Dierk Schaefers Blog

Die gesellschaftliche Verzwergung der Kirche

Ein düsteres Bild von der Zukunft der evangelischen Kirche zeichnet Reinhard Bingener in seinem Artikel über „die scheinbar reiche Kirche“[1]. Für die katholische Schwesterkirche dürfte es ähnlich aussehen. Düster ist das Bild, weil die Verfreikirchlichung der Großkirchen kaum abwendbar zu sein scheint.

Wenn es ums Geld geht, ist auch bei den Kirchen ein Hauen und Stechen zu erwarten. Wo soll und kann gespart werden? Welche kirchliche Arbeit „rechnet sich“? Die großen Sozialkonzerne Diakonie und Caritas sind fein raus, einerseits sind sie von den „verfassten“ Kirchen unabhängig, andererseits können sie dem Kostendruck auf dem Sozialmarkt gut standhalten. Zudem sind sie zwar hauptsächlich für die Heimkinderskandale verantwortlich gewesen, doch den Imageverlust haben „die Kirchen“ gehabt, die versäumt haben, die Verantwortlichkeiten transparent zu machen. Und: Aus der Kirche kann man austreten, aus der Diakonie nicht.

Es kann also nur um die Angebote der schrumpfenden verfassten Kirchen gehen, mit denen die Kirchensteuerzahler gehalten werden können. Der interne Kampf um die Ressourcen wird zugunsten des „Kerngeschäfts“ ausgehen. Es sind die einzelnen Gemeinden und ihre Ortspfarrer, die kirchliches Leben gestalten und erhalten, wenn denn der Pfarrer „ankommt“. Sonderfunktionen und überregionale Angebote werden es schwer haben, sich im Verteilungskampf zu behaupten. Aus meiner Tätigkeit in meinem gesamten Berufsleben als „Sonderpfarrer“ in verschiedenen Funktionen weiß ich, dass diese Dienste gern angenommen werden und das Renommee der Kirche auch bei denen heben, die die „Kern-Dienste“ fast nur für die Wendemarken ihres Lebens in Anspruch nehmen. Aber Kirchensteuerzahler werden durch die Sonderdienste wohl nur selten gewonnen, – vielleicht aber gehalten? Als Sonderpfarrer ist man nicht selten auch Klagemauer für die an der Kirche Leidenden. Doch das ist nicht messbar. Messbar sind neben der Gemeindegröße das Kollektenaufkommen, die Teilnahme an Gottesdiensten und sonstigen Angeboten der Ortsgemeinden. Man wird sich nach dem Markt strecken. Die Gottesdienste – der Besuch wird weiter zurückgehen – werden bunter und differenzierter. Sie sind es schon geworden durch Familien-, Krabbel-, Segungs- und Salbungsgottesdienste, und was den kreativen Kollegen und Kolleginnen noch so einfällt. Die Wohlfühlgemeinde, eine Kirche zum Kuscheln, sie denkt gewiss nicht nur an sich. Zum Wohlfühlen gehört auch der Einsatz für andere. Die vielfältige Unterstützung für Flüchtlinge ist nur ein Beleg dafür. Doch die Vielfalt der bisherigen kirchlichen Angebote und ihre gesellschaftliche Bedeutung werden allenfalls wahrgenommen, wenn eine der Sonntagskollekten einem besonderen Schwerpunkt gewidmet wird. Und der hoffentlich umtriebige und dennoch im Einzelfall empathisch zugewandte Pfarrer sollte sich hüten, seine Gemeinde mit Predigten zu vergrämen, die ihr Wohlgefühl stören könnten. Ab und an darf es auch eine Bußpredigt sein, denn auch gelegentliche Zerknirschung „passt schon“. Der Weg in freikirchenähnliche, kleinteilige „Gemeinschaften“ und damit die gesellschaftliche Verzwergung ist vorgezeichnet.

Schade!

[1] FAZ Montag, 3. Juli 2017, S.8

PS: Ich weiß, dass viele Leser meines Blogs, ehemalige Heimkinder, dies gar nicht schade finden. Sie werden entsprechende Kommentare schreiben und ich kann ihnen nicht verdenken, dass sie nur den Gesamtkonzern „Kirche“ im Auge haben. Die Kirchenleitungen haben durch ihre Strategie am Runden Tisch selber dafür gesorgt und die Kirchenaustritte redlich verdient, die daraus resultierten.

Die Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe gegen die Evangelische Brüdergemeinde Korntal

Das klingt ja überraschend gut: Ein neuer Anlauf zur Klärung der Korntaler Missbrauchsvorwürfe.[1] Endlich fragt auch mal jemand, „ob es eine spezifische religiöse Dimension der strafenden Pädagogik gibt.“

Die Akteure wirken glaubwürdig und alle Betroffenen wären gut beraten, sich von der Glaubwürdigkeit im direkten Kontakt zu überzeugen, gemeinsam ihre Forderungen und Sichtweisen einzubringen und nicht durch kontraproduktive Pressearbeit voreilig Druck aufzubauen.

Natürlich könnte es einen Punkt geben, an dem sie den Eindruck bekommen, dass nicht mehr rücksichtslos-neutral gearbeitet wird. Auf mich machen die drei im Artikel vorgestellten Akteure den Eindruck, dass sie furchtlos ermitteln werden.

Doch es scheint sich ein Drama zu wiederholen. Die ehemaligen Heimkinder im Hintergrund vom Prozess des Runden Tisches – damit meine ich nicht deren Vertreter – hatten sich darauf versteift, einen Rechtsanwalt gestellt zu bekommen, der zwar große finanzielle Hoffnungen weckte, aber seine Zulassung verloren hatte. Das war ein Eigentor, denn damit hatten sie ihren Vertretern am Runden Tisch die Möglichkeit genommen, energisch von der „Moderatorin“ Vollmer Waffengleichheit einzufordern, nämlich die Finanzierung einer Rechtsberatung durch eine renommierte Anwalts­kanzlei. Die Zerstrittenheit der ehemaligen Heimkinder im Hintergrund des Runden Tisches Heimerziehung spielte denen in die Hände, die keinerlei Interesse an einer nennenswerten Entschädigung hatten; das waren die Interessenvertreter von Staat und Kirche. Die Machtasymmetrie am Runden Tisch blieb unangesprochen und unangefochten und ein echter Rechtsfriede wurde bis heute nicht erreicht.

Und nun wieder ein gleiches Szenario in Korntal. Die Einen lassen sich auf den Prozess ein und die Anderen mauern. Ein jämmerliches Bild. Aber ein déjà-vue.

Man lese und beherzige: „Der Runde Tisch Heimkinder und der Erfolg der Politikerin Dr. Antje Vollmer“.[2]

[1] https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/318/wer-traut-hier-wem-4347.html

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

 

Nachtrag

Die Aufklärer scheinen wirklich gute Arbeit zu leisten. Korntal 29.05.2017 Aufklärer sehen System der Gewalt

150 Jahre Bethel – Ein chrismon spezial

»„Für Menschen da sein“: Das ist so ein einfacher Satz.« So begrüßt Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, die liebe Leserin und den lieben Leser.

Und dann schreibt sie von der außerordentlich segensreichen Entwicklung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel seit den allerersten Anfängen.

Nun darf man von der ersten Frau der westfälischen Kirche nicht erwarten, dass sie mit ihrer Gratulation die Festharmonie stört. Aber chrismon hätte wenigstens auf einer Seite an die nicht so segensreichen Momente in dieser Entwicklung erinnern müssen. Ich, der ich viele Kontakte mit ehemaligen Heimkindern habe, fühle mich an den Film von Thomas Vinterberg erinnert. Dort wird auch ein Fest gefeiert, ein Familienfest. Und dann geschieht das Schockierende. Der Jubilar sieht sich mit den Vorwürfen konfrontiert, zwei seiner Kinder missbraucht zu haben.[1] Unter der Oberfläche der Harmonie einer funktionierenden Familie taucht das Grauen auf.

Sicherlich ist Bethel eine hilfreiche Einrichtung und nur weltferne Idealisten werden von einem Sozialkonzern mit Eigeninteressen sprechen. Doch wenn das Grauen keinen Platz im Festkalender bekommt, wird das Fest zur Lüge. In der Infographik auf Seite 22f taucht auch das Schild „Freistatt“ auf. Die „Moorsoldaten“ aber werden beschwiegen. Doch vielleicht ist es ja ein versteckter Hinweis, dass zwischen der heutigen Bezeichnung Bethel im Norden und Freistatt Welten liegen. Damals war es brutale Ausbeutung der jungen Schutzbefohlenen, die man beim besten Willen nicht „Arbeitstherapie“ nennen konnte. Der Film „Freistatt“ wurde auf „arte“ gezeigt und ist – in schlechter Bildauflösung – auf youtube verewigt. Den Link dazu findet man in meinem Blog in einem Kommentar.[2] Der Film ist preisgekrönt: »Drehbuchpreis für „Anstalt Freistatt, Moorhof zur Hölle“«[3], unter diesem Link auch der Kommentar von Martin Mitchell, einem ehemaligen „Moorsoldaten“ vom 3. August 2016. Er zitiert aus der Braunschweiger Zeitung.

Hier ein Auszug:

»Sechs Wochen lang hat [der im Jahre 1923 geborene] Erich Helmer 1968 als Pfarrer IM DIAKONISCHEN HEIM IN FREISTATT IM KREIS DIEPHOLZ gearbeitet. Dort waren Jugendliche untergebracht, die als kriminell galten, und Jugendliche, die von ihren Eltern abgeschoben wurden. Helmers Auftrag lautete, die Jugendlichen zu betreuen und mit ihnen Wege aus der Kriminalität zu finden. Dazu kam er aber nicht. Die Jugendlichen mussten von mor­gens bis abends im Moor schuften. Freizeit gab es nicht, Räume für Einzelgespräche oder einen Hauch von Privatsphäre auch nicht. Helmer erlebte, wie die Jugendlichen geschlagen und getreten wurden, wie sie mit Zahnbürsten den Boden schrubben und sich abends damit die Zähne putzen mussten.«

Zum chrismon-spezial hätte auch ein kurzer Blick auf diesen Teil der Jubelvergangenheit gehört. Nichts davon, auch kein Hinweis auf den Vortrag von »Pas­tor Friedrich von Bodelschwingh, theologischer Vordenker, Gründungsvater und Chef in Bethel. [Er] behauptete: Die Sterilisierung Behinderter entspreche dem Willen Jesu. von Bodelschwingh wört­lich: „Ich würde den Mut haben, in Gehorsam gegen Gott, die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen.“«[4]

Ist Bethel heute ganz anders? Sicherlich. Aber die FAZ vom 27. Januar 2017 berichtet unter der Überschrift Ausgerechnet in Bethel »„Für Menschen da sein“, so lautet das Motto der Stiftung, von der viele sagen, sie habe mit ihrem Tak­tieren auf dem Rücken der Menschen ihren Haus­halt sanieren wollen. „Von denen kann man in Sachen kaltblütigem Verhandlungsgeschick noch was lernen“, sagt ein an der Sache nicht be­teiligter Beamter im Düsseldorfer Schulministerium.« [5]

Spenden für Bethel? chrismon-spezial druckt den Aufruf von Pastor Ulrich Pohl,Vorsitzender des Vorstandes der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel samt Überweisungsträger ab. Der Kollege Pohl zählt zu den Geschäftsleuten des Evangeliums und macht das recht professionell. Hat auch schon einen Platz in meinem Blog samt vielen Kommentaren.[6] Alles lesenswert. Ich beherzige das.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Fest_(Film)

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/27/willkommen-arbeit-macht-frei/

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/18/drehbuchpreis-fur-anstalt-freistatt-moorhof-zur-holle1/

[4] so Alexandra Galle in einem Kommentar von 17. Juli 2015 in https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/12/27/hephata-aus-tradition/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/27/willkommen-arbeit-macht-frei/

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/11/24/5764/

Keine rentenrechtliche Anerkennung von Zwangsarbeit

»Unter Zwang geleistete Arbeit von Heimkindern könne nicht als Beitragszeit in der Rentenversicherung anerkannt werden.«[1]

Als positiv ist hervorzuheben, dass hier gerichtlich überhaupt der Gedanke geäußert wird, es könne in Kinderheimen Zwangsarbeit gegeben haben. Ein Gedanke, den die vorurteils­behaftete „Moderatorin“ des Runden Tisches, Antje Vollmer, gescheut hat, wie sprichwörtlich der Teufel das Weihwasser, um einen Vergleich zu wählen, der für eine Theologin passend erscheint.

