Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XVII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

               die keine Kindheit war

 

 

 

Siebzehntes Kapitel

                                       War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?![1]

Wie erwähnt: es gab nur wenige Momente, die mich gerne an diese Zeit zurück erinnern las­sen. Zu diesen Momenten zählt nicht unbedingt die Begebenheit dazu, die ich im Schweine­stall erlebte. Wissend, dass ich mich vor diesen ewig grunzenden Ungeheuern fürchtete, hob mich meine Mutter hoch. Anstatt mich mit dem Buhmann im Keller zu schrecken, weil ich ungezogen gewesen war, ließ sie mich mit ausgestreckten Armen über dem Schweinekoben schweben. Ich schrie und zappelte und versprach auch wieder ganz artig zu sein, wenn man mich bloß nicht zu den Schweinen reinsteckte.

Dann hatten wir da noch einen Gänserich (Ganter), der sich schlimmer aufführte als unsere Lore. Lore war unser Hofhund. Ein liebes Vieh, welches wir nach einiger Zeit auf der Flucht, wir mussten einmal in die, das andere Mal in die andere Richtung fliehen, bei unserer Rückkehr auf dem Hof mit durchgeschnittener Kehle im Kleiderschrank fanden. Lore war auch ein Opfer des Krieges geworden. Dieser Gän­serich also hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alles anzufauchen, was sich in seiner Nähe aufhielt. Zum Glück wurden wir beide von einem Maschendraht voneinander getrennt. Ich schiss mir ohnehin fast in die Hose, wenn ich mal im Spieleifer in die Nähe des Zaunes gelangte und plötzlich das furchterregende Zischen, das diesen Biestern eigen ist, hinter mir hörte. Seine Fressgier wurde dem Urviech dann aber zum Verhängnis. Meine erste (bewusste?) Untat beging ich in meinem Leben mit etwa drei Jahren. In der Tasche meiner Spielschürze (warum sollen Jungs keine Spielschürzen tragen?) hatte ich für meine Häschen leckeren Löwenzahn am Straßenrand gerupft. In meiner Sorglosigkeit, Kinder vergessen eben schnell das Böse, hielt ich mich eine Weile am Zaun auf, um Lore zu streicheln. Dabei hatte ich den Ganter ganz vergessen. Diesmal aber fauchte das Vieh mich gar nicht an. Es interes­sierte sich mehr für den Löwenzahn in meiner Schürzentasche. Oh Schreck, als ich mir dessen bewusst wurde, dass dieser hässliche Kopf in meiner Tasche steckte, machte ich eine Reflex­bewegung. Mit beiden Händen umfasste ich diesen langen Hals, und drückte verzweifelt zu und zog, was ich ziehen konnte. Der sterbende Schwan[2] im Bolschoi Ballett in Moskau[3] hat mir besser gefallen, weil dort eleganter gestorben wird. Meine relativ kleinen Händchen hatten wohl zu fest und zu lange diesen Gänsehals zugedrückt. Als ich ihn endlich losließ, fauchte das Vieh gar nicht mehr. Nie mehr! Keiner konnte sich erklären, wie dieser Pracht­bursche ums Leben gekommen war. Mich verdächtigte man am wenigsten.

Diese Backhendl waren nicht mehr zum Verzehr bestimmt.

Kaum hatte man den Tod des Ganters überwunden, in Kriegszeiten gab es nicht mehr allzu viele davon, da reduzierte ich schon wieder unseren Viehbestand beträchtlich. Dabei hatte ich es doch nur gut gemeint mit den kleinen Küken. Mutter hatte extra den Ofen angeheizt, die Klappe des Back­ofens geöffnet und ein ganzes Gelege kleiner Küken in einem Pappkarton auf diese Klappe gestellt. Ich mochte diese kleinen piepsenden, gelbflauschigen Küken wirklich sehr gerne. Sie taten mir richtig leid, wie sie so rumkrabbelten und wie es schien vor Kälte zitternd sich zu einem Knäuel in eine Ecke des Kartons zusammendrückten. Ich konnte mir das nicht mehr länger mit ansehen, wie diese süßen Geschöpfe in ihrem Käfig zitterten. Da niemand anders in der Nähe war, dem ich davon erzählen konnte, dass die Küken froren, schuf ich selbst Abhilfe, ich schob den Karton in den Backofen, wo es, wie ich mit der ausgestreckten Hand feststellen konnte, viel wärmer drin war, und machte auch vorsichts­halber noch die Ofen­klappe zu. Diese Backhendl waren nicht mehr zum Verzehr bestimmt. Diese Missetat wurde mir auch sofort zugeschrieben. Mir wurde das geringe Alter zugute gehalten, deshalb bekam ich auch unter Berücksichtigung dieser mildernden Umstände nur so viele Stockhiebe, dass ich hinterher noch sitzen konnte. Was nicht immer so bleiben sollte. Später, wenn die Rest­familie, bestehend aus Schwester und Mutter mal beisammen saß, wurden solche Erinnerun­gen hervorgeholt. Mehr die, die ein wehmütiges Lächeln hervor­brachten, als die, die einen eher zum Heulen brachten. Aus eigener Erinnerung kommen dann noch Einzelheiten hoch, die aber nur schwach ausgeprägt sind. So merkte ich zwar, dass im Obstgarten ein kleiner Berg entstand, wusste ihn aber nicht zu deuten. Wie ich erst viel später erfahren sollte, waren die polnischen Arbeiter gehalten, für jedes Anwesen Luftschutzbunker auszuheben. Das war also der Berg gewesen, der im Obstgarten entstanden war. Das Innere dieses Berges mussten wir immer häufiger aufsuchen, um vor den hauptsächlich abgewor­fenen Splitterbomben geschützt zu sein. Wovor schützten wir eigentlich unser Leben? Doch nur um das ganze kommende Elend bei vollem Bewusstsein miterleben zu können? Heute noch, obwohl, oder weil ich diesen ganzen Schlamassel überlebt habe, frage ich mich, ob es wohl den Aufwand wert war, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?! Nachdem wir mal für eine längere Zeit den Hof verlassen mussten und wiederkehren durften, war unsere Lore tot. Die Russen waren schon bis zu uns vorgedrungen. Einmal schafften die Deutschen es dann noch, diese wieder zu vertreiben. In der damaligen Propaganda hieß das wohl: Der Feind wurde vernichtend geschlagen…..oder so! So vernichtend aber konnte der Gegenschlag nicht gewesen sein.

                                                                                                            Sehr bald schon mussten wir endgültig und für immer unsere Heimat verlassen.

Sehr bald schon mussten wir endgültig und für immer unsere Heimat verlassen. Zwar noch nicht Ostpreußen, aber doch unser Haus und alles was Generationen lieb und teuer geworden war. Ich zählte mich dazu. Es war ein beschissen kalter ostpreußischer Winter, als unsere Flucht begann. Es bildeten sich ganze Trecks. Doch keiner wusste so recht, wohin man flüchten sollte. Ich als der kleinste, wurde dick vermummt auf einen Schlitten mit dem Rest unserer Habe verpackt und in der Gegend herumgezogen. Durch einen kleinen Schlitz konnte ich dann auch manchmal die tieffliegenden Flugzeuge sehen, die dicht über uns hinweg flogen, eine Garbe abschossen oder gar Bomben fallen ließen. Mein Schlitten wurde einfach­heitshalber in den Straßengraben gestoßen, und Mutter warf sich über uns Kinder. Aus dieser Zeit haben sich hin und wieder ein paar Nebelschleier der Erinnerung gelichtet. Keiner hatte mehr als das, was er an oder bei sich hatte, so wie wir noch unseren Schlitten. Niemand stellte mehr Besitzansprüche auf irgendwelche Gebäude oder Land. Gruppen, die sich zusammen­geschlossen hatten, suchten ihre Nachtlager dort, wo es sich gerade ergab.

Soldaten wurden zu der Zeit ja noch so recht oder schlecht versorgt. Zivilisten waren in dieser Versorgung nicht mit eingeplant. Wurden ja auch nicht darum gebeten, sich an diesem Krieg zu beteiligen. Außer die halben Kinder und Greise, die Königsberg mit allen Mitteln zu ver­tei­digen hatten. Nur, die Mittel zur Verteidigung waren mehr als begrenzt. Trotzdem brachten sie die Russen damit ganz schön in Rage. Diese sinnlose Verteidigung, wo es ohnehin nichts mehr zu verteidigen gab, machte die Soldaten ganz schön brutal. So kann ich mich erinnern, wie wir, inzwischen zu einem stattlichen Flüchtlingstreck angeschwollen, in langen Reihen, flankiert von Soldaten, an einem Haufen gefallener deutscher Soldaten vorbei marschieren mussten.

Viel später erst sind diese Bilder voll in mein Bewusstsein eingedrungen. Wir MUSSTEN unsere Köpfe nach rechts wenden. Alle! Dort standen zwei russische Soldaten, hatten auf Mistforken einen Uniformierten aufgespießt, diesen hochhaltend wurde uns erklärt, dass es allen Faschisten so ergehen würde, die sich gegen die ruhmreiche Sowjetarmee stellen würden.

