Lüneburg, Sophie Dorothea von Celle, befreundet. Diese wurde im Alter von 16 Jahren mit ihrem Vetter, dem Herzog Georg Ludwig zu Braunschweig und Lüneburg und Prinz von Calenberg, dem späteren Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg und als Georg I. König von Großbritannien, verheiratet. Die politisch motivierte Ehe war wohl eher unglücklich. … Im April 1690 kam er allein nach Hannover zurück.

Hier begann er offensichtlich eine durch einen umfangreichen Briefwechsel dokumentierte Liebesbeziehung mit der Erbprinzessin Sophia Dorothea von Celle. Die historische Forschung konnte nachweisen, dass Sophie Dorothea, trotz aller ihrer gegensätzlichen Bekundungen, mit dem Grafen auch den Geschlechtsverkehr vollzogen hat und nur wenig tat, Gerüchte zu unterbinden. Im Sommer 1694 schließlich planten die beiden ihre gemeinsame Flucht«[6]

Liebesgeschichte oder auch nicht, jedenfalls sehr abenteuerlich. Mit im Spiel auch zwei der Mätressen des Ehemannes Herzog Georg Ludwig, der offenbar den Mordauftrag gab.

Was mag sein Motiv gewesen sein? Eifersucht wohl kaum, persönliche Kränkung vielleicht. Hier jedoch ging es um Hochverrat. Wieso?

Die Legitimität feudaler Herrschaft lag in der Erbfolge.[7] Legitimer Herrscher konnte nur sein, wer aus einer legalen Ehe seines Vorgängers stammte. Dieser konnte seinen Samen streuen, wie und wo er wollte. Doch seine Frau hatte ausschließlich ihm zu gehören, damit kein Kuckucksei die legitime Thronfolge störe.[8] Selbst der Verdacht, ein Sohn sei nicht der Sohn des Herrschers, war der Legitimität abträglich. Es wäre nun allerdings überzogen, die Liebesaffäre als Emanzipationsversuch zu betrachten. Sophie Dorothea war eine Figur im feudalen Schachspiel. Sie wurde verheiratet unter Gesichtspunkten dynastischer Machtab­sicherung – und –vermehrung. So war das üblich. Liebe musste nicht sein, war wohl auch selten. Der Herrscher konnte ausweichen, seine Frau musste sublimieren. Dabei ging es den Herrschern nicht immer nur um Sex[9]. Mätressen waren oft auch gebildete und interessante Gesprächs­partnerinnen; sie hatten oft viel Einfluss – auch auf die Regierungsgeschäfte. Sophie Dorotheas Seitensprung war also Hochverrat und machte zudem den Herrscher lächerlich. Aber dann ein Mord?

Das war in Preußen anders. Dort gab es ein Gerichtsverfahren, als der Kronprinz zusammen mit seinem Kameraden und wohl auch Liebhaber fliehen wollte. Sophie Dorothea ist übrigens die Großmutter dieses Kronprinzen, des späteren Friedrich II.

Doch es geht um den Fall „Katte“

»1730 klagte im berühmten „Kronprinzenprozeß“ der Vater den eigenen Sohn an, weil dieser vor den unerträglichen erzieherischen Torturen ins Ausland fliehen wollte. Sein Freund, der junge Leutnant von Katte, ein Schöngeist wie er selbst, war in die Pläne der scheiternden Flucht eingeweiht. Vor den Augen seines Sohnes ließ der „Soldatenkönig“ Katte aus Gründen der Staatsräson hinrichten. Kattes Tod brachte die Wende im Leben des Prinzen, brach seinen Willen.«[10]

Landesverrat auch hier, denn was ist es sonst, wenn ich mit dem Sohn des Herrschers durchbrennen will? Ergebnis ein Gerichtsverfahren. »Beide wurden vor ein Kriegsgericht im Schloss Köpenick gestellt und Katte zu lebenslanger Festungshaft verurteilt (hinsichtlich des Kronprinzen erklärte sich das Gericht für nicht zuständig). Friedrich Wilhelm I. verschärfte die Verurteilung v. Kattes zu einem Todesurteil und ordnete die Exekution an.«[11]

War das Willkür?

Liest man bei Fontane nach, der die Gerichtsakten eingesehen hat, kommt man zu einem anderen Urteil.