»Nach Auffassung des Landessozialgerichts ist es zwar glaubhaft, dass die Klägerin zu verschiedenen Arbeiten herangezogen worden ist, wenn auch der genaue Umfang auch unter Berücksichtigung von bereits bestehenden Beweiserleichterungen nicht mehr aufklärbar ist. … Weder habe aber nach damaligem Recht eine echte versicherungspflichtige Beschäftigung vorgelegen, noch habe es Beitragszahlungen des Heimes gegeben, noch sei ein Arbeitsver­hältnis vereinbart worden. Nach damaliger Anschauung sei das Prinzip der Erziehung durch Arbeit vorherrschend gewesen. Heimkinder haben nicht in einem auf den freien Austausch von Arbeit und Lohn gerichteten Verhältnis gestanden. Was die Klägerin im Rahmen ihrer Unterbringung erhalten habe (Kost/Logis, Bekleidung, Taschengeld), stelle sich daher nicht als (beitragspflichtiges) Arbeitsentgelt dar. Ob das Kinderasyl Gundelfingen seinerzeit Personal eingespart oder die Arbeit der Klägerin gewerblich für Dritte genutzt habe, sei nicht aufklärbar gewesen, hätte aber auch nicht zur Versicherungspflicht geführt. … Eine rentenrechtliche Berücksichtigung dieser Zeiten sei nach der gegebenen Rechtslage nicht möglich und damit Sache des Gesetzgebers.«[2]

 

Was wir dem Urteil entnehmen können:

  1. Kinder als Schutzbedürftige konnten sich der schutzpflichigen Einrichtung dem als Arbeitstherapie getarnten Zwang nicht widersetzen. Wenn das Gericht meint: Heimkinder haben nicht in einem auf den freien Austausch von Arbeit und Lohn gerichteten Verhältnis gestanden, so ist das ein Hohn. Speziell diese Kinder waren rechtlos ihren Einrichtungen ausgeliefert, die sie rücksichtlos wirtschaftlich zur Kostendeckung und Gewinnerzielung ausgebeutet haben. Die Arbeitstherapie war in kirchlichen Einrichtungen zudem religiös verbrämt; manche Erzieher werden selber daran geglaubt haben. Selbstverständlich bekamen die Kinder weder einen Lehrlings-, noch Arbeitsvertrag. Das wäre nachteilig für die Einrichtungen gewesen – bis heute! Da Sozialgerichte nur aufgrund bestehender Gesetzeslage urteilen können, sind ihnen die Hände gebunden, damalige Menschenrechtsverletzungen (Zwangsarbeit gehört dazu) als solche anzuerkennen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, meint auch das Gericht. »Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages habe zwar im Jahr 2008 hinsichtlich der Möglichkeit der Beitragsnachentrichtung für Arbeit während der Heimunterbringung ein Tätigwerden des Gesetzgebers angeregt.«[3] Doch dieser schläft den Schlaf des Ungerechten.
  2. Die Beweislage ist schwierig. Doch die Behandlung der Entschädigungsleistungen für Homosexuelle (§ 175) weist einen Ausweg: Per Eidesstattlicher Erklärung sollen sie Entschädigungen beanspruchen können. Die sind allerdings in einer Höhe gehalten, die den ehemalige Heimkinder vertraut vorkommen dürfte: In Deutschland gibt es (fast) nichts für Opfer. „Du Opfer!“
  3. Der Hinweis auf den Runden Tisch von Frau Vollmer und die in der Folge geöffnete rudimentäre Anerkennung von Rentenzeiten ist selbst rudimentär. Seit Jahren ist die Anerkennung gleicher Vorgänge in Einrichtungen für Kinder mit Behinderung überfällig. Auch von dort wurde Zwangarbeit glaubhaft berichtet.

Und sollte sich der Gesetzgeber, das Bundesparlament, aufraffen, die Gesetzeslage zugunsten der Opfer zu verbessern, so werden sich gewiss im Bundesrat Rat und Widerstand dagegen finden.

 

[1] https://www.juris.de/jportal/portal/page/homerl.psml?nid=jnachr-JUNA170303535&cmsuri=%2Fjuris%2Fde%2Fnachrichten%2Fzeigenachricht.jsp

[2] wie Anmerkung 1

[3] http://rsw.beck.de/aktuell/meldung/lsg-baden-wuerttemberg-keine-rentenrechtlichen-beitragszeiten-fuer-ehemalige-heimkinder-wegen-zwangsarbeit

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XIV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

      Eine Kindheit,

                die keine Kindheit war

 

 

 

Vierzehntes Kapitel

 

 

Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim natürlich!

 

Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, meinen schlechten Ruf wieder loszuwerden.

Aus diesem Paradies wurde ich aber gleich zu Beginn des Jahres gerissen. Mit trauriger Miene, es war auch noch eine andere Person vom Jugendamt dabei, wurde mir mitgeteilt, dass die Behörden nun doch anderweitig über mich entschieden hatten. Höheren Orts wollte man dem Frieden nicht so recht trauen und war auch der Meinung, dass mein früheres Verhalten gegenüber der Obrigkeit eine Strafe verdient hätte. Ich müsste mich ein halbes Jahr lang erst noch bewähren, bevor man mich endlich zu G. und M. lassen würde. Man hatte auch schon ein passendes Heim für mich gefunden. Wie gesagt würde ich dort bis zu den großen Ferien, ohne einmal auszureißen und mit guten Zensuren aufwarten können, stünde einer Rückkehr hierher zu G. und M. nichts im Wege. Machtlos, dennoch mit besten Vorsätzen ließ ich mich nach Weißwasser[1] verfrachten. Es flossen ein paar Tränen und auch etwas Wodka, dann ging es los.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Bei meiner Ankunft im Pestalozzi-Heim war mein Ruf mir schon vorausgeeilt. D.h. etwa acht oder neun der Kinder aus Revolutionszeiten waren schon vor mir da. Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, meinen schlechten Ruf wieder loszuwerden. Ich war aufmerksam in der Schule, schrieb die besten Aufsätze, zeichnete am besten und vertrat sogar den Russisch­lehrer, der überlastet war, da er auch noch eine Schule in Weißwasser selbst mit seinem Gefangenschaftsrussisch beglückte. Ich durfte aktiv an der Wandzeitung mitwirken, welche sogar vom Kreis der Stadt prämiert wurde, wofür ich prompt bei den Jungen Pionieren aufgenommen wurde.

Ich beteiligte mich an der Volkstanzgruppe, mit welcher wir beim Weltpioniertreffen in Berlin-Wuhlheide im Sommer sogar vierter wurden. Zweiter wurden wir mit unserem Fanfarenzug. Ich bastelte mit an einem Paddelboot, dass wir nur aus Zeitungspapierstreifen, Leim und Lack herstellten, nachdem wir lediglich den Kiel vom Schreiner erhalten hatten.

Ich baute brav und korrekt mein Bett, zeigte jeden Morgen saubere Hände und Fingernägel, helle Socken und tadellos geputzte Schuhe vor dem allmorgendlichen Fahnenappell vor. Ich wurde zum Zirkelleiter gewählt und erhielt bald darauf das rote Halstuch der jungen Pioniere der Sowjetunion als besondere Auszeichnung auf Intervention des russischen Stadtkomman­danten von Weißwasser.

Diese winzig kleine Garnison russischer Soldaten hatte mich samt Ihren Offizieren ins Herz geschlossen. Es begann eigentlich ganz harmlos. Ich wollte nur einen losen Kontakt knüpfen, um meine Sprachkenntnisse an den Mann zu bringen und eventuell auch mal ein paar Mark abstauben. Das Heimgelände war so gut wie offen. Kein Mensch kümmerte sich groß um einen, wenn man nur seine Schulaufgaben vorgezeigt hatte, und andere Gruppenverpflichtungen nicht darunter litten.

Kurz vor dem 8. Mai trat ich dann an den Fanfarenzugleiter, der auch gleichzeitig einer unserer Erzieher war, heran und bat ihn unseren sowjetischen Freunden doch eine angenehme Überraschung bereiten helfen. Unser Fanfarenzug bestand zu derzeit aus: Zwei Landsknecht- und zwei Flachtrommeln, sechs Fanfaren (ohne Ventil) und einem Tambourmajor. In diesem Fanfarenzug, der noch im Aufbau begriffen war, versuchte ich mich zunächst beim Blasen der Fanfare. Aber ich war damals schon ein wenig schwach auf der Brust.[2] So schleppte ich dann eben mit nicht weniger stolzgeschwellter Brust eine Landsknechttrommel mit mir herum. Dafür durfte ich auch gleich in der ersten Reihe marschieren, hinter dem Tambourmajor her. Wir durften im Kulturhaus den Ernst Thälmann Film[3] einweihen. Wir waren ja Ernst Thälmann Pioniere![4]