Ich sehe heute immer wieder das Bild vor mir, wie eine Frau aus unserer Reihe ausscherte, eine weiße Windel ausgebreitet auf die Wasseroberfläche eines Sees legte, an dem wir gerade vorbeikamen. Auf diese sich langsam mit Wasser vollsaugende, untergehende Windel legte diese Frau ihren toten Säugling. Verhungert? Hunger gab es. Wir schrieen vor Hunger.

Der Kopf, der vor dem Bett lag …

Eine Szene, im Zusammenhang etwas gegen den Hunger zu unternehmen. Der Haufen Menschen, den die Not zusammen gewürfelt hatte, weil der Mensch nun mal ein Herdentier ist, fiel auf ein größeres landwirtschaftliches Gut ein. Verlassen wie fast alle anderen auch. Unser Treck hinkte wohl in vielem nach. Er bestand ja auch nur aus Frauen aller Altersklassen, ganz alten Männern, die wirklich kein Gewehr mehr halten konnten, und Kindern, die es noch nicht halten konnten. Alles schwärmte aus. Man fand ja damals an den unmöglichsten Stellen Verstecke, wo Vorräte gelagert wurden. Mutter war mit uns Kindern direkt ins Hauptgebäude eingedrungen. Wir schauten weniger in die Keller, als unter den Treppenstufen nach, und wurden fündig. Riesige, runde, selbstgebackene Brotlaibe fanden wir. Jeder hütete seinen Schatz. So fürs erste versorgt, nahm mein Bruder mich bei der Hand und wir erforschten auch noch die anderen Räume. In der Hoffnung, noch andere nützliche Dinge zu finden. Und wir fanden auch noch etwas. Ganz oben in der Dachkammer. Kaum dass wir die Tür geöffnet hatten. Gleich links hinter der Türe, dort stand ein Bett. In meiner kindlichen Unschuld, die ich ja noch besaß, begriff ich es ja noch gar nicht so recht. Doch mein elfjähriger Bruder, schon mit offeneren Augen durch das Leben gehend, schrie furchtbar erschreckt auf. Weil seine Hand die meine derart eingequetscht hatte, dass es schon sehr weh tat, konnte ich mich ebenso wenig bewegen wie er. Sein Sirenengeschrei lockte mehrere Erwachsene zu uns herauf. Wir wurden eiligst aus der Kammer geschoben. Der gebotene Anblick aber war in uns haften geblieben. Man sagt mir noch heute nach, dass ich mich des Öfteren nachts im Bett aufrichten und dabei schreien würde. Ich bin tat­sächlich schon von meinem eigenen Geschrei wach geworden. Ob dieser Vorfall mit daran schuld trägt? Tote hatten wir ja schon einige gesehen, aber dieser Tote oben in der Dachkam­mer war doch etwas zu viel für ein zartes Kindergemüt. Das blauweißkarierte Bett war mehr rot als blauweiß. Der Körper, der darauf lag, auch. Der Körper und das viele Blut waren ja nicht einmal das schlimmste. Der Kopf, der vor dem Bett lag und uns mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, hatte die Nerven meines Bruders überstrapaziert und zu seinem Geschrei geführt. Die paar Liter Blut, die ein Mensch im Körper haben sollte, hatten sich ganz schön breit gemacht in dieser kleinen Dachkammer. Die Wand, das winzige Fenster, alles in rot gehalten. Ich selbst bevorzuge schöne helle Räume.

„Komm Frau, ficki-ficki“!

Seitdem? Der Krieg musste irgendwie zu Ende sein, in Königsberg zumindest, wo wir inzwi­schen angelangt waren. Die erdbraunen Uniformen herrschten im Trümmerstadtbild vor. Sah man mal die uns bekannte deutsche Uniform, dann immer nur im Haufen und von Gewehr tragenden Russen begleitet. Kein siegessicheres Lächeln auf ihren Gesichtern, wie man sie noch allenthalben auf Plakaten sehen konnte. Mit grauen, verhärmten Gesichtern, ließen sie sich wie eine Schafherde treiben. Wir sahen auch immer noch Flugzeuge am Himmel. Jetzt aber nicht mehr so tief fliegend. Und auf uns wurde auch nicht mehr geschossen. Überhaupt war es um uns viel ruhiger geworden. Die Schneeschmelze des Frühlings 1945 erlebten wir schon bewusster. Bei gutem Wetter, so sagte Mutter, könne man die Brauerei von Königsberg von „unserem Anwesen“ aus erkennen. Eine etwa 30-köpfige Gruppe hatte sich auf einem verlassenen Gehöft eingenistet. Mitten auf dem Hof gab es einen Ziehbrunnen. Rundherum waren die Gebäude verteilt. Herren und Gesindehäuser, sowie Schuppen und Scheunen. Meine Familie war mit im Herrenhaus untergekommen. Wenn nicht die tägliche Sorge um die Ernährung gewesen wäre, hätte man das Ganze für eine Idylle halten können. Wir Kinder brauchten uns nicht mehr bei jedem Fliegergeräusch zu verstecken, nur noch beim Versteck­spiel. Wir spielten Fangen und winkten unseren „Befreiern“ zu, wenn sie auf der nahen Land­straße vorbei fuhren. Sie winkten größtenteils zurück. Mutter und andere Frauen besorgten den Gemüsegarten mit einer Akribie, die nur einer Bauerntochter zu eigen sein schien. Wegen der vielen Mäuse wurden Fischreste im Garten ausgelegt, um wild streunende Katzen anzu­locken. Jeder ging seinen Interessen nach. Das meiste Interesse bestand darin, etwas Essbares aufzutreiben. Da man mich kleinen Steppke nicht immer mitnehmen mochte, wegen meiner kurzen Beine, hielt ich mich viel an der Schürze meiner Mutter auf. So auch als eines Tages ein Russenjeep an der Landstraße anhielt, ein Russe ausstieg und sich an den Gartenzaun stellte, wo meine Mutter gerade etwas zu tun hatte. „Komm Frau, ficki-ficki“, lockte der Mann sie an den Zaun. Ich sah auch, dass er seinen „Wasserschlauch“, nur viel größer als mein Piephahn, durch eine Masche steckte. „Schau gar nicht hin meine Junge“, sagte meine Mutter zu mir, und schraubte mit einem festen Griff meinen Kopf zur Seite. Man halte es meinem Alter zugute, dass ich sehr neugierig war. Gegen den Willen meiner Mutter, bekam ich dann aber doch das folgende mit. Die erigierte Vorfreude des Russen wurde ihm zum Verhängnis. Mutter hatte sich gebückt und versuchte den Kerl zu ignorieren. Sein immer drängenderes „ficki-ficki Frau komm“, wurde meiner Mutter zu bunt. Sie erhob sich, trat an den Zaun heran und, schwups zierte seine Männlichkeit ein schöner großer Hechtkopf. Sowas lag ja zum Anlocken der Katzen zwischen den Beeten herum. Helliger Bimbam, konnte der Kerl aber schreien. Mutter packte mich, rannte mit mir zum Haus, suchte in fliegender Eile ein paar Sachen zusammen, rief den anwesenden „Nachbarn“ etwas wegen meiner Schwester und meinem Bruder zu, und dann verschwanden wir für ein paar Tage zu einer anderen „Wohn­gemeinschaft“. Erst als uns Entwarnung gegeben wurde, vereinigten wir uns wieder mit dem Rest der Familie. Vergewaltigungen jeder Art waren inzwischen unter Strafe bei der Besatzungsmacht verboten. Wenige Monate zuvor hätte sich der Russe bestimmt nicht so zufrieden gegeben. Da hatten sie noch keinen Anstoß daran genommen, wie viele Zeugen dabei waren, wenn sie sich mit Frauen jeden Alters der Reihe nach gleich auf dem nächst­besten Tisch oder sonstwo vergnügten. Wobei das Vergnügen immer nur auf ihrer Seite war. Nicht einmal die anwesenden Kinder fanden so etwas lustig, wenn Mütter oder Schwestern schreiend sich zu wehren versuchten. Nebenprodukte des Krieges! Immer und immer wieder bei solchen Gelegenheiten praktiziert! Ein Brüderchen wurde mir durch solch eine Handlung geschenkt. Es überlebte diese Schande, unehelich geboren zu sein, nicht lange. Eine Typhus­epidemie nahm ihn uns wieder. Wie durch ein Wunder überlebte unsere Familie auch diese.

Vergessen von der Welt mussten wir weiter für uns sorgen.

