Dierk Schaefers Blog

Dieulefit – Gott hat’s gemacht

Das total laisierte Frankreich mit seiner strikten Trennung von Kirche und Staat steckt voller Orte mit Namen von Heiligen. Wohl jeder kennt „Les Saintes Maries de la Mer“, ein Ortsname, der eine ganze Heiligenlegende erzählt.

Aber „Gott hat’s gemacht“? Da müssten doch jedem französischen Citoyen die Haare zu Berge stehen.

Mich hatte der Name schon lange gereizt.[1] In diesem Jahr habe ich bei Wikipedia nachge­schlagen, wurde noch neugieriger und bin auf der A 7 bei der Ausfahrt Montélimar/­Dieulefit abgebogen und die ca. 30 km über D 540 bis in dieses Dorf im Département Drôme gefahren.

Eher durch Zufall fand ich einen Parkplatz gleich vorm Keramik­mu­seum. Da wollte ich hin, weil dort das Denkmal für die bewundernswerte Geschichte von Dieulefit steht: „Dieulefit – wo niemand Ausländer ist“. P1020006 bd 2Von hinten sieht das Denkmal ganz bescheiden aus. Doch auch die Rückseite hat Symbolkraft: Lauter einzelne Bruchsteine, jeder steht für sich allein und zusammen bilden sie eine Abschirmung, einen Schutz.P1020010 b2

 

 

 

 

 

 

 

Für wen? Für viele Menschen:P1020004 b

Sie erinnern an ihre Geschichte. Der Ort hatte damals, in den dreißiger und vierzi­ger Jahren, etwa drei­tau­send Einwohner. Die Hälfte dieser Zahl, über 1500 Men­schen fanden in der Gemeinde und ihrer Umgebung Zuflucht vor Verfolgung. Da kamen „spanische Repu­blikaner, Resi­stants, Juden, von den Nazis oder Vichy-Verfolgte, zahlreiche Intellektuelle“.[2] All diesen gab man Schutz, versteckte und ernährte sie. Wir nennen sie im Amtsdeutsch „umF“ – unbeglei­tete minderjährige Flüchtlinge. Die wurden wie selbstverständlich in die Familie aufgenommen und gingen zur Schule. Wer sie brauchte bekam falsche Ausweise auf dem Bürgermeisteramt, auch Lebensmittelkarten wurden gefälscht.[3] „Das Internat beherbergte in jenen Jahren rund 100 Kinder, das waren doppelt so viele wie vor dem Krieg. Mehr als vier Jahre lang haben es die guten Feen von Beauvallon [die Schule] geschafft, diese Kinder von denen viele völlig mittellos waren, zu beschützen, zu ernähren, zu kleiden und einen einigermaßen normalen Schulbetrieb aufrecht zu erhalten.“

Die Einwohner von Dieulefit und Umgebung haben ihr Leben riskiert für den Schutz der Flüchtlinge, denn die Nazis hätten den ganzen Ort abgebrannt und seine Bewohner liquidiert, wenn sie davon gewusst hätten, zumal sich die Bewohner und auch die Flüchtlinge aktiv am Widerstand gegen die Besatzung beteiligt haben.[4] Alle im Ort hielten dicht. Niemand wurde verraten!

Woher der Mut?

„Dieulefit ist seit den Religionskriegen eine Hochburg der protestantischen Minderheit Frank­reichs.“ „Nach Überzeugung des Historikers, Bernard Delpal, war für den erfolgreichen Rettungswiderstand die Tatsache wichtig, dass viele Schlüsselstellen im gesellschaftlichen Leben von Dieulefit damals von Mitgliedern der protestantischen Gemeinde eingenommen wurden.“ Die Hugenotten hatten ihre Verfolgungen nicht vergessen.

Es waren übrigens nicht ausschließlich eher unbedeutende Flüchtlinge. „Während der deutschen Besatzung gab es in Frankreich drei intellektuelle Zentren: Paris, Lyon und Dieulefit.“[5]

Wie geht die Gemeinde mit diesem Erbe um?

„Die Gemeinde hielt es lange Zeit nicht für angezeigt, an die „selbstverständliche“ Aufnahme der Flüchtlinge zu erinnern. Die meisten waren „anonyme“ Helfer/innen, eine Nennung einzelner Namen galt als unschicklich und ungerecht. Erst nachdem die israelische Gedenk­stätte Yad Vashem einige Bewohner/innen als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet hatte[6], wurde 2008 im Rathaussaal eine Urkunde angebracht (Rue Justin Jouve). Es dauerte bis 2014, bis zum 70. Jahrestag der Befreiung der „Résistance civile et des résistants sans armes“ („dem zivilen Widerstand und den waffenlosen Widerständlern“) ein Denkmal errichtet wurde.“[7]

Nur Erinnerung?

„In den aktuellen Engagements der Bürger von Dieulefit finde man durchaus eine Resonanz der Vergangenheit, meint der Historiker Bernard Delpal und Marguerite Soubeyrans Enkeltochter weiß, dass es in Dieulefit auch heute Familien gibt, die bereit sind, illegal Ausländer ohne gültige Papiere zu beherbergen und zu verstecken.“ „Einmal im Monat veranstaltet ein sogenanntes Bürgerkollektiv eine Schweigerunde auf dem Hauptplatz der Stadt als Zeichen des Protestes gegen den Umgang mit Asylsuchenden im Land.“

 

Und der Name Gott hat’s gemacht? Die Laizisten können beruhigt sein. Es war nicht der Seigneur, der himmlische Gott, sondern ein irdischer. Madame le Maire, die Bürgermeisterin gab auf Anfrage Auskunft über den Namen: „Dieulefit. Im 12. Jahrhundert als Genesungs- und Erholungsort für heimkehrende Kreuzritter gegründet. Der Grundbesitzer stiftete den Boden für die Gründung der erforderlichen Gebäude. Im 13. Jahrhundert verschmolzen im Volk „Le Seigneur“ und „Dieu“, der ja auch „Seigneur“ genannt wird. Daraus wurde provençalisch: „Deo lou fe“, daraus „Dieu l’a fait“ und schließlich „Dieulefit“.

Doch an wen mögen die tapferen Bürger von Dieulefit gedacht haben? An einen Grundbesitzer aus dem 12. Jahrhundert? Doch wohl eher an Dieu, den Seigneur, dem sie folgten.

 

Papst Urban II [8] hatte einst mit seinem „Deus lo vult!“[9] zum Kreuzzug aufgerufen. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass kriegsmüde Kreuzritter in „Dieu l’a fait“ ihre Leiden kurieren sollten.

 

Bei uns in Deutschland steht die Abwehr von Flüchtlingen hoch oben auf der Agenda. Erinnern wir an unsere Flüchtlinge nach ’45? kein platz für flüchtlinge

Lieber nicht. Das könnte zu mehr Menschlich­keit verpflichten.

Dafür haben wir jetzt einen „Heimatminister“, Dieser Seigneur wird’s schon richten.

 

Herr, schmeiß Herz ra!

 

Fußnoten

[1] Soweit nicht anders ausgewiesen sind viele Informationen in diesem Artikel der ausgezeichneten Sendung des Deutschlandfunks entnommen und nicht im Detail belegt. http://www.deutschlandfunk.de/dieulefit-refugium-in-zeiten-der-barbarei-spurensuche-in.media.44c3176f29c3cb3c7fa9e021c983a78d.pdf

[2] Namen auf http://www.ajpn.org/commune-Dieulefit-en-1939-1945-26114.html).

[3] „Die Gemeindesekretärin Jeanne Barnier stellte falsche Ausweise her.“ – und der Vichy-Bürgermeister wusste Bescheid. Zu Jeanne Barnier: http://www.ajpn.org/juste-Jeanne-Barnier-141.html

[4] „Dieulefit war eine wichtige Basis für Fallschirmabwürfe. Hier landeten sowohl Agenten, wie auch Material. Oben in Comps war das Gelände, wo viele wichtige Offiziere des Widerstands und Zivilpersonen mit dem Fallschirm gelandet sind.“ – „Der Protestantismus hier im Dauphiné ist ein Protestantismus, der den Israeliten, wie man die Juden damals nannte, nahe stand. Diese Nähe beruhte unter anderem auf ähnlichen historischen Erfahrungen. Schließlich handelt es sich um zwei verfolgte Minderheiten. Die Protestanten waren ja während der Religionskriege und unter Ludwig XIV. verfolgt worden. Das heißt, rund 2 Millionen Menschen hatten nach dem Widerruf des Edikts von Nantes keinerlei legalen Status mehr. Sie konnten fliehen und viele haben das getan, gingen nach Preußen. Die zweite Möglichkeit war, sich zu bekehren. Und die dritte Lösung war der bewaffnete Widerstand. Diese Tradition des bewaffneten Widerstands lebte während des 2. Weltkriegs neu auf. Es gab hier ein Netzwerk von Widerstandsgruppen mit sehr starken protestantischen Traditionen und als einzelne Pastoren zum Widerstand aufriefen, da stieß das bei den Protestanten hier auf offene Ohren.“

[5] so der Historiker, Pierre Vidal – Naquet, der als Jugendlicher mehrere Monate in der Stadt verbrachte.