Fontane: „Das sind so einige der »Species facti«; nur einige, aber gerade genug, um seinen König und Herrn mit allem Fug und Recht aussprechen zu lassen: »Und da denn dieser Katte mit der künftigen Sonne tramiret, auch mit fremden Ministern und Gesandten allemal durcheinander gestecket, er aber nicht davor gesetzet worden mit dem Kronprinzen zu complottiren, au contraire es Sr. K. Majestät hätte angeben sollen, so wissen Se. Majestät nicht, was vor kahle raisons das Kriegs-Recht genommen und ihm das Leben nicht abgesprochen hat.«

Es ist nur eines, was uns in diesem Schreckensschauspiel – denn ein solches bleibt es – widerstrebt und widersteht: der König wechselt hier die Rolle mit dem Richter. Er läßt das Recht über die Gnade gehen. Und das soll nicht sein.

Wenn aber etwas damit versöhnen kann, so ist es das, daß er dies im eigenen Herzen empfunden hat. Hören wir noch einmal ihn selbst: »Wenn das Kriegs-Recht dem Katten die Sentence publiciret, so soll ihm gesagt werden, daß es Sr. Königlichen Majestät leid thäte; es wäre aber besser, daß er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.«

 

Es wäre besser, er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.

Diese Haltung unterscheidet Preußen von Hannover.

Und nun kommt die Mordsache nach über 300 Jahren vielleicht zu einem Abschluß:

»Mord verjährt nie – nach so langer Zeit könnten die Ermittlungen aber schwierig werden. Der Oberstaatsanwalt schmunzelnd: „Aber am Ende klären wir alle“.«[12]

 

Nachtrag:

Es war wohl wirklich eine Liebesgeschichte:

»600 Liebesbriefe und ein Fluchtplan – doch der Plan flog auf. Die Affäre zwischen Sophie Dorothea von Celle und Christoph Graf von Königsmarck dauerte wohl rund zwei Jahre. Königsmarck war ein Offizier und Hofkavalier und lebte mit seinem Hausstand von 29 Die­nern und 52 Pferden in Hannover. Mit Sophie Dorothea war er seit seiner Jugend befreun­det. Mit 16 Jahren musste sie allerdings ihren Vetter, Herzog Georg Ludwig zu Braunschweig und Lüneburg, den späteren König Georg I. von Großbritannien, heiraten. Die politisch motivierte Ehe war aber wohl eher unglücklich. Mit Graf von Königsmarck schrieb Sophie sich mehr als 600 Liebesbriefe – darin war auch immer wieder von gemeinsam verbrachten Nächten die Rede. Die Eltern von Sophie Dorothea hatten ihrer Tochter verboten, ihren Mann zu verlassen – und kurz vor der schon akribisch geplanten Flucht nach Wolfenbüttel oder Sachsen wurde Christoph Graf von Königsmarck schließlich offenbar beseitigt. Wie sich jetzt herausstellt, vermutlich direkt unter dem Leineschloss, dem heutigen Niedersächsischen Landtag.«https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Nach-322-Jahren-Mordopfer-unter-Landtag-entdeckt,graf230.html

 

Einige Briefe aus dem Briefwechsel des Liebespaares wurden nun im Netz

publiziert:Briefwechsel

[1] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44419593.html

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[4] http://www.bild.de/regional/hannover/leineschloss/lag-hier-die-leiche-von-graf-koenigsmarck-47519788.bild.html

[5] Simon Benne, Verbotene Liebe / HAZ 28.8.2016 mehr bei https://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_Dorothea_von_Braunschweig-L%C3%BCneburg

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Christoph_von_K%C3%B6nigsmarck

[7] Im kirchlichen Raum haben wir als Pendant die successio apostolica https://de.wikipedia.org/wiki/Apostolische_Sukzession

[8] Die Theologie hat die göttliche Abstammung Jesu anders bezeugt. Die andauernde Jungfernschaft Marias. Die Position von Joseph als Hahnrei wurde nicht thematisiert. Eine Jungfrauenschwangerschaft zum Zwecke der Prätention göttlicher Zeugung ist übrigens auch im Totentempel der Hatschepsut belegt.

[9] Sex spielte aber eine große Rolle und ging in seinen Spielarten weit über das hinaus, was die Bevölkerung wissen durfte. Ich erinnere mich noch über die Empörung meiner Großmutter, sie stammte aus Celle, als wir ihr ein Buch über die Celler Prinzessin Sophie Dorothea zu lesen gaben. Wir hatten es vorher nicht gelesen und ganz naiv gedacht, ein Buch über Celler Personen mache ihr Freude.