Während man laufend ausgemergelte Menschenkörper irgendwo nackt (die Sachen wurden dringend für die Überlebenden benötigt!) begrub, ihnen noch beim Wegtragen die Scheiße rauslief, rumorten unsere Eingeweide vor Hunger und Durst. Das Einzige, was wir hatten, war Wasser. Aber dieses durften wir noch nicht einmal trinken, weil es verseucht war. Mitten in der großen Scheune, wurde ein neuer Brunnen gegraben, und die alten Männer achteten streng darauf, wie in Zukunft der Brunnen behandelt wurde. Unsere Hauptnahrung bestand dann darin, dass wir Brennnesseln und Melde[4] sammelten und diese abkochten. Ich habe danach ca. 15 Jahre lang keinen Spinat mehr essen oder sehen können. In aller Herrgottsfrühe machten wir uns auf, um an den Tümpeln und Teichen Frösche zu fangen. Diese Beute nagelten wir dann mit dem Rücken auf kleine Brettchen, schnitten mit einer Rasierklinge vorsichtig ihre Bäuche auf, entfernten die Galle und die anderen Innereien, warfen den Rest in kochend heißes Wasser. Fleisch! Zart und sehr bekömmlich. Nur, viel zu wenig! Die Dachhasen ver­mehrten sich sehr schnell. Was machte es da schon aus, dass wir unter ihnen etwas Auslese trafen? Wenn ich rückschauend mein Leben betrachte, errechne ich, dass ich bis heute schon mehr Dach- als Stallhasen verzehrt habe. Allen Tierschützern, die sich jetzt empört oder angeekelt von meinem Buch abwenden, sei ins Album geschrieben, dass auch sie es vor lauter Hunger getan hätten. Eine andere Möglichkeit zu etwas Essbarem zu kommen war, sich an die Landstraße zu stellen (natürlich nur Kinder, weil Russen Kinder eben mehr liebten als die Faschisten?), auf die vorbeifahrenden Lastwagen zu warten, die Nachschub für die Garni­sonen in und um Königsberg heranfuhren. Es waren immer offene Ladeflächen, wo berge­weise, die von uns so begehrten Kartoffeln und Kohlköpfe transportiert wurden. Oben drauf, auf den Kartoffeln oder Kohlköpfen, saßen meist zwei Begleiter der Fracht. Diese anzubetteln war die Aufgabe der Kleinsten. Zu diesem Zweck hatte man uns Standardsätze in Russisch eingepaukt. Kinder lernen schneller Fremdsprachen! Boschalista, Kartoschka-Kapusta, (Bitte, Kartoffeln-Kohl) riefen wir dann auch den Nahrungsbewachern auf der Ladefläche im Vor­bei­fahren zu. Oft hatten wir damit auch Erfolg. Bei denen, wo unsere Bettelei von Erfolg gekrönt war, handelte es sich wohl um Soldaten, die selbst jüngere Geschwister daheim hatten oder zumindest wussten, was Hunger bedeutet. Doch es gab auch viele, die gar nicht auf uns reagierten, uns höchstens Schimpfworte herunterriefen, von ihrem Thron.

Nun, Schimpfworte hatten wir selbst als erstes von ihnen gelernt. Diese wendeten wir dann eben auch an. Auf diese Weise bekamen wir auch sehr häufig unsere Kartoffeln oder Kohl­köpfe. In diesem Falle allerdings warfen die so Beschimpften aus Wut darüber mit der begehr­ten Nahrung nach uns. Auch gut!

Dann erlebten wir noch eine Fettlebezeit. Zu Hunder­ten, ja Tausenden wurden direkt an unserer Straße Pferde Richtung Osten getrieben. Kriegs­beute? Ausgerechnet in unserer Nähe wurde jedes Mal eine Nachtrast eingelegt. Klar, dass die Rus­sen nicht eines der Pferde wieder rausrückten. Was scherte die unser Hunger. Vollzäh­lig mussten sie auch abgeliefert werden. Unseren Hunger wollten sie nicht akzep­tieren. Ihren Sexhunger aber unbedingt bei Frauen und Mädchen stillen. Die glaubten doch tatsächlich, dass sich die Frauen dann auch mit ihnen aus Liebe in den Straßengraben legen ließen. Dabei konnten sie, leider zu spät für sie, hinterher feststellen, dass es nur aus Berechnung geschehen war. Ob nun vergewaltigt oder freiwillig, jeder verfolgte nur seine eigenen Wünsche. Nur, dass in diesem Falle die Frauen zweimal etwas Warmes in den Bauch bekamen. Nämlich, wenn die Besatzer am nächsten Morgen mit ihren Pferden weiterzogen, fehlte mindestens eins davon. Bis zum Abzug hatten die etwas größeren Bengels unter Anleitung der alten Männer, die noch dabei waren, eines der Pferde in den auf der anderen Straßenseite beginnenden dichten Wald getrieben, die Augen verbunden und immer neben einem verlassenen Schützen­graben festgebunden. Wir Kinder spielten auf der Straße, mein Bruder musste auf der Mund­harmonika spielen, wenn sich jemand näherte. Ein Keil, der sonst zum Holzspalten Verwen­dung fand, wurde dem Pferd an die Schläfe gesetzt und einer schlug mit einem Vorschlag­hammer zu. Danach gab es wieder einige zeitlang Fleisch satt. Einmal, die Pferdetrecks tröpfelten nur noch so dahin, unterlief den Pferdeeinfängern ein gravierender Fehler. Sie hatten sich in der Eile und Dunkelheit eine Stute gegriffen. Als sie nun fortgeführt werden sollte, begann ihr Fohlen zu wiehern. Die Mutter antwortete. Aufgeschreckt von diesem kläglichen Wiehern unterbrachen die Wächter ihre Lieblingsbeschäftigung, zogen sich die Hosen wieder hoch und sahen nach dem Rechten. Diesmal hatten die dafür ausgelosten Frauen[5] nur einmal was Warmes im Bauch. Misstrauisch von dem Vorfall geworden, wurden zukünftig die Pferde gleich jeden Morgen vor dem Weitermarsch durchgezählt. Zwar wurde noch mal Beute gemacht, aber auch große Aufregung verursacht. Die Suche wurde aber dann doch nicht so intensiv betrieben, als dass man das Pferd fand, welches einwandfrei in der Herde fehlte. Der Abtrieb musste weitergehen. Dafür tauchte dann wenige Stunden später eine ganze Mannschaft aus der Garnison auf, die weiter suchte. Der alte Brunnen im Hof diente als Versteck und Vorratskammer. Erst als der wer weiß wievielte Russe mit einer Forke misstrauisch in dem aufgefüllten Brunnen herum stocherte, flog ein aufgescheuchter Fliegen­schwarm aus dem Brunnen hoch. Sofort wurden daraufhin Äste und Laubwerk aus dem Brun­nen geholt. Darunter kam dann das fein zerlegte Pferd zum Vorschein. Ob sie es selbst ver­zehren wollten? Das Kind, pardon, das Pferd war doch ohnehin in den Brunnen gefallen, da hätte man es uns auch lassen können. Zumal es doch einwandfrei den Deutschen gehörte. Aber nein, sie wollten unbedingt an ihrer Nachkriegsbeute festhalten. Alles wurde auf die Ladefläche des Mannschaftswagens geworfen. Bergauf fährt sich ein Auto doch ein wenig schwerer als herunter. Als der vollbeladene Wagen nun neben den Soldaten auch noch eine halbe Tonne Pferdefleisch auf die Straße fahren wollte, dabei über eine provisorische Brücke, die über den breiten Straßengraben gelegt worden war, verschoben sich die darüber gelegten Bretter und Holzbohlen, so dass der ganze Laster in den Graben rutschte. Fleisch und Solda­ten purzelten herunter. Völlig entnervt gaben die Russen auf. Schimpfend und fluchend gelang es ihnen mit Mühe und Not den Wagen wieder aus dem Graben zu heben. Ohne Mit­nahme des Fleisches nur noch wüste Drohungen für das nächste Mal ausstoßend fuhren sie ab.

Meine Mutter durfte sich sogar auf einen ausgebreiteten Militärmantel legen.

Diesmal wurde das Fleisch sofort an die einzelnen Familien verteilt und gleich eingekocht. Die Gesamtlage normalisierte sich immer mehr. Nur, Carepakete erreichten uns keine. Vergessen von der Welt mussten wir weiter für uns sorgen. Der Einfallsreichtum schlug Blüten. Das bisschen, was wir selbst anpflanzten und auch ernten konnten, reichte bei weitem nicht aus. Wir hängten uns große Beutel um und gingen Ähren lesen. Jedes Feld, was noch etwas hergab, im letzten Herbst noch angebaut worden war, wurde streng bewacht. Die Besat­zer mussten ja auch von irgendetwas leben. In Schützenlinie gingen wir über die Felder. Keine einzige Getreideähre entging unseren Argusaugen. Wenn man aber Pech hatte, kamen, sobald die Beutel voll waren, aus irgendeinem Versteck die Russen hervor und forderten ihr Recht auf diese Ausbeute. Meistens lag ihnen aber mehr an den Frauen und Mädchen, als an den Körnern. Sofern sich die Frauen für das Korn entschieden und sich dafür freiwillig zeig­ten, wurde hinterher auch kein Wert mehr auf das Korn gelegt. Einmal, ich war mit meiner Mutter alleine zur Ernte gegangen, wir waren bereits mit einer kleinen Ausbeute auf dem Rückweg, tauchten plötzlich, wie aus dem Nichts, drei Soldaten auf. Wegrennen war nicht mehr drin. Wir waren umstellt. Diese Soldaten behaupteten ganz dreist, dass sie gesehen hätten, wie wir die Ähren von einem noch nicht abgeernteten Feld abgerissen hätten. Auf solch frevelhaftes Tun, Schädigung der Sowjetmacht, stand Bunker. Jeder wusste das. Auch meine Mutter. Die Soldaten ließen aber mit sich reden, wie sie sagten. Meine Mutter durfte sich sogar auf einen ausgebreiteten Militärmantel legen. Mit mir unterhielt sich ganz freund­lich einer der Soldaten und versuchte mich abzulenken und aufzuheitern. Ich fand es aber gar nicht belustigend, als ich dann auch noch den Mantel später mit dem Schlüpfer meiner Mutter reinigen musste.