[6] „Neun Einwohner/innen wurden als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet: neben Jeanne Barnier und den Leiter/innen der zwei genannten Schulen die Landwirte Elie und Emilienne Abel, die Familienmitglieder von René Cassin schützten, und der Besitzer der Textilfirma von Dieulefit, Henri Morin, der Isaac Fabrikant aufnahm, dessen Eltern aus Belgien geflohen und 1942 nach Auschwitz deportiert worden waren.“ https://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/406/

[7] https://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/406/

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Urban_II. + https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/2560206821/in/photolist-4UeJhV + https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6074437976/

[9] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6074437976/

alle Photos: dierk schäfer

 

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Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion.

Unser Kevin soll sich ganz frei entwickeln können. Religion? Lieber nicht. Wir wollen seiner Entscheidung nicht vorgreifen.

Kevin[1] geht ja noch, wie wär’s mit Schnuckelpupine[2] als Name? Namen sind nicht Schall und Rauch. Sie sagen etwas aus über die Namensgeber und wirken wie ein Etikett, ob Kevin will oder auch nicht. Zuweilen sind Vornamen auch ein bewusstes Programm. Wer sein Kind Wolfgang Amadeus nennt, hat es vorprogrammiert.[3] Das ist nicht neu und hier nicht im Detail zu diskutieren. Doch die freie Entwicklung eines Kindes ist oft schon mit der Namensgebung eine Fiktion.

Namen sind Schall und Rauch, sagt Faust im Zusammenhang mit der Gretchenfrage. Darum geht es auch bei der immer wieder zu lesenden Meinung, Kinder sollten frei von religiöser Beeinflussung gehalten werden, sie könnten ja sich später frei entscheiden. Sehr drastisch ausgedrückt in einem Tweed: Kinder sollten überall auf der Welt geschützt werden von Religion, Politikern & Pädophilen[4]. Von der Zuspitzung abgesehen wird religiöse Erziehung für Programmierung[5] gehalten. Sie widerspreche zudem der Religionsfreiheit. Erst wenn ein Kind frei in seiner Entschei­dung sei, könne es sich frei für – oder gegen – eine Religion entscheiden.[6]

Zunächst zu Programmierung und Mind Control. Da gibt es tatsächlich Überschneidungen.

Programmierung erinnert mich an die 70er Jahre, in denen Jugendliche in die Fänge von Jugendreligionen geraten waren und dort mit Gehirnwäsche[7]Metho­den vereinnahmt wurden. Es kam vor, dass Eltern daraufhin ihre Kinder kidnapp­ten und Fachleuten für eine Reprogrammierung übergaben.[8]

Das Bild vom programmierbaren Menschen ist unheimlich. Das wird deutlich, wenn wir an Fälle denken, in denen Kinder nicht nur eng geführt, sondern in eine gesellschaftliche Nische hinein erzogen werden. Außerhalb dieser Nische lauert das Böse schlechthin. Wer sie verlässt, ist ein Verräter, seine Seele der Verdammnis anheim gegeben. So kommen sie oft nur mit enormen psychischem Aufwand heraus und fühlen sich schuldig.[9]

Fundamentalkritiker richten sich nicht nur gegen die gezielte Formierung menschlichen Denkens. In einem grundlegenderen Tweed heißt es: Wenn doch Erwachsene Erwachsene heißen u. nicht Erzogene, können wir dann aufhören, Kinder zu erziehen, u. sie dafür einfach wachsen lassen?[10]

Dahinter stecken romantisch-naturverbundene Vorstellungen. Ein Kind entwickele sich (wie ein Tier?) von allein. Einfach wachsen lassen … nicht einmal pädagogische Anregun­gen und Förderungen sind vorgesehen. Man muss das Kind wohl nur satt und sauber halten. Damit kann man sich nicht einmal auf Rousseau berufen, der immerhin meinte, man müsse ein Kind durch die Notwendigkeit der Dinge erziehen.[11] Zur Notwendigkeit der Dinge zähle ich auch manches, was Kinder nicht mögen und noch nicht verstehen, wie Impfungen, Operationen, den Zahnarzt, aber natürlich nicht Beschneidungen oder Ohrloch­stechen, auch nicht das forcierte Training für sportliche oder musikalische Höchstleistungen.

Zu welchem Ziel erziehen wir Kinder – wenn wir sie denn erziehen wollen?[12] Sie sollen lebensfähig gemacht werden für die Welt, in die sie hineinwachsen. Die hat sich gegenüber früher deutlich verändert. Aber immer sind es wirtschaftliche Aspekte, die über eine erfolgreiche Anpassung entscheiden, früher wie heute. Kevin mag also frei von Religion erzogen werden, dennoch werden ihn seine Eltern fit fürs Leben sehen wollen – und zum Teil merken sie gar nicht, wie sie ihn programmieren. Ein Blick auf die Abbildung zeigt die Veränderungen des Anforderungsprofils:

In den mittelalterlichen, sehr eng gefügten Überlebensgemeinschaften waren die Menschen schicksalsmäßig aufeinander angewiesen. Darum wurden die Partnerschaften in Hinblick auf den Fortbestand der Wirtschaftsgemeinschaft Familie ausgesucht. Auch wenn das Ergebnis emotional nicht befriedigte gab es so gut wie keine Ausweichmöglichkeiten. Wichtiger als alle Gemeinheiten war die Gemeinsamkeit, die das Überleben des Einzelnen garantierte und ihn zugleich zu einem unaustauschbaren Glied in der Kette des Überlebensverbandes machte.

Mit der Auffächerung der Berufspalette, mit den Erkenntnis- und Kenntnisfortschritten kamen Spezialisierung und Verstädterung, Industrialisierung und Anonymität, kam die Auflösung des weitgehend autarken Familienverbandes in die von fremden Abhängigkeiten geprägten Lebensverhältnisse der Eltern-Kind-Gemeinschaften. Dort geschah zwar nichts anderes als früher, nämlich die Reproduktion der überlebensfähigen Arbeitskraft. Doch mit den gewandelten Produktionsverhältnissen hatte sich auch das Familiengefüge verändert. Wenn auch zunächst kaum bezahlbar traten flankierend und entlastend mit zunehmender Bedeutung Institutionen hinzu, die den Rumpffamilien Kranken- und Altersfürsorge und Kindererziehung/-ausbildung abnahmen. Rechtzeitig hatte die Romantik für das Bürgertum an die Stelle der wirtschaftlichen Vernunft die emotionale Beziehung, die Liebe als Fundament von Ehe und Familie gesetzt. Damit wurde die bürgerliche Familie zur Erlebensgemeinschaft. Dieser Entwicklung folgten in unserem Jahrhundert auch die proletarischen Familien, denen mit zunehmender Existenzsicherung und aufkeimendem Wohlstand die Imitation des idolhaft vorausgegangenen Bürgertums gelang.Entwicklung der Moderne.jpg

Spätestens nach der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg mit verstärkt zunehmender beruflicher Spezialisierung und Differenzierung, verbunden mit immer mehr freizeit-orientierter Lebensgestaltung griff die Differenzierung auch auf die Freizeitaktivitäten der Familien über. Damit wurde der Familienzusammenhalt, ohnehin recht instabil auf Emotionalität[13] gegründet, noch labiler. Während man der Überlebensgemeinschaft kaum entfliehen konnte und der traditionsverhafteten und wenig mobilen Kleinfamilie nur selten zu entfliehen gedachte, erfordert nun zuweilen die berufliche Mobilität gerade der auf individuelle Karriere bedachten und individuell freizeitaktiven Familienmitglieder die Lockerung der Lebensgemeinschaft bis zu ihrer Auflösung zu neuen Konstellationen oder dem Single-Dasein, sei es in einer Art Wohnge­mein­schaft mit oder ohne zeitweise weitergehenden Beziehungen oder als Alleinwohnende.