Am 1. Mai 1954 wurden wir von Birkenlaubblättern grünumkränzten Treckern mit Anhän­gern, die trotzdem furchtbar nach frischem Mist stanken, abgeholt. In Allerhergottsfrühe wurden wir über die umliegenden Dörfer gekarrt, um die Einwohner mit unserer Blechmusik und Trommelwirbel aus ihrem Feiertagsschlaf zu holen, damit sie ja auch nicht die Maikund­gebung versäumten. Es war schon ein erhebendes Gefühl, wie wir, die jungen Pimpfe …. Pardon, habe ich Pimpfe geschrieben? Stammte dieser Ausdruck nicht aus einer anderen Zeit?[5] Aber, wenn ja, was unterschied uns Junge Pioniere denn von denen? Sicher die Uniformen waren etwas anders geschneidert und hatten auch eine andere Farbe. Die Koppel waren anders geprägt, die Parolen lauteten anders,…. Was noch? Wir halfen den Erwachsenen das Aufstehen erleichtern!? Weil mir das ganze so viel Spaß gemacht hatte und ich den Russen außerdem eine Freude bereiten wollte, bat ich also unseren Chef darum, am 8. Mai den Fanfarenzug für deren Zwecke einzusetzen. Das Ehrenmal habe ich 1990 dort gleich wieder gefunden, die Garnison allerdings nicht mehr. Bei dem Ehrenmal standen an ihrem größten Feiertag nach der Oktoberrevolution sämtliche russischen Soldaten und Offiziere und gedachten ihrer gefallenen Krieger des zweiten Wertkrieges. Wir hatten es geschafft, uns unbemerkt von den Russen im Hintergrund zu verstecken. Gleich nach der Ansprache des Stadtkommandanten ließen wir unser „Brüder zur Sonne…“[6] erschallen. Keiner der dort Anwesenden konnte sich seiner Tränen erwehren. Ich heute, beim Schreiben der Zeilen und der Erinnerung daran, auch nicht! Diese Herzlichkeit für so einen kleinen Gefallen hatten wir nun doch nicht erwartet. Wir wurden in das Haus (Kaserne konnte man das nicht nennen) der Soldaten gebeten und bewirtet. Das hatte schon nichts mehr mit Kommunismus oder großer Politik zu tun, dass war eine menschliche Regung. Bei allen Beteiligten. Die Presse machte da natürlich mehr draus. Aber das kümmerte uns nicht. Wir waren nur etwas traurig, als ein paar Tage später unser Heim-Mal-Fest stattfand, und der fest versprochene Gegenbesuch nicht anrollen wollte. Während wir noch bei den Vorbereitungen waren, fuhren die paar Jeeps und Lastwagen in rasender Fahrt an unserem Grundstück vorbei. Noch nicht einmal gewunken haben sie, als sie in Richtung polnischer Grenze vorbei brausten. Viel später kamen sie dann doch noch. Es kam aber keine rechte Stimmung auf. Wie ich erfahren konnte, hatten sie einen Kameraden (Deserteur) an der Neiße jagen müssen. Es ist auch geschossen worden. (Ich roch sachverständig an ihren Gewehrläufen.) Es wurde aber nicht gesagt, ob die Jagd in irgend­einer Weise erfolgreich gewesen war. Um auf unseren eingeseiften Maibaum raufzuklettern waren sie zum einen nicht in der richtigen Kleidung, zum anderen nicht so recht in Stimmung nach dem Vorfall. Dabei hatten wir extra für sie ein paar schöne Würste besonders hoch am Kranz angebracht, wo nur Männerarme hinreichen konnten, sofern sie den glitschigen Stamm erklimmen würden. In einer wurstähnlichen Verpackung hatten wir als besondere Über­raschung sogar eine Pulle Korn versteckt, in der Hoffnung, dass der Kommandant dafür ein Auge zudrücken würde. Schade, dass unsere Revanche nicht in dem Maße angenommen werden konnte, wie wir sie uns gewünscht hatten. Dafür revanchierten sich die Russen wiederum bei uns. Eines Tages bat der Stadtkommandant unseren Heimleiter darum, mich, Mischa, mit nach Dresden nehmen zu dürfen, weil er, wie er angab mich dort als Dolmetscher benötigen würde. Dieser ungeschickte Lügner! Er selbst sprach so gut Deutsch, wie ich Rus­sisch. Zu unser beider Glück bemerkte der Heimleiter diesen Schwindel nicht. Ich durfte mit nach Dresden. Wer wagte auch schon einem Stadtkommandanten eine Bitte abzuschlagen, und sei der Grund auch noch erschwindelt? Anfangs glaubte ich ja, dass die Fanfaren und Trommeln, die er mit meiner Hilfe aussuchte, dafür dienen sollten, um in seiner Garnison selbst einen derartigen Musikzug aufzustellen. Ich glaubte das übrigens bis zu dem Zeitpunkt, als wir abends aufs Heimgelände fuhren. Als dann aber ein Begleitoffizier und der Soldaten­fahrer die Instrumente abzuladen begannen, da dämmerte es mir. Heimleiter, die Kinder und ganz besonders der Leiter unseres Musikkorps, die vom Motorenlärm angelockt auf dem Vor­bau standen, bekamen ihre Münder vor Staunen gar nicht mehr zu. Was sind dagegen die 100 Mäuse, die ich im Winter 1990 für die Russlandhilfe einzahlte, wie ich sie eben erübrigen konnte? Erst mit so vergrößertem Fanfarenzug konnten wir ein paar Monate später die End­kämpfe unter den besten 28 Fanfarenzügen der DDR als Zweiter verlassen. Dass wir nicht den ersten Platz belegten, lag an mir. Hätte ICH Dussel nicht gepatzt, wären wir locker Erster geworden. Unsere Musik, d.h. unser Solobläser war einsame Spitze. Keiner der Anwesenden konnte die Oktavenleiter so hoch hinaufklettern wie er. Aber nicht nur die Musik alleine wurde gewertet. Im großen Stadionrund mussten wir einmal die Außenbahn umrunden und dabei drei Stücke vortragen. Die Jury achtete dabei auch sehr auf Disziplin. Nicht dass ich nicht inzwischen keine Disziplin angenommen hätte. Nein! Ich war einfach zu nervös, so plötzlich im Mittelpunkt von zigtausenden von Menschen zu stehen. Bei der „Lok“, einem rasanten Trommelwirbel, flog mir doch eine der Filzkugeln vom Schlegel. Ich Idiot! Anstatt ein paar Takte auszusetzen, den Reserveschlegel aus der Spannschlaufe zu ziehen und einen geeigneten Moment abwartend bis ich wieder sicher war den Takt zu treffen, sause ich der entspringenden Filzkugel hinterher, stecke sie wieder auf den Stock und komme prompt auch noch in den falschen Takt hinein. Ich kann mich kaum erinnern, mich in meinem Leben noch einmal derartig geschämt zu haben. Ich hatte in Weißwasser soviel um die Ohren, war der­maßen ausgelastet mit Dingen, die mir auch Spaß machten, weil ich endlich mal beweisen konnte, dass etwas in mir steckt, wenn man mich nur forderte, das ich gar nicht an Flucht­pläne dachte. Außerdem hatte ich ja auch eine Perspektive, sobald ich mich unter Beweis gestellt haben würde. Die Umgebung Weißwassers war damals zumindest noch sehr natur­belassen. Ich lernte etwas vom Angeln, Schlittschuhlaufen, Eishockey, und noch mehr von der Natur kennen.

Ich lernte auch wieder mal erkennen, dass, wenn Erwachsene etwas ver­sprachen, nicht unbedingt darauf Verlass war. Dass man mir während der Osterferien noch nicht die Reise nach Leipzig erlaubte, konnte man mir gerade noch plausibel machen. Die großen Ferien wurden lange vorher verplant. Für alle, die nicht nach Hause konnten oder durften, war ein Ferienlager vorgesehen. Ein Ferienlager in einem staatlichen Forst.[7] Weitab von der nächsten Ortschaft, die nur über einen riesigen, ehemaligen Braunkohleabbau-See zu erreichen war. Es wurde das Gelände auf einer Karte vorgezeichnet. Ein Voraustrupp sollte dort die Wasserab­zugs­gräben, Latrinen und die obligatorische Fahnenstange für den allmorgendlichen Fahnen­appell installieren und für genügend Frischwasser sorgen. Ich fühlte mich geehrt, dem Vor­aus­trupp beigeordnet zu sein, reklamierte aber doch das Versprechen ein.

                                                           Kinder müssen immer wieder feststellen, dass die Erwachsenen sich ihr eigenes Recht wie eine Hure zurechtlegen.

Meine Zeugnisse waren trotz Versäumnissen sehr gut ausgefallen. Ich hatte mir nur ganz selten bei den oben beschriebenen Appellen einen Minuspunkt eingehandelt, war zu jeder Sonderveranstaltung mitgenommen worden, was ja wohl auf gute bis sehr gute Führung schließen ließ. Ja doch, ich hätte ja in allen Punkten recht, nur diese Tatsache müsste in Leipzig bei der Jugendbehörde erstmal zur Kenntnis genommen werden, was während der großen Ferien ja kaum möglich wäre. Auch die Behörden würden jetzt größtenteils Ferien machen. Nach den Ferien, wurde ich vertröstet. So lernte ich noch das urwüchsige Lager-Zeltleben kennen. Auch nicht schlecht, dachte ich. Schrieb einen lieben Brief an meine Mutter und einen an G. und M., verbrachte ein Zeltlagerleben mit nächtlicher Wache am Dauerlager­feuer mit einem Luftgewehr bewaffnet, lernte Uferschwalben und deren riskante Bauweise kennen, durfte ihre stoische Ruhe bewundern, wie sie unverdrossen wieder neue Höhlen bau­ten sobald eine ganze Wand voller Nester ins Wasser abgerutscht war. Ich fing den ersten (einzigen) Hecht meines Lebens und Barsche jede Menge. Ruderte kilometerweit übers Wasser, um Frischwasser in Tonnen zu holen. Konnte mich an der Rettungsaktion beteiligen, um einen Erzieher und eines unserer kleinsten Mädchen aus dem Wasser zu fischen, weil das selbstgebastelte Paddelboot eben nur ein Paddelboot, aber nicht zum Segeln ausgetrimmt war. Oder einfach nur die Segel falsch bedient wurden? Wer kann das schon sagen. Der Erzieher, der die Blamage nicht eingestehen wollte, meinte jedenfalls, dass der Kiel des Bootes daran schuld sei, dass er das Boot zum Kentern brachte. Na ja, die Erwachsenen haben ja immer Recht. Sollen sie ja auch haben, ihr Recht. Nur, immer auf Kosten der Kinder, die sich dagegen schlecht wehren können? Gegen ihr Recht! Kinder müssen immer wieder feststellen, dass die Erwachsenen sich ihr eigenes Recht wie eine Hure zurechtlegen, damit es ihnen persönlich am besten be-(kommt!). Meine Hasskappe hatte ich bei G. und M. wieder abgelegt. Bald nach der Rückkehr vom Ferienlager begann ich wieder danach zu schielen.

Ich war hart gegen mich selbst.

Die wenigen, die über die Ferien nach Hause gedurft hatten, sofern sie eines hatten, ein Zuhause, schwärmten uns anderen davon vor. Merkten gar nicht, wie weh sie all den anderen taten, die keine Eltern(teile) mehr hatten. Oder, wie ich, nicht gedurft hatten. Die Schule begann wieder. Ich begann zu quengeln. Alles half nichts. Ich wurde vertröstet. Der russische Stadtkommandant, der seine Familie bei sich hatte, der sich kaum noch vorstellen konnte, wieder von seiner Familie getrennt leben zu müssen, der Krieg hatte ihn lange genug davon getrennt, über diesen Mann ließ ich meine diesmal unkontrollierte Post laufen. Mutter heulte sich die Augen aus, wie sie mir schrieb. G. und M. wurden schon etwas konkreter in ihrem Brief. Auch sie bemühten sich in Leipzig um meine Rückkehr. Wie es aber schien, ließ man mich wissen, hatten die Behörden gar nicht im Sinn, ihr Versprechen einzulösen. Man ließ G. gegenüber durchblicken, dass meine gute Führung lediglich zweckgebunden gewesen sei und keineswegs zu erwarten sei, dass ich im geordneten Leben bei einer Familie diese Führung auch bestätigen würde. Von daher sei es geboten, mich mindestens noch ein Jahr lang zu erproben. G. und M. besuchten mich dann kurz darauf auch noch heimlich in Weißwasser. Tatsache, so führten sie persönlich aus, sei aber, das hatte G. in der Eigenschaft als Polizistin erfahren, ohne dass die Auskunftsperson von unserem Verhältnis (der familiären Bindung, was dachten Sie denn?) wusste, man eigentlich nur noch eine geeignete Strafmaßnahme für mich suche. Das, was ich bisher angestellt hätte, könne ja letztendlich nicht auch noch belohnt werden. So! Jetzt wusste ich wenigstens, wo der Hase lang lief. Warum nur glaubten die Erwachsenen bei Kindern mit Lügen besser ihre Ziele erreichen zu können?