Aus irgendeinem Grunde, meine Mutter hatte gerade eine Nebenerwerbs­quelle entdeckt, um an das kostbare Brot der Russen zu kommen, indem sie in der Zucker­rübenzeit Schnaps brannte, da wurden wir ausgesiedelt. Zum einen brauchten die Russen dieses Grundstück für ihre eigenen Zwecke, zum anderen wollte man die verbliebenen Deutschen zentraler zusammen haben und nicht überall verstreut rumlaufen lassen.

Außer Trümmer rings­herum gab es nichts.

Es begann sich so etwas wie eine Organisation herauszubilden. Nicht viel mehr als das, was wir auf dem Leibe hatten und per Hand mitschleppen konnten wurde uns erlaubt mitzu­neh­men. Uns wurde ein Stadtbezirk zugewiesen, wo wir zu verbleiben hatten. Das war dann auch schon alles! Außer Trümmer ringsherum gab es nichts. Wie die Ratten durchstreiften die hier­her Verbannten diese Trümmer. In einem  Haus, wo man nicht befürchten musste, dass es beim nächsten Sturm ganz zusammen fiel, wurden die Kellerräume vom Schutt befreit. In einem ande­ren Haus holte man sich unter Einsturzgefahr Dinge heraus, die zur Wohnlichbarma­chung dienten. Aus einem anderen wurde ein noch brauchbarer Ofen herbeigeschleppt. Dort fand man einen Stuhl, woanders einen heilen Teppich. Es ging wieder bergauf mit uns. Aber wo hier in der Stadt an Essbares kommen? Katzen? Ja, die gab es hier auch. Das war ja schon etwas. Statt Kartoffeln suchten wir uns die Schalen aus den Mülltonnen der Russen heraus. Brot? Gab es. Hundertgrammweise. Unerschwinglich für die meisten. Es wurden dann auch Lebensmittelkarten verteilt. Wo man allerdings dafür etwas bekam, das stand in den Sternen. Selbst die Russen, die immer mehr wurden, standen Schlange, wenn es mal irgendwo etwas gab. Meine ersten Bonbons, die ich bewusst aß, erhielt ich, indem ich mich für Russen in die Schlange einreihte und die pro-Kopf-Ration einkaufte. Dafür bekam ich dann zwei oder drei davon ab. Ich lernte recht bald, mich selbständig zu bewegen. Immer weiter zog ich meine Kreise um unser „Zuhause“. Ich kannte fast jeden Stein in den Trümmern. So kam ich auch immer näher dem, was man wohl als City bezeichnen kann. Noch intakte Häuser oder schnell errichtete Baracken wurden für die Versorgung der Bevölkerung genutzt. Wir Deutschen gehörten allerdings nicht zur Bevölkerung in dem Sinne. Wir waren nur geduldet, bis sich für uns etwas Besseres finden würde. Was das auch immer heißen mochte. Solange mussten wir uns schon selbst über Wasser halten. Ohne die russische Sprache kam man schon gar nicht mehr klar. Ich lernte schnell. Musste aber auch die Erfahrung machen, dass man als Kind Erwachsenen gegenüber nicht allzu vertrauensselig sein durfte. Schnell war man in eines der unbewohnbaren Häuser gelockt und zur Lustbefriedigung missbraucht worden. Es war hinter­her ganz schön lästig, seine Unterwäsche, die knapp bemessen war, wieder zu reinigen, bloß weil so ein Typ die Schenkel eines kleinen Jungen für seine Ersatz(?)befriedigung benutzt hatte. Oft fiel ja dabei wenigstens noch ein Stück Brot oder eine Hand voll Sonnenblumen­kerne ab. Einen kleinen Beutel schleppte ich immer mit mir herum. Man konnte ja nie wissen, ob man bei seinen Streifzügen nicht irgendetwas Brauchbares fand oder bekam. Wie gesagt, es gab so etwas wie eine City, oder besser gesagt ein Einkaufszentrum. Dort trieb ich mich mit Vorliebe herum. Siehe Bonbons. Extra dafür eingerichtete Läden verkauften nur Brot. Es wurde grammweise verkauft. Dabei kam es fast immer dazu, dass nach Augenmaß vom Laib abgeschnitten das Gewicht nicht ganz hinkam. Also musste noch ein kleines Stück drauf­gelegt werden. Diese kleinen Stücke hatten meine Begierde geweckt. Verpackt wurde nichts, was man kaufte. Dafür musste man selbst sorgen. So sah man auch immer gleich, wenn einer aus so einem Laden herauskam, ob er ein kleines Stück dabei hatte. „Dada, deitje menja boschalista skuschoski kleb“, war mein Satz, mit dem ich versuchte ihr Mitleid zu erwecken. (Onkel, geben sie mir bitte ein Stück Brot, hieß das). Auf diese Weise trug ich etwas dazu bei, die Familie zu ernähren. Die Familie war inzwischen schon etwas kleiner geworden. Meinen Bruder hatte ein lettisches Ehepaar mitgenommen. Dieses Paar, selbst kinderlos geblieben, hatte sich sofort in meinen Bruder „verknallt“, als es mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen zum Königsberger Markt gekommen war. Dadurch, dass wir unseren Wohnort gewechselt hatten, bestand kaum noch Aussicht, dass wir ihn je wiedersehen würden. Obwohl sich immer einer von uns auf dem Markt aufhielt, wenn dieser abgehalten wurde, wurde aus unserer Ahnung eine Gewissheit. Wir sollten ihn nie wieder sehen! Mein Vater später, der mich haben konnte, gab sich alle erdenkliche Mühe, ihn ausfindig zu machen. Staatsoberhäupter, wie Chruschtschow[6] hat er angeschrieben. Nie eine Antwort erhalten!

Fußnoten

[1] Zu diesem Kapitel gibt es einen Kommentar. Zurzeit ist er anzuklicken unter https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/das-ist-pornographie-roehrte-unser-klassenlehrer/   Später wird er im Anhang zum Buch seinen Platz finden.

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_sterbende_Schwan

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Bolschoi-Theater

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Melden

[5] An solche Aktivitäten zur nicht korrekten Nahrungsbeschaffung wird Kardinal Frings wohl nicht gedacht haben. https://de.wikipedia.org       /wiki/Joseph_Frings#Silvesterpredigt_1946  

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Nikita_Sergejewitsch_Chruschtschow

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/  https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/  https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/  https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/                                                                      04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/              PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/            PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/        PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlinhttps://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/  PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/           PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/                                                                    PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/                                                                    PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/  PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/                                                                         PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/                                                          PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/15-spurensuche.pdf

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/                                                         PDF: 16 Was also blieb uns übrig

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/                           PDF: 17 War es den Aufwand wert

Wie geht es weiter?

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

 

 

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Sand ins Getriebe!

Posted in Deutschland, Ethik, Geschichte, Kriminologie, Politik by dierkschaefer on 2. April 2016

Mein Autoradio meldet: Genscher gestorben! Kommentare, Ausschnitte aus Interviews mit ihm und Würdigungen, denen ich nicht widersprechen möchte. De mortuis nihil nisi bene, über Tote nur Gutes. Daran halten sich die Kommentare nicht sklavisch. Wenn ein bedeutender Staatsmann stirbt, muss die Würdigung auch problematische Punkte enthalten. So ist es auch.

  •  Genschers diplomatische Rolle für die Jugoslawienkriege wird erwähnt: War er der Auslöser der Eskalation? Eine abendliche Netzrecherche bringt Widersprüchliches zu Tage.[1] Genscher selber hat seine Vorgehensweise immer für richtig gehalten. Eine Frage, die wohl erst die Historiker mit Blick in die freigegebenen Akten sachkundig werden diskutieren können.
  •  Seine größte Niederlage, sagt Genscher selber im Interview, sei das Scheitern bei der Geiselbefreiung beim Münchner Olympiamassaker gewesen.[2]
  •  Im Vordergrund natürlich die Höhepunkte seiner Politik, Wiedervereinigung, Europa.