Ein Ethnologe sagte mir, ein solches Entwicklungsergebnis könne nicht funktionieren. Er kenne keine Ethnie, die aus unverbindlich zusammenwohnenden Singles bestände. Für die traditionsgebundenen Gesellschaften dürfte das zutreffen. Doch diese Entwicklung ist nur folgerichtig. Ausgehend von der Entdeckung des Menschen als Person in der Renaissance über die Stellung des Individuums vor Gott in der Reformation hat die westliche Welt die alten Abhängigkeiten der gottgewollten Ständeordnung überwunden, weil die Dynamik aufstrebender Schichten und Persönlichkeiten erfolgreich war. Nach der französischen Revolution hatte sozusagen jeder den Marschallstab im Tornister[15]. Ob das Streben nach großem Erfolg frei macht, ist eine philosophische Frage. Die alten Gesellschaften spiegelten auch dort, wo Gleichheit sein sollte, die Ständeordnung wieder. Man sieht es an den Epitaphen in Klöstern. Die Gründer – und auch die arbeitsfrei gestellten Patres kamen aus dem Adel, die Konversen, die Fratres aus der sozialen Bedeutungslosigkeit, das orare galt für die einen, das laborare für die anderen. In den Klöstern waren die Speisesäle und die Schlafsäle fast apartheidmäßig getrennt. Treiber/Steinert ziehen die Entwicklungslinie von der klösterlichen Erziehung und Zurichtung der Menschen bis hin zu ihrer Verwendung in Fabriken.[16] Doch für alle verlangte die Regel des Ordens … eine strenge Disziplin, der Tagesablauf war genau vorgeschrie­ben, und ein Abweichen von der Regel wurde bestraft. All dies erinnert in einem gewissen Sinne an die Arbeitsvorschriften, die Henry Ford für seine Fließbandarbeiter erließ.[17] Die systematische Zurichtung des Menschen zum Zweck fremdbestimmter Produktion gipfelt nach Treiber/Steinert in der Einrichtung pädagogisch reflektierter Arbeitersiedlungen durch weitsichtige Unternehmer.[18]

Tempi passati. Die heutigen Formen der Zurichtung des Menschen laufen subtiler und ausgefeilter – sie produzieren den heute passenden Menschen, der jedoch mit Geschick, Verstand und Glück die Chance auf kometenhaften Aufstieg hat, sei es als Prominenter im Show-Geschäft, sei es als Start-up-Unternehmer[19], meist keine Zurichtung mit Zwang, sondern freiwillig über Trends und Erfolgsaussichten, die man befolgt, um in oder wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Eine Kirchenmitgliedschaft gehört inzwischen nicht mehr dazu,[20] und Bastelreligionen laufen als persönlicher Spleen unter nice to have und sind zu meiden, wenn schädlich fürs Fortkommen.

Doch abgesehen von den Notwendigkeiten geschieht Erziehung viel subtiler. Die For­mung der Persönlichkeit beginnt bereits während der Schwangerschaft. Das muss hier nicht näher ausgeführt werden; darüber wurde in der letzten Zeit viel publiziert, angefangen vom Speisezettel bis hin zum Musikgeschmack der werdenden Mutter. Einschneidender ist ihr Drogenkonsum. Die Tatsache, dass kaum noch Trisomiekinder geboren, weil sie abgetrieben werden, ist als Negativauswahl und damit Vorläufer des Designer-Babys[21] zu sehen. Da dürfte in absehbarer Zukunft die Auswahl schwierig werden für das Nobelpreis-Komitee und für die Miss-Germany-Wahl, an die Miss-World gar nicht zu denken.

Wie Kinder für die Gesellschaft passend gemacht werden und die Normen verinnerlichen, zeigen Berger/Luckmann an einem banalen Bei­spiel: Wie lernt ein Kind, dass es mit der Suppe nicht kleckern soll? Die primäre Soziali­sation bewirkt im Bewußtsein des Kindes eine pro­gressive Loslösung der Rollen und Ein­stellungen von speziellen Anderen und damit die Hinwendung zu Rollen und Einstellungen überhaupt. Für die Internalisierung von Normen bedeutet zum Beispiel der Über­gang von »Jetzt ist Mami böse auf mich« zu »Mami ist immer böse auf mich, wenn ich meine Suppe verschütte« einen Fortschritt. Wenn weitere signifikante Andere – Vater, Oma, große Schwester und so wei­ter – Mamis Abneigung gegen verschüttete Suppe teilen, wird die Gültigkeit der Norm subjektiv ausgeweitet. Der entscheidende Schritt wird getan, wenn das Kind erkennt, daß jedermann etwas gegen Sup­peverschütten hat. Dann wird die Norm zum »Man verschüttet Suppe nicht« verallgemeinert. »Man« ist dann man selbst als Glied einer All­gemeinheit, die im Prinzip das Ganze einer Gesellschaft umfaßt, soweit diese für das Kind signifikant ist.[22] Dieses Muster gilt allgemein für Sozialisierung, für Anpassung eines Kindes an gesellschaftliche Erfordernisse, Gepflogenheiten und Moden, um akzeptiert zu werden und Erfolg haben zu können. Darum wird Kevin von seiner Mutter auch zur musikalischen Früherziehung chauffiert und zum Vereinssport; zum Ballett wohl nicht, denn er ist ja ein Junge. Eine kindgerechte Einführung in die seit Jahrhunderten christlich geprägte Kultur soll es jedenfalls nicht sein. Auch im Museum, falls das auf dem Plan steht, bekommt Kevin nur oberflächliche Antworten, wenn er nach dem Mann am Kreuz oder nach dem pfeilgespickten Sebastian fragt. Das ist alles dem Aufklärungsgespräch für den Zeitpunkt der Religionsmündigkeit vorbehalten. Ja, ich karikiere. Es ist ja gut, wenn Kevin viel angeboten wird. Wenn ihm dann der Flötenunterricht gar nicht mehr gefällt, wird Kevin abgemeldet.

Wie alle Kinder ahmt Kevin zunächst nach, was die Eltern ihm vorleben, im Guten wie im Schlechten.[23] Das wird erst mit der Pubertät anders – und diese Freiheit sollte im Erziehungsverständnis enthalten sein, was allerdings recht selten sein dürfte, wenn die Eltern Überzeugungstäter sind. Scheinbar liberale Überzeugungstäter finden wir auch im freireligiösen Bereich.[24] Es gibt also viele Möglichkeiten, nicht nur klassisch religiöse.[25]

Selbstverständlich übernehmen unsere Kinder zunächst auch unser Wertesystem und unsere Weltan­schauung, sei sie liberal, sozial, konservativ, fromm, bigott – oder wie auch immer. Sie lernen an unserem Vorbild und wir freuen uns, wenn sie so werden wie wir. Das ist normal; so reproduziert sich Gesellschaft.

Zurück zu Kevin, der nicht mit Religion programmiert werden soll. Religion ist in seiner Familie dennoch wertbehaftet, wohl eher negativ. Kevin wurde nicht getauft, ging nicht in den Religionsunterricht.[26] Religion hat er nur als unverbindlich-weltliche Events im Jahresablauf kennengelernt: Weihnachtsmann, Osterhase, Vatertag. Sein Vater spricht vom Laternenumzug und vom Wintermarkt, aber die Alterskameraden warten auf die Konfirmation mit den tollen Geschenken. Nun kann er selber entscheiden, ob und wie religiös er sein will. Denn Religion ist Entscheidungssache wie der Kleiderkauf. Paßt der Islam zu mir, oder der Buddhismus, vielleicht Hindu oder Stammesreligion, wenn Islam, dann Sunna oder Schia, oder vielleicht doch das Christentum, aber welche Konfession?[27] Bei der unübersichtlichen Auswahl, lassen wir’s vielleicht doch lieber gleich ganz. – Ich vermute Zustimmung bei Kevins Eltern.