Und wieder die Hasskappe aufgesetzt

„Was, du willst nicht essen? Dann, bitte, blühe, wachse und gedeihe!“ Dieser Spruch, vom Tischende kommend, wo der jeweilige Erzieher saß, der gerade Dienst hatte, kam immer dann, wenn einer am Tisch quatschte oder sonst einen Unfug anstellte. Der so Aufgeforderte durfte dann den Rest der Mahlzeit hinter dem Stuhl stehend verbringen, egal ob er nun schon satt war oder gerade erst mit dem Essen begonnen hatte. Dieser Spruch erreichte mich in den letzten sieben Tagen bei allen drei Mahlzeiten. Ich durfte hinter dem Stuhl stehend mit ansehen, wie die anderen sich die Bäuche mit Essen voll schlugen, während ich der Heim­leitung noch nicht einmal die Genugtuung gab, mich bei Wassersaufen auf der Toilette erwi­schen zu lassen. Ich war hart gegen mich selbst. Ich hoffte, damit endlich etwas zu erreichen. Zumindest eine klare Aussprache über meinen weiteren Weg. Pustekuchen. Die waren ja noch sturer als mein ostpreußischer Dickschädel. Die zogen noch nicht einmal einen Arzt zu Rate. Am siebten Tag wurde es Ihnen anscheinend dann doch zu bunt. Zu jeder Mahl­zeit mussten wir uns gruppenweise in Reih und Glied aufstellen und im Gänsemarsch, sobald der Befehl dazu gegeben wurde, in den Speisesaal begeben. Es ging natürlich nicht an, dass etwas im Heim geschah, was dessen Ruf geschädigt hätte. Im Sozialismus wurden alle Kinder zu ordent­lichen Menschen erzogen, ohne dass sie einen Grund zur Klage hatten.

„Radfahrer“ fanden sich überall, wie es auch korrupte Beamte immer geben wird. Solch einen „Radfahrer“ hatten wir auch in unserer Gruppe. Den „Goldenen Lenker“ hatte er schon, jetzt wollte er sich nur noch die Pedale vergolden. Dieser Fiesling stand am siebten Tag beim Aus­rücken zum Abendessen in der Reihe direkt vor mir. Ein kurzer Ellenbogencheck nach hinten, genau in meine Magengrube, ließ mich die ganze Welt nur noch in rosa Licht erleben. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Hätte ich noch was im Magen gehabt, ich glaube ich hätte mich ausgekotzt. Ich schlief bis zum nächsten Morgen durch. Beim Frühstück hatte ich keine Widerstandskraft mehr. Man hatte mich wieder zur Räson gebracht. Alles stand wieder zum Besten. Glaubte man. Da ich mir bisher noch keine Gedanken über eine Flucht gemacht hatte, begann ich nunmehr darüber nachzudenken. Ich wollte aber nicht verduften, ohne mich für den gemeinen Ellenbogencheck revanchiert zu haben. Ich hatte noch einen ganz miesen Trick drauf, womit ich selbst den stärksten Mann dazu bringen konnte, nach meiner Pfeife zu tanzen. Ich erwähnte ja bereits, dass man im Leben manchmal ein wenig brutal sein muss, um sich durchboxen zu können. Ich wusste aber auch von der schwachen Blase, die mein erklär­ter Feind hatte. Dieses Wissen machte ich mir zunutze. Ich hielt mich bewusst eines nachts solange wach, bis mein Spezi zum Klo musste. Ich schlich hinter ihm her. Entschul­digen Sie bitte meine Hinterlist. Aber ich war gerade in die siebte Klasse versetzt, der Gegner aber hatte schon zweimal die gleiche Klasse durchlaufen und war bereits in der achten Klasse. Bedeu­tend größer und stärker. Kurz vor dem Klo trat ich ihm von hinten auf den Pantoffel, er kam ins Straucheln, ich gab ihm noch einen Schubs, er verlor das Gleichgewicht und seinen Haus­schuh, wie ich auch beabsichtigt hatte, ohne den mein Trick nicht geklappt hätte, und ich stürzte mich auf seinen nackten Fuß. Blitzschnell, anders geht es meistens schief, griff ich mit Mittel und Zeigefinger seinen großen „Onkel“ und umklammerte diesen fest. Etwas daran drehen, wie man das manchmal scherzhaft mit der Nase eines Kindes tut, und schon hatte ich einen ganz lammfrommen Bengel an meiner „Angel“. So, fest im Griff, konnte ich dem Bur­schen sogar verbieten zu jammern. Seine Tränen, die ihm aus den Augen schossen, gönnte ich ihm. Aufstehen lassen durfte ich ihn allerdings nicht. So musste er mit Hilfe seiner Hände und des einen freibeweglichen Fußes eben sehen, wie er meinen Wünschen nachkam. Ich musste ihn unbedingt nach draußen bringen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wirklich, nur ganz leise wimmernd, folgte er mir auf dem Fuße. Pardon! Auf zwei Händen und einem Fuß. Die Fahnenstange[8] auf dem Appellplatz war sehr solide gebaut. Mit einem zusätzlichen Strick, den ich dort schon wohlweislich versteckt hatte (es geht doch nichts über eine gute Planung vor der Tatausführung!) band ich den Bengel dort fachgerecht an der Fahnenstange fest, ohne zu vergessen, seine beiden großen Zehen, diesmal mit Schnürsenkeln, am Fahnenaufzugsseil zu befestigen. Damit er auf keine dummen Gedanken kommen konnte, stopfte ich ihm auch noch einen alten Socken ins Maul, verschnürte diesen mit einem weiteren Schnürsenkel um seinen Kopf. Den Socken spuckte er nicht aus! Davon konnten wir uns dann am nächsten Morgen alle überzeugen. Bevor ich ihn noch etwa zwanzig Zentimeter an der Fahnenstange hochzog, pisste ich ihn noch an. Ich wollte den Weg zur Toilette ja nicht noch einmal machen. Mein bisschen Urin macht den Kohl auch nicht fett. Am nächsten Morgen, als er von der ersten Erzieherin, die ihren Dienst antrat, gefunden wurde, hatte er sich selbst bepisst und seinen Schlafanzug vollgeschissen. Der darauffolgende Morgenappell fiel diesmal ganz anders aus als üblicherweise. Anstatt wie an jedem Morgen mit dem Pioniergruß – die rechte Hand alle fünf Finger geschlossen schräg über den Kopf[9] – dem Heimleiter zu melden, dass alle Kinder zum Appell angetreten seien, den Spruch des Tages vorlesen, und den „Fähn­richen“ zuzurufen „Hisst die Fahne“, worauf ein Fanfarenbläser losschmetterte und die Fahne hochgezogen wurde, anstatt den Tag damit zu beginnen, wurde ich in die Mitte des Karrees gerufen. Mir wurde das Rote Halstuch abgenommen und ich in aller Öffentlichkeit aus dem Verband der Thälmann-Pioniere verstoßen. Der Stadtkommandant soll geheult haben, als er davon erfuhr. Ich selbst habe das nicht mehr miterlebt. Schon am nächsten Tag, bis dahin wurde ich in der fensterlosen Wäschekammer eingesperrt, hatte man für mich eine neue Bleibe gefunden. Komisch, erst konnte man gar kein Heim für mich finden, dann stand plötzlich ganz schnell eines zu meiner Verfügung.

Im stillen Kämmerlein, wo es nach muffiger Wäsche roch, konnte ich mich schon mal innerlich von Weißwasser verabschieden.

  • Ein paar gute Freunde hatte ich gewonnen. Auch wenn ich ihnen mal die Bretter, die als Betteinlage dienten, des Abends so schräg gelegt hatte, dass sie nach ein paar Drehungen im Bette unweigerlich durchbrechen mussten. Was zur allgemeinen Erheiterung beitrug, selten bei dem Betroffenen selbst.
  • Man war auch schon mal unter eine andere Bettdecke gekrochen, hatte sich im Dunkeln Geschichten erzählt und … am Piephahn gespielt.
  • Man hatte den Mädchen im Dunkeln Fledermäuse in den Schlafraum geschmuggelt. Einer musste deswegen mal fast eine Glatze geschnitten werden, weil die arme verängstigte Fleder­maus sich mit ihren kleinen Krallen in ihrer Mähne verfangen hatte.
  • Man hatte fast allen Mädchen schon unter den Rock geschaut und mehr. Je nach Temperament hatte man etwas auf die Finger bekommen, oder auch nicht!
  • Die Lagerfeuerwache, zwischen zwei und vier, wo man beinahe eingeschlafen wäre, hätte es das Mädchen nicht so spannend gemacht, doch wach zu bleiben.
  • Die kleinen Zettelchen, die man hier und da erhielt, worauf meistens das gleiche stand – „Willst du mit mir gehen?“ oder –   „Ich liebe dich!“… Unterschrift. Ja, Monika Feurig (so hieß sie wirklich!), Brigitte Zabel und und … ich habe euch alle geliebt! Auf meine Art. Meine kindhafte Art! Diese Art von Liebe, die nur in der Kindheit so problemlos ist, wie sie ist!
  • Auch dich, kleiner Wolle, habe ich geliebt. Du hattest niemanden mehr auf der Welt. Du warst eines von den Vollwaisenkindern in Weißwasser. Du liefst mir überallhin nach. Ich habe dich beschützt, weil du, zwar schon 15, aber noch kleiner warst als ich. Ich konnte deine Liebe verstehen, die du den Tieren entgegen gebracht hast. Woran solltest du deine Liebe sonst hängen? Du bekamst keins dieser Zettelchen von einem der Mädchen. Weißt du, die Mädchen schauen zu oft nur nach dem Äußeren, oder auf das, was du bist. Deine inneren Werte wurden übersehen. Aber auch ich musste schon mal über dich lachen. Du hattest dir eine Ringelnatter als Haustier erkoren, diese des Nachts sogar in dein Bett geschmuggelt. Hast Fakir mit ihr gespielt, sie dir um den Hals gewickelt. Eine Zeitlang hast du mit der Schlange sogar etwas Eindruck bei den Mädchen gemacht. Bis sie erfahren mussten, dass dieses Reptil vollkommen ungefähr­lich ist. Zumindest solange, wie man nicht allergisch dagegen ist. Durch den direkten Hautkontakt mit der Schlange, jemanden anders hattest du ja nicht zum Berühren, sahst du bald wie ein Streuselkuchen aus. Das war auch der einzige Grund, weshalb ich jemals über dich gelacht habe.
  • Bald würdet ihr den besten Luftgewehrschützen unter euch ausmachen können. Gegen mich hattet Ihr keine Chancen. Ich traf einfach alles, ob es eine Streichholzschachtel war, oder einen hüpfenden Frosch, die Wachskugeln schlugen überall dort ein, wo ich hinschaute. Ein Naturtalent nannte man mich.