So weit, so gut und angemessen. Doch ich warte die ganze Zeit darauf, dass Elisabeth Käsemann erwähnt wird. Fehlanzeige.

»Elisabeth Käsemann wurde mit angelegten Handschellen und einer Kapuze über dem Kopf in den Ort Monte Grande bei Buenos Aires transportiert und dort unter Ausnutzung ihrer Arg- und Wehrlosigkeit durch Schüsse in Genick und Rücken aus unmittelbarer Nähe getötet.«[3]

Der Fall Elisabeth Käsemann[4] »geht auf das Konto von Hans-Dietrich Genscher. Er hätte helfen können, doch „das Mädchen“ interessierte ihn nicht. Der deutsche Waffenhandel war wichtiger, wie auch dem DFB eine ungestörte Fußballweltmeisterschaft in Argentinien.«[5]

Geht es nur um Genscher, der offenbar auf das Mädchen Käsemann später nicht mehr anzusprechen war? Nein, es geht um Macht. „Der Machthaber lässt andere für sich sterben, um seine Macht zu erhalten“[6] Das gilt nicht nur für Feinde, sondern auch für Figuren ohne Einfluss, auf die der Machthaber keine Rücksicht nehmen muss. Kroppzeug! Kanonenfutter! Kollateralschäden. Oder nur historisch notwendige Irrtümer?

Ach, Genschman und sein gelber Pullover: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/3030906614/

https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/9889670573/

Dennoch:

So legt euch denn ihr Brüder, und auch ihr Schwestern nieder, kalt weht der Abendhauch, verschon uns Gott mit Strafen und lass uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch.

RIP – und auch Du, FDP.

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/genscher-in-der-f-a-z-kein-alleingang-bei-der-anerkennung-sloweniens-und-kroatiens-11577124.html#/elections

http://www.sueddeutsche.de/politik/slowenien-und-kroation-jahre-unabhaengigkeit-genschers-alleingang-1.1112330

http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/jugoslawien/anerkennung.html

Klaus Peter Zeitler , Deutschlands Rolle bei der völkerrechtlichen Anerkennung der Republik Kroatien unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Außenministers Genscher, http://www.rechtsanwalt-naumburg.eu/eigene-ver%C3%B6ffentlichungen/deutschlands-rolle-bei-der-v%C3%B6lkerrechtlichen-anerkennung-der-republik-kroatien/

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9199049.html

http://www.thur.de/philo/jug8.htm

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-32060812.html

[2] so auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Dietrich_Genscher , Wikipedia ist schnell. Bereits heute abend ist dort der Tod Genschers vermerkt.

[3] [1] http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_69702116/fall-elisabeth-kaesemann-der-geduldete-mord.html

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Das_M%C3%A4dchen_%E2%80%93_Was_geschah_mit_Elisabeth_K.%3F

http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_69702116/fall-elisabeth-kaesemann-der-geduldete-mord.html

[5] http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Das-Maedchen-stoert-Wie-die-deutsche-Regierung-den-Mord-an-Elisabeth-Kaesemann-in-Kauf-nahm-81990.html

https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/06/05/leichen-im-keller-der-deutschen-politik/

[6] Elias Canetti, aus dem Gedächtnis zitiert.

Gott sei uns gnädig und gebe uns einen gnädigen Arzt.

Posted in Ethik, Firmenethik, Gesellschaft, Menschenrechte, Theologie by dierkschaefer on 28. September 2015

„Ich habe noch nie jemanden so fürchterlich sterben sehen“, sagte sie.

Jahrzehnte hatten wir uns nicht gesehen. Sie hatte uns im Eiscafe entdeckt und setzte sich an unseren Tisch. Vor einem Jahr war ihr Mann gestorben, auf der Intensivstation in der Uniklinik. Lungenkrebs im Endstadium. Ja, er hatte geraucht. Ich frage behutsam nach. Qualvoll sei es für ihn gewesen. Nein, die Schmerzmittel hätten nicht ausgereicht, hätten nicht geholfen. Geschrien habe er, soweit er noch konnte. Aber man habe in dieser Woche noch eine Thrombose-OP gemacht und ein Katheter gelegt; er habe sich vergeblich dagegen gewehrt. Von den Füßen her sei er nach oben hin immer kälter geworden, immer weiter blau angelaufen. „Sehen Sie denn nicht, was los ist?“, habe sie die Ärzte gefragt. „Sie müssen ihm doch helfen!“ Schließlich habe man ihm ein stärker sedierendes Mittel gegeben und sie nach Hause geschickt.

Da diskutieren Ethikkommissionen, da palavern Bundestagsfraktionen über Sterbehilfe.[1] Manche wollen sie überhaupt nicht, andere mit der Einschränkung, sie dürfe nicht geschäftsmäßig betrieben werden. Kein Gedanke daran, dass vielfach in den Krankenhäusern, auf den Intensivstationen geschäftsmäßig kurzfristig lebensverlängernde Eingriffe unternommen werden – unter ungenügender Sedierung werden die Qualen Sterbender verlängert.

„In fast allen Fällen können einem Sterbenden die Schmerzen genommen werden“[2], heißt es. Wo bleibt der Untersuchungsausschuss, der Zahlen/Daten/Fakten vorlegt, wie es denn tatsächlich läuft auf den geschäftsmäßig betriebenen Endstationen unseres irdischen Lebens, die Pflegeheime und die Hospize inbegriffen?

Ein Blick auf die Realität wäre wegweisend. „Todkranken Patienten beim Suizid beizustehen ist ein Tabu. Dennoch passiert es immer wieder“, auch gegen die Interessen der Standesvertretungen der Ärzte. „Ich empfinde Druck, mich entgegen der offiziellen Position der Bundesärztekammer zu äußern. Die Mehrheit der Ärzte denkt wie wir, aber kaum jemand traut sich, offen zu reden. Deshalb habe ich Sorge um Missverständnisse.“ – „So weit ist es schon gekommen, dass Ärzte sich fürchten, eine öffentliche Debatte über ein Thema zu führen, das große Teile der Bevölkerung umtreibt.“ – „Auch ich habe noch nie mit einer Kollegin oder einem Kollegen öffentlich über ärztliche Hilfe zum Suizid gesprochen.“ [3]

Die Überschrift zu diesem Blog-Artikel zeigt, dass es sich bei der – wirklich nicht einfachen – Frage zum ärztlich assistierten Suizid nicht nur um eine gesellschaftliche, sondern auch um eine theologische Frage handelt[4]. Einhellig hören wir in der laufenden Luther-Decade, dass Luther den uns gnädigen Gott entdeckt hat, der sich uns ohne Vorleistungen zugewandt und uns erlöst hat von Todesängsten. Diese Ängste haben wir nun nicht mehr, doch dafür andere. Wer es kann, und die Ärzte können es, sollte uns von solchen Sterbensängsten erlösen dürfen.

Bei Ethikkommissionen fallen mir immer gleich die Pestsäulen ein. [5] Hoch-abgehoben ist das innertrinitarische Gespräch dargestellt: Gott-Vater, Gottes-Sohn (er hat zwar sein Kreuz dabei, doch scheint er sich seiner Qualen als Mensch nicht mehr zu erinnern) und darüber schwebt, noch abgehobener, der Heilige Geist, der doch unser Tröster[6] sein sollte. Unter der Säule Maria, hier auch recht abgehoben gezeigt[7], Doch Maria ist, als Pietà in der Trauer um ihren geliebten Sohn,  menschlicher[8] als der gotteslästerlich dargestellte Vater, der mimisch unbewegt seinen geopferten Sohn präsentiert[9].

Gott sei uns gnädig und gebe uns einen gnädigen Arzt.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/15/aktive-sterbehilfe-sicherlich-keine-luxusdebatte-aber-sie-lenkt-ab/

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/23/sterbehilfe-und-der-hoffnungslose-fall-krebs-im-endstadium-schmerzmittel-wirken-nicht/

[3] So berichten Ärzte in: http://www.zeit.de/2015/09/sterbehilfe-aerzte-brechen-tabu/komplettansicht

[4] und die kirchlichen Funktionäre heulen auf. Siehe dazu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/10/02/diozese-distanziert-sich-von-sterbehilfe-planen-des-theologen-kung/

[5] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8254628897/

[6] Johannes 14:26

[7] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8255705660/

[8] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/7973029452/

[9] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/15097604507/

Warum ist für viele ehemalige Heimkinder eine Heimeinweisung nicht zumutbar? [1]

Posted in Firmenethik, Gesellschaft, heimkinder, Psychologie, Soziologie by dierkschaefer on 25. August 2015

Hier kommt nun eine drastische Antwort auf die Frage.