Zu dieser Naivität gesellt sich seit einiger Zeit und besonders im Netz, eine Geisteshaltung, die ich nur als gruppenbezogene Menschenfeind­lichkeit auffassen kann.[28] Wurden Pfarrer früher gern als weltfern-fromme Naivlinge hinge­stellt, so begegnet uns im Netzdiskurs zudem eine zunehmende Feindseligkeit, die sich nicht nur auf die Rolle der Kirchen beschränkt, sondern Christentum und Religion allgemein ins Fadenkreuz nimmt. Das ist beim Thema Beschneidung zu beobachten. Wird sie abgelehnt, taucht oft im selben Zusammenhang der Vorwurf auf, auch die Kindertaufe[29] sei ein Akt bevormundender Festlegung eines unmündigen Kindes und eigentlich Machtmissbrauch. Die grundlegenden Unterschiede werden nicht gesehen, Gegenargumente nicht akzeptiert. Es war nicht umsichtig und theologisch[30] auch nicht nötig, dass sich unsere Kirchen­leitungen einhellig[31] für das Recht der Eltern auf Beschneidung ihrer unmündigen Kinder ausgesprochen haben[32]. Man hätte besser für eine liberale religiöse Erziehung der Kinder plädiert mit dem Ziel der informierten Entscheidungsfreiheit. Vielleicht hätten Kevins Eltern das sogar für gut befunden.

Naiv bin ich allerdings gewesen, wenn ich früher bei Taufansprachen das Kind als noch unbeschriebenes Blatt bezeichnete. Es ist schon beschrieben und bestimmt durch Erwartungshaltungen und soziale Chancen.

Hoffentlich macht Kevin was Gutes daraus, mit oder ohne Religion.

[1] Kevin ist kein Name sondern eine Diagnose: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/ungerechte-grundschullehrer-kevin-ist-kein-name-sondern-eine-diagnose-a-649421.html https://de.wikipedia.org/wiki/Kevin#.E2.80.9EKevinismus.E2.80.9C

[2] Julian Dorn, S wie Schnuckelpupine, FAZ, 8.3.2016. Die Geschichte der Namensgebung ergäbe eine Sozialgeschichte für sich.

[3] Als Beispiel aus christlicher Tradition seien hier nur Christian Fürchtegott Gellert und sein Bruder Christlieb Ehregott Gellert genannt.

[4] Der Link führt nur zur Tweetliste einer „Angie R.“ https://twitter.com/Libelle2000R , doch ich verbürge mich für das Zitat.

[5] Programmierung ist Mind Control und niemand sollte dieser Gewalt ausgesetzt werden! #noABA / @_Kinderrechte_ @dierkschaefer @QuerDenkender – so auf Twitter.

[6] Diese culture-free-Einstellung greift um sich und gewinnt z.B. in Stuttgart haushaltsrechtliche Relevanz. Bei den letztjährigen Beratungen zum Doppelhaushalt forderte eine Mehrheit im Stuttgarter Gemeinderat, alle in der Ganztagesschule aktiven Träger müssten sich auf eine weltanschauliche Neutralität verpflichten, also auch die kirchlichen und diakonischen Träger, so Søren Schwesig, Stadtdekan Stuttgart, 03. April 2014: Unsere Kirche in Stuttgart, Impuls für die Kirchenkreissynode http://www.ev-ki-stu.de/fileadmin/mediapool/Ev-ki-stu/2014/Unsere_Kirche_in_Stuttgart_KKS_05042014.pdf

[7] Gehirnwäsche https://de.wikipedia.org/wiki/Gehirnw%C3%A4sche

[8] Ein unterhaltsames Programmierungsbeispiel: https://de.wikipedia.org/wiki/In_den_F%C3%A4ngen_einer_Sekte

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/02/gefangen-in-der-parallelwelt/

[10] Glory Illmore@_machtworte 18. Dez. 2014

[11] Das ist auch eine Maxime der erlebnispädagogischen Arbeit im Rahmen von Jugendhilfemaßnahmen.

Zu Rousseau: https://de.wikipedia.org/wiki/Emile_oder_%C3%BCber_die_Erziehung

[12] Leszek Kolakowski zur grundsätzlichen Spannung zwischen Erziehenden und Heranwachsenden: Hätten nicht die neuen Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition revoltiert, würden wir noch heute in Höhlen leben; wenn die Revolte gegen die ererbte Tradition einmal universell würde, werden wir uns wieder in den Höhlen befinden. https://volltext.merkur-zeitschrift.de/preview/55360372546f88a5268c65ce/mr_1969_12_1085-1092_1085_01.pdf

[13] Helmuth Plessner, Grenzen der Gemeinschaft

[14] aus Dierk Schäfer, Werner Knubben, … in meinen Armen sterben?, Vom Umgang der Polizei mit Trauer und Tod, Hilden 19962

[15] http://universal_lexikon.deacademic.com/226344/Den_Marschallstab_im_Tornister_tragen

[16] Hubert Treiber/Heinz Steinert, Die Fabrikation des zuverlässigen Menschen – Über die Wahlverwandtschaft von Kloster- und Fabrikdisziplin, München 1980, neu: Münster 20051, sehr lesenswert!

[17] Jean Gimpel über die Cistercienser, zitiert bei Treiber/Steinert

[18] Ein Pionier dafür war Arnold Staub https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Staub mit seiner Arbeitersiedlung Kuchen. http://www.kuchen.de/media/files/Flyer-Arbeitersiedlung.pdf

Eher skurril und nicht verwirklicht die Pläne der Firma Bahlsen für die TET-Stadt: http://de.wikipedia.org/wiki/TET-Stadt , dazu die 3D-Simulation auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=YLRPBVx3A38

[19] Man vergleiche hierzu die Entwicklung reicher Bürger: Vom Geldadel zum Geburtsadel. https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Adel#Geldadel

[20] So eins der zentralen Ergebnisse der jüngsten Mitgliederuntersuchung der EKD: http://www.ekd.de/EKD-Texte/kmu5_text.html

[21] Die Präimplantationsdiagnose und das Embryo-Screening könnten zu einer regelrechten sexuellen und genetischen Selektion führen (sog. Designer-Babys). Wenn Eltern in die Lage versetzt werden, bestimmte Eigenschaften ihrer künftigen Kinder auszuwählen, dann würden sie dies ausnutzen, um intelligentere, größere und schönere Kinder zu haben. : https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Fukuyama

[22] Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Eine Theorie der Wissens­sozio­logie: Conditio humana, Ergebnisse aus den Wissenschaften vom Menschen, Thure von Uexküll, Ilse Grubrich-Simitis (ed.), Frankfurt 19744, S. 143

[23] Die Peer-Group-Einflüsse, Stichwort Markenklamotten, haben Berger/Luckmann noch nicht im Blick gehabt.

[24] So bei Ulrike von Chossy und Michael Bauer, Erziehen ohne Religion, Argumente und Anregungen für Eltern, Rezension unter www.irp-freiburg.de/html/media/dl.html?v=114378

[25] Laizismus als Lösung vieler Probleme? https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/28/laizismus-als-losung-vieler-probleme/

[26] Die Vernachlässigung des Religiösen wird nicht nur einer weithin veränderten Forschungs­lage, sondern auch den durch Migration und Multikulturalität verän­derten Bedingungen in unseren Klassen­zimmern nicht gerecht. Hier lernen Kin­der und Jugendliche aus weithin entkirchlichten Elternhäusern mit ihren Altersge­nossen aus religiös gebundenen Zuwan­dererfamilien zusammen. Frank-Michael Kuhlemann, Ohne Religionsgeschichte wird es nicht gehen, FAZ-print, 31.12.2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/06/ohne-religionsgeschichte-wird-es-nicht-gehen/

Zugespitzt: Islamisten »übertragen höchst unflexible und rückwärtsgewandte Eigenschaften ihres Glaubens in ein Europa, das immer noch die Narben aus Glaubenskriegen von vor einem halben Jahrtausend trägt. Das ist ein Kampf grundsätzlicher Gegensätze in einer Gegend, deren Bevölkerungszahlen schrumpfen, und viele durch Überlegungen den Glauben an den Glauben verloren haben – und nun werden sie mit der Vitalität, demographisch wie religiös, eines unendlichen Stroms von Einwanderern mit einem unerschütterlichen Glauben an den Glauben konfrontiert.« aus: Harm de Blij, The Power of Place, Oxford University Press, Oxford, New York 2009, S. 69, Übersetzung Dierk Schäfer.

[27] Ich bitte um Entschuldigung, dass ich nicht alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften aufgeführt habe, und gebe zu, dass dies eine Diskriminierung zugunsten der Mainstream-Religionen ist.

[28] https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenbezogene_Menschenfeindlichkeit

[29] https://de.wikipedia.org/wiki/Kindertaufe#Evangelisch

[30] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/07/17/gott-wurde-schon-allerhand-abgewohnt/ , https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/06/28/beschneidung-ist-doch-nur-ein-kleiner-schnitt/

[31] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/06/27/ausgerechnet-die-bischofe-kritisieren-urteil-gegen-beschneidungen/, https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/08/25/beschneidungsdebatte-und-kirchliches-profil/,

[32] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/07/01/beschneidung-und-staatsrason/ Man lese auch die Kommentare.