In der Wäschekammer, wo ich eine fast schlaflose Nacht verbrachte, setzte ich auch wieder meine Hasskappe auf. Hass in mir auf die Erwachsenen im Allgemeinen, kam hoch. Kaum einer hatte etwas dagegen unternommen dem Schleckelhuber[10] das Handwerk zu legen. Ohne die Millionen Mitläufer wäre es nicht zu dem gekommen, dass ich aus meiner behüteten Familie und meiner angestammten Umgebung, Heimat genannt, gerissen worden wäre. Mir wäre eine normale Entwicklung meiner Kindheit beschieden gewesen. Eure Herrenmenschen­träume sind zusammengebrochen, aber die Manieren nach dieser katastrophalen Niedertage habt ihr nicht abgelegt. Wenn ihr schon nicht andere Völker unterdrücken konntet, so konntet ihr doch wenigstens euer Mütchen an den unschuldigen Kindern auslassen, die ihr erst in diese Lage gebracht hattet. Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten mich und raubten mir den Schlaf.

Verabschieden von meinen Leidensgenossen konnte ich mich am nächsten Tag auch nicht mehr. Sie waren in der Schule, als ich abgeholt wurde. Viele aber hatten sich am Abend und bis in die Nacht hinein an meine Türe geschlichen und mir alles Gute gewünscht.

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fwasser/Oberlausitz  hier: http://heimkinder-forum.de/v4x/index.php/Thread/15487-Wei%C3%9Fwasser-Kinderheim-Makarenko/ oder hier: http://www.kinder-heim.de/board1818-virtuelle-stadt-der-heimkinder/board1851-wohngebiet/board1732-spezialkinderheime-der-ehemaligen-ddr/board1735-spezialkinderheime-von-r-bis-z/board1804-spezialkinderheim-wei-wasser-maxim-gorki/

[2] Schulz: Später wird man lesen können, dass ich mit offener TBC und drei Löchern in der Lunge in einer Heilstätte landete.

[3] http://www.zeit.de/1954/13/der-ostzonale-thaelmann-film https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Th%C3%A4lmann_%E2%80%93_F%C3%BChrer_seiner_Klasse

[4] http://www.ddr-geschichte.de/Bildung/Schule/Pionierorganisation/pionierorganisation.html https://de.wikipedia.org/wiki/Pionierorganisation_Ernst_Th%C3%A4lmann

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Jungvolk

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCder,_zur_Sonne,_zur_Freiheit

[7] Schulz: Woanders sonst, als eben staatlich?

[8] Schulz: Die stand 1990 bei meinem Besuch immer noch dort.

[9] http://www.ddr-geschichte.de/Bildung/Schule/Pionierorganisation/pionierorganisation.html

[10] gemeint ist Schicklgruber, eine Lächerlichmachung Adolf Hitlers mit Bezug auf den ursprünglichen Namen seines Vaters. https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Hitler

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/ 04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/ PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  PDF: 06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/     PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/ PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/ PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/     PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/                                                           PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/                                                            PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/  PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/                                                                                PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Wie geht es weiter?

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

Willkommen, Arbeit macht frei!

Das KZ von Bethel mit Anstaltsgottesdienst hieß Freistatt. Noch 23 Tage können Sie in der arte-Mediathek die bigotte Vergangenheit von Bethel nacherleben: http://www.arte.tv/guide/de/048779-000-A/freistatt .[1] Ziehen Sie mit den Moorsoldaten und ihren Spaten ins Moor und erleben Sie mit den geschundenen Zöglingen einen zu Herzen gehenden Weihnachtsgottesdienst: o du fröhliche!

Heute ist Bethel natürlich ganz anders. Bethel im Norden nennt es sich nun und »hat starke Wurzeln. Die Diakonie Freistatt und der Birkenhof können sich jeweils auf eine über 100 Jahre alte Geschichte stützen. Wir in Bethel im Norden setzen auf diese festen Wurzeln auf und entwickeln eine gemeinsame christliche Identität, um ein starker Partner zu sein, der die Herausforderungen der Zukunft annimmt.«[2]  Das ist doch ein Angebot.

Über Bethel heute lesen wir heute in der FAZ unter der Überschrift Ausgerechnet in Bethel »„Für Menschen da sein“, so lautet das Motto der Stiftung, von der viele sagen, sie habe mit ihrem Tak­tieren auf dem Rücken der Menschen ihren Haus­halt sanieren wollen. „Von denen kann man in Sachen kaltblütigem Verhandlungsgeschick noch was lernen“, sagt ein an der Sache nicht be­teiligter Beamter im Düsseldorfer Schulministerium.« [3]

Zur Vergangenheit von Bethel sei empfohlen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/05/10/jetzt-wissen-wir-wer-schuld-ist-allein-der-bose-staat/

Eine sehr differenzierte, geradezu decouvrierende  Würdigung der Forschungsergebnisse zu Freistatt finden Sie hier: freistatt_kappeler

Fußnoten

[1] Film – 98 Min. – 58802 Aufrufe.

[2] http://www.bethel-im-norden.de/ueber-uns.html

[3] FAZ, Donnerstag, 26. Januar 2017, S. 6

Das Reden von Gott in Zeiten des Internet.

»Redet man seit dem Internet anders über Gott als vorher?« fragte Antje Schrupp kürzlich über Twitter.

Die Frage ist so ungezielt wie komplex.

Wer ist man, der sich im Internet äußert, und wo im Internet?

Wer hat sich vor den Zeiten des Internet wo und wie über Gott geäußert?

Schließlich: Ist es mit der Beschränkung auf „Gott“ getan? Muss die Frage nicht ausgeweitet werden auf: Christentum und Religion überhaupt, spezifiziert nach den Themenbereichen „Kirche“, „Kirche und Staat“, „Religion und Gewalt“, „Islam“, „Säkularisierung“? Kurz: Allah hat viele Namen, Gott hat viele Facetten, Anhänger und Gegner, und viele Gleichgültige.

Wer Antje Schrupps Frage wissenschaftlich seriös beantworten will, sollte Geld für ein umfangreiches Forschungsprojekt beantragen. Säße ich im Bewilligungsgremium, würde ich ablehnen, so wie ich auch jeden Promovenden bedauern würde, der sich an dieser Frage nur verheben kann, auch Promovendinnen stemmen das nicht. Das Internet ist schließlich ein globaler Stammtisch, besser: viele Stammtische, auf die dann jeweils ein Themenschild gesetzt wird – und jeder, der will oder zu müssen meint, setzt sich dazu.

Antje Schrupp ist arbeitet journalistisch. Darum will ich auch eher journalistisch mit der Wiedergabe meines persönlichen Eindrucks antworten, aber inhaltliche Festlegungen zu Gott & Co. vermeiden.

Doch zunächst die Einschränkungen. Ich überblicke das Internet nicht, wer kann das schon. Meine Erfahrungen beschränken sich auf

  • aktuelle Meldungen einiger Online-Magazine,
  • Twitter, dazu gehört auch das „EvPfarrer’s Daily“ des Kollegen Ebel. »Diese Online-„Zeitung“ versammelt hauptsächlich Beiträge, die evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer auf Twitter verbreitet oder in ihren Blogs veröffentlicht haben. Ergänzend fließen Meldungen von Einrichtungen der verfassten Kirche mit ein.« Dort wird natürlich besonders viel über Gott und die Welt getwittert. Diese Tweed-Sammlung ist aber geeignet, den Blick auf die Bedeutung Gottes im Internet quantitativ zu verzerren.
  • Foren meide ich meist, weil dort zu oft völlig undifferenziert und uninformiert nur „Meine Meinung, deine Deinung“ ausgetauscht wird, mit neckischen Nicknames und ohne Rücksicht auf Argumente.
  • Schließlich bekomme ich in meinem Blog Kommentare, in denen ehemalige Heim­kinder sich über Gott, Christentum und Religion äußern – so wie das halt in Foren üblich ist, hier aber hasserfüllt. Doch diese Klientel hat Grund dazu, wurden sie doch in kirchlichen Einrichtungen am Leben geschädigt und zuschlechterletzt von der Pfarrerin Antje Vollmer über den Runden Tisch gezogen.

Nun meine Antwort auf die Frage.

Sicherlich wird im Internet anders über Gott geredet, als zuvor anderswo. Wer hat früher öffentlich über Gott geredet? Lassen wir die Religionswissenschaftler außen vor. Es waren im weitesten Sinne Kirchenleute, Theologen, aber auch Menschen mit engen Bindungen an Christentum und Kirche.

Es gab auch schon immer Kirchenkritiker, die nicht nur im kleinen Kreis, sondern auch mit Öffentlichkeitswirkung über Gott redeten und schrieben, z.B. Herr Deschner mit seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“.

Zu nennen ist auch die Indienstnahme Gottes zur Sicherung der Sterbebereitschaft von Soldaten und Opferbereitschaft der Bevölkerung in vielen Kriegen von allen Kriegsteilnehmern – bis hin zum Gefallenendenkmal.

Sicherlich wurde auch an manchem Stammtisch, wenn nicht über Gott, so doch über den jeweiligen Herrn Pfarrer geredet, insbesondere, wenn der Anlass dazu bot.

Die Säkularisierung hat manchen naiven Glaubensinhalten den Garaus gemacht. Die Köpfe wurden frei für religionskritische Ansichten.

Nun, in Zeiten des Internet, nutzen viele – meist anlassbezogen – die Möglichkeit, ihre Mei­nung zu Kirche und Gott zu publizieren.

Die Anlässe liegen im eigenen, realen Erfahrungsraum, sind vielfach aber auch durch Mel­dun­gen im Netz angeregt. Zum jeweiligen Anlass/Thema gibt es Echoräume von vielen Gleichge­sinnten und wenigen Vertretern abweichender Meinungen, doch die haben so gut wie keine Chance, die Stimmung umzudrehen.

Themen sind Kirche und Staat, besonders die Kirchensteuer, die „Macht“ der Kirchen, kirchliche Verfehlungen (z.B. Misshandlungen und Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen, Geldverschwendung à la Limburg u.a.m.). Da trifft es dann nicht nur die Einzelpersonen oder die Kirche, sondern Gott bekommt auch noch sein Teil ab, wie die Religion überhaupt. War sie nicht immer schon gewalttätig? Dann kommt der pauschale Verweis auf „Religionskriege“ oder etwas aktueller auf den Islam.

So und in dieser Häufigkeit wurde früher wohl nicht über diese Themen publiziert, wenn man von ideologischen Kriegen gegen die Religion absieht, wie sie von den Nazis geschürt wur­den oder auch vom real existierenden Sozialismus. Allerdings gab es nicht nur den „Pfaffen­spiegel“. Die erotischen Fehltritte des Klerus waren schon immer ein literarischer Topos, geradezu ein Schmankerl, wenn auch eher als eine Art Untergrundliteratur, wohin sexuelle Dinge früher ganz generell gehört haben.