»Ich finde, dass dieses brennende Thema einfach zu wenig Beachtung findet. Für mich persönlich gilt: sollte ich in so ein Heim müssen, weil die Grundsicherung nichts anderes hergibt, die Diakonie nicht in der Lage und willens ist, den ehemaligen Heimkindern, denen sie das Leben gestohlen hat, wenigstens im Alter einen würdevollen Abgang zu geben, dann gebe ich mir die Kugel, die Pille oder was auch immer 😦 :(«

Es wäre hilfreich, wenn Heimbetreiber aus dieser Antwort zu menschenwürdigen Entschei­dungen kommen, nicht nur für die ehemaligen Heimkinder, sondern generell ihre Heime so organisieren, dass sie eine bessere Alternative sind zu „Exit“. Denn die Situation in manchen Heimen verstärkt die desolate Lage der Heimbewohner, die schon genug belastet ist durch den häufig gegebenen Wegfall ihrer sozialen Beziehungen.

»Krankheit und Tod hatten früher einen Platz in der Erlebenswelt und waren von Bedeutung. Nun haben sie für niemanden mehr Bedeutung, außer für den Betreffenden und die, für die er ein „Signifikanter-Anderer“, also biographisch/emotional bedeutend ist. So gesehen sind viele schon sozial tot, bevor sie gestorben sind. Die hohe Suizidbelastung lebensälterer Menschen liefert ein beredtes Zeugnis dafür. Sie vollziehen nur, was längst überfällig ist; und die Zahl läge um ein Vielfaches höher, wenn noch mehr Alte psychisch in der Lage wären, ihren Zustand zu erkennen und physisch fähig, ihm Rechnung zu tragen.«[2]

Das schrieb ich 1992 und muss mich hier korrigieren: Krankheit und Tod haben eine Bedeutung über die Betroffenen hinaus: Sie sind ein Wirtschaftsfaktor und unterliegen der unternehmerischen Kalkulation.

[1] In meinem Blog-Eintrag vom 6.8.15 hatte ich das Thema angesprochen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/08/06/manche-theologen-sind-nicht-so-kleinglaeubig-wie-manche-kleinglaeubige-glauben/ und einen lesenswerten Kommentar gepostet, der sehr sachkundig auf die Problemlage einging: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/08/06/extrawurst-fuer-ehemalige-heimkinder/ .

[2] Dierk Schäfer, Werner Knubben, … in meinen Armen sterben?, VDP-Sachbuch, Hilden 1996², S. 94

Memento mori auf rheinische Art

Posted in Bürokratie, Ethik, Gesellschaft, heimkinder by dierkschaefer on 11. Mai 2015

Sie sind für ihren Humor bekannt, die Rheinländer. Selbst in Behörden soll es in den tollen Tagen ziemlich toll zugehen. Am Aschermittwoch ist zwar alles vorbei – doch die anschließende Fastenzeit legt den Narrensamen für schwarzen Humor, der ausschlägt, wenn der Mai gekommen ist.

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) arbeitet als Kommunalverband mit rund 18.000 Beschäftigten für die 9,4 Millionen Menschen im Rheinland. Für schwarzen Humor ist dort Peter Möller zuständig (Peter.Moeller@lvr.de ). Er schreibt heute (Montag, 11. Mai 2015, 10:03 h) über die rechtzeitige Beantragung von Beerdigungskosten.

Als Theologe kann ich nur sagen: Recht hat er. Schließlich haben wir hier auf Erden keine bleibende Stadt und sollten stets darauf bedacht sein, vor unseren himmlischen Richter zu treten. Memento mori! Wir beten: Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.[1]

Die Evangelen sind so frivol, dass sie bei ihrer diesjährigen Kirchentagslosung die erste Halbzeile, die mit dem Sterben unterschlagen haben[2]. Darauf kommt aus dem katholischen Rheinland die humorvolle Antwort. Herr Möller, der ist klug. Er hat gemerkt, dass ein Antragsteller nicht klug war und er zieht daraus ganz knitzig-klug den Schluss: Geld gibt’s keins, jedenfalls nicht für die Pietät.

Wo kämen wir auch hin, wenn die Leute einfach so wegsterben, ohne ihre Angelegenheiten geordnet zu haben. Das sieht ja so aus, als wollten sie das Zeitliche, also uns, nicht segnen.

„Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben,“ hat uns Christian Fürchtegott Gellert gelehrt. Der war als Pfarrerssohn zwar auch nicht katholisch, also fern vom rheinischen Humor aufgewachsen, doch er hatte im Unterschied zwischen dem Kirchentag und dem Antragsteller kapiert, auf was es ankommt: Auf’s Ende – du Schafskopf!

Mögen die evangelischen Schafsköpfe ihren Kirchentag endlos feiern, doch für den Antragsteller, dessen Urne schon gefüllt ist, gilt: Aus die Maus.

Also lieber Leser: Bedenke dein Ende, damit Du klug wirst. Besonders wenn du Geld vom kölschen Klüngel zu erwarten hast. Diese Leute machen sich einen Jux aus deiner Dummheit. Die versaufen nicht nicht nur ihrer Omma ihr klein Häuschen und lachen sich eins. Die haben schon Humor, wenn’s erst an’s Sterben geht,  – an das der anderen.

Großer Tusch für Prinz Karneval! Einen Böller für Herrn Möller!

Trara – Trara –  Trara  – sein Mail ist da!

„Beerdigungskosten“

„Grundsätzlich gewähren die Fonds nur Leistungen, die der/dem Betroffenen persönlich zugutekommen. Einzige Ausnahme sind Kosten für die Beerdigung einer/eines Betroffene/n. Diese werden dann von den Fonds als materielle Hilfebedarfe anerkannt, wenn

  • die/der verstorbene Betroffene vor ihrem/seinem Tode bereits im Beratungsverfahren bei einer Anlauf- und Beratungsstelle war,
  • die Übernahme der Kosten nach Auffassung der Anlauf- und Beratungsstelle dem erklärten Willen der/des Verstorbenen entspricht
  • und dies von der Anlauf- und Beratungsstelle schriftlich dokumentiert ist, z.B. im Beratungsprotokoll.

Der/die Betroffene muss demnach zu Lebzeiten gegenüber der Anlauf- und Beratungsstelle den ausdrücklichen Wunsch

  • nach einem würdigen Begräbnis und
  • nach Kostenübernahme durch den Fonds

geäußert haben, ggf. im Erstkontakt mit der/dem Beraterin/Berater.

Nicht ausreichend ist, wenn der Wunsch der Kostenübernahme durch den Fonds lediglich gegenüber Dritten (z.B. Ehepartner/in, Lebensgefährt/in, Kind) geäußert wurde. Eine Kostenübernahme ist auch dann nicht möglich, wenn sie dazu dienen soll, die Erben der/des Betroffene zu entlasten. Dies gilt auch dann, wenn die Entlastung der Erben ein Wunsch der/des Betroffenen war, denn hierbei würde es sich – wie bei einem Geschenk zu Lebzeiten – um eine unzulässige Leistung an Dritte handeln.“

[1] „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden“ Psalm 90, Vers 12

[2] https://www.kirchentag.de/programm/losung_und_themen/losung.html

Leute, lobt mir die Nachkriegszeit, bald kommt wieder die Vorkriegszeit!

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft by dierkschaefer on 2. März 2015

Sogar vom Tegernsee aus gesehen bringt dieser Artikel Geschichte und Gegenwart – vielleicht auch die baldige Zukunft auf eine plausible Reihe[1]. Immerhin ist dem Autor wenigstens »aus Gesprächen mit Kindern aus weniger begüterten Familien bewusst, dass ihre Jugend und das Leben ihrer Eltern deutlich weniger erbaulich waren. Nicht überall waren die Villen gross und die Gärten üppig, und auch die Blocks und Hochhäuser, die woanders gebaut wurden, mussten wohl Bewohner gehabt haben, die nicht neben dem See lebten. Und wer meint, es hätte damals mehr soziale Gerechtigkeit gegeben, den verweise ich gerne auf die bayerischen Übertrittszahlen zu den Gymnasien: Da wurde so lange und so brutal gesiebt, bis wirklich nur noch die Kinder der alten Akademiker und der Funktionselite übrig blieb. Der letzte Kalte Krieg und die damit verbundene Gesellschaft hatten auch ihre Schattenseiten und Opfer, und auch Profiteure in der Rüstungswirtschaft, Atomkraft und Infrastruktur, für deren krasse Fehlentscheidungen wir auch heute noch, im nächsten Kalten Krieg, zahlen müssen.«

Wer nicht zu den Begüterten oder Betuchten gehört hat, um Begriffe aus der Vor-vorkriegszeit zu benutzen, – oder war das noch einen Krieg zuvor? – wer also zu den Total- oder doch fühlbar Zukurz-Gekommenen gehört hat, sollte sich diese ironische Zeitanalyse nicht entgehen lassen. Es war nie alles Gold, was glänzte, doch im Glanz lebt(e) es sich angenehm(er). Wenn wir Pech haben, erleben wir den Zahltag noch, unsere Kinder bestimmt.