Als hätte er’s gekannt: das „Pietisten-Reskript“

Posted in Christentum, Geschichte, Humor, Kirche, Literatur, Moral, Protestantismus, Religion, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 6. März 2018

Doch das lokal bedeutsame Schriftstück hat Wilhelm Busch[1] wohl nicht gekannt, denn seine Wege führten nicht ins Schwabenland. Vermutlich aber hätte er, der antiklerikale Künstler, die „Frommen im Ländle“ mit seiner Feder aufgespießt, wie er es besonders mit den Katholiken tat. Mit Petrine und Pauline hat er aber beide Konfessionen durchaus mit seiner Karikatur charakterisiert.Petrine und Pauline.jpg[2]

Doch zum „Pietisten-Reskript“: Es stammt von 1734 und prägt die evangelisch-württembergische Kirche bis heute. „Das Reskript hat dem sich immer weiter ausbreitenden Pietismus ein verantwortliches Eigenleben innerhalb der Kirche ermöglicht und dadurch einer separatistischen Absonderung gewehrt. Der Pietismus bekam offiziell Heimatrecht in der Landeskirche. Er konnte sich fortan mit seinen besonderen Anliegen entfalten und wurde zu einem Element württembergischen Kirchenwesens“. Das Reskript wurde am 22. Dezember 1993 feierlich erneuert. Dieses Element württembergischen Kirchenwesens entfaltet seine besonderen Anliegen in vielfacher Weise. Es dominiert die Landessynode[3]. Bei aller Wertschätzung, die auch ich den Pietisten entgegenbringe, ist diese Dominanz doch zuweilen penetrant, und ich fühlte mich kürzlich mal wieder an eine Zeichengeschichte von Wilhelm Busch erinnert: „Der unverschämte Igel“.Das Pietisten-Reskript und der Igel [4]

Wer jetzt eine Parallelen zur derzeitigen Willkommenskultur sehen will, mag das tun. Doch hier handelt es sich um schwäbische „Allda-Hiesige“, die in besonderer Weise von ihrem Heimatrecht Gebrauch machen und bibeltreu, wie sie nun einmal sind, ihre Synodalmehrheit nutzen. So verhinderten sie am 29. November letzten Jahres die öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare[5], von kirchlicherTrauung war nicht einmal die Rede. Es handelt sich um ein Regionalmonopol für den göttlichen Segen. Schließlich steht die Synode mit ihrer Blockade fast allein da: lediglich die evangelischen Kirchen Bayern und Schaumburg-Lippe haben ähnliche Beschlüsse zur Ausgrenzung gleichgeschlechtlicher Paare aus den Gemeinden erlassen[6], alle anderen Kirchen der EKD sind tolerant.

Die Bildergeschichte wird hier nur verkürzt wiedergegeben. Bei Wilhelm Busch endet sie in seiner derb-drastischen Manier. Das will ich den Pietisten nicht wünschen, es wäre auch ein eher illusorischer Ausgang.

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Busch

[2] Aus: Wilhelm Busch, Pater Filuzius. Tante Petrine ist üppig, behäbig und katholisch, Tante Pauline ist mager, spitz und evangelisch. Die Zeichnung diente meinem katholischen Kollegen und mir zur Selbstvorstellung in gemeinsam geleiteten Seminarrunden. Der Witz dabei war eine unsere körperliche Ähnlichkeit mit den Figuren (damals!).

https://de.wikipedia.org/wiki/Pater_Filuzius Mittwoch, 22. Juni 2016

[3] Das ist die gesetzgebende Versammlung der Landeskirche https://www.elk-wue.de/wir/landessynode/

[4] http://www.zeno.org/Literatur/M/Busch,+Wilhelm/Bildergeschichten/Hernach/Der+unversch%C3%A4mte+Igel

[5] https://www.elk-wue.de/pressemitteilung/29112017-landessynode-keine-23-mehrheit-fuer-oeffentliche-segnung-gleichgeschlechtlicher-paare/

[6] https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.evangelische-kirche-in-wuerttemberg-glockengelaeut-auch-fuer-homosexuelle-paare-gefordert.68dffb97-45d4-4026-a602-98382bc97eca.html

Weihnachtslieder in einem Land „religiöser Ahnungslosigkeit“

Posted in Christentum, Deutschland, Geschichte, Kirche, Kultur, Leben, Medien, Religion, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 20. Dezember 2017

„Das Christentum ist weitgehend zur Folklore verkümmert. Nur noch eine Minderheit der deutschen und westeuro­pä­ischen Christen weiß, warum Feste wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten gefeiert werden und was der Advent – außer dem Adventskranz – bedeutet. Es herrscht religiöse Ahnungslo­sig­keit“schreibt Michael Wolffsohn, deutsch-israelischer Historiker und Publizist am 5. Dezember.[1]

Meine Aufmerksamkeit war geschärft durch die häufige Erwähnung unserer großen Distanz zur noch mittelalterlichen Vorstellungswelt Luthers. Den hatte die Frage nach dem gnädigen Gott umgetrieben, wie es beim diesjährigen Reformationsgedenken ganz richtig herausgestellt wurde. Doch ohne die Furcht vorm Fegefeuer und dem Jüngsten Gericht verliert die Frage ihre Brisanz und ein Gott wird nicht mehr geglaubt, der wie ein deus ex machina, als Akteur ins Weltgeschehen wun­der­haft eingreift. »Vor der Moderne beziehungsweise Säkularisierung fragten die vom Leid betroffenen Menschen: „Weshalb hat Gott das zugelassen?“ Seit der Säkulari­sie­rung fragen sie: „Wo war, wo ist Gott?“, und „wissen“ sogleich die Antwort: „Es gibt ihn nicht“, oder „Gott ist tot“.«[2]

Doch in den Weihnachtsliedern ist dieser Gott präsent. Lassen wir mal den kitschigen Teil beiseite, wo das „Christkindlein“ brav-reflexhaft[3] auf den Klang der Glocken reagiert: “tut sich vom Himmel dann schwingen eilig hernieder zur Erd’“. Nein, ich denke an die dogma­tisch korrekten Lieder. Wer außer den Theologen versteht denn noch, was da gesungen bzw. in den Kaufhäusern abgedudelt wird? „Welt war verloren, Christ ward geboren“. Und dann die ganze Herrschaftsmetaphorik: „Der Herr der Herrlichkeit“, „O, lasset uns anbeten, den Kööööönig“. Ist da vom Gott-König Bhumibol die Rede? „Er ging aus der Kammer sein“; ein Kammerherr? in seiner Präexistenz? Nein, aus „dem königlichen Saal so rein“ – „uns allen zu Frommen“, was ist denn das nun wieder? Das Schiff, das da „geladen“kommt, erklärt immer­hin, was da geladen ist, doch dann soll man „sterben und geistlich auferstehn“, was heißt denn das? „O Jesu, Jesu setze mir selbst die Fackel bei“; äh? „Dein Zion streut dir Pal­men und grüne Zweige hin“, da muss man ja Gedankensprünge machen, selbst wenn man bei Matthäus 21,8 nachgeschlagen hat. „Tochter Zion“; ja, das singt man so, doch wer ist diese Tochter? Die Jungfrau, die „durch den Dornwald“ ging? Lauter Fragen. „Von Jesse kam die Art“; Jesses, ich versteh’s nicht; ist das Jesus? „Ich lag in tiefster Todesnacht“, na ja, so stressig ist Weihnachten dann doch nicht. „Sünd und Hölle mag sich grämen, Tod und Teufel mag sich schämen“, soll’n sie ruhig. Das Bild vom „Vater im Himmel“ wird ja immer­hin kompensiert durch die „Gottesgebärerin“, doch welche Rollenaufteilung?! Was sagt Frau Schwarzer dazu?

Warum singen die Leute Texte, die sie nicht verstehen, die nach ihrer Logik „Un-Sinn“ sind? Hat es zu tun mit den kitschigen Engeln? Sie sind „hereingetreten, kein Auge hat sie kommen sehn, sie gehn zum Weihnachstisch und beten, und wenden wieder sich und gehn“. Da werden Kindheitserinnerungen wachgerufen, Baum und Gabentisch bekommen göttliche Weihe – dann gehen die Engel wieder und wir können endlich die Geschenke auspacken. Aber „Gottes Segen bleibt zurück“.

posaunenengel.jpgDa wurde Gott Mensch – wurde ein Mensch Gott. Wen inter­essiert das noch außer den Theologen und einigen „religiös-Musikali­schen“?