Hin und wieder taucht in Eigenberichten im Netz auch das Problem der Theodizee auf, das schon manche Menschen aus der Glaubensbahn geworfen hat.

Dann sind noch die Theologen selbst zu nennen, die das Netz missionarisch nutzen oder ihre mehr oder weniger vom theologischen Mainstream abweichenden Meinungen publizieren. Sie sind letztlich auch „Bekenner“, wie sie mit anderem Vorzeichen in manchen Foren als Ver­fech­ter des „wahren“ Glaubens zu finden sind: Bibelfundis.

Nur hinzuweisen ist auf die Präsenz islamischer/islamistischer Internet-Nutzer, die auf ihre Art über Allah schreiben. Doch da fehlt mir jede Beurteilungsgrundlage, wäre aber wichtig, um Herausforderungen zu begegnen.

Gott und Religion werden wohl weiterhin bedeutsame Themen sein. Der Islam rettet zurzeit nicht nur den christlichen Religionsunterricht vor dem missionierenden Atheismus, sondern stellt unserer Gesellschaft religiöse Fragen, die sie nicht hören will, denen sie aber nicht mit atheistischer Contra-Haltung oder denkfauler Gelassenheit begegnen sollte. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/06/ohne-religionsgeschichte-wird-es-nicht-gehen/

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« VI

Posted in DDR, Deutschland, Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinder, Kinderheime, Kriminologie, Leben, Soziologie by dierkschaefer on 9. Dezember 2016

moabit

Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

      Eine Kindheit,

                  die keine Kindheit war.

 

 

 

Sechstes Kapitel

 

 

Wieder gut im Geschäft mit den Russen

 

Trotzdem dass ich sofort wieder bei den Russen ins Geschäft kam, hielt es mich nur vier Tage in der Freiheit. Ich wäre sonst vor Hunger gestorben. Seitdem weiß ich auch wie sich ein einsamer Wüstenwanderer fühlen muss. Die Taschen voller Gold, aber nichts zu trinken! Ich hatte zwar gleich wieder reichlich Bargeld, konnte aber mit meiner dick geschwollenen Lippe nichts essen.

Ich war dann direkt froh, als mich mein Freund und Helfer aufgriff und wieder ins Heim brachte. Dort bekam ich zwar auch keine ärztliche Behandlung, weil angeblich daran ohnehin nichts mehr zusammenzunähen ging, aber man schob mir einen dünnen Schlauch in den linken Mundwinkel und ließ mich so gut es eben ging dünne Puddingsuppen schlürfen.

Dauernd kamen und gingen Kinder und Jugendliche. Nur ich blieb und blieb in der Herberge. Diesmal in einem Zimmer mit vergittertem Fenster. Ende Juli dann wurde ich mit noch zwei anderen Jungen in ein Auto gesteckt und los ging es, Richtung Dresden. Welch eine unver­gessliche Fahrt. Bald kamen wir an die Elbe, wie uns gesagt wurde. Rechterhand konnte ich die Meißner Burg auf einem Berg aufragen sehen, wo ein gewisser Böttcher das Weiße Gold [1] erfunden hatte. Ohne den wahren Wert zu kennen aßen wir zuhause täglich von dem edlen Geschirr mit dem Blauen Zwiebelmuster. Auch Riesa[2] passierten wir, welches ich einige Monate später noch etwas näher kennenlernen sollte. Einen längeren Riesa-Aufenthalt verschaffte uns die Wasserschutzpolizei von der Elbe.

Das Elbsandsteingebirge auf der gegenüberliegenden Seite der Elbe – auf dieser Fahrt begann ich Deutschland kennen zu lernen.

Ein Holzvergaser

Vor allem erfuhr ich so auch, dass Deutschland nicht nur aus Flachland besteht. Ostpreußen, meine eigentliche Heimat, war ebenso flach wie das Leipziger Umland. Was anderes kannte ich bis dato ja auch noch nicht. Und, sehr oft war ich ja auch noch nicht mit einem Auto gefahren worden. Schon garnicht mit einem so nostalgischen wie dem, womit wir nach Dresden gebracht wurden.

Es war nämlich ein Holzauto. Nein, nicht das Auto bestand aus Holz, wie Sie jetzt vielleicht annehmen. Das Auto wurde mit Holz angetrieben. Hinten, wo normalerweise der Kofferraum bei einem Auto ist, hing ein riesiger Kessel der mit Holz beheizt wurde[3]. Diese Heizung trieb wiederum den Motor an. Da wir ziemlich oft anhalten mussten, um den Heizkessel zu befeu­ern, und die Geschwindigkeit auch nicht gerade berauschend war, hatten wir genügend Muße uns die Landschaft einzuprägen. Wie viele lebende Menschen mag es wohl noch geben, die das Vergnügen hatten, mit solch einem Auto gefahren zu sein?

Dresden, Dresden-Hellerau, genauer gesagt. Ein riesiges Kasernengelände nehme ich an, welches die Russen nicht für sich in Anspruch genommen hatten. Ansonsten wimmelte Hellerau ja von russischen Soldaten. Hitler hatte ihnen ja, als er sie nicht mehr benötigte, die Kasernen großzügigerweise überlassen. Dort wurden auch, wie ich gerüchtehalber hörte, russische Soldaten erschossen, die sich geweigert hatten dem Schießbefehl am 17. Juni nachzukommen. Ich glaube zwar, dass sich einige unserer sowjetischen Freunde geweigert hatten zu schießen, aber dass welche deswegen erschossen wurden? Väterchen Stalin war doch schon längst hinter der Kremlmauer verscharrt worden. Ich will nicht erst noch lange in Geschichtsbüchern irgendetwas nachlesen.

Spakonje notsch, Josef Dschugaschwilli!

Ich möchte es so niederschreiben wie es mir das Gedächtnis eingibt. Von daher weiß ich, dass ich doch schon wenige Tage nach seinem Tode sein Denkmal vor dem ehemaligen Opernhaus auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig von seinem Sockel gestürzt sah. Was hatten wir bis dahin nicht alles gutes von Väterchen Stalin in der Schule eingebläut bekommen. Armer kleiner Großer Stalin, immer diese undankbaren Menschen. Da reißt du dir während der Revolution den Arsch auf, befreist das russische Volk von der Diktatur des Zaren, stutzt die Deutschen auf ihre richtige Größe zurecht, befreist ganze Völker vom Hitlerjoch, hast dir einen großen Brocken von Deutschland einverleibt, gibst den Polen und anderen Verbündeten auch noch was ab, und kaum hast du das Zeitliche gesegnet, mögen sie dich nicht mehr. Dabei waren unsere Schulbücher voll von deinen guten Taten, ich hatte gelernt, dass du, Stalin, eigentlich Dschugaschwilli heißt, und ein ganz normaler Georgischer Bauernjunge warst.[4] Jetzt sollte auf einmal das meiste nicht mehr stimmen? Gar nicht so einfach für einen jungen Menschen, das Gelernte einfach zu verwerfen. Spakonje notsch[5], Josef Wiserianiwitsch Dschugaschwilli!

In dem Heim in Dresden-Hellerau lernte ich auch einen deiner Zweitweltkriegshelden kennen. Oleg Koschewoi![6] Er lebte damals allerdings schon längst nicht mehr. Denn lebende Helden sind selten. Helden sind meistens tot.

Lebende Helden? Man sieht ja was aus dir geworden ist, weil du, Stalin, schon zu Lebzeiten den Orden eines Helden der Sowjetunion getragen hast, wurdest du posthum zum Antihelden erklärt. Warst ja auch nicht viel besser als Hitler. Ich hoffe ihr beiden habt euch in der Hölle, wo ihr beiden euch bestimmt wiedergetroffen habt, viel zu erzählen. Ach ja, Oleg Koschewoi, nach dem die Gruppe benannt wurde, in die ich nun zum erstenmal in ein richtiges Heim gekommen war, sollte uns allen als Vorbild dienen. Sollte uns Vorbild sein, was unter Kame­radschaft zu verstehen war. Schließlich hatte sich Held Oleg über eine böse deutsche Hand­granate geworfen, um seine Kameraden vor den sicheren Tod zu bewahren. Dafür war er dann alleine ein bisschen tot, aber als Held gestorben. Seine heldenhafte Tat war groß an die Wand unseres Tagesraumes gemalt. Damit wir auch ja immer daran erinnert wurden, was es hieß, sich immer und überall für den anderen einzusetzen. Die Erzieher waren davon natürlich ausgenommen. Als ich nämlich mal einen Einsatz für mich in Anspruch nahm, bekam ich nur eine schallende Ohrfeige. Es war ja aber auch nur eine Lappalie, weswegen ich den Erzieher anging. Er hatte soviel um die Ohren, dass er meinte, dass wir uns selbst gegenseitig erziehen müssten und nicht wegen jedem Dreck zu ihm gelaufen kämen. Ich wollte ihm doch nur klar machen, das ich einfach keine Lust hatte, einem der größeren, stärkeren Jungs (fast alle in der Gruppe waren größer und stärker als ich!) jeden Abend einen runterzuholen.

Was ist mir von Hellerau noch in Erinnerung? Meinen ersten Walnussbaum in meinem Leben sah ich dort. Ich lernte dabei, dass die milchige Masse in der Fruchtschale um diese Jahreszeit keineswegs essen durfte. Da aber wäre es beinahe schon zu spät gewesen. Woher sollte ich auch wissen das die Nuss in diesem Stadium besonders viel Zyankali enthielt? Weil die Frucht mir so gar nicht schmeckte, warf ich sie weg und entkam ich dem Schicksal Goebbels. Auch diesmal bekam ich wieder eine Ohrfeige, nachdem ich dem herbeigerufenen Arzt meine Übelkeit erklärt hatte. Nicht aus Sorge bekam ich die Ohrfeige, wie ich sie schon mal von meiner Mutter erhielt, sondern weil ich mich an einem volkseigenen Nussbaum vergriffen hatte. So erkannte ich, dass die Erzieher doch manchmal Zeit für uns Kinder übrig hatten.

Ansonsten aber gefiel mir Dresden überhaupt nicht

Die großen Ferien bewahrten uns davor in die Schule gehen zu müssen. Dafür lernte ich den Dresdner Zwinger und einen angeblich 100 Jahre alten Karpfen im Zwingergraben kennen. Das Innere des Zwingers und die darin enthaltenen Kunstschätze bekamen wir nicht zusehen. Der Eintrittspreis war bei unserem Kulturausflug nicht inbegriffen. 1990, als ich wieder in Dresden war, hatte ich zwar das Geld für den Eintritt, dafür aber waren die Kunstschätze über die ganze Stadt verteilt. Überall nur Gerüste und Steinmetze im Zuge der Renovierung. Nur das Prähistorische Museum war geöffnet. Aber von dem, was ich dort zu sehen bekam, hatte ich schon bessere Sachen gesehen. Ich fand, dass es das Geld nicht wert war, was einem dort geboten wurde. Ebenso waren die Preise im Restaurant der Semper-Oper bei weitem nicht gerechtfertigt. Na ja, die blöden Wessis, die endlich auch diese Stadt wieder besuchen durften, hatten es ja. Man versuchte jetzt mit aller Macht an die gute DM zu kommen, um die marode EX-DDR Wirtschaft wieder aufzupäppeln.