[10] http://www.berliner-zeitung.de/zur-urauffuehrung-der-kammeroper-friedrich-und-katte–von-wolfgang-knuth-am-theater-in-minden-die-wunde-der-hohenzollern-16747712 Die Oper, aus deren Besprechnung dieses Zitat stammt, leistet eine „stringente psychologisie­rende Rückführung der Tragödie auf einen eklatanten Fall unterdrückter (bei Friedrich Wilhelm II.) und gelebter (vom jungen „alten Fritz“) Homosexualität.“. Was beim Vater ideell die „langen Kerls“ waren, sei beim Sohn eben Hans Hermann von Katte gewesen, dies auch körperlich.

»Rowse behauptet, Katte sei der aktive Partner einer homosexuellen Beziehung mit Friedrich gewesen«, nach https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Hermann_von_Katte

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Hermann_von_Katte

[12] http://www.bild.de/regional/hannover/leineschloss/lag-hier-die-leiche-von-graf-koenigsmarck-47519788.bild.html

Freiwillige putzen Stolpersteine in Hannover

Posted in Geschichte, Kriminalität by dierkschaefer on 18. Mai 2015

BILD-Hannover schreibt von etwa 300 Stolpersteinen in Hannover, Wiki beziffert den Stand 2013 mit 270 Gedenksteinen an 90 verschiedenen Stellen in der Stadt.[1]

Stolpersteine kennt wohl jeder. Wir latschen zumeist achtlos darüber hinweg, selten bleibt einmal jemand stehen und entziffert die Namen von einstigen Bewohnern des Hauses vor dem der Stein eingelassen ist. Ich schaue zuweilen nach, ob dort Klartext „gesprochen“ ist oder nur die Daten: Name, deportiert nach …, Todesdatum. Viel zu selten, so scheint mir, steht dort ausdrücklich „ermordet“.

Die Steine sind nicht immer gut lesbar, weil sie oft verschmutzt sind. Nun haben sich in Hannover 15 Freiwillige gefunden, die mit „Schwamm, Putzpaste und Zahnbürste“[2] die deutschen Verbrechen wieder lesbar machen.

Die Stolpersteine, ein Projekt[3] des Künstlers Gunter Demnig[4], widersprechen dem Wunsch mancher Zeitgenossen nach einem „Schlußstrich“[5] – und das ist gut so.

Freiwillige polieren nun die Steine – mit Zahnbürsten! Das erinnert an die Demütigungsmaßnahmen der Nazis. Vielfach sollten Juden das Pflaster mit Zahnbürsten reinigen.[6] Was damals Demütigung war, wird heute durch die Freiwilligkeit zur würdigen Handlung im Umgang mit einer beschämenden Vergangenheit.

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Hannover

[2] BILD-Hannover, 18. Mai 2015

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Gunter_Demnig

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Vergangenheitsbew%C3%A4ltigung

[6] Maßnahmen, die auch aus manchen anderen Zusammenhängen bekannt sind, auch in manchen Kinderheimen praktiziert.

Privat-öffentlich – „Lindenmatinee“ zum 70.

Posted in Geschichte, Soziologie by dierkschaefer on 9. Februar 2014

Übereinstimmung und Unterscheidung prägen uns, unsere Lebensweise, unsere Art, die Welt zu sehen, unseren Charakter. Besonders prägend sind die ersten Lebensjahre, in denen die Übereinstimmung überwiegt. Blicke ich aus der Distanz von 70 Lebensjahren zurück, sehe ich bei aller Wertschätzung auch das allmähliche Herauswachsen aus den Übereinstimmungen.

Warum allein zurückblicken, sagte ich mir und lud im Rahmen meines 70. Geburtstags zu einer Lindenmatinee ein, auch eine Art von Public-Private Partnership. Linden ist ein recht besonderer Stadtteil Hannovers, was ihm auch seine Verächter zuerkennen. Dort verbrachte ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens.

Die Verbindungen mit Linden lebten wieder auf, als ich begonnen hatte, Kindheitsbilder ins Netz zustellen[1]. Die Folge waren Mailkontakte, viele Photos, persönliche Treffen und regelmäßig mir nach Süddeutschland zugeschickte Stadtteilzeitungen und Zeitungsausschnitte.