Bleibt nur die Hoffnung auf den Heiligen Geist, den Geist, der unab­hängig von wandelbaren Geschichten und Gottesbildern, uns den Frieden nicht aus den Augen verlieren lässt.

 

Fußnoten

[1] Michael Wolffsohn, Im Land herrscht „religiöse Ahnungslosigkeit“, http://www.schwaebische.de/politik/inland_artikel,-Im-Land-herrscht-%E2%80%9Ereligioese-Ahnungslosigkeit%E2%80%9C-_arid,10780096.html
[2] s. Wolffsohn.
[3] gleich einem Pawlow’schen Hund

Twitterkultur – Keine Diskussion über #Inklusion

Posted in Gesellschaft, Kinder, Kinderrechte, Kindeswohl, Kultur, Leben, Medien, News, Religion, Soziologie by dierkschaefer on 13. Oktober 2017

Heute, 13.10.2017 13:44 habe ich die Twitter-Mitteilungen 10-17 dokumentiert, die mich über mein Twitterkonto erreicht haben. Lediglich zwei Großaufnahmen von Herrn Trump habe ich aus Platzgründen gelöscht, auch leere Aufzählungszeichen. Eine Zensur fand nicht statt.

Die Datei „Mitteilungen“ bei Twitter weist nicht meine Antworten aus, die ich auf einige der Tweeds gegeben habe. Wer sich die Mühe machen will, kann die aber in meiner Timeline nachlesen. Eigentlich sollte man auf Mitteilungen dieser Art nicht antworten, jedenfalls kein zweites Mal, möchte aber nicht nachgesagt bekommen, man kneife. Doch wenn man ohnehin unter der Gürtellinie angegriffen wird, macht dieser Vorwurf auch nichts mehr aus.

Die meisten Mitteilungen beschäftigen sich mit dem Thema „Inklusion“, zu dem ich zuletzt einen Beitrag auf meinem Blog geschrieben habe, der im Wesentlichen einen Zeitungsartikel wiedergab. Inklusion und der ideologische Mainstream https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/10/05/inklusion-und-der-ideologische-main%c2%adstream/ Die Kommentarfunktion wurde nicht wahrgenommen. Dort gab es auch Links zu älteren Artikeln über Inklusion, z.B. Inklusion macht Kinder zu Verlierern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/07/kinderrechte-inklusion-macht-kinder-zu-verlierern/ Hier gab es zwar Kommentare, doch die waren eher geeignet, die Inklusionsideologen zu verärgern.

Ähnlich wie schon in einem anderen Artikel beschrieben (https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/18/die-methodische-zurichtung-des-menschen/ ) hatte auch diesmal „jemand dieser namhaften Twitterer in meinem Profil gesehen …, dass ich – nicht nur, aber auch – Pfarrer bin. Also spielte diese Dame mein Christsein gegen mich aus mit der Behauptung, ich hätte es vor mir hergetragen. Mein Twitter-Profil weist mich aus als „Psychologe/Kriminologe/Theologe | Pfarrer iR. | Blogger https://dierkschaefer.wordpress.com/ : | Kinderrechtspreis 2009 | Psychologische Praxis | Gutachtenerstellung“. Man beachte die Reihenfolge. Doch der Vorwurf „Christ“ verbunden mit dem der Diskriminierung machte Schule. Andere folgten. Ich will das ja nicht gleich Shitstorm nennen, aber unter der Gürtellinie ist das schon.

Die Mitteilungen und Retweets gehen nicht auf die in meinem Artikel genannten Fälle ein, sondern fordern pauschal die Inklusion aller irgendwie behinderten Schüler. Es wird keine Rücksicht auf die Art der Behinderung genommen, keine Rücksicht auf die Auswirkungen auf nicht-behinderte Schüler. Nur am Rande wird auf die fehlenden personellen wie wirtschaft­lichen Ressourcen für Inklusion in Regelklassen angesprochen. Ein Tweed hat sogar die Ursache ausgemacht: Die noch bestehenden Förderschulen blockieren die Mittel für die Inklusion in Regelklassen.

Mein Fazit: Twitter eignet sich wegen der Beschränkung auf 140 Zeichen nicht unbedingt als sachliche Diskussionsplattform. Selbst einen eigenen Blog im Hintergrund nutzen manche Zeitgenossen nicht, um differenziert auf Sachprobleme einzugehen. So stellte eine Bloggerin ihren persönlichen Fall von Inklusion offenbar als Blaupause für Inklusion überhaupt dar.

„Manche Leute haben es nicht weit, bis zu ihrem Horizont“, sagte einmal ein Oberkirchenrat, doch der ist qua Beruf und Christ ohnehin indiskutabel.

Also ein anderes Beispiel zum Schluss. Ich kann allerdings die Quelle nicht belegen. Im Lernversuch hatte man einer Ratte beigebracht, wie sie Elektroschocks abstellen kann, nämlich durch Druck auf einen Hebel in ihrem Käfig. (Ich will jetzt keine Diskussion über Tierversuche eröffnen.) In Erwartung der Schocks hielt sich die Ratte besser gleich in der Nähe des Hebels auf. Sie hatte gelernt. Dann setzte man ihr eine zweite Ratte in den Käfig. Als der Schock kam, vergaß sie, was sie gelernt hatte, und fiel stattdessen über die Kollegin her. Wer’s lieber literarisch mag lese von Alfred Andersch in seinem Roman „Die Rote“ (München 1964, S. 37-44): „Grausiges Erlebnis eines venezianischen Ofensetzers.“ Dort wird angesichts mangelnder Vernunft sogar Zweifel an Gottes guter Ordnung geäußert, was die Religionskritiker meines Publikums besänftigen mag.

Ein Krimi und die Schüsse an der Startbahn West

„Tod im Internat“ – der Film im ZDF läßt Erinnerungen lebendig werden. Einige der älteren Beteiligten waren in die Demonstrationen gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen verwickelt und die damalige Tatwaffe, die Dienstpistole (Marke Sig-Sauer, Modell P 6, Nummer M 402293) des Frankfurter Kriminalhauptmeisters Manfred Bauer ist Tatwaffe im aktuellen Mordfall.

Der Film greift also weit zurück. Die Polizeibeamten Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm wurden am 2. November bei ihrem Einsatz an der Startbahn West von Andreas Eichler erschossen. Ich hatte nicht gedacht, dass ich an diesen Vorfall noch einmal erinnert würde.

Damals war ich Polizeipfarrer und die Polizei bat uns zwei Polizeiseelsorger um einen Trauer­gottesdienst in Tübingen. Ich schlug die Tübinger Stiftskirche vor. Der Kirchen­gemein­derat erkundigte sich nach dem Charakter des geplanten Gottesdienstes. Er solle keine Demon­stration sein, sagte ich, sondern die kirchliche Form der Begleitung der Trauer einer durch die Morde aufgewühlten Berufsgruppe. Die Stiftskirche war dann am 10. November „gesteckt voll“, wie man im Schwäbischen sagt. Mein Kollege Werner Knubben und ich hatten ausgemacht, dass ich die Predigt halten werde.

Die habe ich nun, nachdem ich den ersten Teil des Films gesehen hatte, wieder gelesen. Dazu habe ich per Google mir die damalige Situation vor Augen geführt und festgestellt, dass die heutige Lage schlimmer ist als damals. Unsere Gesellschaft ist inzwischen noch stärker gespalten und tödliche Angriffe haben ein völlig anderes Ausmaß erreicht. Doch ansonsten: Meine Predigt ist nicht nur ein Zeitdokument, sondern leider immer noch aktuell.

Predigt – Trauergottesdienst_2

 

Der Film „Tod im Internat“

https://www.zdf.de/filme/tod-im-internat/tod-im-internat-1-100.html

 

Links zum Thema Schüsse an der Startbahn West

https://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%B6tungsdelikte_an_der_Startbahn_West

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/polizistenmord-an-der-startbahn-west-blutiges-ende-eines-verlorenen-kampfs-11946906.html

http://www.zeit.de/1987/46/zum-jahrestag-ein-doppelmord/komplettansicht

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13494525.html

http://www.taz.de/!1375224/

Zur heutigen Lage: Ein Riß geht durch Deutschland – Erst jetzt?