Von Hellerau kommend überquerte ich schon acht Jahre nach Kriegsende das Blaue Wunder von Dresden. Wie wir erfuhren, hatten die bösen Engländer die kulturhistorische Stadt Dres­den mit ihren Bomben in Schutt und Asche gelegt.

Ergriffen hörten wir zu als man uns erzählte, dass es dabei so viele Tote gegeben hätte, dass man die Menschen gar nicht mehr begraben konnte. Sie wurden zu Haufen aufgeschichtet, mit Benzin übergossen und angezündet, um einer Pest vorzubeugen. Bei der Erzählung unseres Stadtführers schien es mir als würde ich in das Jahr 1944 zurück versetzt, als auch bei uns in Königsberg die britischen Bomber ihre todbringenden Lasten abwarfen. Fast spürte ich den Geruch wieder in der Nase. Staubig und beißend wie damals. Ich glaube, dass der gute alte Stinkbombenraucher den Russen diese schöne alte kulturträchtige Stadt nicht im heilen Zustand gegönnt hatte, und deshalb die Stadt schnell noch ein paar Tage vor Kriegsende in Trümmer gelegt hat. Die Kriegsgewinnler, die Industriebarone, werden sich sicherlich über jede Bombenbestellung gefreut haben. Welchen anderen Grund sollte er sonst gehabt haben. Der Ausgang des Krieges war doch schon längst entschieden. In Dresden gab es keine nennenswerte Kriegsindustrie mehr, und die Zivilbevölkerung war nicht, wie in Königsberg, zum letzten bereit. Es waren haupt­sächlich Flüchtlinge. Vertriebene aus längst besetzten Ostgebieten in der Stadt. Wie gesagt; die Rüstungsindustrie in England hatte anscheinend noch ein paar Bomben zuviel auf Lager, die unbedingt weg mussten.

Während der Ferien in Dresden bekam ich auch meinen letzten Schliff was das Schwimmen betraf. Bis dahin konnte ich mich gerade mal mehr recht als schlecht über Wasser halten. Alles das hatte ich mir selbst beigebracht. Schulschwimmen? Das war ein Satz mit großem X. Das war wohl NIX! Um meine körperliche Mickrigkeit mit Mut zu überbrücken ließ ich mich dazu hinreißen einen Köpper vom Zehnmeterturm zu machen. Wenn es Zwei aus der 30 köp­figen Gruppe wagten; konnte ich das schon lange. Lange hatte ich dann auch etwas davon. Nicht nur die Hochachtung der übrigen. Aber bevor ich zugegeben hätte das ich beim Auf­kom­men auf dem Wasser mir beinahe die Rippen gebrochen hätte, hätte ich lieber noch einmal den gleichen Sprung gewagt. Ich war seitlich rechts so flach auf das Wasser geknallt das ich glaubte über Beton zu surfen. Tausende Nadelstiche auf meiner Haut, knallrot meine rechte Seite. Der Erzieher lobte mich zwar vor der ganzen Gruppe, was mich den Schmerz leichter ertragen ließ, grinste mich aber schadenfroh an, während er bedeutungsvoll meine rechte Seite streichelte. Dafür wiederum hätte ich ihn ohrfeigen können. Das brannte nämlich wie Feuer.

Ansonsten aber gefiel mir Dresden überhaupt nicht. Ich wollte nach Hause zu Mutter und meiner Schwester. So ein zusammengewürfelter Kinderhaufen, na ja, und erst die Erzieher, dass war nun wirklich kein richtiges Zuhause.

Gleich beim ersten Ausreißversuch aus Hellerau ging auch gleich alles schief. Mir nützte selbst mein gutes Russisch nichts. Eher glaubte man in mir einen Spion aus dem Westen zu sehen. Mit den guten Sprachkenntnissen machte ich mich eher verdächtig als beliebt. Wo gab es denn so was, ein deutscher Junge wollte das sein, der ihre Sprache so beherrschte das es fast schon nicht mehr zu glauben war, was er da erzählte. Die Posten, die uns an der Elbe aufgegriffen hatten, konnten oder wollten es nicht glauben, dass wir aus einem Heim ausge­rissen waren und nur zu unseren Eltern wollten. Dabei hätten doch gerade die Russen solche Regungen am besten verstehen müssen, pflegten sie doch ihre Familienbande sehr. Der Respekt ihren Eltern gegenüber ging soweit, wie ich es selbst gesehen hatte, dass die Soldaten in ihren Briefen ihre Eltern mit Sie anredeten. Unser Pech war gewesen, dass die Russen ihren ehemaligen Verbündeten, den Amerikanern so gar nicht mehr trauten. Zumal diese sich bei ihren kommunistischen Brüdern in Korea eingemischt hatten. Deshalb standen sie ja jetzt auch gleich mit einer ganzen Flakbatterie an der Elbe, um einer eventuellen Eskalation der Amis begegnen zu können. Der Kalte Krieg war in vollem Gange.

Wie dem auch sei; wir liefen eben solchen Verteidigern des friedliebenden Ostens in die Hände, und wurden prompt wieder im Heim abgeliefert. Früchtchen war anscheinend ein anderer Ausdruck für Fallobst. So nannten und behandelten mich dann auch nach der unfrei­willigen Rückkehr die Erzieher. Der Gruppe Oleg Koschewoi war ich damit nicht zum Vor­bild geworden. So sagte man es mir jedenfalls. Da man mich hier sowieso nicht leiden mochte hatte ich mir fest vorgenommen, auch recht bald wieder aus ihrem Blickfeld zu verschwinden, um ihnen das Ärgernis, was ich offensichtlich darstellte, aus den Augen zu schaffen. Nur, das nächste Mal wollte ich besser vorbereitet sein. Aus dem Schulatlas lernte ich zunächst einmal Deutschland kennen. Ich kannte ja kaum etwas von meiner Heimat.

Warum den Russen nicht eine Frau besorgen?

Dann musste es doch irgendwie möglich sein an Reisegeld zu kommen. Deshalb begann ich wieder, mich in der Nähe der russischen Kasernen rumzutreiben. Inzwischen war es noch niemandem aufgefallen, dass mein konfiszierter und später wieder ausgehändigter Taschen­spiegel ein Geheimnis verbarg. Für einen Zehner verscherbelte ich diesen an jemanden, der mehr davon hielt als ich selbst. Der junge russische Soldat freute sich über den Erwerb, ich mich über mein erstes Geld. Das reichte natürlich bei weitem nicht. Zumal ich nie gerne alleine reiste. Mit weiteren Spiegeln, nachdem sich das rumgesprochen hatte bei unseren Befreiern vom faschistischen Joch, konnte ich nicht dienen. Dafür aber besorgte ich den Sandlatschern – gemeint sind hier die gemeinen Fußtruppen der Sowjetarmee – ihren geliebten Wodka. Der billige Fusel-Korn wurde von denen als Wodka akzeptiert. Natürlich tranken sie auch ihren Samagonka[7], aber wurden sie mit ihrer Destillieranlage erwischt gab es reichlich Bunker dafür. So wurde mein Kundenkreis immer größer. Wer verdächtigte auch schon einen Dreikäsehoch, Wodka in Kasernennähe zu schmuggeln? Dabei sammelte sich durch die Provisionen ganz schön was an Bargeld in meinen Taschen an.

Durch Zufall (?) trieb sich auch des Öfteren eine junge Frau in der Einöde des Kasernen­geländes von Dresden Hellerau herum. In einem gewissen Umkreis des Kasernengeländes durften sich auch die Soldaten ziemlich frei bewegen. Unser Heim war nur durch einen breiten Gürtel verwilderten Gestrüpps und ein paar mickrigen Bäumchen von den eigentlichen Kasernen getrennt. Bis zum Kriegsende gehörte ja das Heimareal samt den Häusern ebenfalls zum Wehrmachtsgelände. Die russischen Soldaten versuchten immer wieder mit der jungen Frau Kontakt aufzunehmen, was aber anscheinend an den Sprachschwierigkeiten scheiterte. Sie hatte ihre Schulzeit schon beendet noch bevor die russische Sprache als Pflichtfach eingeführt wurde.

Das was die Soldaten von der Frau wollten war eigentlich international bekannt. Aber die Frau stellte sich, oder war doof. Schnell erkannte ich, dass hier meine Dolmetscherdienste gefragt waren und bot sie auch zu diesem Zwecke an. Erfahrungen auch auf diesem Gebiet hatte ich ja schon reichlich in Leipzig gesammelt. Na also, warum nicht gleich so. Eigentlich, so schien mir wollten beide Seiten das gleiche. Ich machte natürlich daraus gleich ein Geschäft. Die Frau wollte mir gegenüber erst die beleidigte herauskehren. Nicht weil gleich drei Kerle von ihr das gleiche wollten, sondern weil ich ihr sagte das sie dafür auf die schnelle 30 Märker verdienen könne. Sie wünschte sich so sehr ein paar Perlonstrümpfe aus dem deka­denten Westen. Nur deswegen erklärte sie sich bereit das Geld anzunehmen. Sie gab mir, zum Zeichen und weil die misstrauischen Soldaten darauf bestanden, ihren Ausweis als Pfand. Die Soldaten sammelten 50 Mark, die ich so verstaute, dass die Frau die genaue Summe nicht erkennen konnte.

Schon verkrochen sich alle vier ins tiefe Gebüsch hinein. Ich legte immer großen Wert darauf zufriedene Kunden zu haben, deshalb wollte ich mich auch vergewissern, ob die Frau sich ihr Geld auch redlich verdiente. Ich hätte vorher wohl besser einige Karl May Bücher lesen sollen. Schließlich war ganz in der Nähe Radebeul, das Karl May Museum. Aus den Büchern hätte ich vielleicht lernen können, wie man sich in solch einem Gelände heranschleicht, ohne sich gleich einen Dorn aus dem Brombeerstrauch in die Fußsohle zu treten. Wir liefen ja überwiegend barfuß durch die Gegend, um das wenige Schuhzeug zu schonen. Dafür musste ich mir dann im Heim von einem Arzt den Fuß aufschneiden lassen. Ekelhaft, schmerzhaft das Ganze. Von örtlicher Betäubung hatte der Arzt anscheinend noch nie etwas gehört. Dafür aber ließ er die eigentliche Spitze des Dorns in meiner Fußsohle, der dann Wochen später wieder zu Eitern begann. Erst einmal verkniff ich mir einen Schmerzensschrei.

Was für die gestiefelten Soldaten ein Kinderspiel war, sich einen Weg durchs Gebüsch zu brechen, war für mich zur Tortur geworden. Ich biss also die Zähne zusammen und gelangte auch ans Ziel.

Doch, ich muss schon sagen, ich hatte meine Mutter einige Male auf der Baustelle besucht und gesehen wie sie unser Brot verdiente. Als ausgezeichnete Heldin der Arbeit mit Aktivi­stenorden, verdiente sie in ihrer 54 Stundenwoche ihr Geld wirklich viel mühsamer als die Frau unter den Soldaten. Wenn ich die Zeit meines Anschleichens mitrechnete hatte sie alles in allem ihre 50, pardon 30 Mark, der Rest gehörte ja mir, in etwa 20 Minuten verdient. Wogegen meine Mutter für die 54 Stunden gerade mal 65 Mark bekam.