„Leute, lobt mir die Nachkriegszeit, bald kommt wieder die Vorkriegszeit!“[2]

[1] http://blogs.faz.net/stuetzen/2015/02/28/die-heisse-oma-und-der-neue-kalte-krieg-5018/ Montag, 2. März 2015

[2] Mir als Nachkriegskind hatte sich dieser saloppe Spruch im Kopf festgesetzt. Von wem er war, wusste ich nicht mehr. Doch Googeln macht schlau: http://www.tagesspiegel.de/kultur/vorkriegszeit/377600.html – Auch ein trefflicher Artikel.

Und wenn Sie mögen, schauen Sie auch noch hier nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Nachkriegszeit_nach_dem_Zweiten_Weltkrieg_in_Deutschland , es lohnt sich.

Die Nutznießer des Todes haben schon wieder gespart

Posted in heimkinder, Menschenrechte, Politik by dierkschaefer on 23. Januar 2015

Gemeint sind nicht diejenigen, die mit dem Tod ehrlich ihr Geld verdienen. Der Bäcker lebt von unserem Hunger, der Arzt von unserem Beinbruch und die Periletalexperten von unserem Tod. Das ist normal und in Ordnung. Auch dass die Versicherungen mit unserem Tod spekulieren, – wir müssen uns ja nicht drauf einlassen.

Aber die Bürokraten, die uns auf die lange Bank schieben bis wir runterfallen bevor unser „Fall“ zu Lebzeiten abgeschlossen ist, sie schieben eine ruhige Kugel, nur net hudle, und sie sparen das Geld des Staates und der Kirchen. Wieder ein Fall weniger.[1]

HEPHATA heißt: Öffne dich[2], ist in diesem Fall aber eine Totale Institution[3], eine als geschlossen erlebte Einrichtung der erbarmungslos christlichen Art. Wer dort gelitten hat, ich kenne solche Menschen, mag vielleicht gehofft haben, dass sich der Almosenfonds für die ehemaligen Heimkinder auch für sie einmal öffnet. Aber manche fallen vorher von der langen Bank.

Die Bearbeiter, die Vertreter von Staat und Kirchen sagen vielleicht Schicksal, oder etwa Kismet, oder gar Inshallah. Nein, falsch: Gott der allmächtige hat uns den Gefallen getan, seinen treuen Diener Anton Müller heim in sein ewiges Reich zuholen[4]. Heim! Schon wieder.

Heime sind richtige Sparkassen.

 

Hier das Mail mit Anmerkungen von denen, die auf der langen Bank sitzen – noch.

—————————————————

Sehr geehrte Damen und Herren,

Heute ist erneut ein „Ehemaliges Heimkind“, welcher seinerzeit in der Einrichtung HEPHATA Mönchengladbach untergebracht war,  gestorben. Nach meinem Kenntnisstand, ist dass das vierte Heimkind, welches verstorben ist, innerhalb weniger Jahre.

Seine Lebensgefährtin selber, ist körperlich und geistig behindert und hat einen gesetzlichen Betreuer.
Sie wird nie allein in der Lage sein, selbstständig einen Haushalt zu führen und beide haben sich hervorragend verstanden und ergänzt. Bis auf weiteres, ist sie in eine Klinik untergebracht und die Wohnung von der Polizei versiegelt worden.
Im Rahmen der Antragstellung an den Heimfond-West beim LVR Köln, habe ich beide kennengelernt,
bei mir zu Hause. Ich weiss, dass auch bei einer schnelleren Antragsbearbeitung, der Tod sich nicht vermeiden lässt, aber es würde die Möglichkeit bestehen, dass eben doch noch viele ehemalige Heimkinder, in der Lage versetzt würden, sich auf eine bessere Lebensqualität zu freuen.
Mit 58 Jahren vielleicht sogar noch auf viele Jahre!
Ich berichte hier bewusst darüber, weil dies wohl deutschlandweit ein Problem darstellt, dass eben nicht mehr alle, die lange Antragsdauer, sowie den dafür zu führenden unmenschlichen Aufwand, überleben bzw. überlebt haben. Denn zu den gesundheitlichen Nachfolgeschäden, kommen ja noch die üblichen Alterserscheinungen hinzu, mit den viele ältere Mitbürger zu kämpfen haben.
Bewusst habe ich dies heute auch auf Facebook gepostet, damit der heutige Tod, den wir ja alle oftmals vor Augen haben, bei uns Betroffenen Wut erzeugt. Wut auf die Personen, welche für diesen unwürdigen Heimfond und dessen Procedere, am Runden-Tisch-Berlin, verantwortlich zeichnen. Hier an der Spitze, eine evang. Pastorin Antje Vollmer, ehemals auch Vizepräsidentin des Deutschen Bundestag.
Ich bin zwar nicht unmittelbar von diesem Tod betroffen, dennoch kann ich Ihnen sagen, dass ich mich sauelend gefühlt habe, als mich dieser Anruf heute erreichte. Erstmalig so elend, das ich Übelkeitsgefühle hatte.
Kommenden Montag werde ich mich informieren, wie das mit der Beerdigung von statten geht und beim Fond nachfragen, sowie bei Hephata, ob eine Beteiligung möglich ist. Da noch einige andere ehemalige Heimkinder aus Hephata in Mönchengladbach leben, und viele mich heute angerufen haben, werden wir wohl zusammen, ihm die „letzte Ehre“ erweisen.
Mir war und ist es einfach ein Bedürfniss gewesen, es Ihnen mitzuteilen.
Mit freundlichen Grüssen
Uwe Werner

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3 Std. ·

So eben wurde mir mitgeteilt, dass ein ehemaliges Heimkind (Stiftung Hephata) in Mönchengladbach verstorben ist. Er wurde in seiner Wohnung, von seiner behinderten Frau tot aufgefunden. Er wurde mal gerade 56 Jahre alt.

Sein Antrag an den „Fond Heimerziehung“, hat sich damit erübrigt, den ich mit ihm in meiner Wohnung geschrieben habe und er mir über seine Zeit im Heim Hephata berichtet hat.

Ich bin entsetzt und wütend zugleich, weil er keine Chance hatte, ein würdiges Leben führen zu dürfen und wieder einmal, ein Antrag an den Fond, aus biologischen Gründen ad acta gelegt werden kann.

Ich hoffe, er hat jetzt seinen Frieden!!!

Mechthilde M. Der Familie und Freunden mein aufrichtiges Beileid. Wieder € dem Staat geschenkt

 

Hildegard N. So geht die Rechnung leider wieder auf. Mein Beileid an die Familie und Freunde.

Werner Uwe Ich habe nur noch Wut, Wut, Wut…im Bauch und entsprechend werde ich Montag den Heimfond in Köln informieren.

 

Klaus S. Uwe die Beerdigungkosten müsste der Fond übernehmen wenn er den Antrag gestellt hat. Ich hoffe man kann ihnen dann helfen.

 

Ilona S. Mein aufrichtiges Beileid der Familie und den Betroffenen. Mich macht es ebenfalls sauer das Menschen die genug durch die ehm.Systeme gelitten haben, keine Chance mehr hatten, dieses Leid ein wenig zu lindern. Aber jetzt meine Frage, kann die Familie dieses nicht für eine würdige Beerdigung beantragen, das sollte man schon zugestehen oder zumindest die Rentenersatzleistung.

 

Hildegard N. Ich denke an die Arme behinderten Dame. Sie braucht jetzt jede erdenkliche-Hilfe!!!!

 

Werner Uwe Soviel ich weiss und bin mir da sicher, ist es eine Lebensgefährtin, mit geistiger und körperlicher Behinderung und hat einen gesetzlichen Betreuer. Die Frau ist jetzt in einer Klinik und die Wohnung ist versiegelt. Der Sohn ist ebenfalls behindert. Werde Montag mit Köln und Hephata telefonieren und sie unterrichten. Andere EHEMALIGE von Hephata wollen mit zur Beerdigung und sind z.Z. mies drauf. Ob sonst überhaupt noch Familie da ist, weiss ich nicht.

 

Hildegard N. Auch Dir Werner Uwe möchte ich meinen Dank aussprechen.Das Du diesen Menschen Mut Trost und Unterstützung zu kommen lässt.!

 

Werner Uwe Da ich seine Antragskopien und Heimnachweise in Kopie noch hier habe, werde ich sie Montag dem LVR Köln und Hephata mit einem entsprechenden Kommentar, zu schicken. Ich will vermeiden, dass es keine billige anonyme Beerdigung wird von der Stadt.
Nebenbei, ich selber will einfach nur verbrannt werden, der Rest ist mir egal. Familie gibt es eh nicht, sodass es keine Probleme und Diskussionen um mich geben wird. Die Welt ist nun mal so wie sie ist und die Menschen auch. Doch ich sorge dafür, dass ich auch morgen noch lachen kann, versprochen!!!

 

Jenny Z.das ist traurig.