Das Netzwerk Archive Linden-Limmer e.V. [2] ist ein sehr rühriger Verein und recherchiert die Lokalgeschichte. So gewann ich Herrn Jürging vom Vorstand des Vereins für den ersten Vortrag, den zweiten hielt ich selbst. Werbung gab es nicht, aber die Stadtteilzeitung veröffentlichte eine Notiz und der Gemeindesaal von St. Martin war rappelvoll, als Michael Jürging unter dem launigen Titel: Soweit hätte es nicht kommen müssen – 900 Jahre Linden, an Beispielen die geschichtliche Entwicklung Lindens passieren ließ, unterbrochen und bereichert durch spontane Einwürfe der Zuhörer. Genau so war es gewollt: Eine Geschichtswerkstatt, die fortgesetzt werden kann.

Mein Vortrag hieß Eine Kindheit in Linden und umfaßte im wesentlichen die Jahre 1944 bis 1964, wie ich sie erlebt habe und heute sehe: Die Familie, die Kameraden, die Spiele, der „Kiez“, und die Rolle von Schule und Kirche für mich in dieser Zeit. Da gab es vieles für die Zeit Typisches, zu berichten. Auch hier wurde es lebhaft mit Zurufen und Ergänzungen.

Was besonders schön war: Es waren Spielgefährten von damals gekommen, von denen ich nicht gedacht hatte, sie jemals wiederzusehen, auch manche, die ich erst wieder „einordnen“ mußte und andere konnte ich beim besten Willen nicht in meiner Erinnerung unterbringen. Bilder und kleine Photoalben wurden gezeigt und wir beschlossen, in Kontakt zu bleiben. Dank Internet findet man mich und braucht nur zu googeln.

Privat-öffentlich, – es gibt ja nicht nur peinliche private Informationen im Netz und den sozialen Netzwerken. Sie können Ausgangspunkt werden für alt-neue Kontakte und für neu-alte Gemeinsamkeiten. Im nächsten Jahre feiert Linden sein 900jähriges Jubiläum.- Dies war ein guter Auftakt.

Nachmittag und Abend waren dann – wie auch der Vorabend – privat  mit der Familie und Freunden. Und das war dann wirklich privat mit den Erinnerungen und Darbietungen, wie man das zu einem solchen Anlaß so macht. Da will ich nicht weiter aus dem Nähkästchen plaudern. Nur so viel: Es ging auch um mich als Autofahrer. Und dazu fällt mir ein, daß ich doch noch eine Chance habe, in den Himmel zu kommen. Denn als ein Pfarrer und ein Busfahrer bei Petrus anklopften, schaute der in sein großes Buch, winkte den Busfahrer durch und schickte den Pfarrer in den Wartestand auf die harten Bänke des himmlischen Wartesaals. Wieso kommt der rein und ich muß warten?Wenn Du gepredigt hast, haben alle geschlafen, erwiderte Petrus, aber wenn der gefahren ist, haben alle gebetet.


In Hannover an der Leine, Rote Reihe Nummer 8 …

Posted in Geschichte, Justiz, Kirche, Kriminalität, Politik, Psychologie, Soziologie by dierkschaefer on 21. März 2013

Es war aber die Nummer 2. Doch zunächst das Lustige.

In der Nummer 6 residieren die Kontor-Verwalter des Evangeliums, lauter Landes- und Oberlandeskirchenräte im Landeskirchenamt der Ev.-luth. Landeskirche Hannover. Eine große Freitreppe führt ins Erdgeschoß. Ist man drin, so steigt man über eine schön geschwungene Treppe in die Belétage. Diese Treppe meine ich.

Darunter hatte sich, so die Geschichte, einst ein aus dem hannoverschen Zoo entwichener Löwe geflüchtet. Jeden Morgen schnappte er sich einen kirchlichen Rat, verspeiste ihn – und niemand merkte etwas. Sei es aus Gendergründen (damals gabs noch keine Rätinnen), sei es, daß die Räte verbraucht waren, jedenfalls nahm sich der Löwe schließlich auch eine Putzfrau – und da erst flog die Sache auf.