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/25/ein-riss-geht-durch-deutschland-erst-jetzt/

Die gesellschaftliche Verzwergung der Kirche

Ein düsteres Bild von der Zukunft der evangelischen Kirche zeichnet Reinhard Bingener in seinem Artikel über „die scheinbar reiche Kirche“[1]. Für die katholische Schwesterkirche dürfte es ähnlich aussehen. Düster ist das Bild, weil die Verfreikirchlichung der Großkirchen kaum abwendbar zu sein scheint.

Wenn es ums Geld geht, ist auch bei den Kirchen ein Hauen und Stechen zu erwarten. Wo soll und kann gespart werden? Welche kirchliche Arbeit „rechnet sich“? Die großen Sozialkonzerne Diakonie und Caritas sind fein raus, einerseits sind sie von den „verfassten“ Kirchen unabhängig, andererseits können sie dem Kostendruck auf dem Sozialmarkt gut standhalten. Zudem sind sie zwar hauptsächlich für die Heimkinderskandale verantwortlich gewesen, doch den Imageverlust haben „die Kirchen“ gehabt, die versäumt haben, die Verantwortlichkeiten transparent zu machen. Und: Aus der Kirche kann man austreten, aus der Diakonie nicht.

Es kann also nur um die Angebote der schrumpfenden verfassten Kirchen gehen, mit denen die Kirchensteuerzahler gehalten werden können. Der interne Kampf um die Ressourcen wird zugunsten des „Kerngeschäfts“ ausgehen. Es sind die einzelnen Gemeinden und ihre Ortspfarrer, die kirchliches Leben gestalten und erhalten, wenn denn der Pfarrer „ankommt“. Sonderfunktionen und überregionale Angebote werden es schwer haben, sich im Verteilungskampf zu behaupten. Aus meiner Tätigkeit in meinem gesamten Berufsleben als „Sonderpfarrer“ in verschiedenen Funktionen weiß ich, dass diese Dienste gern angenommen werden und das Renommee der Kirche auch bei denen heben, die die „Kern-Dienste“ fast nur für die Wendemarken ihres Lebens in Anspruch nehmen. Aber Kirchensteuerzahler werden durch die Sonderdienste wohl nur selten gewonnen, – vielleicht aber gehalten? Als Sonderpfarrer ist man nicht selten auch Klagemauer für die an der Kirche Leidenden. Doch das ist nicht messbar. Messbar sind neben der Gemeindegröße das Kollektenaufkommen, die Teilnahme an Gottesdiensten und sonstigen Angeboten der Ortsgemeinden. Man wird sich nach dem Markt strecken. Die Gottesdienste – der Besuch wird weiter zurückgehen – werden bunter und differenzierter. Sie sind es schon geworden durch Familien-, Krabbel-, Segungs- und Salbungsgottesdienste, und was den kreativen Kollegen und Kolleginnen noch so einfällt. Die Wohlfühlgemeinde, eine Kirche zum Kuscheln, sie denkt gewiss nicht nur an sich. Zum Wohlfühlen gehört auch der Einsatz für andere. Die vielfältige Unterstützung für Flüchtlinge ist nur ein Beleg dafür. Doch die Vielfalt der bisherigen kirchlichen Angebote und ihre gesellschaftliche Bedeutung werden allenfalls wahrgenommen, wenn eine der Sonntagskollekten einem besonderen Schwerpunkt gewidmet wird. Und der hoffentlich umtriebige und dennoch im Einzelfall empathisch zugewandte Pfarrer sollte sich hüten, seine Gemeinde mit Predigten zu vergrämen, die ihr Wohlgefühl stören könnten. Ab und an darf es auch eine Bußpredigt sein, denn auch gelegentliche Zerknirschung „passt schon“. Der Weg in freikirchenähnliche, kleinteilige „Gemeinschaften“ und damit die gesellschaftliche Verzwergung ist vorgezeichnet.

Schade!

[1] FAZ Montag, 3. Juli 2017, S.8

PS: Ich weiß, dass viele Leser meines Blogs, ehemalige Heimkinder, dies gar nicht schade finden. Sie werden entsprechende Kommentare schreiben und ich kann ihnen nicht verdenken, dass sie nur den Gesamtkonzern „Kirche“ im Auge haben. Die Kirchenleitungen haben durch ihre Strategie am Runden Tisch selber dafür gesorgt und die Kirchenaustritte redlich verdient, die daraus resultierten.

Die Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe gegen die Evangelische Brüdergemeinde Korntal

Das klingt ja überraschend gut: Ein neuer Anlauf zur Klärung der Korntaler Missbrauchsvorwürfe.[1] Endlich fragt auch mal jemand, „ob es eine spezifische religiöse Dimension der strafenden Pädagogik gibt.“

Die Akteure wirken glaubwürdig und alle Betroffenen wären gut beraten, sich von der Glaubwürdigkeit im direkten Kontakt zu überzeugen, gemeinsam ihre Forderungen und Sichtweisen einzubringen und nicht durch kontraproduktive Pressearbeit voreilig Druck aufzubauen.

Natürlich könnte es einen Punkt geben, an dem sie den Eindruck bekommen, dass nicht mehr rücksichtslos-neutral gearbeitet wird. Auf mich machen die drei im Artikel vorgestellten Akteure den Eindruck, dass sie furchtlos ermitteln werden.

Doch es scheint sich ein Drama zu wiederholen. Die ehemaligen Heimkinder im Hintergrund vom Prozess des Runden Tisches – damit meine ich nicht deren Vertreter – hatten sich darauf versteift, einen Rechtsanwalt gestellt zu bekommen, der zwar große finanzielle Hoffnungen weckte, aber seine Zulassung verloren hatte. Das war ein Eigentor, denn damit hatten sie ihren Vertretern am Runden Tisch die Möglichkeit genommen, energisch von der „Moderatorin“ Vollmer Waffengleichheit einzufordern, nämlich die Finanzierung einer Rechtsberatung durch eine renommierte Anwalts­kanzlei. Die Zerstrittenheit der ehemaligen Heimkinder im Hintergrund des Runden Tisches Heimerziehung spielte denen in die Hände, die keinerlei Interesse an einer nennenswerten Entschädigung hatten; das waren die Interessenvertreter von Staat und Kirche. Die Machtasymmetrie am Runden Tisch blieb unangesprochen und unangefochten und ein echter Rechtsfriede wurde bis heute nicht erreicht.

Und nun wieder ein gleiches Szenario in Korntal. Die Einen lassen sich auf den Prozess ein und die Anderen mauern. Ein jämmerliches Bild. Aber ein déjà-vue.

Man lese und beherzige: „Der Runde Tisch Heimkinder und der Erfolg der Politikerin Dr. Antje Vollmer“.[2]

[1] https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/318/wer-traut-hier-wem-4347.html

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

 

Nachtrag

Die Aufklärer scheinen wirklich gute Arbeit zu leisten. Korntal 29.05.2017 Aufklärer sehen System der Gewalt

150 Jahre Bethel – Ein chrismon spezial

»„Für Menschen da sein“: Das ist so ein einfacher Satz.« So begrüßt Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, die liebe Leserin und den lieben Leser.

Und dann schreibt sie von der außerordentlich segensreichen Entwicklung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel seit den allerersten Anfängen.

Nun darf man von der ersten Frau der westfälischen Kirche nicht erwarten, dass sie mit ihrer Gratulation die Festharmonie stört. Aber chrismon hätte wenigstens auf einer Seite an die nicht so segensreichen Momente in dieser Entwicklung erinnern müssen. Ich, der ich viele Kontakte mit ehemaligen Heimkindern habe, fühle mich an den Film von Thomas Vinterberg erinnert. Dort wird auch ein Fest gefeiert, ein Familienfest. Und dann geschieht das Schockierende. Der Jubilar sieht sich mit den Vorwürfen konfrontiert, zwei seiner Kinder missbraucht zu haben.[1] Unter der Oberfläche der Harmonie einer funktionierenden Familie taucht das Grauen auf.