[1] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/14120912752/in/set-72157615322601328

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Effata

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Totale_Institution

[4] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/3356746668/in/set-72157615322601328

auch ein abschied

Posted in Uncategorized by dierkschaefer on 21. November 2014

A Capella

Wir waren sofort aufgebrochen. Sechs Stunden mit dem Auto. Aus der Tiefgarage brachte uns einer der beiden Aufzüge ins 3. OG.

Schon an der Wohnungstür fiel mein Blick auf das Bett. Dort lag sie, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen. Die Pflegerin hatte sie gewaschen und angezogen. Bei Tisch erzählte meine Mutter vom Ende der seit zwei Jahren zunehmenden Demenz.

Der Bestatter klingelte – und nahm mich gleich beiseite. Sie hätten ein Problem, der Sarg passe nicht in den Aufzug. Nein, die Länge sei es nicht, dafür habe er die Innentür aufschließen lassen. Zu breit sei er, und zu schwer. Er glaube nicht, daß seine Leute ihn unbeschädigt durch das Treppenhaus kriegen. Bis zum 3. OG seien das fünf Etagen. Wenn ich einverstanden wäre … sie hätten für solche Fälle eine Trage, und dann könne man vielleicht im Vorraum zur Tiefgarage einsargen.

Eine Behelfstrage: Zwei lange Stöcke hielten das Segeltuch. Ich faßte mit an, und wir quetschten uns hautnah mit der toten Oma in den Aufzug: 2. OG, 1.OG, EG, BAS, P 1; die Tür ging auf. Die Bestattungsleute standen mit dem Sarg im Vorraum und legten meine Oma hinein.

Der zweite Aufzug kam an, die Tür öffnete sich geräuschvoll, Leute wollten raus, sahen, was los war und drängten zurück. Wir deckten meine Oma zu. Eine weiße Spitzendecke verhüllte ihren mit den Jahren klein gewordenen Körper.

Die Tür ging wieder auf. Jetzt hörte ich es: Aus dem Aufzug quoll eine Musikkapelle mit ihren Instrumenten – und wich wieder zurück. Eine Tuba blitzte im Licht des Aufzugs. Die Tür ging wieder zu. Es klirrte und schepperte.

Wir verteilten Blumen im Sarg.

Die Tür ging wieder auf. Immer noch die Kapelle. Tür wieder zu. Der Aufzug hatte sich die ganze Zeit nicht bewegt. Nur die Tür, auf und zu, auf und zu; pulsierendes Leben, vom Tode blockiert. Manchmal schaute ein Kopf heraus, ob der Weg frei. Wenn der Kopf verschwand, rasselten die Instrumente aneinander, übertönt von der Tür. Auf und zu.

Fertig! Ein Trumm von einem Sarg – und da drin meine kleine Oma. Raus aus dem Vorraum. Sie schoben den Sarg in den Leichenwagen. Klappe zu. Der Chef verabschiedete sich.

Wir sahen dem Ami-Schlitten nach, wie er durch die Tiefgarage zur Ausfahrtschranke fuhr. Die pompöse Zierbeleuchtung an den Autoscheiben gewann die Konkurrenz mit dem fahlen Licht der Neonröhren in der Tiefgarage.

Hinter uns stahlen sich mit leisem Geklirr die Musiker vorbei.

Ich aber sah dieser schaurig-schön-kitschigen Kutsche nach, wie sie in Festbeleuchtung die Rampe hoch fuhr in die nachmittägliche Rush-hour der Großstadt.

In mir zerriß etwas; schmerzhaft; ein Gefühl, wie ich es noch nie erlebt hatte. Mein Gesicht wohl wie der „Schrei“ von Munch, und ebenso lautlos.

Dierk Schäfer

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Der #Tod bringt nur Vorteile

Posted in heimkinder, Justiz, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 18. November 2014

»Man müsse berücksichtigen, dass „zwei der … Beschuldigten nicht mehr leben“«[1].

Und wenn’s der Tod nicht richtet, so doch das Hinscheiden der Rechtswirkung:

»Martin Hirschmüller, Anwalt der Brüdergemeinde, beruft sich auf die Verjährung. Die gerichtlich geltend gemachten Ansprüche würden „weit über 30 Jahre“ zurückliegen.«

Das sei auch Gott dem Herrn vorgehalten: Mit’m jüngsten Gericht is nix; alles längst verjährt am Ende der Zeiten.[2]

»Hirschmüller hat gegen die von Zanders Anwalt beim Landgericht beantragte Prozesskostenhilfe Widerspruch eingelegt.«

Ist doch nett, dass der Kirchenanwalt bemüht ist, die Gerichtskasse zu schonen, und zwar ganz uneigennützig. Denn wenn’s gar nicht erst zum Prozess kommt, weil der Kläger kein Geld hat, verdient auch Hirschmüller weniger als mit Prozess.

Ob ihm die Kirche dafür angemessen entschädigt? Schließlich spart sie am meisten:

  1. an Geld und
  2. kann sie in einem öffentlichen Prozess nicht vorgeführt werden.

Offenheit im Umgang mit Fehlern sieht anders aus.

Ich spreche ausdrücklich von Fehlern, denn die Verbrecher sind tot.

[1] alle Zitate aus: http://www.morgenweb.de/nachrichten/sudwest/mann-klagt-sein-fruheres-kinderheim-an-1.1847905

[2] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

Fritz Roth ist tot – Ein Nachruf auf einen besonderen Menschen.

Posted in Kirche, Psychologie, Theologie by dierkschaefer on 17. Dezember 2012

Gestern abend noch finde ich in der Post den Jahresgruß von Fritz Roth – wie immer selbst konzipiert: Thema Sterben. Heute früh lese ich, daß er einem Krebsleiden erlegen ist. Sein Jahresgruß hatte also seine ganz existentielle Komponente.

Fritz Roth gehörte zu den wenigen besonderen Menschen außerhalb des eigenen Familienkreises, von denen ich sagen kann. Es hat mir gutgetan, daß ich ihn kennengelernt habe.

Das sagt man von Bestattern wohl selten, selbst wenn sie ihren Job gut gemacht haben. Doch Fritz Roth machte keinen „Job“. Er hatte eine Mission und er wurde gehört, weil es an der Zeit war, Tod und Trauer nicht den Experten zu überlassen. Ich habe solche Experten einmal Periletalexperten genannt. Sie sind Fachleute um das Todesgeschehen herum und ihre spezialisierte Fachkunde läßt sie oft die eigene Sterblichkeit vergessen. Sie machen in der Regel ihren Job ordentlich, sogar gut, aber gegenüber den Trauernden sind sie oft hilflos. Fritz Roth markiert einen Wendepunkt nicht nur im „Bestattungsgeschäft“. Er hat das Todesgeschehen und die Trauer wieder sprachfähig gemacht. Das war notwendig und das hat uns zusammengeführt.

Unvergeßliche Momente: Im Museum für Sepulkralkultur berichtete er mit seinem rheinischen Humor von einer alten Dame, deren sehnlichster Wunsch es war, noch einmal auf dem Rhein am Kölner Dom vorbeizufahren. In Umgehung sämtlicher Bestattungsvorschriften setzte er sich mit der Urne und dem Neffen, dem einzigen Hinterbliebenen, ans Rheinufer, „und so haben wir über die Tante gesprochen und sie schüppchenweise am Dom vorbeischippern lassen“.

Doch es geht nicht nur um solche „Döntches“. Fritz Roth hat Trauer und Tod noch mehr abgewinnen wollen. 1999 organisierte er ein großes, gut besuchtes internationales Symposium: Sterben, Tod und Trauer: Impulse zur Erneuerung von Ethik und Spiritualität?. Für sein Bestattungsunternehmen hätte er das nicht gebraucht. Sein Chauffeur, der mich vom Flughafen abholte, meinte, die Bestatterkollegen hielten so etwas für Spinnereien.

Sicherlich möchten nicht alle Hinterbliebenen die Leiche von Opa möglichst lange daheim lassen, vielleicht sogar bei der Leichenwäsche selber mithelfen, oder aber im Haus der menschlichen Begleitung Abschied nehmen, wo die Kinder Opas Sarg bemalen und ihm auf ihre Weise à-dieu sagen können. Doch das Thema ist angekommen. Immer mehr Bestatter haben verstanden, daß sie nicht nur Bestatter, sondern Trauerbegleiter sein müssen. Hoffentlich wird das aber keine „Geschäftsidee“. Fritz Roth hat seine Idee überzeugend gelebt. Seine Wanderausstellung der „Koffer für die letzte Reise“ tourt seit sechs Jahren durch Deutschland. Erst kürzlich hat eine Freundin dabei meinen Koffer in der Berliner Gedächtniskirche entdeckt.

Als Pfarrer gehöre auch ich zu den Periletalexperten und muß selbst- wie zunftkritisch sagen, daß wir von Fritz Roth vieles lernen mußten und noch vieles lernen können. Fritz Roth war für uns und für die ganze Gesellschaft ein Leuchtfeuer. Er sei friedlich, zufrieden und im Einklang mit sich eingeschlafen, berichten die Angehörigen.

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