Doch nun zum Ernsthaften

In der Roten Reihe Nummer zwei wohnte der Serienmörder Haarmann. Im Song heißt es um des Reimes Willen:

In Hannover an der Leine,
Rote Reihe Nummer 8,
wohnt der Massenmörder Haarmann,
der schon manchen umgebracht.

Dieser Fritz Haarmann ist immer noch interessant.

Zum einen kriminologisch. Da ist die Biographie Haarmanns samt eigenem Mißbrauch und seinen Mißbrauchsopfern. Dann die Verflechtungen zwischen der Polizei und ihrem Spitzel und die daraus resultierende anfängliche Blindheit/Voreingenommenheit der Polizei. Auch die Vernehmungsmethoden, eindeutig Folter. Schließlich ein Gutachten, das heute wohl anders ausfallen würde, denn die Schuldfähigkeit Haarmanns muß bezweifelt werden.

Zum andern gesellschaftlich und politisch. Der hannoversche Philosoph Theodor Lessing stieß ins Wespennetz, als er die Verbindungen Haarmanns zur Polizei thematisierte und wurde prompt von weiterer Prozeßbeobachtung ausgeschlossen. Lessing war auch ansonsten sehr unbequem und zudem Jude. Die Nazis setzten erfolgreich ein Kopfgeld aus und Lessing wurde in Marienbad erschossen.

Beide Artikel sind lesenswert, der über Haarmann und der über Lessing. Und wenn ich an den NSU und den Untersuchungsausschuß denke, dann gehen mir viele Fragen durch den Kopf.

http://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Haarmann

http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Lessing

Der Worte sind genug gewechselt, wir wollen endlich Taten sehn!

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 19. Oktober 2009

http://www.readers-edition.de/2009/10/13/geschwaetziges-papier-die-erklaerung-der-ev-landeskirche-hannover-vom-07102009/

Das sind klare Worte, lieber Herr Jacob. So klar schätzt man es in der Kirche nicht – und sie können es auch nicht. Insofern bitte ich um Nachsicht mit dem kirchlichen Sprachgebrauch.

Aber Sie haben Recht. Vor dem Hintergrund der Nazi-Verbrechen habe ich schon immer das Stuttgarter Schuldbekenntnis als unangemessen empfunden. Sie nennen es treffend Entschuldigungsgestammel.

Doch noch einmal: Ich bitte um Nachsicht mit den Schwestern und Brüdern in den Kirchenleitungen, zumindest solange, bis dem Gestammel der Fassungslosen keine angemessenen Taten folgen.

Bleiben die aus, dann hat sich das Gestammel als Zynismus erwiesen.

Wir werden sehen.

Ich freue mich, mit Erlaubnis von Herrn Kowalke seine Installation hier abbilden zu können: Vor der Kirche in Hannover-Herrenhausen hatte er das Leiden der ehemaligen Heimkinder als theologische Anklage formuliert. Auch dies waren klare »Worte«.

Kinderkreuz

Mordsache Unterberg

Posted in Uncategorized by dierkschaefer on 28. April 2009

Als ich am Wochenende in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) den Artikel über meinen Großvater las, 73 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod, war ich doch merkwürdig gestimmt.

http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Spektakulaerer-Kriminalfall-Tod-eines-Taxifahrers

Zwar hatte ich einen Großteil der Daten und Bilder selber geliefert, aber es ging eben nicht nur um Daten, sondern um ein Ereignis und seine Auswirkungen auf das Leben unserer Familie.

Die eigentlich recht banale Geschichte des Raubmordes an einem Taxifahrer wirft zudem ein wenn auch kleines Schlaglicht auf die damalige Zeit: 1936. Die Zeitungsausgaben der Niedersächsischen Tageszeitung (NTZ) von Mai bis Juni in meinem Besitz zeigen dem Nachgeborenen (und nur insofern Klügeren) das Bild eines Landes im Um- und Aufbruch. Zwar war die NTZ auch das Organ der NSDAP in Niedersachsen, doch wird vielleicht gerade dadurch beklemmend deutlich, wie diese Partei mit aller Selbstverständlichkeit vom Leben der Menschen besitz nahm.

Der Journalist der HAZ hat über meine Quellen hinaus recherchiert und Details gefunden, die ich nicht kannte. Ich will dem sozusagen die Innenseite hinzufügen, die nur kennen kann, wer mit dieser Geschichte aufgewachsen ist.

Hier geht es zu diesem Teil der Mordsache Unterberg:  mordsache-unterberg1