Blitzschnell, diesmal ohne mir einen weiteren Dorn einzutreten, war ich wieder zu meinem Platz zurückgekehrt. Die Frau machte ein sehr zufriedenes Gesicht, als ich ihr ihren Ausweis mit 30 Mark darin zurückgab. Rührte das zufriedene Gesicht etwa von der Vorfreude her, sich nun endlich die ersehnten Perlonstrümpfe kaufen zu können? Ich konnte das schlecht beur­teilen, ich war noch niemals Frau. Obwohl die Soldaten einen Großteil ihre dürftigen Kröten Monatssold losgeworden waren, machten auch sie zufriedene Gesichter. Ich auch! Zwanzig Mark verdiente man hier in Dresden nicht alle Tage auf einen Schlag. In Leipzig, ja da war das noch ganz anders gewesen. Aber darauf komme ich noch. Anscheinend hielten bei der Frau die Perlonstrümpfe – dass wusste sie vorher schon – nicht sehr lange. Sie erklärte sich bereit in zwei Tagen schon wiederzukommen. Na fein! Es tat mir ja selbst leid, dass ich dann nicht mehr den Vermittler spielen und die Vermittlungsgebühr beanspruchen konnte. Ich machte mir deswegen aber keine Gewissensbisse. Die würden in Zukunft auch ohne mich zurechtkommen.

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Friedrich_B%C3%B6ttger

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Riesa

[3] Holzvergaser, https://de.wikipedia.org/wiki/Holzgas

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Stalin

[5] Gute Nacht http://www.speedlearningservice.de/Wissensfabrik/PublicLessons.aspx?lId=24957

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Alexandrowitsch_Fadejew

[7] Schwarz gebrannter Schnaps, Wodka-ähnlich https://en.wiktionary.org/wiki/samogon

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1

Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser:

Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2

In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3

Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4

  1. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5

von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6

Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Wie geht es weiter?

Kapitel 7

Lockender Westen

 

Weihnachten – eine Illusion! – Ein Weihnachtsgruß für Kirchengeschädigte

Posted in Christentum, heimkinder, Kinderheime, Uncategorized by dierkschaefer on 8. Dezember 2016

Alle Jahre wieder werde ich vom Webmaster einer Heimkindergruppe[1] um einen Weihnachtsgruß gebeten.

Ehemalige Heimkinder sind durchgängig aufgrund ihrer Erfahrungen in kirchlichen Einrichtungen kirchenkritisch, sehr viele auch kirchenfeindlich eingestellt.

Dank zahlreicher Kontakte mit ehemaligen Heimkindern kann ich diese Einstellungen zu den Kirchen gut verstehen. Nicht verstehen kann ich das Verhalten der Kirchen und meiner Kollegen. Dies ist bekannt. Darum bin ich bundesweit wohl der einzige Pfarrer, der um einen Weihnachtsgruß gebeten wird.

Da jedoch einige Heimkinder fast allergisch auf religiöse Inhalte reagieren, seien die Leser gewarnt. Wer mein PDF öffnet, setzt sich auf eigene Gefahr religiösen Gedanken aus.

Weihnachten – eine Illusion! weihnachten-2016

Meine allgemeine Weihnachtskarte in diesem Jahr dürfte wohl für alle tolerabel sein:

GP-2016.jpg

Fußnote

[1] Es handelt sich um die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“. Die Vorgänge in den Volmarsteiner Anstalten wurden wissenschaftlich aufgearbeitet, s. dazu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/.

Heimkinder als Verfügungsmasse

Als Versuchskaninchen wurden sie auch benutzt. Seit Sylvia Wagner über Arzneimittel­studien an Heimkindern publiziert hat[1], purzeln die Meldungen geradezu aus dem Medien. Immer mehr Heime und Fälle werden genannt, auch aus dem Ausland[2]. Die FAZ veröf­fentlichte am 19. November einen ganzseitigen Artikel über „Tablettenkinder“ an recht prominenter Stelle[3].

Die Heimereignisse sind also noch vielfältiger, als sie bisher dargestellt wurden. Doch überraschend kommt das nicht. Es ist nur ein weiteres unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte.

Ich sehe bisher fünf Phasen.

Die erste Phase ist durch das Stichwort „Schläge im Namen des Herrn“ (SPIEGEL-Redakteur Wensierski) zu umreißen. Es ging um die Vorkommnisse in den Heimen, die man aufgrund der damaligen pädagogischen Kenntnisse – vorsichtig formuliert – als hinderlich für den weiteren Werdegang vieler ehemaliger Heimkinder bezeichnen kann. Die Heimkinder nennen die alltäglichen Demütigungen, Gewalttätigkeiten, Zwangsarbeit und Bildungsverwei­ge­rung „Verbrechen“. Die folgenden Phasen resultieren aus dieser ersten.

Als diese Vorkommnisse nicht mehr geleugnet werden konnten, kam die zweite Phase: der Runde Tisch Heimkinder, „moderiert“ von Frau Vollmer. Hier saßen wenige ehemalige Heim­kinder einer Phalanx von kompetenten Interessenvertretern von Staat und Kirchen gegen­über – und sie wurden gezielt betrogen.[4] Die Medien schreiben bis heute von Ent­schädigungen, obwohl die bescheidenen Geldzuwendungen erklärtermaßen keine sein sollen, denn dann gäbe es einen Rechtsanspruch. Das durfte nicht sein, ebensowenig wie man bereit war, die Zwangsarbeit als solche zu deklarieren und zu vergüten. Auch heute noch renom­mierte Firmen blieben verschont. Bleibende Körperverletzungen blieben unberücksichtigt wie grundsätzlich auch die Kinder aus Behindertenheimen und Kinderpsychiatrien.

Die dritte Phase begann mit dem Bekanntwerden des umfangreichen sexuellen Missbrauchs in den Erziehungseinrichtungen und mündete in den separaten Runden Tisch Missbrauch. Missbrauch war am ersten Runden Tisch bereits zur Sprache gekommen, war jedoch kein eigenes Thema, wie auch die Medikamentierung der ehemaligen Heimkinder. Viele berichteten, wenn auch nicht von Versuchen, so doch von Medikamenten zur Ruhigstellung mit psychotropen Substanzen. Das hat nicht weiter interessiert.

Nun beginnt die vierte Phase mit der Aufdeckung umfangreicher medizinischer Versuche an ehemaligen Heimkindern. Medikamente waren nicht das einzige. Ich erinnere mich an die Schilderung eines ehemaligen Heimkindes, der wegen Bettnässen in der Universitätsklinik Tübingen mit Elektroschocks am Penis behandelt wurde bis zur Verschmorung des Gewebes.

Eine fünfte Phase wird gerade eingeleitet mit der Errichtung einer Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ für die ehemaligen Heimkinder aus Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien.

Das Schicksal der Kinder in den Heimen hat die Forschung beflügelt, wie auch jetzt aktuell in der Medikamentensache. Die Heimkinder sehen nach meiner Kenntnis dabei hauptsächlich, dass für die Forschung Geld bereitgestellt wird (wie auch für die Verwaltung ihrer Anträge), aber kein Geld für halbwegs angemessene Entschädigungen. Ein Großteil der ehemaligen Heimkinder lebt in äußerst bescheidenen Verhältnissen, allein schon bedingt durch heimver­ursachte Bildungsmängel.

Ich teile die Skepsis der ehemaligen Heimkinder, dass auch für die neu bekannt werdenden Fälle wieder nur „Almosen“ übrig bleiben werden, – auf Antrag und unter retraumatisierenden Bedingungen. Unsere Medien werden wieder von Entschädigungen sprechen. Sie sollten besser recherchieren.

Bewertung: Schutzbefohlene können zu den verschiedensten Zwecken „verzweckt“ , also missbraucht werden, die Geschichte der Heimkinder belegt das. Es wäre auch nach den Insassen der Seniorenheime zu fragen, nach den Strafgefangenen, auch nach Kranken in den Krankenhäusern, – es gäbe wohl noch manche andere. Ich will bei den Kindern bleiben.

Neuere Vorkommnisse[5] zeigen, dass trotz einer Besserung der Verhältnisse wohl auf breiter Basis in den totalen Institutionen es ohne Rücksicht auf die Rechtslage[6] immer wieder zu Übergriffen kommt, die nicht tolerierbar sind. Vertrauen mag gut sein, Kontrolle ist besser. Wir brauchen für die verschiedenen Gruppen Schutzbefohlener Ombudsleute, die nach ihrer Überprüfung der Plausibilität von Vorwürfen bevollmächtigt sind, die Fälle in den Einrichtungen zu untersuchen (Befragungen, Akteneinsicht, Schiedsbefugnis, Beschwerde­macht bis hin zur Anklagebefugnis). Viele Schutzbefohlene haben noch ihre Familien oder Freunde, die für sie die Ombudsperson anrufen können, wenn sie nicht selber mehr dazu in der Lage sind.

Doch ich fürchte, dass unsere Politiker eher um ihre Wiederwahl besorgt sind und auf Lobbyisten hören, denn auf die Sorgen und Beschwerden „kleiner Leute“.

Fußnoten

[1] http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

[2] http://www.lkz.de/lokales/stadt-kreis-ludwigsburg_artikel,-%E2%80%9ETaeglich-ein-Becherle-mit-Smarties%E2%80%9C-_arid,396038.html

http://www.shz.de/lokales/schleswiger-nachrichten/ndr-mehr-medikamenten-tests-mit-heimkindern-als-bislang-bekannt-id15429721.html

http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/gemeinden/Schlimme-Befuerchtung-Pharmatests-an-Heimkindern/story/31169665

http://www.shz.de/regionales/newsticker-nord/ndr-mehr-psychopharmaka-tests-mit-heimkindern-als-bekannt-id15429266.html

http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/924075/medikamententests-heimkindern-betroffener-erzaehlt.html

http://www.cbgnetwork.org/6964.html

Pharmaindustrie: grausame Medikamentenversuche unter dem Motto „Kinder sind unsere goldene Zukunft“

https://www.radio-utopie.de/2016/11/27/erprobungen-mit-aolept-und-megaphen-heimkinder-mussten-bayer-arzneien-testen/

[3] Von Reiner Burger, FAZ Sonnabend, 19. 11. 2016, S. 3. Leider kann ich aus ©-Gründen meinen Scan hier nicht einstellen.

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/12/friesenhof-skandal-neue-kinder-und-jugendhilfeverordnung-ab-ende-juli/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/12/gewerbeschutz-von-traegern-der-jugendhilfe-im-gesetz-besser-geschuetzt-als-das-kindeswohl/

[6] Auch die Rechtslage ist dank der Lobby-Arbeit der Sozialkonzene nicht im Sinne von Schutzbefohlenen gleich welcher Art. https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

Gerade kommt noch ein neuer Link rein: http://www.derbund.ch/zuerich/gemeinden/Schlimme-Befuerchtung-Pharmatests-an-Heimkindern/story/31169665