Sicherlich ist Bethel eine hilfreiche Einrichtung und nur weltferne Idealisten werden von einem Sozialkonzern mit Eigeninteressen sprechen. Doch wenn das Grauen keinen Platz im Festkalender bekommt, wird das Fest zur Lüge. In der Infographik auf Seite 22f taucht auch das Schild „Freistatt“ auf. Die „Moorsoldaten“ aber werden beschwiegen. Doch vielleicht ist es ja ein versteckter Hinweis, dass zwischen der heutigen Bezeichnung Bethel im Norden und Freistatt Welten liegen. Damals war es brutale Ausbeutung der jungen Schutzbefohlenen, die man beim besten Willen nicht „Arbeitstherapie“ nennen konnte. Der Film „Freistatt“ wurde auf „arte“ gezeigt und ist – in schlechter Bildauflösung – auf youtube verewigt. Den Link dazu findet man in meinem Blog in einem Kommentar.[2] Der Film ist preisgekrönt: »Drehbuchpreis für „Anstalt Freistatt, Moorhof zur Hölle“«[3], unter diesem Link auch der Kommentar von Martin Mitchell, einem ehemaligen „Moorsoldaten“ vom 3. August 2016. Er zitiert aus der Braunschweiger Zeitung.

Hier ein Auszug:

»Sechs Wochen lang hat [der im Jahre 1923 geborene] Erich Helmer 1968 als Pfarrer IM DIAKONISCHEN HEIM IN FREISTATT IM KREIS DIEPHOLZ gearbeitet. Dort waren Jugendliche untergebracht, die als kriminell galten, und Jugendliche, die von ihren Eltern abgeschoben wurden. Helmers Auftrag lautete, die Jugendlichen zu betreuen und mit ihnen Wege aus der Kriminalität zu finden. Dazu kam er aber nicht. Die Jugendlichen mussten von mor­gens bis abends im Moor schuften. Freizeit gab es nicht, Räume für Einzelgespräche oder einen Hauch von Privatsphäre auch nicht. Helmer erlebte, wie die Jugendlichen geschlagen und getreten wurden, wie sie mit Zahnbürsten den Boden schrubben und sich abends damit die Zähne putzen mussten.«

Zum chrismon-spezial hätte auch ein kurzer Blick auf diesen Teil der Jubelvergangenheit gehört. Nichts davon, auch kein Hinweis auf den Vortrag von »Pas­tor Friedrich von Bodelschwingh, theologischer Vordenker, Gründungsvater und Chef in Bethel. [Er] behauptete: Die Sterilisierung Behinderter entspreche dem Willen Jesu. von Bodelschwingh wört­lich: „Ich würde den Mut haben, in Gehorsam gegen Gott, die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen.“«[4]

Ist Bethel heute ganz anders? Sicherlich. Aber die FAZ vom 27. Januar 2017 berichtet unter der Überschrift Ausgerechnet in Bethel »„Für Menschen da sein“, so lautet das Motto der Stiftung, von der viele sagen, sie habe mit ihrem Tak­tieren auf dem Rücken der Menschen ihren Haus­halt sanieren wollen. „Von denen kann man in Sachen kaltblütigem Verhandlungsgeschick noch was lernen“, sagt ein an der Sache nicht be­teiligter Beamter im Düsseldorfer Schulministerium.« [5]

Spenden für Bethel? chrismon-spezial druckt den Aufruf von Pastor Ulrich Pohl,Vorsitzender des Vorstandes der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel samt Überweisungsträger ab. Der Kollege Pohl zählt zu den Geschäftsleuten des Evangeliums und macht das recht professionell. Hat auch schon einen Platz in meinem Blog samt vielen Kommentaren.[6] Alles lesenswert. Ich beherzige das.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Fest_(Film)

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/27/willkommen-arbeit-macht-frei/

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/18/drehbuchpreis-fur-anstalt-freistatt-moorhof-zur-holle1/

[4] so Alexandra Galle in einem Kommentar von 17. Juli 2015 in https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/12/27/hephata-aus-tradition/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/27/willkommen-arbeit-macht-frei/

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/11/24/5764/

Keine rentenrechtliche Anerkennung von Zwangsarbeit

»Unter Zwang geleistete Arbeit von Heimkindern könne nicht als Beitragszeit in der Rentenversicherung anerkannt werden.«[1]

Als positiv ist hervorzuheben, dass hier gerichtlich überhaupt der Gedanke geäußert wird, es könne in Kinderheimen Zwangsarbeit gegeben haben. Ein Gedanke, den die vorurteils­behaftete „Moderatorin“ des Runden Tisches, Antje Vollmer, gescheut hat, wie sprichwörtlich der Teufel das Weihwasser, um einen Vergleich zu wählen, der für eine Theologin passend erscheint.

»Nach Auffassung des Landessozialgerichts ist es zwar glaubhaft, dass die Klägerin zu verschiedenen Arbeiten herangezogen worden ist, wenn auch der genaue Umfang auch unter Berücksichtigung von bereits bestehenden Beweiserleichterungen nicht mehr aufklärbar ist. … Weder habe aber nach damaligem Recht eine echte versicherungspflichtige Beschäftigung vorgelegen, noch habe es Beitragszahlungen des Heimes gegeben, noch sei ein Arbeitsver­hältnis vereinbart worden. Nach damaliger Anschauung sei das Prinzip der Erziehung durch Arbeit vorherrschend gewesen. Heimkinder haben nicht in einem auf den freien Austausch von Arbeit und Lohn gerichteten Verhältnis gestanden. Was die Klägerin im Rahmen ihrer Unterbringung erhalten habe (Kost/Logis, Bekleidung, Taschengeld), stelle sich daher nicht als (beitragspflichtiges) Arbeitsentgelt dar. Ob das Kinderasyl Gundelfingen seinerzeit Personal eingespart oder die Arbeit der Klägerin gewerblich für Dritte genutzt habe, sei nicht aufklärbar gewesen, hätte aber auch nicht zur Versicherungspflicht geführt. … Eine rentenrechtliche Berücksichtigung dieser Zeiten sei nach der gegebenen Rechtslage nicht möglich und damit Sache des Gesetzgebers.«[2]

 

Was wir dem Urteil entnehmen können:

  1. Kinder als Schutzbedürftige konnten sich der schutzpflichigen Einrichtung dem als Arbeitstherapie getarnten Zwang nicht widersetzen. Wenn das Gericht meint: Heimkinder haben nicht in einem auf den freien Austausch von Arbeit und Lohn gerichteten Verhältnis gestanden, so ist das ein Hohn. Speziell diese Kinder waren rechtlos ihren Einrichtungen ausgeliefert, die sie rücksichtlos wirtschaftlich zur Kostendeckung und Gewinnerzielung ausgebeutet haben. Die Arbeitstherapie war in kirchlichen Einrichtungen zudem religiös verbrämt; manche Erzieher werden selber daran geglaubt haben. Selbstverständlich bekamen die Kinder weder einen Lehrlings-, noch Arbeitsvertrag. Das wäre nachteilig für die Einrichtungen gewesen – bis heute! Da Sozialgerichte nur aufgrund bestehender Gesetzeslage urteilen können, sind ihnen die Hände gebunden, damalige Menschenrechtsverletzungen (Zwangsarbeit gehört dazu) als solche anzuerkennen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, meint auch das Gericht. »Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages habe zwar im Jahr 2008 hinsichtlich der Möglichkeit der Beitragsnachentrichtung für Arbeit während der Heimunterbringung ein Tätigwerden des Gesetzgebers angeregt.«[3] Doch dieser schläft den Schlaf des Ungerechten.
  2. Die Beweislage ist schwierig. Doch die Behandlung der Entschädigungsleistungen für Homosexuelle (§ 175) weist einen Ausweg: Per Eidesstattlicher Erklärung sollen sie Entschädigungen beanspruchen können. Die sind allerdings in einer Höhe gehalten, die den ehemalige Heimkinder vertraut vorkommen dürfte: In Deutschland gibt es (fast) nichts für Opfer. „Du Opfer!“
  3. Der Hinweis auf den Runden Tisch von Frau Vollmer und die in der Folge geöffnete rudimentäre Anerkennung von Rentenzeiten ist selbst rudimentär. Seit Jahren ist die Anerkennung gleicher Vorgänge in Einrichtungen für Kinder mit Behinderung überfällig. Auch von dort wurde Zwangarbeit glaubhaft berichtet.

Und sollte sich der Gesetzgeber, das Bundesparlament, aufraffen, die Gesetzeslage zugunsten der Opfer zu verbessern, so werden sich gewiss im Bundesrat Rat und Widerstand dagegen finden.

 

[1] https://www.juris.de/jportal/portal/page/homerl.psml?nid=jnachr-JUNA170303535&cmsuri=%2Fjuris%2Fde%2Fnachrichten%2Fzeigenachricht.jsp

[2] wie Anmerkung 1

[3] http://rsw.beck.de/aktuell/meldung/lsg-baden-wuerttemberg-keine-rentenrechtlichen-beitragszeiten-fuer-ehemalige-heimkinder-wegen-zwangsarbeit